Ahoi_ und bleib gesund by lifemate

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									SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Eckpunkt - Manuskriptdienst

Auf dem Weg nach „Zuhaus“
Seltsame Spurensuche im Sudentenland

Autorin: Angelika Overath
Redaktion: Rudolf Linßen
Regie: Günter Maurer
Dienstag, 18.5.2004, 10.05 Uhr, SWR 2
Archiv-Nr.: 390-2737
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Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
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bis 10.30 Uhr) sind beim Landesmedienzentrum Karlsruhe (LMZ) erhältlich.

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e-mail: hschneider@lmz-bw.de
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MANUSKRIPT


Sprecherin:
Ich bin Europäerin, Jahrgang 57. Eine Jugend in Karlsruhe hieß Abende in Strassburg
oder Colmar. Pasolini und Paolo Conte brachten uns nach Italien, während der
deutsche Osten Ausland blieb. Nach dem Studium begleitete ich meinen Mann mit
den Kindern für drei Jahre nach Thessaloniki, das mir näher war als Paris. Als ich im
Auftrag eines Magazins zum ersten Mal die Stufen einer Air France-Boeing auf das
Rollfeld eines westafrikanischen Staates hinunterging, wusste ich, dass ich dieses
Land liebte, das roch wie ein Neugeborenes.

Ich bin die Tochter einer Mutter, die keine Europäerin war. Sie hatte ein Zuhaus. Ich
bin die Enkelin einer Großmutter, die mit der Mutter und dem Großvater aus diesem
Zuhaus vertrieben worden ist. Als der Großvater bald nach meiner Geburt starb, kam
die Großmutter zu uns. Sie saß in der Küche und schwieg. In helleren Momenten
konnte die Vokabel Zuhaus fallen, ein Schibboleth, mit dem sich Mutter und
Großmutter geheim verständigten. Erzählt haben sie nichts. So gut wie nichts. Mir
waren Zuhaus vor allem Marillenknödel, Mohnstrudel, Kartoffelgulasch, ein paar
Bettbezüge mit zierlichen Blumenmustern, eine Geige, in der „Zwittau“ stand. Ein
Problem war es nicht. Nie waren die beiden Frauen auf einem „Vertriebenentreffen“,
Politik war ihnen kein Grund. Zuhaus war ihnen Gift und Gnade, eine bittere, im
Herzen verkapselte Auszeichnung, die Großmutter und Mutter unterschied von dem
Vater und mir, die wir eben kein Zuhaus hatten, sondern nur irgendwo geboren
worden waren.

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Musik

Sprecherin:
Dass dieses Zuhaus auch etwas mit mir zu tun haben könnte, ahnte ich nicht. Das
Wort „Vertriebene“ gehörte in den Jahren meines Erwachsenwerdens eher in ein
Vokabular der Peinlichkeiten. Für die bundesrepublikanische Linke waren die
Sudetendeutschen wirklich kein Thema. Nach dem Tod meiner Mutter ertappte ich
mich dabei, wie ich vor einem Atlas tschechische Namen buchstabierte. Das Zuhaus
sollte zu betreten sein.

Das Zimmer ist von harter Sauberkeit. Auf der gebügelten weißen Bettwäsche fallen
die kleinen Brandlöcher kaum auf. Im halboffenen Fenster bauscht sich eine
bodenlange Spitzengardine aus Synthetik. Obwohl es langsam dunkel wird, donnern
draußen die Lastwagen in strenger Folge. Brüsau ist ein Straßendorf an der
Verbindungsstrecke zwischen Brünn und Zwittau. Hierher verirrt sich kein Tourist. Im
„Drachen“, dem ersten und einzigen Hotel am Stadtplatz, wohnen Mechaniker und
Bauarbeiter. Dass Toilette und Dusche auf dem Flur liegen, interessiert sie nicht, wohl
aber, dass die Übernachtung 200 Kronen kostet, das sind etwa 10 Franken.

Im hohen Speisesaal rauchen Männer und trinken Bier. Die Luft scheint flüssig, als
habe sie die braune Farbe des Wandanstrichs aufgenommen. Mit der
Selbstgenügsamkeit eines Springbrunnens läuft der Fernseher, in dem unter
frenetischen Klingelzeichen Millionen zu gewinnen sind. Ein betrunkener Alter, im
Gehen begriffen, nickt herüber. Dann haspelt er einige Worte Deutsch: „Hermann
Göring Werke, Linz“, „Zwangsarbeit“, er fährt mit der Zunge in eine Zahnlücke. Seit
1947 sei er hier; man habe ihm eins der leeren Häuser gegeben. Die Wirtin bringt
einen Teller, auf dem hellrosa Wurstscheiben mit Zwiebeln als Rosettenmuster liegen.
Messer und Gabel aus Leichtmetall sind fest in eine hauchdünne Papierserviette
eingewickelt, als könnten sie verloren gehen.

Musik

Sprecherin:
Am Morgen nieselt es. An den Rändern des Stadtplatzes fegt ein Jeans- und Parka-
Ballett von arbeitslosen Männern und Frauen. Beschäftigungen dieser Art sind
obligatorisch für den Bezug von Sozialhilfe. An der Stirn des Platzes trägt der Heilige
Nepomuk einen frischvergoldeten Strahlenkranz. Beim Kirchenportal bittet ein
Anschlag um Spenden für den neuen Kreuzweg. Der Supermarkt gegenüber bietet
eine minimale Schnittmenge europäischer Basisprodukte von Kaugummi bis
Mineralwasser. Im Schaufenster des Schreibwarenladens neben der Schule sitzen
Schmuckigel, Schmuckhasen und Schmuckenten aus Gips.
Das Matrikelamt im Rathaus ist geöffnet. Die junge Gemeindebeamtin zuckt fragend
mit den Schultern. An der Wand hängt die Reproduktion einer mittelalterlichen
Weltkarte; eine immergrüne Pflanze hangelt sich wächsern über ein Insektenspray
hinweg. Der Raum ist klein und möbliert und wirkt groß und leer. Die Beamtin öffnet
einen Stahlschrank, in dem einige braune Folianten übereinanderliegen wie
schmutzige Tiere. Sie stemmt einen heraus: „Geburts- und Taufbuch der Gemeinde
Ober-Heinzendorf Tom V, Fol 129 , 1911 bis 1933.“ Sie blättert. November 1924:
Zwischen tschechischen, deutschen, jüdischen Namen ist in sorgfältiger Kanzleischrift
der Tauf- und der Mädchenname meiner Mutter eingetragen, Name und Beruf ihrer

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Eltern und deren Eltern, Name der Paten, des Pfarrers, der Hebamme. Ein Nachtrag
vermerkt das Datum ihrer Firmung in Brüsau. Echtzeit ist eine Fiktion.

Die Familie, sage ich, ist bald nach der Geburt von Ober-Heinzendorf nach Böhmisch-
Wiesen umgezogen. Ich würde gerne wissen, in welchem Haus meine Mutter gewohnt
hat. Der Blick der Gemeindebeamtin folgt dem Mäander der Topfpflanze. Nach 1945
haben sich keine Adressbücher mehr erhalten. Als ich stehen bleibe, geht sie in ein
Nebenzimmer. Vielleicht setzten die Presslufthämmer im anliegenden Schulgebäude
erst jetzt ein. Vielleicht ist Staub von Putz und Stein zu riechen. Der Deckel einer
geöffneten Nescafedose vibriert gegen einen Löffel. Als die Beamtin wiederkommt,
hält sie einen Zettel in der Hand. Herr Jurka sei noch einer von damals, der könnte es
wissen. Sie weist Richtung Westen, dem dröhnenden Strom der Lastwagen nach, da,
wo Böhmisch-Wiesen liegt.

Musik

Sprecherin:
Rudi Jurka im Overall hat ein backiges Gesicht. Er öffnet das Gartengatter, als lasse
er einen Treffer herein. Ja freilich, er stehe zu meiner Verfügung. Er sprudelt. Er
schaut an sich hinunter. Er habe gerade die Hühner der Tochter gefüttert. Die sei auf
dem Feld, Kartoffeln häufeln. Ich solle in der Küche warten.

Vom Garten fällt das Licht herein. Über dem halbhohen Ölanstrich beginnt die Tapete
mit Streublümchenmuster. Ein überdimensionales Kätzchen leckt sich die Pfoten auf
dem Monatsblatt des Kalenders. Auf der Fensterbank stehen Geranienzöglinge. Die
cremefarbene Einbauküche glänzt zart gemütlich. Ungefähr hier und in Küchen wie
dieser könnten sich die Wanderdünen von Zuhaus zeigen.

Als Rudi Jurka 1930 in Brüsau geboren wurde, war die 1918 gegründete
Tschechoslowakei kaum eine Generation alt. In Brüsau lebten damals 1041 Deutsche
und 444 Tschechen, wobei die jüdische Bevölkerung sich meist zu den Deutschen
zählen ließ. Der Geist des Alltags war habsburgisch - oder in einem vergessenen Sinn
europäisch. Man war verschieden und ließ sich gelten. Die tschechische Volksschule
und die deutsche Volksschule der Stadt lagen unter einem Dach und teilten sich den
selben Pausenhof.

Rudi hat sich Hände und Gesicht gewaschen, frisch streicht er über seine glänzende
Kopfhaut und greift in den heimatdeutschen Zitatenschatz: „Ich spar’ an die Kämm, ich
hab Haar wie a Frosch.“ Über seinem Bauch spannt sich ein sauberes Flanellhemd.
Sein Vater sei in der 1. Republik im Gemeinderat gewesen. Der Bürgermeister habe
viel auf ihn gehalten. Deshalb habe er mit seiner Familie bleiben können, nach dem
Ende des Kriegs, als die Rote Armee in Brüsau einfiel und die neue tschechische
Regierung kraft der Benes-Dekrete die Deutschen auswies. „Sie kamen ins Lager“,
sagt er, „da hinten in die alte Gummifabrik. Und die, die Häuser hatten, waren
natürlich zuerst dran. Verstehns mi?“ Dann wurden sie in Viehwaggons über die
Grenze gebracht.

Rudi springt. Er lässt die Jahre 1938 bis 1945 ganz selbstverständlich aus, in denen
diese kulturell gemischte Gegend nach dem Münchner Abkommen dem Sudetenland
zugeschlagen und von der „Rest-Tschechei“, dem nun eingerichteten „Protektorat
Böhmen-Mähren“, abgespalten wurde. Damals mussten viele Tschechen Hab und Gut

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verlassen und ins „Protektorat“ gehen. Wenige Kilometer von Brüsau entfernt, hinter
Chrostau, verlief die unsinnige Grenze, die nur mit einem Passierschein überschritten
werden durfte. Er habe unter Benes großen Schaden erlitten, sagt Rudi, 46 haben ihn
die Kommunisten ins Lager gesteckt, wo ihm der Lagerführer gleich zwei Zähne
ausgeschlagen hat. „Ja“, sagt er, taumelig im Unverstandenen, „wir waren jung, wir
waren begeistert, wir wollten zum Militär, mein Bruder hätt’ möchten ein Flieger
werden.“ Als Rudi ins Lager kam, war er 16 Jahre alt. „Wer die Macht hat, verstehn’s
mi, der hat auch das Recht, und wer das Recht hat, hat auch die Peitsche. Aber es
muss einer da sein, der hinhalten tut.“ Eine winzige Frau schlüpft mit einer Tasse
Kaffee und einem Mohnkipferl herein. Sie grüßt tschechisch. Sie ist ein Frauenleben
lang mit Rudi verheiratet und kennt das schon.

„No“, sagt Rudi, „bedienen se sich.“

Mein Opa war Schuhmachermeister, versuche ich es, Jahrgang 1899, er hat auch
Geige gespielt. Spätestens Ende der zwanziger Jahre musste er in die Fabrik.
Zunächst in die Seidenfabrik nach Böhmisch-Wiesen, und meine Großmutter auch.
Rudi kratzt sich am Ansatz seines letzten Haarflaums. Der Name „Hüttner“ sagt ihm
nichts. Wir werden zur Marianne gehen, entscheidet er, die möcht’ es wissen. Und
verschwörerisch fügt er hinzu, Joseph, der Mann von der Marianne, sei unter den
Kommunisten der Direktor einer großen Fabrik gewesen. Er komme aber mit der
Marianne gut aus, und jetzt sei eh wieder alles anders. Er zieht die Backen breit: „I
glaub, dass drei Kilo Rindfleisch 10 Teller gute Suppe geben, und sonst glaub i
nichts.“

Der Enkel Dan öffnet skeptisch und ruft nach seiner Großmutter. „Na so a Freud“, sagt
Marianne Skaroupkova, geb. Moravec, und führt in die Küche. Wir sollen uns auf die
Eckbank setzen. Dan rührt am Herd, als höre er nicht zu. „Küssen ist keine Sünd mit
einem schönen Kind“, sagt eine blaue Stickerei an der Wand. Er ist Vegetarier, nickt
Marianne mit der Toleranz der Großmutter. Und fügt stolz an, er studiere in Brünn:
Geschichte und Böhmische Sprache. Vor ihr spreche er kein Deutsch, aber wenn sie
mit ihrem Mann tschechisch spreche, dann kritisiere er sie dauernd. Unter dem
Fenster steht eine Singer-Nähmaschine mit Schwungrad und Fußpedal, an der die
Laster vorbeidonnern. Johann Hüttner, sage ich, war mein Großvater und Theresia
Hüttner meine Großmutter und Elisabeth hieß deren Tochter, meine Mutter. „No“, sagt
Marianne nachdenklich, „wie geht es Ihrer Mutter?“ Sie ist tot, sage ich. „Ja warum“,
sagt sie, „seid ihr nicht früher gekommen?“ Ihr Bruder sei auch ein 24er Jahrgang
gewesen, aber er sei auch schon tot. „Jetzt sind wir die Letzten.“ Sie stellt ein Tablett
mit Likörgläsern auf die Wachstuchtischdecke und gießt aus einer grünen Saftflasche
ein. „Ribiselwein“, sagt das handgeschriebene Etikett. „Ich werd die Albi anrufen“,
meint sie plötzlich, und schon steht sie neben der Nähmaschine am Telephon. Aber
so nachdrücklich Marianne auch in den Hörer zwitschert, Albi erinnert sich nicht. Aber
Albi weiß, dass man zur Bartel Mizzi gehen müsse, die sei auch von Böhmisch-
Wiesen. „Ahoi, und bleib gesund!“, lacht Marianne zufrieden in den Hörer und jetzt
stoßen wir an mit dem Johannisbeerwein in den dünnen Gläschen wie aus einem
Zwergenhaushalt.

Als Joseph Skaroupka in der Tür steht, grüßt er deutsch in die Runde und spricht
tschechisch mit seiner Frau. „Mein Mann“, sagt Marianne, „war eingezogen zur
Klöckner Fabrik bei Brünn, Waffenherstellung. Als im 38er Jahr die Deutschen
gekommen sind, haben bald alle tschechischen Männer zur Zwangsarbeit in die

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Fabriken gemusst. Aber zeig’s doch her!“ Und Joseph Skaroupka legt einen dicken
Packen Papier auf den Tisch, offensichtlich ein Manuskript, eng beschrieben,
beidseitig. Er lächelt etwas verlegen. Er hat die Chronik von Ober-Heinzendorf
übersetzt.

Das Buch, 1999 im Selbstverlag eines sudetendeutschen Arbeitskreises in
Deutschland erschienen, ist ein Nachdruck der Ortschronik bis zum April 1945,
vermehrt durch Dokumente und Erlebnisberichte von der Übernahme der deutschen
Besitzungen durch Tschechen und die Vertreibung der deutschen Bevölkerung.
„Wenn jemand sich möchte interessieren“, sagt Joseph Skaroupka, „wäre es jetzt auf
tschechisch da.“

Die Bartel Mizzi hat bessere Zeiten gesehen. Und schlechtere. Ihr Haus in Böhmisch-
Wiesen hat die ehemalige Nachrichtenhelferin beim deutschen Militär 1945 verloren
und wohnt seither in einer niedrigen Billigbauzeile am Unterwald von Brüsau.
Vergleichsweise romantisch fließt die Zwittau an den Eingangsstufen vorbei. Letzte
Woche sei ihr Mann gestorben, sagt sie und humpelt voraus, und sie selbst habe sich
ein Bein gebrochen und brauche noch die Krücke. „Von der Krankenkasse“, sagt sie
triumphierend und fuchtelt mit dem offiziellen Hilfsmittel herum. Auf der Küchenliege
tobt ein karamellfarbener Königspudel. Mizzi zischt ihn tschechisch an. „Die Jungen“,
schreit sie, „haben dieses Luxustier, und ich hab die Katzen. Zwei hab ich heut schon
totgemacht.“ Hinter der offenen Küchentür steht auf einem Hocker ein Pappkarton,
aus dem vier schwarze Ohren blitzen. „Mutter und Tochter“, seufzt Mizzi und lässt sich
auf einen Stuhl fallen. „Setz dich nieder“, sagt Rudi zu mir, „und schneid’ das Brot an!
- So sagt ma bei uns.“ – „Und eine wie die andere hat allweil Junge!“ - Ein schwarzer
Kopf taucht auf und in einer Leckbewegung wieder ab. Es quietscht. „Die Hüttner Elsi,
no freilich weiß ich, wo sie gewohnt hat.“ Und nun deklamiert sie eine Kadenz
vergangener Herrlichkeit: „Vom Bahnhof runter rechts, da war der erste der Heger-
Bauer, dann der Schauer-Bauer, dann der Weigl, dann der Siegel. Da hat’s gwohnt,
beim Siegel-Bauer und dann kam noch der Michele. Schöne Höfe waren das!“ Eine
Kuckucksuhr schlägt an. „Wir haben gut mitsammen gelebt. Wir haben die
tschechische Nationalhymne auf deutsch gesungen.“ Und in plötzlich aufschießender
Energie, als gälte es, die vereinte tschechisch-deutsche Nation zu feiern, hebt sie an:
„Wo ist meine Heimat, wo ist meine Heimat? Bächlein murmeln durch die Wiesen,
Tannen rauschen, Felsen lauschen“ und schmettert dann tschechisch weiter: „Kde
domov muj, kde domov muj…“. Der Pudel brummt, sie schleudert die Krücke nach
ihm. In Brüsau habe es einmal 120 Ladengeschäfte gegeben, allein sieben Fleischer,
heute gebe es keinen mehr, sechs Bäcker und drei Zuckerbäcker, sieben Fabriken,
zehn Gasthöfe, eine Forellenzucht, einen Weinhefehersteller. Sie seufzt, sie lacht zu
Rudi. „Und dann nach dem Krieg mussten wir weiße Binden tragen mit einem N
darauf, N für Nemci, Deutsche.“ Das Wort „Vergewaltigung“ fällt, wie ein narrendes
Echo, das nur andere meinen kann und doch gehört werden wollte. „Ach Rudi“, sagt
sie, „wir ham genug geweint im 45iger Jahr.“ – „Da sogt der eine“, sagt Rudi, „i
wünsch mir, es bleibt wie es ist. Drauf sagt der andre, i wünsch mir, es bleibt wie es
war.“

„Aber ihr müsst zur Schneider Elfriede!“ Mizzi schlägt die Hand wie einen Stempel auf
das Wachstischtuch. „Die hat an Kopf! Wo hab ich nur ihre Telephonnummer?“ Sie
steht auf, sie kramt, sie sucht einen Zettel, ein Adressbuch, die Vergangenheit, einen
Zettel. Sie kommt an den Katzen vorbei und mit einem pulsierenden Plastiksäckchen
zurück. „Ich muss sie am Stein totmachen, weil im Wasser leben sie zu lange.“ Sie

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humpelt hinaus. „Ich hätt meinen Mann gefragt, der weiß, wo ich was hingeb. Jetzt ist
er tot. Warum muss der Herrgott das so tun, dass er muss mich so strafen!“

Musik

Sprecherin:
Elfriede Blaschkova wohnt in Kunstat in einem Altenheim, das „Pension“ heißt. Mizzi
hat sich in frischer Trauer fein schwarz angezogen, Rudi hält ein Tütchen mit Eiern
von den Hühnern seiner Tochter in der Hand. Wir fahren Richtung Brünnliz: „Dort
drüben hatte doch der Schindler seine Fabrik“, sagt Mizzi und zeigt über die üppigen
Sommerwiesen zu Hallengebäuden, Treppen, Schornsteinen. Die Szene ist echt wie
im Film. Wir fahren über Chrostau: „Hier war im 38er Jahr das Massaker“, sagt Rudi.
„Chrostau war tschechisch und sollte nun zum deutschen Sudetenland dazugehören.“
Es ist heiß, die Straßen sind leer, die Fabriken still. Die Landschaft bleibt lieblich.

 Mizzi schwingt die Krücke vor dem Portal der Pension und wuselt hinter Rudi durch
den langen, dunklen Linoleumgang. Das unverhoffte Treffen erfrischt sie. Elfriede hat
schon die Tür ihres Appartements geöffnet. „Psst“, sagt Mizzi aufgeregt, „reden wir
hier im Gang nicht so laut deutsch!“ Mit dem sudetendeutschen Wir-Gefühl meldet
sich vorlaut und irrlichternd die alte Angst.

Das Zimmer ist geräumig und führt auf eine kleine Terrasse, die einen Eindruck von
der schönen Natur draußen gibt.

Elfriede Blaschkowa, geb. Schneider, hat ein böses Hüftleiden, ein wehes Knie und
die Ausstrahlung einer zufriedenen Frau. „Ich weiß nicht“, sagt sie, „wie ich dankbar
sein soll.“ In der Vitrine ihres Glasschrankes glänzen Familienbilder. Sie lebt mit einer
Korona von drei wohlgeratenen Kindern und fünf wohlgeratenen Enkeln. In großer
Erleichterung haspelt sie Daten von Examen und Promotionen herunter. Alle sind
versorgt, alles ist noch gut ausgegangen. Auch sie selbst hatte einmal Lehrerin
werden wollen. „Wir waren nicht dumm, wir waren alle gut, aber nur hat uns die Zeit
fertiggemacht.“ Dienstmädchen in Zwittau, Arbeitsdienst bei Dresden, Jahre in einer
Schlosserei, dann wechselnde Stofffabriken, Ausnähen und Ausbessern ein Leben
lang. Sie lacht. 1990 sei sie mit Tschechen durchs Land gefahren, als Übersetzerin.
Ihre letzte Arbeit hatte sie bei einem Belgier, der in Letowitz einen Betrieb aufbauen
wollte. Sie zeigt ein Photo. Sie macht eine Bewegung zu ihrer Hüfte. „Warum sind
diese Jahre nicht früher gekommen?“ Wir essen zuckrige Waffeln und trinken
Becherovka. „Die achte Quelle von Karlsbad“, sagt Rudi. „Es geht mir gut“, sagt
Elfriede. Hier könne sie selbst kochen oder es werde Essen aus dem Kindergarten
gebracht. Dann liegen einige alte Schulphotos auf dem Tisch. Und sie zählt die Lehrer
an den Händen ab, die sich 1945 das Leben genommen haben. „In Zwittau“, sagt
Rudi, „gibt es ein deutsches Massengrab. Da steht jetzt ein Kreuz.“ - „Die Vlasta“, sagt
Elfriede und hält die Schulphotos versonnen wie ein Kartenspiel, „wir sollten die Vlasta
bitten herzukommen. Sie wohnt auch hier auf dem Gang.“

Vlasta hat sich die Locken frisch gelegt und erscheint mit einem dünnen Kopftuch, das
die Wickler fixiert. Das Tuch rutscht und so sind ihre Hände beschäftigt. Sie hat einen
Teint wie Porzellan. „Ja“, sagt sie, „die Hüttner Elsie“. Und schaut mich ruhig an. Dann
schiebt sie wieder die Gaze über die Wickler. Bis 1938 seien sie zusammen in Brüsau
auf die Bürgerschule gegangen. Dann habe sie als Tschechin die Stadt verlassen
müssen und fortgehen, ins Protektorat, nach Brünn zu Verwandten. Nein, ihre Eltern

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seien nicht mitgekommen. Sie winkt ab. Nicht alle Fragen sind mit Antworten zu
beruhigen. Sie entschuldigt sich. Sie habe noch ein Bild. Sie wird es holen gehen.

„Und die Schindler-Juden“, sagt Elfriede unvermittelt. „Einige sind jetzt wieder
gekommen und haben sich die Fabrik angesehen. Ich kann mich noch gut erinnern,
wie sie damals immer hinter dem Zaun standen.“ 1945 habe Schindler jedem seiner
Juden einen Ballen Stoff geschenkt. Und da sei dann einer ganz in Lumpen zum Vater
gekommen. Der habe ihn neu eingekleidet, von Kopf bis Fuß: im Tausch. Und noch
ihre Tochter trage heute ein Kleid aus diesem blauen Stoff .

Vlasta hat die Photographie gefunden. Es muss ein Abschiedsbild gewesen sein.
Schlecht belichtet zeigt es zwei sehr erwachsen aussehende Mädchen in viel zu
großen Mänteln, die ein wenig verlegen nebeneinander stehen und aneinander
vorbeisehen. „Nehmen Sie das Bild“, sagt sie, „ich bin 80 Jahre alt und habe keine
Kinder.“

Musik

Sprecherin:
Böhmisch-Wiesen, Ceska Dlouha, ist heute wie Mährisch-Wiesen jenseits des
Flüsschens Zwittau keine eigenständige Ortschaft mehr. Es gehört, wie auch das
weitgehend verlassene Ober-Heinzendorf, zu Brüsau. Vom Stadtplatz läuft man zwei
Kilometer die Zwittau hinunter. Das Schild der Bahnstation zeigt an, wo einst der Ort
gewesen ist. Die verfallenen Höfe rechts des Bahnhofs hinunter lassen sich abzählen.
Es ist später Nachmittag. Im Westen verschließt die Sonne das grüne Tal mit einem
blinden Schild aus Glanz. Ein braunhäutiger Mann mit nacktem Oberkörper kommt
aus dem ehemaligen Siegel-Hof, der nun eine bewohnte Ruine ist. Wir versuchen es
mit einem Strauss von Sprachen und wittern, dass wir uns gut sind. Er wohnt seit 35
Jahren hier. Er gehört zu vertriebenen Zigeunern aus der Slowakei. Ob ich
hereinsehen wolle. Im Hintergrund arbeitet sein Sohn auf dem Feld. Ich stolpere über
den Hof zwischen bunten Hühnern und abgebrochenen Backsteinen. Altes Gerät liegt
herum. Nesselgebüsch blüht wie Rosen, und duftender Flieder wuchert wie Unkraut.
Ein dunkler Flur öffnet sich zu einem dunklen Raum, ein langer Tisch ist mit weißen
Tellern gedeckt. Im Innenhof, von dem einst mehrere Gebäudetrakte abgingen,
stehen nur noch einzelne blinde Mauern. Scheibenlose Fensterlöcher fassen das Blau
des Himmels. Der Mann macht eine entschuldigende Armbewegung. Er renoviere
nach und nach. Das Anwesen sei riesig und schon verfallen gewesen, als er kam. Im
Halbschatten eines heimatlosen Torbogens steht eine junge Frau. Sie trägt einen
kleinen Jungen auf dem Arm. Mit ihrem Gesicht werden die hohen Mauern zum
Kichenraum, der sie wie eine Ikone umgibt.

Trude Schauer, geb. Polakova, schiebt ihr Klappfahrrad über die Brücke hinüber nach
Mährisch-Wiesen. Hier führt ein zweiter Weg nach Brüsau zurück. Wir gehen
zusammen. Sie ist Jahrgang 38 , blond und braungebrannt stahlt sie Sommerfrische
aus. Ob nicht alles besser werde, seit die tschechische Republik bestehe? Sie lacht
hell auf. Wo die Sudeten waren, werde es niemals besser. Aber es werde überall
renoviert, sage ich. „Ja“, sagt sie, „aber auch wenn, kommt das für uns zu spät. Erst
waren wir zuviel tschechisch, dann waren wir zuviel deutsch. Nach 45 wurde in der
Schule nur tschechisch unterrichtet. Also sind wir sitzen geblieben. Dann sind wir in
die Fabrik und haben gearbeitet. Das war’s.“ Sie bleibt stehen und sieht mich an. Wir
sind an ihr Haus gekommen, ihre jüngere Schwester sitzt auf den Stufen neben einem

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kleinen gepflegten Bauerngarten in der Abendsonne. „Haben Sie die Frau gesehen,
vorhin auf der Strasse, die das Huhn gejagt hat“, fragt Trude. Ich nicke. „Im 45er Jahr
hätten wir aus dem Haus heraus sollen. Und sie hätte es bekommen sollen. Aber sie
hat gesagt, nein, das Haus will ich nicht, da lebt eine Familie mit zwei Kindern.“ Das
war freundlich, sage ich. „Ja“, sagt Trude, „wir hätten es gut miteinander haben
können.“ Sie sieht zu ihrer Schwester. Und dann sagt sie es doch: „Mir tut es leid,
dass die Meinen nicht auch fortgegangen sind. Wir hätten andere Möglichkeiten
gehabt. Und unsere Kinder auch.“ Meine Großmutter, sage ich, als sei das eine
Antwort, war eine geborene Götz, Theresia. Sie ist hier in Mährisch-Wiesen geboren
und hat nach Ober-Heinzendorf geheiratet. Nach der Geburt der Tochter Elsi sind sie
nach Böhmisch-Wiesen gezogen. Sie sollen beim Siegel Bauer gewohnt haben. Ob
sie das bestätigen könne? Es wäre mir wichtig.

Am selben Abend parkt ein Klappfahrrad vor dem „Drachen“. Trude Schauer hat in
Deutschland, in einem bayrischen Dorf, angerufen. Dann hat sie diese Fremde
gesucht. Sie hat sie bei einem Teller Wursträdchen mit Zwiebeln angetroffen. „Alles
stimmt!“, hat Trude Schauer statt einer Begrüßung gerufen, nur das habe sie kurz
sagen wollen und dann schon wieder gehen. Ihre Freundin habe sich nämlich genau
erinnert. Deren Mutter sei eine Cousine der Resi, also der Großmutter, gewesen, und
der Bruder dieser Freundin habe beim Großvater Geige gelernt, ja im Ausgedinge
vom Siegel-Bauer haben sie gewohnt. Alles stimme.

Warum nun Trude Schauer sich darüber so freut, ist eigentlich nicht ganz klar. Und
warum die Fremde sich freut, auch nicht.

Musik




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