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Vorlesung Griechenland in klassischer Zeit

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Vorlesung Griechenland in klassischer Zeit Powered By Docstoc
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                   Vorlesung: Griechenland in klassischer Zeit

mykenische Zeit                     ca. 2000 – ca. 1200 v. Chr.
dark ages                           ca. 1050 – ca. 700 v. Chr.
Archaische Zeit/Archaik             ca. 700 – ca. 500 v. Chr.
Klassische Zeit/Klassik             ca. 500 – 336/323 v. Chr.
Hellenistische Zeit/Hellenismus      336/323 – 27 v. Chr.
römische Kaiserzeit                  27 v. Chr. – 565 n. Chr.


dark ages

   -   Ausbildung verschiedener Dialektgruppen
   -   traditionale bäuerliche Dorfgemeinschaften
   -   Ausbildung von lokalen adeligen Eliten


Archaische Zeit

   -   Entstehung überregional bedeutsamer Heiligtümer
   -   Bau von repräsentativen Tempeln
   -   aus dem „König“ (basileús) wird ein Amtsträger (árchon basileús)
   -   große griechische Kolonisation
   -   dadurch neue Organisationsstrukturen
   -   zunehmender Konkurrenzkampf der Adeligen
   -   prekäre Situation der Bauern



Zwei Entwicklungen:

   1. Entstehung der Tyrannis

   -   gewaltsame Machtübernahme, Leibwachen, Abgaben, Vertreibung von Gegnern
   -   Maßnahmen zur Verhinderung monarchischer Herrschaft (Eindämmung adeliger
       Konkurrenz)

   2. Verschriftung von Regeln (Rechtskodifikation)

   -   Zurückdrängung der Blutrache und Eigenmacht
   -   Verbote der Amtsiteration
   -   Einführung regulärer Gerichtsverfahren
   -   Einrichtung von Institutionen zur Rechtsprechung


Ergebnis:

       - starke Bindung an gesetzliche Grundlagen
       - Entstehung der Pólis: politische Gemeinschaften, die sich selbst Regeln setzen
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Klassische Zeit


   1. Die Zeit der Perserkriege (ca. 512-479 v. Chr.)

   -    um 540: Perser erobern das Reich der Lyder (Kroisos)
   -    513/12: Feldzug der Perser nach Nordgriechenland
   -    500-494: Ionischer Aufstand (Zerstörung Milets)
   -    490: Sieg der Athener gegen die Perser bei Marathon
   -    487: Flottenbauprogramm des Themistokles
   -    481: Hellenischer Bund
   -    480: Sieg der athenischen Flotte bei Salamis
   -    479: Sieg der Griechen bei Plataiai und bei Mykale

   2. Die Zeit der Pentekontaetie (479-431)

   -    478/77: Gründung des Delisch-Attischen Seebundes
   -    465-463: Abfall von Thasos
   -    454: Verlegung der Bundeskasse nach Athen
   -    440-438: Abfall von Samos


   Herrschaftsinstrumente Athens im Seebund

   -   Stellung von Flottenkontingenten
   -   Entrichtung von Beiträgen (Phoroi)
   -   Verlegung der Bundeskasse nach Athen
   -   bei Abfällen: Strafzahlungen, Einrichtung von Militär-kolonien (Kleruchien) auf dem
       Land der Bündner
   -   Beschlüsse für das ganze Seebundsgebiet
   -   Entsendung von Aufsichtsbeamten
   -   Hilfe für proathenische Gruppen

Literatur:

Hans-Joachim Gehrke, Kleine Geschichte der Antike, München 1999, 50-62 (zur archaischen
Zeit)

Bruno Bleckmann, Epochen der Antike: Die Mittel-meerwelt vom 6. bis 4. Jahrhundert, in:
Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Antike, hrsg. von Eckhard Wirbelauer, München 2004, 30-
36 (zu Perserkriegen und Seebund)


   3. Der Peloponnesische Krieg (431-404 v. Chr.)

   -    Angst Spartas vor einer weiteren Machterweiterung Athens
   -    große Machtressourcen Athens
   -    Strategie des Perikles
   -    jährliche Einfälle der Spartaner
   -    Ausbruch der sog. „Pest“ 430 und 427/6 v. Chr.
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   -    415-413 Sizilienexpedition

   4. Hegemoniestreben und Friedensbemühungen (404/3-362)

   -    Widerstand gegen die spartanische Hegemonie
   -    395-386: Korinthischer Krieg
   -    386: sog. Königsfrieden
   -    379: Vertreibung der spartanischen Besatzung aus Theben
   -    378/77: Gründung des Zweiten Attischen Seebundes
   -    371: Sieg Thebens gegen die Spartaner bei Leuktra
   -    362: Sieg Thebens gegen die Spartaner bei Mantineia (Gründung des Arkadischen
        Bundes; Befreiung Messeniens)

   5. Der Aufstieg Makedoniens (360-336 v. Chr.)

   -    360/59: Philipp II. wird makedonischer König
   -    357-355: Krieg Athens gegen die eigenen Bundesgenossen
   -    bis 352: Ausdehnung der makedonischen Macht bis zum Hellespont und zu den
        Thermopylen
   -    348: Zerstörung Olynths
   -    346: Philokrates-Frieden
   -    338: Sieg Philipps gegen die verbündeten Griechen bei Chaironeia; Korinthischer
        Bund

Literatur:

Bruno Bleckmann, Epochen der Antike: Die Mittel-meerwelt vom 6. bis 4. Jahrhundert, in:
Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Antike, hrsg. von Eckhard Wirbelauer, München 2004, 36-
44 (Peloponnesischer Krieg und Griechenland im 4. Jh. v. Chr.)



2. Von der Tyrannis zur Isonomie

Aristoteles Politika III 14, 1284b 40-1285a 16:
„Zuerst muss man wissen, ob es nur eine oder mehrere verschiedene Arten des Königtums
(basileía) gibt. Es ist freilich leicht zu erkennen, dass es mehrere Arten umfasst und die Weise
des Regierens nicht überall dieselbe ist.
Das Königtum der spartanischen Verfassung scheint in höchstem Grade gesetzmäßig (katá
nómon) zu sein; es ist aber nicht souverän, sondern der König hat nur, wenn er außer Landes
zieht, den Oberbefehl im Krieg; außerdem sind die Kultverrichtungen den Königen vorbehal-
ten. Ein solches Königtum ist also wie ein selbständiges und lebenslanges Feldherrnamt. Der
König hat keine Gewalt über das Leben, außer im Falle der Feigheit vor dem Feinde, also wie
bei den Alten im Standrecht … Dies ist also die eine Art des Königtums, lebenslängliches
Strategentum, und diese haben ihre Würde entweder ererbt oder durch Wahl erhalten“.

Aristoteles Politika III 14, 1285a 16-29:
„Daneben gibt es eine andere Art der Alleinherrschaft (monarchía), wie bei einigen Barbaren-
völkern, die Königtümer (basileíai) haben. Diese haben alle eine tyrannenähnliche Macht,
sind aber gesetzlich begründet (katá nómon) und ererbt. Denn da die Barbaren sklavischeren
Charakters sind als die Griechen, und die Asiaten eher als die Europäer, so ertragen sie eine
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despotische Herrschaft (despotiké arché), ohne sich aufzulehnen. Tyrannisch sind sie also,
aber beständig, weil sie ererbt (pátriai) und gesetzmäßig (katá nómon) sind. Aus demselben
Grund ist dort auch die Leibwache königlich und nicht tyrannisch, denn die Bürger bewachen
mit ihren Waffen den König, bei den Tyrannen sind es aber Söldner; denn die einen lassen
sich durch Gesetze und freiwillig beherrschen, die andern unfreiwillig. Also besorgen im
einen Falle die Bürger den Schutz, im andern die Söldner gegen die Bürger“.

Aristoteles Politika III 14, 1285b 3-19:
„Eine vierte Art königlicher Alleinherrschaft (monarchía basiliké) ist die der heroischen
Zeiten und beruhte auf Freiwilligkeit, Gesetz und Erbfolge. Denn da jene die ersten Wohltäter
der Menge wurden in Künsten oder im Krieg, oder weil sie sie zusammenschlossen und, oder
Land beschafften, so wurden sie freiwillig zu Königen erhoben, und ihr Amt durch Weiter-
gabe erblich. Sie waren Herren über die Führung im Krieg und über die Opfer, soweit sie
nicht den Priestern vorbehalten waren, und sprachen außerdem Recht. …“.

Aristoteles Politika V 10, 1311a 2-8:
„Die Tyrannis dagegen denkt, wie schon oft bemerkt, überhaupt nicht an die Gemeinschaft,
außer um ihres eigenen Nutzens willen. Denn das Ziel der Tyrannis ist das Angenehme, das
des Königtums die Ehre. Darum sind auch die finanziellen Vorrechte tyrannischer Art, die
Ehrenvorrechte dagegen eher königlich. Und bei den Königen rekrutieren sich die
Wachmannschaften aus Bürgern, bei den Tyrannen aus Ausländern. …“.


legitime Monarchie nach Aristoteles:

   -    in Übereinstimmung mit der politisch-rechtlichen Ordnung
   -    begründet durch Abstammung oder Wahl
   -    in Übereinstimmung mit dem väterlichen Herkommen
   -    eingeschränkte, keine allumfassende Macht
   -    auf Freiwilligkeit beruhend und daher
   -    Akzeptanz bei der Beherrschten


a) Die Tyrannis in Korinth

Diodor (Bibliotheke) VII fr. 9,2-4:
„(2) Diese [scil. die Herakliden] schlossen nun bei der Aufteilung des Landes das Gebiet von
Korinth und, was darum lag, aus, gaben Aletes entsprechende Nachricht und übergaben ihm
den vorgenannten Bezirk. So wurde er ein angesehener Mann, brachte Korinth zur Blüte und
herrschte 38 Jahre darüber als König. (3) Als er starb, wurde jeweils der älteste seiner
Nachkommen König bis herab auf die Tyrannis des Kypselos, die 447 Jahre nach der
Rückkehr der Herakliden liegt. Und als erster kam bei ihnen auf den Königsthron Ixion, der
38 Jahre regierte. (4) Nach ihm regierte Agelas 37 und dann Prymnis 35 Jahre, ebenso lang
Bakchis. Dieser wurde berühmter als alle seine Vorgänger, mit der Folge, dass die Könige
nach ihm nicht mehr Herakliden, vielmehr Bakchiden genannt wurden. Nach ihm herrschte
Agelas 30, Eudemos 25 und Aristomedes 35 Jahre“.

Diodor (Bibliotheke) VII fr. 9,5-6:
„(5) Bei seinem Tode hinterließ er [scil. Aristomedes] einen Sohn Telestes, noch ein Kind an
Jahren, dem sein Onkel und Vormund Agemon die ererbte Königswürde raubte, um dann
selbst 16 Jahre zu regieren. Nach ihm führte Alexandros 25 Jahre die Herrschaft, fand aber
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den Tod durch Telestes, welcher seines väterlichen Amtes beraubt worden war und nun 12
Jahre lang den Staat leitete. (6) Als er von seines Verwandten beseitigt worden war, führte
Automenes noch 1 Jahr die Herrschaft, dann übernahmen die von Herakles stammenden
Bakchiden, an Zahl mehr als 200, die Regierung und lenkten alle gemeinsam den Staat; Jahr
für Jahr wählten sie einen aus ihrer Mitte zum Prytanen, der die Stellung des Königs einnahm.
Diese Verfassung bestand 90 Jahre bis herab auf die Tyrannis des Kypselos, der ihr ein Ende
setzte“.


Nikolaos von Damaskus FgrH 90 F 58-60:

   -   unter der kollektiven Herrschaft der Bakchiden war Kypselos
       (árchon) polémarchos.
   -   Zulassung von Bürgen; Verzicht auf Anteil an Strafsumme
   -   Ermordung des amtierenden basileús (prýtanis) mit Hilfe seiner
       Hetairie
   -   Einsetzung des Kypselos als basileús durch das Volk.


Sturz der Tyrannen

   -   Nachfolger des Periandros wird ermordet; Korinth erhielt die
        „Freiheit“ zurück
   -   die Kypseliden werden verflucht
   -   ihre Häuser werden gewüstet
   -   ihr Besitz konfisziert
   -   Verbot der Bestattung in korinthischem Boden
   -   Entfernung der Gebeine der Vorfahren aus den Gräbern
   -   Benennung von acht „Vorberatern“ (próbouloi)
   -   Wahl eines Stadtrats mit 80/90 Mitgliedern.


Pindar, Olympische Oden XIII 3-16:
„ … muss ich des gesegneten Korinth gedenken, des Vortors des isthmischen Poseidon, das
glänzt mit seinen Söhnen. Denn Eu-nomía wohnt hier und ihre Schwester Díke, der sichere
Grund der Städte, und Eírene, die mir ihr aufgezogen; sie verwalten den Reichtum der
Männer, die goldenen Töchter der ratklugen Thémis. Sie wollen Hybris abwehren, die dreist
redende Mutter der Überfülle. Ich habe Schönes zu künden, und meine Entschlossenheit heißt
es mich geradewegs aussprechen. Keine Gewalt kann die angeborene Art unterdrücken. Euch
aber, Söhne des Aletes, haben die reichblühenden Horen vielfach den freudigen Glanz
geschenkt, wie ihn sich Männer im Sieg in den heiligen Spielen durch ihre Höchstleistung
gewinnen. …“.
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Legitimation von Herrschaft in archaischer und frühklassischer Zeit

Archaische Zeit:
   - Genealogie bis zurück in die Zeit der Herakliden
   - erfolgreiche Kriegführung
   - Sicherung des Heils der Gemeinschaft (Reichtum, Kinder)

Übergang von dynastischer basileía zum jährlich wechselnden basileús. Weitere
Jahresbeamte, Rechtsprechung.

Frühklassische Zeit:
   - Eunomía („Wohlordnung“, „gute Ordnung“)
   - Isonomía (gleicher Anteil an der/Zugang zur politischen Ordnung)
   - Dike („Recht“)

   -    ausgewogene Verteilung politischer Partizipation
   -    ausgewogenes Verhältnis von Volksversammlung, Rat und
        Magistraten

Literatur:

Helmut Berve, Die Tyrannis bei den Griechen, München 1967, Bd. 1, S. 15-27; Bd. 2, 522-
531.

Loretana de Libero, Die archaische Tyrannis, Stuttgart 1996




b) Die Tyrannis in Athen

Herodot (Historien) I 59,3-6:
„(3) Als die Küstenbevölkerung von Attika und die Bewohner der Ebene in Streit gerieten –
Führer der Küstenbevölkerung war Megakles, der Sohn des Alkmaion; Führer der Bevöl-
kerung in der Ebene war Lykurgos, der Sohn des Aristolaides –, scharte Peisistratos in der
Absicht, Alleinherrscher (tyrannís) zu werden, eine dritte Partei um sich. Er sammelte
Anhänger und nannte sich Führer der Leute aus den Bergen und ersann diese List. …
(Leibwache) … (6) Mit ihnen machte Peisistratos einen Aufstand und besetzte die Burg.
Seitdem herrschte (árchein) er in Athen. Aber er schaffte die bestehenden Ämter nicht ab,
änderte auch die Gesetze nicht, sondern regierte die Stadt nach der bestehenden Verfassung in
trefflicher und guter Ordnung“.


Formen aristokratischen Handelns:

   -    Bündnisse von Adelscliquen
   -    politisch motivierte Heiraten
   -    Anhängerschaften gewinnen
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Politische Ordnung in Athen in der Zeit vor Peisistratos:

   -   jährlich gewählte Archonten
       (árchon epónymos, árchon basileús, árchon polémarchos,
       sechs Thesmotheten)
   -   Areopag („Adelsrat“)
   -   Rat der 400
   -   Geschworenengericht (Heliaía)
   -   Volksversammlung (Ekklesía)


Tyrannis des Peisistratos:

   -   Peisistratos steht als Tyrann neben der politischen Ordnung
   -   Tyrannis als Kulminationspunkt adeligen Machtstrebens

   Reaktionen:
      - Verhinderung der Klientelbildung
      - Durchmischung der Regionen Attikas

        gleiche Voraussetzungen der politischen Teilhabe, aber
        Machtverlust der Adeligen




Die Entstehung des Perserreichs

Zusammenbruch des Assyrischen Reiches um 600 v. Chr.

- Neubabylonisches Reich („fruchtbarer Halbmond“)
- Mederreich (Iran und östliches Kleinasien)
- persisches Gebiet (in gewisser Abhängigkeit zum Mederreich)


Kyros II., König von Ansan:

- Sicherung der Herrschaft in der Persis
- Eroberung der elamischen Gebiete um Susa
- Eroberung der medischen Hauptstadt Ekbatana (550)
- Eroberung der lydischen Hauptstadt Sardeis (547/46)
- persische Herrschaft über Westkleinasien (um 540)
- Sturz der Könige von Babylon (539)
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Persien unter Kambyses und Dareios I.:

   -   Kambyses (529-522) erobert Ägypten
   -   Dareios I. setzt sich gegen innere Widerstände und
       Aufstände durch (Inschrift von Bisutun)
   -   erfolgreicher Feldzug gegen die Skythen (519)
   -   Feldzug über den Hellespont in Gebiete nördlich der Donau
       (513/12). Makedonien und Thrakien werden persisch.

um 500 v. Chr.: persische Herrschaft über Makedonien, Thrakien, griechische Städte an der
kleinasiatischen Küste, die Inseln Lesbos, Chios, Samos, Rhodos und Zypern


Inschrift von Bisutun:
„Ich bin Darius, der Großkönig, König der Könige, König in Persien, König der Länder, des
Hystaspes Sohn, des Arsames Enkel, ein Achämenide. Es kündet Darius der König: Mein
Vater ist Hystaspes, des Hystaspes Vater ist Arsames; des Arsames Vater war Ariaramnes;
des Ariaramnes Vater war Teispes; des Teispes Vater war Achämenes. Es kündet Darius der
König: Deswegen werden wir Achämeniden genannt. Seit alters sind wir adlig, seit alters war
unser Geschlecht königlich. … Es kündet Darius der König: Nach dem Willen Ahuramazdas
bin ich König. Ahuramazda hat mir die Königsherrschaft verliehen“.



Literatur:

Josef Wiesehöfer, Das antike Persien, München-Zürich 1994, S. 19-23 (Persien von Kyros bis
Dareios), 33-43 (Inschrift und Felsrelief von Bisutun).

Texte aus der Umwelt des Alten Testaments I 4. Historisch-Chronologische Texte 1 (übers.
Von R. Borger, W. Hinz u. W. H. Ph. Römer), Gütersloh 1984.




Der Ionische Aufstand (500/499-494):

Herodot V 30: „Einige reiche Leute in Naxos wurden vom Volk verbannt und gelangten auf
diese Weise nach Milet. Die Herrschaft in Milet behauptete gerade Aristagoras … Sofort nach
ihrer Ankunft in Milet baten die Naxier Aristagoras, ob er ihnen eine Streitmacht gebe und sie
so in die Heimat zurückkehren könnten. … Er brachte ihnen folgenden Gedanken nahe: ‚Ich
selbst kann nicht dafür bürgen, dass ich in der Lage sein werde, euch eine so große
Streitmacht zur Verfügung zu stellen, die euch gegen den Willen der Naxier, die die Stadt
beherrschen, zurückführen kann; denn ich höre, dass die Naxier 8000 Mann Soldaten und
viele Kriegsschiffe besitzen. Ich will aber alles tun, was in meiner Macht steht. Ich stelle mir
das so vor: Artaphrenes ist mein Freund. Er ist des Hystaspes Sohn und der Bruder des
Königs Dareios. Er gebietet über alle Völker und Städte an der Küste Asiens. Er nennt ein
starkes Heer und viele Schiffe sein eigen. Dieser Mann wird, glaube ich, ganz bestimmt tun,
worum wir ihn bitten‘“.
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Herodot V 30: „Als die Naxier dies hörten, gaben sie dem Aristogoras den Auftrag, die Sache
mit Nachdruck zu betreiben, und forderten ihn auf, Geschenke zu versprechen und Geldmittel
für ein Heer, für die sie selbst aufkämen. … Damals stand noch keine einzige dieser
Kykladeninseln unter der Herrschaft des Dareios. …“. (31. Aristagoras gewinnt die
Zustimmung des Artaphrenes, da er ihm in Aussicht stellt, die Perser würden auch über Naxos
und die anderen Kykladeninseln herrschen und von dort aus Euböa angreifen können. 32.
Artaphrenes schickte Boten nach Susa, um die Zustimmung des Dareios einzuholen. 33-34.
Da Naxos von dem bevorstehenden Angriff unterrichtet wurde, stellten sie sich auf eine
Belagerung ein. Die Flotte musste nach vier Monaten erfolglos abziehen.).

Herodot V 35: Aufgrund des Misserfolgs, der gegen Aristagoras erho-benen finanziellen
Forderungen und aufgrund von Meinungsverschie-denheiten zwischen Aristagoras und dem
persischen Flottenkomman-danten Megabates (ein Vetter des Dareios und Artaphrenes)
beschloss Aristagoras, die Stadt Milet zum Abfall von Persien zu bringen. Er beriet sich mit
seinen Freunden. 36,2-3: „Der Geschichtsschreiber Hekataios allerdings riet zunächst ab,
einen Krieg gegen den Perserkönig vom Zaun zu brechen. Er zählte alle Stämme auf, über die
Dareios herrschte, und erklärte ihnen die Größe der königlichen Macht. Als er sie aber nicht
überreden konnte, riet er ihnen als zweites, wenigstens darauf hinzuwirken, dass sie mit ihren
Schiffen die Herren des Meeres würden; sonst sei ein Erfolg nicht abzusehen. Er wisse doch,
wie schwach die Streitkräfte Milets seien“.

Herodot V 37: „So war Aristagoras offen abgefallen und setzte alles gegen Dareios in
Bewegung. Zunächst legte er zum Schein die Alleinherrschaft nieder und schuf in Milet
gleichen Anteil an der Herrschaft (isonomía), damit die Milesier willig mit ihm zusammen
abfielen. Das gleiche versuchte er auch in den anderen ionischen Städten. Er vertrieb einige
Tyrannen, die anderen ließ er auf den Schiffen, die nach Naxos mitgefahren waren, verhaften
und lieferte sie aus, jeden in die Stadt, aus der er kam. Dabei hatte er die Absicht, sich in den
Städten beleibt zu machen. 38,1. Die Bewohner von Mytilene führten Koes, sobald sie ihn in
die Hand bekommen hatten, vor die Stadt und steinigten ihn. Die Bewohner von Kyme
dagegen ließen ihren Tyrannen laufen. Das taten auch die meisten anderen. 38,2. Das war also
das Ende der Tyrannenzeit in den Städten. Als Aristagoras aus Milet die Tyrannen auf diese
Weise beseitigt hatte, forderte er die Städte auf, in jeder Heerführer zu ernennen. Er selbst
fuhr sodann auf einem Dreiruderer als Gesandter nach Lakedaimon. Denn er musste sich noch
einen mächtigen Bundesgenossen suchen“.

Die Zerstörung Milets (494):
Herodot VI 19,3-20: „Dieser Orakelspruch ging jetzt an den Milesiern in Erfüllung, als die
meisten von den Persern, die langes Haar trugen (nach dem Orakelspruch würden die Milesier
langlockigen Männern dienen müssen), getötet wurden, ihre Frauen und Kinder zu Sklaven
gemacht und das Heiligtum in Didyma, Tempel sowohl wie Orakelstätte, ausgeplündert und
niedergebrannt wurden. Von den Schätzen in diesem Tempel habe ich oft schon an anderen
Stellen meines Werkes erzählt. 20. Von ihrer Heimat weg wurden die gefangenen Milesier
nach Susa geführt. König Dareios tat ihnen weiter kein Leid; nur siedelte er sie am
sogenannten Roten Meer (= am Persischen Golf) an, in der Stadt Ampe an der Mündung des
Tigris. Das Gebiet von Milet behielten die Perser selbst mit der Ebene um die Stadt “.
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Das Themistoklesdekret:
Supplementum Epigraphicum Graecum 18,153 (HGIÜ I 35): gefunden in Troizen; nach der
Schrift wurde die Inschrift in der ersten Hälfte des 3. Jh. v. Chr. angefertigt

„Götter! Der Rat und das Volk haben beschlossen. Themistokles, Sohn des Neokles aus dem
Demos Phrearrhioi, hat es beantragt: Die Stadt soll man der Göttin Athena, der Beschützerin
Athens, und allen anderen Göttern anvertrauen, sie beschützen und den Barbaren zur Rettung
des Landes abwehren. Alle Athener und die in Athen ansässigen Fremden sollen die Kinder
und Frauen nach Troizen bringen in die Obhut des Archegetes des Landes. Die Alten aber und
die Habe sollen sie nach Salamis bringen … Alle anderen Athener aber und die Fremden im
waffenfähigen Alter sollen die bereitliegenden Schiffe besteigen und den Barbaren abwehren,
für ihre eigene Freiheit und [für die der anderen Griechen], zusammen mit Lakedaimoniern,
Korinthern, [Aigineten] und den anderen, die die [Gefahr] teilen wollen. … (Es folgen
detaillierte Anweisungen zur Bemannung der Schiffe).“


Das Geschichtswerk des Herodot
Herodot I Proömium: „Herodot aus Halikarnass veröffentlicht hiermit seine Forschungen
(historíes apódeixis), auf dass die menschlichen Werke bei der Nachwelt nicht in Vergessen-
heit geraten, und damit große und wunderbare Taten der Griechen und der Barbaren nicht
ohne Gedenken bleiben. Vor allem aber soll man erfahren, warum sie gegeneinander zum
Kriege schritten“.
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Voraussetzungen und Entstehung der attischen Demokratie

Leitfragen:

   -    Gab es ein politisches Konzept, das zur Demokratie hinführte?
   -    Baut die Demokratie auf Strukturen einfacher Gesellschaften auf?
   -    Welche grundlegenden Prinzipien kennzeichnet die Demokratie?
   -    Welche Position hatte leitende politische Persönlichkeiten inne?
   -    Welche Bereiche werden durch die Politik erfasst, welche nicht?
   -    Wie gestaltet sich das Verhältnis von Demokratie und (persönlicher)
        Freiheit?


Voraussetzungen der attischen Demokratie

   -   Bevölkerung aus Adeligen, Bauern und unterbäuerlichen Schichten

   -   Geschlossenheit der bäuerlichen Nachbarschaft
       -     Siedlungsweise in geschlossenen Dörfern
       -     Ausbildung eines dörflichen Normensystems
       -     bäuerliche Sanktionen (Rügebräuche)
       -     Ausbildung einer besonderen Kommunikationsform (Spruch)
       -     freies Bauerntum (kein Klientel- oder Abhängigkeitsverhältnis)

   -   grundbesitzender Adel („áristoi“)
       -     soziale Distinktion (mehr Land, größere Herden, Reichtum,
             Pferde, Symposien, lyrische Dichtung, Freisein von Arbeit,
             Haartracht und Kleidung)
       -     es gibt keinen Geburtsadel (Schichten nicht Stände)
       -     kaum Herrschaftsmittel der Adeligen (Ämter, Streitschlichtung)
       -     agonales Verhalten, Transgression, Rache
       -     exogame Heiraten, Gastfreundschaften (keine Verpflichtung auf
             die eigene Gemeinschaft)

        Adel weist keinen Gruppencharakter auf



Institutionen in vorsolonischer Zeit

   -   Volksversammlungen (Agora, Herolde, Plätze für die Geronten,
       Szepter für den Redenden)
               - Kompetenzen?
              - Kreis der Teilnehmer?
              - Rederecht?
              - Einberufung?
              - Abstimmungen?

                Konnte über Volksversammlungen Herrschaft ausgeübt werden?
                 Gab es faktisch eine Aristokratie?
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       - Ratsversammlungen (basileús und Älteste, probouleutische Funktion, geringe
         Teilnehmerzahl)
                 - Altersvoraussetzungen?

       - basileís (begrenzte Macht)
                  - Beseitigung monarchischer Elemente und Ersetzung durch Jahresbeamten (oft
                    mehrstellig; mit gleicher Machtbefugnis; keine klare Hierarchien)


Die solonischen Reformen

   -     Problem der Verschuldung: Aufhebung aller Schulden (Seisáchtheia)
         und Verbot des Zugriffs auf die Person des Schuldners
   -     Appelle an politisches Engagement aller Bürger
   -     Wahl der Archonten durch die Volksversammlung (gleichzeitig Beschränkung des
         passiven Wahlrechts), dafür
   -     Einteilung der attischen Bürger in vier Schatzungsklassen (timokratische Ordnung)
   -     Einsetzung eines „Rats der 400“ (passives Wahlrecht auch für Zeugiten); ständiger
         Ausschuss von je einem Viertel des Rats (Prytanie)
   -     Verschriftung des Rechts
              - Aufstellung an öffentlichem Ort
              - Zurückdrängung der Eigenmacht
              - Einführung eines Gerichtszwangs
              - Einführung privater und öffentlicher Klagen („Schriftklagen“)
              - Einsetzung eines Geschworenengerichts (Heliaia)
              - Klagen gegen Entscheidungen von Amtsträgern (Ephesis)

             Rechtssprechung ist kein Monopol des Adels mehr


Die solonische Eunomía – eine demokratische Ordnung?

Aristoteles, Athenaion politeia 9,1: „Mit den Ämtern verhielt es sich nun so. An der Ver-
fassung Solons scheinen aber folgende drei Dinge im höchsten Maße demokratisch zu sein:
zuerst und am wichtigsten, dass nicht mehr mit leiblicher Haftung Kredite gegeben werden;
sodann, dass es dem, der will, möglich ist, sich für erlittenes Unrecht Genugtuung zu ver-
schaffen; drittens aber – wodurch, wie man sagt, das Volk am meisten erstarkt sei – die
Berufung an das Volksgericht (éphesis). Dadurch, dass das Volk Herr über die Abstimmung
ist, wird es auch Herr über das Staatswesen“.

Solon als Begründer der Demokratie?

   -     Wahl der Archonten und der Ratsmitglieder durch das Volk
   -     Verschriftung und öffentliche Aufstellung des Rechts
   -     Rechtsfähigkeit eines jeden Bürgers
   -     richterliche Entscheidungen durch die Heliaia
   -     Klagen gegen Entscheidungen von Amtsträgern (Ephesis)

   -     passives Wahlrecht auf die oberen Schatzungsklassen beschränkt
   -     Einfluss der adeligen Hetairien auf die Politik
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Die Reform des Kleisthenes (508/7 v. Chr)

Aristoteles, Athenaion politeia 20,1: „Nachdem die Tyrannis vernichtet war, befehdeten sich
Isagoras, der Sohn des Teisandros, und Kleisthenes aus dem Geschlecht der Alkmaioniden.
Als Kleisthenes den politischen Gruppen zu unterliegen drohte, brachte er das Volk auf seine
Seite und übertrug die politische Gewalt der Masse“. (20,2-5: Isagoras kann mit Hilfe des
Spartanerkönigs Kleomenes den Kleisthenes zunächst vertreiben, doch der Rat und das Volk,
das sich zusammengerottet hatte, um eine Auflösung des Rats und eine Einsetzung des
Isagoras zu verhindern, belagern Isagoras und Kleomenes auf der Akropolis.)

Aristoteles, Athenaion politeia 21,1-4: Aus diesen Gründen also vertraute das Volk dem
Kleisthenes. Damals nun, als Anführer des Volkes, teilte er im vierten Jahr nach der Vertrei-
bung der Tyrannen im Archontenjahr des Isagoras zunächst das gesamte Volk in zehn Phylen
statt der bisherigen vier auf – er hatte den Plan, sie zu vermischen, damit mehr an der politi-
schen Ordnung beteiligt würden. … Sodann stellte er einen Rat der 500 statt 400 auf, 50 aus
jeder Phyle; vorher waren es 100 aus jeder Phyle. Er teilte aus dem Grund nicht in zwölf
Phylen ein, damit es nicht auf eine Teilung entsprechend den vorhandenen Dritteln hinaus-
liefe. Es gab nämlich von den vier Phylen zwölf Unterabteilungen (Trittyen), so dass im
Ergebnis die Menge nicht vermischt worden wäre. Er teilte auch das Land nach Gemeinden in
30 Teile auf: 10 um die Stadt herum, 10 am Meer, 10 im Binnenland, und bezeichnete diese
als Trittyen“.

Politische Ordnung vor Kleisthenes:

       Rat der 400
       - 4 Phylen, pro Phyle 100 Ratsmitglieder
       - 3 Trittyen pro Phyle, also 3 x 4 = 12 Trittyen (Regionen in
         Attika)

Politische Ordnung des Kleisthenes:

       Rat der 500
       - 10 Phylen, pro Phyle 50 Ratsmitglieder
       - 3 Trittyen pro Phyle, also 3 x 10 = 30 Trittyen
       - pro Phyle eine Trittys der Region Stadt, Meer und Binnenland

Aristoteles, Athenaion politeia 21: „Er loste drei für jede Phyle aus, damit jede an allen drei
Gegenden Anteil habe. Auch machte er die in der jeweiligen Gemeinde (Demen) Wohnenden
zu Gemeindemit-gliedern, damit sie nicht durch Verwendung des Vaternamens die Neu-
bürger herausstellten, sondern sich nach ihrer Gemeinde benannten. … (5) Er setzte auch
Gemeindevorsteher ein“.

   -     Stärkung einer lokalen Selbstverwaltung (Demenversammlung, Demarchen,
         Bürgerverzeichnisse, Wahl der Ratsmitglieder)
   -     Durchbrechung adeliger Anhängerschaften (Adelige hatten sich auf lokale
         Anhängerschaften gestützt)
   -     Anpassung der Magistratsstellen an die 10 Phylen
   -     Herstellung einer Isonomia
   -     stärkere Definition des Bürgerrechts
   -     Einführung des Ostrakismos (zunächst als Abstimmung im Rat)
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Athen in der Zeit der Perserkriege

Die Reformen von 487 v. Chr.

   -    erstmalige Anwendung des Scherbengerichts (Ostrakismos)
   -    Strafkompetenzen des Rats werden umgesetzt
   -    direkte Wahl der Archonten wird durch Wahl-Los-Verfahren ersetzt
   -    Pentakosiomedimnoi und Hippeis waren für das Archontenamt zugelassen
   -    árchon polémarchos verliert gegenüber den Strategen an Macht


Herodot VII 141,3-4:

„Dann gibt die Mauer aus Holz der Triton-Geborenen weitschauend
Zeus unbezwungen allein, dir und deinen Kindern zu Nutze.
Doch erwarte du nicht der Reiter Schar und das Fußvolk,
ruhig auf festem Boden! Entweiche dem drohenden Angriff,
wende den Rücken ihm zu! Einst wirst du ja dennoch sie treffen.
Salamis, göttliche Insel, die Kinder der Frauen vertilgst du,
sei es zu Demeters Saat oder sei es zum Zeitpunkt der Ernte“.

Demosthenes (Kranzrede) 18,204:

„Denn wer könnte umhin, die Tapferkeit jener Männer zu bewundern, die, um sich nicht
unterwerfen zu müssen, es über sich brachten, ihr Land und ihre Stadt zu verlassen und die
Kriegsschiffe zu besteigen, jene Männer, die den Themistokles, der diesen Rat gegeben hatte,
zum Feldherrn wählten, den Kyrsilos aber, der sich für unterwürfigen Gehorsam ausgespro-
chen hatte, steinigten – nicht allein ihn, sondern auch eure Frauen seine Frau“.

Herodot IX 5:

„Als dieser (Gesandte) vor den Rat trat, richtete er den Auftrag des Mardonios aus. Eines von
den Ratsmitgliedern, Lykidas, äußerte seine Meinung dahin: Ihm scheine es ratsamer, das
durch Murychi-des [den Gesandten] überbrachte Angebot anzunehmen und es der Gemeinde
vorzulegen. Er entschied sich für diese Ansicht, weil er entweder von Mardonios Geld
erhalten hatte oder weil es ihm wirklich so gut schien. Aber die Athener wurden sehr zornig,
die Mitglieder des Rates ebenso wie die Menge, die draußen wartete, als sie das hörten; sie
umringten Lykidas und steinigten ihn zu Tode; den Hellespontier Murychides aber schickten
sie heim, ohne ihm ein Leid anzutun. Da sich in Salamis großer Lärm um Lykidas erhob,
erfuhren auch die Frauen der Athener davon. Eine Frau stachelte die andere auf und nahm sie
mit; so eilten sie aus freien Stücken zum Haus des Lykidas und steinigten seine Frau und
seine Kinder“.

Aristoteles Verfassung der Athener 50,2:

„Durch das Los werden auch … zehn Stadtaufseher (astynomoi) bestimmt. Von diesen
amtieren 5 im Piräus und 5 in der Stadt; sie achten darauf, dass die Flöten-, Harfen- und
Kytharaspielerinnen nicht für mehr als zwei Drachmen gemietet werden, und falls mehrere
sich um dieselbe Musikerin bemühen, losen sie und vermieten sie dem Gewinner. Sie sorgen
auch dafür, dass keiner von den Abfalleinsammlern innerhalb von 10 Stadien vor der Stadt-
mauer Abfall ablädt; sie verhindern, dass man in die Straßen hinausbaut, Balkone über die
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Straßen ragen lässt, oberirdische Abflussrohre auf die Straße münden lässt und Fenster zur
Straße hin öffnen kann. Sie lassen ferner die auf der Straße Gestorbenen zum Begräbnis
wegbringen, wofür sie Staatssklaven als Gehilfen haben“.


Die Gründung des Attisch-Delischen Seebunds

Thukydides 1,94:

„Pausanias aber, Kleombrotos’ Sohn, wurde von Sparta als Feldherr der Hellenen ausgesandt
mit zwanzig peloponnesischen Schiffen; auch aus Athen fuhren dreißig Schiffe mit und eine
Menge von den übrigen Verbündeten. Sie zogen gegen Zypern und unterwarfen es zum größ -
ten Teil und später nach Byzantion, das von den Persern gehalten war, und eroberten es. 95.
Schon während dieser Führung aber verdross die Hellenen sein gewaltsames Wesen, vor
allem die Ionier und die jüngst vom Großkönig Befreiten. Sie gingen zu den Athenern und
baten sie, ihre Führer zu werden, wegen ihrer gleichen Abstammung, und die Eigenmächtig-
keiten des Pausanias nicht zu dulden. Die Athener gingen darauf ein und strengten sich an,
ihm nichts durchzulassen, und alles so einzurichten, wie es ihnen am besten dienlich schiene.
Inzwischen aber riefen die Spartaner Pausanias heim zur Untersuchung – sie hatten allerlei
erfahren“. [In Sparta wurde Pausanias von den Vorwürfen freigesprochen. Die Spartaner
sandten als Feldherrn Dorkis, der aber von den Verbündeten nicht mehr akzeptiert wurde].

Thukydides 1,96:

„Auf diese Weise bekamen die Athener die Führung, mit Zustimmung der Verbündeten, weil
Pausanias verhasst war, und setzten nun fest, welche Städte Geld gegen den Barbaren
beisteuern sollten und welche Schiffe – denn das Vorgehen war: Vergeltung erlittener Unbill
durch Verwüstungen des königlichen Landes. Damals setzten die Athener zuerst die Behörde
der Schatzmeister von Hellas ein, den Beitrag zu empfangen (…). Der erste Beitrag, der
umgelegt wurde, betrug 460 Talente; als Schatzhaus wählten sie Delos, und dort im Heiligtum
waren auch ihre Versammlungen“.

Aristoteles, Athenaion politeia 23,3-5:

„3. An der Spitze des Volkes standen in jener Zeit Aristeides, Sohn des Lysimachos, und
Themistokles, Sohn des Neokles; der letztere befasste sich mit den Kriegsangelegenheiten,
der erstere galt als fähiger Politiker und als ein Mann, der sich unter seinen Zeitgenossen
durch Gerechtigkeit auszeichnete; daher verwendete man den einen als Strategen, den anderen
als Ratgeber. 4. Den Wiederaufbau der Mauern organisierten sie allerdings gemeinsam,
obwohl sie persönlich Gegner waren; Aristeides aber war es, der die Ionier zum Abfall von
ihrem Bündnis mit den Spartanern bewog, nachdem er bemerkt hatte, dass die Spartaner
wegen Pausanias heftiger Kritik ausgesetzt waren. 5. Deshalb war er es auch, der im dritten
Jahr nach der Seeschlacht bei Salamis, unter dem Archonten Timosthenes (478/77), die ersten
Tribute für die Städte festsetzte, und er leistete den Ioniern die Eide, dass Freund und Feind
für sie gemeinsam sein sollten; zur Bekräftigung dieser Abmachung versenkten sie Eisen-
klumpen im Meer“.

Thukydides 1,98:

„Zuerst nahmen sie durch Belagerung Eion am Strymon, das von den Persern gehalten war,
und machten die Einwohner zu Sklaven – Feldherr war Kimon, Sohn des Miltiades; ebenso
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erging es den Dolopern auf Skyros, der Insel im Ägäischen Meer; diese besiedelten sie selbst.
Darauf führten sie einen Krieg gegen Karystos, ohne das übrige Euböa, und mit der Zeit
einigten sie sich mit einem Vertrag. Dann war Naxos abgefallen, und durch Krieg und
Belagerung gewannen sie es wieder. Das war die erste Bundesstadt, die gegen die Satzungen
geknechtet wurde, dann auch von den übrigen eine um die andere. 99. Die Gründe zum Abfall
waren mancherlei, hauptsächlich rückständige Beiträge und Schiffe, in manchen Fällen auch
Verweigerung der Heeresfolge; denn die Athener trieben die Summen streng ein, und mit
Härte brauchten sie jeden Zwang gegen die Städte, die nicht die Gewohnheit noch auch den
Willen zum beschwerlichen Dienst hatten. Auch sonst waren wohl die Athener nicht mehr
ebenso beliebt als Herrscher; sie waren nicht mehr Kriegsgefährten gleichen Ranges und
hatten es leicht, die Abtrünnigen zurückzuholen – das war der Verbündete eigene Schuld:
denn in ihrem Widerwillen gegen den Felddienst hatten die meisten von ihnen, um nicht von
daheim fern sein zu müssen, statt Schiffen sich das entsprechende Betreffnis in Geld aufer-
legen lassen, und so vergrößerten sie den Athenern die Flotte, indem sie die Kosten dafür
zusammensteuerten, und sie selbst, sooft sie abfielen, begannen den Krieg ungerüstet und
unerfahren“.


Die Reformen des Ephialtes

- 464 v. Chr. schweres Erdbeben in Sparta
- Athen entsendet ein 4000 Mann starkes Hoplitenheer
   unter dem Strategen Kimon
- in Abwesenheit der Hopliten setzt Ephialtes seine Reform durch
- die Macht des Areopag wird beschränkt

Aristoteles, Verfassung der Athener 25,1-2:

„Nach den Perserkriegen hatte die Verfassung, in welcher die Areopagiten die führende
Stellung einnahmen, ungefähr siebzehn Jahre lang Bestand, auch wenn sie einen allmählichen
Niedergang erlebte. Als aber die Volksmenge stärker wurde, gelangte Ephialtes, Sohn des
Sophonides, der als unbestechlich und loyal gegenüber der politischen Ordnung galt, an die
Spitze des Volkes und richtete Angriffe gegen den Rat (auf dem Areopag). Zunächst beseitig-
te er viele der Areopagiten, indem er gegen sie Prozesse wegen ihrer Amtsführung anstrengte.
Dann, unter dem Archonten Konon (462/1), nahm er diesem Rat alle die hinzugekommenen
Funktionen wieder, durch die er Wächter der Verfassung war, und übertrug die einen den
Fünfhundert, die anderen dem Volk und den Gerichten“.

Plutarch, Perikles 9,5:

„Die Archontenwürde wurde nämlich von alters her durch das Los vergeben, und wer sich
über tadellose Amtsführung ausgewiesen hatte, rückte in den Areopag ein. Als nun Perikles
im Volk genügend Rückhalt besaß, brach er den Einfluss dieser Körperschaft. Er ließ ihr
durch Ephialtes die Entscheidung in den meisten Angelegenheiten entziehen und setzte es
durch, dass Kimon als Spartanerfreund und Feind des Volkes verbannt wurde“.

Vgl. Plutarch, Kimon 15: Das Volk „nahm unter Führung des Ephialtes dem Rat auf dem
Areopag bis auf wenige Ausnahmen die Gerichtshoheit, machte sich selbst zur Herrin der
Gerichte und stürzte so den Staat in eine uneingeschränkte Demokratie“.
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Literatur:

J. Bleicken, Die athenische Demokratie, Paderborn 41995, 50-55, 527-533.
J. Martin, Von Kleisthenes zu Ephialtes. Zur Entstehung der athenischen Demokratie, in:
Chiron 4, 1974, 5-42.


Von der Symmachie zur Herrschaft Athens im Seebund.

- 460/54 Expedition und schwere Niederlage der Athener in Ägypten
- Verlegung der Bundeskasse von Delos nach Athen
- ein Sechzigstel des Beitrags geht an die Göttin Athena
- 451 fünfjähriger Waffenstillstand mit Sparta
- 449 sog. Kalliasfriede

Beiträge der Bundesgenossen: Tributliste von 454/3 (sog. lapis primus, HGIÜ I 62):

„Folgende Aparchai, gesondert und insgesamt, angewiesen von den Hellenotamiai, für die …
(Name) Schriftführer war, waren die ersten, über die den dreißig Rechnungsprüfern
Rechenschaft abgelegt wurde, für die Göttin vom Bündner-Tribut im Amtsjahr des Archon
Ariston, für die Athener je eine Mine von jedem Talent:

…
Stagiriten      16 Dr. 4 Ob.
Pharbelier      16 Dr. 4 Ob.
Elaiiten        16 Dr. 4 Ob.
Ephesier       750 Dr.
Ainier        1200 Dr.
Gentinier        8 Dr. 2 Ob.
Naxiaten        16 Dr. 4 Ob.
Madnasier      200 Dr.
Knidier        100 Dr.“


Volksbeschluss der Athener über Erythrai von 453/2 (IG I 3 14; HGIÜ I 63)

„Beschlossen haben der Rat und das Volk: … Die Erythraier sollen zum Fest der Großen
Panathenäen Getreide im Wert von nicht weniger als drei Minen abführen und der
Opferpriester soll an diejenigen, die aus Erythrai anwesend sind, vom Fleisch jedem im Wert
von einer Drachme zuteilen. … Von den Erythraiern soll durch Los der Rat bestimmt sein,
120 Mann. Der durch das Los Gewählte soll sich im Rat der Überprüfung unterziehen, kein
Fremder und niemand unter 30 Jahren darf Ratsherr sein. … Ratsherr soll er nicht noch
einmal binnen vier Jahren sein. Die Episkopoi (= Inspektoren) und der Kommandant der in
Erythrai stationierten Garnison sollen den jetzigen Rat erlosen und konstituieren, in Zukunft
der Rat und der Garnisonskommandant nicht weniger als 30 Tage, bevor der Rat abtritt. …
Schwören soll folgendermaßen der Rat: „Ich werde das Amt des Ratsherrn nach bestem
Vermögen bekleiden und in der Weise, die am besten dem Volk der Erythräer, der Athener
und der Bündner gerecht wird, und ich werde nicht abfallen, weder vom Volk der Athener
noch von den Bündnern der Athener, weder ich selbst noch werde ich jemandem darin Folge
leisten. Auch werde ich von den Verbannten nicht einen einzigen aufnehmen, weder ich
selbst, noch werde ich jemandem Folge darin leisten, und zwar besonders bei den zu den
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Medern geflüchteten, ohne Zustimmung des Rats der Athener und des Volkes von
Erythrai“…“.

Volksbeschluss der Athener über die Kolonie in Brea, um 445 (IG I 3 46; HGIÜ I 82)

„… Als Geonomen (= Landverteiler) soll man zehn Männer wählen, einen aus jeder Phyle.
Diese sollen das Land verteilen. Demokleides soll die Apoikie als Bevollmächtigter nach
bestem Vermögen einrichten. Die heiligen Bezirke, die reserviert sind, soll man lassen, wie
sie sind, und weitere nicht mehr abstecken. Ein Rind und eine Panhoplie soll man zu den
Großen Panathenäen und einen Phallos zu den Dionysien entsenden. Wenn jemand einen
Feldzug gegen das Gebiet der Siedler unternimmt, sollen die Städte energisch Hilfe leisten,
gemäß den Vereinbarungen. … Diejenigen, die sich als zusätzliche Siedler einschreiben
lassen, und zwar von den Soldaten, sollen sich nach ihrer Rückkehr nach Athen binnen 30
Tagen als zusätzliche Siedler in Brea einfinden. Entsenden soll man die Apoikie binnen 30
Tagen. Aischines soll den Zug begleiten und die Gelder auszahlen.
Phantokles stellte den Antrag: Bezüglich der Apoikie nach Brea Übereinstimmung mit dem,
was Demokleides beantragt hat. … Nach Brea sollen Siedler aus der Schicht der Theten und
Zeugiten ziehen“.

Plutarch, Perikles 11:

„Jahr für Jahr ließ er sechzig Trieren auslaufen, auf denen viele Bürger um Sold einen
achtmonatigen Flottendienst leisteten und sich dabei Übung und Erfahrung im Seewesen
aneigneten. Überdies schickte er 1000 Bürger als Siedler nach der Chersones, 500 nach
Naxos, halb so viel nach Andros, 1000 nach Thrakien, wo sie sich unter den Bisalten
niederlassen sollten. Eine weitere Gruppe ließ er nach Unteritalien abgehen, als Sybaris unter
dem neuen Namen Thurioi wieder aufgebaut wurde. Dies alles ordnete er an, um die Stadt
von dem Haufen arbeitsloser und eben deswegen unruhiger Elemente zu befreien, um der Not
des Volkes zu steuern, die Bundesgenossen einzuschüchtern und ihre Aufruhrgelüste durch
eine Art von Besatzung niederzuhalten“.

Thukydides V 32:

„Um die gleiche Zeit in diesem Sommer eroberten die Athener Skione, töteten die Männer,
machten Kinder und Frauen zu Sklaven und gaben das Land zum Bebauen den Plataiern.“


Reformen in der Zeit des Perikles

- 457/6 Zulassung der Zeugiten zum Archontat
- 451 Bürgerrechtsgesetzt des Perikles: Athener ist,
  wer väterlicher- und mütterlicherseits von Athenern abstammt
- Einführung von Diäten
     - zunächst für die 6000 Geschworenen (2 Ob., seit 425 v. Chr. 3 Ob.)
     - für die Ratsmitglieder (5 plus 1 Ob.)

Aristoteles, Verfassung der Athener 26,4:

„… und zwei Jahre danach beschloss man unter Antidotos wegen der Menge der Bürger auf
Antrag des Perikles, es solle nicht das Bürgerrecht genießen, wer nicht von beiden
Elternteilen her zur Stadt gehörte“.
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Aristoteles, Verfassung der Athener 27,3-4:

 „Perikles ließ auch als erster die Gerichte besolden, da er mit dem reichen Kimon um die
Volksgunst zu streiten hatte. Denn Kimon führte, da er über ein königliches Vermögen
verfügte, Liturgien voller Glanz durch, sorgte auch für den Unterhalt vieler
Gemeindemitglieder. Von den Lakiaden konnte jeder, der wollte, jeden Tag zu ihm kommen
und seinen Anteil erhalten. Außerdem waren alle seine Ländereien nicht eingezäunt, so dass
jeder, der wollte, von dem Erntegut nehmen konnte. Bei solcher Freigebigkeit konnte Perikles
mit seinem Vermögen nicht mithalten. … (Damonides gab ihm den Rat), dem Volk doch sein
eigenes Vermögen zu schenken, und so richtete er die Besoldung für die Gerichte ein.
Deshalb klagen manche, seien sie schlechter geworden, da nun die Richter absichtlich immer
mehr nach Zufall als nach Eignung erlost wurden“.


Bürger werden in Athen

   -    Aufnahme in die Hausgemeinschaft
        (Amphidromia – Fest des „um den Herd Tragens“)
   -    Aufnahme in die Phratrie (Apaturienfest)
   -    Aufnahme in den Demos
        (Eintragung in das Register der Bürger – lexikon gramma-
         teion)
   -    Überprüfung im Rahmen einer Diapsephisis

Übernahme eines Amtes

- Dokimasie (Aristot. Ath. pol. 55.3)


Aristoteles, Verfassung der Athener 55,3

„Sie fragen bei der Prüfung zuerst: Wer ist dein Vater, welcher der Demen gehört er an, und
wer ist der Vater deines Vaters? Und wer ist deine Mutter, wer der Vater deiner Mutter und
welcher der Demen gehört er an? Danach fragten sie, ob der Kandidat einen Altar des
Apollon Patroos und eines des Zeus Herkeios habe und wo diese Altäre seien. Dann, ob er
Familiengräber habe und wo diese lägen, sodann, ob er seine Eltern gut behandle, seine
Steuern bezahle und die Feldzüge mitgemacht habe. Nachdem er danach gefragt hat, sagt (der
Vorsitzende des Prüfungsgremiums): Rufe für diese Angaben deine Zeugen auf!“


Bevölkerungszahl in Athen (um 430 v. Chr.)

Ca. 30-50.000 erwachsene männliche Bürger
     => ca. 100-150.000 bürgerliche Bevölkerung
Ca. 9-12.000 erwachsene männliche Metöken
     => ca. 25-35.000 Personen
Ca. 80-120.000 Sklaven

=> ca. 250.000 Menschen insgesamt
                                                                                         20


Timokratische Gliederung der Bürger

Pentakosiomedimnoi               Trierarchien, Eisphora
                                 Choregien
Hippeis (300-500 medimnoi)       Reiter
Zeugiten (200-300 medimnoi)      Hopliten
                                 Ämter (seit 457/56 auch
                                         Archontat)
Theten (unter 200 medimnoi)


Metöken in Athen

- vom rechtlichen Status: Freie
- kein Büregerrecht
- Jahressteuer bei längerem Aufenthalt (12 Dr.)
- am Namen kenntlich (keine Demenzugehörigkeit; statt
  dessen „wohnhaft in … „)
- benötigen einen Bürgen (prostátes)
- sind rechtsfähig
- bei besonderen Verdiensten: énktesis tes ges, epigamía,
  isoteleia
- Verleihung des Bürgerrechts nur durch Ekklesie
- bei Zusammenleben ohne epigamía: graphé xenías
- kein Schutz vor Folter bei Gericht
- Verpflichtung zum Kriegsdienst und zur Eisphora

Sklaven in Athen

- Sklaven waren Eigentum ihres Herrn
- Sklaven waren nicht vermögens- und rechtsfähig
- Bestrafung von Sklaven (Sklavenasyl)
- Belohnungen von Sklaven (größere Rationen, Vertrau-
  ensstellungen, eheähnliche Gemeinschaften, oikogeneis)
- Sklaven in der Landwirtschaft (auf großen Gütern, wahr-
  scheinlich auch bei mittleren Bauern)
- Haussklaven
- Sklaven in Handel und Handwerk
    - chorís oikoúntes; Entrichtung einer Abgabe (apophorá)
- Sklaven im Bergbau
- Exodoulie
- relativ selten: Freilassung

Literatur:

Jochen Bleicken, Die athenische Demokratie, Paderborn etc. 41995, 98-116, 545-553 (Die
soziale Schichtung der Bevölkerung).

John K. Davies, Das klassische Griechenland und die Demokratie, München 1983 (engl.
1978), 109-116 (Die athenische Gesellschaft im 5. Jh.)
                                                                                             21


Die athenische Volksversammlung:

   -   teilnahmeberechtigt sind alle erwachsenen männlichen Bürger
   -   stärkere Teilnahme städtischer Schichten
   -   Versammlung auf Agora, später Pnyx, später Dionysostheater
   -   nach dem Peloponnesischen Krieg Diäten (1, 2, 3 Obolen)
   -   Einberufung durch Prytanen (Ratsausschuss)
   -   es gibt keine Stimmkörper oder eine andere Untergliederung (reines
       Mehrheitssystem
   -   Probouleuma des Rats der 500
   -   letzte Entscheidungskompetenz (Herstellung verbindlicher Entschei-
       dungen) liegt bei der Volksversammlung
   -   Vorsitz hat der epistates ton prytaneon (gleichzeitig Vorsitz der Pry-
       tanie und des Rates), im 4. Jh. neun próhedroi, die Vorsitz auslosen.
   -   jeder Bürger darf vor dem Volk sprechen
   -   Abstimmung durch Handheben (selten mit Stimmsteinen)
   -   Klagemöglichkeit gegen próhedroi, epistátes und Demagogen
       (graphé paranómon)
   -   Archivierung der Beschlüsse im Metroon
   -   im 4. Jh. lag das Gesetzgebungsverfahren bei den Nomotheten
   -   Wahl einiger Amtsträger (Strategen), mögliche Abwahl, Sicherung
       der Getreideversorgung, Verteidigung und Krieg, Bittgesuche, Kult,
       auswärtige Beziehungen, Finanzwesen, Bauwesen


Tod, Greek Historical Inscriptions II 35 (337/6 v. Chr.)

„Im Archontat des Phrynichos während der neunten Prytanie der (Phyle) Leontis, für die
Chairestratos, Sohn des Ameinias, aus Acharnai Schreiber war. Von den Vorsitzenden ließ
Menestratos aus Aixone abstimmen. Eukrates, Sohn des Aristotimos, aus dem Piräus stellte
den Antrag:
Zu gutem Glück des Volkes der Athener. Von den Nomotheten soll beschlossen sein: Wenn
einer sich gegen das Volk mit dem Ziel der Tyrannis erhebt oder die Tyrannis miteinführt
oder das Volk der Athener oder die Demokratie in Athen stürzt, dann soll derjenige, der einen
derartigen Täter tötet, entsühnt sein. …“

IG I3 110: Volksbeschluss über die Proxenie für Oiniades von Palaiskiathos (408/7 v. Chr.)

„Götter. Beschlossen haben der Rat und das Volk, (die Phyle) Antiochis hatte die Prytanie
inne, Eukleides war Schreiber, Hierokles war Epistates. Euktemon war Archon, Dieitrephes
stellte den Antrag:
Da sich Oiniades aus Alt-Skiathos um die Stadt der Athener verdient gemacht hat und
entschlossen ist, sie nach Kräften zu fördern, und den Athenern, die nach Skiathos kommen,
Wohltaten erweist, soll man ihn ehren und als Proxenos und Wohltäter der Athener aufzeich-
nen, ihn und seine Nachkommen. … Antichares stellte den Antrag: In allen Punkten Über-
einstimmung mit dem Rat, doch soll man bei dem Beschluss anders schreiben: statt ‚aus
Skiathos‘ solle stehen: ‚Oiniades aus Alt-Skiathos‘“.
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Literatur:

Mogens Herman Hansen, Die athenische Demokratie im Zeitalter des Demosthenes, Berlin
1995 (engl. 1991), 128-166 (Die Volksversammlung).

Die athenischen Geschworenengerichte:

- Quellen: Gerichtsreden (Antiphon von Rhamnous, Andokides, Lysias,
           Isokrates, Isaios, Demosthenes, Demades, Hypereides)
    - es ist nur die Rede einer Prozesspartei erhalten
    - Gesetze sind nur paraphrasiert oder in Auszügen zitiert
    - Ablauf des Prozesses lässt sich durch Reden nicht rekonstruieren
- Voraussetzung: Bürgerrecht und Alter von 30 Jahren
- mehrere Hundert Geschworene (juristische Laien)
- Magistrat (árchon) nimmt Klage entgegen und weist sie einem Ge-
  richtshof zu (kein Stimmrecht beim Urteil)
- Rede des Klägers und des Angeklagten mit begrenzter Zeit
- Geschworene sind nur Zuhörer; Abstimmung unmittelbar nach den
  Reden ohne Beratung (keine Urteilsbegründung, keine zweite
  Instanz)
- Bemessung des Strafmaßes: agón atímetos (festgelegtes Strafmaß)
  oder agón timetós („nach Ehre“)
- Geschworene werden erlost
    - Losung von 6000 Geschworenen am Anfang des Jahres (Eid)
    - 5. Jh.: 10 Abteilungen à 600 Geschworene für jeden Magistraten;
      60 Geschworene pro Phyle
    - Reform von 378/77: Auslosung der Geschworenen (Bestimmung
      von 10 Auslosern; Losung der weiteren Geschworenen durch Los-
      maschine; Zulosung der Prozesse; Losung des Magistrats, der
     Stimmenauszähler und derer, die die Diäten auszahlen)
- überdurchschnittliche hohe Teilnahme der Alten

=> kein Berufsrichtertum, keine Rechtswissenschaft


Areopag:

- ehemalige Archonten (mind. 30 Jahre)
- zugelassen waren Pentakosiomedimnoi, spätestens seit 487 Hippeis,
  seit 457 Zeugiten
- Aufnahme nach Rechenschaftsablage und Prüfung
- Mitgliedschaft auf Lebenszeit
- Gerichtshof für Tötungsdelikte, Kontrollfunktionen
- starke Beschränkung der Kompetenzen im 5. Jh., Ausweitung der
  Kompetenzen im 4. Jh.
- Anakrisisverfahren, Vorverfahren (apóphasis)


Rat der 500:

- Vorbestimmung der Kandidaten in den Demen (Dörfern)
                                                                                           23


- Prüfung durch Dokimasie
- man konnte zweimal Ratsmitglied werden
- jede Phyle stellt 50 Ratsmitglieder (Vorsitz für 1/10 des Jahres)
- Prytanie beruft Rat ein, bestimmt Tagesordnung
- keine Ausbildung von Parteien
- Diäten (4 Obolen; zusätzlich 1 Obole für Prytanen)
- Ratseid
- Beratungen zur Vorbereitung der Volksversammlungen, Dokimasie,
  Überprüfung der Reiter und der Bedürftigen

Literatur:

Mogens Herman Hansen, Die athenische Demokratie im Zeitalter des Demosthenes, Berlin
1995 (engl. 1991), 184-232 (Das Volksgericht); 299-306 (Areopag); 255-275 (Rat der 500).

Die Pest in Athen

Homer, Ilias 8-10, 42-52

„Wer von den Göttern brachte sie aneinander, im Streit zu kämpfen?
Der Sohn der Leto und des Zeus. Denn der, dem König zürnend,
Erregte eine Krankheit im Heer, eine schlimme, und es starben die Völker, …“

„Und schritt herab [Apollon] von des Olympos Häuptern, zürnend im Herzen,
und trug den Bogen über den Schultern und den beiderseits überdeckten Köcher,
Und es klirrten die Pfeile an den Schultern des Zürnenden,
Während er sich bewegte, und er schritt hin, der Nacht gleich,
Setzte sich dann, abseits von den Schiffen, und sandte den Pfeil auf sie,
Und ein schrecklicher Klang kam von dem silbernen Bogen.
Die Maultiere überkam er zuerst und die flinken Hunde,
Dann aber, auf sie selbst das Geschoss, das spitze richtend,
Traf er, und immer brannten in Mengen die Scheiterhaufen mit den Toten.“

Herodot VI 27 (zum Jahr 494 v. Chr.)

„Schwere Schicksalsschläge für eine Stadt oder ein Volk pflegen sich vorher anzukündigen.
Auch in Chios waren vor diesen Ereignissen große Zeichen geschehen. Von einem Chor von
100 Jünglingen, den sie nach Delphi schickten, kehrten nur zwei nach Hause zurück; eine
Seuche raffte die übrigen 98 dahin. Ferner stürzte zur gleichen Zeit kurz vor der Seeschlacht
in der Stadt die Decke auf lernende Kinder in der Schule, so dass von 120 Jungen nur einer
mit dem Leben davon kam. Solche Zeichen hatte der Gott vorher geschickt“.

Hippokrates, Epidemiai I 3 [598-603]:

„Auf Thasos gab es im Herbst zur Zeit der Tagundnachtgleiche bis zum Plejadenuntergang
reichlich und ununterbrochen sanften Regen bei Südwind, im Winter Südwind, wenig Nord-
wind, Trockenheit; ... . Im Frühjahr gab es Südwind, Kälte, wenig Regen; der Sommer war
meistens bewölkt, regenlos. Die Etesien [beständige Nordwestwinde] wehten selten, schwach
und mit Unterbrechungen. Da das Wetter im ganzen zu Südwind und Trockenheit neigte,
traten zu Beginn des Frühlings nach der vorhergehenden entgegengesetzten Wetterlage, die
unter dem Einfluss des Nordwinds stand, bei einigen wenigen Menschen Brennfieber [viel-
                                                                                             24


leicht typhöse Erkrankungen] auf, die durchaus gutartig verliefen; einige bekamen auch Blu-
tungen, aber sie starben nicht daran. Bei vielen zeigten sich einseitige und beidseitige Schwel-
lungen an den Ohren, bei den meisten ohne Fieber, so dass sie nicht zu liegen brauchten.
Manche hatten auch etwas Temperatur. Bei allen erlosch die Krankheit, ohne ihnen zu scha-
den, und keinem kam Eiter, wie bei Schwellungen aus anderen Gründen. Die Schwellungen
waren weich, groß und ausgedehnt, ohne Entzündung und Schmerz. Sie verschwanden bei
allen, ohne Spuren zu hinterlassen. Sie befielen Kinder, junge Leute, Erwachsene, darunter
vor allem die, die in der Palästra und in Gymnasien Sport trieben; Frauen befielen sie nur
selten“.

Andokides fr. 4 Blass

„Mögen wir niemals wieder die Kohlenbrenner [gemeint sind die vor allem in Acharnai
ansässigen Köhler] sehen müssen, wie sie mit ihren Karren von den Bergen herab in die Stadt
Athen hineinkommen, nicht die Schafe und Rinder, nicht die hilflosen Frauen, nicht die Alten
und die Arbeiter auf dem Feld, die sich für den Kampf bewaffnen. Mögen wir niemals wieder
wilde Gemüse und wilden Kerbel essen müssen“.

Thukydides II 49-51,1

„Es war jenes Jahr, wie allgemein festgestellt wurde, in bezug auf die andern Krankheiten
grade besonders gesund. Wer schon vorher ein Leiden hatte, dem ging es immer über in
dieses, die andern aber befiel ohne irgendeinen Grund plötzlich aus heiler Haut zuerst eine
starke Hitze im Kopf und Rötung und Entzündung der Augen, und innen war sogleich alles,
Schlund und Zunge, blutigrot, und der Atem, der herauskam, war sonderbar und übelriechend.
Dann entwickelte sich daraus ein Niesen und Heiserkeit, und ziemlich rasch stieg danach das
Leiden in die Brust nieder mit starkem Husten. Wenn es sich sodann auf den Magen warf,
drehte es ihn um, und es folgten Entleerungen der Galle auf all die Arten, für die die Ärzte
Namen haben, und zwar unter großen Qualen, und die meisten bekamen dann einen leeren
Schlucken, verbunden mit einem heftigen Krampf, der bei einigen alsbald nachließ, bei
andern auch erst viel später. Wenn man von außen anfasste, war der Körper nicht besonders
heiß, noch auch bleich, sondern leicht gerötet, blutunterlaufen und bedeckt von einem dichten
Flor kleiner Blasen und Geschwüre; aber innerlich war die Glut so stark, dass man selbst die
allerdünnsten Kleider und Musselindecken abwarf und es nicht anders aushielt als nackt und
sich am liebsten in kaltes Wasser gestürzt hätte. Viele von denen, die keine Pflege hatten,
taten das auch, in die Brunnen, vor dem unstillbaren Durst. Es war kein Unterschied, ob man
viel oder weniger trank. Und die ganze Zeit quälte man sich in der hilflosen Unrast und
Schlaflosigkeit. Solang die Krankheit auf ihrer Höhe stand, fiel auch der Körper nicht
zusammen, sondern widerstand den Schmerzen über Erwarten. Entweder gingen daher die
meisten am neunten oder siebten Tag zugrunde an der inneren Hitze, ohne ganz entkräftet zu
sein, oder sie kamen darüber weg, und dann stieg das Leiden tiefer hinab in die Bauchhöhle
und bewirkte dort ein starkes Schwären, wozu noch ein wässriger Durchfall auftrat, so dass
die meisten später an diesem starben, vor Erschöpfung. Denn das Übel durchlief von oben
her, vom Kopfe, wo es sich zuerst festsetzte, den ganzen Körper, und hatte einer das
Schlimmste überstanden, so zeigte sich das am Befall seiner Gliedmaßen: denn nun schlug es
sich auf Schamteile, Finger und Zehen, und viele entrannen mit deren Verlust, manche auch
dem der Augen. Andere hatten beim ersten Aufstehen rein alle Erinnerung verloren und
kannten sich selbst und ihre Angehörigen nicht mehr. Denn die unfassbare Natur der
Krankheit überfiel jeden mit einer Wucht über Menschenmaß, und insbesondre war dies ein
klares Zeichen, dass sie etwas anderes war als alles Herkömmliche: die Vögel nämlich und
die Tiere, die an Leichen gehn, rührten entweder die vielen Unbegrabenen nicht an, oder sie
                                                                                              25


fraßen und gingen dann ein. Zum Beweis: es wurde ein deutliches Schwinden solcher Vögel
beobachtet; man sah sie weder sonst noch bei irgendeinem Fraß, wogegen die Hunde
Spürsinn zeigten für die Wirkungen wegen der Lebensgemeinschaft. So war also die Seuche
... “.

Der Peloponnesische Krieg

431-421 Archidamischer Krieg

421       Nikias-Friede

414-404 Dekeleischer Krieg

420      Spartas Bündnis mit Boiotien; Athens Bündnis mit Argos, Mantineia und Elis

416      Eroberung von Melos

415-413 Sizilienexpedition

414      Aufnahme des Krieges gegen Sparta; Sparta besetzt Dekeleia

408, 405 athenische Niederlagen bei Notion und Aigospotamoi

404      Belagerung Athens durch Lysandros, Kapitulation Athens

404/3     Oligarchischer Umsturz und Bürgerkrieg in Athen; Demokraten besetzen Phyle,
         ziehen von dort in den Piräus. Offener Bürgerkrieg

403      Teilung Attikas

395-386 Korinthischer Krieg

386      Königsfriede (koíne eirene)


Alexis de Tocqueville „Über die Demokratie in Amerika“ (1835)

„In Amerika ernennt das Volk den, der das Gesetz macht, und den, der es ausführt; es selbst
bildet das Gericht, das die Gesetzesübertretungen bestraft. Die Einrichtungen sind nicht
nur grundsätzlich, sondern auch in ihrer ganzen Entwicklung demokratisch; so ernennt das
Volk unmittelbar seine Vertreter, und es wählt sie im allgemeinen jedes Jahr, um sie
möglichst ganz von sich abhängig zu machen. Es ist also wirklich das Volk, das lenkt, und
obwohl es eine volksvertretende Regierungsform ist, besteht kein Zweifel, dass die
Meinungen, die Vorurteile, die Interessen und selbst die Leidenschaften des Volkes keine
dauernden Hemmnisse finden können, die sie abhalten, täglich auf die Lenkung der
Gesellschaft einzuwirken“.

Thukydides II 37,1-2 (Gefallenenrede des Perikles)

„Die Verfassung, nach der wir leben, vergleicht sich mit keiner der fremden; viel eher sind
wir für sonst jemand ein Vorbild als Nachahmer anderer. Mit Namen heißt sie, weil der Staat
nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist, Demokratia. Nach dem
Gesetz haben in den Streitigkeiten der Bürger alle ihren gleichen Teil, der Geltung nach aber
                                                                                           26


hat im öffentlichen Bereich den Vorzug, wer sich irgendwie Ansehen erworben hat, nicht
nach irgendeiner Zugehörigkeit, sondern nach seinem Verdienst; und ebenso wird keiner aus
Armut, wenn er für die Stadt etwas leisten könnte, durch die Unscheinbarkeit seines Namens
verhindert. Sondern frei (eleútheros) lebenwir miteinander im Staat“.

Alexis de Tocqueville

„Ich setze voraus, dass alle Bürger an der Regierung teilhaben und dass jeder einen gleichen
Anspruch auf diese Mitwirkung besitzt. Da keiner sich demnach von seinen Mitmenschen
unterscheidet, wird niemand eine tyrannische Macht ausüben können. Die Menschen werden
vollkommen frei sein; und sie werden alle voll-kommen gleich sein, weil sie alle völlig frei
sind. Dies ist das Ideal, dem die demokratischen Völker nachstreben“.

				
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