Liebe Studierende_ by lonyoo

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									Liebe Studierende,


In meiner Funktion als Behindertenbeauftragte der Leopold-Franzens-Universität
Innsbruck erlaube ich mir, Ihnen/Dir einen persönlichen Erfahrungsbericht des
Austrian-Student-Programs in New Orleans zukommen zu lassen.


Nach einem Verkehrsunfall 1994 war ich für lange Zeit Rollstuhlbenutzerin. In dieser
Zeit habe ich an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck Politikwissenschaft
studiert. 1999, kurz vor meiner Sponsion, kam Frau Ellen Palli auf mich zu, ob ich
nicht Lust hätte im Februar 2000 am Austrian-Student-Program in New Orleans
teilzunehmen. Zu Beginn dieses Unterfangens herrschten meinerseits Skepsis und
Unsicherheit vor. Im Zuge intensiver Gespräche mit Frau Palli lernten wir uns besser
kennen und so konnten „step by step“ zahlreiche Bedenken beiderseits aus dem
Weg geräumt werden. Gegenseitiges Vertrauen wurde aufgebaut.


Nach einer präzisen Vorbereitungszeit, gemeinsam mit Frau Ellen Palli, war es im
Februar 2000 endlich soweit: Das Experiment „first Student with wheelchair im
Austrian exchange Program for Students in New Orleans“ und damit eine
wunderbare Reise über den großen Teich konnte endlich beginnen. Ich wurde als
„the first Student with Disability“ in das reguläre, jährlich im Februar stattfindende
Studentenaustauschprogramm aufgenommen. Eine Freundin erklärte sich bereit,
mich auf der Reise zu begleiten und zu unterstützen. Zu Beginn der Reise
überkamen mich zahlreiche Bedenken und Fragen: Wie werde ich in einer Gruppe
„for Students without Disabilities“ zu recht kommen? Werde ich mit dem Rollstuhl in
Amerika überhaupt zurecht kommen? Wie werde ich in New Orleans von meiner
Gastfamilie   aufgenommen      werden?    Werde    ich   mich   in   der   Gastfamilie
zurechtfinden? Wie sieht es überhaupt mit einer barrierefreien Infrastruktur in den
U.S.A aus? …


Fragen über Fragen, Bedenken über Bedenken die sich allesamt im Nachhinein,
aufgrund der gründlichen Vorbereitungsphase, als total unnötig herausstellten! Ich
wurde von meinen KommilitonInnen sehr herzlich empfangen – wir hatten viel Spaß
miteinander - und fand mich auch im Hotel in Washington DC. und später bei meiner



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Gastfamilie in New Orleans sowohl infrastrukturell wie auch sozial-gesellschaftlich
optimal zurecht.


Über die selbstverständliche Barrierefreiheit in den U.S.A. war ich sehr überrascht
und glücklich. Lift und Behindertentoiletten waren zahlreich vorhanden ohne danach
suchen zu müssen und auch die einheimische Bevölkerung reagierte freundlich und
vor allem mit angemessener Hilfestellung auf meine Behinderung. Ich fühlte mich
einfach frei, akzeptiert und angenommen.


Nach einem Kurzaufenthalt in Washington DC., welcher intensiv für Besichtigungen
genützt wurde, ging die Reise weiter nach New Orleans. Wir wurden von unserer
Gastfamilie sehr herzlich empfangen und fieberten unserem Besuch an der
University of New Orleans (UNO) erwartungsvoll entgegen. Zuerst einmal waren wir
total über die Ausmaße des Campus erstaunt. In den ersten Tagen an der UNO war
lediglich ein großer roter Schornstein am Campusgelände, in der Nähe des Center
Austria’s, unser Orientierungspunkt. (Wir hofften inständig, dass kein zweiter
Schornstein am Horizont auftaucht und uns in Orientierungsschwierigkeiten bringt).
Wir hatten keinerlei barrieremäßigen Schwierigkeiten unsere „classes and courses“
zu erreichen. Die Mensa (Cove) war jeden Morgen für unseren „first-aid-coffee“
gerüstet. Die „Courses“ wurden durch unsere ProfessorInnen sehr interessant
gestaltet (inkl. Exkursionen). Anhand dieser gewannen wir einen reichhaltigen
Einblick in Politik, Wirtschaft, Geschichte und Soziologie der U.S.A.
Wir genossen alle die diversen Freizeitaktivitäten die Frau Ellen Palli mit ihrem
Gatten Wolfgang im Vorfeld zusammengestellt und für uns organisiert hatten. Dank
den „Palli-taxi-drivers“ (mit Minivans ausgerüstet) war es auch mir mit Rollstuhl
möglich, an den diversen Freizeitaktivitäten uneingeschränkt teilzunehmen. „Oak
Alley“, die „Swamp Tour“, die „Sea World“, der „River Walk“, der Mississippi-Hafen,
zahlreiche „Shopping malls“ das „Palace movie theater“, waren für mich barrierefrei
und ohne weiterer Komplikationen zu erreichen. Kurze Abweichungen gab es
lediglich bei der „Swamp Tour“. Während meine KollegInnen mit Canoes den
Nationalpark erkundeten war ich „by trail“ inklusive Alligatoren und Schlangen am
Wegesrand, unterwegs.




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Auch heute noch denke ich gerne an diese wunderschöne Reise zurück. Ich
profitierte von diesem Studienaufenthalt auf mehreren Ebenen. Nicht nur in Form des
Studiums an der University of New Orleans, durch den sozialen Kontakt zur
amerikanischen     Bevölkerung     über        die       Gastfamilie,   durch    sehr   schöne
Reiseerlebnisse     bzw.     Eindrücke     und           durch   die     Perfektionierung     der
Sprachkenntnisse. So trug dieser Aufenthalt auch sehr intensiv zu mehr
Selbstbewusstsein, Reifung und auch zu meiner Persönlichkeitsbildung bzw. –
findung bei.
Dieses Austauschprogramm ist im wahrsten Sinne des Wortes durch „Nachhaltigkeit“
geprägt. Auch mein beruflicher Werdegang ist nach wie vor durch diesen
unvergesslichen Aufenthalt bestimmt.


Facit:
Warum wird ein Austrian-Student-Program for Students with Disabilities von
uns initiiert?


Um    ein   barrierefreies   Gelingen    für       die    Studierenden     als   auch   für   die
Programmverantwortlichen gewährleisten zu können und somit zu einer für alle
Beteiligten unvergesslichen Reise mit optimalen barrierefreien Bedingungen
beitragen zu können, bedarf es einer individuellen Vorbereitung sowie einer
individuell auf die Bedürfnisse der Studierenden abgestimmten Reisedurchführung.




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