Docstoc

Herkunft und Bedeutung der Kata

Document Sample
 Herkunft und Bedeutung der Kata Powered By Docstoc
					Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate – Teil 1                                        SSKO




                Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate
                        von Daniel Gähwiler (Mai 2006) – im Auftrag von SSKO
                             Swiss Shorin-Ryu Karate-Do Organisation

Begriffserklärung                                    einfach nur Te. Im 17. Jahrhundert teilte sich das
                                                     ursprüngliche System des Tode in drei Haupt-
Das japanische Kanji-Zeichen für Kata bedeutet
                                                     systeme auf: Die Systeme aus der Gegend von
soviel wie Form, Umriss oder Muster. Eine Kata
                                                     Shuri und Tomari bezeichnete man als Shuri-te
ist denn auch eine formale Übung mit vorgege-
                                                     und Tomari-te bzw. mit dem Überbegriff Shorin-
benen Block-, Stoss- und Schlagtechniken, wel-
                                                     Ryu, das System aus Naha als Naha-te oder auch
che in einer festgelegten Reihenfolge ausgeführt
                                                     als Shorei-Ryu bzw. Goju-Ryu.
             werden. Die einzelnen Sequenzen
             spiegeln defensive und offensive
             Technikkombinationen wieder und         Veränderung auf Okinawa
             werden gegen einen oder auch            Viele auch noch heute geübte Formen sind
             mehrere imaginäre Angreifer geführt.    chinesischen Ursprungs. Aber leider konnten die
             Trotz des recht einfachen Grund-        oft sehr komplexen chinesischen Formen auf
prinzips ist eine Kata mehr als nur die Summe        Okinawa häufig nicht oder nur sehr ungenügend
ihrer Einzelteile. Kata besitzen Charakter, was      verstanden werden. Denn für die korrekte Inter-
sich auch in den individuellen Namen zeigt, und      pretation und die Anwendung der Bewegungen
beinhalten die essenziellen Techniken und            waren Kenntnisse über Vitalpunkte (Dianxue) und
Kampfmethoden eines Kampfstiles. Über viele          über die chinesische Kultur und Philosophie not-
Jahrhunderte waren die Kata das zentrale Mittel,     wendig. Beides war in der Regel bei den
die Kampfkunst zu bewahren, weiter zu ent-           Okinawanern
wickeln und an eine nächste Generation von           nicht vorhanden
Meistern weiterzugeben.                              und so wurden
                                                     sehr häufig ledig-
Ursprung                                             lich die Techniken
                                                     mehr oder weni-
Vermutlich haben die Einwohner Okinawas (Ryu
                                                     ger genau kopiert.
Kyu Inseln) schon über viele Jahrhunderte hinweg
                                                     In der Regel war
eine eigene Kampfkunstkultur entwickelt. Ent-
                                                     es nur mit Hilfe
scheidend verändert hat sich die Kampfkunst aber
                                                     eines     Meisters
mit Sicherheit unter dem Einfluss der chine-
                                                     möglich,       alle
sischen Kampfkünste, dem Quanfa (Gongfu,
                                                     Komponenten
Kung-fu). Durch den regen Handel mit Südchina
                                                     einer Kata richtig
ab Mitte des 14. Jahrhunderts kamen die Okina-
                                                     zu erfassen und
waner immer wieder in Kontakt mit Quanfa
                                                     zu interpretieren.
Meistern. Zudem wurde 1393 mit Kumemura, in
                                                     Das gesamte Spektrum einer Form und vor allem
der Nähe von Naha, die erste chinesische Mission
                                                     deren Bedeutungen und Anwendungen wurden
in Okinawa gegründet, welche eine wichtige
                                                     meistens nur im Geheimen von einem Meister an
Funktion im Austausch zwischen der chinesischen
                                                     seine besten Schüler, innerhalb der Familie oder
und der okinawanischen Kultur spielte. Die
                                                     unter den Bewohnern eines Dorfes weiter-
Mission – man nannte sie auch „Die 36 Familien“
                                                     gegeben. Hinzu kam, dass Karate lange Zeit nur
– diente als Residenz für die chinesischen Diplo-
                                                     mündlich überliefert und bis zu Beginn des 20.
maten, für die Militärgesandten und für die
                                                     Jahrhunderts nicht öffentlich gelehrt wurde.
Handelsreisenden und sie bot den jungen
                                                     Selbstverständlich wurden die Kata auch immer
Okinawanern Gelegenheit, die chinesische Kultur
                                                     wieder verändert und an die spezifischen
und Sprache kennenzulernen. Es ist deshalb auch
                                                     Bedürfnisse einer Person angepasst. Dies
sehr wahrscheinlich, dass die Einheimischen hier
                                                     äusserte sich z.B. darin, dass dieselbe Technik
mit der chinesischen Selbstverteidigung in
                                                     leicht unterschiedlich ausgeführt wurde oder dass
Kontakt kamen. Zudem weilten zahlreiche
                                                     sich das kämpferische Verständnis und die Inter-
Okinawaner in China und lernten direkt bei
                                                     pretation änderten. Schliesslich entstanden so im
Quanfa Meistern. Im Laufe der Zeit entstand so
                                                     Laufe der Zeit nach und nach unterschiedliche
das sogenannte Tode. Mit To wurde alles
                                                     Versionen ein und derselben Kata.
bezeichnet was aus China kam. De, oder auf
japanisch Te, bedeutet Technik oder Hand. Mit
Tode ist also gemeint, die Technik der Chinesen
oder die Technik aus China. Später bezeichnete
man die Kampfkunst auch als Okinawa-Te oder


                                                                                                   1/2
Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate – Teil 1                                         SSKO


Grundlage für Selbstverteidigung                      welche aus bis zu 200 Techniken bestanden,
                                                      auszuführen. So wurden die Kata geteilt oder es
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die
                                                      entstanden gänzlich neue Kata, welche zum Teil
Kata immer der Mittelpunkt eines Kampfsystems.
                                                      aus alten Formen abgeleitet wurden. Es wurden
Sie waren ein Mittel zur Selbstentwicklung und
                                                      zudem viele subtile Techniken aus den Kata
dienten als Grundlage für die Selbstverteidigung.
                                                      entfernt. Dies und die veränderte Dynamik bei der
Die Kata wurden dementsprechend auch sehr
                                                      Ausführung vieler Kata macht es schwierig, zum
kämpferisch ausgelegt. Die Ausführung einer
                                                      eigentlichen Kern einer Kata vorzustossen und die
Bewegung wurde nicht nach ästhetischen
                                                      Bunkai, d.h. die Anwendung im Kampf, zu finden.
Gesichtspunkten beurteilt, sondern nach deren
                                                      Will man eine Kata aber wirklich verstehen und
Effizienz und nach der Tauglichkeit für die
                                                      dementsprechend interpretieren können, so ist
Selbstverteidigung. So wurden beispielsweise
                                                      genau dies notwendig. Nur dann werden die Kata
keine Fusstechniken zum Kopf geführt, weil dies
                                                      zu mehr als nur einer sportlichen Übung ohne
als zu riskant angesehen wurde. Das Interesse
                                                      grossen Inhalt.
galt ausschliesslich der Realität. Distanzen,
Stellungen und Bewegungsformen wie sie im
heutigen Wettkampfkarate benützt werden, sind         Die alten Kata
für die Selbstverteidigung meist untauglich.          Wie die einzelnen Kata zustande kamen, woher
Während das ganze Kampfgeschehen im Sport             sie stammen und wie sie in einem realen Kampf
aus einer grossen Distanz ausgeübt wird, erfolgen     genutzt oder übersetzt werden können, ist bei den
in der Selbstverteidigung die Aktionen meist in der   meisten Kata nicht restlos geklärt und zum Teil
Nahdistanz. Allein die Risikobereitschaft für den     auch kaum mehr nachvollziehbar. Viele der heute
Angriff, wie er im Sportkarate praktiziert wird,      geübten Kata sind in ihrem Ursprung sehr alt und
kann in der Selbstverteidigung tödlich sein.          lassen sich auf die im 18. und 19. Jahrhundert
                                                      dominanten drei Hauptrichtungen Shuri-Te,
Entwicklung im 20.Jahrhundert                         Tomari-Te und Naha-Te zurückführen.
                                                      Bushi Matsumura (1797 – 1889) war der erste
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entschlossen
                                                      Lehrer des Shuri-Te, der die Kata systematisierte.
sich einige Meister, Karate öffentlich zu unter-
                                                      Einer seiner wichtigsten Nachfolger Yasutsune
richten. Yasutsune Anko Itosu war 1905 der erste
                                                      Anko Itosu (1830 – 1915) hat das Katasystem des
                     Lehrer, der Karate an einer
                                                      Shuri-Te erweitert und weiterentwickelt. Im
                     öffentlichen Schule von Oki-
                                                      benachbarten Tomari waren es Chokun Makabe,
                     nawa unterrichtete. Meister
                                                      Kosaku Matsumora (1829 – 1898) und Peichin
                     Itosu hat viele effektive und
                                                      Oyadomori (1831 – 1905), welche die Tomari-Te
                     potenziell gefährliche Tech-
                                                      Kata entwickelten.
                     niken aus den Kata entfernt
                                                      Die Shuri- und Tomari-Te Kata bilden die Basis
                     oder zumindest entschärft
                                                      für die heute geübten Kata des Shorin-Ryu und
                     und hat vor allem den körper-
                                                      der beiden grossen japanischen Stile Shotokan-
                     lichen, gesundheitsfördern-
                                                      Ryu und Wado-Ryu.
                     den Aspekt in den Vorder-
                                                      Im Naha-Te haben Kanryo Higashionna (1845 –
                     grund gestellt.
                                                      1915), Kamadeunchu Arakaki (1840 – 1920) und
                     Mit der Einführung von Kihon
                                                      Yoshihiro Bushi Sakiyama (1819 - ) wesentlich zur
(Üben     der   Grundtechniken)      und    Kumite
                                                      Entstehung der Naha-Te Kata beigetragen. Diese
(Freikampf) rückten andere Elemente des Karate
                                                      Kata bilden das Fundament der verschiedenen
immer mehr in den Vordergrund. Im modernen
                                                      Schulen des Goju-Ryu.
Karate ist das Üben einer Kata sehr häufig nicht
                                                      Im Shito-Ryu – dem vierten grossen japanischen
mehr das zentrale Element der Ausbildung,
                                                      Stil – werden sowohl Shuri-, Tomari- als auch
sondern nur noch eines der drei Elemente Kihon,
                                                      Naha-Te Kata geübt. Zusammen mit den neueren
Kumite und Kata.
                                                      Kata beinhaltet Shito-Ryu rund 60 verschiedene
Vor allem mit dem Aufkommen von Wettkämpfen
                                                      Kata.
wurde das Karate „sportlicher“, d.h. die Techniken
                                                      Neben diesen, einem breiteren Kreis von Meistern
wurden schneller und dynamischer und mit mehr
                                                      zugänglichen Kata, gibt es aber auch Familienstile
körperlichem Einsatz ausgeführt, die Stellungen
                                                      wie das Motobu-Ryu, Kojo-Ryu oder Ryuei-Ryu
tiefer und der ästhetische Eindruck einer Kata
                                                      (Naikaima Familie), welche ihre eigenen Kata
immer wichtiger. Karate (und damit verbunden
                                                      pflegen und diese bis vor wenigen Jahren jeweils
auch die Kata) bewegten sich immer mehr weg
                                                      nur an sehr wenige Eingeweihte weitergaben.
von einer effektiven Verteidigungskunst hin zu
einer spektakulären Wettkampfform, bei der wir-
kungsvolle Techniken aus verständlichen Grün-
den nicht eingesetzt werden dürfen. Aufgrund des
grösseren körperlichen Einsatzes war es zum Teil
schlicht nicht mehr möglich, die alten Formen,


                                                                                                    2/2
Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate – Teil 2                                                  SSKO




                                       Übersicht der Kata
                         von Daniel Gähwiler (Mai 2006) – im Auftrag von SSKO
                              Swiss Shorin-Ryu Karate-Do Organisation

Die alten Kata
                                 Shuri-Te Kata
Viele     der   heute    noch
                                 Pinan (Heian) Shodan - Godan      Friede, Ruhe, Friedvoller Geist 1 - 5
bekannten und geübten Kata
lassen sich auf die im 19.       Naihanchi (Tekki) Shodan - Sandan Kämpfen in der Mitte des Schlachtfeldes
Jahrhundert dominanten drei                                        (Eisenreiter) 1 - 3
Hauptschulen        Shuri-Te,    Passai (Bassai) Dai/Sho           Sturm auf die Festung (gross/klein)
Tomari-Te und Naha-Te            Seisan (Hangetsu)                 Dreizehn Hände (Halbmond)
zurückführen.                    Kusanku (Kanku) Dai/Sho           Chinesischer Militärgesandter
Bei der Zuordnung der Kata                                         (Blick in den Himmel) (gross/klein)
existiert     dabei     keine    Useishi (Gojushiho)               Vierundfünzig Schritte
eindeutige Trennlinie zwi-       Chinte                            Seltene Hand, Chinesische Hand
schen den Stilen, da die         Jitte                             Tempelhand, Zehn Hände
Kata auch immer wieder in        Jiin                              Tempelboden, Liebe und Schatten
anderen Stilrichtung geübt       Jion                              Tempelklang, Liebe und Güte
wurden. So war es üblich,        Hakutsuru                         Weisser Kranich
dass die Lehrer der verschie-
denen       Schulen     unter-   Tomari-Te Kata
einander einen guten Kon-        Chinto (Gankaku)                   Name eines chinesischen Besuchers
takt pflegten und natürlich                                         (Kranich auf dem Felsen)
auch ihr Karate austausch-       Wansu (Empi)                       Chinesischer Militärgesandter
ten. Ebenso war es nicht                                            (Flug der Schwalbe)
selten, dass ein Karate-         Rohai (Meikyo)                     Vision eines weissen Reihers
schüler im Laufe der Aus-
                                                                    (Reinigen des Spiegels)
bildung Unterricht von ver-
                                 Ananku                             Licht aus dem Süden
schiedenen      Lehrern    mit
                                 Wankan (Matsukaze)                 König und Krone (Pinienrauschen)
unterschiedlichem     Karate-
hintergrund genoss.       Die    Naha-Te Kata
nachfolgende Auflistung soll     Sanchin                            Drei Phasen, drei Schlachten
zeigen, welche Kata wo be-       Saifa                              Zerreissen, zerfetzen
sondere Bedeutung hatte          Seipai                             Achtzehn Hände
und     entsprechend     auch    Seisan                             Dreizehn Hände
besonders gepflegt wurde.        Seiunchin (Seienchin)              Ruhe im Sturm
                                 Tensho                             Wechselndes Greifen, drehende Hand
Bezeichnungen            der     Shisochin                          Vier kämpfende Affen, Kampf in vier Richtungen
Kata                             Unshu (Unsu)                       Wolkenhände, Hand in den Wolken
In Japan hat man in der Zeit     Sanseiru (Sanjuroku)               Sechunddreissig Hände
vor    dem    2.    Weltkrieg    Kururunfa                          Halten der Mitte,
aufgrund der Feindschaft mit                                        Lange Zeit festhalten, dann plötzlich zerreissen
China versucht, sämtliche Suparenpei (Pechurin)                     Hundertacht
Bezeichnungen, welche an Hakutsuru                                  Weisser Kranich
China erinnerten, zu elimi- Sochin                                  Der grosse Sieger, Ruhige Kraft
nieren. So wurden ver- Niseishi (Nijushiho)                         Vierundzwanzig Schritte
schiedene Kata umbenannt, ()=japanische Bezeichnung
beispielsweise wurde aus
Seisan Hangetsu oder aus Chinto Gankaku. Man                Neuere Kata
wollte vor allem auf dem Festland Japan                     Ab etwa 1930 wurden viele neue Kata von
unbedingt den Eindruck vermeiden, man habe                  Meistern wie Gichin Funakoshi (Taikyoku), Kenwa
etwas Chinesisches übernommen. In der                       Mabuni (Shinsei, Kensho, Kenshu, Juroku,
Zwischenzeit     sind   zwar  einige    ehemals             Kenpaku, Myojo, Shimpa, Hapo Sho, Shiho
okinawanische bzw. chinesische Namen wieder                 Koshokun,     Aojagi),  Zenryo     Shimabukuro
gebräuchlich, es existieren aber nach wie vor               (Wanchin), Tatsuo Shimabuku (Sunsu), Gogen
viele Unterschiede zwischen den japanischen und             Yamaguchi     (Genkaku,    Chikaku),    Shoshin
den okinawanischen Originalbezeichnungen.                   Nagamine und Chojun Miyagi (Fukyugata)
                                                            erschaffen.

                                                                                                              1/2
Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate – Teil 2                                         SSKO


Familienstile                                           verschiedene eigene Organisationen. Ein Wegge-
                                                        fährte und Schüler Toyamas war Masanao Taka-
Neben diesen einem breiteren Kreis von Meistern
                                                        zawa (*1942), der ein zweites Toyama Dojo unter
zugänglichen Kata gibt es aber auch zahlreiche
                                                        dem Namen Keishinkan leitete. In den 1960er
Familienstile mit eigenen Kata. So werden im
                                                        Jahren kamen im Zuge der Verbreitung von Ka-
Ryuei-Ryu die chinesischen Kata Ohan, Pachu,
                                                        rate auch Lehrer aus dem Keishinkan nach
Anan, Paiku, Heiku und Paiho geübt. Im Motobu-
                                                        Malaysia – u.a. auch Takazawa – und halfen,
Ryu sind es die Kata Motote 1-5, Te, Torite,
                                                        Karate in Malaysia bekannt zu machen. Chin Mok
Toritekaeshi, Uragaeshi, Gassente, Gassenbo,
                                                        Sung war in dieser Zeit einer der malaysischen
Ogamite, Kaeshite, Karamite, Nukite, Nagete und
                                                        Schwarzgurte des Keishinkan.
Ajikatanomainote. Im Kojo-Ryu finden sich die
                                                        Seibukan Shorin-Ryu wurde von Zenryu Shima-
Kata Hakutsuru ken, Hako ken, Hakuryu ken,
                                                        bukuro (1908-1969) gegründet. Shimabukuro war
Tenkan ken, chikan ken und Kukan ken. Im Kojo-
                                                        Schüler von Chotoku Kyan von 1938 bis zum Tod
Ryu werden überdies noch 12 Kamae (Einfüh-
                                                        Kyans 1945. Um 1960 begann er mit wachsen-
rungskata) geübt.
                                                        dem Erfolg die auf Okinawa stationierten GI’s zu
In einem anderen Familienstil, dem mittlerweile
                                                        unterrichten. Schliesslich eröffnete er 1962 ein
sehr bekannt gewordenen Uechi-Ryu, werden die
                                                        eigenes grosses Dojo auf Okinawa, welches er
Kata Sanchin, Sanseirui und Seisan noch beinahe
                                                        Seibukan nannte. Nach dem Tod von Zenryo
unverändert geübt, so wie sie Meister Kanbun
                                                        Shimabukuro spaltete sich der Stil in verschie-
Uechi vor etwa Hundert Jahren aus China
                                                        dene Organisationen auf. Sein Sohn Zenpo
mitbrachte. Später hat die Familie noch Kata wie
                                                        Shimabukuro versuchte in den folgenden Jahren
Kanshiwa, Kanshu, Seirui, Konching und Seiching
                                                        mehrmals, den Stil wieder in einer grossen Orga-
zum Teil neu entwickelt und in ihren Stil integriert.
                                                        nisation zusammenzuführen. Dies gelang aber
                                                        nur zu einem Teil und so existieren heute ver-
Der Ursprung der ASC Kata                               schiedene Organisationen, welche von sich be-
Viele Kata des Asia Sport Centers (ASC)                 haupten, das Seibukan Shorin-Ryu zu vertreten.
stammen aus dem International Shorin-Ryu                Eine dieser Organisationen ist
Seibukan von Meister Chin Mok Sung (*1945) aus          das International Shorin-Ryu
Malaysia. Chin Mok Sung lernte vor allem in den         Seibukan von Chin Mok Sung.
1960er- und 1970er-Jahren verschiedene Stile in         Die Organisation ist die grösste
Malaysia und Okinawa kennen und kombinierte             Karateorganisation in Malaysia
die nach seiner Auffassung besten Elemente in           und hat verschiedene Ableger
einem neuen Stil. Grossen Einfluss auf die              in Europa und Asien. Ein
Entwicklung seines Stils hatten dabei sicherlich        Schüler von Chin Mok Sung,
das japanische Keishinkan (Okinawa Seito-Ryu)           Yaw Haw Chin, kam Ende der 1970er-Jahre in die
von Masanao Takazawa (Schüler von Kanken                Schweiz und gründete 1980 das Asia Sport
Toyama) und das okinawanische Seibukan                  Center in Zürich. Heute wird das ASC von Mauro
Shorin-Ryu von Zenryo Shimabukuro bzw. seines           Richina geführt und weiterentwickelt.
Sohnes Zenpo Shimabukuro.
Kanken Toyama (1888–1966, ursprünglicher                Die Kata des ASC
Name Kanken Oyadomori) erlernte das Karate in
                                                        Die Basis der ASC Kata bilden die Keishinkan
Okinawa unter Itarashiki und Anko Itosu (Shuri-
                                                        Kata, welche sehr ähnlich denen des Shotokan
Te). Er wurde neben Gichin Funakoshi der einzige
                                                        sind und denselben Hintergrund wie die Shotokan
offizielle Assistent von Itosu am College von
                                                        Kata haben: beides sind Weiterentwicklungen der
                Shuri. Nachdem er anschliessend
                                                        Shuri-te Kata von Anko Itosu. Da Chin Mok Sung
                einige Jahre in Taiwan verbrachte,
                                                        stark beeindruckt war vom okinawanischen Sei-
                liess er sich schliesslich in Japan
                                                        bukan Shorin-Ryu, hat er verschiedene seiner
                nieder und eröffnete 1930 sein
                                                        Keishinkan Kata an das Seibukan Shorin-Ryu
                Dojo in Tokyo unter dem Namen
                                                        angepasst und zusätzliche Seibukan Kata in
                Shudokan. Toyama war ein hoch-
                                                        seinen Stil aufgenommen. Zusätzlich hat er aber
                angesehener Meister des Karate.
                                                        noch ausgewählte Kata aus dem Shito-Ryu und
                Er gründete 1946 die All Japan
                                                        dem Goju-Ryu übernommen.
                Karate-Do Federation (AJKF) mit
                                                        Später sind die Kata dann in meist unveränderter
dem Ziel, die japanischen und okinawanischen
                                                        Form ins Shorin-Ryu des ASC übernommen
Karatestile unter einem Dach zu vereinen. 1949
                                                        worden. Andere Kata wie Sochin, Gankaku und
erhielt er von der japanischen Regierung die Aus-
                                                        Unsu wurden von Mauro Richina direkt über den
zeichnung eines Grossmeisters und die Erlaubnis,
                                                        mehrfachen Kata-Weltmeister Michael Milon aus
Titel und Dan-Grade im Karate verleihen zu dür-
                                                        dem JKA Shotokan Frankreich übernommen.
fen. Toyamas Traum eines vereinten Karate liess
sich aber leider nie verwirklichen. Nach seinem
Tod trennten sich seine Schüler und gründeten


                                                                                                     2/2
Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate – Teil 3                                           SSKO




                          Die Kata des Asia Sport Centers
                        von Daniel Gähwiler (Mai 2006) – im Auftrag von SSKO
                             Swiss Shorin-Ryu Karate-Do Organisation

Taikyoku Shodan                                      Auch wurden die Stellungen und die Atmung stark
Taikyoku bedeutet „Kata des Universums“.             verändert. Die Reiterstellung (Kiba-Dachi) und die
Ursprünglich bestand diese Kata Familie aus 6        Seitwärtsbewegungen dienen vor allem dazu,
Kata, wovon allerdings nur noch die erste gelehrt    einen festen Stand und ein Gefühl für die auf-
wird. Die Kata wurde zwischen 1930 und 1940          rechte Haltung des Oberkörpers zu entwickeln,
von Yoshitaka (Gigo) Funakoshi (Sohn von Gichin      was sehr viel Übung voraussetzt.
Funakoshi) in Japan zur Übung der Grundschule        Die Kata direkt in den Kampf zu übersetzen, ist
eingeführt und von Henry Plee in Frankreich          sehr schwierig, da sie vor allem für die
erweitert.                                           Körperausbildung verwendet wird. Eine zufrieden-
Die Taikyoku ist eine Einführungskata und soll       stellende Vorführung der Kata ist ohne spezielles
einen ersten Einblick in das Wesen der Kata          Training auch kaum möglich. Einige Meister
geben.                                               sagen denn auch, dass man die Tekki nicht
                                                     vorführen sollte, ehe man sie nicht 10'000 mal
Heian Shodan - Godan                                 geübt habe.
                                                     Auch bei dieser Kata entstand der Name Tekki
(Okinawanischer Name: Pinan)                         („Eisenreiter“) erst in Japan. In den okinawa-
Allgemein wird angenommen, dass die Pinan
                                                     nischen Schulen wird immer noch der Name
Kata von Anko Itosu (1830 - 1915) zusammen-
                                                     Naihanchi verwendet.
gestellt und an den High Schools von Okinawa ab
                            1905 eingeführt wur-
                                                     Bassai Dai / Sho
                            den. Anko Itosu war
                            der erste Lehrer, der    (Okinawanischer Name: Passai / Patsai)
                            Karate      öffentlich   Die Bassai ist eine sehr alte Kata, deren Ursprung
unterrichtet hat. Damit das Karate nicht den         ebenfalls in China liegt. Sie hat sich gleichzeitig in
Eindruck     von    Aggression    und   Brutalität   verschiedenen Schulen auf Okinawa und Japan
vermittelte, wollte er vor allem ein gesundheits-    weiterentwickelt, wobei die
förderndes Karate lehren und hat alte Kata dem-      einzelnen Varianten heute
entsprechend angepasst und die Pinan Kata            zum         Teil      grosse
erschaffen. Der Name Heian entstand erst in          Unterschiede      aufweisen,
Japan. Auch heute noch wird diese Kata Familie       sowohl was die Ausführung als auch was die
in Japan Heian und in Okinawa Pinan genannt.         Interpretation anbelangt. Allen Varianten ist die
Die Heian Kata sind Einführungskata und werden       kämpferische Grundhaltung gemeinsam. Im
zusammen mit der Taikyoku als erste Kata             Gegensatz zur Heian Kata, wo man ausserhalb
gelehrt. Trotzdem oder eben gerade darum ver-        der direkten Reichweite („power line“) des
mitteln sie einen breiten Überblick über die         Gegners steht, blockt und einen Gegenangriff
verschiedenen Techniken.                             startet, geht der Kämpfende bei der Bassai sehr
                                                     viel mehr Risiko ein. Man geht direkt in den Angriff
Tekki Shodan - Sandan                                hinein und bricht die Attacken des Gegners. Die
                                                     Kata wurde deshalb in Japan Bassai, „Sturm auf
(Okinawanischer Name: Naihanchi / Nifanchi)          die Festung“, genannt. In Okinawa wird sie immer
Die Tekki ist chinesischen Ursprungs und wurde       noch Passai oder Patsai genannt.
vermutlich vom Okinawanischen Quanfa Experte
                                                     Die meist Varianten, welche heute geübt werden,
Ason im 18. Jahrhundert in Okinawa eingeführt.
                                                     gehen - wie die Heian- und Tekki-Kata - auf Anko
Das kämpferische Grundkonzept der ursprüng-
                                                     Itosu zurück. Meister Itosu hat aus der Grundform
lichen Tekki bestand im Kämpfen auf engem            Passai zwei Varianten erschaffen, welche er
Raum und Angriffen auf                               Passai Dai und Passai Sho nannte. Aus diesen
die Vitalpunkte des Kör-
                                                     Varianten entstanden die japanischen Versionen
pers und setzt Kennt-
                                                     Bassai Dai und Bassai Sho.
nisse     von   Dianxue
voraus. Die ursprünglich vermutlich sehr lange
Kata wurde von Anko Itosu in drei Teile zerlegt,
welche zu den heute geübten drei Formen führte.
Ebenso wie bei den Heian Kata wurden viele
subtile kämpferische Elemente aus der Kata
entfernt.



                                                                                                       1/4
Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate – Teil 3                                         SSKO


Kanku Dai / Sho                                      setzung dieser Kata verlangt sehr genaue
(Okinawanischer Name: Kusanku / Kushanku)            Kenntnisse der Vitalpunkte.
Die japanischen Begriffe Kanku oder Kwanku           Die 54 Schritte beziehen sich nicht auf die Anzahl
können mit „Blick in den Himmel“ übersetzt           der Schritte in der Kata, sondern auf ein
                       werden und leiten sich aus    buddhistisches philosophisches Konzept.
                       der    Eröffnungsbewegung
                       der Kata ab. Die Kata wurde   Wansu
                       1761 durch einen chine-       Die Kata wurde vom chinesischen Gesandten
sischen Militärgesandten in Okinawa eingeführt.      Wanshu (Sappushi Wan Ji) gegen Ende des 17.
Der Name dieses Kampfkunstexperten war               Jahrhunderts in Okinawa eingeführt. Wanshu war
Kushanku (Kosokan, Kwang Shang Fu), welcher          ein chinesischer Kampfkunstexperte des Kranich-
der Kata ihren ursprünglichen Namen gab. Die         stils (shaolin white crane fist boxing). Die aus der
Kanku hat sich in verschiedenen Varianten            ursprünglichen Form entstandene Kata wurde zu
weiterentwickelt. Über Japan hat sich die Itosu no   Ehren des Begründers Wanshu genannt.
Kushanki weiterverbreitet, allerdings hat auch sie   Die Kata ist eine typische Kata des Shorin-ryu.
in Japan einige Veränderungen erfahren.              Sie lehrt neben dem Abblocken mit nachfol-
Man sagt, dass Meister Itosu die Kanku als           gendem Kontern auch das Hochheben und
Vorbild für die Pinan Kata genommen hat. Etliche     Werfen des Gegners und wird im Englischen auch
Sequenzen aus der Kanku sind denn auch in den        als „the dumping kata“ bezeichnet.
Pinan Kata wiederzufinden. Meister Itosu hat aus
der Grundform Kushanku zwei Varianten er-            Empi
schaffen, welche er Kushanku Dai und Kushanku        Die Empi („Flug der Schwalbe“) ist die japanische
Sho nannte. Aus diesen Varianten entstanden die      Weiterentwicklung der Wansu
japanischen Versionen Kanku Dai und Kanku            durch Gichin Funakoshi. Der
Sho.                                                 Name bezieht sich auf die
Die Kanku sind sehr hoch entwickelte Kata und        Ähnlichkeit mit dem Flug einer
vermitteln eine umfangreiche Technik und einen       Schwalbe, auf das Auf und Ab
umfassenden Kampfstil. Die Kata lehren das           der Bewegungen, den vielen
richtige Verhältnis zwischen starkem und leichtem    Richtungsänderungen und der virtuosen Technik.
Krafteinsatz und das Verhältnis zwischen lang-
samem und schnellem Rhythmus. Sie gehören zu         Sesan
recht zu den schönsten Kata des Shorin-ryu.
                                                     (Anderer Name: Seishan / Seisan)
Juroku                                               Die Sesan ist eine Kata, welche aus den süd-
                                                     lichen chinesischen Quanfa Systemen stammt.
Juroku ist eine relativ junge Kata. Sie wurde von    Die Techniken der Kata stammen aus dem Tiger,
Kenwa Mabuni, dem Gründer des Shito-ryu er-          Kranich und Drachen Quanfa. Man benutzt
schaffen. Ob die Kata aus einer alten Kata ab-       zumeist die Fingerglieder der Hand, die Tiger-
geleitet wurde bzw. auf einer alten Kata basiert,                          pranke, die Handfläche,
ist nicht geklärt.                                                         den Daumen und die
                                                                           Finger. Leider sind in der
Gojushiho                                                                  heutigen Form des Shorin-
(alter Name: Useishi)                                ryu sehr viele dieser Elemente verloren gegan-
Die Gojushiho (Dai) („54 Schritte“) ist eine der     gen. Man hat die vielen subtilen Handtechniken
ältesten okinawanischen Kata und stammt eben-        durch Einsatz der geschlossenen Faust ersetzt.
falls aus China. Der genaue Ursprung kann aber       Ebenso wurden viele der runden Bewegungen
nicht mehr ermittelt werden. Die meisten Vari-       durch geradlinige Techniken ersetzt.
                             anten gehen ent-        Die Sesan wird in vielen Schulen des Shorin-ryu
                             weder auf Anko          geübt. Eine ebenfalls stark veränderte Form findet
                             Itosu oder Chotoku      sich im Goju-ryu. Einzig im Uechi-Ryu übt man
                             Kyan zurück. Itosu      noch eine sehr alte, fast unveränderte Version
hat die Urform der Kata aus seinen Erfahrungen       dieser Kata.
heraus angepasst und zwei Versionen erschaffen,
die Gojushiho Dai und die Gojushiho Sho, welche
in den meisten Schulen des Shorin-ryu Ver-
breitung fanden.
Die Kata wird in den verschiedenen Stilen sehr
unterschiedlich ausgeführt. So wird zum Beispiel
im Matsubayashi-ryu die Bewegung eines be-
trunkenen Mannes nachgeahmt („drunken monk“
des Monk Fist Boxing). Die kämpferische Um-


                                                                                                     2/4
Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate – Teil 3                                         SSKO


Hangetsu                                               Sochin
Die Hangetsu („Halbmond“) ist die Weiter-              Die Sochin wurde von Funakoshis Sohn
entwicklung der Sesan und wurde von Gichin             Yashitaka in das Shotokan aufgenommen. Woher
              Funakoshi in Japan eingeführt.           die Kata aber kommt, ist nicht
              Diese Kata muss mit einer be-            genau bekannt. Man vermutet,
              tonten, auf die Bewegung abge-           dass Gichin Funakoshi diese
              stimmten Atmung ausgeführt wer-          Kata von einem alten Mann
              den („Ibuki“-Atmung). Die Atmung         auf Okinawa gelernt hat. Wer
wird dabei noch stärker als in der ursprünglichen      dieser Mann aber war, hat
Sesan betont.                                          Funakoshi nie öffentlich bekannt gegeben. Einige
                                                       Experten vermuten, dass dieser Lehrer Aragaki
Anaku                                                  war, der auch die Nijushiho und die Unsu aus
(Anderer Name: Ananku, Ananko)                         China mitgebracht hat. Die Kata wird vor allem im
Ananku bedeutet „Das Licht aus dem Süden.“             Shotokan und im Shito-ryu geübt.
Diese Kata wurde vermutlich von Chotoku Kyan           Charakteristisch für die Sochin ist die Stellung
von Taiwan mit nach Okinawa gebracht und wird          Sochin-dachi (auch Fudo-dachi genannt). Die
in vielen Stilen geübt. Obwohl sich alle Formen        Kata verbindet harte und weiche Techniken, wie
auf Kyan zurückführen lassen, gibt es bei der          auch ruhige und schnelle, explosive Bewegungen.
Ausführung der Form jedoch sehr grosse
Unterschiede.                                          Nijushiho
Die Kata ist relativ kurz und betont die Vor-          (Okinawanischer Name: Niseishi oder Niseshi)
wärtsbewegung und einen natürlichen Stand.             Gichin Funakoshi hat diese Kata aus Okinawa
                                                       nach Japan mitge-
Jion                                                   bracht und den Na-
Die Jion ist eine sehr alte Kata und kommt             men von Niseishi auf
ebenfalls aus China. Die Kata war vermutlich           Nijushiho umbenannt,
repräsentativ für den Quanfa Stil der Mönche des       was „24 Schritte“
berühmten Klosters Jion-ji (Shaolin). Ob die Kata      bedeutet. Die Kata kommt vermutlich aus der
                    allerdings    tatsächlich    von   Niigaki Schule und wurde von Aragaki Tsuji aus
                    einem Mönch des Shaolin Klo-       China zusammen mit der Unsu und der Sochin
                    sters nach Okinawa gebracht        aus dem Baihequan (Weisser Kranich) mit-
                    wurde, ist nicht eindeutig ge-     gebracht.
                    klärt. Die Jion ist verwandt mit   Charakteristisch für diese Kata sind die vielen
zwei weiteren Shotokan Kata, der Jitte und der         weichen fliessenden Übergänge von einer Tech-
Ji’in. Der Gruss am Anfang der Kata ist identisch      nik in die andere und die vielen Wechsel von
mit dem Gruss der Mönche untereinander.                langsamen zu schnellen Bewegungen.
Die Jion ist eine starke und kraftvolle Kata, welche
relativ schnell vorgetragen wird. Sie vermittelt       Sancheniho
einen direkten und wirkungsvollen Kampfstil.           Sanchinho bedeutet zweiunddreissig und bezieht
                                                       sich auf die Anzahl Schritte der Kata. Die Kata
Sienchin                                               stammt aus dem International Shorin-Ryu
(Anderer Name: Seienchin, Seiinchin)                   Seibukan. Die genaue Herkunft konnte leider bis
Die Kata kommt aus China und wurde von                 anhin nicht eruiert werden.
Hiogashionna Kanryo nach Okinawa gebracht.
Die Kata wurde anschlies-
send von seinen Schülern
Kenwa Mabuni in das Shito-
ryu und Chojun Miyagi in
die Stile des Goju-ryu eingebracht und verbreitet.
Der chinesische Name dieser Kata lautet Sui-
yunjing. Sui bedeutet „folgen“, Yun heisst „Bewe-
gung“ und Jing bedeutet „Kraft“ oder „Energie“.
Die Sienchin ist eine langsame und lange Kata,
welche keine Fussbewegungen enthält. Viele der
Techniken verraten noch den chinesischen
Ursprung.




                                                                                                    3/4
Herkunft und Bedeutung der Kata im Karate – Teil 3                                         SSKO


Gankaku                                              er plötzlich und überraschend selbst an. Diese
(Okinawanischer Name: Chinto)                        hohe Kunst des Kämpfens wird in der Gankaku
Die Chinto ist eine ältere Kata und stammt           gelehrt. Ihre Techniken richten sich auf die Vital-
vermutlich aus China.                                punkte des Körpers. Das Balancieren auf einem
Wie Gichin Funakoshi (1868 – 1957) in seinem         Fuss, der seitliche Stoss und der Gebrauch des
                    Buch "Ryukyu Kempo: Karate"      Faustrückens sind die Hauptmerkmale dieser
                    (November 1922) erläutert,       Kata. Durch den geschnappten Seitwärtsfusstritt
                    stammt die Kata Chinto           als besonderen Mittelpunkt erhält die Kata ihren
                    ursprünglich aus den chine-      einmaligen Charakter.
                    sischen Schulen und wurde
                    von einem Schiffbrüchigen in     Unsu
Tomari unterrichtet. Man weiss, dass um 1850 in      (Okinawanischer Name: Unshu)
Tomari ein chinesischer Kampfkunstexperte            Unshu (im Shotokan Unsu geschrieben) ist wohl
namens Chinto die Kata Chinto den Meistern           das „Glanzstück“ der Aragaki Schule. Sie wurde
Kosaku Matsumora (1829 - 1898) und Kokan             von Aragaki Kamadeuchu Seisho Tsuji Pechin
Oyadomari (1831 - 1905) lehrte. Vermutlich war er    (1840 – 1918), dem ersten Lehrer von Kanryo
dieser Schiffbrüchige, den Funakoshi in seinem       Higaonna, zusammen mit der Niseishi aus dem
Buch erwähnt.                                        Chinesischen White Crane Boxing (Baihequan)
Eine andere Version besagt, dass diese alte Kata     übernommen und in Okinawa eingeführt.
von Kosaku Matsumora (1829 - 1898) in China          Heute existiert die Unsu in verschiedenen For-
erlernt und ins Tomari-Te eingeführt wurde. Von      men. Im Shito-ryu wird sie in zwei Versionen
dort übernahmen sie die beiden Meister Kyan          geübt: Koryu Unshu und Unsu. Die Koryi Unshu
Chotoku (1870 - 1945, auch: Kiyatake) und Itosu      ist möglicherweise noch sehr nahe am Original
Yasutsune (1830 - 1916). Heute existieren auf        von Aragaki. Die Shotokan Version wurde
Okinawa deshalb drei verschiedene Varianten der      hingegen sehr stark verändert und erinnert nur
Kata Chinto.                                                          noch vereinzelt an die alte Unshu.
In Japan wurde die Kata 1922 von Gichin Funa-                         Unshu ist eine immens schnelle,
koshi in Gankaku ("Kranich auf dem Felsen")                           dynamische Kata. Sie enthält eine
umbenannt, entsprechend der typischen Haltung                         vielfältige Beinarbeit mit vielen
auf einem Fuss in dieser Kata. Die beiden Schrift-                    Wendungen von 90 bis 360 Grad,
zeichen für ihren Namen sind die chinesischen        sowie Formen des Tai Sabaki, Yori Ashi und Suri
Ideogramme für einen Felsen (jap. - Gan) und         Ashi. Sie ist eine ungemein vielseitige Kata, dabei
einen Kranich (jap. - Gaku). Funakoshi wählte die-   stellt das Zusammenspiel zwischen Beinarbeit
se Kata mit als stiltypische Kata des Shotokan       und Armtechniken hohe Anforderungen an die
aus.                                                 Koordination. Die Technik des „knienden“ Ushiro
Die Bedeutung der Gankaku liegt im Training          Geri (im Shotokan „liegender“ Mawashi Geri) ist
eines Kampfes in einer engen Gasse, wie man sie      eine typische Technik der Schule des Tigers.
häufig in den alten Hafenstädten fand. Geübt wird    Einige andere Techniken sind in ähnlicher Form in
der Kampf gegen Angreifer aus beiden Rich-           den Kata Sochin, Kushanku und Matsumura
tungen der Gasse. Das Schrittdiagramm dieser         Bassai zu sehen. In der Shotokan Version sind
Kata ist deshalb auch nur eine Linie. Gankaku-       allerdings einige dieser Spezialitäten nicht mehr
Dachi (auch: Sagiashi-Dachi, Ipponashi-Dachi)        enthalten. Die vierfache Wiederholung einer
heisst Kranichstellung und ist der Stand auf einem   Technik (Gyaku Zuki in vier Richtungen) existiert
Bein. Der Fuss des hochgehobenen Beines ist          ebenfalls nur in der stark veränderten Version des
dabei in die Kniekehle des Standbeines einge-        Shotokan. Der Charakter der Kata ist wie ein
hakt. Die Stellung erinnert an einen Kranich, der    Sturm, bei dem der Wind mal aus der einen, mal
auf einem Bein auf einem Felsen steht, bereit,       aus der anderen Richtung mit unterschiedlicher
sich auf seine Beute zu stürzen. Die Kata hat        Wucht auftritt. Die häufigen Richtungsänderungen
wechselnde hohe und tiefe Stellungen, und schult     sind verwirrend und unerwartet.
insbesondere das Gleichgewicht in der Bewegung
und im Stand. Ihr Kampfstil ist anspruchsvoll mit
abwechselnd flüssigen, schnellen Bewegungsfol-
gen und einer in vollkommener Ruhe verhar-
renden Haltung. Man stelle sich einen Kranich
vor, wie er bewegungslos auf einem Bein auf
einem Felsen steht, seinen Gegner beobachtet
und dessen Angriff nur dadurch verhindert, dass
er sich mit einer undurchdringlichen Aura von
Überlegenheit umgibt. Geist und Körper verharren
vollkommen bewegungslos und warten darauf,
dass der Gegner sich eine Blösse gibt. Dann greift


                                                                                                    4/4

				
DOCUMENT INFO