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Carl Spitzweg_ der mit

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					Jäger im Werk von Carl Spitzweg


Sonderlinge mit Charme und Schwächen

                                    Franz Carl Spitzweg zählt zu den berühmtes-
                                    ten Malern des Biedermeier. Von seinem
                                    humorvoll-spöttischen Blick auf seine Zeit-
                                    genossen blieben auch die Jäger nicht
                                    verschont. Franz Zwingmann stellt den
                                    Malerpoeten und seine Werke, die sich mit
                                    der Jagd beschäftigen, vor.

                                                                                                            Pointe „Jagdunglück“ (1839),
                                                                                                            Öl auf Leinwand


                                    weg seine praktische Lehre       hängt er hilflos da und weiß            dem Opfer zuwenden –




                                                                                                                                                 Bild oben: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. Unten: Staatsgalerie Stuttgart
                                    an der königlich bayeri-         in seiner Angst nicht, was er          nichts nimmt wirklich An-
Franz Zwingmann ist Kulturexperte   schen      Hofapotheke     bei   tun soll.                              teil an diesem Unglück. Die
und Landesbeauftragter der Jungen   Dr. Pettenkofer und studier-                                            Natur folgt anderen Geset-
Jäger Bayern.
                                    te nach dem Tod des Vaters       Die Figuren balan-                     zen und ruht in sich. Der
                                    Pharmazie. Nach seiner ers-      cieren zwischen                        Mensch ist es, der den Frie-


C                                                                    Himmel und Erde
        arl Spitzweg, der mit       ten Italienreise und einer                                              den durch Dummheit und
        Sicherheit berühm-          schweren Krankheit, bei de-                                             Unkenntnis       bricht.   So
        teste Maler des Bie-        ren Kur er den Landschafts-      Dem Künstler bereitete es              schwebt der „Unglücksjä-
dermeier, setzte sich mit           maler Heinrich Hansonn           offenbar Genugtuung, das               ger“ über dem Abgrund.
großer Liebe mit dem Jäger          kennenlernte, beschloss Carl     Malheur in allen Details aus-          Oft hat Spitzweg Figuren so
auseinander. Den Malerpoe-          Spitzweg, den Absprung in        zumalen. Die vor Schreck               balancierend zwischen Erde
ten, dessen künstlerische           die Kunst zu wagen. Seinen       geweiteten Augen unter der             und Himmel dargestellt. Der
Genialität erst im 20. Jahr-        erlernten Beruf warf er aber     schräg hängenden Brille, der           Malerpoet zeigt nicht nur
hundert vollends erkannt            nie über Bord. Er blieb an       furchtsam herabgezogene                eine Pointe – er stellt, ganz
wurde, zog es bis zu seinem         Pflanzen und Tieren interes-      Mund, die verrutschte Perü-            dem romantischen Einfluss
Tode 1885 immer wieder              siert, denen er in seinen Bil-   cke unter dem nächstens he-            folgend, die Frage nach der
nach Franken, in das Alpen-         dern eine unübersehbar           rabfallenden Zylinder, der             Existenz des Menschen.
vorland oder in die Gassen          wichtige Funktion zuwies. Er     verkrampfte Griff um die               Die humoristische Figur des
und Straßen seiner Geburts-         bildete sich naturwissen-        Büchse und die über dem ge-            „Sonntagsjägers“ hat Carl
stadt München. Hier beo-            schaftlich, zum Beispiel in      rundeten Bauch stramm sit-             Spitzweg auffallend oft the-
bachtete er die skurrilen           der Geologie, fort, was man      zende Hose. Der mächtige               matisiert. Zu diesem Motiv
Sonderlinge des Kleinbür-           in den Bildern des „großen       Baum, der dürre Zweig und              sind acht Ölbilder und etli-
gertums und stellte in seiner       Schluchten- und Höhlenma-        der Huflattich vorne, die               che Bleistiftzeichnungen er-
Kunst die Menschen in ver-          lers“, so der Kunsthistoriker    Gräser, an deren Rispe rosa            halten. Grund hierfür sind
schiedenen       Lebenssitua-       Jens Christian Jensen, ein-      Blüten sich wie hämisch                sicher die gegen Mitte des
tionen dar, eingebettet in          drucksvoll beobachten kann.
die Landschaften der bayeri-        Spitzwegs Schaffen lässt sich    Der „Sonntagsjäger“ (um 1841 – 48, Öl auf Leinwand) steht wie erschrocken
                                                                     im Rampenlicht einer Bühne mitten im Wald.
schen Heimat. Wie ein Thea-         in zwei Perioden einteilen:
terregisseur setzte er so           Die Pointenbilder zum einen
auch den „neubürgerlichen           und die Idyllen und Land-
Jäger“ aus der Großstadt in         schaften ab circa 1865 zum
seiner ungeschickten Art in         anderen. Die Pointen sind
Szene oder lockt uns als Zu-        anfangs drastisch, wie bei
schauer in die Liebeswelt           dem Gemälde „Jagdunglück“
des alten und jungen Jägers.        aus dem Jahre 1839. Auf die-
Franz Carl Spitzweg wurde           sem Bild spielt sich alles im
am 5. Februar 1808 in Mün-          Vordergrund ab: Den Un-
chen geboren. Sein Vater, Si-       glücksraben aus der Stadt,
mon Spitzweg (1776 – 1828)          der sich so akkurat auf sein
aus Unterpfaffenhofen, hei-         Jagdabenteuer vorbereitet
ratete die vermögende Fran-         hat, trifft die unberechenba-
ziska Schmutzer und wurde           re Natur mit rücksichtsloser
in der bayerischen Residenz-        Härte. Er ist über eine Baum-
stadt München als Kauf-             wurzel gestolpert und den
mann sesshaft.                      Hang       hinuntergerutscht.
Sein Sohn Carl sollte den Be-       Der Riemen seiner Jagdta-
ruf des Apothekers erlernen.        sche hat sich an einem
So begann der junge Spitz-          Strunk verfangen, und so

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19. Jahrhunderts abgeschaff-     charmanten Männlichkeit            perung aller weiblichen Tu-
ten adeligen Jagdprivilegien     überzeugen. Er deutet auf          genden. Ihrer selbst gewiss,
und die dadurch neu gebil-       sein viriles Attribut, die Flin-   trägt sie den Wäschekorb wie
deten Jagdgesetze der deut-      te, und präsentiert sich mög-      eine Krone und den Krug wie
schen Länder, die es nun         lichst günstig mit dem Fuß         das Füllhorn einer antiken
auch Bürgern aus Stadt und       auf einem Felsbrocken. Das         Naturgöttin.
Land ermöglichten, die Jagd      Dirndl hat die Arme über           Kein Wunder, dass sich der
auszuüben.                       der Brust gekreuzt, um Dis-        alte Jäger umdreht und ihr ei-
Der berühmteste „Sonntags-       tanz zu halten, hört aber          nen langen Blick hinterher-
jäger“ Carl Spitzwegs ist heu-   aufmerksam zu. Über die            schickt. Das Bild hat eine resig-
te in der Staatsgalerie in       Treppenstufen erhalten wir         native und eine heitere Pointe.
Stuttgart zu sehen. Das Bild     Zugang zu der beiden Glück.        Der alte Jäger zeigt uns, dass
zeigt eine auf einer Lichtung    Der wie eine Wand aufra-           er weiß, für ihn ist dieses Mäd-      Lebenskurven begegnen sich: Dirndl
still verharrende Jägerfigur      gende, nebelverhangene Ge-         chen nicht mehr erreichbar.           und Jäger im Gebirge (um 1870)
mit angelegtem Gewehr.           birgswald kann nur durch           Seine Lebenskurve fällt ab.
Blick und Büchsenlauf sind       das Paar durchbrochen wer-         Wir Betrachter dagegen lä-            fluss. Was für den Jäger un-




                                                                                                                                                    Bilder: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt
auf den Betrachter gerichtet.    den. Rechts der Brunnen:           cheln, denn das Dirndl                abwendbaren Verzicht be-
So kommt es zu einer direk-      Sein straffer Strahl trifft in     kommt ja auf uns zu und               deutet, eröffnet uns eine
ten Konfrontation zwischen       den Bottich, der überläuft –       bringt Freundliches im Über-          angenehme Aussicht.
uns Zuschauern und dem Jä-       ein handfester erotischer
ger, als wären wir das Wild.     Verweis.                           ● Viele Werke Carl Spitzwegs finden sich im Museum Georg
Allerdings flößt diese jägeri-                                       Schäfer, Brückenstr. 20, 97421 Schweinfurt, Tel.: 09721/51917,
sche Erscheinung mit ihrem       Von Kobell leiht                   Internet: www.museumgeorgschaefer.de.
weißen Mantel, silbernen Zy-     Spitzwegs Jäger                    Auch die Staatsgalerie Stuttgart zeigt Werke Spitzwegs.
linder und der ledernen Jagd-    sein Gesicht                       Bis 1. Juni gilt hier freier Eintritt in die Sammlung!
tasche alles andere als Furcht                                      Konrad-Adenauer-Str. 30–32, 70173 Stuttgart,
ein. Im Gegenteil: Wie er-       Die beiden Gemälde „Jäger          Tel.: 0711/470400, Internet: www.staatsgalerie.de
schrocken steht sie da im        und Sennerin am Waldbrun-
Rampenlicht einer Bühne          nen“ und „Dirndl und Jäger
mitten im Wald. Hinter der       im Gebirge“ haben zwei Be-         Das Bild „Jäger und Sennerin am Waldbrunnen“ (1860, Öl auf Holz) enthält
Anspannung kommen Unsi-          sonderheiten. Carl Spitzweg        versteckte, handfest erotische Verweise.
cherheit und Behäbigkeit zu      gab dem älteren Jäger das
Tage, die dem bemühten           Gesicht seines Freundes, des
Waidmann sichtlich hinder-       berühmten       Schriftstellers
lich sind. Die alte Eibe, an     Franz von Kobell, der auch
deren Stamm der rote Schirm      Namensgeber des Kulturprei-
und das köstliche Picknick       ses des BJV ist. Darüber hi-
hergerichtet wurde, scheint      naus soll der „Junge Jäger“
in diesem Moment vor dem         des ersten Bildes der gleiche
strahlenden Kostüm des Jä-       Jäger sein wie im Bild aus
gers nahezu zurückzuwei-         dem Jahre 1870.
chen.                            Denn die Geschichte vom
Die Marotten seiner Mitmen-      Mädchen und dem Jäger hat
schen behandelt der Maler,       Spitzweg fortgesetzt: Nun ist
der auch für die satirische      der Waidmann alt geworden,
Zeitschrift „Die fliegenden       und erneut begegnet ihm
Blätter“ arbeitete, immer        eine schöne junge Sennerin.
mit Nachsicht. Wie sein Vor-     Die Felsenbühne ist mit Grün
bild Honoré Daumier kari-        besetzt, mit abgestorbenem
kiert Spitzweg menschliche       Holz und Steinbrocken über-
Schwächen mit hintergrün-        sät, ein herausgehobenes Pla-
digem Humor, ohne dabei          teau, das Schwindelgefühle
bissig oder gar verletzend zu    erregen mag, denn links und
werden.                          rechts lauert der Abgrund.
Liebesbegegnungen          am    Die Felswände steigen steil
Brunnen finden wir in Volks-      empor. Die Schlucht wird erst
weisen bis hin zu alttesta-      durch den mächtigen Berg
mentarischen Geschichten.        begrenzt, der mit seinem Gip-
Bei Spitzweg ist es der Jäger    fel Halt gebietet. Lässt sich
– ebenfalls eine Hauptfigur       der Auftritt des Mädchens
in den Volksliedern – der        eindrucksvoller inszenieren?
mit dem hübschen Mädchen         Da kommt es uns mit siche-
angeregt ein Gespräch führt.     rem Tritt entgegen, blühend
Er möchte sie von seiner         in weiß, rot und blau, Verkör-

                                                                                                                                3/2009         29

				
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