Generationen unter einem Dach –

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Generationen unter einem Dach – Powered By Docstoc
					Jens Müller, Kindertagesstätten der Diakonie Mitteldeutschland, Eisenach

Generationen unter einem Dach – Die Mehrgenerationen-
projekte der Diakonie in Erfurt
1. Momentaufnahmen                                               nahezu zur Familie. Auch außerhalb der Kita-
Erfurt, 6. Mai 2006                                              Öffnungszeiten besucht er mit seiner Familie
                                                                 die alte Dame. Schon zu Beginn seines Lebens
Das Rieth ist eine mehr als dreißig Jahre alte                   macht er Erfahrungen mit alten Menschen.
Plattenbausiedlung im Norden Erfurts. Es ist                       Beide, der alte und der junge Mensch, gehen
Samstag Nachmittag. Ich bin auf dem Weg zur                      ein Stück des Lebensweges miteinander.
Körperbehindertenschule, die sich, umringt                         Später, Oliver ist bereits Schulkind, wird er
von Elfgeschossern mitten im Wohngebiet                          mit seiner Gruppe an der Beerdigung von Frau
befindet. Dort findet das alljährliche Schulfest                 C. teilnehmen und ein von den Kindern gestal-
statt. Schon von Ferne ist Livemusik zu hören.                   tetes Gebinde auf ihr Grab legen.
Auf einer an die Schule angrenzenden Grün-
fläche haben sich Anwohner versammelt. Ein                       Erfurt, Louise-Mücke-Stift, Wendezeit
Mann in Jogginghose sitzt vor einem Grill, brät                  Ein kleines Altenheim und eine Kindertages-
Bratwürste und bietet diese zum Verkauf an.                      stätte inmitten der Altstadt von Erfurt. Seit
Um ihn herum Menschen aller Altersgruppen:                       Jahrzehnten beherbergt die Stiftung Kinder
Senioren/innen, die sich angeregt unterhalten;                   und alte Menschen gemeinsam unter einem
Männer und Frauen der mittleren Generation,                      Dach. Nun, unter veränderten Bedingungen,
mit Kaffee in Thermoskannen oder Bierfla-                        ist das Fortbestehen des Altenheimes ge-
schen; Jugendliche, in den üblichen Grüpp-                       fährdet. Kluge Rechner weisen nach, dass
chen; spielende Kinder. Sie alle profitieren von                 ein Altenheim mit so geringer Kapazität nicht
der Musik aus der Nachbarschaft und haben                        rentabel arbeiten kann und deshalb geschlos-
sich ihr eigenes kleines Wohngebietsfest orga-                   sen werden muss. Doch die alten Menschen
nisiert.                                                         wollen am Standort bleiben. Sie schätzen die
   Mir kommt in den Sinn, dass ich mich mitten                   familiäre Atmosphäre des Hauses, den alltäg-
in einem so genannten sozialen Brennpunkt                        lichen Kontakt zu den Kindern, genießen die
befinde. Gewiss, hier konzentriert sich Arbeits-                 räumliche Nähe zum Stadtzentrum, mit Ein-
losigkeit, Armut, Desintegration, Gewalt... Den-                 kaufsmöglichkeiten, Friseur und Cafés sowie
noch rührt mich die Szenerie. Ohne Einfluss                      die enge Anbindung an ihre Kirchgemeinde.
von Sozialarbeitern/innen und Streetworkern/                     Den Familien und Mitarbeitern/innen der Kin-
innen haben sich Menschen des Quartiers, im                      dertagesstätte ist das Miteinander von Alt und
Alter von 5 bis 75 zusammen gefunden. Sie                        Jung ein wichtiges und liebgewordenes Anlie-
begegnen sich, nehmen sich gegenseitig wahr                      gen. In zahllosen Sitzungen werden konzeptio-
und finden im Rahmen des improvisierten                          nelle Ideen entwickelt und wieder verworfen.
Festes ihren Platz.                                              Alle inhaltlichen Plädoyers werden durch be-
                                                                 triebswirtschaftliche Argumente an den Rand
Erfurt, Augusta-Viktoria-Stift, Mitte der neun-                  gedrängt. Dennoch bleiben die Befürworter
ziger Jahre                                                      hartnäckig... – und erfolgreich. Das Altenheim
Frau C., Bewohnerin des Altenheimes, ist im                      wird in eine Seniorenwohngemeinschaft um-
Krankenhaus. Aufgrund einer Schädigung                           gewandelt. Im Dialog aller Generationen (Se-
durch Diabetes mussten ihr beide Beine am-                       nioren/innen, Mitarbeiter/innen, Eltern, Kinder)
putiert werden. Eine Kindergruppe mit Drei- bis                  wird ein intergeneratives Konzept entwickelt,
Siebenjährigen besucht Frau C. im Kranken-                       das Begegnungsmöglichkeiten verankert und
haus. Unbefangen gehen die Kinder auf Frau                       ein Netzwerk zur Begegnung der Generationen
C. zu, genau so unbefangen stellen sie ihre                      zum Ziel hat.
Fragen.                                                             Bis heute finden regelmäßig spontane und
  Besucher und die Besuchte kennen sich gut.                     organisierte Begegnungen zwischen den Ge-
Seit Jahren teilen sie ein Stück Leben mitei-                    nerationen statt. Eltern von Kindern der Tages-
nander. Sie begegnen sich oft im Alltag, sie                     stätte haben in Eigenleistung für die Senioren/
besuchen sich gegenseitig und feiern gemein-                     innen einen Gartenpavillon errichtet, der es ih-
sam ihre Geburtstage. Die Sternchengruppe                        nen ermöglicht, in der Nähe der Kinder zu sein.
der Kindertagesstätte pflegt einen engen Kon-                    Die Bewohner der Seniorenwohngemeinschaft
takt zu Frau C. Diese hat besonders den kleinen                  unterstützen sich gegenseitig und übernehmen
Oliver ins Herz geschlossen. Im Laufe der Zeit                   bei Bedarf die kurzzeitige Betreuung einzelner
sieht sie ihn aufwachsen und nimmt Anteil an                     Kinder nach Öffnungszeit der Kindertages-
seiner Entwicklung. Für Oliver gehört Frau C.                    stätte.

           E&C Zielgruppenkonferenz: „Die Soziale Stadt für Kinder und Jugendliche – Zukunftsfähige Konzepte sozialer
                             Koproduktion in sozialen Brennpunkten“ vom 11. und 12. Mai 2006
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. Zehn Grundsätze für die Gestaltung von
                                                                 staltung von Projekten darf nicht nur einseitig
Mehrgenerationenprojekten
                                                                 in Bezug auf Finanzierbarkeit, Gesetzeslage
Ausgehend von den drei Blitzlichtern möchte                      und Effizienz betrachtet und gewertet werden.
ich noch auf zehn Stichworte eingehen, die                       An erster Stelle steht der „Wert“ der Inhalte,
mir im Zusammenhang mit den genannten                            gerade auch in ihrer Bedeutung für die betei-
Beispielen bedeutsam scheinen.                                   ligten bzw. betroffenen Menschen. Menschen,
   Bedarf: Bedarf für Begegnung bzw. für Mehr-                   die von einer Idee überzeugt sind, entwickeln
generationenprojekte entsteht direkt bei den                     Phantasie und Kampfgeist.
Menschen, die in bestimmten Lebensbereichen                         Engagement: Wenn Menschen erleben, dass
anzutreffen sind. Daher ist es wichtig derlei Be-                Ihre Ideen gefragt sind und in Entwicklungs-
darfe präzise und sensibel zu beobachten, zu                     prozesse einbezogen werden, dann sind sie
deuten und zu respektieren.                                      auch motiviert, engagiert mitzuwirken. Aus
   Selbstorganisation: Oft sind Menschen be-                     einer abgrenzenden Dienstleister-/Kundenbe-
reit, Möglichkeiten der Begegnung zu organi-                     ziehung kann sich kein Gemeinschaftsprojekt
sieren oder zumindest mit zu gestalten. Dies                     entwickeln.
jedoch nur dann, wenn sie sich mit ihren ei-                        Sensibilität: Der Dialog zwischen Projektbe-
genen Interessen und Bedürfnissen akzeptiert                     teiligten, beispielsweise zwischen Geldgebern,
und beteiligt fühlen. Orientiert am Subsidiari-                  Trägern und Mitwirkenden, sensibilisiert für die
tätsprinzip stehen die Kompetenzen zu eigen-                     Wahrnehmung unterschiedlicher Ansichten,
verantwortlichem Handel an erster Stelle.                        Ziele und Zwänge und weitet gleichzeitig den
   Eigendynamik: Selbstorganisierte Aktivitäten                  Blick für notwendige bzw. tragfähige Entschei-
entsprechen nicht unbedingt den Vorstellungen                    dungen.
und Zielen von professionellen Kräften in der
Sozialen Arbeit. Dennoch gilt auch hier der
Grundsatz, eigen- und selbstständig gestaltete                   . Das Augusta-Viktoria-Stift Erfurt – Alt und
Entwicklungen und Vorhaben zu erkennen und                       Jung unter einem Dach
zu würdigen.                                                     Das Augusta-Viktoria-Stift ist eine mehr als 140
   Bindungen: Menschen leben in sozialen und                     Jahre alte diakonische Einrichtung am Rand
räumlichen Bezügen. Hier fühlen sie sich meist                   des Erfurter Stadtzentrums. Von Erfurter Bür-
zuhause. Sie kennen Regeln, Grenzen, Rituale                     gern/innen als Mägdebildungsanstalt gegrün-
und Handlungsspielräume. Das Gefühl der In-                      det, werden hier seit Jahrzehnten Kinder in
tegration gibt ihnen Sicherheit im Bezug auf                     einer Tagesstätte und alte Menschen in einem
soziale Beziehungen und das eigene Handeln.                      Seniorenheim betreut. Bis in die achtziger
   Solidarität/Verantwortung: Dort, wo über                      Jahre hinein trugen Diakonissen, also evange-
einen längeren Zeitpunkt Bindungen wach-                         lische Schwestern ohne eigene Familien, die
sen können, führt dies zur Entwicklung einer                     Verantwortung für die Arbeit. Sie betrachteten
gegenseitigen Verantwortung. Beziehungen                         das Stift als ihr Zuhause und waren für alle Ar-
sind die Grundlage für solidarisches Handeln.                    beitsbereiche, wie Kinderbetreuung, Altenhil-
Mehrgenerationenprojekte können also nur                         fe, Ausbildung junger Menschen, Küche, Wä-
dann nachhaltig wirken, wenn sie die Entwick-                    schepflege, Verwaltung und Geschäftsführung
lung von Beziehungen im Blick haben.                             zuständig. Durch dieses Mit- und Füreinander
   Respekt: Das genaue Hinschauen und diffe-                     fand auf ganz natürliche bzw. alltägliche Weise
renzierte Kennen lernen schärft die Wahrneh-                     die Auflösung der Grenzen zwischen den Ar-
mung für unterschiedliche Handlungsmuster                        beitsbereichen statt. Alte Menschen besuchten
und Lebenssituationen. Menschen, die diese                       ganz selbstverständlich die Räume der Kinder-
Vielfalt wahrnehmen und als Bereicherung                         tagesstätte und wirkten entsprechend ihrer
oder als denkbare Alternative erleben, sind in                   Neigungen und Möglichkeiten bei der Beglei-
der Lage ihrem Gegenüber respektvoll zu be-                      tung der Kinder oder im hauswirtschaftlichen
gegnen.                                                          Bereich mit.
   Interesse/Neugier: In der öffentlichen Wahr-                     Mit der politischen Wende standen die Ver-
nehmung und in den Medien entsteht häufig                        antwortlichen des Stiftes vor der Aufgabe,
das Bild, dass jede Generation in ihrer ganz                     entsprechend der veränderten Rahmenbedin-
eigenen Lebenswelt, mit ganz spezifischen                        gungen und Gesetzeslagen, die Arbeit neu zu
Problemen und Herausforderungen existiert.                       ordnen und zu gestalten. Die aus dieser Auf-
Daneben gibt es aber (wenn auch manchmal                         bruchstimmung entstandenen Chancen haben
versteckt oder überlagert) Interesse und Neu-                    Vieles wachsen lassen. Allerdings gab es auch
gier an den Lebenswelten der unterschied-                        Fehlentscheidungen und Rückentwicklungen
lichen Generationen. Diese Neugier gilt es zu                    aufgrund veränderter Rahmenbedingungen.
sehen, zu thematisieren und zu fördern.                             Dazu will ich im Einzelnen auf verschiedene
   Initiative/Phantasie: Die Existenz bzw. die Ge-               Bereiche eingehen:

           E&C Zielgruppenkonferenz: „Die Soziale Stadt für Kinder und Jugendliche – Zukunftsfähige Konzepte sozialer
                             Koproduktion in sozialen Brennpunkten“ vom 11. und 12. Mai 2006
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Die Kindertagesstätte 0 - 12                                     Intergenerativer Dialog als Alltagserfahrung
Bis zum Jahr 1990 befand sich unter dem Dach                     Ein Miteinander der Generationen entsteht
des Augusta-Viktoria-Stiftes ein Kindergar-                      nicht durch einmalige Begegnungen oder
ten für Kinder von drei bis sechs Jahren mit                     spektakuläre Veranstaltungen, bei denen alte
60 Plätzen und eine Kinderkrippe für Klein-                      Menschen, mit ihren Rollstühlen und Gehhilfen
kinder. Um der Kinderkrippe eine dauerhafte                      versammelt werden, um mit feuchten Augen
Existenz zu sichern und um dem Bedarf für                        dem Geträller zarter Kinderstimmen zu lau-
Betreuungsmöglichkeiten im Grundschulalter                       schen. Vielmehr sind es die wiederkehrenden
zu entsprechen, entstand eine Kindertages-                       Begegnungen im Alltag, ein Sich-Kennen-Ler-
stätte mit breiter Altersmischung vom ersten                     nen, Miteinander-Reden und auch Streiten, die
bis zum zwölften Lebensjahr. Neben den pä-                       nachhaltig das Miteinander fördern. Dabei ist
dagogischen Vorteilen einer solchen Alters-                      es wichtig, dass gemeinsame Bedürfnisse und
mischung bietet dieses Konzept die Chance,                       Interessen ihre Beachtung finden sowie Orte
dass lang andauernde Beziehungen wachsen                         der Begegnung geschaffen bzw. vereinbart und
und erhalten bleiben können. Dies sowohl in                      Rückzugsmöglichkeiten respektiert werden.
Hinblick auf Kinderfreundschaften, als auch in                   Die immer wieder kehrenden Aushandlungs-
Bezug auf stabile Kind-Erzieherin-Bindungen.                     prozesse sind dabei ein wichtiger Aspekt für
Wertvoller Nebeneffekt: Da die Kinder über                       gelingendes Zusammenleben.
viele Jahre die gleiche Einrichtung besuchen,
wirkt sich dies motivierend auf deren Eltern                     „Stark unter einem Dach“ – Eltern engagieren
aus, sich für die Einrichtung zu engagieren.                     sich
   Wesentlicher Faktor für die Mitwirkung der                    Als Anfang der neunziger Jahre der Bedarf an
Eltern ist die Tatsache, dass Elterninteressen                   Kita-Plätzen im Augusta-Viktoria-Stift enorm
„Raum“ in der Kindertagesstätte bekommen.                        anstieg, erfolgte die Übernahme einer benach-
Beispiele hierfür sind ein offener Frühstücks-                   barten Kindertagesstätte aus kommunaler Trä-
tisch für Kinder und Eltern, Familienwander-                     gerschaft. Auch hier wurde die breite Alters-
tage und -freizeiten, Kinoabende, gemeinsame                     mischung umgesetzt. Eltern, die sich für die
Projekte etc.                                                    Profilierung und Sanierung des maroden Plat-
   Die starke Bindung der Familien an die Kin-                   tenbaus engagieren wollten, gründeten den
dertagesstätte führt immer wieder auch zu Fol-                   Verein „Stark unter einem Dach“. Orientiert am
gekontakten, wie z.B. Schüler- und Berufsprak-                   intergenerativen Gedanken, wollten sie der An-
tika, Zivildienst, Freiwilliges Soziales Jahr und                gebotsvielfalt ein weiteres Glied hinzu fügen. In
natürlich ehrenamtliches Engagement.                             ungenutzten Räumen entstand so eine offene
                                                                 und stadtteilbezogene Kinder- und Jugendar-
Das Seniorenpflegeheim                                           beit. Kinder im Grundschulalter brachten ihre
Entstanden ist das Pflegeheim aus einem Da-                      Freunde mit, ehemalige Kinder der Kinderta-
menstift. Beginnend mit der Weltwirtschafts-                     gesstätte nutzten, aufgrund gewachsener Bin-
krise und dem Ersten Weltkrieg bezogen allein-                   dungen und wegen der vertrauten Umgebung,
stehende Frauen das Augusta-Viktoria-Stift als                   die Freizeitangebote des Vereins.
ihren Ruhesitz. Auch zu DDR-Zeiten blieb die                       Als der Spielplatz der Kindertagesstätte in
Einrichtung gewissermaßen ein kirchliches                        Eigeninitiative umgestaltet wurde, fanden sich
„Feierabendheim“ (DDR-Begriff für Alten-                         zahlreiche Jugendliche aus dem Stadtteil, um
heime). Für das Miteinander der Generationen                     am Bau eines Fachwerkhäuschens mit zu wir-
war es von großem Vorteil, dass damit auch                       ken. Sie hegten den Wunsch hier für sich ein ei-
noch die „jungen (vitalen) Alten“ präsent wa-                    genes Domizil zu schaffen. Als deutlich wurde,
ren, die weitestgehend selbstbestimmt mit                        dass dieses Häuschen der Kita als Spielgeräte-
den Kindern unter einem Dach lebten. Als Se-                     schuppen dienen sollte, entstand die Idee, im
nioren/innen ohne Pflegestufe konnten sie sich                   Keller der Kindertagesstätte einen Jugendtreff
aktiv am Leben in und außerhalb des Stiftes                      ein zu richten: die U-Bahn.
beteiligen. Mit der Umstrukturierung der Se-                       Auch in Bezug auf das Zusammenspiel von
niorenbetreuung kamen immer mehr Hochbe-                         Kita und offener Kinder- und Jugendarbeit er-
tagte mit erheblichem Pflegebedarf ins Haus,                     wies es sich als notwendig, miteinander die
was zu einer einschneidenden Veränderung im                      Möglichkeiten und Grenzen des Zusammenle-
Miteinander der Generationen führte.                             bens aus zu loten.
  Eine Chance, die leider noch ziemlich unter-
entwickelt ist, bietet da die Einbeziehung der                   BuntSTIFT – generationsübergreifendes Enga-
Angehörigen. Diese, oft selbst schon in der                      gement
nachberuflichen Phase, könnten mit ihren viel-                   Mitte der neunziger Jahre entwickelten en-
fältigen Kompetenzen ein wichtiges Glied in                      gagierte Mitarbeiter/innen und Eltern ein
der Mehrgenerationenkette sein.                                  Nutzungs- und Sanierungskonzept für das

           E&C Zielgruppenkonferenz: „Die Soziale Stadt für Kinder und Jugendliche – Zukunftsfähige Konzepte sozialer
                             Koproduktion in sozialen Brennpunkten“ vom 11. und 12. Mai 2006
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übernommene Nachbargebäude des Augusta-                              gesehen und wird trotzdem bis heute von
Viktoria-Stiftes. Dieses sah drei Nutzungsbe-                        den Mitarbeitenden zusätzlich geleistet.
reiche vor:
1. Kita-Bereich für sechs altersgemischte        Dennoch: Die Verantwortlichen im Augusta-
    Gruppen,                                     Viktoria-Stift halten auch unter erschwerten
2. Offener Kinder- und Jugendbereich,            Bedingungen am bewährten generations-
3. Bereich für Veranstaltungen und Feiern.       übergreifenden Konzept fest. Ein Mehrgenera-
                                                 tionenhaus mit über hundertjähriger Tradition,
Diese drei Bereiche sollten unter einem Dach in dem seit Jahrzehnten der Grundsatz gilt:
die Betreuung in der Kindertagesstätte, einen Nicht das Geld steht an erster Stelle, sondern
stadtteilbezogenen Freizeitbereich für Kinder der Mensch und die Idee!
und Jugendliche und einen Veranstaltungs-
bereich, zur vielfältigen Nutzung durch Kita, Autor:
Verein, Familien und Sonstige vereinen. Durch Jens Müller
ein differenziertes Schließsystem wurde eine Diakonie Mitteldeutschland
übergreifende und separate Nutzung ermög- Ernst-Thälmann-Straße 90
licht. Um dieses innovative Projekt Wirklichkeit 99817 Eisenach
werden zu lassen, gründete sich die Initiative Email: mueller@diakonie-ekm.de
BuntSTIFT. Diese setzte sich aus ehemaligen
Kindern, Eltern, und Mitarbeitern/innen sowie
Freunden der Stiftung zusammen. Durch viel-
fältige Projekte, Benefizveranstaltungen und
eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit wurde die
Lobby des Projektes gestärkt und die Finanzie-
rung unterstützt.


4. Alt und Jung unter einem Dach –
Das Projekt heute
Trotz engagierten Wirkens vieler Menschen
und der vielfachen Würdigung der generati-
onsübergreifenden Arbeit des Augusta-Vik-
toria-Stiftes ist das Konzept durch ständig
schlechter werdende Rahmenbedingungen im
Bestand gefährdet. Hier nur einige Beispiele:
< Im Kita- und Altenhilfebereich wird das Per-
   sonal mehr und mehr reduziert, so dass die
   Betreuungs- bzw. Pflegeaufgaben auf das
   „Wesentliche“ beschränkt werden müssen.
   Dies korrespondiert mit einer verschärften
   Abgrenzung der Arbeitsbereiche (z.B. Pfle-
   ge/Kinderbetreuung, Ergotherapie, Verwal-
   tung) und der Rechtfertigungspflicht gegen-
   über zuständigen Geldgebern.
< Differenzierte und vielfältige Wohn- und
   Pflegeangebote für Senioren/innen führen
   in den bestehenden Pflegeheimen zur zu-
   nehmenden Vergreisung, d.h. dort landen
   die alten Menschen, denen nur sehr einge-
   schränkt eine Teilhabe am gemeinsamen
   Leben möglich ist.
< Durch den wachsenden Bedarf an Kita-Plät-
   zen wurde seitens der Stadtverwaltung die
   Auslastung der vorhandenen Raumkapa-
   zitäten gefordert. Damit wurde die offene
   Kinder- und Jugendarbeit aus dem Gebäu-
   de gedrängt.
< Ein vernetztes und vielfältiges Angebot er-
   fordert Koordination. Diese ist in den ver-
   schiedenen Tätigkeitsbereichen nicht vor-

          E&C Zielgruppenkonferenz: „Die Soziale Stadt für Kinder und Jugendliche – Zukunftsfähige Konzepte sozialer
                            Koproduktion in sozialen Brennpunkten“ vom 11. und 12. Mai 2006
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