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Charakteristik der Figur der Lin

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Charakteristik der Figur der Lin Powered By Docstoc
					Johannes Pfister

Charakteristik der Figur der Lina in Jurek Beckers
Roman „Jakob der Lügner“

In Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“, der zur Zeit des 2.Weltkriegs
wahrscheinlich im Lodzer Judenghetto spielt, gibt die Hauptfigur Jakob
Heym den Bewohnern Hoffung und Überlebenswillen, indem er vorgibt
Nachrichten über den erfolgreichen Vormarsch der russischen Armee mit
Hilfe eines im Ghetto streng verbotenen Radios zu empfangen.Jakob lügt
nicht, um sich zu profilieren, sondern aus Menschlichkeit und
Verantwortungsbewusstsein gegenüber seinen Mitmenschen. Diese
Qualitäten werden besonders im Umgang mit dem Waisenkind Lina
deutlich, deren Charaktereigenschaften und Bedeutung für den Roman ich
hier aufzeigen will.


Die 8-jährige Lina wird als auffallend schönes Kind mit braunen Augen und
langen schwarzen Haaren beschrieben (S. 75). Ihre Eltern wurden zwei
Jahre vor den Ereignissen des Romans deportiert, weil ihr Vater vergaß
eine Jacke mit dem vorgeschriebenen Judenstern zu tragen. Das Kind
entging nur durch Zufall und gewissermaßen auch durch Ungehorsam dem
Abtransport in ein Vernichtungslager, weil es sich zum Zeitpunkt der
Abholung entgegen den Ermahnungen seiner Mutter zum Spielen im Hof
aufgehalten hatte. Da keiner den Mut hatte, das nun verwaiste Mädchen
bei sich aufzunehmen, richteten Hausbewohner auf dem Dachboden eine
notdürftige Unterkunft her. Vor allem Jakob kümmert sich liebevoll und
fürsorglich um Lina, und zwar gerade so, als wäre sie seine eigene
Tochter, obwohl ihm im Falle einer Entdeckung die Todesstrafe sicher
wäre.


Aufgrund der besonderen Situation im Ghetto verfügt die Achtjährige über
keinerlei Schulbildung. Ihre Wissbegierde und das Interesse an ihrer
Umgebung sind stark ausgeprägt. Sobald ihre Neugierde geweckt ist, geht
sie einer Sache auf den Grund und neigt dazu, unermüdlich Fragen zu
stellen, was manchmal für ihre Umgebung recht anstrengend ist. Zudem
verfügt sie über einen ausgeprägten Willen. Jakob behauptet, wenn sie zu
etwas keine Lust habe, könne man sich bei ihr auf den Kopf stellen (S.
82).


Lina ist in der Lage, auf charmante Art Menschen für sich zu gewinnen.
Dies zeigt sich besonders in ihrer Beziehung zu Jakob. Sie versteht sich
darauf, ihre Ziele und Wünsche durchzusetzen. Außerdem ist sie ein
„Meister der Konversation“ (S.79). Es gelingt ihr spielend ein Gespräch
anzukurbeln und aufrecht zu erhalten. Dabei schafft sie es oft, ihren
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Mitmenschen Dinge zu entlocken, die diese ihr eigentlich nicht preisgeben
wollen. So ist z.B. auf den Seiten 237-238 beschrieben, wie sie Rosa
Frankfurter, eine Ghettobewohnerin, die Jakob besuchen will, dazu bringt,
den Grund für ihren Besuch zu verraten.


Eine weitere Eigenschaft von Lina ist ihre Unnachgiebigkeit, wenn sie
etwas erreichen will. Der Erzähler schreibt auf S.161: „Sie kann bitten wie
keine zweite ... mit Schmeicheln und Tränen, Beleidigtsein von ganz
bestimmter Art, ... und das alles mit unglaublicher Ausdauer.“ Die
Begierde das Radio zu sehen, veranlasst sie, alle Register ihrer
Überzeugungskunst zu ziehen. Als Jakob daraufhin das Radio vorführt,
bricht sie ihr Versprechen, keinen Blick hinter die Wand, hinter der das
vermeintliche Radio steht, zu werfen, und wird so zur Mitwisserin von
Jakobs Geheimnis.


An dieser Stelle offenbart sich neben dem kindlichen Charme und der
Begeisterungsfähigkeit eine weitere Charaktereigenschaft von Lina,
nämlich ihr Glaube an und ihre bedingungslose Treue zu jemandem, den
sie in ihr Herz geschlossen hat. Aus Freude über die Darbietungen und aus
Liebe zu Jakob fordert sie ihn auf, anstatt ihn zur Rede zu stellen, weitere
Radiokostproben zu geben. Jakob, der sich sicher wähnt, lässt den
Radiosprecher ein Märchen erzählen, in dem eine schwer kranke
Prinzessin allein durch den Glauben an eine Sache geheilt wird (S.171-
174). Auch Lina will den Glauben an Jakob und die Hoffnung auf eine
Verbesserung der Verhältnisse nicht verlieren. Genauso wenig will sie die
Beziehung zu Jakob mit der Tatsache, dass er objektiv betrachtet ein
Lügner sei, belasten. Im Gegenteil: Wenn andere Zweifel an der Echtheit
der Nachrichten anmelden, verteidigt sie Jakob vehement. Auf S.238 ist
nachzulesen, dass Lina gegenüber Rosa Frankfurter, die die Geschichte
mit den Nachrichten nicht glaubt, behauptet, sie habe die Nachrichten mit
„eigenen Ohren“ gehört. Entschieden setzt sie sich für Jakob ein und
erklärt, dass ihr Onkel „alles andere als ein Lügner sei“ (S.239).


Obwohl Lina in vielen Eigenschaften so erwachsen wirkt, stellt sich im
Verlauf der Geschichte heraus, dass sie doch der kindlichen
Einbildungskraft erlegen ist. Als Jakob Lina erklärt, dass im Märchen die
Prinzessin allein durch den Glauben an ihre irrige Vorstellung über Wolken
geheilt worden sei, muss er feststellen, dass für Lina die Märchenlüge
längst zur Wahrheit geworden ist (S 281). Auch als der Erzähler ihr die
Entstehung von Wolken erklärt und ihr anbietet ihre Fragen zu
beantworten, geht sie entgegen ihrer sonstigen Verhaltensweise nicht
darauf ein. Sie will ihr Vertrauen zu Jakob bewahren.


An der Figur der Lina zeigt Jurek Becker nicht nur Jakobs
Mitmenschlichkeit auf, sondern er spiegelt an ihr auch die Bedeutung der

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Märchen- und Radiolüge. Mit Lina wird das negativ besetzte Wort Lüge
umgewertet und zeigt, dass - genau wie die Prinzessin durch
Vorstellungskraft und kindlichen Glauben geheilt wurde - die
Ghettobewohner aus den erfundenen Informationen neuen Lebensmut
schöpfen konnten.




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