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					BUNDESDELEGIERTENVESAMMLUNG DES FAMILIENBUNDES DER KATHOLIKEN
AUGSBURG, 31.3.2007


Was ist dem Staat die Familie wert?
Elisabeth Jünemann


Was ist dem Staat die Familie wert? Oder – soll die Antwort über die Beschreibung des
Zustands hinausgehen - Was sollte dem Staat die Familie wert sein? Aus der Perspektive
der Christlichen Sozialethik bzw. der Katholischen Soziallehre: Gerechterweise?
Drei Fragen also, die sich stellen:
1. Was ist die Familie wert? Wozu ist sie gut?
2. Was ist die Familie dem Staat wert? Was tut er zu ihrer Wertschätzung?
3. Was soll die Familie dem Staat wert sein? Wie wird die Wertschätzung des Staates der
Familie gerecht?


1. Was ist die Familie wert? Wozu ist sie gut?
Das ist die Frage nach der Funktion der Familie, nach ihrer gesellschaftlichen
Leistung.
Eine Geburtsanzeige: „Dankbar geben wir die Geburt unseres 3. Kindes bekannt: Anna.
3.500 Gramm schwer. 52 cm groß. Es freuen sich die Eltern und die Geschwister, die
Großeltern und auch die Uroma.“
Was ist Familie wert? Anna ist geboren. Die Geschwister freuen sich, manchmal verhalten;
kleine Geschwister sind auch kleine Konkurrenten. Die Eltern freuen sich, durchaus nicht
ungetrübt: sie gelten ab jetzt als kinderreich und armutsgefährdet; die Entscheidung für eine
„große“ Familie, die heute schon jenseits zweier Kinder beginnt, führt in wirtschaftlich weiten
Einkommensgruppen zum Leben in relativer Armut. Die Großeltern freuen sich, anders als
früher; neben dem Bild der Märchen vorlesenden Oma steht die agile Mittsechzigerin, die
auch ein Leben außerhalb der Familie kennt, die als allzeit bereite, kostenlose Unterstützung
bei der Kinderpflege und -erziehung und im Familienhaushalt nicht mehr unbedingt zur
Verfügung steht. Die Uroma freut sich. Zunehmend gibt es sie, nicht selten ist sie
pflegebedürftig - auch sie gehört zur Familie.
Was ist Familie wert? Anna ist geboren. Verwandte und Freunde gratulieren. Auch die
Zivilgemeinde, die Pfarrgemeinde und die örtliche Sparkasse. Hipp und Nestle. Die
demographische Lage in Europa wird immer schlechter. Reproduktion zu diskutieren, dazu
zu motivieren, sie zu honorieren - das ist längst nicht mehr ehrenrührig. Ohne Kinder ist kein
Staat zu machen. Keine Wirtschaft. Und auch keine Kirche. Ein Bündel an Erwartungen
hängt an der Familie.
Bei aller larmoyanten Klage über Familie - mit der Familie wird gerechnet. Mit der Familie
wird gerechnet, wenn es um die Betreuung der Kinder geht. Um die Pflege der Kranken. Und
um die der Alten. Mit der Familie wird gerechnet, wenn es um die Wirtschaft geht. Wenn es
um Bildung geht. Auch um die von der Pisa-Studie vernachlässigte Art von Bildung, die die
Alten „Herzensbildung“ nannten. Die, die mit Verstand und Gefühl, mit sich selbst und dem
anderen umzugehen lehrt. Mit der Familie wird gerechnet, wenn es um die Weitergabe des
Glaubens geht. Wenn es darum geht, etwas von der helfenden und heilenden Beziehung
Gottes zu den Menschen zu erfahren. In den Familien soll man das Zusammenleben lernen.
In seinen konkreten Formen. Da sollen Kinder ein eigener Mensch werden und gleichzeitig
eine soziale Identität ausbilden. Was ja auch den pluralitätsfähigen Staatsbürger ausmacht.
Mit der Familie wird gerechnet, wenn es darum geht, das so genannte (in Deutschland zum
Unwort gekürte) „Humankapital“ auszubilden, das Politik und Wirtschaft brauchen, das sie

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aber selber in ihren Systemen nicht herstellen können. Mit der Familie wird gerechnet, wenn
es um die demographische Entwicklung geht. Die demographische Lage Deutschlands wird
immer prekärer. Die entsprechenden Konsequenzen werden als „Methusalemkomplott“
(Schirrmacher) oder „Kampf der Generationen“ (Gronemeyer) diskutiert. Ohne Kinder (das
erfahren wir schmerzlich) wird der Generationenvertrag brüchig, werden Renten und Pflege
unbezahlbar, droht in Zukunft ein „Land ohne Lachen“. Mit der Familie wird gerechnet. In
Politik und Wirtschaft, in Staat und Kirche.
„Was ist Familie wert?“ Familie ist, so formuliert es der Systemtheoretiker Peter Fuchs, „das
Funktionssystem der Gesellschaft, das die Funktion der Komplettberücksichtigung der
Person übernimmt, ausbaut und stabilisiert“. (P. Fuchs) In der Familie geht es um die
Komplettberücksichtigung der Personen. Um die Berücksichtigung der ganzen Person. Des
ganzen Menschen mit Körper, Geist und Seele. Um die Berücksichtigung des Körpers und
allem, was wir mit Körper konnotieren: Sexualität, Empfängnis, Gebären, Säugen, Nähren,
Stoffwechsel, Heranwachsen, Gesundheit, Stärke, Schwäche, Krankheit, Alter, Tod. Um die
Berücksichtigung des Geistes oder der Psyche. Und allem, was wir damit konnotieren: Die
Lebenslust. Und die Gefahr, sie zu verlieren. Das Verlangen nach Glück und nach Liebe,
nach Verstehen und Verstandenwerden, nach Einsicht und Erkenntnis, Kreativität und
Fantasie. Und um die Berücksichtigung der Seele. Der göttlichen Kraft, die den Menschen
lebendig und stark macht - in seiner Beziehung zu Gott.
In der Familie - und nur dort - geht es um die Komplettberücksichtigung der Person. Der
ganzen Person. Körper, Geist und Seele. Ein extremer Anspruch und eine extreme
Belastung. Wieso sollte man sich der stellen? Sie aushalten? Wenn nicht aus Liebe. Kühl
soziologisch formuliert heißt das: „Im Intimsystem Familie, das die Erweiterung des
Intimsystems Ehe ist, muss das Kommunikationsmedium Liebe angenommen werden.“ (P.
Fuchs) Gegenseitige Komplettberücksichtigung funktioniert nur, heißt, das, wenn Liebe im
Spiel ist. Man muss lieben in der Familie. Man darf nicht nicht lieben. Abneigung und
Vernachlässigung, selbst Teilabneigungen und Teilvernachlässigung („Ich liebe Deinen
Körper, aber verschone mich mit Deinem geistlosen Gerede.“) werden nicht toleriert. Denn:
Wenn Liebe die Voraussetzung für das Funktionieren ist, führt der Mangel an Liebe zur
Katastrophe. Entsprechend wirken Scheidungen in Familien: Was wird, wenn in der Familie
Liebe ausfällt? Und die Familie nicht mehr funktioniert?
„Was ist Familie wert?“ Wozu ist sie gut? Ob ich nun soziologisch spreche von einem
Intimsystem. Von seiner Funktion der gegenseitigen „Komplettberücksichtigung“ und vom
Kommunikationsmittel Liebe, ohne das die nicht funktioniert - oder ob ich da eher theologisch
spreche: Von der Lebens- und Schicksalsgemeinschaft (CIC can 10,55) Familie, in der man
füreinander da ist, in Liebe und Solidarität (CA 39,1). Was dabei herauskommt, sozusagen
die Schnittmenge, ist: In der Familie geht es immer um zweierlei, um Funktionalität und um
Liebe. Um zweierlei Logiken: Um die der Funktionalität und die der Liebe. Das macht die
Familie zu einem höchst komplexen Gebilde. Und zu einem höchst fragilen. Denn: Wo es
nicht möglich ist, Funktion und Liebe zu koppeln, wo die Funktion unter Druck gerät oder die
Liebe, wo die Liebe weg bricht oder die Funktion, da gerät das gesamte Gebilde Familie in
Not. Es kommt zur Katastrophe.
Die Katastrophen nehmen zu. Immer mehr Familien gelingt es immer häufiger und immer
dramatischer nicht, die Kinder „komplett zu berücksichtigen“ bzw. ihnen zu einem
gelingenden Leben zu verhelfen. In allen sozialen Milieus, in allen kulturellen Milieus, in allen
Phasen des Familienlebens. Das Intimsystem ist irritiert. Familien scheitern. Oder: Sie
werden erst gar nicht gegründet.
Gemäß der Volkweisheit, nach der wir manches erst schätzen lernen, wenn es abhanden zu
kommen droht, stellt sich die Frage nach dem Wert der Familie unverdrossen weiter. Als
Frage an den Staat:




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2. Was ist die Familie dem Staat wert?
Das ist die Frage nach der Reaktion des Staates auf Funktion und Leistung der
Familie.
Und: Es ist die Frage nach der Reaktion des Staates auf die fehlende Funktion und das
Leistungsdefizit oder die Leistungsverweigerung Familie.
Was ist die Familie dem Staat wert? Staat und Gesellschaft sind auf Funktion und Leistung
der Familie angewiesen. Familie ist der einzige Ort, an dem Personen, alte und junge, damit
rechnen dürfen, komplett, mit ihren körperlichen Bedürfnissen, den psychischen und
geistigen Bedürfnissen und den seelischen Bedürfnissen berücksichtigt zu werden. Die
entsprechenden Erwartungen der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft, der Bildung
und auch der Religion zum Beispiel an Funktion und Leistung der Familie sind ungebrochen
hoch. Einerseits. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass die Familie den Erwartungen der
Gesellschaft zunehmend weniger entspricht. Woran kann das liegen?
Mit der Antwort ist manch einer schnell bei der Hand: „An der Individualisierung." Mit der
Individualisierung habe eine Entsolidarisierung eingesetzt. Mit dem „Tanz um das goldene
Selbst“ (U. Beck) gehe die Auflösung moralischer Verbindlichkeiten einher, der Zerfall der
Werte, die Unfähigkeit, sich aneinander zu binden, ein mangelnder Wille, füreinander da zu
sein. Die Familien scheitern heute, heißt es dort dann konsequenterweise, an der
persönlichen Unfähigkeit der Mitglieder. An ihrer Unfähigkeit zur Liebe. Ihrer Unfähigkeit,
sich für den anderen komplett zu interessieren. „Das war doch früher anders“, heißt es dann.
Zugegeben, es gab Zeiten, da war der Wert der Familie eine politische
Selbstverständlichkeit. Nicht nur christliches Ideal. In vorindustrieller Zeit. Als die Familie
noch das System war, in dem sich das ganze Leben abspielte. Das System, in das der
Mensch hineingeboren wurde und in dem er blieb, in dem er lernte, liebte und arbeitete und
betete und irgendwann auch starb. Da war die Familie Lebens- und
Wirtschaftsgemeinschaft. Ort für Familie und Beruf. Eine „oikonomia“. Jenseits von Familie
gab es keine existenzielle Grundlage, keine soziale und keine materiale - außer in Kirche
und Kloster. Ein sozial nicht unsensibles Konstrukt, dessen Opfer (Witwen und Waisen) sich
die Kirche schon früh annahm.
Zugegeben, es gab Zeiten, da war der Wert der Familie eine politische
Selbstverständlichkeit. Nicht nur christliches Ideal. Später, im Zeitalter der Industrialisierung.
Als die Familie zum Raum des Privaten, des Intimen wurde. Als sich die Wirtschaft und die
Bildung z.B. vom Intimsystem trennten. Lebenswelt hier - Arbeitswelt dort. Familie hier –
Beruf dort. Die Erfüllung elementarer physischer und psychischer Bedürfnisse der
Familienmitglieder, der Alten wie der Jungen, emotional und empathisch hier. Verkauf der
Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt, Erwerb des Lebensunterhalts, zielorientiert, rational dort.
Als die entsprechende Tätigkeit samt der dazugehörigen Kompetenzen
geschlechterspezifisch zugeordnet wurde. Als in den Arbeiterfamilien Kinderarbeit
überlebensnotwendig wurde, die Mütter zwangsmäßig zu „Doppelarbeiterinnen“ wurden, für
die nach der Lohnarbeit in der Familie die zweite Schicht begann. Wogegen sich die Kirche
1891 in der Enzyklika „Rerum novarum“ (RN 34) vehement stemmte. Als in den
Bürgerfamilien die Mütter zu „Hausfrauen“ wurden, die sich auf die Arbeit in der Familie
konzentrierten. Damals ein Privileg der gut situierten Familie, das die Kirche in ihrer
Soziallehre 90 Jahre lang bis zur Enzyklika „Laborem exercens“ für jedermann bzw. jede
Frau forderte und peu á peu durchsetzte. Beruf hier – Familie dort. Zusammen bildeten sie
die existenzielle Grundlage. Scharf getrennt. Aufeinander angewiesen. Ein an sich
störanfälliges Konstrukt, das aber durch Politik und Ökonomie gefördert wurde; durch Recht
und Moral zementiert und abgesichert wurde.
Zugegeben, es gab Zeiten, da war der Wert der Familie eine politische
Selbstverständlichkeit. Nicht nur christliches Ideal. Weit in das 20. Jahrhundert hinein. Als die
Familie und ihre Organisation nur selten ein Diskussionsthema war. Schon gar keines, an
dem sich die Geister schieden. Da funktionierte die Familie selbstverständlich. Die
gegenseitige „Komplettberücksichtigung“ gelang. Man wusste, wer was zu tun hatte. Und vor

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allem: Wie. Man hatte die Kompetenz erworben. Natürlich. Durch das Zusammenleben der
Generationen, durch Nachahmung, „learning by doing“. Und wo das weg gebrochen war,
sprang die Kirche ein. Schon früh. Sie gründete die ersten „Mütterschulen“. Ohne verteidigen
zu müssen, dass das Vermitteln von Kompetenzen im Kochen und Windeln auch zum
genuin christlichen Auftrag gehört. Sie vermittelte früh schon Familienkompetenzen.
Erziehungskompetenzen, Pflegekompetenzen und Haushaltskompetenzen. Ohne hören zu
müssen, dass das Vermitteln familialer Kompetenzen an Frauen Geschlechterrollen
zementierend und daher gesellschaftlich schädlich sei.
Zugegeben also: Es stand einmal anders um die Familie. Vielleicht auch besser. Als sie
ohne Frage gegründet wurde. Als sie ihre Funktion selbstbewusst selbstverständlich erfüllte,
als sie die erwartete Leistung ohne weiteres erbrachte. Allerdings: Nicht, weil damals das
Engagement der Personen in und für Familie größer gewesen wäre. Nicht, weil damals die
Liebe zueinander größer gewesen wäre. Sondern weil die Umwelt, die Politik und die
Wirtschaft, das Recht und die Bildung und auch die Religion die Funktion von Familie
unterstützten. Oder wenigstens nicht irritierten.
Zugegeben also: Es steht heute anders um die Familie. Vielleicht auch ungünstiger. Die
Familienverhältnisse haben sich geändert. Die Umwelt, die die Familie umgebenden sozialen
Systeme haben sich verändert. Die wirtschaftlichen, die politischen, die sozial- und die
bildungspolitischen, die rechtlichen und – last not least: die kirchlichen. Wo Familie ehedem
wusste, was sie der Umwelt wert war, wo sie selbstverständlich mit Sicherung und
Unterstützung rechnen konnte, da rechnet sie heute ebenso selbstverständlich mit
Widerstand. Oder mit Okkupation. Vereinnahmung.
Das Konfliktpotential kommt von außen. Zum Beispiel von Seiten der Politik: Im eigenen
Interesse, d.h. im Blick auf die Wählerstimmen fördert sie (ohne ein „Familienwahlrecht“ ist
das politisch geschickt!) gezielt einseitig die Doppelrolle „Beruf und Familie“. Berufstätigkeit
wird zur alleinigen Basis des materiellen Lebensunterhalts, von Männern und Frauen.
Entsprechend müssen Männer und Frauen zur Familiengründung motiviert werden: Als
kurzzeitige Unterbrechung der Arbeitszeit zugunsten einer Elternzeit. Konsequent unterstützt
durch kurzzeitige Lohnersatzleistung.
Spätestens seit Anfang der 80er Jahre ist das Verhältnis von Familie und Beruf für Frauen,
wenn sie Mütter werden wollen oder sind, Thema Nummer 1. Gleich, wie sie es hält, die
Mutter, ob sie sich für Familie statt Beruf entscheidet oder für Familie und Beruf - sie
entscheidet sich für Probleme.
Familie statt Beruf: Diese Wahl treffen zunehmend weniger Mütter. Und noch weniger Väter.
Die Risikopotentiale sind zu hoch. Ohne die Erwerbstätigkeit der Mütter bleibt der
Familienunterhalt zunehmend ungesichert. Der eigene Lebensunterhalt der Mütter erst recht.
Und zunehmend sind auch die sozialen Nachteile nicht von der Hand zu weisen: Wer nicht
mindestens 3 Kinder im pflegeintensivsten Kleinkinderalter zu versorgen hat und nicht
berufstätig ist, muss damit rechnen, mindestens als organisatorisch minderbemittelt zu
gelten, wenn nicht schlicht als bequem.
Familie und Beruf: Diese Wahl treffen zunehmend mehr Mütter. Aber nach wie vor wenige
Väter. In der modernen deutschen Durchschnittsfamilie wird Beruf und Familie gelebt. Die
Doppelrolle. Die Medien geben es vor: Von den Titelseiten der Illustrierten strahlen uns die
neuen Supermütter entgegen, die, auf einen Stab von Hilfskräften zurückgreifend, jeden
Zweifel daran, ob es tatsächlich nur eine Frage der gescheiten Organisation sei, reibungslos
vom Baby zum Büro zu wechseln, im Keim ersticken. Die Bilder von der Verkäuferin, die
nachts wach liegt, weil sie in Gedanken Listen erstellt, was am nächsten Tag wann und wie
hier und dort zu erledigen sei, von der allein erziehenden Krankenschwester, die keine
andere Wahl hat als mit der quengelnden Jüngsten morgens in aller Herrgottsfrühe zur
Krippe zu hasten, um dann doch zu spät auf der Station zu sein - die kommen nicht vor.
Die Durchschnittsfrau des beginnenden 3. Jahrtausend, die sich für Kinder entscheidet, oder
sie eben bekommt, passt nicht ins Lifestyle-Magazin. Die übt zwischen Familie und Beruf
Spagat: Die Doppelrolle ist zum integralen Bestandteil des Lebensentwurfs von Frauen

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gemacht worden. Die Doppelbelastung auch. „Brigitte“ empfiehlt ein Wellnesswochenende in
Tirol. Die Apothekenzeitschrift Johanniskraut.
Das Konfliktpotential kommt von außen. Zum Beispiel von der Wirtschaft: Im eigenen
Interesse rechnet das Wirtschaftssystem mit der Doppelrolle „Beruf und Familie“. Noch fallen
wohlklingende Thesen aus dem Familienministerium über die neue Selbstverpflichtung der
Wirtschaft auf Familien“freundlichkeit“, über Erwerbsarbeitsbedingungen, die sich an der
Familie ausrichten und nicht umgekehrt, noch auf wenig günstigen Boden. Abgesehen
davon, dass Eltern nicht „freundlich“ sondern gerecht behandelt werden möchten, ist das
Gros der Väter und Mütter durch die Unsicherheit des Arbeitsmarktes wirtschaftlich
dermaßen unter Druck, dass es alle Zumutungen der Doppelrolle in Kauf nimmt. Aushält. Im
Zweifelsfall auf Kosten der Familienrolle.
Die Verknüpfung der Familie mit der Wirtschaft bereitet zunehmend größere Probleme:
Oberstes Ziel der Wirtschaft ist Gewinn. Das ist nicht unanständig, das ist in ihrer Logik
notwendig. Entsprechend organisiert ist der Arbeitsmarkt. Für den einzelnen, der seine
Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen will oder muss, ergibt sich daraus
ein bestimmtes Anforderungsprofil: Flexibel soll er sein. Jederzeit soll ihm alles, immer und
sofort zu leisten möglich sein.
Die Wirtschaft braucht den flexiblen Menschen. Flexibilität ist zum Zauberwort geworden. Die
Zeiten, als sich das Leben, auch das Arbeitsleben, an die Natur anschmiegte, als der
Rhythmus von Sonne und Mond, von Hell und Dunkel, der Rhythmus der Jahres- und
Tageszeiten, der Rhythmus der Woche Arbeit und Ruhe bestimmten – sind vorbei. Jedem ist
jederzeit, alles, immer und sofort möglich. Nicht alles zu seiner Zeit, sondern alles zu jeder
Zeit. Rund um die Uhr arbeiten. Oder auch nicht. Nachts arbeiten, bis in den Mittag schlafen.
Oder umgekehrt. Einkaufen – alles zu jeder Zeit.
Mit der Zeit hat sich das Leben verändert. Wir genießen die Vorteile: Auf den ersten Blick.
Flexibilität hat ökonomischen Nutzen. Ohne Frage. Und sie kann, richtet sie sich tatsächlich
nach privaten Bedürfnissen, nach den Bedürfnissen von Kindern (den kleinen und den
heranwachsenden, den gesunden und den kranken) und ihren Eltern, auch der Familie gut
tun. Familienleben ermöglichen. Ein zweiter Blick ernüchtert: Die Flexibilität hat
„Nebenfolgen“. Wenn alles immer und überall und zu jeder Zeit möglich ist, dann sind wir
gezwungen, zu entscheiden, was wir wo, wann tun oder nicht tun. Nichts steht mehr fest.
Zeit zum Essen, Zeit zum Arbeiten, Zeit zum Beten, Zeit zum Ruhen - sie muss gesucht und
verteidigt werden. Wer heute mit gutem Gewissen zu Bett geht, der braucht ein Motiv.
Alles ist immer und zu jeder Zeit möglich. Arbeit und Ruhe, Arbeitszeit und Freizeit - alles ist
zu jeder Zeit möglich. Jeder zu einer anderen Zeit. Aber wie gemeinsam? Eigene freie Zeit
braucht die freie Zeit der Anderen. Nur gesellschaftlich gesicherte freie Zeit ermöglicht
gemeinsame Zeit. Aber die schwindet. Nach dem Abend, nach der Nacht, nach dem
Samstag, bald auch der Sonntag.
Für Eltern hat das „alles zu jeder Zeit“ fatale Folgen: Der Alltag zwischen Familie und Beruf
wird zum Balanceakt. Er muss ausgehandelt werden, geplant werden. In eigener Regie
hergestellt werden. Unter größtem physischem und psychischem Aufwand: Wer muss wann
wo wie lange sein? Wer übernimmt welche Aufgaben und wie lange? Meine, deine, unsere
Zeit wird zum Thema. Wer hat wann frei? Gelingt diese Abstimmungsleistung nicht, dann
steht die Familiengemeinschaft vor dem Auseinanderbrechen, die Funktion der Familie auf
der Kippe. Familien kommen nicht aus ohne Zeitmuster, die mittel- und langfristigen Regeln
folgen. Die davon entlasten, Zeit immer wieder zum Thema zu machen. Wo dem Zeit-Druck
nichts mehr entgegengehalten werden kann, sind die Kinder und die Jugendlichen die
Leidtragenden. Gerade auch die Jugendlichen.
In die Frage der Fremdbetreuung von Babys und Kleinkindern wird viel Energie investiert:
Welche Auswirkungen hat diese oder jene Form der Betreuung? Wann ist es zuviel?
Seltener wird danach gefragt, was ältere Kinder brauchen und ob sie genug davon
bekommen. Unter zuwenig gemeinsamer Zeit leiden aber vielleicht vor allem die älteren
Kinder. Die sich schwerer tun mit dem Nachholen der über Tag vermissten Aufmerksamkeit.

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Kleinkinder kommen meist auch spät abends und nachts noch zu der nötigen
Aufmerksamkeit der Eltern. Aber welcher Teenager taucht mitten in der Nacht am Bett der
Mutter auf, um vermisste gemeinsame Zeit nachzuholen? Die Hoffnung, der Mangel an
gemeinsamer Zeit könne ausgeglichen werden durch eine kurze, aber sehr intensiv erlebte
Zeit (eine Art Produktivitätssteigerung am Arbeitsplatz Erziehung) scheitert gerade an den
Bedürfnissen der älteren Kinder. Sie brauchen Leben begleitende Aufmerksamkeit der
Eltern. Sie brauchen Zeit.
Das Konfliktpotential kommt von außen. Zum Beispiel von Seiten des Bildungssystems:
Einerseits fordert es ein, Kinder möglichst früh, möglichst schnell, möglichst erfolgreich zum
Schulabschluss zu treiben. Eltern sind gezwungen, sich dem System zu fügen – oder sie
verspielen die Zukunft ihrer Kinder. Andererseits vernachlässigt es Möglichkeiten, Männer
und Frauen auf die Übernahme von Familienfunktion vorzubereiten. Eltern kleiner Kinder und
Kinder alter Eltern sind entsprechend angewiesen, sich das notwendige Know-how privat zu
beschaffen – oder sie scheitern.
Bildung ist beschleunigt worden. Effizienz wird zum Maßstab – für das Leben und für das
Lernen. Auch für das der Kinder. „Wir wollen doch nur ihr Bestes“, heißt es. Und deshalb
muss aus dem Kind ´rausgeholt werden, was ´rauszuholen ist. Das Regime Kinderarbeit wird
durch ein lückenloses Schulregime ersetzt, das sich mehr und mehr einem Totalanspruch
von 3 bis 18 und von morgens bis abends entwickelt. Statt Kinder möglichst früh an
Webstühle zu setzen, wird überlegt, wie man sie möglichst effizient auf den Moment der
Arbeitsaufnahme vorbereitet. Je eher Hänschen zum Hans wird, desto besser. Der Druck auf
Kinder und Eltern ist erhöht worden. Die erregten Diskussionen über die Pisastudie und über
Bildungssysteme, über Zukunftsqualifikationen und Zukunftssicherung sprechen davon.
Gleichzeitig wird Bildung konsequent eng geführt. Als Vermittlung von Kompetenzen, die auf
den Beruf vorbereiten, auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt verwertbar sind. Soziale
Kompetenzen treten in den Hintergrund. Kompetenzen, die das Familiensystem braucht, um
zu funktionieren, ebenfalls. Alte Strategien der Vermittlung durch Nachahmung sind
weitgehend verloren gegangen, neue haben sich noch nicht etabliert. Irgendwie an die
Kompetenzen zur Komplettberücksichtigung der Person zu kommen – das ist zu einer
gesellschaftlich erwarteten Privatangelegenheit von Eltern geworden.
Das Konfliktpotential kommt von außen. Familie gerät unter Druck. Sie ist nach wie vor der
Ort, an dem die Person, die junge und die alte, mit allem, was sie angeht, mit allem, was sie
kümmert, soziale Resonanz sucht. Sie ist nach wie vor der Ort, an dem die
„Komplettberücksichtigung der Person in Liebe“ für möglich gehalten wird. Das ist nach wie
vor ein Alleinstellungsmerkmal. Nirgendwo sonst, das sagt die Systemtheorie heute, ist das
möglich. Nirgendwo sonst, das sagt die Theologie samt ihrer Individual- und Sozialethik
immer schon, kann man das erwarten. Nirgendwo sonst, sagt die Psychologie wie die Politik,
ist dann aber auch die Enttäuschung so groß, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen; die
des Einzelnen und die der Gesellschaft. Die Klage über die Familien wird lauter. Auch die
des Staates.
Der Staat – das ist ihm die Familie wert – reagiert auf die offensichtlichen Funktionsprobleme
der Familie. Auf unterschiedliche Weise. Mit sehr unterschiedlicher Wirkung, je nach Ziel. Je
nachdem, ob es um die Familie als Ganze gilt. Um die Rolle der Familie. Um deren Erhalt.
Oder ob es um die einzelnen Funktionen der Familie geht.
Zum einen stehen die einzelnen Funktionen der Familie im Mittelpunkt. Wie sind die zu
halten? Was ist zu tun, damit der Gesellschaft die Pflege und Erziehung der Kinder, die
Pflege der Alten etc. erhalten bleiben, unter Umständen auch außerhalb der Familie.
Zum anderen steht die Familie als Ganze im Mittelpunkt. Wie ist sie zu erhalten? Was ist zu
tun, damit sie die Ressourcen - Zeit, Geld, Erziehungskompetenz, haushalterische
Kompetenz – erhält und behält, die sie braucht, um die Funktion der
Komplettberücksichtigung der Person zu garantieren?



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Zum einen: Was ehemals Sache der Familie war, wird, wo die Familie nicht funktioniert,
ausgelagert aus der Familie. Das hilft weiter – wenn man zum Beispiel davon ausgeht, dass
es besser für die Großmutter sei, sie im Seniorenstift St. Anna der professionellen Pflege
anzuvertrauen als zuhause der gestressten Schwiegertochter. Wenn man davon ausgeht,
dass es besser für die Kinder sei, tagsüber der professionellen Erziehung in der „Arche
Noah“ anvertraut zu werden als zuhause Eltern, denen, wie es das Heer der Super Nannys
per Fernseher der ganzen Nation deutlich macht, die basalen Kompetenzen fehlen, Kindern
an Körper, Geist und Seele gerecht zu werden.
Zum anderen: Was Sache der Familie war, bleibt Sache der Familie. Man setzt auf
Strategien, die die Leistungsfähigkeit von Familien stärken. Das hilft weiter – wenn man
daran festhält, dass die Familie der Ort ist, an dem es am ehesten und am besten gelingen
kann, Kinder und Eltern, die jungen und die alten, in ihren gesamten Bedürfnissen, den
körperlichen, geistigen und seelischen, komplett, also ganz zu berücksichtigen - aus Liebe.
Zum einen werden einzelne Funktionen, zum anderen wird das Funktionssystem geschützt
und gestützt. Das ist dem Staat die Familie wert – aber:


3. Was soll die Familie dem Staat wert sein?
Das ist die Frage nach dem, was gerechterweise sein soll an staatlicher Reaktion auf
die (fehlende) Leistung von Familie.
Was ist gerecht? Die Stärkung der Ressourcen der Familie und so die Stärkung des
Funktionssystems Familie? Oder die Auslagerung von Teilfunktionen in andere Systeme und
im Zuge der Verbesserung der Funktion die Schwächung oder auch schrittweise Auflösung
des Funktionssystems Familie?
Im Sinne der Katholischen Soziallehre jedenfalls: Nicht das, was die Funktionen aus der
Familie herausnimmt und die Institution damit aushöhlt. Sondern das, was die Familie in ihrer
Funktion stärkt.
Den jüngsten weltkirchlichen Beleg dafür kann das Kompendium der Soziallehre der Kirche
liefern, wenn dort insistiert wird: „Gesellschaft und Staat haben … die Verpflichtung, sich in
ihren Beziehungen zur Familie an das Subsidiaritätsprinzip zu halten. Aufgrund dieses
Prinzips dürfen die öffentlichen Autoritäten der Familie jene Aufgaben, die sie gut allein oder
im freien Verband mit anderen Familien erfüllen kann, nicht entziehen; andererseits haben
dieselben Autoritäten die Pflicht, die Familie zu unterstützen, indem sie ihr alle Hilfsmittel zur
Verfügung stellen, die sie benötigt, um ihre Verantwortung in angemessener Weise
wahrzunehmen.“ (KSK Nr. 214)
Gerechterweise geht es um das System Familie – als ein eigenständiges Ganzes. Um deren
eigene besondere Funktion. Die Entscheidung darüber, wie diese Funktion erfüllt wird, muss
in der Familie bleiben. Dem sozialethischen Gedanken der Subsidiarität (Quadragesimo
anno 79) genauso entsprechend wie dem systemtheoretischen Gedanken der
autopoietischen Geschlossenheit der Systeme (N. Luhmann), gegen die nicht verstoßen
werden kann ohne die Operationsfähigkeit der Familie samt ihrer gesellschaftlichen Leistung
zu zerstören. Eingriff in die Selbständigkeit der Familie, eine stellvertretende Übernahme
familialer Teilfunktionen durch andere Systeme ist nur dann und nur so lange sinnvoll und
nur dann gerecht, wie die Familie nicht in der Lage ist, ihre Mitglieder komplett zu
berücksichtigen.
Familien gerecht wertschätzen – das heißt, sie personell und strukturell, durch Prävention
und Intervention als Funktionssystem zu stützen. 3 Beispiele:
- Erstens: Eine Familie „in Funktion“ zu halten, das Führen einer Familie, die „Organisation“
der gegenseitigen Komplettberücksichtigung, verlangt Kompetenzen. Allerdings gibt es
bisher wenig Möglichkeiten, die zu erlernen. Von den Personen, die familiäre Leistungen
erbringen, erwartet man (im Gegensatz zur Erzieherin, zum Krankenpfleger oder zur
Sozialarbeiterin) dass sie die Kompetenz dazu intuitiv besitzen. Oder man rechnet

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selbstverständlich damit, dass sie durch die Herkunftsfamilie dazu instand gesetzt wurden.
Eine Rechnung, die zunehmend weniger aufgeht. Es fehlen Strukturen, in denen die
Kompetenz zur Komplettberücksichtigung der Person von jedermann und jeder Frau, gerade
auch in den bildungsfernen Schichten, erworben werden kann. Und: Es fehlen Anreize für
Eltern, sich diese Kompetenzen anzueignen
- Zweitens: Eine Familie „in Funktion zu halten, das heißt, ständig verlässlich verantwortlich
Leistungen in Erziehung, Pflege, Haushalt u.s.f. zu erbringen. Eltern oder Kinder alter,
pflegebedürftiger Eltern brauchen präventive Maßnahmen gegen Überbeanspruchung und
Überlastung. Strukturen müssen ausgebaut werden, die es ermöglichen, in (im Blick auf
Qualität und Quantität:) freier Wahl professionelle Erziehungs- Pflege- und
Haushaltsleistungen in Anspruch zu nehmen. Da, wo präventive Maßnahmen nicht mehr
greifen, ist verlässliche Intervention notwendig. Strukturen müssen ausgebaut werden, die
sicherstellen, dass ohne großen Verwaltungsaufwand eine rasche, familienkompatible Hilfe
geleistet wird. D.h. in der Regel nicht eine „Übernahme“ der Familienfunktion durch andere
soziale Systeme, sondern eine zeitlich begrenzte, ambulante, verschiedene Hilfesysteme
vernetzende Krisenintervention.
- Drittens: Eine Familie „in Funktion“ zu halten, ist wie das in Funktion halten anderer
Systeme, zum Beispiel der Pflege, der Sozialen Arbeit, eine kompetente Leistung. Allerdings
erwartet man von den Familien-Personen, die diese Leistung erbringen, dass sie es
„nebenher“ und unentgeltlich tun. Was nicht zuletzt an der Doppelstruktur der Familie liegt:
Funktion und Liebe. Was ist Funktion, was ist Liebe? Funktion ist berechenbar. Liebe ist
unberechenbar. „Kann denn Liebe Arbeit sein?“ Wie ist beidem gerecht zu werden? Am
besten immateriell, sagen die einen. Alles andere würde die Liebe pervertieren. Das ist
ungerecht, der Funktion gegenüber, sagen die anderen. Und unsinnig, was die Liebe angeht.
Die Funktion ist Leistung, Arbeit  die kann und muss materiell honoriert werden. Wo sie
einseitig verlangt wird, ausgebeutet wird, da gerät die Liebe unter Druck. Eine
Gerechtigkeitsforderung, die seit Christen Gedenken Probleme macht: Wo immer es um die
Doppelstruktur von Funktion und Liebe ging, wo immer sie typisch war, diese Verbindung
von Funktion und christlicher Nächstenliebe, in der christlichen Sorge um Kranke, Arme,
Schwache vor allem, da tat man sich schwer mit der Wertung und materiellen Bewertung der
systemspezifischen Leistung. Da galt die Leistung so lange als unbezahlbar bis sie
unbezahlt unleistbar war.
Es fehlen Strukturen, die Personen für eine angemessene Zeit „freistellen“ für die Leistung in
der Familie. Durch eine gerechte materielle Honorierung der familialen Leistung.
2 Beispiele. 2 Modelle.
1. Beispiel: Das Modell „Elterngeld“, das seit dem ab 1.1.07 in Kraft ist: Es unterstützt Eltern,
die bereit sind, 1 Jahr (bei 2 Personen im Wechsel, 14 Monate) lang zugunsten der
Elternarbeit auf Erwerbsarbeit zu verzichten, mit einer Lohn-Ersatzleistung. Ersetzt werden
67 Prozent des wegfallenden Nettoeinkommens, maximal 1800 Euro im Monat. Eltern, die
vor der Geburt des Kindes nicht erwerbstätig waren, erhalten mindestens 300 Euro.
Honoriert wird gezielt der zeitweise Verzicht auf die Erwerbsarbeit. Nicht die familiale
Leistung. Die gilt nach wie vor nicht als zu honorierende Arbeit. Die Höhe des „Honorars“
richtet sich konsequent nach der Leistung in der Erwerbsarbeit, auf die verzichtet wird, nicht
nach der Familien-Leistung.
2. Beispiel: Modelle, die die familiale Leistung honorieren. Modelle, die davon ausgehen,
dass Familientätigkeit Arbeit ist. Arbeit, die gerecht entlohnt werden muss:
Modelle, die der sozialen Entwicklung von Familie Rechnung tragen: Die ursprüngliche
„oikonomia“, das „ganze Haus“, in dem alle Funktionen (von den intimen bis zu den
wirtschaftlichen) zusammenkamen, hat sich ausdifferenziert in viele Bereiche; in die
Wirtschaft, die Familie, die Bildung u.s.f. Seither ist auch die Arbeit nicht mehr nur einem
System, nicht mehr nur der Wirtschaft zuzuordnen. Seither spielt Arbeit eine Rolle in all´
diesen Systemen. Sie hat Einfluss auf ihre Funktion, auf die Leistung. Sie muss
entsprechend möglich gemacht werden. Z.B., indem auf die zu leistende Arbeit kompetent
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vorbereitet wird, indem sie honoriert wird. Ideell und materiell. Indem sie zu einer Profession,
zu einem „Beruf“ gemacht wird.
Man stelle sich vor, in jedem privaten Familienhaushalt, in dem die „gegenseitige
Komplettberücksichtigung“ funktioniert und eine Person entsprechend betreut, gepflegt oder
erzogen wird, würde diese Arbeit als Beruf anerkannt. Und entsprechend ideell und materiell
ausgestattet. Man stelle sich vor, zu den Lebens- und Arbeitsmodellen „Familie statt Beruf“
und „Familie und Beruf“ gesellte sich damit ein drittes Modell: “Familie als Beruf“. Ein Modell,
das, weil es die üblichen Nachteile des Modells „Familie statt Beruf“ eliminiert, tatsächliche
Wahlfreiheit schaffen würde. Möglich ist das. Man muss es gesellschaftlich wollen.
        Dazu ein kleiner Exkurs in einen Leserinnenbrief zur aktuellen familienpolitische
        Diskussion in der FAZ vom 6.3.2007, Seite 8:
        „… Wir haben verstanden! Ich bin Vollzeitmutter von sechs Kindern Drei Häuser
        weiter wohnt noch eine Vollzeitmutter von sechs Kindern. Sie ist Ärztin, ich bin
        Volljuristin. Norbert Blüm würde jetzt sagen: welch eine Verschwendung. Dennoch
        haben wir den Beruf Vollzeitmutter gewählt, weil es ein schöner und anspruchsvoller
        Beruf ist und unsere Kinder uns die volle Zeit brauchen, unabhängig von ihren
        Außenkontakten. Wir haben jetzt das Ei des Kolumbus. Ich zahle meiner Nachbarin
        monatlich 1.500 € und sorge für ihre Kinder. Sie zahlt mir 1.500 € und umsorgt meine
        Kinder. Mit Renten und Versicherung und jeweils als Betreuungskosten steuerlich
        absetzbar. Dann haben wir endlich auch einen allgemein anerkannten Erwerbsberuf
        und sind nicht mehr von gestern … Aber wann kommt das Jugendamt und
        kontrolliert, ob wir am Ende listigerweise nicht doch unsere eigenen Kinder
        großziehen?“


Zum Weiterlesen:
Fuchs, Peter, Liebe, Sex und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Intimsysteme, Konstanz 1999.
Huinik, Johannes/ Strohmeier, Klaus-Peter/ Wagner, Michael (Hg.), Solidarität in Partnerschaft und Familie. Zum
Stand familiensoziologischer Theoriebildung, Würzburg 2001.
Jans, Bernhard/ Habisch, André u.a. (Hg.), Familienwissenschaftliche und familienpolitische Signale, Grafschaft
2000.
Jünemann, Elisabeth, „Dankbar geben wir die Geburt unseres 3. Kindes bekannt ...“ Erster Lernort des Lebens:
Die Familie, in: Eller, Friedhelm/ Wildfeuer, Armin (Hg.), Kontexte frühkindlicher Entwicklung, Münster 2007.
Jünemann, Elisabeth, Was ist dem Staat die Familie wert, in: H. Reifeld (Hg.) Ehe, Familie und Gesellschaft – Ein
Dialog mit dem Islam. Eine Veröffentlichung der Konrad-Adenauer-Stiftung, St. Augustin 2006, 121-134.
Jünemann, Elisabeth, Soziale Gerechtigkeit für die Familie. Zur Frage nach sozial gerechten Bedingungen für die
funktionierende Familie, in: Jünemann, Elisabeth/ Wertgen, Werner (Hg.) Herausforderung Soziale Gerechtigkeit,
Paderborn 2006.
Jünemann, Elisabeth, Liebe und Funktionalität. Theologische Perspektiven in der Familienhilfe, in: Krockauer, R.
u.a. (Hg.), Theologie + Soziale Arbeit. Handbuch für Studium, Weiterbildung und Beruf, München 2006, 171-179.
Jünemann, Elisabeth/ Ludwig, Hans (Hg.), Vollbeschäftigung ist möglich! Makroökonomische Simulation der
Wirkung eines zusätzlichen Erziehungseinkommens, Merzig 2002.
Köpf, Peter/ Provelegios, Alexander, Wir wollen doch nur ihr Bestes, Hamburg 2002
Krebs, Angelika, Arbeit und Liebe. Die philosophischen Grundlagen sozialer Gerechtigkeit. Frankfurt 2002.
Mack, Elke, Familien in der Krise. Lösungsvorschläge Christlicher Sozialethik, München 2005.
Nacke, Bernhard/ Jünemann, Elisabeth (Hg.), Der Familie und uns zuliebe. Für einen Perspektivenwechsel in der
Familienpolitik, Mainz 2005.
Schmidt, Renate, S.O.S. Familie, Berlin 2002.
Schmidt, Renate/ Mohn, Liz (Hg.), Familie bringt Gewinn. Innovation durch Balance von Familie und Arbeitswelt,
Gütersloh 2004.
Tschöppe-Scheffler, Sigrid (Hg.), Neue Konzepte der Elternbildung. Ein kritischer Überblick, Leverkusen 2005.




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