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Aargauer Zeitung MLZ; 2002-06-2

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Aargauer Zeitung  MLZ; 2002-06-2 Powered By Docstoc
					Aargauer Zeitung / MLZ; 2002-06-21; Seite 31

Leben

Nur der Besen bleibt im Schrank

MODERNE HEXEN · Die heutige Sommersonnenwende ist für viele ein Grund zum
Feiern: Okkultes, Magisches und Esoterisches ist beliebt wie nie.

Auch Hexen erleben ihre Renaissance - ohne Besen zwar, dafür aber mit der
Zurückeroberung von alten Bräuchen und Festen. Heute Freitag, 21. Juni, feiern sie die
Sonnengöttin Litha.

Heute ist Sommersonnenwende. Die Sonne steht im Zenith; es ist der längste Tag des
Jahres und die kürzeste Nacht. Grund genug zum Feiern - zumindest für Wicca, 35, eine
moderne Hexe vom Mutschellen. Sie wird Freunde und Familie um sich scharen, um Litha,
die Göttin der Fruchtbarkeit und des Lichts, zu verehren - mit einem lachenden und einem
weinenden Auge. «Das Licht wird noch einmal ausgelassen zelebriert», erklärt Wicca,
«andererseits wissen wir, dass die Sonnenkraft schon wieder, wenn auch noch unbemerkt,
am Schwinden ist.»

Die Hexe mit den langen braunen Haaren und grünblauen Augen wird Köstlichkeiten aus
Äpfeln zubereiten (weil das die Früchte des Junis sind), einen Schafgarben-Trunk mixen
oder eine Kamillen-Bowle ansetzen. Es lohne sich, die Sonnengöttin milde zu stimmen,
denn ihr könne man Probleme und drückende Sorgen anvertrauen, so Wicca. Falls man
solche loswerden will, schreibt man diese am besten mit roter Tinte auf einen weissen
Zettel, streicht etwas Honig darüber, weil dieser heilende Kräfte hat, und überantwortet
das Ganze den Flammen. «Es wirkt», ist Wicca überzeugt. Ein loderndes Feuer wird darum
auch für sie im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stehen, und sie wird mit ihrer Freundesschar
darüberspringen. Einfach so zum Spass.

«Die Sommersonnenwende ist ein leises, intimes Fest - im Gegensatz zu den besser
bekannten heidnischen Hexen-Anlässen wie Walpurgisnacht und Halloween, die laut und in
grossen Gruppen begangen werden», erklärt Wicca. Am allerliebsten feiert sie jedoch
Vollmondfeste, da der Mond die magischen Fähigkeiten der Menschen erhöht, die Geister
besonders aktiv und die Pflanzen voller Saft sind.

Vollmond ist wieder am 24. Juni. Die beste Zeit für Wicca, Johanniskraut zu pflücken und
daraus eines ihrer magischen Öle zu gewinnen. «Das ist gut gegen Depressionen, bringt
Glück und hält Kinder vom Bettnässen ab», so Wicca, «es ist ein uraltes Heilrezept.» Im
Einklang mit der Natur zu leben ist für Wicca oberstes Hexengebot. Sie liebt Tiere, den
Wald, hat einen riesengrossen Garten mit allerlei Kräutern und Beeren und setzt sich aktiv
für die Erhaltung von Wölfen ein.

Im Alter von 12 Jahren hat sie ihren Taufnamen Nicole gegen Wicca eingetauscht, denn
sie zählt sich zu den Wicca-Hexen, einer Gruppierung von modernen Heiden, die sich auf
verschiedene überlieferte Mythologien, Bräuche und Rituale beruft, insbesondere auf
solche keltischen Ursprungs. Aber eigentlich sei sie schon als Hexe geboren worden, ist
Wicca überzeugt. Schon als Kind habe sie sich sehr für Magie, Mystik und Spiritualität
interessiert und eine gute Einfühlungsgabe gehabt.

Vision möchte sie dies nicht nennen, eher Intuition. «Ich träume Dinge, die sich später
bewahrheiten», erklärt sie, «und sehe es jemandem an den Augen an, wenn er auf der
Schwelle des Todes steht; ich merke auch, wenn jemand schwanger ist, lange bevor es
offensichtlich ist.» Nicht dass sie Todesahnungen auch nur laut denken würde -
Hexenrituale jedoch gibt sie gern preis. Darum kommen Ratsuchende von weit her in ihr
kleines Atelier auf dem Mutschellen, die sie mit einem fröhlichen «merry meet»,
willkommen, begrüsst. Da gibt es Ritualkerzen und Öle zum Heilen, Räuchwaren,
Orakelsets und Amulette, die Kraft und Glück bringen sollen. Ein feiner Duft durchwabert
die Räume. Der richtige Ort für ‹weisse› oder gar ‹schwarze› Magie? «Höchstens
‹weisse›», lacht Wicca. «Ich mache nur Positives, nie würde ich jemandem Schaden
zufügen, denn alles, was man macht, kommt dreimal zurück.» Wicca ist also eine nette
Hexe, keine, die auf dem Besenstiel reitet, wilde Schreie ausstösst oder sich gar mit dem
Satan verbündet. Natur und Tradition sind ihre Ratgeber. Für einen Heilzauber nimmt
Wicca eine blaue, durchgefärbte Kerze. Auf ein Blatt Papier schreibt sie den Wunsch. In
freundlichen Worten, positiv formuliert. «Denn nicht und nein, das lass sein», warnt sie.
Das Papier legt sie dann unter den Kerzenständer, und das Ganze passiert am besten bei
abnehmendem Mond, weils ja eine Entlastung sein soll.

Wicca hat die verschiedensten Rituale, arbeitet mit Steinen und Ölen, Blüten, Farben und
Rauch. «Eigentlich erkläre ich nur, wie jemand seine eigene positive Energie freisetzen
kann. Und das Dümmste, was bei ‹weisser› Magie passieren kann, ist, dass nichts
passiert», sagt sie.

Visualisierung, Meditation und die Kraft der Rituale liegen ihr nahe - «schwarze» Magie
hingegen ist für sie ein absolutes Tabu. Damit könne man schaden, ist sie überzeugt. Das
«Quija-Board», ein Brett, mit dessen Hilfe man Kontakte zu Verstorbenen aufnehmen
kann, lehnt sie deshalb ab. «Das ist kein Partyspass, sondern gefährlich», erklärt sie. Denn
sie ist überzeugt, dass es schlechte Mächte gibt, die den Weg ans Licht nicht gefunden
hätten und nur darauf warten würden, uns zu schaden: «Und wer will schon Geister rufen,
die man nicht mehr los wird.»

Informationen: www.wicca.ch

				
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