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                                                               SoSe 2009


Veranstaltung: „Wird das „Schulvolk“ unregierbar? Jugendgewalt, Schülergewalt, Amokläufe
VAK: 12-EW-H-182
Dozent: Freerk Huisken


Protokollanten: Mirja Rosinski, Merle Berger, Melina Bleckwehl



                          Protokoll zur Sitzung vom 13.05.2009


1) Anmerkungen zu der vergangenen Sitzung vom 29.04.09

Protokoll 3a)
Es wird ergänzend darauf hingewiesen, auf Seite 2 zwischen den Abhängigkeitsverhältnissen zu
differenzieren. So basiert das Abhängigkeitsverhältnis zum einen auf gemeinsamen Interessen, zum
anderen auf gegensätzlichem Interesse. Zudem sollten die zwei Entschlüsse eines Amokläufers
(Rache und Gewalt als Mittel) in dem Protokoll stärker zum Ausdruck kommen.

Protokoll 3b)
Auch im zweiten Protokoll wird auf die Differenzierung zwischen den beiden
Abhängigkeitsverhältnissen hingewiesen.

Bemerkung von Seite 2: „Fakt ist doch vielmehr, dass jeder von uns schon einmal Rache- und
Hassvorstellungen gehegt hat, dies ist nichts Außergewöhnliches und weist schon gar nicht auf
einen möglichen Amoklauf hin.“ Diese Aussage kann weitestgehend unterstützt werden, die
Schlussfolgerung jedoch ist fehlerhaft, da es keinen zwangsläufigen Übergang zwischen
Rachegedanken und einem Amoklauf gibt. Hass- und Racheempfindungen würden zudem auf einen
falschen Umgang mit dem, was an der Realität als störend empfunden wird, verweisen.

Bemerkung von Seite 3: „Nun werden als mögliche Gründe für Amokläufer immer wieder eben
diese Computerspiele, in denen es ums virtuelle Töten geht, dafür verantwortlich gemacht. Doch
macht man es sich damit nicht zu einfach?“ Zu diesem letzten Satz wird angemerkt, dass
Computerspiele definitiv nicht als Grund genannt werden können, denn der Beschluss zur Tat ist
bereits im Kopf des Amokläufers. Computerspiele können höchstens die Hemmungen senken oder
als eine Art von Schießtechnikübung fungieren.

2) Computerspiele und Gewalt

Die Diskussion rund um das Thema „Computerspiele und Gewalt“ wird mit der so genannten
Imitationslerntheorie eingeleitet, in der ein eindeutiger Fehler festzustellen ist. Der Mensch wird
mit vielen sowohl realen als auch virtuellen Szenarien konfrontiert. Der Imitationslerntheorie
zufolge ist jede Situation, mit der ein Mensch konfrontiert wird, Grund zur Imitation. Aus dieser
Tatsache ergibt sich die Frage, warum ausgerechnet das Verhalten aus den
„Ego-Shooter-Computerspielen“ imitiert wird. Als illustrierendes Beispiel wird hier der Amoklauf
des Robert Steinhäuser aus Erfurt genannt und es entsteht folgende Fragestellung: Warum imitierte
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er nicht einfach Personen aus der Serie „Lindenstraße“, welche ebenfalls Bestandteil seines
medialen Umfelds waren? Wichtig ist der Umstand, dass der Mensch selbst über seine Imitationen
entscheidet und niemals grundlos imitiert. Ein anderer Gedanke ist die Annahme, Aggressionen
könnten durch die alltägliche Imitation der Gesellschaft zustande kommen. Im konkreten Bezug auf
die Schule ordnet sich der Schüler unter, er passt sich dem Verhalten seiner Mitschüler an, um nicht
negativ aufzufallen. Dabei wird die eigene Persönlichkeit unterdrückt und eine vorgespielte
Wirklichkeit geschaffen. Eine tägliche Qual, aus der sich oft eine innere angestaute Wut ergibt, die
sich später auch in konkreten Aggressionen äußern kann. Infolge dieser psychischen und
körperlichen Belastung ziehen sich viele Jugendliche häufig zum „Abreagieren“ ihrer angehäuften
Probleme und inneren Konflikte in die „Welt der Waffen“ zurück.

Es gibt demnach verschiedene Gründe, sich mit Computerspielen zu beschäftigen, wie zum Beispiel
Stress- oder Frustabbau und Aggressionsbewältigung. In Bezug auf „Frustabbau“ entstehen Fragen
nach der Definition sowie nach den entsprechenden Handlungsvorgängen des Menschen. Die Frage,
aus welchem Grund diese Art von „Freizeitbeschäftigung“ gewählt wird und inwiefern sie
überhaupt als solche bezeichnet werden darf, ist ebenfalls Gegenstand der darauf folgenden
Diskussion. Aus der Thematik ergeben sich zwei gegensätzliche theoretische Ansätze: Zum einen
sind Wissenschaftler und Experten der Meinung, dass Gewalt verherrlichende Computerspiele
verboten werden sollten, da sie zu realer Gewalt führen können. Im Widerspruch dazu steht die so
genannte Katharsistheorie. Ihr zufolge sei es falsch, derartige Computerspiele zu verbieten, da sie
als Ventil wirkten. Ein positiver Aspekt dieses Handlungsvorgangs wäre demnach, sich von
Aggressionen zu befreien. Entgegen zu halten ist dieser Theorie, dass der psychologische
Selbstumgang mit dem Ärger nur kurzfristig für eine Erleichterung sorgt. „Man funktioniert besser“
und ist in der Lage, seinen Alltagspflichten nach dem Abreagieren durch Computerspiele nach zu
gehen. Allerdings ist diese Form von Frustumgang kein Frustabbau, da auf diesem Weg die
Ursachen des Problems nicht gelöst werden können, sie wirken vielmehr nur für den bestimmten
Moment. Bei der nächsten Konfrontation mit dem Problem treten die inneren Aggressionen erneut
auf. In diesem Fall wird die Theorie der Katharsis widerlegt, da sie nicht als eine Reinigung
anzusehen ist, sondern eher als eine kurzweilige Ablenkung von dem Problem. Ein vernünftiger
Weg wäre, sich auf den Gegenstand und den Grund des Ärgers zu konzentrieren und darauf folgend
nach einem Lösungsweg zu suchen. Ein Beispiel an dieser Stelle ist die Person, die die Aggression
hervorruft oder verursacht, direkt auf das Problem anzusprechen. Auf diese Weise werden die
Aggressionen von innen nach außen für diesen Menschen sichtbar gemacht und aus der betroffenen
Person befreit. Durch gezieltes Ansprechen müssen Aggressionen aus dem Körper entweichen,
damit sie nicht im Kopf des aggressiven Menschen verharren.

Eine weitere diskussionswürdige Fragestellung ist „Was genau erzeugt eigentlich den Spaß bei
Gewalt verherrlichenden Computerspielen und warum spielen sie eine wichtige Rolle bei
Jugendlichen?“. Antworten darauf könnten unter anderem das Genießen virtueller Macht oder
ausgewählte Imitation (in diesem Fall die Verkörperung oder Nachahmung einer anderen
„verehrten“ Person) sein. In derartigen Computerspielen besteht die Möglichkeit, sich als legaler
Richter über Leben und Tod aufzuführen, welches in der Realität negative Konsequenzen nach sich
ziehen würde. Darüber hinaus steht zur Debatte, ob für die Spieler nicht eher der
Wettbewerbscharakter zählt und das Töten im Hintergrund steht, eher Mittel zum Zweck ist. Jedoch
klären diese Überlegungen nicht die Ausgangsfrage. Vielmehr bleibt offen, warum das Töten von
Menschen überhaupt Bestandteil der Spiele sein muss, denn wenn es nur um den Wettbewerb
ginge, könnte ja darauf verzichtet werden.

Durch die Kommerzialisierung der Computerspiele hat sich ein neuer Wirtschaftszweig entwickelt.
Es muss schon als merkwürdig betrachtet werden, dass so viele Menschen Vergnügen daran finden,
das Leben anderer virtueller Menschen auszulöschen und das als Unterhaltung und Entspannung
vom „beschwerlichen Alltag“ sehen. Die Menschen sollten sich fragen, welchen Einfluss die

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Gesellschaft auf sie ausübt, dass sie zu solchen Computerspielen greifen. Was passiert mit den
Menschen, die keine Macht haben und keine Anerkennung bekommen? Suchen sie sich ein
virtuelles Spiel, in dem sie genau diese Macht bekommen? Und was passiert in der Gesellschaft,
dass Menschen andere virtuell töten, um sich vom Alltag abreagieren zu können? Eine mögliche
Erklärung ist, dass der Spieler, der virtuell Menschen tötet, z.B. von seinem Chef schlecht und
respektlos behandelt wird. Dasselbe vom Chef ausgehende Gefühl von Macht über das Schicksal
seiner Angestellten wird dem Betroffenen in entsprechenden Computerspielen vermittelt.

3) Wissenschaftliche Erklärung

Eine wissenschaftliche Erklärung bietet die Theorie des doppelten Kontrollverlustes von Wilhelm
Heitmeyer, Professor für Pädagogik. Dabei handelte es sich um einen Auszug des TAZ- Interviews
vom 19.03.09, in dem es heißt: „Der Kontrollverlust bei den Tätern besteht im Anerkennungszerfall
und damit im Verlust über die Kontrolle des eigenen Lebens.“ Aus dieser Behauptung ergibt sich
die Frage, inwiefern der Amokläufer seine Kontrolle verliert, wenn er eigentlich einen exakt
organisierten Plan im Kopf hat? Zudem ist das Wort „Täter“ implizit mit dem des Verbrechers
gleichgestellt, welches als abwertend anzusehen ist. Aus der These Heitmeyers resultiert die
Annahme, dass der Mensch, dem keine Anerkennung durch die Gesellschaft zuteil wird, ausrastet
und möglicherweise zu einem Amokläufer wird. Das zur Kontrollerhaltung des eigenen Lebens
erforderliche Mittel ist die Anerkennung durch die Mitmenschen, die beim Amokläufer nicht
vorhanden ist. Aber wie kann die Abwesenheit von dem, was den Amokläufer an seiner Handlung
hätte hindern können, ihn letzten Endes zu der Tat führen? An dieser Stelle wird die Absurdität des
Gedankens deutlich, denn etwas Nichtvorhandenes kann nie der positive Grund für eine Tat sein.
Positive Gründe wären zum Beispiel Rache oder Geldnot.

Ein weiterer Satz, der zum Nachdenken anregt, ist: „Das Innere des Schulamokläufers gleicht einem
Vakuum. Durch die Abwesenheit von Anerkennung ist in ihm ein Loch entstanden.“ Demzufolge
hätte der Amokläufer die Tat begangen, weil ihm etwas fehlte und nicht, weil er etwas wollte. Die
Schlussfolgerung dieser Debatte ist: Das Fehlen von etwas ist nicht der Grund für eine Tat!!!

Voraussetzung der Anerkennung ist das Annehmen der gesellschaftlichen Regeln, Gesetze und
vorgeschriebenen Normen. Doch woher bekommen junge Menschen ihre Anerkennung? Und was
passiert mit den Menschen, die diese Erwartungen nicht erfüllen und mit ihnen nicht mithalten
können? In Bezug auf mögliche Präventionsvorschläge bieten nach Heitmeyer so genannte
Ersatzfelder eine alternative Anerkennung für diejenigen, die in der Schule als Verlierer bezeichnet
werden. Er bezieht sich aber nicht auf die Hauptfelder und lässt die dort herrschenden Probleme
außer Acht, sondern weicht auf die Umgebung ab. Doch wie kann das Zentrum vernachlässigt oder
missachtet werden, wenn hier der Kern der Ursache sitzt? Jugendliche, die in der Schule keine
Anerkennung erhalten, suchen sich eigenständig alternative Ersatzfelder, in denen sie sich
Bestätigung erhoffen. Auch materielle Dinge wie beispielsweise das neuste Handy oder teure
Kleidung können Ersatzfelder sein. Zudem besteht unter den Heranwachsenden eine Hierarchie, die
durch gesammelte Telefonnummern oder Nachrichten auf der Internetseite gehalten wird. Bei
jungen Menschen ist die Gefahr groß, dass sie diese zu verdienende Anerkennung durch Mutproben
und der Überschreitung von Grenzen erreichen. Zentrales Problem innerhalb dieser eigenen
Anerkennungsfelder ist, dass der letzte entscheidende Schritt zum Amoklauf verschwindend gering
ist.



Offene Frage der Sitzung:
Warum sind die Amokläufe bislang nur an höheren Abteilungen des Schulwesens (Colleges und
Gymnasien) aufgetaucht?

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