Michel Foucault Geschichte der

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Michel Foucault: Geschichte der                   mitunter auch eine kritische Distanz zu dem
Gouvernementalität I. Sicherheit,                 weiten Feld der gegenwärtigen Gouvernemen-
                                                  talitätsforschung erlaubt, deren unentwegter
Territorium, Bevölkerung;                         Behauptung, im ›Anschluss an Foucault‹ zu
Geschichte der Gouvernementalität                 operieren, man sich bislang nur blindlings an-
II. Die Geburt der Biopolitik.                    vertrauen konnte.
Vorlesungen am Collège de France                     Richten die governmentality studies ihr Au-
                                                  genmerk jedoch in erster Linie auf neoliberale
1977/78 und 1978/79, Suhrkamp                     Subjektivierungsprogramme, welche die vom
Verlag, Frankfurt a. M. 2004,                     Neoliberalismus postulierte ›Freiheit des In-
600 S. u. 517 S. (je 38 €)                        dividuums‹ als Bestandteil einer politisch-
                                                  ökonomischen Strategie dechiffrieren, so setzt
                                                  Foucaults ›Genealogie des modernen Staates‹
Am 25. Juni 1984 starb der französische Philo-    zunächst bei einem anderen Phänomen an,
soph und Historiker Michel Foucault in einem      das mit jenem Analyseschwerpunkt nur wenig
Pariser Krankenhaus an Aids. Sein Testament       gemein zu haben scheint. Band I der »Ge-
gliederte der erst 58-jährige Foucault in drei    schichte der Gouvernementalität« befasst sich
kurze Teile, wovon der dritte und letzte einen    mit der ›Staatsräson‹, deren Ausgangspunkt
einzigen Satz umfasst: Keine posthume Veröf-      Foucault in den Ideen des frühchristlichen
fentlichung. Dieser Verfügung ist mit notori-     Pastorats erblickt. Durch das Bild des Hirten
scher Ignoranz entsprochen worden, so dass        symbolisiert, der sich dem Wohle seiner Herde
Foucault heutzutage den karikierenden Ruf ei-     verschreibt, bildete das Pastoratsthema – das
nes Philosophen besitzt, der nach seinem Tode     auch heute noch in der päpstlich apostolischen
weit mehr als zu Lebzeiten hat publizieren kön-   Konstitution Universi Dominici Gregis (»Hü-
nen. Auch wenn sich jene ›testamentarische        ter der gesamten Herde des Herrn«) zum Aus-
Missachtung‹ nicht gänzlich von dem Vorwurf       druck kommt – aufgrund seiner individualisie-
eines Profitstrebens zu lösen weiß, so erscheint   renden Zielsetzung lange Zeit den Widerpart
sie zumindest von einem wissenschaftlichen        zur zentralisierenden Macht des Staates. Die
Gesichtspunkt aus als dennoch wünschenswert:      Besonderheit der Staatsräson, die als Regie-
Neben unzähligen Interviews und Artikeln sind     rungskunst im 16. und 17. Jahrhundert all-
es nämlich insbesondere Foucaults am Col-         mählich entsteht, zeichnet sich laut Foucault
lège de France gehaltene Vorlesungen, die sich    dadurch aus, die »Pastoraltechnologie zur
durch eine Vielfalt an Themenbereichen aus-       Menschenführung« gewissermaßen säkulari-
zeichnen, die in den schriftlichen Werken         siert in sich aufgenommen zu haben. Seit dem
Foucaults oftmals nur marginale Einarbeitung      klassischen Zeitalter ist der moderne Staat To-
fanden.                                           talisierungs- und Individualisierungsinstanz
  In die Reihe der posthumen Veröffentlichun-     zugleich – omnes et singulatim.
gen jener Vorlesungen, die der Foucault-Re-          Auch wenn der erste Band der »Geschichte
zeption bis in die Gegenwart neuartige For-       der Gouvernementalität« allein schon aufgrund
schungsfelder eröffnen, fügen sich nun auch       seiner beispiellosen Fülle an analytischen
endlich und endgültig die Vorlesungen von         Ausführungen lesenswert ist: den Rezipien-
1977-78 und 1978-79 als zweibändige »Ge-          tInnen ist jene darin vertretene These Foucaults
schichte der Gouvernementalität« ein. Endlich,    bereits im Wesentlichen bekannt. Denn bereits
da der Ruf dieser Vorlesungen ihrem jetzigen      zu Beginn der 90er Jahre erschienen im Suhr-
Erscheinen um mehr als ein Jahrzehnt voraus-      kamp Verlag von Foucault an der Universität
eilte und ihre desideraten Inhalte im anglo-      Stanford und Vermont gehaltene Vorträge, die
amerikanischen Raum bereits zur Etablierung       im Keim als Zusammenfassung seiner Staats-
einer eigenen universitären Disziplin – den       räson-Analyse am Collège de France betrach-
governmentality studies – führte. Endgültig,      tet werden können.
da den Rezipienten mit der »Geschichte der           Es wäre jedoch verfrüht anzunehmen, die
Gouvernementalität« nun eine ausführliche         Regierungsweise des modernen Staates gründe
Primärliteratur an die Hand gegeben ist, die      im Denken Foucaults ausschließlich auf einer
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politischen Aneignung ›pastoraler Machttech-       Staat existierte lediglich ex negativo und be-
nologien‹. Aus der Verbindung von politischer      durfte genau aus diesem Grund einer neo-
und pastoraler Macht entstand weniger eine         liberalen Wirtschaftsordnung, um sich mittels
seit dem 16. Jahrhundert gleich bleibende          dieser politisch zu rechtfertigen. Bei der mo-
juridische Strategie. Dieses Ineinandergreifen     dernen Gouvernementalität handelt es sich um
führte vielmehr ein ›reflexives Moment‹ in         »eine Genese, eine ständige Genealogie des
den Handlungsbereich staatlich-politischer         Staates im Ausgang von der Institution der
Macht ein, das Foucault im Begriff der Gou-        Wirtschaft«. Eine Genese allerdings, die auf
vernementalität zusammenfasst: »Was es für         eine fundamentale Paradoxie verweist: Wenn
unsere Modernität, das heißt für unsere Aktua-     nämlich die »Einrichtung wirtschaftlicher
lität an Wichtigem gibt, ist nicht die Verstaat-   Freiheit wie ein Siphon, wie ein Sprungbrett
lichung der Gesellschaft, sondern das, was ich     für die Bildung einer politischen Souveräni-
eher die ›Gouvernementalisierung‹ des Staates      tät« funktioniert, dann muss der Staat seine
nennen würde«. Bezeichnend hierbei ist, dass       politische Legitimität und Existenzberechti-
dieser fortlaufend selbstreflexive Rationalisie-    gung über den Umweg einer wirtschaftlichen
rungsprozess des Staates, aus dem einst die        Praxis erlangen, die ihn – und das ist der Wi-
Kunst der Staatsräson selbst entsprang, wenig      derspruch – als per se unfähig und fehlerhaft
später nur auf deren Untergang verweist. Im        diffamiert. Fortan besitzt der Staat nur noch
Gewand des ›politischen Liberalismus‹ ge-          insofern eine politische Souveränität, als er
winnt spätestens im 18. Jahrhundert eine »Ge-      sich explizit und ausschließlich der Freiheit
gen-Bewegung« an Kontur, welche die politi-        des Marktes verschreibt. Foucaults Fazit ist
sche Dominanz der Staatsräson allmählich in        somit einfach: Es ist die durch den Zweiten
Frage zu stellen beginnt. Allmählich nur, da       Weltkrieg verursachte Ohnmacht des deutschen
der Liberalismus als »ökonomische Vernunft«        Staates, die ihn zur perfiden Vorreiterrolle ei-
nicht im Begriff ist, die »Staatsräson zu erset-   ner neoliberalen Politik führen wird.
zen, sondern der Staatsräson einen neuen In-          Die große Schwachstelle dieser Konzeption
halt, und folglich der Rationalität des Staates    besteht hierbei in einer Ausblendung des ›Key-
neue Formen zu verleihen«. Der politische Li-      nesianismus‹, der für eine Analyse der Trans-
beralismus fordert gegenüber dem Staat einen       formation des Liberalismus in seinen neo-
ökonomischen Freiraum ein, der gleichsam           liberalen Nachfolger unabdingbar wäre. Auf
noch ›parallel‹ zur Staatsräson verläuft, und      Keynes jedoch kommt Foucault kaum, und
erst Band II der »Geschichte der Gouverne-         wenn, dann nur in wenigen Randbemerkungen
mentalität« stellt dar, wie es dem ›Neolibera-     zu sprechen, so dass im Konzept der Gouver-
lismus‹ schließlich gelingen wird, jenes dicho-    nementalität eine theoretische Lücke klafft,
tome Verhältnis zu durchbrechen.                   welche die Zäsur des Zweiten Weltkrieges al-
   Foucaults Analyse des Neoliberalismus setzt     leine nicht zu schließen vermag.
sich – nebst einer partiellen Bezugnahme auf          Dennoch, die zweibändige »Geschichte der
den Anarcho-Kapitalismus Nordamerikas –            Gouvernementalität« liefert eine scharfsinnige
hauptsächlich mit dem ›Ordoliberalismus‹ der       Analyse der Ursprünge und Wesenszüge des
›Freiburger Schule‹ auseinander. Im Kern be-       modernen Staates, deren Wert allein schon
reits vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges         darin liegt, dass Foucault mit ihr das von ihm
im Entstehen begriffen, sieht Foucault die he-     so bevorzugte Terrain des klassischen Zeital-
gemoniale Entfaltung des ›Ordoliberalismus‹        ters verlässt, um seinen Blick zum ersten Mal
erst in der postnazistischen Nachkriegszeit am     der Gegenwart zuzuwenden. Eine »aktive Po-
Werke. Die zentrale These Foucaults ist, dass      litik ohne Dirigismus«, das meint Foucaults
der Neoliberalismus gerade im deutschen Den-       Begriff der modernen Gouvernementalität.
ken seine sowohl subtilste als auch radikalste     Eine »Politik der Ökonomisierung« bedeutet
Ausformulierung erfuhr, da im Deutschland          eine »Ökonomisierung des Sozialen«, die das
der Nachkriegszeit schlichtweg kein Staat vor-     Individuum marktkonform produziert und
handen war, der gegenüber der Ökonomie ei-         gestaltet, um es den Erfordernissen und Richt-
nen gleichwertigen Platz für sich hätte in An-     linien einer Wettbewerbsgesellschaft anzu-
spruch nehmen können. Der westdeutsche             passen.
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An dieses Erbe suchen die governmentality          stellation zum Maßstab der historischen Fol-
studies anzuschließen, indem sie den ›Rück-        geperiode zu erheben, zerschlägt er geschickt
zug des Staates‹ als ›Strategie‹ verstehen, die    den gordischen Knoten der Fordismus/Post-
gerade nicht mit Zwang, sondern mit der Ei-        fordismus-Debatte. Der Neoliberalismus – so
genverantwortung des Einzelnen operiert. Ein       sein Schluss – hat längst ein »neues Entspre-
durch die »Geschichte der Gouvernementa-           chungsverhältnis eines hochtechnologischen
lität« nun ermöglichter Rückgriff auf jene         Paradigmas der Arbeit, eines transnationalen
Schaffensphase Foucaults könnte gerade auch        finanzkapitalistischen Akkumulationsregimes
für die Gouvernementalitätsforschung von           und einer wettbewerbs- und workfare-orien-
erheblichem Interesse sein. Nicht zuletzt des-     tierten Regulationsweise unter neoliberaler
halb, weil dem gegenwärtigen Trend der             Hegemonie« (S. 12) hervorgebracht. Der Neo-
governmentality studies, jeden nur erdenkli-       liberalismus ist »das neue Gesicht des Kapita-
chen Gesellschaftsbereich mit dem Netz der         lismus«. Seine Hegemonie gründet nicht auf
Gouvernementalität zu überziehen, anhand           einer dem Fordismus analogen Stabilität oder
Foucaults detaillierter Untersuchung entge-        inneren Kohärenz, sondern auf einem »pre-
genzutreten wäre.                                  kären Gleichgewicht im Ungleichgewicht«
                              JOHANNES SCHEU       (S. 159), das sich nur herstellt, wenn und
                                                   indem unterschiedliche gesellschaftliche In-
                                                   teressen zu einem räumlich und zeitlich be-
Mario Candeias: Neoliberalismus –                  grenzten Kompromiss zwischen dem herr-
                                                   schenden »Block an der Macht« und einem
Hochtechnologie – Hegemonie.                       Teil der Beherrschten vereinheitlicht werden
Grundrisse einer transnationalen                   (S. 44).
kapitalistischen Produktions-                         Der »Gang der Untersuchung« (S. 55), also
und Lebensweise. Eine Kritik,                      die Kapitelfolge, orientiert sich – der Metho-
                                                   dologie der Regulationsschule folgend – an
Argument Hamburg 2004, 380 S.                      den »grundlegenden gesellschaftlichen Verhält-
(20,50 €)                                          nissen« und Widersprüchen (S. 24), hier: den
                                                   Geld-, Arbeits-, Geschlechter- und Staatsver-
                                                   hältnissen. Vorgeschaltet ist eine Analyse der
Dass es mit dem Fordismus zu Ende geht, war        »prägenden Denker der Zeit« (S. 79).
der polit-ökonomischen Regulationsschule, die         Der Neoliberalismus kam als Ideologie zur
die Diskontinuität kapitalistischer Entwick-       Welt, als plurale, aber relativ kohärente Welt-
lung und die Spezifik einzelner Perioden un-        anschauung organischer Intellektueller der
tersucht, bereits sehr früh klar; tatsächlich      Österreicher und Chicagoer Schule. Unverho-
beerdigt wurde er jedoch selten. Trotz des         len klassenparteiisch erklärten sie die sozial-
gründlichen Umbaus der alten Gesellschafts-        demokratischen und gewerkschaftlichen Or-
formation wird immer noch die – zunehmend          ganisationen der Arbeiterklasse und den
langweilige – Frage diskutiert, ob wir noch im     keynesianischen Wohlfahrtsstaat zum Gegner
Postfordismus oder bereits im Postfordismus,       und postulierten Markt und Wettbewerb als
noch in der Krise der verblassenden alten oder     überlegene Mechanismem gesellschaftlicher
schon in der erst schemenhaft vorhandenen          Koordination und Selektion. Die Unvollkom-
und noch namenlosen neuen Ordnung leben.           menheit des Marktes wurde durchaus zuge-
Fest auf den Schultern der marxistischen Ge-       standen und seine notwendige Einbettung in
sellschaftstheorie stehend, stellt sich Candeias   eine institutionelle Ordnung hervorgehoben.
die alten Fragen nach der Korrespondenz von        Zentrales Merkmal einer funktionalen Ord-
Akkumulation und Regulation, der Kohärenz          nung sei jedoch, dass der Staat nicht umvertei-
der Regulation und der Hegemonie der neuen         lend gegen, sondern mit dem Markt arbeite.
Produktions- und Lebensweise, findet dabei          Da sich die Funktionsprinzipien des Staats an
aber neue Antworten. Gerade weil er nicht den      den Markt anschmiegen sollen, wird der Markt
Fehler begeht, die außergewöhnliche Stabilität     letztlich zum »Grundprinzip nicht nur ökono-
und Wachstumsdynamik der fordistischen Kon-        mischer, sondern gesellschaftlicher Organisa-
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tion überhaupt« erklärt (S. 89). Die transnatio-   Entwertung der Arbeitskraft und zur Ein-
nalen Fraktionen des Kapitals erkennen in der      schränkung der dekommodifizierenden Funk-
neoliberalen Theorie ihre eigene Weltsicht in      tion des Wohlfahrtsstaats. Gleichzeitig wird
verallgemeinerter Form. Gleichwohl wurde           ein neues technologisches Paradigma der Ar-
nicht die »reine Lehre« praktisch umgesetzt,       beit gesucht, das zunächst als Duett flexibili-
sondern ein mit den Interessen subalterner         sierter Arbeitsprozesse (Qualifizierung der
Gruppen reartikulierter Kompromiss.                Arbeitskräfte, Abbau direkter Kontrolle, Ar-
   Die neoliberale Transformation nahm beim        beitsplatzgarantien für Kernbelegschaften) und
Geldverhältnis ihren Ausgang. Als es am Ende       flexibilisierter Beschäftigungsverhältnisse (ver-
der fordistischen Wachstumsperiode zum Fall        tiefte Taylorisierung und Automatisierung,
der Profitrate und zur Überakkumulationskrise       Beschäftigungsunsicherheit) auftrat. Am Ende
kam, wurde das Bretton-Woods-System der            einer Such- und Experimentierphase konver-
festen Wechselkurse flexibilisiert, setzte die     gierten die »Paradigmen der forcierten Auto-
Flucht aus dem schwachen Dollar ein, nahm          matisierung und der flexiblen Personalein-
die Spekulation mit Devisen rapide zu und ge-      bindung asymmetrisch in Richtung auf eine
wannen Welthandel samt nationaler Handels-         neotayloristische Arbeitsorganisation mit be-
bilanz an Bedeutung. Durch eine Vielzahl von       grenzter Einbindung ausgewählter Beschäftig-
Finanzinnovationen wandelten sich die Weltfi-       ter mit zentralen Funktionen« (S. 185 f). Der
nanzmärkte »zu einer selbständigen Verwer-         asymmetrischen Polarisierung der Qualifika-
tungssphäre für Kapital« (S. 114). Der Zins        tionen entspricht die Spreizung der Einkom-
verselbständigte sich gegenüber dem Profit,        men und die Spaltung des Proletariats in ein
und die innerkapitalistischen Kräfteverhält-       gering qualifiziertes »Prekariat« und ein hoch
nisse verschoben sich vom Produktivkapital         qualifiziertes »Kyberiat«. Wie im Fordismus
zum Finanzkapital. Seine Macht zeigt sich in       gilt immer noch, dass die Hegemonie der Fa-
der Reorientierung der Unternehmenspolitik         brik entspringt (Gramsci). »Dabei artikulieren
auf kurzfristige Gewinne ebenso wie in der         die neuen Formen der Arbeit unter neolibe-
Ausrichtung staatlicher Wirtschafts- und Geld-     raler Hegemonie – in einer verkehrten und
politik auf einen »angebotspolitischen ›Wäh-       partikularen Weise – eine ganze Reihe alter
rungsprotektionismus‹« (S. 111). Der neue          emanzipativer Forderungen, etwa nach mehr
Finanzkapitalismus verankerte in den kapitalis-    Autonomie und Höherqualifikation. Es sind
tischen Zentren das haushaltspolitische Aus-       nicht zuletzt gerade diese ver-rückten emanzi-
teritätsprinzip und in der gerade in die Schul-    pativen Momente, die das neoliberale Projekt
denfalle getriebenen Dritten Welt den Zwang        zustimmungsfähig machen« (S. 205).
zur »Strukturanpassung«. Die großen Finanz-           Da Geschlechterverhältnisse selbst immer
krisen der 1990er Jahre seien kein Zeichen         schon Produktionsverhältnisse sind, sind sie
sich abschwächender Hegemonie (S. 143), da         Voraussetzung und Medium der neoliberalen
ihre Kosten räumlich in die Peripherie ver-        Restrukturierung. Dabei können sie jedoch
lagert, zeitlich verzögert und sozial externali-   nicht aus der Ökonomie »abgeleitet« werden,
siert werden konnten.                              sondern besitzen eine vom Kapital (relativ)
   Der neue Finanzkapitalismus trug auch zur       unabhängige Eigenlogik. Nach dem Ende des
neoliberalen Restrukturierung der Lohnverhält-     Familienlohns für den männlichen »Ernährer«
nisse bei. Die aufgrund der erhöhten Kapital-      besteht für Frauen zunehmend die Notwen-
mobilität glaubhafte Drohung transnationaler       digkeit zur Erwerbsarbeit, die jedoch auch als
Standortverlagerungen erzwingt Zugeständ-          Emanzipation von Hausarbeit und patriarcha-
nisse von Seiten der nur im nationalen Raum        ler Familie verstanden wird. Zur Durchset-
organisierten Arbeitskräfte. Die technisch und     zung neuer Arbeitsverhältnisse instrumentali-
politisch-ökonomisch induzierte Massenar-          siert das Kapital Geschlechterdifferenzen, die
beitslosigkeit schwächte die Solidarität und       aber gleichzeitig als identitäre Basis von
Kampfkraft der Lohnabhängigen sowie die            Widerstand dienen können. Die Kleinfamilie
fiskalische und legitimatorische Basis des         leidet im Neoliberalismus an der von der er-
Wohlfahrtsstaats. Statt zum prognostizierten       werbstätigen Frau hinterlassenen und vom
»Ende der Arbeitsgesellschaft« kam es zur          (erwerbstätigen oder arbeitslosen) Mann nicht
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ausgefüllten Leerstelle. Der Erziehung von           seits der marxistischen Konvergenzthese (Jes-
Kindern wird klassenspezifisch unterschied-          sop), die für lokale oder nationale Wohlfahrts-
lich viel, aber insgesamt weniger Aufmerk-           staaten gleichwohl die Möglichkeit nicht-neoli-
samkeit gewidmet als im Fordismus, was für           beraler, neo-etatistischer, neokorporativer oder
das Kapital aber so lange kein Problem dar-          neokommunitaristischer Projekte einräumt. Statt
stellt, wie weltweit ein Heer von Arbeitskräf-       räumlich ungleich ausgeprägter Neoliberalis-
ten zur Verfügung steht.                             musvarianten sieht Verf. drei zeitlich aufeinan-
   Der Staat war und ist Kampffeld und Motor         der folgende politische Konjunkturen: Der kon-
des neoliberalen Umbaus. Nachdem sich welt-          servativ-orthodoxe Neoliberalismus der 1980er
marktorientierte Kapitalfraktionen, organische       Jahre verursachte soziale Instabilitäten, die zur
Intellektuelle, neusozialdemokratische Regierun-     Abwahl des Pionier-Blocks an der Macht führ-
gen und konservative politische Kräfte zum           ten. Der sozialdemokratische Neoliberalismus
transnationalen gesellschaftlichen Block formiert    ab Mitte der 1990er Jahre versuchte seine so-
hatten, gelang es ihnen aufgrund ihres organisa-     ziale Basis auf die »neue Mitte« auszuweiten,
torischen Vorsprungs, neue und bestehende Ele-       vermied es aber, die ökonomische Logik des
mente transnationaler Zivilgesellschaftlichkeit      Neoliberalismus in Frage zu stellen, und drängte
und Staatlichkeit zu etablieren bzw. zu verein-      subalterne Gruppen weiter an den Rand. Daher
nahmen. »Staat« meint hier weder eine parla-         sei der »dritte Weg« gescheitert: »Um die hege-
mentarisch-demokratische noch überhaupt eine         moniale Position zu verteidigen, hätte der neo-
territoriale Organisationsform, sondern bezeich-     liberale geschichtliche Block sich in popular-
net eine institutionell fragmentierte und in sich    demokratischer Form erweitern müssen, die In-
widersprüchliche Struktur, deren »Hegemonie-         teressen breiter Teile der Bevölkerung in einem
funktion […] transnational konzentriert« ist         kohärenten (Regierungs-)Programm aufnehmend«
(S. 285). Transnationale Staatlichkeit steht dem     (S. 335). Gegenwärtig vollziehe sich der Wandel
Nationalstaat nicht dual gegenüber, da beide         zum autoritären Neoliberalismus, der sich in den
»durch ein gleichgerichtetes Macht- und Herr-        rechtspopulistischen Regierungen in Europa, im
schaftsinteresse« verbunden sind (S. 313). Der       Krieg gegen den Irak, in der inneren Militarisie-
Nationalstaat bleibt wichtig als »entscheidender     rung nach dem 11. September 2001 und im
Ort für die Sicherung der sozialen Kohäsion«         Paternalismus des Workfare-Staats manifestiert.
(S. 326 f). Der Umbau des Wohlfahrtsstaats habe      Die neoliberale Hegemonie mag grundsätzlich
zunächst divergente Regime hervorgebracht, ei-       weniger kohärent sein als im Fordismus, aber
nerseits das angloamerikanische Ricardianische       dennoch »mehren sich die Zeichen für eine or-
Workfare-Regime, das Löhne gesenkt, Beschäf-         ganische Krise des Neoliberalismus« (S. 360). Der
tigungsverhältnisse entformalisiert und so die       abschließende Verweis auf einen sich abzeich-
Arbeit prekarisiert habe, und andererseits das       nenden »Postneoliberalismus« enthält implizit
kontinentaleuropäische Schumpeterianische            den Vorwurf, dass die Regulationisten eine ganze
Workfare-Regime, das Arbeitsprozesse flexibili-       Periode des Kapitalismus verschlafen hätten.
siert und so Arbeitskräfte requalifiziert und Pro-       Es bleibt zu hoffen, dass die unglückliche
duktivitätsfortschritte erzielt habe. Mittlerweile   Häufung formaler Mängel und das die Lektüre
– wegen der institutionellen Festigkeit des          erschwerende Layout der breiten Rezeption
Wohlfahrtsstaates ver- gleichsweise spät – sei       dieses inhaltlich dichten, pointierten und strin-
die auf die gewendete Sozialdemokratie zurück-       genten »großen Werkes« (Elmar Altvater im
zuführende Konvergenz der beiden Modelle im          Klappentext) nicht im Wege stehen. Auch wenn
neoliberalen Workfare-Regime zu beobachten.          der Leser stellenweise daran zweifeln mag, ob
Manche Wohlfahrtsstaatsforscher identifizieren        denn die Verhältnisse tatsächlich so homogen
mittlerweile ähnliche Trends. Trotzdem wäre hier     neoliberal beschaffen sind, liefert Verf. doch
die Kritik der dominanten Gegenpositionen an-        eine überzeugende, umfassende und außerge-
gezeigt gewesen, einerseits der institutionalisti-   wöhnlich materialreiche Darstellung der neo-
schen Pfadabhängigkeitsthese (Esping-Andersen),      liberalen Produktions- und Lebensweise, die
die Wandel nur innerhalb der Grenzen der sozial-     dem Regulationsansatz obendrein den Ausweg
demokratischen, konservativen und liberalen          aus einem theoretischen Impassé weist.
Wohlfahrtsstaatsregime annimmt, und anderer-                                        ERWIN RIEDMANN
Bücher . Zeitschriften                                                                       855

Günther Moewes:                                  wie Alternativen dazu aufzuzeigen. Hier of-
Geld oder Leben. Umdenken und                    fenbart das Werk jedoch einige Schwächen
                                                 und Mängel.
unsere Zukunft nachhaltig sichern,                  Der analytische Teil ist für die Bewertung
Signum Verlag Wien-München                       des Ganzen der wichtigste. Hier findet sich
2004, 318 S. (22,90 €)                           nicht nur das Fundament der Kritik des Autors
                                                 an den gegenwärtigen Verhältnissen, sondern
                                                 zugleich auch die Begründung seiner Alterna-
Die Botschaft des Buches ist bereits im Titel    tivvorschläge. Dieser Teil ist es aber auch, der
enthalten: Geld oder Leben. Der Autor will       bei Fachleuten einiges Kopfschütteln, wenn
damit sagen, daß das Geld auf Grund der ihm      nicht gar Ablehnung hervorrufen wird. Es ist
eigenen Funktionslogik und Exponentialität       hier nicht der Ort, auf alle theoretischen Un-
die Grundlagen der menschlichen Existenz sy-     zulänglichkeiten und strittigen Punkte im De-
stematisch und unaufhaltsam zerstört. Ein zu-    tail einzugehen, zumal die o. g. Hauptthesen
kunftssicherndes Leben sei daher nur jenseits    unbedingt zu unterstützen sind. Einige kriti-
von Geldwirtschaft und Wirtschaftswachstum       sche Punkte seien jedoch genannt, um die Dis-
möglich, wozu es eines grundlegenden Sin-        kussion anzuregen und die Debatte voranzu-
neswandels und radikaler Reformen bedarf.        treiben. Dabei handelt es sich erstens um den
Gelingt dies nicht, so steuern die westlichen    mitunter dubiosen, nirgends aber klar definier-
Gesellschaften unausweichlich auf ihren Un-      ten Geldbegriff des Autors. Von einem Werk,
tergang zu. »Offen ist nur noch, welche Kata-    welches das »Geld« im Titel führt, sollte man
strophe letztlich den Niedergang besiegeln       erwarten, daß der Autor dem Leser erklärt, was
wird, der Zusammenbruch der Finanzmärkte,        er darunter versteht. Schließlich gibt es ver-
der Versorgungskassen oder des Naturhaus-        schiedene Geldbegriffe und geldtheoretische
halts« (S. 172).                                 Erklärungsansätze, was eine theoretische Ver-
   Forciert werde diese Entwicklung durch den    ortung schon aus methodologischen Gründen
Zinseszinseffekt, welcher die ökonomische,       unverzichtbar macht. Bei Moewes herrscht
politische und soziale Polarisierung der Ge-     dagegen eine gewisse Beliebigkeit in der Wahl
sellschaft bewirke und damit den »Marsch in      der Begriffe. Mal definiert er Geld als »Ver-
die Plutokratie« (S. 72), die ungeschminkte      mögen« (S. 62), mal als »Schuld« (S. 63), dann
Herrschaft der Milliardäre. Die USA sind der     wieder als »Kapital«, als »Umlaufsmedium«,
übrigen Welt hier bereits ein Stück voraus.      als Aktiva oder Passiva (S. 57 f.). Dies ver-
Grenzenloser Wirtschaftsliberalismus, »Feuda-    wirrt den Leser. Besser wäre es gewesen, hier
lisierung« der Machtstrukturen, kulturelle Re-   mit klaren Begriffen zu operieren und die
gression und medienwirksamer Personenkult        geldwirtschaftlichen Phänomene von einer
bestimmen das Bild. Alles Indizien für einen     theoretischen Plattform aus darzustellen (vgl.
historischen Niedergang, so der Autor, welcher   UTOPIE kreativ, Heft 160). Statt auf Ricardo,
sich vor unser aller Augen gegenwärtig voll-     Marx, Schumpeter oder Keynes, Friedman,
zieht. Wird dem nicht Einhalt geboten, so en-    Hahn, Riese, Heinsohn, Steiger, Bofinger oder
det die gegenwärtige Plutokratie ebenso wie      einen anderen ausgewiesenen Geldtheoretiker
die ihrer Vorgänger einst in Karthago und        beruft Moewes sich auf einen Architekten und
Rom »in Krieg und Chaos« (S. 238). Jahrhun-      Hobbyökonomen, den Freiwirtschaftler Helmut
derte des Rückfalls in die Barbarei und unsag-   Creutz, als vermeintlich »großen alten Doyen
bares Leid wären die Folgen.                     der Geldtheorie« (S. 25). – Eine Wahl, die für
   Soweit die Hauptaussagen des Buches: pro-     sich spricht. Damit soll das Verdienst von
vokant, aktuell und nicht wenig beunruhigend.    Creutz, monetäre Phänomene unserer Zeit an-
Eigentlich genug, um eine Debatte auszulösen     schaulich dargestellt zu haben, nicht in Abrede
und zum Nachdenken anzuregen. Moewes             gestellt werden. Einen Beitrag zur Theorie des
gibt sich damit aber nicht zufrieden. Er ver-    Geldes aber hat er damit nicht geliefert.
sucht auch, die Ursachen für die katastrophale      Aus der ersten Unklarheit folgt eine zweite,
Fehlentwicklung des Kapitalismus im 20. und      schwerer wiegende. Moewes betont, daß
beginnenden 21. Jahrhundert aufzudecken so-      Schulden und Geldvermögen »immer gleich
856                                                                           Bücher . Zeitschriften

groß« seien, unterstellt zwischen beiden Kate-      der modernen Geldwirtschaft gemäße, worin
gorien aber eine Kausalbeziehung dergestalt,        der Zins die zentrale Größe ist, ersetzt. Die
daß Schulden aus Vermögen erwachsen (S. 52          linke, namentlich die marxistische, Kapitalis-
ff.). Dies ist nicht nachvollziehbar, weder sal-    muskritik hat diesen Aspekt bisher durchweg
denmechanisch, da Vermögen und Schulden             unterschätzt. Dieses Vorgehen wirft jedoch
zwei Seiten einer Medaille sind, noch bank-         neue, bisher ungelöste Fragen auf. So ist bis-
technisch, da die Ausreichung von Krediten          her ungeklärt, was die Quellen des Zinses
und die Emission von Geld prozessual zusam-         sind, was seine Substanz ausmacht und was
menfallen. Diese Lesart zieht einen ganzen          seine Motivation ist. Hier wäre anzusetzen,
Rattenschwanz teilweise fragwürdiger und wi-        um den geldwirtschaftlichen Ansatz einer Ka-
dersprüchlicher Schlußfolgerungen nach sich:        pitalismuskritik nunmehr wissenschaftlich zu
So lesen wir auf S. 57, daß in der Bilanz der       fundieren. Zudem wäre der Zusammenhang
Notenbanken der (gesamte) Bargeldumlauf als         zwischen Geldvermögen und Produktivver-
Passivposten ausgewiesen ist, also als Kredit-      mögen zu erörtern, ein Aspekt, der in dieser
quelle, auf der nächsten Seite aber ist dann        ganz auf das Geldvermögen fokussierten Dar-
plötzlich von »Bargeldhortung« die Rede, wo-        stellung weitestgehend fehlt. Würde man den
mit sich der Autor eine der Lieblingsthesen         Blick statt auf das Geld auf das »Geldkapital«
der »Gesellianer« zu eigen macht, die der           richten, und damit auf das private Eigentum,
vorherigen Feststellung aber eindeutig wider-       so erwiese sich die hier vorgenommene Geld-
spricht. So geht es munter weiter: So paßt zum      kritik vielleicht als zu vordergründig und zu-
Beispiel die von den Banken überall prakti-         dem politisch desorientierend. Darüber wäre
zierte multiple aktive Geldschöpfung nicht in       zu diskutieren. Auf jeden Fall beweist das
die Vorstellungswelt des Autors. Sie wird da-       Buch von Moewes, der von Hause aus Profes-
her als »abenteuerlich« abgelehnt. Ihre offen-      sor für industrielles Bauen ist, einmal mehr,
sichtliche Praxis führt nicht zu einer Korrektur    wie wichtig es ist, die drängenden Fragen un-
der vertretenen Position, sondern zu der etwas      serer Zeit offensiv anzusprechen und nicht
naiven Feststellung, die Banken mögen von           darauf zu warten, bis sich die akademische
dieser Methode in ihrer Kreditpolitik »keinen       Zunft der Ökonomen ihrer annimmt.
sehr exzessiven Gebrauch« machen (S. 60).                                            ULRICH BUSCH
   Im Zentrum der Argumentation steht jedoch
nicht der Kredit, sondern der Zins. Hier wartet
Moewes mit beeindruckenden Rechnungen               Wolfgang Schwarz:
und Grafiken auf, die letztlich aber nur eines
zeigen, nämlich, daß mit den Geldvermögen
                                                    Brüderlich entzweit.
die Zinseinkünfte wachsen. Da diese überwie-        Die Beziehungen zwischen der
gend kapitalisiert werden, führen Zins- und                       ˇ
                                                    DDR und der CSSR 1961-1968.
Zinseszinseffekt zwangsläufig zu einem expo-         Veröffentlichungen des Collegium
nentiell verlaufenden Anstieg der Geldvermö-
gen. Exponentielle Systeme enden jedoch             Carolinum, Bd. 97, Oldenbourg
langfristig »im Bereich des Irrealen« (S. 31).      Verlag München 2004, 376 S.
Was immer dies ökonomisch auch heißen               (49,80 €)
mag, dem Autor ist unbedingt zuzustimmen,
wenn er das durch Zins- und Zinseszins gene-
rierte Wachstum der Geldvermögen proble-            Schwarz legt mit der überarbeiteten Fassung
matisiert und die sich darin manifestierende        seiner 1998 an der Universität Regensburg
zunehmende Ungleichverteilung der Geldver-          verteidigten Dissertation eine materialreiche
mögen kritisiert. Es kann ihm auch gefolgt          Untersuchung der zwiespältigen zwischen-
werden, wenn er angesichts der aktuellen Ent-       staatlichen und Partei-Beziehungen der beiden
wicklung die klassische, dem alten Industrie-       westlichsten realsozialistischen Staaten, der
kapitalismus gemäße Diktion, welche den                            ˇ
                                                    DDR und der CSSR, vor. Er behandelt ihre in-
Profit (Mehrwert) ins Zentrum der Analyse            teressante und problematische Phase zwischen
und der Kritik stellt, aufgibt und sie durch eine   1961 und 1968, also der Zeit nach der »zwei-
Bücher . Zeitschriften                                                                         857

ten Staatsgründung« der DDR durch den Mau-         in dem scheinbar so monolithischen Ostblock
erbau bis zum Vorabend des »Prager Früh-           unter sowjetischer Vormacht sehr wohl diver-
lings«. Es sind Jahre der intensiven Suche         gierende Auffassungen und Interessenkon-
beider Staaten und der sie führenden Parteien      flikte zwischen den Bruderländern vorhanden
nach neuen Entwicklungswegen für den So-           waren. Und es zeigt sich auch, daß die spätere
zialismus, die aber im günstigsten Fall parallel   Auseinandersetzung und Konfrontation um
und meist konträr zueinander verliefen. Der        das tschechoslowakische Reformmodell eine
offenen Konfrontation des Jahres 1968 gingen       Vorgeschichte mit Verletzungen und Verbitte-
für die zwischenstaatlichen Beziehungen im         rungen hatte, die 1968 trotz aller Aufgeschlos-
Ostblock außerhalb des chinesisch-sowjeti-         senheit Ulbrichts für einen Prager Kurswech-
schen Konflikts für die damalige Zeit unge-         sel nach dem acht Jahre zuvor von Antonin
wohnt scharfe Kontroversen voraus. Sie be-         Novotny realitätsfremd eingeleiteten »kom-
gannen bereits in der ersten Hälfte der 1960er     munistischen Kurs« und der damit verbunde-
Jahre und führten recht schnell die Idee eines     nen Wirtschaftskrise nie hatte ausgeräumt wer-
»eisernen Dreiecks« beider Staaten gemein-         den können. Das Verständnis füreinander war
sam mit Volkspolen gegen den westdeutschen         gering und die Einnahme sehr radikal gegen-
Militarismus und Revanchismus ad absurdum.         einander stehender Positionen nur folgerich-
Auf dieses Bollwerk hatte nicht zuletzt Walter     tig. Persönliche Animositäten der beiden Ersten
Ulbricht seine Hoffnungen gesetzt, um sein         Sekretäre, nationale Überheblichkeiten, das
Staatswesen zusätzlich zu den Moskauer Ga-         Verkennen gemeinsamer objektiver Interes-
rantien auch durch die Interessenlage der          senlagen und Befürchtungen verhinderten
beiden unmittelbaren Nachbarn abzusichern.         konstruktive Lösungen. Die »Zerrüttung des
»Neben der politischen und wirtschaftlichen        Verhältnisses 1968 zwischen den beiden Staats-
Verflechtung ließen vor allen Dingen seit dem       parteien« war, so zeigt Schwarz, keineswegs
Zweiten Weltkrieg die übereinstimmenden si-        »ausschließlich ein Resultat der Liberalisie-
cherheitspolitischen Interessen die Tschecho-      rung während des Prager Frühlings« (S. 1).
slowakei, die DDR und Polen eng zusammen-             Die Auseinandersetzung drehte sich immer
rücken. Die Bundesrepublik Deutschland galt        wieder um drei Fragenkomplexe, die der
dabei als ›Frontstaat der NATO‹ als die größte     Autor in fünf inhaltlich sortierten und periodi-
potentielle Bedrohung der Sicherheit dieser        sierenden Kapiteln abhandelt: Erstens: Die
                 ˇ
Länder. Die KPC sowie die ›Polnische Verei-        außenpolitische Zusammenarbeit und die da-
nigte Arbeiterpartei‹ (PVAP) konnten bei ihrer     bei ab 1964 spürbar werdende »unterschied-
Propaganda auf das Mißtrauen weiter Teile          liche Beurteilung der ›aggressiven Absichten‹
ihrer Bevölkerung gegenüber der Bundesrepu-        der Bundesrepublik« (S. 2) erwiesen sich für
blik bauen. Die überwiegende Mehrheit des          die DDR als bedrohlich. Hier witterte die
tschechoslowakischen Volkes fürchtete in der       SED-Führung nicht zuletzt angesichts der be-
Tat Bonner Revisionsansprüche an ihre ehe-         obachteten ideologischen Umorientierungen
maligen Siedlungsgebiete. In Polen herrschte       zuallererst Gefahren für den eigenen Staat. In
Unsicherheit angesichts der durch die Bundes-                                ˇ
                                                   Wirklichkeit bewies die CSSR ein weit feine-
regierung abgelehnten Anerkennung der Oder-        res Gespür für die Neuansätze in der west-
Neiße-Grenze. In der Existenz zweier deut-         deutschen Außen- und Ostpolitik, aus denen
scher Staaten sahen die politischen Führungen      sie vor allem wirtschaftlich ihren Vorteil
in Warschau und Prag einen stabilisierenden        schlagen wollte. Und das mehr und mehr ohne
Faktor für die eigene Sicherheit, in der DDR       Rücksicht auf DDR-Empfindlichkeiten. Zwei-
einen Garanten gegen das ›Wiedererwachen           tens: In den ideologischen Streitereien zwi-
des deutschen Imperialismus‹« (S. 49).             schen den beiden Parteien gab die SED früh-
  Der Titel der Studie von Schwarz – »Brü-         zeitig die sonst – wenn nicht gerade Moskau
derlich entzweit« – spielt auf eine 1967 in der    solche Kampagnen inszenierte – im Ostblock
DDR erschienene Publikation unter dem Titel        übliche öffentliche Zurückhaltung auf und
                                ˇ
»Brüderlich vereint DDR – CSSR« an. Tat-           spielte sich als ideologischer Wächter für die
sächlich liegt die Schwarzsche Analyse näher       reine Lehre auf. Drittens: Die wirtschaftlichen
an der Wirklichkeit. Denn sie verdeutlicht, daß    Beziehungen erwiesen sich ebenfalls als kei-
858                                                                          Bücher . Zeitschriften

neswegs komplikationsfrei, was mit den be-        dem 5. Plenum des ZK der SED im Februar
grenzten Möglichkeiten der Partner bei der        1964 trug Horst Sindermann die Kritik sehr
Suche nach Alternativen und einer unabge-         drastisch vor und stellte sie in den Kontext des
stimmten Wirtschaftsreformpolitik zusammen-       Konflikts mit Robert Havemann an der Berli-
hing.                                                                                   ˇ
                                                  ner Humboldt-Universität. Die KPC-Führung
   Der Mauerbau veränderte die Geschäfts-         sah sich zu einer Zurückweisung veranlaßt,
                                    ˇ
grundlage der Beziehungen DDR-CSSR nach-          und selbst in Moskau gab es Zweifel, ob das
drücklich. Er brachte der DDR nicht nur ihre      Vorpreschen der Deutschen angesichts der so-
Existenzabsicherung, wobei die Grenzschlie-       wieso schon fragilen »Einheit und Geschlos-
ßung auf die politische Unterstützung des süd-    senheit« des sozialistischen Lagers besonders
lichen Nachbarn bauen konnte. Die aus Prager      hilfreich wäre. Ein despektierliches Auftreten
Verständnis eher fordernd vorgetragenen DDR-      von Hermann Matern bei einer Prag-Reise
Wünsche nach wirtschaftlicher Beihilfe kolli-     Ende 1964, das Schwarz dokumentieren kann,
dierten aber mit der tschechoslowakischen In-     goß nochmals Öl ins Feuer. Seine nationali-
teressenlage. Die Prager Genossen beklagten       stisch-überheblichen Positionen im kleinen
schnell, daß die DDR-Wünsche genau jene           Kreis wurden Antonin Novotny hinterbracht
Güter betrafen, die auch bei ihnen knapp wa-                                 ˇ
                                                  und veranlaßten die KPC-Führung zum Pro-
ren. Zudem traten die nördlichen Nachbarn für     test.
sie viel zu belehrend und fordernd auf. In der       Neben der verstärkten Kritik an der stalini-
eigenen Krise und angesichts der eigenen Be-      stischen Praxis und der Führungsrolle der Par-
dürftigkeiten mochten sie sich hier nicht fest-   tei sowie der Unfehlbarkeit der marxistisch-
legen. Und der bedrängende Stil der deutschen     leninistischen Lehre sorgte man sich in der
Genossen mochte hier wie auch in Folge nicht      DDR-Führung wiederum um die damit ver-
zu einer besonderen Zuneigung beitragen.          meintlich einhergehende außenpolitische Sorg-
   Vor allem aber war durch die gemauerte Si-     losigkeit. In Prag war man immer weniger an
cherung der DDR das Kapitel der besonderen        einer Konfrontation mit Bonn interessiert. Die
Unterstützung für den sozialistischen deut-       noch unter BRD-Außenminister Gerhard
schen Staat weitgehend abgeschlossen. Die         Schröder 1962/63 eingeleitete Politik ließ das
Existenz der DDR stand nicht mehr auf dem         »eiserne Dreieck« brüchig werden. Verständ-
                                  ˇ
Spiel, man konnte sich in der CSSR stärker        licherweise begriff die DDR die Gefahr, daß
den eigenen wirtschaftlichen Intentionen wid-     die zunächst nur »leicht modifizierte Haltung
men – und die hatten auch außenpolitische Di-     Bonns gegenüber Osteuropa« auf die Isolie-
mensionen, die der DDR nicht behagen konn-        rung der DDR zielen mußte. »Die SED hatte
ten. Denn man hoffte auf die Möglichkeiten        unter diesen Voraussetzungen kein Interesse
der westlichen Wirtschaft.                        an intensiveren Kontakten zwischen den ost-
   Die Krise in den Beziehungen spitzte sich      europäischen Staaten und der Bundesrepublik,
zwischen 1963 bis 1965 zu. Es waren zwei          besonders da sie befürchten mußte, ihr bislang
wesentliche Fragen, die die Entfremdung von-      faktisch geltendes Mitspracherecht in Fragen
einander offensichtlich machten, da hier Ent-     der Außenpolitik der Bündnispartner gegen-
wicklungen auseinanderliefen, obwohl die          über Bonn so nach und nach einzubüßen«
DDR mit ihrem Neuen Ökonomischen System           (S. 115).
(NÖS) eigentlich die spannendste Periode ih-         Demgegenüber erscheinen die Probleme bei
rer Entwicklung eingeleitet hatte. Das waren      der Erarbeitung gemeinsamer Wirtschaftsre-
einerseits nicht nur Dissonanzen, sondern kon-    formkonzepte in der vorliegenden Darstellung
träre ideologische Positionen, die ihren An-      weniger verständlich. Die ideologischen und
                           ˇ
fang in der sich in der CSSR eigentlich nur       außenpolitischen Differenzen haben zweifel-
mühsam und spät einsetzenden Entstalinisie-       los zu ihrer Verschärfung beigetragen. Die eher
rung 1963 nahmen. Vor allem aber entfaltete       »großherrschaftliche« Haltung der DDR zum
die Kafka-Konferenz von Liblice im gleichen       südlichen Nachbarn war für Prag ebenso we-
Jahr eine Eigendynamik, weil hier die Kritik      nig hilfreich wie der Anspruch Ulbrichts, die
am Realsozialismus aus der SED-Sicht den          DDR als »Mekka der sozialistischen Länder«
Boden für die Konterrevolution bereitete. Auf     zu profilieren. Trotzdem wären hier Einblicke
Bücher . Zeitschriften                                                                            859

in die konkreten Diskussionen und Rezeptio-        und Gerechtigkeit orientierten Weltordnung
nen bzw. Nichtrezeptionen der jeweils ande-        führen oder diese verhindern können. Aus-
ren Überlegungen der Nachbarn eine wichtige        gang offen.
Facette zum Verständnis des Scheiterns einer       Dass es der Autor vermeidet, dem Leser über-
eigentlich möglichen, aber sichtlich nie ange-     haupt eine schlüssige These zur weiteren Welt-
dachten Reformallianz der beiden am meisten        entwicklung anzubieten, lässt letzteren das
entwickelten Ostblockstaaten.                      Buch ziemlich unbefriedigt aus der Hand le-
                          STEFAN BOLLINGER         gen. Zwar zeugt der Band von der ungeheu-
                                                   eren Belesenheit des Autodidakten Fischer,
                                                   doch hat er die aktuelle politische Literatur zu
Joschka Fischer:                                   den brennenden Themen des angebrochenen
                                                   Jahrhunderts eher im Stil einer deskriptiven
Die Rückkehr der Geschichte.                       Literaturübersicht dargestellt als zu einem ur-
Die Welt nach dem 11. September                    eigenen Werk verarbeitet. Den mit dem Titel
und die Erneuerung des Westens,                    anvisierten Anspruch eines »neuen Fuku-
Kiepenheuer & Witsch Köln 2005,                    yama« kann Fischer jedenfalls nicht einlösen.
                                                                               JOCHEN WEICHOLD
304 S. (19,90 €)

Rechtzeitig zum Bundestagswahlkampf 2005
erschien Joschka Fischers jüngstes Buch. Der
Außenminister, angeschlagen von der irdischen
deutschen Visa-Affaire, entschwebt in ihm in
höhere Weltregionen. Bereits der Titel setzt
den kontradiktorischen Bezug zu Francis
Fukuyamas weltbekanntem geschichtsphiloso-
phischen Werk »The End of History and the
Last Man«.
  Fukuyama postulierte in seinem 1992 er-
schienenen Œuvre nach der Implosion des so
genannten real existierenden Sozialismus die
These vom Ende der Geschichte. Er verstand
dabei Geschichte als einen einzigen, in sich
schlüssigen evolutionären Prozess, dessen Ent-
wicklung über den liberalen demokratischen
Staat (und damit über den Kapitalismus) hin-       Berichtigung
aus nicht denkbar sei.
  Fischer reibt sich an der damit implizierten
Position, dass menschliche Geschichte als          Die Redaktion bittet Reiner Tosstorff, Mainz, und
zielgerichteter universalgeschichtlicher Prozess   die Leserinnen und Leser für Fehler beim Abdruck
vom menschlichen Verstand erkannt werden           des Artikels »Moskau oder Amsterdam? Die Rote
kann. Ohne selbst eine wirklich geschichtsphi-     Gewerkschaftsinternationale 1920-1937« in Heft
losophische Arbeit abzuliefern, ist für ihn mit    177/178 (Juli/August 2005) um Entschuldigung.
dem 11. September 2001, mit den Terror-            Reiner Tosstorff hatte noch einige Verbesserungen
anschlägen auf das World Trade Center und          vornehmen und insbesondere selbstverständlich die
das Pentagon, »die Geschichte zurückgekehrt«       englischen Überschriften und Zitate ins Deutsche
und die Frage beantwortet, was denn nach           übersetzen wollen, aber das ist durch redaktionelle
dem Ende des Kalten Krieges kommen werde.          Fehler nicht mehr gelungen. Interessenten am
Fischer entwirft entlang der Krisenherde der       Thema insgesamt verweisen wir gern auf Reiner
heutigen Weltpolitik mögliche alternative Zu-      Tosstorffs Buch »Die Rote Gewerkschaftsinterna-
kunftsszenarien und diskutiert die Faktoren,       tionale 1920-1937«, Schoeningh Verlag Paderborn
die zu einer an internationalem Recht, Frieden     2004.