Der Schluss auf die beste Erklru

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Der Schluss auf die beste Erklru Powered By Docstoc
					                                Der Schluss auf die beste Erklärung
                                  Uni Erfurt, WS 2009/2010, Seminar-3
                                               5.Sitzung


1.3 Einwände gegen das covering law- Modell


Einwand/ These 1: Der für das covering law- Modell zentrale Begriff des (Natur-) Gesetzes
bzw. der gesetzesartigen Aussage ist nicht genau genug ausformuliert. (S. 41, 42, 44, 45)


Argument 1 für Einwand/ These 1: Er gibt kein allgemeines Kriterium zur Unterscheidung
von gesetzesartigen Verallgemeinerungen (Klärner: „gesetzesartige Aussagen bzw. Gesetze“)
und zufallsbedingten Verallgemeinerungen (Klärner: „akzidentelle Verallgemeinerungen). (S.
42, 43)


Erläuterung:
   (1) Gesetze sind Hempel zufolge Aussagen bestimmter Art, nämlich „wahre gesetzartige
          Aussagen“. (S. 42)
   (2) Gesetzesartige Aussagen sind Aussagen mit der folgenden allgemeinen Form: (Für
          alle x) (Fx → Gx).
   (3) Naturgesetze sind von dieser allgemeinen Form.
             o Bsp 1: Alle Metalle sind elektrische Leiter. / Für alle Dinge gilt: Wenn ein
                 Ding aus Metall besteht, dann ist es ein elektrischer Leiter. (Klärner nimmt ein
                 anderes Beispiel, nämlich (1.8), S. 42)
   (4) Aber auch zufallsbedingte, sogenannte „akzidentelle“ Verallgemeinerungen weisen
          diese Form auf.
          Hempels Beispiele:
             o Bsp. 2: Alle Birnen in diesem Korb sind süß. / Für alle Dinge gilt: Wenn etwas
                 eine Birne aus diesem Korb ist, dann ist es süß.
             o Bsp. 3: Im Münchner Goethe- Gymnasium sind alle Schüler des Jahrgangs
                 1976 blond./ Für alle Dinge gilt: Wenn etwas ein Schüler des Jahrgangs 1976
                 aus dem Münchner Goethe- Gymnasium ist, ist es blond.
           Klärners Beispiel: (1.9), S. 43.
(K) Sowohl Naturgesetze als auch zufallsbedingte Verallgemeinerungen weisen die Form
    einer gesetzesartigen Aussage auf.


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   (1) Das Vorkommen einer wahren gesetzesartigen Aussage in den Prämissen eines
       Arguments ist eine notwendige Bedingung dafür, dass dieses Argument eine DN-
       Erklärung ist. (S. 42)
   (2) Sowohl Naturgesetze als auch zufallsbedingte Verallgemeinerungen weisen die Form
       einer gesetzesartigen Aussage auf.
   (K) Sowohl Naturgesetze als auch zufallsbedingte Verallgemeinerungen können als
        Gesetze in DN- Erklärungen verwendet werden.




   (1) Das in einer DN- Erklärung verwendete Gesetz muss ein universelles Gesetz, also ein
       Naturgesetz sein.
   (2) Zufallsbedingte Verallgemeinerungen beschreiben keine Naturgesetze.
(K) Zufallsbedingte Verallgemeinerungen dürfen in covering law- Erklärungen nicht
    verwendet werden.


(Kgesamt) Der für das covering law- Modell zentrale Begriff des (Natur-) Gesetzes bzw.
der gesetzesartigen Aussage muss so genau expliziert sein, dass er ein Kriterium zur
Unterscheidung        von       gesetzesartigen    Aussagen          und   zufallsbedingten
Verallgemeinerungen hergibt.


Hempels Präzisierungsvorschläge:
Kriterium 1: Gesetze sind wahre, gesetzesartige Aussagen, die im Unterschied zu
zufallsbedingten Verallgemeinerungen die Eigenschaft haben, irreale Konditionalsätze
stützen zu können.


Erläuterung:
Man kann beispielsweise auf der Grundlage des in Bsp 1 beschriebenen Naturgesetzes „Alle
Metalle sind elektrische Leiter.“ auf den folgenden irrealen Konditionalsatz schließen: „Wenn
dieser Gegenstand aus Metall wäre, dann wäre er ein guter Leiter.“


Aber man kann nicht von der in Bsp 2 beschriebenen zufallsbedingten Verallgemeinerung
„Alle Birnen in diesem Korb sind süß.“ auf den folgenden irrealen Konditionalsatz schließen:
„Wenn eine Birne in diesem Korb läge, wäre sie süß.“

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Dies gilt auch für Bsp. 3. Es nicht zulässig, von der zufallsbedingten Verallgemeinerung „Im
Münchner Goethe- Gymnasium sind alle Schüler des Jahrgangs 1976 blond.“ auf z.B. den
folgenden irrealen Konditionalsatz zu schließen: „Wenn Jonny Depp 1976 das Münchner
Goethe- Gymnasium besucht hätte, wäre er blond.“


Dieses Kriterium ist jedoch (nach Hempels eigener Auffassung) zur Präzisierung des
Gesetzesbegriffs ungeeignet, weil sich irreale Konditionale nicht analysieren lassen.
Zumindest nicht mit logisch unbedenklichen Mitteln. (Vgl. auch Klärners Verweis auf
Hempel S. 45)


Kriterium 2: Gesetze sind gesetzesartige Aussagen, die irreale Konditionale begründen und in
Erklärungen verwendet werden können.
Dieses „Kriterium ist nutzlos, da der Begriff der Erklärung ja unter Rekurs auf den
Gesetzesbegriff bestimmt werden soll, weswegen jener nicht wieder bei der Bestimmung von
diesem verwendet werden darf.“ (S. 45) Definitionen dürfen mit anderen Worten nicht
zirkulär sein!


Argument 2 für Einwand/ These 1: Er gibt kein allgemeines Kriterium zur Unterscheidung
von „Gesetzen und Pseudo- Gesetzen, die auf sog. nicht- projizierbare Prädikate Bezug
nehmen. (S. 43) Erläuterung: S. 43/44


Einwand/ These 2 (von Scriven): Naturgesetze scheinen für wissenschaftliche Erklärungen
nicht notwendig zu sein. (S.45/46)


Argument für Einwand/ These 2: Viele intuitiv angemessene Erklärungen enthalten kein
Naturgesetz. Beleg: Erklärung für einen Tintenfleck. (S. 46)


Einwand/ These 3 (von Scriven): Selbst wenn in einer Erklärung ein Naturgesetz verwendet
wird, folgt in vielen Fällen das Explanandum nicht mit logischer Strenge (also: deduktiv) aus
dem Explanans. (S. 46/47)


Argument für Einwand/ These 3: Naturgesetze sind theoretische Sätze und Explananda
sind Beobachtungssätze. Die Ableitung letzterer aus ersteren bzw. der Übergang zwischen
diesen verschiedenartigen Sätzen erfolgt mit Hilfe von „Brückenprinzipien“ bzw.


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„Korrespondenzregeln“. Diese Regeln auf der einen Seite und die Naturgesetze selbst auf der
anderen Seite sind nicht präzise genug, um eine deduktive Ableitung bzw. Verbindung
zwischen diesen Sätzen herzustellen. (vgl. das Scriven- Zitat S. 47) Daher sollte man davon
ausgehen, dass die meisten Erklärungen induktive Erklärungen sind. (S.47)


Einwand/ These 4 (von Jeffrey und Salmon): Entgegen der Hempelschen Definition für
IS- Erklärungen ist es keine notwendige Bedingung für IS- Erklärungen, dass das Explanans
dem Explanandum eine hohe induktive Wahrscheinlichkeit verleiht.


Argument für Einwand/ These 4:             Es gibt angemessene statistische Erklärungen für
Phänomene,     die   aber   durch   ihre   erklärenden   Sätze   nicht   wahrscheinlich   bzw.
unwahrscheinlich gemacht werden. (S. 47, 48) Bsp. Die statistische Erklärung für den Zerfall
einzelner Atome innerhalb einer bestimmten Zeit durch Verweis auf die entsprechenden
Anfangsbedingungen und die Gesetze des radioaktiven Zerfalls. (siehe Salmon- Zitat S.
47/48) Dieses Beispiel ist besonders stark, da es nicht einmal Alternativerklärungen zu dieser
Erklärung des Atomzerfalls gibt. Das heißt mit anderen Worten: Unsere beste Erklärung für
den Zerfall einzelner Atome zeigt nicht, dass dieses Phänomen zu erwarten ist, sondern, dass
es unwahrscheinlich ist.


Hempel hat auf diesen Einwand hin die Bedingung der hohen induktiven Wahrscheinlichkeit
für IS- Erklärungen aufgegeben.


Eine weitere Konsequenz aus diesem Argument: Argumentstatus von IS- Erklärungen wird
fraglich. (S. 49)


Einwand/ These 5: Es gibt Argumente, die alle Bedingungen des covering- law Modells
erfüllen, aber trotzdem nicht als Erklärungen der jeweiligen Explananda aufgefasst werden
können. (S. 49)


Argument 1 für Einwand/ These 5:              Viele DN- Erklärungen sind „explanatorisch
asymmetrisch“. (S. 50)
Bsp. (von Bromberger) Einerseits lässt sich z.B. die Länge des Empire State Building aus
Prämissen ableiten bzw. erklären, welche die Höhe des Gebäudes, den Stand der Sonne und
die Gesetze der geometrischen Optik wiedergeben. Andererseits lässt sich aber genauso gut


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die Höhe dieses Gebäudes aus der Länge seines Schattens, dem Stand der Sonne und diesen
Gesetzen ableiten. Letzteres stellt jedoch keine Erklärung der Höhe des E.S.B. dar. (Test: Gibt
letztere Erklärung eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, warum das E.S.B. so und so
hoch ist?)


Argument 2 für Einwand/ These 5: Im Explanans von DN- und IS- Erklärungen werden
häufig irrelevante Informationen verwendet. (S. 50)


Bsp. 1 (von Salmon; FN 20) für DN- Erklärung mit irrelevanten Infos im Explanans:


(G) Wenn eine Person regelmäßig die Antibabypille nimmt, dann wir sie mit hoher
    Wahrscheinlichkeit nicht schwanger.
(A) John Jones nimmt die Antibabypille.
(K) John Jones wird nicht schwanger.


Bsp. 2 (ebenfalls Salmon; siehe FN 21) für DN- Erklärung mit irrelevanten Infos im
Explanans:


(G) Menschen mit einer Erkältung erholen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb von
    14 Tagen, wenn sie Vit. C einnehmen.
(A) Peter Becker war erkältet und nahm Vit. C ein.
(K) Peter Becker erholte sich von seiner Erkältung in 14 Tagen.


In beiden Erklärungen werden Gesetze angegeben, die für die Explananda jeweils irrelevant
sind: Männer werden nicht schwanger, egal, ob sie die Pille nehmen oder nicht und die
meisten Menschen (Ausnahmen sind z.B. Menschen mit Erkrankungen des Immunsystems)
erholen sich innerhalb von 14 Tagen von einer Erkältung, egal, ob sie nun Vit. C nehmen oder
nicht.
Hieraus ergibt sich folgende, sehr wichtige Bedingung für Erklärungen: Eine Erklärung ist
nur dann eine solche, wenn die im Explanans verwendeten Informationen für das zu
erklärende Phänomen relevant sind.




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Argument 3 für Einwand/ These 5: In manchen DN- und IS- Erklärungen wird auf mehrere
Phänomene Bezug genommen, die durch eine gemeinsame Ursache hervorgerufen werden.
(S. 51)
Bsp. einer solchen DN- Erklärung:
(G) Wenn das Thermometer steigt, trocknet die Wäsche schneller.
(A) Der Thermometerstand steigt.
(K) Die Wäsche trocknet schneller.


Das ist keine Erklärung, weil „sowohl das schnellere Trocknen der Wäsche als auch der
gestiegene Thermometerstand […] Wirkungen ein und derselben Ursache [sind], nämlich des
Aufdrehens der Heizung.“ (S. 51)




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