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Ein Traum die Barbie -Frau_

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Ein Traum die Barbie -Frau_ Powered By Docstoc
					                                                    >> medienbrief, 3/2004                 flashback 57




                                                    Ein Traum: die Barbie-Frau!


                                                                             Zwischen Spiel
                                                                             und dämonischem
                                                                             Kommerz


                                                                             Ich erinnere mich noch genau. Für Tonja und
                                                                             mich gab es eine zeitlang nichts Schöneres,
                                                                             als mit unseren Barbies im heimischen Gar-
                                                                             ten zu spielen. Während dieser Zeit, wir gin-
                                                                             gen in die 3. Klasse der Alber t-Schweitzer-
                                                                             Grundschule, ahnte wohl noch niemand,
                                                                             dass die bekannteste Puppe der Welt einmal
                                                                             mit ihren Ideal-Maßen für die fragwürdigen
                                                                             Bedür fnisse der heutigen Konsum- und
                                                                             „Charakterkrüppel“1-Gesellschaft herhalten
                                                                             würde. Wir am allerwenigsten.
                                                                             Schauplatz 1983: Entsprechend dem Kli-
                                                                             schee konnte mein Bruder der weiblichen Hin-
                                                                             gabe schlichtweg nur kritisch folgen. Versun-
                                                                             ken im Spiel stilisier ten wir den Garten zuerst
                                                                             zu einem architektonischen Kunstwerk ent-
Bob-Mackie-Designer-Barbie, Foto: Manfred Kremers




                                                                             sprechend dem Vorbild eines Maximilian
                                                                             Friedrich Weyhes (im Kind-Jargon wohl ein-
                                                                             fach nur „Park“). Der passende Rahmen für
                                                                             unser „königliches“ Spielzeug war geschaf-
                                                                             fen. Jetzt frönten die Barbie-Freundinnen, so-
                                                                             wohl organischer als auch künstlicher Her-
                                                                             kunft, dem ausgelassenen Zeitver treib. Von
                                                                             Vorteil war, dass beide Gefähr tinnen als voll-
                                                                             kommen gleichberechtigte Par tnerinnen ins
                                                                             Spiel zogen: Tonja besaß eine komplette
                                                                             Barbie-Pferdeausstattung und ich den Barbie-
                                                                             Frisiersalon – und jede natürlich ihre eigene
                                                                             Barbie-Puppe. Es ist müßig zu er wähnen,
                                                                             dass sämtliche Accessoires wie Kleider,
                                                                             Schuhe, Frisierutensilien, Spängchen und
                                                                             Klammern die Kurzweil einfallsreich unter-
                                                                             stützten.
58     flashback                                            >> medienbrief, 3/2004




                           Schauplatz 2004: Barbie steht nach wie vor in den Rega-
                           len und eine Heerschar von Kindern versinkt auch heute
                           ins unerschöpfliche Spiel. Doch längst erinnern sich nur
                           wenige an die deutsche Spielwarenhändlerin Ruth
                           Handler, die 1959 nach New York aufbrach, um auf der
                           Spielwarenmesse Barbie vorzustellen. Bereits 1952 hatte
                           Ruth Handler in Deutschland die 29 Zentimeter große
                           „Lilli“ auf den Markt gebracht. Nach einem neuen Outfit
                           und einer neuen Figur taufte sie die Puppe in „Barbie“ um
                           – in Anlegung an den Namen ihrer Tochter Barbara. Der
                           kommerzielle Siegeszug einer Puppe hatte begonnen.
Die kleinen Mädchen von damals sind heute erwachsene, reflektierende Wesen.
Sollte man zumindest meinen. Barbie spukt immer noch in ihren Köpfen umher –
allerdings als Verkörperung der fragwürdigen Idealmaße 90-60-90. Das Produkt
Barbie ebnet gegenwärtig neue kommerzielle Wege. Das Hauen und Stechen hat
sich längst von der Ladentheke auf die OP-Tische diverser Schönheits-Chirurgen
verlagert, die seit Jahren den hippokratischen Eid offensichtlich mit „gezielte[r]
Verletzung [der] Körperoberfläche“2 verwechseln. Waren es in Deutschland im Jahr
1990 noch 109.000 Schönheitsoperationen, stieg die Zahl im Jahr 2002 auf
660.000. Fachleute sprechen gar von einer Million inklusive Dunkelziffer.
Ob Erwachsene sich Botox, Silikon und Co. in den Körper injizieren bzw. implantie-
ren lassen möchte, ist, rein objektiv betrachtet, die Entscheidung jedes bzw. jeder
Einzelnen. Kritisch wird es allerdings, wenn der Schönheitswahn eine perverse
Form der Propaganda annimmt und diverse Fernsehformate (allen voran die priva-
ten Sendeanstalten) Jugendlichen das Skalpell als letzte Hoffnung auf Schönheit
darbieten. Doch wer entscheidet über das Ideal von Schönheit? Anscheinend nur
derjenige, der das Skalpell in den Händen hält. Ein fataler Trugschluss, der Jugend-
liche, die während der Pubertät ohnehin mit einer Fülle von allzu menschlichen
Problemen zu kämpfen haben, in eine noch stärkere Sinn- und Seinskrise stürzt.
Die Dankbarkeit für einen gesunden Körper wird erstickt von dem Wahn, aussehen
zu müssen wie etwa Brad Pitt oder wie – Barbie.
Vielleicht kann es helfen, wenn die Entwicklungsgeschichte von Barbie noch
einmal näher betrachtet wird. In typischen „Frauenberufen“ wie Stewardess oder
Krankenschwester verdiente sie zu Beginn ihr Geld. Inzwischen arbeitet sie als
Astronautin oder als Kinderärztin. Sie hat sich emanzipier t, geht unbeirrt ihren ei-
genen Weg. Und das gilt es schließlich zu vermitteln, losgelöst vom dämonischen
Schönheits-Kommerz. Barbie würde hier beipflichten.
1
    www.rp-online.de vom 19. Juli 2004                        Jessica Waldeyer
2
    ebda.

				
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posted:4/26/2010
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