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					255.023 Wahlseminar Modern Houses / Sabine Pollack                                   Cathrin Hauff   9226478




                        „Innen – Außen“ im Werk Richard J. Neutras
                     anhand des Kaufmann Desert House, Palm Springs Kalifornien




Richard und Dion Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, Seite 37
„Die wundervollste Erfindung der statischen Architektur ist vielleicht ein
Fenster zum Garten.“       [Richard Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, Seite 9]



Natur war für Richard Neutra ein lebenswichtiges Element, durch welches der Mensch
geprägt ist und mit welchem er physischen Kontakt haben sollte. Der Mensch braucht
den Blick auf Wasser, auf vorbeiziehende Wolken und auf den Horizont, um glücklich zu
sein.


        „Wir werden immer ein Fenster in den Dynamismus der Natur wollen und
        brauchen, der Natur, aus der wir herkommen, ohne jemals fähig zu sein, sie
        wirklich zu verlassen. Wir schrumpfen ein und verwelken außerhalb dieses
        Zusammenhanges.“
                          [Richard Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, Seite 9]


Der Architekt Neutra war mit dieser Auffassung verpflichtet die Natur zu erhalten und
verantwortlich zu behandeln. Er fühlte sich grundsätzlich dazu berufen seine Häuser mit
ihrer Umgebung, in der sie zurecht kommen sollten, in Einklang zu bringen,


        „genauer, seine Architektur mit der Natur zu befreunden, sie dabei visuell,
        aber auch leibhaftig in seine Häuser einzubeziehen. (...) er holte die
        Landschaft ins   Haus,    durch     die   offenen oder die          geschlossenen, oft
        wandhohen Fensterwände – sie blieb dennoch fühlbar draußen, Landschaft
        und Haus ließ er eine Art von Siez-Freundschaft schließen.“
                                            [Manfred Sack, Zürich 1992, “Richard Neutra”, Seite 12]



Neutra versuchte seine Architektur harmonisch einzubetten, d.h. er wollte sie nicht mit
der Landschaft verwurzeln,


        „sondern eher wie ein Schiff verankern.“
                                           [Manfred Sack, Zürich 1992, “Richard Neutra”, Seite 17].



Neutra trennte jedoch durch ein harmonisches Nebeneinander klar Menschenwerk und
Natur. Er löste den Blockbau konsequent auf. Wie Flügel entfalten sich die asymetrischen
Grundrisse, bilden Höfe und verbinden fließend Innen und Außen durch oft aus Glas
gebildete Wände.



Kaum eines seiner Häuser ist ohne deckenhohe, eckenbildende Fensterwände, ohne
Glasschiebewände, ohne Fensterbänder oder wasserumkränztes Wasserbecken, in
welchem sich der Himmel und die Wolken spiegeln. Immer wieder finden sich in seiner
Architektur die flachen, weit überhängenden Dächer, die möglichst dünnen Wände und
die oft zweifachen Decken, deren untere nach draußen ins Terrassendach schwimmt.
Diese Häuser sollten nicht nur Zufluchtsstätte der Menschen sein, sondern eine Erfüllung
des Glücks.


      „Kein Organismus will eingesperrt sein“
und somit gestaltete er seine Häuser als durchlässige Membran.




   Schwerpunkte Neutras bzgl. „Innen – Außen“ anhand des Kaufmann Desert House


Bild 1 (Blick vom Wohnraum auf die Landschaft)


Fast wie ein gerahmtes Landschaftsbild wirkt der Blick vom Wohnraum durch die
geöffneten Glasschiebetüren auf die Bergsilouette. Man kann sich vorstellen, wie der
Hausbesitzer lesend auf dem Sofa ruht, kurz den Blick aufgrund eines leichten Luftzuges
hebt und dieses Bild vor Augen hat: Im Vordergrund der Couchtisch, der auf einem
Teppich steht und somit noch eindeutig dem Wohnraum zugeordnet ist. Der Bodenbelag
(vermutlich geschliffener Granit), zieht sich vom Wohnraum bis hinaus an die
Rasengrenze. Die Schiebetüren sind geöffnet, die Laufschiene verschwindet im Boden, so
dass eine plane Fläche hinaus fließt, oder fließt die Terrasse in den Wohnraum? Dieser
„fließende Raum“ löst räumliche Grenzen auf. Der Raum erscheint größer.


      „Der Architekt dient, wir möchten es wieder sagen, der inneren und äußeren
     Landschaft, die in Wahrheit zusammenfließen. Natur innerhalb und außerhalb
     unserer Haut ist wirklich eins und kommuniziert kontinuierlich. Wir müssen
     den steten, wirksamen Zusammenfluss von Außen und Innen schätzen
     lernen. Er ist unser Leben.“
                               [Richard Neutra, Hamburg 1962, „Auftrag für morgen“, Seite 113]



Nach dem Couchtisch bildet die Rasenkante die nächste horizontale Linie. Es ist eine
saubere klare, keine natürlich gewachsene Grenze. Erst bei der nächsten Grenzlinie
beginnt die Natur      – der Übergang vom Rasen zum Wüstengeröll. Es folgen weitere
horizontale Linien, doch sie lösen sich locker in den natürlichen Bewegungen von Steinen,
Sträuchern und Bergen bis hin zum Dunst am Horizont auf. Scharf unterscheiden sich
diese konstruierten Linien des Rasens, sowie der auf beiden Seiten sichtbaren
Glasschiebetüren von der geschwungenen Bergsilhouette. Das menschliche Auge kann
sich in dieser Ferne verlieren, beruhigen, während die scharfen Kanten der Architektur
den Blick dort hin führen und einen der für Neutra sehr typischen „inszenierten
Ausblicke“ kreieren.
Bild 2 (Innenhof/Patio zwischen Wohn- und Gästebereich)


Dieses Bild ist ein, für Neutras Architektur, eher seltenes Foto. Es ist fast ausschließlich
durch Vertikale bestimmt. Die Aufnahme entstand im Patio, der zwischen Wohn- und
Gästebereich eingeschoben wurde.
Das Foto ist in klassischer Zentralperspektive aufgenommen, was heißt, der Fluchtpunkt
liegt genau im Zentrum des Bildes. Der Fotograf richtete seine Kamera entlang des
Beetes, welches befestigte Terrasse von Vertikallamellen trennt, frontal auf den
Wohnbereich.


In erster Linie wird das Bild durch die sich gegenüber liegenden Vertikalen der Lamellen
und Dachstützen bestimmt. Die auf der rechten Seite befindlichen Sonnenlamellen wirken
fast wie eine Wand. Sie wurden von Neutra selbst entwickelt, sind verstellbar und
schützen Mensch wie auch Pflanze vor brennender Sonne sowie Sandstürmen. Im
Augenblick der Aufnahme waren sie fast gänzlich geöffnet und die Sonne dringt etwas
seitlich von oben herein. Es entsteht ein scharfer Schattenwurf, der die Fluchtlinien des
Beetes, wie auch der Stützenstellung des Daches und der Dachlinie durch die parallelen,
aber diagonalen Linien durchschneidet.
Es   ist   ein    Spiel     zwischen    Durchlässigkeit        und     Abschottung.      Die   beweglichen
Vertikallamellen, wirken wie ein Filter oder ein Sieb. Nur ein gewollter, ausgewählter Teil
kann hindurchdringen, während die optische Trennung, egal in welchem Stellungswinkel
sich die Lamellen befinden, immer gegeben bleibt. Hier entstand einer der für Neutra
typischen bewohnbaren Außenräume.


Bild 3 (beleuchtetes Haus bei Nacht)


      „Sorgsam      gesteuertes      indirektes      Licht     führt      innen   und     außen    zu
      blendungsfreien        leuchtenden       Zonen.        Sie   verbinden      sich     mit    der
      Mondlichthelligkeit über den Bergen, ergänzen und steigern das nächtliche
      Panorama zu einem grandiosen Hell-Dunkel-Kunstwerk.“
                              [Dion Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, Seite 38]



Dieses Bild ist sehr faszinierend, weil darin eine ganz andere Wirkung des Gebäudes zu
sehen ist, als sie sonst bei Neutras Gebäuden beschrieben und auf Bildern gezeigt wird.
Tagsüber „fließen“ Neutras Grundrissen und verschränken sich mit der Umgebung.
Als Städter, der gewohnt ist in seinen abgeschlossenen Wohnungen mit zusätzlichen
Gardinen     zu   sitzen,   kann    man     sich   ein   Leben       in   einem   solch    „luftigen“    und
„transparenten“ Haus vermutlich kaum vorstellen. Doch genau dieses Bild vermittelt die
Geborgenheit, die vielleicht bei Neutras Häusern vielen Menschen fehlt. Durch die
indirekte Lichtführen entstehen eine Art „Lichtwände“. Das Haus wirkt plötzlich in sich
geschlossen, warm und schützend. Diese Wirkung wird nochmals verstärkt, durch die im
Hintergrund fast „wilde“ Bergkulisse, die im Gegensatz zu dem sanften „Glühen“ des
Baukörpers steht.


In dieser Nachtaufnahme des Kaufman Desert Houses ist Neutras Bestreben durch seine
Architektur dem Menschen ein besseres Leben zu bieten, für mich wirklich spürbar.


      „Menschliche Wohnung im vollsten Sinn ist eine Erfüllung von Wünschen, die
     weit über Wetterschutz hinausgehen. Es ist die Erfüllung einer Suche nach
     Glück und seelischem Gleichgewicht. Wohnstätte ist ursprünglich Verankerung
     an einer Stelle der weiten äußeren Landschaft – eine gewollte Vereinigung, in
     die man zu den Seinen und zum seinen friedlich heimkehren kann.“
                               [Richard Neutra, Stuttgart 1956, „Mensch und Wohnen“, Seite 23]



Auch andere Architekten Neutras Zeit hatten es sich zur Aufgabe gemacht die Natur in
die Architektur einzubeziehen. Allen vorran sind Mies van der Rohe und Frank Lloyd
Wright   zu   nennen.   Zu   Wright   besteht    jedoch     nicht   nur    der   inhaltlich   nähere
Zusammenhang, sondern auch die persönliche Bekanntschaft.


         „Innen – Außen“ im Werk Frank Lloyd Wrights / Einfluß auf Neutras Werk


Frank Lloyd Wright war Neutras großes Idol. Er arbeitete nach seiner Ankunft in Amerika
sieben Monate in Wrights Büro in Taliesin, die ihn stark prägten.


     „Diese Häuser von Wrights Reißbrett hatten keine Wände, und die Zimmer
     öffneten sich nach allen Richtungen.“ Ihm fielen die schattigen Dächer auf
     und die langen Fensterbänder, die „aussahen wie die eines in eine
     abenteuerliche Welt hinausfahrenden, transkontinentalen Zuges, mit dem
     Blick auf eine offene, vom Wind durchwehte Landschaft (...).“
                                 [Richard Neutra, Stuttgart 1927, “Wie baut Amerika?“, Seite 36]



Wright pägte den Begriff einer „organischen Architektur“, mit den Prinzipien eines
fließenden Überganges von Innen und Außen, dem offenen Grundriß und einer „bloßen
Schirmfunktion“ innerer Wände. Organische Architektur war für Wright die Einheit von
Form und Funktion, er führte deshalb Louis Sullivans Formel „form follows function“
weiter in „form and function are one“. Wright wollte Wohnhäuser, mit „so viel
hereinkommendem Garten, wie wir uns leisten können“, sein Prairie-Haus sollte aus der
Landschaft wachsen:
       „Es solle den Horizontalismus der Landschaft aufnehmen, flach geneigte
       Dächer, niedrige Proportionen, einen ruhigen Umriß schwere und stumpfe
       Kamine und einen breiten, schützenden Dachüberstand besitzen.“
              [Anka Ghise-Beer, Wuppertal 2000, „Das Werk des Architekten Peter Neufert“, Seite 51]



Diese Beschreibung klingt wie die eines Hauses von Richard Neutra. Was unterscheidet
jedoch die Architektur des jungen Europäers von der Frank Lloyd Wrights? Vielleicht ist
es einfach der „biorealistische Ansatz“. Als eine Art Erweiterung des Wrights’schen
Organik-Begriffes ging Neutra davon aus, daß die biologischen Bedürfnisse des
Menschen, was die sie umgebende Architektur betrifft, wichtiger sind als Bautechnik,
Funktion oder ästhetische Gesichtspunkte. Nicht umsonst erhielt Neutra die Bezeichnung
„Architekt aus Menschenliebe“.




       „Das grüne Gartenland, in das sich der, in jene leicht abgegrenzten Teile
       organisierte Innenraum durch weite Öffnungsreihen erschließt, ist der geistige
       Ausgangspunkt      für   diese    neue     Art    von    Entwurf.     Die    angestrebte
       Verschränktheit von Draußen und Drinnen ist bezeichnend für eine Zeit, die
       die freie Außenwelt keineswegs mehr als feindlich auszuschließen wünschte.“
                                                 [Richard Neutra, Wien 1930, „Amerika“, Seite 114]



Das Streben, insbesondere in der Wohnhausarchitektur, sich zur Natur hin zu öffnen, ist
eine   wichtiges   Merkmal      der   Architektur der       Nachkriegsjahre.       Neutra    wollte   die
„Raumschachtel“ Haus nach außen öffnen, denn die Natur erkannte er als Lebenselixier
des Menschen. Was ihn jedoch am deutlichsten von seinen Kollegen unterschied, war
seine intensive Beschäftigung mit den Menschen im allgemeinen sowie, den zukünftigen
Bewohnern seiner Häuser, im speziellen.


Während Mies van der Rohe zum Beispiel seine Klientel meist nur als Finanziers seiner
baukünstlerischen Ideen sah und            die Natur nur als Kunstwerk ins Haus projizierte,
beobachtet Neutra seine Bauherren tage- und wochenlang.
Er ließ sie Tagebücher schreiben um das zukünftige Haus perfekt auf die persönlichen
Bedürfnissen abzustimmen. Oft stellte er schon Monate vor dem ersten Spatenstich am
späteren Bauplatz Hygrometer und andere Instrumente auf, um Niederschläge, Wind und
Temperaturen zu messen, und so seine Architektur der gegebenen Natur anzupassen.


       „Es paßte in Neutras ganzheitliche Berufsauffassung, daß er wenig über Form
       spach, viel jedoch über den Menschen und seine Natur.“
                                            (Manfred Sack, Zürich 1992, „Richard Neutra“, Seite 17)
Bild 1 (Blick vom Wohnraum auf die Landschaft)




[Esther McCoy, New York 1960, "Richard Neutra", Abb. 51]
Bild 2 (Innenhof/Patio zwischen Wohn- und Gästebereich)




[Richard und Dion Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, S. 39]
Bild 3 (beleuchtetes Haus bei Nacht)




[Manfred Sack, Zürich 1992, "Richard Neutra", S. 57]
Quellenangabe


Richard Neutra, „Wie baut Amerika?“, Stuttgart 1927


Richard Neutra, „Amerika. Die Stilbildung des neuen Bauens ...“, Wien 1930


Richard Neutra, „Mensch und Wohnen“, Stuttgart 1956


Richard Neutra, „Wenn wir weiterleben wollen“, Hamburg 1956


Richard Neutra, „Auftrag für morgen“, Hamburg 1962


Richard und Dion Neutra, „Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, Berlin 1974


Esther McCoy, “Richard Neutra”, New York 1962


Manfred Sack, “Richard Neutra”, Zürich 1992


Frank Lloyd Wright, „Ausgeführte Bauten und Entwürfe von Frank Loyd Wright“, Berlin 1910


Dissertation von Anka Ghise-Beer, „Das Werk des Architekten Peter Neufert“, wuppertal 2000


Sigfried Giedion, „Raum, Zeit, Architektur“, Zürich 1976


www.archinform.de, internationale Architkturdatenbank und weiterführende Links


www.neutra.org, Homepage des Architekturbüros Neutra und weiterführende Links
Weiteres Bildmaterial:




[Richard u. Dion Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, S. 36]
[Richard u. Dion Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, S. 37]
[Ester McCoy, New York 1960, "Richard Neutra", Abb. 53]
[Richard u. Dion Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, S. 38]
[Richard u. Dion Neutra, Berlin 1974, „ Pflanzen, Wasser, Steine, Licht“, S. 38]
[Ester McCoy, New York 1960, "Richard Neutra", Abb. 56]
[Ester McCoy, New York 1960, "Richard Neutra", Abb. 55]

				
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