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					Das Hartz-Konzept und die Folgen
Fachtagung am Donnerstag, 6. Februar 2003 im Neuen Rathaus Göttingen

                                                                           Göttingen, 7. Februar 2003

Kurzprotokoll über die Diskussion im Forum 3 (Vermittlungsorientierte
Arbeitnehmerüberlassung / Personalserviceagenturen)

Referentinnen:
   1. Martina Helmcke (Bertelsmann-Stiftung, Abteilung Beschäftigung
       und Arbeitsmarkt)
   2. Milana Landmesser (Niederlassungsleiterin Deutsche Industrie
       Service GmbH DIS, Kassel)
   3. Dr. Claudia Weinkopf (Institut für Arbeit und Technik, Gelsenkirchen)

Moderation:    Karin       Oesten      (Regionale   Entwicklungsagentur
Südostniedersachsen -      reson -,    Braunschweig, Lernende Region
Südostniedersachsen

Die Referentinnen liefern Kopien von Folien bzw. Powerpoint-Präsentation


Ergänzende Erläuterungen bzw. Diskussionsbeiträge.

Nach Angaben von Martina Helmcke sollen PSA bis Mitte 2003 bundesweit
flächendeckend arbeitsfähig sein. Ziel ist es, im Jahr 2003 mindestens
50.000 Arbeitslose in Beschäftigung zu bringen.

Die Arbeitsämter können Aufträge an erlaubt tätige Verleiher nach AÜG
vergeben. Es muss sich dabei um eine organisatorisch eigenständige Einheit
handeln (Niederlassung, GmbH).

Die BA legt bei der Auswahl nicht nur den Preis, sondern auch die Qualität
als Maßstab zugrunde. Zu erwarten sind Fallpauschalen von € 1.000.- bis €
1.400.- .

Die Arbeitsämter wollen Verhandlungen mit bis zu fünf Bietern führen. Ein
großer Run potenzieller Träger ist nicht zu erwarten.

Die PSA finanzieren sich durch drei Faktoren.
     Fallpauschalen
     Vermittlungsprämien
     Gebühren für den AN-Verleih

Je mehr sich die Flexibilität in den regulären Betrieben durchsetzt (siehe
Clement-Vorschläge) desto schwerer werden es die PSA haben.

Herr Wertmüller (DGB) weist darauf hin, dass in Südniedersachsen vier
PSA eingerichtet werden sollen: Je eine für die Landkreise Osterode am
Harz und Northeim sowie zwei für Stadt und Landkreis Göttingen. In
Göttingen wird es je eine gewerblich-technisch orientierte und eine
kaufmännisch orientierte PSA geben.

Nach Einschätzung von Frau Helmcke werden die Arbeitsämter den PSA
nicht die besten Arbeitslosen melden - weil sie auch ohne PSA vermittelt
werden können. Andererseits werden auch nicht die Arbeitslosen mit den
größten Handicaps gemeldet, da dadurch der Vermittlungserfolg der PSA
gefährdet würde.
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Herr Krollmann (Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises Holzminden)
weist auf die deutliche Kritik des Bundesverbandes für Zeitarbeitsfirmen hin.
Tenor: Die PSA seien überflüssig. Die Kritik gipfele in dem Vorwurf, hier
werde ein Millionengeschäft für gewerkschaftsnahe Einrichtungen
vorbereitet.
Frau Landmesser betont, dass die bereits 1967 gegründete DIS als erste
Zeitarbeitsfirma     an     die    Börse    gegangen       sei.    Mit     der
Arbeitnehmerüberlassung könne man also Geld verdienen. Die DIS verstehe
die Tätigkeit der Beschäftigten bei den Kunden als „Training on the job“. Dies
sei die beste Form der Weiterbildung. Im Schnitt liege die
Betriebszugehörigkeit der DIS-Beschäftigten bei sieben Jahren. Im
vergangenen Jahr habe sie den ersten Mitarbeiter in den Ruhestand
verabschiedet. Insgesamt wechselten 40 Prozent der Beschäftigten zu den
Kunden. Wichtigste Zielsetzung der DIS sei es nicht, auf diese Weise
Mitarbeiter zu vermitteln. Vielmehr gehe es in erster Linie um die zeitlich
befristete Arbeitnehmerüberlassung.

Nach Angaben von Frau Landmesser sind 50 Prozent der Beschäftigten in
der Administration Frauen; wegen des relativ hohen Anteils gewerblich-
technischer Berufe liege diese Quote in der Projektarbeit bei 40 Prozent.

Die DIS beabsichtigt nach Angaben von Frau Landmesser, sich an
Ausschreibungen um PSA zu beteiligen. Formal stehe dafür die letzte
Entscheidung des DIS-Vorstandes aber noch aus.

Frau Dr. Claudia Weinkopf betont, dass die PSA ausschließlich als
Vermittlungsinstrument     für     Arbeitslose   ohne      gravierende
Vermittlungshemmnisse gedacht seien. Folgende Aspekte beeinflussten die
Vermittlungschancen:
     Marktgängige Qualifikation
     direkte Einsetzbarkeit
     Motivation und Einsatzbereitschaft
     eher männliche Bewerber
     überwiegend Vollzeitkräfte

Kunden fragten PSA-Dienstleistungen nur nach, wenn dies zu attraktiven
Konditionen erfolge. Andererseits tendiere die Motivation, von der PSA
beschäftigte zu übernehmen, gegen null, wenn die Kosten für die Betriebe zu
gering seien. Die Preisgestaltung durch die PSA sei demnach eine
Gratwanderung.

Nicht genau definiert sei, wie die „verleihfreien“ Zeiten genutzt würden. Die
schlechteste Möglichkeit liege darin, die Beschäftigten in diesen Zeiten nach
Hause zu schicken. Die eigentlich gewünschte Qualifizierung werde in der
Praxis wegen der Kurzfristigkeit und der inhaltlichen Spezifikation schwer zu
organisieren sein.

Einen nachhaltigen Einfluss auf die Auswahl der ihm zur Verfügung
gestellten Arbeitnehmer hat der Leiter einer PSA nach Einschätzung von
Frau Dr. Weinkopf nicht. Allerdings bestehe auch kein Kontrahierungszwang
- es müsse also nicht jeder genommen werden.

Noch nicht genau abschätzbar ist es, welchen Einfluss die PSA auf die Arbeit
der kommunalen Beschäftigungsgesellschaften ausüben werden.

Bei der Kalkulation der Arbeitnehmerüberlassung ist nach Angaben von Frau
Helmcke davon auszugehen, dass die Kosten für den entleihenden Betrieb
etwa doppelt so hoch sind wie der Bruttolohn für den Beschäftigten.

In Ostwestfalen gibt es Überlegungen für eine Einrichtung eines
Dienstleistungspools. Es gehe um die Berücksichtigung unterschiedlicher
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Losgrößen. Frau Helmcke äußert Zweifel, dass der bei der PSA entstehende
Qualifikationsbedarf so groß ist, dass daraus für die Bildungsträger
nennenswerte Aufträge entstehen. Denkbar ist aber, durch die Arbeit eines
Qualifikationsbrokers eine Abgleichung zwischen Angebot und Nachfrage zu
erreichen.

Frau Landmesser betont erneut das Interesse der DIS an der Qualifikation
der Beschäftigten. Es zeige sich aber in der Praxis immer wieder, dass es
möglich sei, die Beschäftigten zur Weiterbildung in bestehende Kurse
aufzunehmen.

Dem gegenüber warnte Frau Helmcke davor, an diese Fragestellung zu
blauäugig heranzugehen. Es sei äußerst schwierig, Beschäftigte zur
Qualifikation in bereits laufende Kurse aufzunehmen. Auf die Frage von Frau
Oesten nach der Kooperation von Trägern für die Einrichtung einer
gemeinsamen PSA erklärte Frau Helmcke, solche Pläne habe es in
Ostwestfalen durchaus gegeben. Sie seien jedoch nicht deshalb
weiterverfolgt worden, weil jedes Arbeitsamt bestrebt sei, auf die PSA in
ihrem Arbeitsbereich unmittelbar Einfluss zu nehmen. Diskutiert sei
allerdings ein gemeinsamer Beirat zwischen verschiedenen Arbeitsämtern.

Auf die Frage von Herrn Krollmann nach der Finanzierung präzisiert Frau
Helmcke mehrere Modellrechnungen. In den ersten drei Monaten können
die PSA mit einer Entleihgebühr von € 1.680.-, einer Fallpauschale von €
800.- und einer Vermittlungsprämie von € 533.- kalkulieren. Die
Fallpauschale reduziere sich ab dem vierten Monat auf € 600.-, ebenso sinke
die Vermittlungsprämie. Nach dem zwölften Monat werde weder
Fallpauschale noch Vermittlungsprämie gezahlt.

Bei der anschließenden Diskussion bleibt offen, wie Beschäftigte behandelt
werden sollen, die nach Ablauf des ersten Jahres bei der PSA nicht vermittelt
wurden. Diskutiert wurde auch die Frage, welche psychologischen
Auswirkungen entstehen, wenn jemand auch nach zwölf Monaten in einer
PSA nicht vermittelt werden kann.

Deutlich wird, dass für die PSA Gewinn nur durch Fallpauschale und
Vermittlungsprämie entstehen kann.

Frau Landmesser streicht noch einmal die prinzipiellen Unterschiede
zwischen gewerblicher Unternehmerüberlassung und PSA heraus. Während
die Hauptaufgabe der PSA darin liegt, für die Beschäftigten einen neuen
Arbeitgeber zu finden, geht es bei der Arbeitnehmerüberlassung darum,
Betriebe zu akquirieren, die die Beschäftigten auf Zeit entleihen. Nach
Einschätzung von Frau Landmesser ist es aber denkbar, diese beiden
Konzepte unter einem Dach zu führen. Es bedürfe jedoch unterschiedlicher
Vertriebskonzepte.

Frau Dr. Weinkopf betont, mit der Schaffung von PSA lasse man sich auf
einen Lern- und Experimentierprozess ein. Viele Fragestellungen würden
sich erst im Laufe der Zeit entwickeln und müssten dann praxisnah
beantwortet werden.

Frau Helmcke betont, dass es Zielsetzung der PSA sein müsse, zunächst
durch den Einsatz besonders qualifizierter Beschäftigter gute Kontakte zu
Unternehmen zu entwickeln. In diesem Kontext müsse man versuchen, auch
die weniger Qualifizierten einzusetzen. Denkbar sei es auch, Beschäftigte mit
Handicaps kostenlos zu verleihen. Zielsetzung sei es, dass sich diese
Beschäftigten durch eine Tätigkeit in den entleihenden Betrieben so positiv
entwickelten, dass sie übernommen werden könnten.

Auf die Frage von Engelhard nach der räumlichen Mobilität antwortet Frau
Helmcke, es werde Sache der Arbeitsämter sein, die entsprechenden
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Definitionen vorzunehmen. Manche Arbeitsämter würden Mobilität nur
innerhalb des Amtsbezirks verlangen, andere würden weit darüber hinaus
gehen. Die Frage der Zumutbarkeit würde aber ohnehin künftig noch heftig
diskutiert werden.

Frau Dr. Weinkopf weist noch einmal darauf hin, dass die wesentliche
Aufgabe der PSA in der Akquisition von Betrieben liegen werde. Die PSA
würden aber vermutlich eher regional arbeiten. Kooperationen zwischen den
PSA würden sich allerdings anbieten. Unbeantwortet blieb die Frage von
Herrn Pagels, ob Beschäftigte von PSA das Recht hätten, den Einsatz in
bestimmten Betrieben zu verweigern.

Frau Dr. Weinkopf betont, Zeitarbeit habe keine Zukunft, wenn sie sich nur
auf den gewerblichen Bereich konzentriere. Deshalb müsse der
Dienstleistungssektor stärker erschlossen werden. Der Einsatz von
Aushilfskräften über Zeitarbeit oder PSA sei wenig zukunftsträchtig. Bislang
würde auch wenig Teilzeitarbeit nachgefragt. Bei der Zeitarbeit gelte in
besonderem Maße die Forderung nach möglichst hoher Flexibilität und
Mobilität. Diese Anforderungen stünden aber in einem erheblichen
Spannungsverhältnis zur Vereinbarkeit mit familiären Belangen.

Auf die Frage von Frau Oesten nach der „Bewährungsauflage“, erklärt Frau
Helmcke, die Bertelsmann-Stiftung habe sich eigentlich gegen die Regelung
gewandt, in den ersten sechs Wochen PSA-Zeit nur das Arbeitslosengeld zu
zahlen. Frau Landmesser betont, wegen der häufig nötigen
Einarbeitungszeit machten die sechs Wochen Frist durchaus Sinn.

Eine Einarbeitungszeit ist nach Ansicht von Frau Helmcke nicht in allen
Segmenten erforderlich. Wer sofort die gestellten Aufgaben erfülle, müsse
auch dafür bezahlt werden. Insgesamt müssen jedoch die positiven Aspekte
der PSA stärker in den Vordergrund gestellt werden. Die PSA seien
insbesondere für ältere Beschäftigte eine Chance, sich auf dem ersten
Arbeitsmarkt dauerhaft zu etablieren.

Frau Oesten räumt ein, dass viele Arbeitslose sich Jahre lang in
Qualifizierungsschleifen aufhielten. Wenn es hier zu Änderungen komme, sei
das nur positiv. Die entscheidende Frage, wo neue Arbeitsplätze entstehen
könnten, lasse sich jedoch auch durch PSA nicht beantworten. Wenn man
über einen regionalen Beirat rede, müsse es dort auch um Maßnahmen zum
Abbau von Überstunden gehen.

Frau Helmcke weist noch einmal auf die ungeklärte Situation hin, die durch
das Auslaufen der öffentlichen Förderung nach zwölf Monaten PSA-Tätigkeit
entsteht. Es sei denkbar, für die PSA große Anreize zu schaffen,
Beschäftigte tatsächlich innerhalb von zwölf Monaten zu vermitteln. Denkbar
sei es aber auch, für eine längerfristige Tätigkeit innerhalb der PSA zu
sorgen.

Frau Landmesser plädiert für eine Intensivierung der Kommunikation aller
Beteiligten. Den Gewerkschaften rät sie, den Widerstand gegen Zeitarbeit
und PSA aufzugeben, die dort Beschäftigten seien auch potenzielle
Gewerkschaftsmitglieder. Frau Dr. Weinkopf weist auf die Zielsetzung von
START in NRW hin, besonders benachteiligte Arbeitslose auf den ersten
Arbeitsmarkt zu vermitteln. Das kann auch zu einer zentralen Zielsetzung der
PSA werden. Vor allem komme es darauf an, offene Arbeitsplätze schneller
zu besetzen und Überstunden zu vermeiden. Gefordert seien zudem
Kooperationen zwischen den PSA.

Frau Helmcke betont, es sei noch nicht absehbar, ob die Entwicklung zu
einem Preiskampf oder zu einer breiten gesellschaftlichen Anerkennung der
Zeitarbeit führen werde. Erforderlich seien neue Kooperationsformen
zwischen Unternehmen und Gewerkschaften und möglichst auch eine
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regionalen Übereinkunft. In fast allen Betrieben gebe es schlummernde
Beschäftigungsmöglichkeiten.

Frau Oesten weist auf die Internetseite www.bilung21.net hin und beendet
die Diskussion im Forum 3.