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UC_San_Diego_2006-07

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UC_San_Diego_2006-07 Powered By Docstoc
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                                Erfahrungsbericht
                        University of California San Diego
                                         2006/07


Mein Jahr an der University of California in San Diego (UCSD) war unvergesslich
schön, interessant, abwechslungsreich aber auch unheimlich anstrengend. Auch
wenn nicht alles perfekt war, würde ich diese Universität jedem empfehlen.


I. Studium
Die UCSD ist eine sehr gute Universität mit einem abwechslungsreichen
Kursangebot und vielen guten ProfessorInnen. Die Kurse sind äußerst zeitintensiv
und so sollte man sich den Stundenplan nicht zu voll packen, um nicht völlig zu
verzweifeln. Sehr zu empfehlen sind Kurse in politischer Theorie, da dort
hervorragende    Professoren   lehren.    Man      wird   einem   undergraduate-College
zugeordnet, das allerdings nur für Organisatorisches zuständig ist. Ansonsten muss
man sich an seine Institute wenden.
An der University of California wird man ausschließlich als non-degree student
zugelassen. Die undergraduate-Kurse sind zwar oft auch sehr interessant, die
Gruppen sind jedoch so groß wie die an der Freien Universität und das interaktive
Moment sehr klein. Aus diesem Grund habe ich versucht, in graduate-Kurse zu
kommen, die zwar sehr arbeitsintensiv sind, einem jedoch die Möglichkeiten
eröffnen,    welche   US-amerikanische       Hochschulen      auch    Dank    horrender
Studienkosten bieten können: Sehr kleine Gruppen und engen Kontakt mit den
Professoren sowie den Mitstudenten.
Ich hatte zum Teil große Probleme, mir einen Platz in einem graduate-Seminar zu
erkämpfen, da die Kapazitäten sehr begrenzt sind. Wenn man es geschafft hat, kann
es vorkommen, dass man ausschließlich mit Doktoranden in einem Seminar sitzt,
was sehr bereichernd ist, aber auch einen sehr hohen Arbeitsaufwand bedeutet. Aus
diesem Grund sollte man nicht zu schnell aufgeben. Ich habe zum Beispiel als
Nebenfachpolitikstudentin ein Philosophie graduate-Seminar besucht, als einzige
Nicht-Doktorandin. Natürlich war das sehr einschüchternd und anstrengend. Ich
musste jede Woche ein Referat über ein ganzes Buch halten und zudem noch
hunderte Seiten anderer Bücher lesen. Trotz der ganzen Arbeit: Am Ende bekommt
man persönliches Feedback und hat sehr viel gelernt: es lohnt sich!
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Die Politikseminare sind zum Teil hervorragend organisiert und haben oft einen sehr
hohen Unterhaltungswert. Ein dreistündiges Seminar war zum Beispiel in mehrere
Teile eingeteilt; einen Theorieteil und unter anderem in einen Teil, in dem wir jede
Woche Experten (auch Koryphäen) vom Professor und uns interviewt wurden. Trotz
der langen Kursdauer habe ich mich so nie gelangweilt.
Die Sprachkurse der Uni sind exzellent, wenn auch außerordentlich umfangreich. Ich
habe    Spanisch-Fortgeschrittenenkurse      belegt   und    musste      neben     einem
wöchentlichen Grammatiktest auch drei Essays à 5 Seiten schreiben, ein Midterm,
ein Final, zwei Referate halten sowie sehr viele Hausaufgaben und das alles
innerhalb von 10 Wochen.
Um irgendwie überhaupt etwas von Kalifornien mitzubekommen, musste ich extrem
viele Nachtschichten einlegen und habe wenig geschlafen. Da jedoch durch das on-
campus-Leben die Fahrtzeiten entfallen, wundert man sich, wie viele Stunden man
pro Tag ins Studium investieren kann.
Ich habe im letzten Quarter ein akademisches Praktikum bei einer demokratischen
Abgeordneten gemacht, was sich sehr gelohnt hat. Es ist ein großer bürokratischer
Aufwand sich das genehmigen zu lassen, doch ich habe von der Uni eine äußerst
hilfreiche   und   engagierte   Betreuerin   bekommen,      die   sich   während     des
Bewerbungsprozesses nahezu täglich bei mir gemeldet hat.
Was sehr angenehm ist, ist das positive Feedback, mit dem man überschüttet wird.
Man wird in honor-Gesellschaften aufgenommen und bekommt einen provost-honor,
wenn man A’s hat und erhält ständig Lob seitens der Professoren, wenn man seine
eigene Meinung einbringt und sich Mühe gibt. Das ist extrem motivierend und es
wäre schön, wenn sich diese Kultur der ständigen persönlichen Rückmeldung an den
deutschen Universitäten etablieren könnte.
Doch wie an der FU, so gibt es auch an der UCSD überfüllte Seminare und
Professoren, die kaum Zeit haben und bei denen man nur unter Inkaufnahme von
langen Wartezeiten einen Termin bekommt.
Das International Center hilft einem bei Visafragen und organisiert Exkursionen
sowie ein wöchentliches Mittagessen, das sehr zu empfehlen ist.
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II. Das Leben off-campus
1. Geldangelegenheiten
Ich empfehle, noch vor dem Abflug ein Konto bei der Deutschen Bank (bei aller
Kritik) zu eröffnen, da zwei Automaten der Bank of America auf dem Campus sind,
wo man zum Tageskurs umsonst Geld mit der deutschen EC-Karte abheben kann.
Es empfiehlt sich allerdings, zusätzlich ein kostenloses Studentenkonto bei einer US-
amerikanischen Bank einzurichten, da man so eine Kreditkarte bekommt, was den
Geldtransfer leichter macht. Ansonsten kann man problemlos überall mit deutschen
Kreditkarten bezahlen. Das Leben ist allerdings wirklich äußerst kostspielig und bei
einer   monatlichen   Miete   von    $820,   Parkkosten    von   $175    pro   quarter,
Autoversicherung, Sprit etc… braucht man schon um die 1000 Euro. Möchte man
aus ethischen Gründen nicht bei Wal-Mart einkaufen und isst lieber keine
genmanipulierten Lebensmittel, hat man die Möglichkeit in einem der zahlreichen
guten Ökoläden einzukaufen, was allerdings kostspielig ist.


2. Wohnen
Ich bin mit der festen Überzeugung nach San Diego gegangen, dass ich wie hier in
Berlin auf jeden Fall in einer WG fern der Lehrstätte leben möchte. Das habe ich mir
dann im 1. quarter schnell anders überlegt. Ich hatte so viel zu tun, dass ich heilfroh
war, als ein Platz im International House frei wurde und ich einziehen konnte. Der
Nachteil am Wohnen auf dem Campus ist allerdings, dass es teuer ist ($820 pro
Monat inklusive meal plan von $120) und dass die US-Amerikaner relativ jung sind
(19-22). Außerdem wird man strengstens beobachtet mit Campuspolizei und von den
residential advisors, die bei Alkoholkonsum (der erlaubt ist, falls niemand in der
Wohnung unter 21 ist) oder Musik schnell einschreiten.


3. Auto
Ohne Auto wird es schwierig, da das öffentliche Verkehrssystem sehr schlecht ist
und man sich ohne Auto kaum fortbewegen kann. Sprit und Versicherung sind in
Kalifornien zwar vergleichsweise teuer, ein gutes Auto bekommt man aber günstig.
Ich empfehle etwas mehr zu investieren. Viele Freunde von mir, die sich ein sehr
günstiges Auto gekauft haben, haben am Ende doppelt und dreifach draufgezahlt.
Ich habe mir ein Auto zusammen mit einem deutschen Austauschstudenten gekauft,
den ich beim Fulbright Vorbereitungsseminar kennen gelernt hatte. Wir haben
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zusammengelegt und konnten uns so einen Volvo in hervorragendem Zustand
kaufen, der uns gute Dienste auf unseren zahlreichen Kurz- und Langtrips geleistet
hat. Ich bin sogar nach Mexiko gefahren und wir sind zwei Mal bis San Francisco und
zurück gekommen, ohne am Ende viel Verlust zu machen. Falls jemand in der Nähe
wohnt, mit dem man sich gut versteht, sollte man ein gemeinsames Auto in
Erwägung ziehen.


4. Gesundheit
Ich kann nichts zu der Gesundheitsversorgung sagen, da ich nie krank war und
keinen Unfall hatte. Man wird in der Regel aber, glaube ich, auf dem Campus in der
Klinik ganz gut versorgt.


5. Soziales Engagement
In den USA gibt es eine ausgeprägte Kultur von sozialem Engagement, die sich sehr
von der in Deutschland unterscheidet, wo man es lieber dem Staat überlässt, sich um
Bedürftige zu kümmern. Natürlich muss man die Institutionen, für die man sich
engagiert, kritisch begutachten, aber einige sind sehr effektiv und haben keine
religiöse oder parteipolitische Motivation. Ich habe zum Beispiel in einer Organisation
mitgeholfen, die sich um die in Kalifornien zahlreichen Obdachlosen kümmert.
Zudem habe ich an einer Studienreise zur Grenze in San Diego teilgenommen, auf
der wir bei der Instandhaltung eines Zentrums für Migranten geholfen haben. Ferner
habe ich bei einem Gesundheitstag für Mittellose geholfen, auf einem Kulturfest in
einem der ärmeren Viertel habe ich an einem Stand Informationsmaterial ausgeteilt
und bei einem Seminar zum Abbau von Schulden mitgearbeitet. Ich bin auch für
mehr Hilfe für Autisten an einem Aktionstag durch den Balboa Park gewalkt. So viel
ehrenamtliches Engagement habe ich in Deutschland nie aufgebracht, aber es ist
integraler Bestandteil der US-amerikanischen Gesellschaft und eine gute Möglichkeit,
auch einmal Leute kennen zu lernen, die sich ein Studium nicht leisten können und
so mehr als nur den Campus gesehen zu haben.
Auch wenn viele der ehrenamtlichen Aktionen eher symbolisch helfen und oft eher
den Helfern als den Geholfenen dienen, ist es wichtig, mal mit der anderen Seite der
kalifornischen Glitzerwelt in Kontakt zu treten und bei dieser Gelegenheit auch mal
über den Campusrand zu schauen.
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Es gibt auch auf dem Campus einige Möglichkeiten des freiwilligen Engagements.
Ich habe mit anderen Deutschen einen wöchentlichen deutschen Sprachtisch in der
Uni geleitet, habe den portugiesischen Sprachtisch mitorganisiert und den
spanischen    besucht.   Ich   habe    abends    öfter   mal     Deutschhausaufgaben
amerikanischer Studenten korrigiert und einen Kulturabend über Deutschland
mitorganisiert.


6. Freizeit
Das konventionelle Kulturprogramm sieht in San Diego etwas mager aus. Es gibt
Theater, doch sie haben mich nicht überzeugt. Vielleicht bin ich aber auch zu
verwöhnt von Berlins kulturellem Reichtum. Bedingt durch die Nähe zum Meer, die
atemberaubende Natur und das tolle Wetter kann man sich hervorragend draußen
beschäftigen. Wir sind oft in die Berge und in Naturreservate gefahren; mal für ein
Wochenende und manchmal nur für eine Tageswanderung. Das lohnt sich immer!
Leider ist der Strand in der Nähe der Uni der einzige Nacktbadestrand (blacks beach)
weit und breit, was nicht mit den FKK Stränden in Deutschland zu vergleichen ist. Es
treiben sich dort vornehmlich Männer alleine herum, die uns mitunter sexuell extrem
belästigt haben. Man sollte als Frau nicht allein an diesen Strand gehen.
Eine gute Freizeitbeschäftigung sind die Uni-Sportteams. Ich habe im International
Team Volleyball und am Wochenende am Strand mit Freunden Beachvolleyball
gespielt. Man kann von der Uni einen wunderschönen Weg zum Meer
hinunterjoggen, zudem gibt es sehr gute Schwimmbecken, Fitnesscenter und diverse
andere Sportanlagen auf dem Campus.
Es lohnt sich wirklich, in die von den US-amerikanischen Studenten oft verschrienen
Latinoviertel zu gehen und für Konzerte auch mal längere Wege in Kauf zu nehmen.
Wir waren für ein Manu Chao-Konzert in Tijuana, das in einer Stierkampfarena
stattgefunden hat und unvergesslich schön war. Tijuana hat im Gegensatz zu San
Diego eine ausgeprägte Straßenkultur und es lohnt sich mal, die Stadt fern der
glitzernden Touristenviertel anzugucken. Es ist wichtig zu bedenken, dass wenige
Kilometer von La Jolla, dem Reichenviertel nördlich von San Diego (wo sich auch der
UCSD-Campus       befindet),   Menschen     in   schrecklicher    Armut     leben.   Die
Kriminalitätsrate Tijuanas ist sehr hoch: Drogendealer, Menschenschmuggler und
andere Groß- und Kleinkriminelle treiben hier ihr Unwesen. Man hört viele
Entführungsgeschichten, dass Drogen in Drinks getan werden und man dann am
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nächsten Morgen irgendwo in Tijuana wach wird - ohne Geld, Pass und Kleidung.
Dies sind wohl auch Ammenmärchen vorurteilsbeladener Studenten, dennoch sollte
man sich vielleicht überlegen, ob man unbedingt zum Trinken in diese Stadt kommen
muss.
Falls man das Glück hat, mit Fulbright in den USA zu sein, sollte man unbedingt den
Kontakt zu der San Diego-Gruppe und dem Southern-California Chapter in Los
Angeles suchen. Dieses ist unter der Leitung von Ann Kerr sehr aktiv und die
Gartenpartys, die sie in ihrem Haus in Santa Monica organisiert, sind unvergesslich.


Es bleibt nur zu sagen: Ich würde immer wieder an der UCSD studieren wollen und
kann mich nur noch bei dem Akademischen Auslandsamt und Fulbright bedanken,
dass sie mir dieses Jahr ermöglicht haben! Denen, die das Glück haben, an diese
Universität zu kommen, wünsche ich ein tolles Jahr und viel Spaß! Ihr habt ein
unvergessliches, spannendes Jahr vor Euch.