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Ungleichheit und dynastischer re

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					Ungleichheit und dynastischer reichtum
in Deutschland und den USA
Brooke harrInGton

Was hält in den wohlhabendsten ländern der Welt große familienvermögen über Generationen
hinweg zusammen, obgleich dies mithilfe zahlreicher (steuer-)rechtlicher Instrumente ver-
hindert werden soll? Bei der Schaffung und erhaltung ökonomischer ungleichheit haben
erbschaften schon immer eine entscheidende rolle gespielt. Dennoch ist über diese art des
dynastischen vermögensaufbaus bemerkenswert wenig bekannt. Mithilfe von tiefeninterviews
mit vermögensverwaltern aus Deutschland und den uSa will Brooke harrington dazu beitra-
gen, diese erkenntnislücke zu schließen.


Warum sollte man dynastischen reichtum und dessen architekten
untersuchen? Steuerhinterziehung und ungleichheit
Die Vorstellung von dynastischem Reichtum – über viele Generationen einer Familie hin-
weg vermehrt und erhalten – wirkt heutzutage eher überholt. Er steht für eine Welt ererbter
Privilegien und anhaltender sozioökonomischer Ungleichheit, die moderne Gesellschaften
schon vor Jahrhunderten durch Reformen und Revolutionen im Nachgang der Aufklärung aus-
zuräumen suchten. Mögen auch die Standesvorrechte des Adels und die Fideikommisse heute
hinter uns liegen – Familienvermögen werden immer noch eifersüchtig bewacht und erfolg-
reich verteidigt. In modernen Gesellschaften wird der Zwist der Besitzer von Privatvermögen
mit der Staatsgewalt durch die Besteuerung ausgetragen. Steuervermeidung und eventuell auch
Steuerhinterziehung sind wichtige Faktoren beim Aufbau dynastischen Vermögens, insbeson-
dere in Ländern, deren Rechts- und Wirtschaftssysteme auf den Idealen der Chancengleichheit
und Verteilungsgerechtigkeit basieren. Strukturelle Regelungen, wie die Progression bei der



 Ungleichheit und dynastischer reichtum in Deutschland und den USA
 Der Flächentarifvertrag                                                                      25
     Einkommensbesteuerung sowie Kapitalertrag- und Vermögensteuern,
     sollen unter anderem die Entstehung von Vermögensdynastien             Familienvermögen wer­
     und damit die Akkumulation einer überproportionalen Menge an           den immer noch eifer­
     Ressourcen in den Händen weniger Personen und ihrer Familien ver-
                                                                            süchtig bewacht und
     hindern. Liechtenstein und andere Steueroasen bieten den Reichsten
     der Welt jedoch die Möglichkeit, ihr Vermögen vor Einrichtungen        erfolgreich verteidigt.

     wie Steuerbehörden oder Gerichten zu verbergen.

     Ein idealer Ausgangspunkt für die Erforschung der komplexen Welt des modernen dynastischen
     Reichtums ist die Rolle der Treuhandmanager. Eine ihrer Hauptaufgaben ist es, ihre vermögende
     Klientel dabei zu unterstützen, Steuerzahlungen zu vermeiden. Sie geben den privaten Interessen,
     die sich im Konflikt mit der staatlichen Autorität befinden, ein öffentliches Gesicht.


     Die soziologische untersuchung dynastischen reichtums
     Treuhandgesellschaften in Steueroasen oder sogenannten Offshore-Finanzplätzen tragen ebenso
     wie Steuerhinterziehung dazu bei, dass Reiche der Besteuerung entgehen, was die sozioökonomi-
     sche Schichtenbildung verstärkt – ein klassisches Thema der soziologischen Forschung. Jedoch
     hat dieses Phänomen in den vergangenen fünfzig Jahren trotz seiner offenkundigen sozioökono-
     mischen Bedeutung praktisch keine Beachtung durch die soziologische Forschung erfahren. Dies
     liegt unter anderem daran, dass es schwierig ist, Informationen über dynastische Vermögen zu
     erhalten, und dass das Thema in der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird. Weil verlässliche
     Schätzungen zur Größenordnung der weltweit bestehenden dynastischen Vermögen und Wissen
     über die Methoden, Reichtum vor der genauen Überprüfung durch den Staat zu verbergen,
     fehlen, ist im Lauf der Jahrzehnte eine Forschungslücke in der Soziologie entstanden.

     Doch angesichts des Gesamtvolumens der Vermögen und Erb-
     schaften lässt sich wie beim Thema der Steuerhinterziehung die Rolle   Die sozioökonomische
     großer Familienvermögen bei fortbestehender sozioökonomischer          Schichtenbildung durch
     Ungleichheit nicht mehr ignorieren. In den USA werden Schätzungen
                                                                            Steuervermeidung
     zufolge jährlich 800 Milliarden US-Dollar vererbt, für Deutschland
     liegen die Schätzungen zwischen 100 und 150 Milliarden Euro            reicher Bevölkerungs­

     jährlich. Voraussichtlich werden diese Zahlen in den kommenden         gruppen ist kaum sozio­
     Jahren ansteigen: teils durch demografische Prozesse und teils durch   logisch erforscht.
     die erfolgreiche Umsetzung von Strategien zur Vermögensplanung
     unter Berücksichtigung von Offshore-Finanzplätzen.

     Da über dynastischen Reichtum oder die Mittel zur Schaffung und Erhaltung großer Vermögen so
     wenig bekannt ist, sind die forschungsleitenden Fragen dieser Studie eher grundlegender Art. Sie
     lauten unter anderem:

     1__ Wie werden dynastische Vermögen erhalten, um an die nächste Generation weitergegeben
         werden zu können?
     2__ Welche Institutionen und Strukturen ermöglichen dynastischen Reichtum?
     3__ Wer sind die Hauptakteure?




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 Die Fragen weisen darauf hin, dass wichtige Begriffe im Verlauf der Studie noch zu definieren sind,
 zum Beispiel „dynastischer Reichtum“. Als vorläufige Arbeitsdefinition des Begriffs „Reichtum“
 soll die Definition der bedeutendsten international tätigen Privatbanken dienen: Um zum Beispiel
 bei Europas größter Bank HSBC als „vermögender Privatkunde“ zu gelten, muss ein Kunde
 über mindestens zwei Millionen US-Dollar an liquidem, freiem Vermögen verfügen. Der Begriff
„dynastisch“ bezieht sich auf Vermögen, das geerbt wurde oder als Erbe der nächsten Generation
 vermacht werden soll.

                              Im international vergleichenden Kontext dieser Studie führen die
Treuhandmanager sind          Fragen „Wie?“, „Welche?“ und „Wer?“ zwangsläufig zur Unter-
die Hauptakteure bei der      suchung von Institutionen und Berufsgruppen. Erbschaft kann eine
                              Art des Vermögensaufbaus sein, weil Institutionen und Akteure
weltweiten Schaffung
                              eingreifen und übergeordnet Aktivitäten und Funktionen überneh-
und Erhaltung dynasti­        men, die traditionell der Familie zukommen. Dies erklärt, weshalb
schen reichtums.              Treuhandmanager als Hauptakteure bei der weltweiten Schaffung
                              und Erhaltung dynastischen Reichtums im Mittelpunkt dieser
Untersuchung stehen. Ihre Arbeit erfordert einen internationalen Blickwinkel, denn sie umfasst
die Suche nach den geeignetsten Offshore-Finanzplätzen für das Vermögen ihrer Klienten. Doch
hat sie auch eine lokale Perspektive, da sie den Gesetzen des Heimatlandes der Klienten verpflich-
tet ist. Meistens ist dies ein entwickelter Staat, dessen Steuergesetze den Aufbau dynastischen
Reichtums beschränken sollen. Infolgedessen wird bei der Methodik der Untersuchung ein
Vergleich der Gesetze der Länder, in denen viele große Vermögen aufgebaut werden, eine Rolle
spielen. Im Zentrum dieses Vergleichs stehen Deutschland und die USA – nicht nur wegen ihres
jüngst koordinierten Vorgehens im Kampf gegen Steuerhinterziehung, sondern auch wegen ihrer
früher sehr unterschiedlichen rechtlichen Behandlung von Reichtum und Erbschaft.


Wie befragt man experten, deren Berufsmerkmal
die verschwiegenheit ist?
Die Daten für die Untersuchung werden in erster Linie durch mündliche Interviews erhoben. In
Anbetracht der Geheimhaltung, die viele große Privatvermögen umgibt, wäre eine standardisierte
schriftliche Befragung aufgrund der dann zu erwartenden hohen Quote von Antwortverweigerern
nicht zweckmäßig. Ziel ist ein Datensatz, der pro Land mindestens zehn ausführliche Interviews
mit Treuhandmanagern enthält. Aufbauend auf den genannten grundlegenden Forschungsfragen
werden mittels theoretischer Ansätze – ergänzt durch die softwaregestützte Analyse der
Interviewtranskripte – ein Modell der Mechanismen zur Erhaltung ererbten Reichtums entwickelt
und die sozioökonomischen Implikationen großer Familienvermögen aufgezeigt.


erste ergebnisse
Unter den Ergebnissen, die sich nach einer ersten Analyse der bereits vorliegenden Daten
abzeichnen, fällt der Wunsch der Klienten nach absoluter Geheimhaltung des Umfangs und
der Verwendung ihres Vermögens besonders auf. Dies geht so weit, dass sie ihren eigenen
Treuhandmanagern entscheidende Informationen vorenthalten. Treuhandmanager, die in so ver-
schiedenen Ländern wie Taiwan, Saudi-Arabien und Russland tätig sind, berichten dies. Sie führen
ein solches Verhalten auf den Wunsch nach Kontrolle zurück, wie auch auf Misstrauen gegenüber
allem, was auch nur im Entferntesten mit „Transparenz“ zu tun haben könnte. Der Wunsch nach



  Ungleichheit und dynastischer reichtum in Deutschland und den USA                                    27
     Geheimhaltung in Verbindung mit kulturellen Tabus, die einige zen-
     trale Bereiche der treuhänderischen Vermögensverwaltung umgeben         Die Privatsphäre ist der
     (bei asiatischen Klienten ist beispielsweise das Thema Tod verpönt,     kostbarste luxus im
     bei saudischen Klienten das Thema Familie), stellt die Fähigkeit des
                                                                             Internet­Zeitalter.
     Treuhandmanagers, gut zu beraten und im Einklang mit dem Gesetz
     zu bleiben, auf eine harte Probe.

     Ein Treuhandmanager (US-Amerikaner, männlich, Ende dreißig, weiße Hautfarbe, in der
     Schweiz tätig) erklärt, das Beste an seinem Beruf sei „die intellektuelle Herausforderung, mit
     Steuerbehörden auf der ganzen Welt Katz und Maus zu spielen“. Gleichzeitig sind er und einige
     seiner Kollegen sich jedoch bewusst, dass auch ihre eigenen Klienten in gewisser Weise „ein Spiel
     mit ihnen spielen“. Ein anderer Treuhandmanager (Brite, männlich, Ende fünfzig, weiße Hautfarbe,
     dreißig Jahre einschlägige Berufserfahrung) erwähnt den Wettbewerb der Offshore-Finanzplätze
     bei der Einrichtung von sogenannten „Asset Holding Vehicles“. Dies sind Trusts, Corporations und
     andere „Container“, die entwickelt werden, um Vermögen der Besteuerung, gerichtlich durchsetz-
     barer Erbschaftsansprüche und anderer Anlässe der Offenlegung zu entziehen. Damit entsprechen
     sie dem Wunsch der Reichen nach absoluter Geheimhaltung. Als Beispiel führt er die auf den
     Britischen Jungferninseln geschaffene VISTA Corporation an (benannt nach dem Virgin Islands
     Special Trust Act, dem Gesetz, das ihre Gründung ermöglicht hatte):




                                                                                            “
                   [Ziel ihrer Entwicklung] war ausdrücklich, die vermögende Klientel
                   Asiens anzulocken, denn obwohl VISTA von einem Treuhänder gehalten




       „
                   wird [er also der Eigentümer ist], darf er keinerlei Nachforschungen
                   über die zugrundeliegende Firma anstellen: ihren Geschäftszweck, ihre
                   Abläufe, ihre Leitung etc. Diese Dinge sind für jeden – außer für den
                   Klienten – völlig intransparent.



     Hierdurch bieten sich offensichtlich vielfältige Möglichkeiten zur Steuerhinterziehung, Geldwäsche
     und zu anderen illegalen Handlungen. Jedoch ist nach Meinung der bisher interviewten Treu-
     handmanager das Vermeiden von Steuerzahlungen ein nachrangiges Thema, verglichen mit dem
     allgegenwärtigen, tief verwurzelten Wunsch nach Kontrolle, die auch den Schutz vor jeglicher
     Form öffentlicher Durchleuchtung einschließt. Dies wird anhand des Beispiels von Klienten deut-
     lich, die in einem Land mit Nullbesteuerung leben, in diesem Fall in Saudi-Arabien. Ein 35-jähri-
     ger Franzose, der seit über fünf Jahren saudische Klienten betreut, erklärt:



                   Steuern sind für meine Klienten kein Thema. Für sie ist am wichtig-
                   sten, dass ihre Namen niemals, wirklich niemals, an die Öffentlichkeit
                   gelangen. … Hauptsächlich geht es darum, wie man in den Golfstaaten




       „
                   zu politischer Macht kommt: Man darf die Gesetze der Scharia nicht
                   im Geringsten verletzt haben. Das bedeutet unter anderem, dass man
                   in den Golfstaaten nur dann ein politisches Amt bekommen oder
                   behalten kann, wenn es nicht möglich ist, in irgendeiner Weise mit dem




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                                                                                          “
             Empfangen oder Zahlen von Zinsen in Verbindung gebracht zu werden.
             Dies wiederum bedeutet, dass solche Personen weder ein Aktiendepot
             noch ein ganz normales Hypothekendarlehen haben dürfen … zumin-
             dest nicht auf ihren eigenen Namen. Normalerweise lösen meine
             vermögenden Klienten dieses Problem, indem sie die entsprechenden
             Vermögenswerte treuhänderisch verwalten lassen, sodass man über die
             Eigentumsnachweise keine Verbindung zu ihren Namen herstellen kann.
             … Sie halten ihre Frauen versteckt, und ihren Reichtum auch.



Diese Aussage zeigt, dass sich das Hauptziel zumindest einiger Vermögender als eine Art
Herrschaft beschreiben lässt: die Erhaltung von Macht und Kontrolle über Informationen zu ihrer
Person, ihren Vermögenswerten und den innerhalb ihrer Familien getroffenen Übereinkünften.
Die Privatsphäre im weitesten Sinne ist möglicherweise der kostbarste Luxus im Internet-Zeitalter,
in dem potenziell alle Informationen zu einer Person – von der Parteispende bis zur Krankenakte –
in öffentlich zugänglichen Datenbanken auftauchen können. Dies bringt Treuhandmanager oft
mit ihren eigenen Klienten in Konflikt. So berichtet der in der Schweiz tätige US-Amerikaner über
seine hauptsächlich russische und arabische Klientel:




                                                                                          “
             Es ist wirklich schwierig, ihnen den Unterschied zwischen Eigentum
              und Kontrolle klar zu machen. … Sie denken, es sei ihr Geld, und
              dann wollen sie die Gesellschaft, die ihre Vermögenswerte hält, wie
              ein privates Bankkonto nutzen. Ich hatte mal einen … Klienten, der
              mich bat, ihm 100.000 US-Dollar aus Gesellschaftsmitteln zu senden,
              damit er sich einen Ferrari kaufen könne. Ich musste ablehnen, und
              er fragte: „Was meinen Sie mit ‚Nein‘?“ Ich erwiderte: „Dies ist eine
             Gesellschaft, und Sie sind ein Anteilseigner – möchten Sie vielleicht eine
             Ausschüttung beantragen?“ Ich musste ihm beibringen, wie man sich
              in einem solchen Fall korrekt ausdrückt, und sagte dann: „Würden Sie
              bitte die E-Mails löschen, in denen Sie mich um das Bargeld für den
             Ferrari gebeten haben?“ Der Klient sagte: „Ich kann den Wagen nicht
              auf meinen Namen kaufen – dann unterliegt er der Vermögensteuer.“




  „
             „Das ist nicht mein Problem“, konterte ich. Dann fügte ich hinzu: „Ich
              kann Ihnen aber behilflich sein, eine Struktur zu schaffen, durch die
              Sie so steuergünstig wie möglich auf Ihr Geld zugreifen und den Wagen
              kaufen können.“ Strukturieren – da bin ich ganz in meinem Element.



Diese Begebenheit verdeutlicht die komplexe Rolle des Treuhandmanagers, der – zusätzlich zur
Beratung seiner Klienten und der Schaffung von Finanzstrukturen – oft auch als eine Art interkul-
tureller Trainer fungieren muss. Meistens führt dies dazu, dass die Experten ihre Klienten gemäß
den im Wirtschaftsleben Europas und Nordamerikas geltenden Verhaltensnormen „sozialisie-
ren“. Sie müssen jedoch ständig Kompromisse und Anpassungsmöglichkeiten hinsichtlich dieser




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     Normen finden, um den Wünschen ihrer Klientel nach Kontrolle
     ihres Vermögens gerecht zu werden. In der internationalen Finanzwelt   Treuhandmanager
     sind solche „Basteleien“ eine ständige Quelle der Innovation – und     sind interkulturelle
     haben weitreichende Folgen: So spielten die Zweckgesellschaften,
                                                                            Trainer und unterstützen
     die auf den Britischen Jungferninseln gegründet wurden, damit
     Reiche dort ihre Vermögenswerte einbringen konnten, eine entschei-     den komplexen welt­

     dende Rolle bei der Verbriefung von Hypothekendarlehen, die im         weiten Handel.
     September 2008 zum Zusammenbruch des internationalen Finanz-
     systems führte.

     Darüber hinaus geraten Treuhandmanager durch ihr Bestreben, dem Klientenwunsch nach absolu-
     ter Geheimhaltung und Kontrolle zu entsprechen, in Konflikt mit vielen Aufsichtsbehörden sowie
     nationalen und transnationalen Regulierungsinstrumenten. Der britische Treuhandmanager, der
     bereits zum Thema VISTA Corporation zitiert wurde, meint daher, dass die gesamte Berufsgruppe
     zurzeit dabei ist, sich von jeglicher Mitwirkung bei der Steuervermeidung zu lösen.




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                                                                                    “
              Die Zukunft unserer Tätigkeit wird wohl nicht darin liegen,
              Steuerschlupflöcher zu nutzen, denn diese werden weltweit immer
              seltener – bedingt durch Abkommen zum Informationsaustausch
              nach OECD-Standards und Bestrebungen der Entwicklungsländer,
              ihre Systeme zur Steuereintreibung zu modernisieren. Beispielsweise




 „
              haben Russland und China ehemalige Angestellte der amerikanischen
              Steuerbehörde IRS engagiert, damit sie von denen ein effizientes
              Vorgehen bei der Steuereintreibung lernen. Die Schlupflöcher werden
              immer enger.



 Stattdessen wird seiner Meinung nach die Arbeit der Treuhandmanager künftig sehr wahrschein-
 lich darin bestehen, Geld (legal!) um die ganze Welt zu bewegen, um den komplexen weltweiten
 Handel zu unterstützen. Als Beispiel führt er ein Projekt aus der jüngsten Vergangenheit an:
 Ein Filmproduzent aus Hollywood hatte ihn angesprochen, da er vor dem Problem stand, bei
 Dreharbeiten an einem entlegenen Ort Gehälter an ein international zusammengesetztes Team
 aus Darstellern und Stab zahlen zu müssen. Ein Teil der Gehälter musste an die Personen vor
 Ort ausgezahlt werden. Der größte Teil ging jedoch an deren Familien, in vielen verschiedenen
Währungen und über zahllose internationale Banken und Konten. „Und jetzt versuchen Sie mal,
 in Los Angeles einen Buchhalter zu finden, der so was hinbekommt“, fügt er hinzu. „Fehlanzeige!
 Denen war das viel zu hoch. Deshalb mussten die Produzenten zu uns kommen und wir sagten:
‚Klar können wir das – wir machen so was ständig.‘“


ausblick
Wie die Auszüge aus den ersten Interviews zeigen, berührt dieses Forschungsprojekt eine Reihe
von Themen, die für die Wirtschaftssoziologie und die Untersuchung der Political Governance
von zunehmender Bedeutung sind. Treuhandmanager agieren oft als finanzielle „Weichensteller“
und dirigieren immense Geldströme um die ganze Welt. Sie lenken Steuern an Staaten vorbei und
verbergen die Tätigkeiten und Gewinne von Gesellschaften vor den Aufsichtsbehörden. Selbst
wenn ihr Handeln im völligen Einklang mit den Gesetzen steht, gehen sie oft an die Grenzen der
Legalität, verändern weltweit die wirtschaftliche und politische Ordnung und stellen diese vor
neue Herausforderungen.

Treuhandmanager bauen Brücken zwischen einer Vielzahl kultureller Welten, sowohl wenn sie
ihre Klienten mit den wirtschaftlichen und rechtlichen Gepflogenheiten der westlichen Welt
vertraut machen, als auch wenn sie sich immer aktuell über die Möglichkeiten informiert halten,
die Offshore-Finanzplätze wie die Schweiz oder so entlegene Gebiete wie die Cook-Inseln im
Südpazifik bieten. Ihre Arbeit verweist auf die umfassende institutionelle Struktur, die notwen-
dig ist, um Reichtum zu erhalten. Ihre einzigartige Perspektive prädestiniert sie, Informationen
zur Beantwortung einer Frage zu liefern, die für Sozialwissenschaftler von großer Bedeutung ist:
Wie prägen kulturelle Aspekte Märkte und Investitionsverhalten und welche Rolle spielen dynasti-
sche Vermögensstrategien bei der Reproduktion sozialer Ungleichheit?




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                                                        of Property.
                                                        Archives européennes de Sociologie XLVI (2),
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     Brooke harrInGton                                  Global Capitalism.
     ist seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin      Palgrave, New York 2000.
     am MPIfG. Nach Abschluss ihres Anglistik-
                                                        Senator c. levIn & Senator n. coleMan:
     Studiums an der Stanford University studierte
                                                        Tax Haven Banks and U.S. Tax Compliance.
     sie Soziologie an der Harvard University und
                                                        Staff Report, Permanent Subcommittee on
     wurde dort in diesem Fach promoviert. Danach
                                                        Investigations, United States Senate. July 17,
     war sie Assistant Professor of Sociology and
                                                        2008.
     Public Policy an der Brown University in
                                                        http://hsgac.senate.gov/public/
     Providence, Rhode Island.
                                                        _files/071708PSIreport.pdf
     Forschungsinteressen: Finanzmärkte, Familien-
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     Vielfalt (diversity)                               Sociological Inquiry 38, 7–29 (1989).

                                                        van Maanen, J.:

                                                        Police Socialization: A Longitudinal Examination
                                                        of Job Attitudes in an Urban Police Department.
                                                        Administrative Science Quarterly 20, 207–228
                                                        (1975).




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