Mainzer Tage Panagiotis Trakalia

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Mainzer Tage Panagiotis Trakalia Powered By Docstoc
					z.presse                                              23. März 2010




   Es gilt das gesprochene Wort

   Panagiotis Trakaliaridis

   Tabu-Bruch als Gestaltungsprinzip:
   Wie glaubwürdig ist Factual Entertainment?

   Ein aktueller Werbespot für ein französisches Auto: Ein junger Mann
   möchte mit seinen Kumpels am Türsteher vorbei in einen Club. Er
   erblickt jemanden in der Warteschlange und scheint erstaunt: ein
   Transvestit im funkelnden Abendkleid. Der junge Mann ruft herüber:
   "Papa, bringst Du uns da rein?"

   Das nette kleine Tabu hier lautet "Papa ist ne Transe", und es ist kein
   Zufall, dass französische Kreative damit werben. Für den deutschen
   Markt wurde der Spot einfach synchronisiert. Über 30 Jahre nach dem
   "Käfig voller Narren" eignet sich die Geschichte, um Kleinwagen an
   den Mann oder an die Frau zu bringen.

   Welche Bedeutung haben Tabubrüche, um Fernsehprogramme an den
   Zuschauer zu bringen? Ich präsentiere Ihnen einige Beispiele, die
   nicht aus dem deutschen Markt stammen. Wir schauen also
   gemeinsam über die Grenzen, auch um diesen Konferenztag mit
   vielleicht anregenden Clips zu beginnen. Die Ausschnitte stammen in
   aller Regel aus Factual Entertainment-Formaten. Man hat fast den
   Eindruck, dieses Genre und der Tabubruch gehören zusammen.

   Der Sammelbegriff Factual Entertainment umfasst als schwammige
   Definition eine Vielzahl dokumentarischer, also nicht fiktionaler
   Formen und ist als unterhaltende Information seit jeher auch ein
   typisches öffentlich-rechtliches Thema.

   Dieses Genre hat sich ausdifferenziert. Darunter werden meist
   (Wettbewerbs-) Unterhaltungsformate verstanden, die statt im Studio
   vor Publikum auf günstigere Weise dokumentarisch umgesetzt werden.
   "Das perfekte Dinner" steht prototypisch hierfür, ebenso wie soziale
   Experimente der Typologie "Tausch", oder auch etwas mehr Service
   bietende Formate als "Coaching", die vom Eingriff starker Autoritäten
   leben: Supernanny, Schuldenberater, Restauranttester. Auf der
   anderen Seite Reality-Formate, die bewusst Situationen inszenieren
   und bei Protagonisten Gefühlsausbrüche forcieren. Auch hier spielt
   der Wettbewerb eine Rolle, wie etwa bei "Big Brother" oder "Bauer
   sucht Frau".



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   Im Zusammenhang mit Glaubwürdigkeit und Ersatzidentitäten geht es
   hier auf den Mainzer Medientagen und im folgenden Panel um
   Formate, die mit dokumentarischen Mitteln aufgelöst werden und
   dennoch durch und durch fiktional daherkommen. Sie entstanden
   durch die Erfahrung mit der Fiktionalisierung der Nachmittags-Talks,
   Gerichts-Sendungen und ihren Nachfolgern. Am erfolgreichsten in der
   Zielgruppe der 14 – 49jährigen im Moment sind die
   Nachmittagssendungen bei RTL. Diese Formate wie etwa "Familien im
   Brennpunkt"" werden auch als scripted Reality bezeichnet.

   Für all diese Formen werden die Grenzlinien immer fließender, in
   Fernsehzeitschriften liest man für all das den beim Zuschauer offenbar
   geläufigsten Begriff "Dokusoap". Die Zuschauer sehen darin immer
   selbstverständlicher die Verbindung aus Realität und Unterhaltung,
   das, was wir als "Factual Entertainment" zusammenfassen. Solchen
   Formaten wird regelmäßig Tabubruch vorgeworfen.

   Im Wesentlichen haben wir es mit zwei Verständnisdimensionen zu
   tun:

   Inhaltlich - wenn tabuisierte Themen angesprochen werden.

   Gestalterisch - wenn Wirklichkeit anders gezeigt wird, als sie ist.

   Die kulturell-gesellschaftlich begründete Tabuisierung bestimmter
   Themenbereiche ist immer wieder überraschend und auch 30 Jahre
   nach dem "Käfig voller Narren" ist die Frage der sexuellen Identität in
   bestimmten Bereichen ein großes Thema, wie die aktuellen Ereignisse
   um Kirche, Fußball und Politik zeigen.

   Das eigentliche Tabu mag vor allem darin bestehen, dass ein
   Tabuthema in bestimmten Teilen des Programms bisher nicht vorkam.
   Sei es, weil es in einer bestimmten Zeitzone des Programmablaufs
   nicht als geeignet erschien, sei es, weil es bisher in bestimmten
   Fernsehformen und Genres nicht vorkam.

   Als Grenzüberschreitung mag auch empfunden werden, wenn neue
   Gestaltungsformen umgesetzt werden.

   Die Skandalisierungsmöglichkeit, inhaltlich wie formal, mag bei vielen
   Tabubrüchen mit der Durchdringungsqualität des Inhalts zu tun haben.

   Für viele Factual Entertainment-Formate wird der Tabubruch damit
   essentielles Vermarktungstool, und somit zum notwendigen
   Gestaltungsprinzip.


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   Selbstverständlich braucht interessantes Fernsehen vor allem eines:
   Drama.

   Dies heißt nicht, publizistische Standards dabei aufgeben zu müssen,
   bspw. die Wahrhaftigkeit, oder aber auch die Ausstrahlungszeit.

   Einige Beispiele aus dem internationalen Markt, die für Tabu-Brüche
   stehen:

   Dem Thema Tod gehen wir gerne aus dem Weg, und für Unterhaltung
   scheint es wenig geeignet. Nachdem in den Niederlanden vor 4 Jahren
   bereits eine Dokusoap mit sterbenskranken jungen Menschen, die bei
   einem letzten großen Abenteuer in ihrem Leben begleitet wurden, eine
   große gesellschaftliche Diskussion verursacht hatte ("Nur über meine
   Leiche"), lief im letzten Jahr eine Interview-Sendung, bei der Promis
   sich ihre Beerdigung vorstellen und ihren Sarg selbst gestalten, "De
   Kist".

   Im Grenzbereich zwischen Religion und Sex zeichnete ebenfalls in
   den Niederlanden die Kirchenredaktion für das Reality-Experiment "40
   Tage ohne Sex" verantwortlich, und überhaupt haben’s die Holländer
   mit dem Sex und in diesem Zusammenhang natürlich auch mit Drogen.
   Der mindestens zweideutige Titel "Spuiten En Slikken" , also Spritzen
   und Schlucken, ist jahrelang das wohl erfolgreichste
   Aufklärungsmagazin gewesen und lebte vor allem von
   Grenzüberschreitungen..

   Wir bleiben bei Gedärmen und kommen zu einer weiteren
   Grenzüberschreitung "Inside Nature’s Giants" von Channel 4 aus
   England zeigt faszinierende Bilder großer Tiere, wie sie im Fernsehen
   selten zu sehen waren. Bei einer Obduktion.

   Um Tiere besser zu verstehen, muss man sich in sie hineinfühlen
   können, muss man zum Tier werden: "My Life as an Animal"von BBC3.

   Wenn man sich schließlich nicht als Tier sieht, mit der eigenen
   Körperlichkeit oder mit Krankheitszeichen ein Problem hat, hilft diese
   Sendung: "Embarrassing Bodies" von Channel 4.

   Oder man fragt aus einem anderen Grund nach dem eigenen Platz in
   der Gesellschaft, wie im Programmschwerpunkt zum Thema Rasse,
   den Channel 4 mit mehreren Dokus behandelte. Unter anderem auch
   mit einem Beitrag zum Thema "Race and Intelligence".




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   Auch ein Minderheitenthema: Behinderte im Fernsehen. In England
   gibt es über alle Sendungen der BBC hinweg eine entsprechende
   Quotierung vom Kinderprogramm bis zur Casting-Show. Ein Beispiel
   war "Britain’s Missing Topmodel". Ein anderes ist ein Experiment von
   Channel 4, eine Reality-Show mit Behinderten in Form einer
   fiktionalen Serie: "Cast Offs".

   Immer wieder als Tabubruch wird die Art und Weise des Umgangs mit
   Kindern in Fernsehformaten empfunden. Kinder im Zusammenhang mit
   Sex dürfte eines der größten Tabus sein. Wie steht es mit der
   Akzeptanz von transsexuellen Kindern? Channel 4 zeigt dies in der
   Dokureihe "Bodyshock", in diesem Fall mit der Episode "Age 8 and
   wanting a sex change".

   Und schließlich etwas aus dem fiktionalen Genre, um auch über
   Gewalt in ihrer aktuellsten Fernsehform zu sprechen: "Spartacus", das
   mit der Ästhetisierung von Blut und Gewalt comichaftes Design in
   wochenlanger Postproduction erreicht und sich an Kinovorbildern wie
   "300" orientiert.

   Es fällt auf, dass bei der Suche nach tabuisierten Themen und Bildern
   man besonders fündig im britischen und niederländischen Fernsehen
   wird, und dort jeweils bei renommierten Anbietern öffentlich-rechtlicher
   Provenienz, dabei insbesondere bei Kanälen, die eine eher jüngere
   Zielgruppe ansprechen, also Channel 4, BBC3 oder Ned3.

   Es handelt sich um finanziell vergleichsweise schwach ausgestattete
   Kanäle und es ist kein Zufall, dass in der Kanalphilosophie von
   Channel4, insbesondere, wenn es um Wissenschaftsthemen geht,
   bewusst provoziert werden soll, um mit den Hochglanzdokus der BBC-
   Konkurrenz mitzuhalten. Auch die Zielgruppenkanäle sind in der Regel
   ohne großes Budget auf möglichst viel Aufmerksamkeit angewiesen.
   Gleichzeitig haben viele Zuschauer in jungen Zielgruppen einen
   Bedarf nach Information ohne Langeweile:

   Zuschauer jeden Alters wollen emotional angesprochen werden, sich
   verblüffen lassen, wollen sich auch mit ihren zweifelhaften Gefühlen
   auseinandersetzen, mit Streit und Hass, sie wollen einfach gut
   gemachtes Fernsehen.

   Insbesondere für junge Zuschauer müssen in diesem Sinne öffentlich-
   rechtliche Sender Anlaufstelle bleiben, um auch legitime
   Entertainmentbedürfnisse zu stillen. Die Beispiele zeigen, dass
   Information und Tabubruch sich nicht widersprechen und auch, dass



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   Tabubbrüche vom Publikum geradezu erwartet werden, als Teil der
   Unterhaltungsdimension des Programms.

   Ich möchte nicht zuspitzen auf die These, dass Tabubrüche zu
   informativen Zwecken auf lange Sicht ein öffentlich-rechtliches
   Spielfeld sein werden, bspw. um wissenschaftliche Themen zu
   vermitteln, während die rein auf den unterhaltenden Affekt
   ausgerichteten Tabuverletzungen eher den Privaten vorbehalten sind.
   Allerdings sind insbesondere aus Gründen der publizistischen
   Stringenz für öffentlich-rechtliche Sender klare Grenzen deutlich.
   Diese haben aber weniger zu tun mit Gestaltungstechniken.

   Das Mediennutzungsverhalten einer neuen Generation zeigt: sie weiß,
   sich selbst zu inszenieren, beherrscht neue Kulturtechniken wie die
   des Video-Chats und der digitalen sozialen Vernetzung auf
   multitaskende Art und Weise. Ihr Bedürfnis nach Teilnahme an
   Medieninszenierungen nimmt zu.

   Allerdings hat diese Zuschauergruppe ein besonders hohes
   Authentizitätsbedürfnis. Der Authentizitätsanspruch scheint aber nicht
   überall zu gelten. Zum Beispiel in der Daytime – und zumindest, was
   die Form betrifft.

   Zu Daytime-Genres als Affektfernsehen ist schon viel gesagt worden.
   Die normativen Strukturen unterhaltender Formate wie Court-Shows
   und gescriptete Reality-Dokus sind ähnlich. Oft werden Individuen auf
   bestimmte, stereotypische Merkmale reduziert, um sie
   außergewöhnlich, interessant oder lächerlich erscheinen zu lassen.

   Diese Form der Unterhaltung hat RTL in verschiedenen Ausprägungen
   erfolgreich beim Publikum platziert. Factual ist daran vor allem eines:
   die Produktionsweise.

   Die permanente Grenzgängerei zwischen Wahrheit und Inszenierung,
   zwischen Tabubruch und eigentlicher Informationstiefe, mag dazu
   führen, dass eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema
   nur simuliert wird.

   Die Frage des Tabubruchs im Umgang mit Protagonisten tritt hierbei
   ebenso auf wie die Frage nach Glaubwürdigkeit in der Behandlung des
   Themas. Wenn bei ernsten Fällen einzelne Elemente, und zwar die
   unterhaltenden, stark überwiegen, verschwindet das eigentliche
   Thema dahinter.




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   Wenn es nicht nur darum gehen soll, dass sich der Zuschauer
   gefangen nehmen lässt, worauf er ein gutes Recht hat, sondern
   darüber hinaus auch eine glaubwürdige Auseinandersetzung mit einem
   Thema stattfindet, dann kann man von einer gesellschaftlich
   relevanten Aufgabe, von öffentlich-rechtlichem Programm sprechen.
   Ich plädiere nicht einfach für mehr Sex, für mehr Drogen, mehr
   peinliche Krankheiten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Sondern für
   eine glaubwürdige Auseinandersetzung damit.




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