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XI. Gesellschaft

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					XI. Gesellschaft


Der Krieg zeitigte noch lange nach seinem       raten im Nachkriegsdeutschland dafür zu
Ende tief greifende Folgen in den beteiligten   sprechen, dass viele Frauen nicht bereit waren,
Nationen. Massive materielle Zerstörungen       ihre in Kriegszeiten gewonnene Selbständig-
in den direkten Kriegsgebieten im Osten wie     keit aufzugeben. Hinzu kamen bisher nicht
im Westen machten ungeheure Anstrengungen       gewährte bürgerliche und politische Partizi-
des wirtschaftlichen Wiederaufbaus notwen-      pationsrechte wie beispielsweise in Deutsch-
dig. Doch die Kriegsfolgen waren vor allem      land das Frauenwahlrecht. In der UdSSR wur-
auch im Alltag sowie in dessen sozialer und     de die Emanzipation zum politischen Pro-
psychischer Bewältigung bemerkbar.              gramm erhoben und der Frau eine neue Rolle
Für die Frauen hatte der Krieg vielfach den     in der Gesellschaft zugeschrieben.
Verlust von Ehemännern, Brüdern und             Kinder und Jugendliche hatten unter den
Vätern bedeutet. Die Zahl der Kriegerwitwen     Folgen des Krieges besonders zu leiden.
wurde allein in Deutschland auf weit über       Während des Krieges waren sie als Adressa-
600 000 geschätzt. Und so war nach 1918         ten einer intensiven bellizistischen Propa-
das Alleinsein eine typische weibliche Erfah-   ganda missbraucht worden. Bücher und
rung. Doch auch Frauen, deren Ehemänner         Broschüren, ›patriotisches‹ Spielzeug, Schule
invalide und psychisch krank heimgekehrt        und Kirche hatten ihre Mobilisierung betrie-
waren, mussten vielfach weiterhin als Haupt-    ben. Nach Kriegsende fanden sich europa-
ernährerin für die Familie sorgen und sie als   weit geschätzte sechs Millionen Kinder als
Vorstand nach außen vertreten.                  Halb- oder Vollwaisen wieder. Auch ihre Ver-
Positiv gewendet war die Ungebundenheit         sorgung und gesellschaftliche Integration
das Attribut eines neuen Frauentypus, nament-   durch Fürsorgeinstitutionen war eine wichtige
lich in den westlichen Kriegsnationen. Auch     Aufgabe der Nachkriegszeit, die in Frankreich
scheinen die stark ansteigenden Scheidungs-     vom Staat übernommen wurde.
                                                                                    S. Kienitz
                                                                                                                                                    271



Integration                                XI/1–XI/2                                                XI/4–XI/6
                                           XI/1 Oberschenkelprothese mit                            XI/4 Abendkleid
                                           Leibgurt                                                 England 1920–29 · Metall, Seide, Glas, Maschinen-
Nach dem Ende des Krieges erwies           Orthopädische Werkstatt Krug · Großenhain, um            spitze, Lamé, mit Perlen bestickt · 132 cm · Deutsches
sich die soziale wie auch die kulturel-    1930 · Pappelholz, Leder, Stahl, Blockfilz, Gurtband ·   Historisches Museum, Berlin · KT 97/70 · Abb. S. 272
                                           91 x 34 x 22 cm · Deutsches Historisches Museum,
le Wiedereingliederung der heimkeh-        Berlin · 1991/510
renden Soldaten, der Kriegsgefangenen
und vor allem der rund 2,7 Millio-                                                                  XI/5 Kappe
nen physisch und psychisch versehrten
                                                                                                    England 1920–29 · Metall, Seide, Maschinenspitze,
Kriegsteilnehmer in Deutschland als        XI/2 Aktive Oberarmprothese (rechts)                     Lamé · 13 x 17 x 22 cm · Deutsches Historisches
problematisch. Ähnliche Erfahrungen        Ohne Ort, um 1930 · Holz, Stahl, Leder · 65 cm ·         Museum, Berlin · KT 97/71
machten die Kriegsinvaliden in Natio-      Deutsches Historisches Museum, Berlin · 1991/509 ·
                                           Abb. S. 272
nen wie England und Frankreich, die
als Sieger aus dem Weltkrieg hervor-       Der Anblick von Prothesen gehörte zum
                                                                                                    XI/6 Spangenschuhe
gegangen waren. Häufig sahen sie           Alltag der Nachkriegszeit. Die hier gezeigte
sich – wie andere Kriegsopfergruppen       Beinprothese verfügt über ein bewegliches                England 1920–29 · Leder, Metall, Lamé · 13 x 7,5 x
                                           Kniegelenk. Die Armprothese besitzt eine                 26 cm · Deutsches Historisches Museum, Berlin ·
auch, beispielsweise die Witwen –                                                                   KT 97/72
                                           Mechanik, die Bewegungen des Armes er-
mit gesellschaftlichem Desinteresse,       laubt. Mittels eines Hebels kann die Hand                Der Erste Weltkrieg beeinflusste auch die
Misstrauen gegenüber der Echtheit          verschiedene Griffstellungen einnehmen.                  gesellschaftliche Ordnung der Geschlechter.
ihrer Verwundungen und sozialer            Für die Kriegsinvaliden waren die Prothe-                Viele Frauen waren auf sich gestellt und
Ausgrenzung konfrontiert.                  sen ungeachtet der orthopädietechnischen                 arbeiteten in traditionellen Männerbe-
Die von seelischen Wunden und sicht-       Fortschritte wegen der eingeschränkten                   rufen. Nach Kriegsende und mit Einfüh-
baren Narben gezeichneten Veteranen        Beweglichkeit der Ersatzglieder eine stän-               rung der Demokratie erhielten sie dann
                                           dige Erinnerung an die erlittenen Verwun-
organisierten sich in Deutschland in
                                           dungen. Für die Gesellschaft wirkten sie
einer Vielzahl parteipolitisch gebun-      als ständige Mahnung an die moralische
dener Kriegsbeschädigtenverbände.          Pflicht, den verstümmelten Soldaten beizu-
Sie kämpften um eine ökonomische           stehen – eine Aufgabe, die mit zunehmen-
Kompensation in Form einer Kriegs-         dem Abstand zum Kriegsende oft als lästige
rente wie auch um die symbolische          Zumutung empfunden wurde. K. B.
Anerkennung als »Helden«. Zwar
wurden staatlicherseits gezielt beruf-
liche Wiedereingliederungsprogramme        XI/3 Handprothese (links)
für die arbeitsfähigen, mit Prothesen
                                           1920–30 · klare Lackfarbe, Holz, Eisen, vernickelt,
ausgestatteten Kriegsinvaliden initi-      Aluminium, Messing · 10,1 x 21 x 8 cm · Deutsches
iert. Doch in einer Zeit großer Arbeits-   Historisches Museum, Berlin · 1989/1799
losigkeit erwies es sich auch als pro-
                                           Die schmale Handprothese der linken
blematisch, dass auf diese Weise           Hand, im Jargon der Zeitgenossen eine so
Kriegsbeschädigte mit gesunden             genannte Schönheits- oder auch Sonntags-
Kriegsheimkehrern auf dem Arbeits-         hand, ersetzte die als hässlich empfundenen
markt konkurrierten. War den deut-         technischen Prothesenvarianten, mit denen
schen Kriegsversehrten der »Dank           der kriegsinvalide Handwerker und Indus-
des Vaterlandes« in Form lebenslan-        triearbeiter Maschinen bedienen konnte.
ger Rentenzahlungen versprochen            Sie diente dem Prothesenträger außerhalb
                                           seines Berufslebens zur Überdeckung der
worden, so machten hohe Reparations-       Behinderung. Die Holzprothese wurde zu
zahlungen an die Siegernationen, die       diesem Zweck auf eine Armprothese auf-
Hyperinflation und eine tief greifende     geschraubt. Der Invalide konnte die Finger
Wirtschaftskrise solche Erwartungen        mittels eines Eisendrahthakens bewegen,
sehr bald zunichte.                        der unter dem Ärmelansatz versteckt war.
                                           Ein Sperrhaken im Handteller diente der
                             S. Kienitz    Blockierung des Daumens und sollte so
                                           mit dem Schließen der Hand zumindest
                                           eine passive Greifbewegung ermöglichen.
                                           Zusätzlich war im Handteller ein Haken
                                           aufgeschraubt, der zum Einhängen und
                                           Tragen von Aktentaschen und anderen
                                           Dingen benutzt werden konnte. S. K.                      XI/1

				
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