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Jugendarbeit-Schule_neu

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					Impressum




Dokumentation
Offene Jugendarbeit und Schule – Wie geht’s zusammen?
Projekte im Kreisjugendring München-Stadt

Verleger:
Kreisjugendring München-Stadt im Bayerischen Jugendring (KdÖR)
Paul-Heyse-Str. 22, 80336 München
Tel. 089/51 41 06-0; Fax 089/51 41 06-18
E-Mail: info@kjr-m.de
www.kjr-m.de

Verantwortlich: Elke Geweniger, Vorsitzende KJR München-Stadt
Projekt-Berichte: Gecko Wagner, Freier Journalist
Redaktion: Inge Kreipe, Angelika Baumgart-Jena
Layout: Jana Thomas
Fotos: Einrichtungen KJR München-Stadt
Titel: Fa-Ro Marketing
Druck: GPP Engelhardt

Wir danken der Firma MVI – Mulki & Vogt Informationssysteme GmbH
für die finanzielle Unterstützung, die uns die Erstellung dieser
Broschüre ermöglicht hat

München, März 2004

Zu Gunsten einer besseren Lesbarkeit haben wir auf eine
geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet.


                                                                   OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE
                                                                   KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Vorwort

Mehr als die Summe                    Zwar haben die städtischen Spar-      ferenzen noch lange nicht. Von
seiner Teile                          maßnahmen den Kreisjugendring         der Mittagsverpflegung über Haus-
                                      schwer getroffen, doch auch Leh-      aufgabenbetreuung bis hin zu den
Schule und Kreisjugendring hat-       rer sehen sich bestenfalls stagnie-   erwähnten Lerngruppen und Qua-
ten früher wenig gemeinsam. Die       renden Materialbudgets und stei-      li-Kursen in den Freizeitstätten,
einen waren für den Unterricht        gender Stundenbelastung gegen-        von Spielangeboten über Streit-
am Vormittag zuständig, die an-       über.                                 schlichtung und Gewaltprävention
deren für die Freizeit am Nach-                                             bis hin zu theaterpädagogischen
mittag, Berührungspunkte gab es       Im Umwälzungsprozess unseres          Projekttagen in der Schule, vom
selten. Doch dies gilt schon lange    Bildungssystems stehen wir erst       Bewerbungstraining über umwelt-
nicht mehr. Schule verändert sich,    am Anfang. Doch schon die Ein-        pädagogische Projekte bis hin zur
offene Jugendarbeit auch, beide       führung des achtjährigen Gymna-       Sexualaufklärung: Es gibt prak-
bewegen sich. Und zwar in ent-        siums zum nächsten Schuljahr          tisch keinen Aspekt von Schule
gegengesetzte Richtungen: auf-        wird diesen Prozess dramatisch        und von offener Jugendarbeit, in
einander zu.                          beschleunigen. Alleine wird Schu-     dem sich Kooperation nicht lohnte.
                                      le die Herausforderungen nicht
Vergleichsweise aufmerksam ver-       schultern können. Und auch für        Und es gibt keine Schulart, die
folgt die öffentliche Diskussion      Freizeitstätten verschiebt dieser     nicht davon profitierte. Ob Grund-,
die neuen Herausforderungen,          Prozess die Koordinaten, schließ-     Haupt- oder Realschulen, ob Gym-
denen sich Schule stellen muss.       lich werden bald ganze Schulklas-     nasien, Förder- oder Berufsschu-
Mittagsverpflegung, Hausaufga-        sen auch den Nachmittag in der        len, sie alle kooperieren mit Frei-
benbetreuung und Nachmittag-          Schule verbringen.                    zeitstätten zum Vorteil ihrer Schü-
sangebote sind nur drei Aspekte                                             ler und mit Gewinn für den Unter-
eines umfassenden Forderungs-         Die einzig richtige Konsequenz        richt. Das Modewort von den Syn-
kataloges, mit dem die Eltern         heißt Kooperation. Keine der bei-     ergieeffekten, hier hat es seine
schon lange und seit kurzem           den Seiten muss das Rad neu er-       Berechtigung. Denn Synergie be-
auch die Politik die Schule kon-      finden. Auf der einen Seite ste-      deutet, gemeinsam mehr zu errei-
frontieren. Inzwischen reagiert       hen die „Freizeit-Profis“ der Kin-    chen, als jeder alleine zu errei-
das Bildungssystem auf diese          der- und Jugendtreffs, mit ihrem      chen in der Lage wäre. Kooperati-
Bedürfnisse. Schule sieht sich        freizeit- und erlebnispädagogi-       on ergibt ein Ganzes, das mehr ist
zunehmend für ihre Schüler ver-       schen Know-how, mit ihren Er-         als nur die Summe seiner Teile.
antwortlich, auch nach Unter-         fahrungen in außerschulischen
richtsschluss.                        Bildungsangeboten und nicht zu-       Die Zahl der Beispiele ist groß, die
                                      letzt mit Räumen und Material,        Palette reicht von A wie Aikido bis
Von der Öffentlichkeit weitgehend     worüber die „Unterrichts-Profis“      Y wie Yoga. Auch die vorliegende
unbeachtet, vollzieht sich jedoch     bislang kaum verfügen. Umge-          Dokumentation kann sie nicht
auch in unseren Einrichtungen         kehrt kann offene Jugendarbeit        alle ausführlich schildern, son-
ein Paradigmenwechsel. Der so         besonders Kindern mit schwieri-       dern skizziert sie knapp und stellt
genannte „offene Treff“ ist zwar      gem Familienhintergrund am ef-        zwei Dutzend Projekte umfassend
nach wie vor das Hauptangebot         fektivsten helfen, wenn sie die Er-   dar. Diese Beispiele sollen auf-
für Kinder und Jugendliche. Hier      fahrungen und das Wissen der          zeigen, was heute schon möglich
können sie ihre Freizeit selbst-      Schule darüber mit einbezieht.        ist, sie sollen Ideen für neue Ge-
bestimmt und jeden Nachmittag         Schließlich sind die Besucher         meinschaftsprojekte geben und
neu gestalten. Zunehmend bieten       von Freizeittreffs immer auch         Wege zur Kooperation aufzeigen.
Freizeittreffs jedoch verbindliche    Schüler.                              Und sie sollen Mut machen, opti-
Angebote über einen festen Zeit-                                            mistisch in eine Zukunft voller He-
raum hinweg an, oft genug mit         Deshalb arbeiten Schule und           rausforderungen zu blicken. Ge-
Zielrichtung Schule, sei es die re-   Kreisjugendring immer stärker zu-     meinsam.
gelmäßige Lerngruppe oder der         sammen, die Zahl der gemeinsa-
Intensivkurs zur Quali-Vorberei-      men Projekte steigt unablässig.
tung. Offene Jugendarbeit sieht       Die Kooperation beginnt bei der
sich zunehmend für „ihre“ Schüler     gegenseitigen Nutzung von Party-      Elke Geweniger
verantwortlich, über die Freizeit     räumen oder Turnhallen und en-        Vorsitzende
hinaus.                               det bei gemeinsamen Lehrerkon-


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                     1
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
    Fachbeitrag


    Kooperation von Jugendarbeit und Schule –
    eine Chance, jedoch nicht um jeden Preis!

    So könnte man es sehen:              ermöglichen, mit ihnen zu experi-     wortung für die Anliegen junger
                                         mentieren, damit sie sich ein fle-    Menschen sondern auch durch
    wieder eines dieser schnelllebi-     xibles Instrumentarium an Akti-       den Druck von außen - mal mit
    gen Themen aus dem Politikbe-        ons- und Reaktionsmöglichkeiten       sanftem politischen Druck und
    trieb, nach der Prävention nun PI-   für eine gelingende Lebensfüh-        neuen Kooperationsrichtlinien, mal
    SA-getrieben das Thema Bildung       rung zulegen können. Schule ist       mit massiver politischer Einfluss-
    zugespitzt auf den „Ausbau der       dabei unbestritten ein bedeutsa-      nahme durch veränderte Förder-
    Ganztagsschule“. Und was hat         mer Ort und Rahmen. Aber nicht        modalitäten. Der Zwang zum Han-
    das mit Kinder- und Jugendarbeit     wir in der Jugend- und Jugend-        deln ist heute schon groß, vor al-
    zu tun, fragt sich der Praktiker,    verbandsarbeit sondern auch Er-       lem dort, wo junge Menschen
    denn die Leistungen der Jugend-      ziehungswissenschaftler sagen,        zum knappen Gut werden. Gera-
    und Jugendverbandsarbeit für         dass es noch andere Kategorien        de im ländlichen Raum stellt sich
    Schülerinnen und Schüler sind        von Bildung gibt als die Formale      immer mehr die Frage nach sinn-
    auch bisher und ohne eine Koo-       und andere unverzichtbare Bil-        vollen Angeboten der Jugend-
    peration mit Schule immens, was      dungsorte als die Schule.             und Jugendverbandsarbeit und
    sich mit den beachtenswerten öf-                                           vor allem nach Kooperationen un-
    fentlichen Fördersummen (Bund,                                             ter Verbänden, mit anderen Trä-
    Länder und Gemeinden), be-           Nun aber der etwas andere             gern der Kinder- und Jugendar-
    trächtlichen Eigenmittel (Kirchen,   Blick:                                beit und natürlich auch mit Schule.
    Gewerkschaften und andere Er-
    wachsenenorganisationen) und         Jugend- und Jugendverbandsar-
    sonstigen Finanzströmen (Stif-       beit nimmt als authentischer Ort      Also dann: Ziele der Jugend-
    tungen u.a.) für ihre Arbeit gut     junger Menschen und als Sprach-       und Jugendverbandsarbeit für
    darlegen lässt. Der weit überwie-    rohr für ihre Interessen auch         die Kooperation mit Schule
    gende Teil junger Menschen, die      Schule als diesen bedeutenden         sein
    in der Jugend- und Jugendver-        Ort junger Menschen wahr - Er-
    bandsarbeit aktiv sind, unterliegt   wartungen, Erfolge und Konflikte      - Interessenvertretung junger
    der Schulpflicht und sind somit      junger Menschen in diesem Feld          Menschen in einem bedeuten-
    Schüler und Schülerinnen, eine       ihres Lebens kommen ungefiltert         den Segment ihres Lebens -
    Festlegung, die für junge Men-       in der Kinder- und Jugendarbeit         der Schule
    schen sehr bestimmend ist. Jung      an. Und deshalb gehört es zum         - Stärkung und wirkungsvolle
    sein heißt heute nun mal im We-      Kerngeschäft, sich mit den Be-          Darstellung des außerschuli-
    sentlichen Schüler sein. Und aus     dingungen von Kindern und Ju-           schen Bildungsprofils in Theo-
    gutem Grunde engagieren sich         gendlichen in Schule auseinan-          rie und Praxis
    Jugendverbände und andere Trä-       der zusetzen. Also auch mit den       - Einmischung in bildungspoliti-
    ger von Kinder- und Jugendarbeit     politischen Initiativen, Ganztags-      sche Theorie- und Konzept-
    mit Schülerinnen und Schülern        schule für einen Teil von Schülern      entwicklungen
    am Nachmittag und Abend au-          einzuführen. Schule wird dies         - Fachlich fundierte Einmi-
    ßerhalb der Institution und des      nicht alleine meistern können           schung in die Reform des Bil-
    Ortes „Schule“ - die Welt ist nun    und ist gut beraten, andere Bil-        dungswesens
    mal etwas komplexer, als dass ei-    dungsdimensionen für die Ent-         - Beteiligung an schulischen Bil-
    ne zwar wichtige Institution das     wicklung junger Menschen und            dungsprozessen mit spezifi-
    Leben junger Menschen in einer       ihre Aneignung von Welt kon-            schen Kompetenzen der Ju-
    äußerst prägenden biographi-         struktiv einzubeziehen.                 gend- und Jugendverbandsar-
    schen Phase nahezu absolut be-                                               beit
    stimmen sollte. Angesagt ist viel-   Als eigensinniger Bildungsträger      - Kooperative Weiterentwicklung
    mehr und schon sehr früh, jun-       kommt Jugend- und Jugendver-            von Bildungsinhalten und -for-
    gen Menschen den Umgang mit          bandsarbeit als Partnerin in Fra-       men im Schulwesen
    Vielfalt, Widersprüchlichkeiten,     ge. Sie steht mithin vor entschei-    - Förderung von Beteiligungs-
    unterschiedlichen Rollen und         denden Herausforderungen. Nicht         strukturen für junge Menschen
    komplexen Zusammenhängen zu          nur aus selbstgestellter Verant-        in der Institution Schule


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                                                                              KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Fachbeitrag

- Entdeckung neuer Möglichkei-        ständigen Bildungsangeboten für      Angebote im und außerhalb
  ten für die Jugend- und Ju-         jungen Menschen. Das Engage-         des Schulgeländes
  gendverbandsarbeit                  ment im Rahmen von Gesamt-
- Gewinnung zusätzlicher Res-         und Reformkonzepten kann bis         Kooperationsangebote sollen und
  sourcen und                         zur gemeinsamen Gestaltung           müssen nicht auf den Ort Schule
- Entwicklung neuer Existenz-         von offenen Unterrichtseinheiten     begrenzt sein, da „nicht alle wün-
  perspektiven für die Jugend-        reichen, die sich in sinnvollen      schenswerten Lernleistungen an
  und Jugendverbandsarbeit            Zeiteinheiten über den ganzen        ein und demselben sozialen Ort
                                      Tag entspannen. Das Profil der       möglich sind“ (Hermann Giese-
                                      jeweiligen Träger von Jugend-        cke). Die Festlegung auf einen
Voraussetzungen für eine              und Jugendverbandsarbeit muss        einzelnen Lebensort entspricht
gelingende Kooperation                bei entsprechenden Kooperati-        nicht der Lebensrealität von Kin-
Verschiedenheit als Potential         onsangeboten erkennbar blei-         dern und Jugendlichen. Schule
                                      ben. Eigene - jugendgemäße -         kann negativ besetzt sein und so
Eine Kooperation von Jugendar-        Räume im Schulgebäude sind für       die Chancen von Angeboten der
beit und Schule geschieht unter-      einen nicht unerheblichen Teil der   Jugend- und Jugendverbandsar-
unterschiedlichen Rahmenbedin-        Angebote notwendig. Junge Men-       beit einschränken. Wer ein Leis-
gungen. Der staatlich organisier-     schen müssen die Möglichkeit         tungstief hat, wird unerfreulichen
ten Pflichtschule steht eine im       haben, Angebote verantwortlich       Situationen und vor allem den
Kinder- und Jugendhilfegesetz (       zu leiten. Dies entspricht dem       damit verbundenen Räumen am
SGB VIII ) beschriebene Jugend-       Grundverständnis von Jugend-         Nachmittag gerne entfliehen wol-
und Jugendverbandsarbeit ge-          und Jugendverbandsarbeit.            len.
genüber, in der die staatliche
Lenkung auf ein Minimum be-                                                Kooperationen zwischen Jugend-
schränkt ist und die den Anbie-       Enge Zusammenarbeit                  arbeit und Schulen werden dann
tern der Kinder- und Jugendar-        notwendig                            erfolgreich sein, wenn ihre Kon-
beit einen größtmöglichen Frei-                                            zepte dem situativen Ansatz fol-
raum gibt. Eine gravierende Diffe-    Kooperationen verlangen institu-     gen und die unterschiedlichen
renz besteht im Grad der Beteili-     tionelle und personelle Vernet-      Lebens- und Lernorte von Kin-
gung junger Menschen selbst:          zungsstrukturen. Für eine bedarf-    dern und Jugendlichen, Mädchen
sind ihre Mitwirkungsmöglichkei-      gerechte Planung ist die kontinu-    und Jungen mit einbeziehen. So
ten im Schulwesen eher marginal       ierliche, enge Zusammenarbeit        sollten Schüler auch weiterhin
so verpflichtet das SGB VIII /        aller Beteiligten und eine regel-    zeitlich die Möglichkeit haben,
KJHG die Leistungsanbieter zu         mäßige Reflexion/Evaluation not-     Jugend- und Jugendverbandsar-
einer wirkungsvollen Beteiligung      wendig, die auch die Schüler ein-    beit mit ihren vielfältigen Angebo-
junger Menschen, insbesondere         bezieht. Ehren- und hauptamtli-      ten und Methoden außerhalb des
in unserem Wirkungsbereich:           che Mitarbeiter sind bei solchen     Schulbetriebs kennen zu lernen.
§ 11 SGB VIII / KJHG legt die Trä-    Planungen und Entscheidungen
ger fest, Angebote der Jugend-        der Schule (Schulkonferenzen),       Der Verpflichtungsgrad muss auf
und Jugendverbandsarbeit nach         die die Kooperationsangebote         unterschiedliche Altersgruppen
ihren Interessen auszurichten,        betreffen gleichberechtigt zu be-    abgestimmt sein. Unsere Erfah-
sie mitbestimmt und mitgestaltet      teiligen. Dies gilt entsprechend     rungen zeigen, dass junge Men-
anzulegen. Junge Menschen sol-        für Planungen und Entscheidun-       schen mit zunehmenden Alter
len zur Selbstbestimmung befä-        gen in der Jugend- und Jugend-       unkontrollierte, nicht pädago-
higt und zu gesellschaftlicher Mit-   verbandsarbeit, so sie Kooperati-    gisch besetzte Räume suchen -
verantwortung und zu sozialem         onsprojekte betreffen. Gemeinsa-     eben sich selbst organisieren
Engagement anregt und hinführt        me Fortbildungsangebote für          wollen in Cliquen und jugendver-
werden.                               Lehrer und Mitarbeiter der Ju-       bandlichen Settings. Also kom-
                                      gend- und Jugendverbandsarbeit       men Kooperationsangebote in
Jugend- und Jugendverbandsar-         in Kooperationsangeboten sind        schulischen Räumlichkeiten un-
beit versteht ihre Aufgabe dabei      für das gegenseitige Verständnis     ter engen Betreuungsmaßstäben
als bildungsorientiert und ergänzt    sehr notwendig.                      je nach Altergruppe schnell an
das Angebot von Schule mit spe-                                            Grenzen. Hier stoßen unter-
zifischen Kompetenzen in eigen-                                            schiedliche Interessen unver-


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                   3
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
    Fachbeitrag


    söhnlich aufeinander: mögen El-       haben und in ihrer Bedeutung für       heißt aber auch, sich jugendpoli-
    tern, Politik und Schule die Kids     junge Menschen auch behalten           tisch offensiv gegen „feindliche
    gerne in verbindlichen Gewahr-        müssen. Schule wird sich nicht         Übernahmen“ zur Wehr zu set-
    sam sehen, so sind die Betroffe-      flächendeckend und nicht ver-          zen. In den eigenen Reihen soll-
    nen selbst an Eigensteuerung          pflichtend für alle Schüler und al-    ten wir gleichzeitig die altherge-
    und unkontrollierter Selbstgestal-    le Alterstufen auf einen ganztägi-     brachten Bilder einer obrigkeits-
    tung interessiert - ein natürliches   gen Betrieb ausweiten. Der ange-       hörigen Lehranstalt, die mehr der
    Anliegen der Jugend- und Ju-          strebte Versorgungsrad soll sich       Disziplinierung der deutschen Ju-
    gendverbandsarbeit, die der par-      nach dem Bedarf richten und ein        gend dient als ihrer Förderung,
    teilichen Vertretung jugendlicher     regional ausgewogenen Angebot          über Bord werfen, und uns aktiv
    Interessen verpflichtet ist.          für die allgemeinbildenden Schul-      einbringen bei der Suche nach
                                          arten garantieren. Angestrebt ist      zeitgemäßen, ganzheitlichen Bil-
                                          ein Versorgungsgrad von etwa 20        dungskonzepten. Kooperationen
    Kooperationsangebote                  bis 25 Prozent aller allgemeinbil-     mit Schule werden diese verän-
    benötigen Ressourcen                  denden Schulen im Grundschul-          dern und den jugendverbandli-
                                          bereich und in der Sekundarstufe       chen Horizont erweitern, sie wer-
    Zusätzliche Angebote durch Koo-       I. Das (zusätzliche) Ganztagsan-       den aber dazu beitragen, die ein-
    perationen brauchen entspre-          gebot am Nachmittag wird bei           zigartigen Leistungen der Ju-
    chende finanzielle Ausstattun-        den angestrebten offenen Ganz-         gendverbände bekannter und da-
    gen, der Rückgriff auf vorhande-      tagsschulen in der Regel nicht         mit wetterfester für politische Ge-
    ne personelle und räumliche           der Schulpflicht unterliegen son-      witterlagen und Waldbrände zu
    Ressourcen der jeweiligen Part-       dern ein freiwilliges Angebot für      machen.
    ner ist nur begrenzt möglich. Eine    Schüler und Eltern sein. Kernge-
    Umschichtung von öffentlichen         schäft bleibt also der außerschu-      Mike Corsa
    Mitteln aus dem Bereich der För-      lische Bereich.                        aej - Generalsekretär
    derung von außerschulischer Ju-
    gend- und Jugendverbandsarbeit
    zugunsten der Ganztagesange-          Fazit
    bote an Schulen ist abzulehnen.
    Jugend- und Jugendverbandsar-         Ich spreche mich eindeutig für
    beit wird ihren Schwerpunkt auch      Experimente in Kooperation mit
    zukünftig in der außerschuli-         Schule aus - eben unter den vor-
    schen Kinder- und Jugendarbeit        genannten Bedingungen. Dies




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                                                                                KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

Einführung                          jekte entstanden. Es wurde in Ab-     dass sich langfristige, verbindli-
                                    stimmung mit den nahegelege-          che Gruppenarbeit gut mit offe-
Die offenen Kinder- und Jugend-     nen Schulen Mittagstisch- und         nen Angeboten und Strukturen
einrichtungen des Kreisjugend-      Hausaufgabenprojekte entwickelt.      verbinden lässt. Mittagstisch und
ring München-Stadt haben sich       Unterstützt wurde diese Entwick-      Hausaufgaben finden in be-
Anfang der 90iger Jahre als Orte    lung durch städtische und staatli-    suchsärmeren Zeiten statt, in be-
der Freizeitgestaltung mit nicht-   che Zuschüsse.                        suchsstarken Zeiten werden der
formellen und informellen Bil-                                            offene Treff und Programmange-
dungscharakter verstanden und       Es werden mehrheitlich Grund-         bote, die frei gewählt werden
sich bewusst von der Schule ab-     und Hauptschüler, aber auch           können, durchgeführt. So ergän-
gegrenzt. Als sich der KJR im       Förderschüler und Gymnasiasten        zen sich beide Angebotsformen
Rahmen eines neuen Vertrages        mit dem Angebot erreicht. Die         in sinnvoller Weise und führen zu
1994 mit dem Stadtjugendamt ei-     meisten Projekte sprechen Schü-       einer effektiveren Auslastung der
nigte und erstmals die Kooperati-   ler an, die besondere Unterstüt-      Einrichtung.
on mit Schule als Konzeptbe-        zung und Förderung benötigen.
standteil festschrieb, wurde die    Der geringe finanzielle Spielraum     Die Vielfältigkeit und Unter-
Umsetzung vielfach mit Skepsis      der Familien ist auffällig. Obwohl    schiedlichkeit der Einrichtungen
und Zurückhaltung angegangen.       die Essenspreise gerade die Her-      findet auch in der Gestaltung der
Der sozialräumliche Ansatz führ-    stellungs- bzw. Lebensmittelkos-      Schülerprojekte ihren Nieder-
te zu einem Paradigmenwechsel       ten abdecken, sind viele Familien     schlag. Es werden Kooperations-
in der Arbeit der Pädagogen. Die    nicht in der Lage, die anfallenden    partner eingebunden - oder die
zunehmende Auseinandersetzung       Kosten zu tragen. Ohne die Un-        Angebote werden alleine ge-
mit der Lebenswelt und den Le-      terstützung durch „Hilfe für Kids“,   schultert. Es stehen Zuschüsse
benslagen der Kinder und Ju-        die „Spontane Kinderhilfe“, die       zur Verfügung - oder das eigene
gendlichen förderte die Erkennt-    „Münchner Tafel“ oder Einzelper-      Budget muss ausreichen. Es ste-
nis, dass Schüler und Schülerin-    sonen würde ein großer Teil der       hen zusätzliche Mitarbeiter zur
nen, sowohl konkrete Unterstüt-     Kinder vom Angebot ausge-             Verfügung, Lehrer arbeiten stun-
zung bei den Hausaufgaben brau-     schlossen.                            denweise mit, oder das Angebot
chen, wie auch ein Mittagessen.                                           wird mit dem bestehenden Per-
Sozialräumliches Arbeiten - ver-    Freizeitstätten machen die Erfah-     sonal durchgeführt. Bei der Un-
standen als Unterstützung von       rung, dass sie durch die Schüler-     terschiedlichkeit der Zielgruppen,
Kindern und Jugendlichen bei ih-    projekte von Eltern, Lehrern an-      Rahmenbedingungen und der
ren Lern- und Entwicklungsauf-      ders wahrgenommen werden. Es          Ausgestaltung ist allen Projekten
gaben -macht ein Engagement         wird jedoch nicht nur die Unter-      eins gemeinsam: Die Kinder füh-
auch in diesem Bereich erforder-    stützung im schulischen Bereich       len sich unterstützt und nutzen
lich.                               anerkannt, sondern es wird durch      die Angebote gerne. Ein Grad-
                                    diese positive Erfahrung auch         messer hierfür ist, dass sie die
Die Freizeitstätten werden in ho-   das gesamte Programmangebot           Angebote der Einrichtung auch
hem Maße von Kindern und Ju-        der Einrichtung bewusster wahr-       über die Betreuungszeit hinaus
gendlichen mit Migrationshinter-    genommen und vorurteilsfreier         nutzen. Vielleicht liegt gerade in
grund besucht. Gerade diese         bewertet.                             der Verbindung von Verbindlich-
Schüler werden von unserem Bil-     Neben offenen Mittagstisch-An-        keit und Offenheit die Qualität
dungssystem benachteiligt, da       geboten, die auch kurzfristig ge-     und der Erfolg.
Bildungschancen immer noch          nutzt werden können, gibt es
sehr stark vom sozialen und öko-    Schülerprojekte, die eine konti-      Im ersten Teil erhalten Sie unter
nomischen Hintergrund der Her-      nuierliche Teilnahme und eine         dem Stichwort „Schule aus! -
kunftsfamilien bestimmt werden.     verbindliche Anmeldung voraus-        Was dann?“ einen Überblick über
Notwendige Unterstützung und        setzen. Die Arbeitsweise der Pä-      die durchgeführten Schülerpro-
Förderung werden nicht im not-      dagogen, die im offenen Treff der     jekte im Kreisjugendring.
wendigen Umfang gewährt. Die        Einrichtung von Flexibilität und
interkulturelle Ausrichtung der     Spontanität geprägt ist, verän-
Einrichtungen im KJR unterstütz-    derte sich in den Projekten. Hier
te die Öffnung für ein neues Ar-    ist Verbindlichkeit und Kontinuität
beitsfeld. Die ersten Schülerpro-   gefordert. Es stellte sich heraus,


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                 5
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
    Schule aus! - Was dann?


                                                                                  linge nach Deutschland gekom-
                                                                                  men sind und wenig bis gar kein
                                                                                  Deutsch können. Sie erhalten mit
                                                                                  zehn Stunden doppelt so viel
                                                                                  Deutschunterricht wie die gleich-
                                                                                  altrigen Schüler in den Regel-
                                                                                  klassen, dafür lernen sie kein
                                                                                  Englisch. Schülerinnen wie die
                                                                                  14-jährige Roschna aus dem
                                                                                  Irak, die von persisch über ara-
                                                                                  bisch bis türkisch sieben Spra-
                                                                                  chen, aber eben (noch) kaum
                                                                                  Deutsch spricht, drücken hier die
                                                                                  Schulbank gemeinsam mit Schü-
                                                                                  lern, die zum ersten Mal über-
                                                                                  haupt auf eine Schule gehen. „Mit
                                                                                  13 Jahren kann man sie aber
    




        Konzentration
                                                                                  nicht in die erste Klasse schi-
                                                                                  cken“, sagt Kathrin Lorenz. „Und
                                                                                  die Förderschule würde ihnen
    Freizeittreff Lerchenauer                                                     auch nicht gerecht, schließlich
    18 Schüler, 12 Sprachen                                                       fehlen bei ihnen oft nur die
                                                                                  Sprachkenntnisse.“ Bleibt die Ü-
    Hausaufgaben sind eigentlich          gen berichten, die sich hier tag-       Klasse, die ihre Schüler nach
    das Letzte, woran man im Frei-        täglich eine Tiefkühlpizza zube-        spätestens zwei Jahren für den
    zeittreff Lerchenau denken sollte.    reiteten, weil ihre Eltern erst         Regelunterricht fit machen soll.
    Denn gleich nebenan liegt der         Abends nach Hause kamen. Und            Knapp die Hälfte der 18 Teilneh-
    kleine Lerchenauer See, in ent-       diese Eltern konnten sich auch          mer im Lerchenauer Schülerpro-
    gegengesetzter Richtung, hinter       kaum um die Hausaufgaben ihrer          jekt kommt aus diesen Klassen.
    den Schienen der S1, steht man        Sprösslinge kümmern.
    vorm Fasaneriesee. Und nur we-                                                Eine gewaltige Herausforderung
    nige Radlminuten weiter ist man       Selbst wenn Eltern nachmittags          für Mitarbeiterin, die, wie sie sagt,
    am Feldmochinger See ange-            zu Hause sind, können viele Kin-        „bei Null anfangen“ muss. Eigent-
    kommen. Ideal also fürs Schlitt-      der nicht auf ihre Hilfe zählen, al-    lich ist die Hausaufgabenbetreu-
    schuhlaufen im Winter und erst        leine schon, weil sie selbst die        ung wirklich nur als Begleitung
    Recht fürs Baden im Sommer.           Aufgaben kaum verstehen. Nicht,         gedacht, nicht als Nachhilfe. In
                                          weil diese zu anspruchsvoll wä-         der Praxis lässt sich das eine
    Noch näher als alle Seen liegt je-    ren. Sondern ganz schlicht, „weil       vom anderen jedoch nicht tren-
    doch die Toni-Pfülf-Hauptschule.      ihre Eltern nicht genügend              nen. „Wenn ein Schüler den Un-
    Und weil deren Schüler hier im        deutsch sprechen und verste-            terrichtsstoff nicht versteht und
    Münchner Norden fast alles an-        hen“, wie Kathrin Lorenz erklärt.       eine Erklärung braucht, kann ich
    dere nötiger haben als Schwimm-       Was die Eltern charakterisiert,         ihm schließlich nicht sagen, das
    kurse, bietet ihnen der Freizeit-     trifft oft genug auch auf ihre Kin-     gehöre nicht zu unserem Kon-
    treff seit Januar 2000 das Schü-      der zu, manchmal selbst dann,           zept.“ Und massive Verständnis-
    lerprojekt an, also Mittagsverpfle-   wenn diese in Deutschland gebo-         schwierigkeiten haben fast alle.
    gung, Hausaufgabenbetreuung           ren sind und eine deutsche Schu-        Deren Ursache liegt nicht nur in
    und Freizeitgestaltung. Mittags-      le besuchen. Wirklich dramatisch        mangelnden Deutschkenntnissen,
    verpflegung ist wichtig, weil         jedoch wird die Sprachbarriere          sondern häufig in Lernstörungen,
    selbst Kinder aus scheinbar in-       bei den Schülern der Übergangs-         Konzentrationsschwäche und Ver-
    takten Familien oft sich selbst       klassen.                                haltensauffälligkeiten. Viele der
    überlassen sind. Kathrin Lorenz                                               Teilnehmer im Schülerprojekt wä-
    (34), von Anfang an für das Schü-     Diese so genannten Ü-Klassen            ren an einer Heilpädagogischen
    lerprojekt im Lerchenauer verant-     werden für ausländische Schüler         Tagesstätte am besten aufgeho-
    wortlich, kann von Siebenjähri-       eingerichtet, die häufig als Flücht-    ben.


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                                                                                 KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

Unter diesen Voraussetzungen          ten läuft die Zusammenarbeit in-     schluss an die Hausaufgabenbe-
muss Kathrin Lorenz die Hoff-         zwischen sehr gut, nicht zuletzt,    treuung, der Ausländerbeirat der
nungen einiger Eltern, ihre Kin-      weil die Schulleitung gewechselt     Stadt und der Verein Lichterkette
der würden sich hier schulisch        hat. Die Lehrer wissen, dass ihre    haben bereits Unterstützung sig-
deutlich verbessern, enttäu-          Schüler es ohne die Unterstüt-       nalisiert. In der Hausaufgabenbe-
schen. Zwar tut sie ihr Möglichs-     zung des Schülerprojekts noch        treuung gab es schon Schüler,
tes, aber Einzelbetreuung, die        schwerer hätten, sie wissen, was     die selbst ein „Wie heißt Du?“
viele Kinder bräuchten, ist nicht     es leistet. Wenn sie das sagen,      nicht verstanden.
drin. Trotzdem legt sie die Grund-    dann klingt es manchmal so, als
lagen für schulischen Erfolg. „Für    käme gleich noch ein Wort hinter-    Kathrin Lorenz ist studierte Sozi-
viele ist es schon ein gewaltiger     her: Gottseidank.                    ologin und nicht Fremdsprachen-
Fortschritt, sich überhaupt regel-                                         korrespondentin, sie spricht zwar
mäßig an die Hausaufgaben zu          Umgekehrt hätte der Freizeittreff    Englisch und Französisch, nicht
setzen und sich mindestens eine       sein Angebot ohne Hilfe der Toni-    aber Polnisch oder Afghanisch.
Stunde darauf zu konzentrieren.“      Pfülf-Hauptschule nicht verwirkli-   Dienten sich die 18 Schüler aus
Nach dem Mittagessen und einer        chen können. Erst deren Unter-       zwölf Nationen nicht gegenseitig
halben Stunde Freizeit beginnt        stützung ermöglicht eine Förde-      als Dolmetscher, ihre Arbeit wäre
um 14 Uhr die Lernzeit. Wer um        rung des Schülerprojekts aus         völlig undenkbar. Das irakische
15 Uhr seine Aufgaben erledigt        Mitteln des Kultusministeriums,      Mädchen Roschna zum Beispiel
hat, kann die Disco, die Billardti-   hinzu kommt eine Zuschuss des        bekam früher alles von den türki-
sche oder die anderen Angebote        Schulreferates. So wird die halbe    schen Schülerinnen übersetzt,
im Lerchenauer nutzen, jeden          Stelle von Kathrin Lorenz finan-     jetzt ist sie diejenige, die anderen
Mittwoch trainiert das Schüler-       ziert, der Monatsbeitrag pro Teil-   die Aufgaben erklären kann.
projekt-Fußball-Team       gemein-    nehmer in Höhe von 45 Euro           Überhaupt ist die Gruppe selbst
sam. Schließlich geht es hier         deckt die Kosten für das Mittag-     ein wichtiger Faktor für den Ler-
nicht nur um Hausaufgaben. Wer        essen, die Köchin bezahlt der        nerfolg.
jedoch nach 15 Uhr noch Unter-        Kreisjugendring.
stützung braucht, für den oder                                             Schulische Leistungen der einen
die ist Kathrin Lorenz noch ein-      Um eine volle Deckung der Per-       stacheln auch die anderen an,
einhalb Stunden da.                   sonalkosten zu erreichen, wäre       Kathrin Lorenz hat schon häufig
                                      eine Teilnehmerzahl von etwa 25      beobachtet, dass ein beim Mit-
Dass ihre Bemühungen trotz            Schülern und Schülerinnen erfor-     tagessen ausgerufenes „Boah,
schwieriger Ausgangslage Erfolg       derlich, doch „18 ist wirklich die   ich hab heut ’ne zwei gekriegt“
haben, bestätigen ihr auch die        Obergrenze“, so Lorenz. Selbst       die anderen Schüler beeindruckt
Lehrer der Hauptschule. Ihnen         diese Gruppenstärke ist nur zu       - und motiviert. Lernen im Schü-
fällt auf, dass die Kinder aus dem    bewältigen, weil eine Pädagogin      lerprojekt geht jedoch über den
Schülerprojekt aufmerksamer ge-       vom Freizeittreff stets die Hälfte   Schulstoff hinaus, die vielen Kul-
worden sind und sie konzentrier-      der Gruppe übernimmt. Einen          turen, die hier aufeinander tref-
ter und strukturierter arbeiten.      günstigeren Personalschlüssel gä-    fen, sind ein ganz eigenes Lern-
Dass Kathrin Lorenz bisweilen         be es, wenn es sich bei den Kin-     feld. Nach dem 11. September
die Sprechstunden „ihrer“ Lehrer      dern um Behinderte handelte.         2001 diskutierten Christen und
besucht ist schon selbstverständ-     Aber die Teilnehmer hier brau-       Muslime, Deutsche, Jordanier
lich, eben so, dass Lehrkräfte im     chen offenbar keine intensive        und Afghanen sehr hitzig über
Lerchenauer anrufen oder vor-         Förderung.                           dieses Ereignis und seine Fol-
beikommen, um sich über Pro-                                               gen, dennoch gab es keine
blemfälle mit den Pädagogen           Weil mangelnde Deutschkennt-         Feindseligkeiten. Und als ein Jun-
auszutauschen.                        nisse das drängendste Problem        ge meinte, Hitler sei eigentlich
                                      sind, hat Kathrin Lorenz bereits     „schon cool“ gewesen, erzählte
Das ist allein schon deshalb sinn-    auf eigene Faust Zusatzkurse für     Mateusz aus Polen von seinem
voll, weil Kathrin Lorenz und ihre    die Schüler organisiert und sich     Großonkel, der im KZ Dachau
Kollegen Kontakt zu manchen El-       auch um die Finanzierung ge-         war. Das Nachdenken, das dies
tern haben, die sich in der Schule    kümmert. Derzeit plant sie regel-    bei den Kindern auslöste, könnte
noch nie haben blicken lassen.        mäßige Deutschkurse für die          kein Schulbuch bewirken. „Was
Nach anfänglichen Schwierigkei-       Schüler der Ü-Klassen im An-         Sie hier leisten, ist ja reinste Inte-


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                      7
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
    Schule aus! - Was dann?


    grationsarbeit“, bemerkte eine        sie sich nicht nur über Wasser            überrascht und verwundert zu-
    Mitarbeiterin des Jugendamtes         halten, sondern möglichst irgend-         gleich, nahm die Arbeit unter die
    verblüfft, als sie das Schülerpro-    wann Land erreichen sollen.               Lupe und befragte die Schülerin
    jekt besuchte. Dennoch - dies ist     Dass sie dabei sehr eigene Wege           nach dem Inhalt der Arbeit. Die
    nur ein Nebeneffekt, wenn auch        einschlagen, gehört bisweilen             hatte keine Ahnung. Vergleichbar
    ein erwünschter.                      dazu. Eine Schülerin, die des             Europäern, die chinesische Schrift-
                                          Deutschen praktisch nicht mäch-           zeichen abmalen, hatte sie sich
    Hauptziel ist es, den Kindern ei-     tig war, brachte einmal freude-           die Sätze zu Hause optisch ein-
    nen Rettungsring zu reichen, ih-      strahlend eine Nachschrift mit ins        geprägt und in der Nachschrift
    nen das Baumaterial für ein Boot      Schülerprojekt, auf der eine Eins         glücklich kombiniert.
    zur Verfügung zu stellen, mit dem     prangte. Kathrin Lorenz, freudig


     Einrichtung            Freizeittreff Lerchenauer                               Tel. 1 50 11 19, Fax 1 50 58 07
                            Lasallestr. 111, 80995 München                          lerchenauer@kjr-m.de
                            Ansprechpartner: Klaus Ludwig                           www.lerchenauer.de
     Kooperationspartner    Toni-Pfülf-Hauptschule
     Besteht seit           Januar 2000
     Projekt/Ziele          Mittagsverpflegung, Hausaufgabenbetreuung und
                            Freizeitangebote, hauptsächlich für Schülerinnen und
                            Schüler nicht-deutscher Muttersprache, zum Teil aus
                            Übergangsklassen.
     Zielgruppe             -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                                Kinder/Jugendlichen                           18
                            -   Alter                                      10-14
                            -   Anteil Mädchen                              30 %
                            -   Anteil Migrantenjugendliche                 80 %
     Finanzierung           -   monatlich 45 Euro von Teilnehmern für das Mittag-
                                essen
                            -   Zuschuss vom Schulreferat bzw. Kultusministeri-
                                um jährlich 15.000 Euro
                            -   Budget des KJR




    Jugendtreff Neuaubing
    Vom Schülerprojekt zur Schulsozialarbeit

    Bildungshunger ist ein schönes        im Münchner Westen zumindest              eine der ersten Einrichtungen in
    Wort. Es klingt nach jugendli-        eine kleine Umwälzung. Denn               München ein Lösungspaket für
    chen, reinen Seelen, denen die        nicht nur in der Kochgruppe, die          beides anbot: Mittagstisch mit
    Frage nach dem Kern, der die          Zübeyde Yilmaz (35) Anfang der            Hausaufgabenbetreuung. Zubey-
    Welt im innersten zusammenhält,       Neunziger im Jugendtreff Neuau-           de Yilmaz offerierte diese Betreu-
    keine Ruhe lässt. Die noch spät       bing anbot, fiel ihr auf, dass die        ung nicht nur den eigenen
    nachts im Kerzenschein die Kom-       Kinder sehr oft hungrig in die            Stammbesuchern, sondern auch
    pendien des Weltwissens wäl-          Freizeitstätte kamen und die              den Schülern der benachbarten
    zen, sich nach dem Aufwachen          Kochaktionen allein schon des-            Hauptschule an der Wiesentfel-
    schon auf den Unterricht freuen       wegen großen Anklang fanden.              ser Straße. Und weil schon da-
    und sich mit Altersgenossen am                                                  mals gute Kontakte zum Rektorat
    liebsten treffen, um zu philoso-      Dass sich die Jugendtreff-Besu-           und in die Lehrerschaft bestan-
    phieren und ihren Wissensdurst        cher auch mit Schulproblemen              den, waren die 20 Plätze schnell
    zu stillen. Hunger klingt nicht       an die Pädagogen wandten war              vergeben. Zwischenzeitlich war
    ganz so schön. Aber er hat schon      ohnehin Alltag, so dass der Ju-           sogar ein Ausbau geplant, aber
    manche Revolution bewirkt und         gendtreff Neuaubing ab 1994 als           im Prinzip besteht das Angebot


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                                                                                KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

                                                                            che die Anwesenheitsliste in die
                                                                            Schule gefaxt, die Lehrer wissen
                                                                            also immer, ob ihre Schüler auch
                                                                            tatsächlich da waren. Seitdem
                                                                            Nachmittagsschwänzer auch im
                                                                            Unterricht darauf angesprochen
                                                                            werden, hat das Blaumachen
                                                                            deutlich abgenommen. Im Prinzip
                                                                            ist die Teilnahme an Mittagstisch
                                                                            und       Hausaufgabenbetreuung
                                                                            freiwillig, Veronika Manetstätter
                                                                            kann und will niemanden dazu
                                                                            zwingen. „Aber wenn Kinder nicht
                                                                            mehr mitmachen wollen, müssen
                                                                            das ihre Eltern bestätigen.“
                                                                            Schließlich zahlen sie andernfalls
                                                                            die 45 Euro Monatsbeitrag verge-





    Immer Hausaufgaben
                                                                            bens.

seither unverändert. Jeden Schul-    machen, ich hab mein Buch ver-         Ganz freiwillig zücken die Kinder
tag strömen die Kinder aus den       gessen!“, ruft er mit merklicher       im Schülerprojekt natürlich nicht
Jahrgangsstufen fünf bis neun        Erleichterung. „Du bist in der         ihre Schulhefte. Auch wenn Vero-
nach Schulschluss in den Ju-         Siebten, stimmt’s?“, fragt Veroni-     nika Manetstätter nicht von Kon-
gendtreff. Die eigens engagierte     ka Manetstätter, der Bub nickt.        trolle sprechen will, Verbindlich-
Köchin stellt eine warme Mahlzeit    Sie greift ins Regal hinter sich       keit brauchen sie. Und Ansporn.
auf den Tisch, danach können         und zieht das passende Buch            „Sobald ich aus dem Zimmer
die Schüler noch kurz toben und      heraus. Die Schule hat einen           ’rausgehe, lenken sie sich gegen-
um 13:30 Uhr werden die Haus-        Satz pro Jahrgangsstufe zur Ver-       seitig ab und tun nichts mehr“,
aufgabenhefte aufgeschlagen.         fügung gestellt, denn Stefan ist       sagt die Erzieherin. „Die Kinder
                                     nicht der erste „Buchvergesser“.       brauchen keinen Nachhilfelehrer
Für die Betreuung wurde eine                                                im klassischen Sinne, sondern
halbe Stelle geschaffen, die je-     Überhaupt ist neben fachlichen         jemanden, der sich etwas Zeit für
doch alleine nicht reicht. Für Ma-   Defiziten besonders die Motivati-      sie nimmt.“ Sollte es mit Haus-
thematik hat der Jugendtreff eine    on der Schüler ein echtes Pro-         aufgabenhilfe allein nicht getan
Lehrerin der Wiesentfelserschule     blem. „Sie glauben gar nicht, wie      sein, dann vermittelt sie die
auf Honorarbasis engagiert, zu-      viele Verlockungen es allein auf       Schüler an benachbarte Einrich-
sätzlich ist Veronika Manetstätter   dem 500 Meter langen Weg zwi-          tungen wie das Kinderhaus Kai,
(27), seit drei Jahren im Neuau-     schen Schule und Jugendtreff           wo sie in Kleingruppen gefördert
binger Team dabei und inzwi-         gibt!“ erzählt Veronika Manetstät-     werden können.
schen Leiterin des Schülerpro-       ter. Da komme es schon mal vor,
jekts, ebenfalls fest dafür einge-   dass ein Schüler mit zwei Stun-        Die Zusammenarbeit mit der
plant.                               den Verspätung eintrifft - oder gar    Schule selbst beschränkt sich
                                     nicht erscheint. Das ist nicht wirk-   nicht auf die Schulbuch-Leihga-
Gerade hilft sie Stefan aus der      lich verwunderlich, zumal Mün-         be. Zübeyde Yilmaz und Veronika
siebten Klasse bei seinen            chen in einer Studie aus dem           Manetstätter stellten letztes Jahr
Deutsch-Hausaufgaben, besser         Jahr 2000 einen Spitzenplatz bei       das Projekt in der Lehrerkonfe-
gesagt, sie versucht es. Denn der    den Schulschwänzern belegt.            renz vor, Lehrer ihrerseits spre-
Junge hat keine Lust zu lernen.      Fast ein Fünftel aller Schüler zwi-    chen Eltern wie Schüler auf das
Aber er weiß: bis 15.00 Uhr ist      schen 14 und 16 Jahren gaben           Angebot an und vermitteln sie ins
Hausaufgabenzeit, vorher darf er     an, im vergangenen halben Jahr         Schülerprojekt. So ist sicherge-
nur zum Spielen, wenn seine          an mindestens fünf Tagen unent-        stellt, dass nicht nur diejenigen
Hausarbeiten erledigt sind. Da       schuldigt gefehlt zu haben. War-       teilnehmen, deren Eltern sich oh-
kommt ihm die rettende Idee. „Ich    um sollte das hier anders sein?        nehin intensiv um ihren Nach-
kann die Hausaufgaben gar nicht      Daher wird am Ende jeder Wo-           wuchs kümmern.


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                   9
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Schule aus! - Was dann?


     Auch schauen immer wieder Leh-       geben.“ Im geschützten Rahmen             den Personalkosten, 60 Prozent
     rer nach der Schule im Jugend-       des Schülerprojekts klappt der            werden aus dem Budget des KJR
     treff vorbei, um sich mit den Päd-   Kontakt auch friedlicher. Hier ist        finanziert, das die Landeshaupt-
     agogen auszutauschen. Und            es nicht „uncool“, wenn die Älte-         stadt München zur Verfügung
     häufig schon hielten Lehrer ihre     ren den Jüngeren auch mal wei-            stellt. Die Sachkosten werden
     Sprechstunden mit türkischen El-     terhelfen. Aus der einstigen Hun-         aus Restmitteln des Stadtjugend-
     tern im Jugendtreff ab. Dessen       ger- und Hausaufgabenhilfe ist            amtes finanziert.
     Leiterin Zübeyde Yilmaz, selbst      längst eine enge Zusammenar-
     Türkin, kann als Dolmetscherin       beit mit der Wiesentfelserschule          Zübeyde Yilmaz hofft damit, noch
     helfen, die Sprachbarriere zu        entstanden. „Wir sind uns nie ins         ein Bindeglied mehr zwischen ih-
     überwinden. Doch nicht immer         Gehege gekommen, sondern ha-              rer offenen Jugendarbeit und
     geht es beim Schülerprojekt um       ben uns stets als Ergänzung               dem sehr strukturierten Angebot
     Schule. Nach den Hausaufgaben        empfunden“, so Zübeyde Yilmaz.            „Schule“ zu schaffen. Die Vorteile
     können sich die Kinder und Ju-       Daher steht nun eine noch enge-           liegen für sie auf der Hand. „Ein
     gendlichen auf dem Fußballplatz      re Kooperation ins Haus.                  Sozialarbeiter kann Einzelfallar-
     oder drinnen austoben, die Com-                                                beit leisten, kann Eltern beraten
     puterstation nutzen oder an Bas-     Gemeinsam haben Schule und                und Schulverweigerer betreuen
     telangeboten teilnehmen. Jeden       Jugendtreff nun beantragt, eine           oder Streitschlichter ausbilden,
     zweiten Freitag bricht die ganze     Stelle für die Schulsozialarbeit zu       er ist noch näher an den Schü-
     Gruppe ins Schwimmbad, Kino,         schaffen, der Antrag wurde ge-            lern dran. Aber er kann dabei auf
     Museum oder Jugendtheater auf.       nehmigt. Das Projekt hat Mo-              die Ressourcen sowohl der Schu-
     Und in den Pfingstferien fahren      dellcharakter. Erstmals in Mün-           le als auch des Jugendtreffs zu-
     alle zusammen vier Tage auf eine     chen wird die Stelle eines Schul-         rückgreifen.“ Mit der Frage, ob es
     Hütte.                               sozialarbeiters im Kreisjugend-           ihr Job als Leiterin eines Jugend-
                                          ring angesiedelt sein, sein Tätig-        treffs sein könne, die Aufgaben
     „Wir wollen Hausaufgaben und         keitsschwerpunkt jedoch in der            von Elternhaus und Schule mit zu
     Freizeit unter einen Hut bringen“,   Schule liegen. Während beim               übernehmen, hält sich die Leite-
     beschreibt Veronika Manetstätter     Schülerprojekt das Schulreferat           rin nicht lange auf. „Natürlich ist
     das Ziel. „Die Neuntklässler kom-    und das Kultusministerium die             es das! Wenn ein Schüler den
     men mit den Fünftklässlern sonst     Köchin beziehungsweise die hal-           Stoff nicht versteht aber morgen
     kaum in Kontakt, außer vielleicht,   be Stelle für das Projekt finanzie-       eine Probe schreiben soll, kann
     wenn sie ihnen am Schulhof ei-       ren, beteiligt sich hier das Sozial-      ich schlecht sagen: Schön für
     nen Klapps auf den Hinterkopf        ministerium mit 40 Prozent an             Dich.“ Ende der Durchsage.


      Einrichtung            Jugendtreff Neuaubing                                  Tel. 8 71 42 42, Fax 8 71 21 12
                             Wiesentfelser Str. 57, 81249 München                   jt.neuaubing@kjr-m.de
                             Ansprechpartnerin: Zübeyde Yilmaz                      www.jt-neuaubing.de
      Kooperationspartner    Hauptschule an der Wiesentfelser Straße
      Besteht seit           1993
      Projekt/Ziele          Nachmittagsangebot „Schülerprojekt“: Mittagsverpfle-
                             gung, Hausaufgabenbetreuung und Freizeitangebote
                             sowie Ferienfahrten.
      Zielgruppe             Mädchen und Jungen von der 5. bis 9. Klasse
                             - durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen                          20
                             - Alter                                     10-16
                             - Anteil Mädchen                             50 %
                             - Anteil Migrantenjugendliche                80 %
      Finanzierung           Schülerprojekt: monatlich 45 Euro von Teilnehmern
                             für das Mittagessen; Zuschuss vom Schulreferat bzw.
                             Kultusministerium um jährlich 15.000 Euro; Budget
                             des des KJR
                             Schulsozialarbeit: 40 % der Personalkosten werden
                             vom Sozialministerium übernommen. 60 % Finanzie-
                             rung aus dem Budget KJR.


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                                                                                 KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

                                                                               strom zum Mittagsangebot von
                                                                               Schule und Freizeittreff. Aus den
                                                                               ursprünglich 20 Teilnehmern sind
                                                                               es inzwischen 80 Kinder aus den
                                                                               Klassen eins bis vier geworden.
                                                                               Auch die Hauptschule nebenan
                                                                               würde ihren Schülern gerne eine
                                                                               solche Betreuung gemeinsam
                                                                               mit dem KJT anbieten, doch die
                                                                               Kapazitäten reichen schon jetzt
                                                                               nicht aus. Im „Speisesaal“ von
                                                                               den Ausmaßen einer geräumigen
                                                                               Wohnküche finden höchstens 30
                                                                               Kinder Platz, längst wurde des-
                                                                               halb eine zweite Gruppe einge-
                                                                               richtet, die in den Räumen der
                                                                               Grundschule bekocht und betreut





    Mittags im Freizi
                                                                               wird. Zwischenzeitlich war sogar
                                                                               eine dritte Gruppe im Pfarrheim
Kinder- und Jugendtreff am Wettersteinplatz                                    gegenüber untergebracht.
Trägersignale                                                                  Die Mittagsbetreuung fordert vom
                                                                               Team erhebliches Engagement
Wenn eine bayerische Grund-,          gendtreff (KJT) am Wetterstein-          und Mehrarbeit, weil die Organi-
Haupt- oder Förderschule Mit-         platz als Kooperationspartner.           sation selbst jedoch beim Verein
tagsbetreuung anbieten will, hat      Dort tischen seither vom Verein          liegt, hält sich der administrative
sie ein Problem. Nicht nur, weil      angestellte Mütter täglich um elf        Zusatzaufwand für den Kinder-
dazu Räume, Personal und Geld         Uhr eine selbstgekochte Mahlzeit         und Jugendtreff in Grenzen. Für
benötigt werden - sie darf es gar     auf, anschließend können die             die Raumüberlassung sowie für
nicht. Zum einen, weil die Schule     Grundschüler unter ihrer Aufsicht        Strom- und Wasserverbrauch er-
nur über das eigene Personal, al-     die Hausaufgaben erledigen. Wenn         stattet die Elterninitiative eine
so die Lehrer verfügen kann, die      der KJT um halb zwei seine Tü-           Unkostenpauschale von 75 Euro
jedoch für den Unterricht und         ren für alle Besucher öffnet, über-      im Monat, einmal pro Jahr stellt
nicht für die Mittagsvorbereitun-     nehmen die Freizeittreff-Pädago-         sie der Freizeiteinrichtung zudem
gen zur Verfügung stehen sollen.      gen die Gruppe vollständig, bis          einen Satz neuer Spiele oder an-
Zum anderen, weil neben beam-         halb drei können alle an den             deres benötigtes Material. Der
tenrechtlich verzwickten Fragen       Spiel- und Bastelangeboten der           größte Gewinn für Christel Pfeif-
auch praktische Gründe dagegen        Einrichtung teilnehmen oder sich         fer und ihre Kollegen ist aber an-
sprechen. Denn eine Mittagsbe-        einfach austoben, danach endet           derer Natur. „Machen wir uns
treuung soll ja gerade dann für       die Mittagsbetreuung. Wenn die           nichts vor“, sagt sie, „solch eine
die Kinder da sein, wenn die          Kinder es wollen und ihre Eltern         Einrichtung hat selten einen gu-
Schule und damit die Arbeitszeit      es erlauben, können sie auch da-         ten Ruf. Viele Eltern kommen nie
der Lehrer schon vorüber ist.         nach im Freizeittreff bleiben.           herein, um sich unser Haus an-
Stattdessen empfehlen Freistaat                                                zusehen, sie hören nur die Vorur-
und Stadt in solchen Fällen, El-      „Giesing ist ein schwieriges Stadt-      teile anderer Eltern, die ebenfalls
terninitiativen, Vereine, Pfarrge-    viertel“, sagt Christel Pfeiffer (47),   etwas gehört haben wollen.“ Erst
meinden oder den Kreisjugend-         die Leiterin des Kinder- und Ju-         seitdem Eltern ihre Kinder regel-
ring als Träger zu gewinnen. Die-     gendtreffs. „Es gibt hier viele Al-      mäßig hier abholen, gibt es viele
sen Weg beschritt auch die            leinerziehende und viele kinder-         persönliche Kontakte zwischen
Grundschule an der Fromund-           reiche Familien, die jedoch oft auf      ihnen und den Pädagogen, erst
straße, als sie 1998 für ihre Schü-   sehr wenig Raum leben müssen.            seither wissen viele, wie es hier
ler Mittagsbetreuung anbieten         Der Allgemeine Sozialdienst ist          aussieht und was hier geboten
wollte. Die Eltern gründeten den      hier permanent im Einsatz.“ Kurz         wird. Die Folge überrascht nicht:
„Mittagsbetreuungsverein e.V.“ und    gesagt: der Betreuungsbedarf ist         die Besucherzahlen sind in den
gewannen den Kinder- und Ju-          hoch. Das zeigt sich auch am Zu-         letzten Jahren gestiegen.


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                       11
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Schule aus! - Was dann?

      Einrichtung             Kinder- und Jugendtreff am Wettersteinplatz             Tel. 6 92 01 73, Fax 69 80 48 63
                              Fromundstr. 1, 81547 München                            fezi-wetterstein@kjr-m.de
                              Ansprechpartnerin: Christel Pfeiffer
      Kooperationspartner     Grundschule an der Fromundstraße
      Besteht seit            1998
      Projekt/Ziele           Kooperationsprojekt zwischen Kinder- und Jugend-
                              treff, Schule sowie Elterninitiative zur Mittags- und
                              Nachmittagsbetreuung für Grundschüler
      Zielgruppe               -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                                   Kinder                                       30
                               -   Alter                                      6-10
      Finanzierung            Finanzen regelt der Mittagsbetreuungsverein, Mietan-
                              teil des Vereins für den KJT, Spende fürs Haus




     Kindertreff Bogenhausen
     Salti, Burgen, Hausaufgaben

     Wer den Kindertreff Bogenhau-           gelbem Haarreif ihre Pausenbrot-         zirksausschuss zogen an einem
     sen sucht, muss genau hin-              box und beginnt zu essen, neben          Strang um das Angebot zu ret-
     schauen. Zwischen dem dreige-           ihr stellt gerade Ralph aus der          ten.
     schossigen Bau der Grund- und           zweiten Klasse seinen „Harry-Pot-
     Hauptschule an der Stuntzstraße         ter“-Schulranzen ab und schlägt          Ergebnis war das Modell, das
     und dem mächtigen Betonqua-             ein Buch über Säugetiere auf.            nun seit September 2003 in Koo-
     der daneben, der die Schulturn-         „Sehen, Staunen, Wissen“ steht           peration von Schule und Kreisju-
     halle beherbergt, duckt sich hin-       darauf, Ralph will jedoch nicht          gendring praktiziert wird. Der Kin-
     ter Büschen ein ebenerdiger Flach-      staunen, sondern malen, deshalb          dertreff stellt weiterhin Spielma-
     bau, der eben so gut lediglich ein      legt er ein weißes Blatt Papier dar-     terial und vor allem seine Räume
     überdachter Durchgang zwischen          auf und beginnt, einen Rotfuchs          zur Verfügung, für die Betreuung
     den beiden Gebäuden sein könn-          abzupausen.                              wurde jedoch eine externe Kraft
     te. Kurz nach der Eingangstüre                                                   eingestellt. Die Mehrkosten wer-
     steht man schon im kleinen Tobe-        Es ist halb eins, Steffi, Ralph und      den durch das Schulreferat und
     zimmer, in dem gerade zwei              die anderen Kinder sind soeben           durch Eigenbeteiligung der Eltern
     Mädchen Handstand üben. Vier            aus der Stuntzschule zur Mittags-        gedeckt. 40 Euro monatlich kos-
     Jungs haben daneben aus einem           betreuung in den Kindertreff ge-         tet sie nun die Betreuung ihrer
     Stapel Matratzen und Sportmat-          kommen, andere sind schon seit           Kinder, im Vergleich zum bisheri-
     ten einen Burgturm gebaut. Sie          einer Stunde hier. Insgesamt 15          gen Beitrag eine 300-prozentige
     erstürmen ihn mit Gebrüll, ein          Erst- und Zweitklässler der Grund-       Steigerung. „Der Unmut darüber
     paar Matten kippen dabei zur            schule können von Schulende bis          war groß“, berichtet Kindertreff-
     Seite und bilden eine wunderba-         13.30 Uhr betreut werden. Zwei           Leiterin Renate Seulen (59),
     re Rutschbahn.                          kurze und doch wichtige Stun-            „aber der Bedarf war größer“.
                                             den. Der Kindertreff Bogenhau-
     Fünf Schritte weiter betritt man        sen bietet schon seit den siebzi-        Und dies, obwohl das Angebot
     den Hauptraum mit Kochnische,           ger Jahren Betreuung für Kinder          heute nicht mehr mit dem zu ver-
     Spieleregal und Billardtisch. Der       im Grundschulalter an, doch als          gleichen ist, das es bis zum letz-
     ist mit einer hellen Holzplatte ab-     diese vergangenes Jahr wegen             ten Schuljahr gab. Früher wurden
     gedeckt und dient so gleichzeitig       Mittelkürzungen zur Disposition          die ABC-Schützen durch die Kin-
     als zusätzliche Bastelfläche, am        stand, erwachte ein regelrechter         dertreff-Pädagogen selbst be-
     Kicker nebenan spielen vier Erst-       Sturm aus Protest, aber auch En-         treut, somit stand mehr Personal
     klässler, es steht sechs zu vier. In    gagement. Grundschullehrer und           und damit mehr Vorbereitungs-
     der Sofaecke gegenüber öffnet           Rektorin, Elternbeirat und Schul-        zeit zur Verfügung, es konnte
     Steffi, ein blondes Mädchen mit         referat, Kreisjugendring und Be-         auch mehr Programm geboten


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                                                                                    KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

                                                                              gewaltige Anziehungskraft. Die
                                                                              Plätze fürs nächste Schuljahr wa-
                                                                              ren schon ein Jahr vorher ausge-
                                                                              bucht, genauer: vorgemerkt. Denn
                                                                              wer letztlich aufgenommen wird,
                                                                              entscheidet, mit Ausnahme zwei-
                                                                              er Plätze, die für Härtefälle frei-
                                                                              gehalten werden, das Los. Weil
                                                                              dieses Jahr jedoch neun Schul-
                                                                              anfänger, aber nur sechs Zweit-
                                                                              klässler in der Gruppe sind, wer-
                                                                              den im Herbst auch nur sechs
                                                                              Plätze für neue Kinder frei wer-
                                                                              den. Doppelt so viele werden das
                                                                              Nachsehen haben. Ohnehin ha-
                                                                              ben nur die Eltern die Chance auf
                                                                              einen Mittagsplatz für ihre





    ABC-Schützen im Kindertreff Bogenhausen
                                                                              Sprösslinge, wenn diese Schüler
                                                                              der ersten oder zweiten Klasse
werden, „das über die reine Be-        putzt, jetzt holt sie die Schulhefte   der Stuntzschule sind und sie
treuung weit hinausging“. Renate       raus und beginnt mit ihren Aufga-      selbst nachweislich vormittags
Seulen klagt nicht, wenn sie das       ben, Anna und Nina, beide aus          arbeiten.
sagt, und doch klingt es ein we-       der zweiten Klasse, sitzen eben-
nig danach. Sicher, sie hätte die      falls daran. Warum sie jetzt, wo       Auch wenn die Nachfrage das
bisherige Form gerne fortgeführt.      doch erst aus der Schule kom-          Angebot deutlich übersteigt, die
Aber auf die Frage, ob nicht am        men, schon wieder Hausaufga-           Räume des Kindertreffs erlauben
falschen Ende gespart werde,           ben machen? „Ist doch egal“,           keine Ausweitung. Die Schule
antwortet sie lakonisch: „Natür-       sagt Anna, „dann hab’ ich daheim       könnte freilich auch im Klassen-
lich. Doch welches ist das richtige    nichts mehr zu tun.“ Und Christi-      zimmer zusätzliche Angebote
Ende?“                                 ne fügt hinzu: „Weil’s mir Spaß        schaffen, „theoretisch“, sagt An-
                                       macht!“ Wohlgemerkt, es geht           ke Weyer. „Aber die Kinder brau-
Anke Weyer (31), die seit Herbst       um Rechnen.                            chen den Abstand zur Schule,
während der Schulzeit für die Mit-                                            auch räumlich. Wenn wir hier um
tagsgruppe zuständig ist, würde        Plötzlich ist alles auffällig ruhig    halb zwei schließen, müssen wir
den Kinder gerne mehr Bastelak-        und Christine ist verschwunden.        die Kinder geradezu ’raustragen.
tionen oder musische Anregung          Doch Steffi, Anna und Ralph wis-       Freiwillig geht keiner.“ Ein Um-
bieten. Sie muss sich in der Re-       sen, wohin. Sie springen auf und       stand, der von Schulen so nicht
gel jedoch darauf beschränken,         laufen in den Toberaum, wo Chris-      überliefert ist.
den Kinder Ansprechpartnerin zu        tine mit ihrer Freundin Maria eine
sein und sie im Auge zu behalten.      Handstand-Vorführung darbieten.        Wenn die Schüler um 13.30 Uhr
Was nicht heißt, dass ihnen et-        „Könnt ihr das den anderen Kin-        den Kindertreff verlassen, schließt
was fehlte. Im Kindertreff, einer      dern auch beibringen?“, fragt An-      dieser für eine halbe Stunde.
Einrichtung von der Größe einer        ke Weyer. „Nein!“, bescheidet Ma-      Dann öffnet er seine Türen, den
geräumigen Zweieinhalb-Zimmer-         ria knapp und schwingt sich wie-       Toberaum, Kicker, Billardbastel-
Wohnung mit Wintergarten und           der in den Handstand, in dem sie       tisch, Sofaecke und vor allem das
Abstellkammer, fühlen sich die         sekundenlang verharrt. Probieren       Spieleregal für den so genannten
Sechs- bis Achtjährigen „wie zu        dürfen es die anderen aber auch        offenen Treff, an dem alle Kinder
Hause“, sagt die Betreuerin. Viel-     und als Ralph einen Salto aus          ohne Anmeldung teilnehmen kön-
leicht mit dem Unterschied, dass       dem Stand vorführt, applaudieren       nen. Dieser wird von den Päda-
sie hier niemand zum Erledigen         alle Umstehenden.                      gogen des Kindertreffs bestritten,
ihrer Hausaufgaben anhält.                                                    und weil sie nun nicht mehr für
                                       „Der Toberaum ist ein Magnet“,         die Mittagsgruppe zuständig sind,
Vielleicht tun sie es gerade des-      sagt Renate Seulen, doch die           können sie abends sogar eine
halb. Steffi hat ihr Pausenbrot ver-   ganze Mittagsbetreuung hat eine        Stunde länger öffnen, bis 18.00


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                      13
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Schule aus! - Was dann?


     Uhr. Wenn Kinder der Mittags-            kommen, was auch geschieht.             Sohn erzählte: „Das schönste an
     gruppe es wollen, können sie             Schließlich gilt für viele, was eine    der Schule ist die Mittagsbetreu-
     natürlich nachmittags wieder-            Mutter am Elternabend von ihrem         ung!“



      Einrichtung:             Kindertreff Bogenhausen                                Tel. 91 40 27, Fax 91 20 04
                               Scherfweg 6, 81677 München                             kitbo@kjr-m.de
                               Ansprechpartner: Renate Seulen
      Kooperationspartner: Grundschule an der Stuntzstraße
      Besteht seit:            September 2003
      Projekt/Ziele:           Mitttagsbetreuung für 15 Grundschüler der Klassen
                               eins und zwei zwischen 11.00 und 13.30 Uhr.
      Zielgruppe:               -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                                    Kinder                                       15
                                -   Alter                                       6-8
      Finanzierung:             -   Zuschuss vom Schulreferat und
                                    Kultusministerium
                                -   40 Euro Teilnehmerbeitrag pro Monat




     Kinder- und Jugendtreff Milbertshofen
     Germknödel und Vogelhäuschen

     Die Aufgabe hat’s in sich. „In ei-       „Was heißt ‚als’ auf Englisch?“         der sechsten Klasse hat’s ge-
     nem Garten stehen sieben Bäu-            fragt da die zwölfjährige Juliana.      schmeckt.       „Aber  manchmal
     me. An a) zwei b) fünf dieser Bäu-       „If oder when, je nachdem in wel-       geht’s auch voll daneben!“, sagt
     me soll jeweils ein Vogelhäuschen        cher Bedeutung du es verwen-            sie. Özlem findet ohnehin, dass
     befestigt werden. Auf wie viele Ar-      dest“ antwortet der Mathelehrer,        das „Essen zu Hause besser
     ten kann man die Bäume dazu aus-         ohne sich darüber zu ärgern,            schmeckt“. Wäre auch schade,
     wählen?“ Die elfjährige Özlem sitzt      dass sie in seiner Stunde die           wenn das anders wäre. Aber der
     mit gerunzelter Stirn vor der Auf-       Englisch-Hausaufgaben erledigt.         Germknödel war auf jeden Fall
     gabe. Joachim Hocke (50), der Ma-        Das soll sie sogar, denn Juliana,       leichter bekömmlich als ihre
     thelehrer, gibt ihr einen Tipp: „Stell   Özlem und 50 weitere Kinder sit-        Hausaufgaben. „Also, wenn ich
     dir vor, du hängst zwei Häuschen         zen hier nicht im Unterricht, son-      die fünf Vogelhäuschen noch mal
     auf und machst ein Foto davon.           dern im Kinder- und Jugendtreff         fotografiere...“ murmelt sie vor
     Dann hängst du die Häuschen an           Milbertshofen bei der Hausaufga-        sich hin und legt erneut die Stirn
     andere Bäume und machst wie-             benbetreuung. Hier findet seit          in Falten.
     der ein Foto. Wie viele verschie-        September 2003 die Nachmit-
     dene Fotos kannst du schießen?“          tagsbetreuung des Lion-Feucht-          Dass das Gymnasium und der
     Seine Versuche, sie aus dem logi-        wanger-Gymnasiums statt.                Kinder- und Jugendtreff Milberts-
     schen Unterholz auf den richti-                                                  hofen zusammen arbeiten, ist
     gen Lösungsweg zu bringen, fruch-        Es ist Donnerstag, 14.00 Uhr. An        nichts Neues. „Auch früher schon
     ten nicht gleich. „Das ist doch          der Theke räumen Marova und             haben wir unsere Angebote auf
     Stoff für die Zwölfte!“, beschwert       Christina aus der zehnten Klasse        Elternabenden und in der Lehrer-
     sich die Fünftklässlerin. Worin sie      die Reste des Mittagessens bei-         konferenz vorgestellt“, erzählt die
     sogar Recht hat. „Im neuen Lehr-         seite, das sie zuvor an die Kinder      Leiterin Ulrike Zinsmeister (45).
     plan gibt es öfters solche Knobe-        verteilt haben. Sie sind zwei von       „Bands vom Gymnasium haben
     leien, die eigentlich erst in späte-     sechs Tutorinnen am „LFG“, die          unseren Probenraum genutzt
     ren Klassen auf dem Programm             sich abwechselnd um die Essen-          und der Verbindungslehrer, Herr
     stehen“, sagt der Pädagoge, als die      sausgabe kümmern. Heute gab             Menhart, ist in unserem Heimbei-
     Schülerin gerade nicht herhört.          es Germknödel, Juliana aus              rat vertreten.“


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                                                                                     KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

                                       nach können die Kinder alles nut-     Grundsatz keiner an dem Bedarf
Diese Kontakte waren die Vor-          zen, was der Freizeittreff zu bie-    gezweifelt hatte, wurden sowohl
aussetzung für die mit dem             ten hat.                              die Schule als auch der Kinder-
Schuljahr 2003/2004 angelaufe-                                               und Jugendtreff vom Erfolg über-
ne Nachmittagsbetreuung, die           Inzwischen ist die Lernzeit vor-      rollt. Beide bemühen sich derzeit
das Lion-Feuchtwanger-Gymna-           bei. Trotz Schneetreibens jagen       um zusätzliches Personal, um ei-
sium und der Kinder- und Ju-           im Hof fünf Jungs einem Basket-       ne angemessene Betreuung si-
gendtreff in der Torquato-Tasso-       ball hinterher, vier andere flitzen   cherzustellen.
Straße gemeinsam durchführen.          im Saal um die Tischtennisplatte
                                       herum. Die Mädchen, die sich in       Eltern können ihre Kinder jeweils
Kurz nach eins treffen die Kinder      der Ecke mit Schulblock und Stif-     für ein Halbjahr zum Nachmit-
im „Tasso“, wie sie es nennen,         ten in der Hand konzentriert über     tagsprogramm anmelden, wobei
ein. Zunächst gibt es Mittages-        den Tisch beugen, sind keine          auch die Kinder die Anmeldung
sen, das eine Catering-Firma lie-      Streberinnen: die Hausaufgaben        unterschreiben müssen. „Sie sol-
fert, danach ist bis 14.30 Uhr Haus-   haben sie längst eingepackt, jetzt    len merken, dass es etwas wich-
aufgabenzeit. Anschließend folgt       spielen sie Stadt-Land-Fluss. Im      tiges ist und dass es um sie sel-
der Teil, auf den sich viele Kinder    Mädchenzimmer mit den blau ge-        ber geht“, erklärt Mathematikleh-
am meisten freuen: Freizeit.           tupften, rosa Wänden sitzen zwei      rer Joachim Hocke das Vorge-
Die Betreuung während der              Sechstklässlerinnen auf dem Tep-      hen.
Hausaufgaben übernehmen Fach-          pich und spielen Trivial Pursuit.
lehrer der Schule, am Montag                                                 Auf die Notwendigkeiten der ein-
und Dienstag sind die Latein-, am      Bei besserem Wetter wartet im         zelnen Familie und der Schüler
Mittwoch die Französisch- und          Hof eine Inline-Area mit Halfpipe     kann dabei flexibel eingegangen
am Donnerstag die Mathelehrer          auf Skater, drinnen stehen Bil-       werden. Die drei Bestandteile der
an der Reihe. Weil ein Lehrer je-      lard, Kicker, Flipper und zahllose    Betreuung können auch selektiv
doch unmöglich 50 Kinder im Au-        Gesellschaftsspiele, von Mono-        belegt werden. So kann ein Schü-
ge haben kann, helfen auch Ulri-       poly bis Schach bereit. Nach-         ler zu Hause Mittag essen und
ke Zinsmeister und ein bis zwei        wuchsmusiker können den Band-         danach zur Hausaufgabenbe-
ihrer Kolleginnen mit. Nur selten      übungsraum nutzen, DJ’s die           treuung kommen oder an der Ge-
sind Wissenslücken das Pro-            Disco, Köche die Küche, Fotogra-      meinschaftsverpflegung teilneh-
blem, in der Regel brauchen die        fen das Foto- und Künstler das        men, anschließend den Nachmit-
Kinder nur jemanden, der ihnen         Kreativlabor, Handwerker den          tagsunterricht an der Schule be-
über Verständnisschwierigkeiten        Werkraum und Chatter das Inter-       suchen und darauf wieder zum
hinweghilft. Und manchmal ge-          net-Café. Wenn es der Personal-       Freizeitprogramm ins Tasso kom-
nügt es auch schon, überhaupt          stand erlaubt, dürfen die Kinder      men. Wenn das Essen gebucht
jemanden fragen zu können. Juli-       im Fitness-Raum an der Stirn-         wird, fallen dafür 3,15 Euro pro
ana bringt es auf den Punkt: „Ich      presse, der Hantelbank oder der       Mahlzeit und Tag an, im Monat al-
find’s scheiße, alleine zu Hause       Bankdrückmaschine ihre Mus-           so rund 50 Euro. Die übrigen An-
zu sitzen und keiner hilft einem!“     keln spielen lassen.                  gebote sind kostenfrei.
Zudem gibt’s hier nicht nur Hilfe
für Mathe oder Englisch, sondern       Die acht Geräte im Tasso-Fit-         Grundlage für die Kooperation ist
auch ein offenes Ohr. „Sie erzäh-      ness-Studio sind zwar eher für        eine vertragliche Vereinbarung,
len uns auch ihre kleinen Sorgen,      die älteren Besucher interessant,     in der die Raumnutzung, das
von schlechten Noten, Proble-          wie Ulrike Zinsmeister erzählt.       Programm, die Aufgaben der Be-
men mit Lehrern und der nächs-         „Aber prinzipiell steht die gesam-    teiligten und auch Versicherungs-
ten Lateinschulaufgabe“, sagt die      te Einrichtung den Schülern zur       fragen geklärt sind. Bis 15.30 Uhr
Leiterin der Freizeitstätte.           Verfügung.“                           ist das Programm demnach eine
                                                                             Schulveranstaltung, bleiben Kin-
Dabei macht es keinen Unter-           Essen, Lernen, Spielen - diese        der länger im Tasso, so gelten sie
schied, ob das offene Ohr nun ei-      Dreifaltigkeit scheint ein Erfolgs-   als Teilnehmer des offenen Treffs.
nem Lehrer oder Sozialpädago-          rezept zu sein. Für rund 15 Schü-
gen gehört. Außer, dass die Leh-       ler war das Angebot ursprünglich      Ein Unterschied für die Juristen,
rer nur bis zum Ende der Haus-         gedacht, mehr als dreimal so vie-     nicht jedoch für die Kinder. Wäh-
aufgabenzeit anwesend sind. Da-        le sind es geworden. Obwohl im        rend der gesamten Nachmittags-


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                    15
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Schule aus! - Was dann?


     betreuung ist das Haus wie frü-      ler nach Hause, auch Özlem ist        Angebot nur für die wirklich
     her für alle Besucher geöffnet, an   schon weg. Nach mehrmaligem           schlechten.
     der Tischtennisplatte und vor        Baumstammfotos zählen hatte           War diese Nachmittagsbetreuung
     dem Streetball-Korb interessiert     sie a) 21 und b) 36 in ihr Mathe-     im Lehrerzimmer umstritten?
     es die Kinder wenig, ob sie aus      heft geschrieben und es dann ei-
     der gleichen Schule kommen           lig zugeklappt. Die Lösung ist        Nein, die Idee ist ja aus dem Kol-
     oder nicht.                          nicht ganz richtig: In beiden Fäl-    legium gekommen! Wir beobach-
                                          len muss es 21 heißen. Ob man         ten schon länger, dass Kinder oft
     Dank dieser Kooperation ist die      an sieben Bäumen fünf Vogel-          allein zu Hause sind und stun-
     Besucherstruktur im Kinder- und      häuschen aufhängt und die Häus-       denlang vorm Fernseher oder
     Jugendtreff Milbertshofen hetero-    chen-Kombinationen selber zählt       Computer sitzen, pro Tag, wohl-
     gener und damit lebendiger ge-       oder nur die zwei Bäume, die je-      gemerkt. Das wirkt sich natürlich
     worden. Das Haus fand sehr po-       weils frei bleiben, macht keinen      im Unterricht und bei den Haus-
     sitiven Widerhall in der Presse      Unterschied. Aber es war ja auch      aufgaben aus.
     und die Zahl seiner Besucher ist     gemein. Zwölfte Klasse!
     auf bis zu 130 pro Tag gestiegen.                                          Aber mehr als 50 Kinder zu be-
     Das Lion-Feuchtwanger-Gymna-                                               treuen, heißt das nicht Mehrar-
     sium wiederum kann so die Nach-                                            beit für Sie und Ihre Kollegen?
     mittagsbetreuung anbieten, die       „Vom Erfolg überrollt“
     schon lange nachgefragt wurde,                                             Die Hausaufgabenbetreuung wird
     aber an den eigenen räumlichen       Joachim Hocke (50) ist seit 25        prinzipiell durch das Stunden-
     Möglichkeiten scheiterte.            Jahren Mathematik und Physik-         budget der Schule abgedeckt.
                                          Lehrer am Lion-Feuchtwanger-          Aber das gewaltige Echo auf un-
     Beide Seiten können zufrieden        Gymnasium. Er bildet mit sieben       ser Nachmittagsangebot hat uns
     sein. Joachim Hocke zweifelt         weiteren Kollegen den Lehrer-         völlig überrollt, daher sind zu-
     nicht daran, dass ein paar Kinder    pool, der für die Hausaufgaben-       sätzlich drei Kollegen einge-
     so von der schiefen Bahn abge-       betreuung zuständig ist.              sprungen, die das freiwillig und
     halten werden können, zumin-                                               ohne Stundenanrechnung über-
     dest schulisch. Ulrike Zinsmeister   Das Lion-Feuchtwanger-Gymna-          nehmen. Auf Dauer ist das natür-
     betont das „sehr gute Miteinan-      sium bietet seit September 2003       lich keine Lösung.
     der“ und spricht von einer „tollen   Mittags- und Hausaufgabenbe-
     Kooperation. Keiner nimmt dem        treuung an. Warum?                    Wie kam es zur Kooperation mit
     andern etwas, wir ergänzen uns                                             dem Kinder- und Jugendtreff Mil-
     hervorragend“. Die einzige wirkli-   Bei Einführungsabenden für die        bertshofen?
     che Sorge ist ein noch stärkerer     5. Klassen kam immer wieder die
     Andrang, der mit den jetzigen        Frage, ob wir ein solches Betreu-     Die Unterstufenbetreuerin, Frau
     Ressourcen nicht mehr bewältigt      ungsangebot haben. Wir muss-          Splittgerber, und Herr Menath, der
     werden könnte. Dass dieses           ten regelmäßig verneinen, weil        Mittelstufenbetreuer, hatten gute
     neue Angebot bei der nächsten        uns die passenden Räumlichkei-        Kontakte zum Tasso. Daher wuss-
     Einschreiberunde einen Run auf       ten fehlen. Zudem bieten unsere       ten sie, dass es dort nachmittags
     das LFG auslöst ist zwar nicht si-   Nachbarschulen, das Willi-Graf-       freie Kapazitäten gibt. Als wir bei
     cher, aber wahrscheinlich.           und das Sophie-Scholl-Gymnasi-        einer Lehrerkonferenz wieder auf
                                          um, ein Tagesheim an.                 das Thema Mittagsbetreuung zu
     Christina und Marova, die Tuto-                                            sprechen kamen, schlugen sie
     rinnen aus der zehnten Klasse,       Hat nicht jede Schule zumindest       vor, drüben mal nachzufragen.
     sind sich einig: „Es wär’ cool ge-   für eine Hausaufgabenbetreuung
     wesen, wenn’s so was für uns         ausreichend Platz?                    Sind Sie nun Lehrer oder Nach-
     auch gegeben hätte.“ Sie erleben                                           hilfelehrer?
     es jetzt täglich bei ihren Schütz-   Die Hausaufgabenbetreuung war
     lingen: Auch Hausaufgaben, de-       nicht das Problem, wir bieten sie     Lehrer. Auch wenn es sich viele
     nen man eigentlich (noch) nicht      schon lange an. Daran haben re-       Eltern wünschen, können wir kei-
     gewachsen ist, sind mit etwas        gelmäßig 15 bis 20 Schüler teil-      ne Nachhilfe anbieten, dazu sind
     Beistand nur halb so schlimm.        genommen, aber die Veranstal-         es zu viele Schüler. Es ist auch
     Nach und nach gehen die Schü-        tung galt bei vielen Schülern als     gar nicht das primäre Ziel, die


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                                                                               KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

Noten in einem bestimmten Fach        brauchen. Die ziehen sich nach             gebote vom Gymnasium. Kann
zu verbessern.                        dem Essen mit ihren Schulsa-               die Schule das leisten?
Welchen Anspruch haben Sie dann       chen in ein stilles Eck zurück und         Das G8 wird uns vor schwierige
an das Nachmittagsangebot?            sind eine Stunde später fertig.            Aufgaben stellen, da wird Nach-
                                      Für manche ist es zudem eine               mittagsunterricht auch in der fünf-
Wir bieten den Kindern neben ei-      neue Erfahrung, am Nachmittag              ten Klasse dazugehören. Schon
ner warmen Mahlzeit eine Struk-       mit anderen Kindern zusammen               unsere jetziges Nachmittagsan-
tur und Ansprechpartner, sie sind     zu sein. Auf die Frage, was sie            gebot entpuppt sich als aufwän-
einfach aufgehoben. Besonders         denn sonst am Nachmittag tun,              diger als gedacht. Und eine Ganz-
Schüler, die zu Hause Schwierig-      erzählen nicht wenige: Wir sitzen          tagsbetreuung ist eine gewaltige
keiten haben, sich eine Stunde        daheim und langweilen uns.                 Kraftanstrengung, alleine ist das
lang auf ihre Hausaufgaben zu                                                    für die Schule kaum zu schaffen.
konzentrieren, kommen mit die-        Die Einführung des achtjährigen
sem festen Rahmen besser zu-          Gymnasiums und die Forderung
recht. Es gibt aber auch welche,      nach Ganztagsschulen verlan-
die dazu gar keine Hilfestellung      gen noch mehr Nachmittagsan-


 Einrichtung:           Kinder- und Jugendtreff Milbertshofen „Tasso“            Tel. 35 66 31 92, Fax 35 65 45 70
                        Torquato-Tasso-Str. 33, 80807 München                    tasso@kjr-m.de
                        Ansprechpartnerin: Ulrike Zinsmeister
 Kooperationspartner: Lion-Feuchtwanger-Gymnasium
 Besteht seit:          September 2003
 Projekt/Ziele:         Mittagsverpflegung für Schüler der Unterstufe mit Hil-
                        fe der Schultutoren, Hausaufgabenbetreuung durch
                        Lehrer des Gymnasiums sowie Freizeitangebote
                        durch Pädagogen des Kinder- und Jugendtreffs.
 Zielgruppe:            Schulklassen 5. bis 8. Klasse vom Gymnasium
                        - durchschnittliche Zahl der erreichten
                           Kinder/Jugendlichen (jeden Nachmittag)      55
                        - Alter                                     10-14
                        - Anteil Migrantenjugendliche             30-40%
 Finanzierung:          -   Schule und Eltern
                        -   Budget des KJR




Soundcafé
Verjüngungskur im Taubenschlag

„Entschuldigung“, sagt Nathalie       für den Reporter heraussucht, al-          geht es hier zu wie im Tauben-
Dorenberg, als sie sich wieder        le paar Minuten Getränke und               schlag“, sagt die Einrichtungslei-
hinsetzt. Eben hatte sie begon-       Süßigkeiten an die Hausbesu-               terin und steht schon wieder an
nen, von „CoolKids“ zu erzählen,      cher verkaufen.                            der Theke, um eine Flasche Spe-
da muss sie schon wieder für die-     Genauer: an die „Hortlinge“, wie           zi ’rauszugeben.
se Kids da sein. Ein Junge möch-      sie die Schüler von „CoolKids“             Das Hortprojekt besteht aus drei
te einen Schokoriegel, sein Freund    nennt. So heißt das Hortprojekt            Teilen. Wenn das Soundcafé zum
eine Apfelschorle, und weil Na-       der Schwabinger Jugendkultur-              Schulschluss um 13.00 Uhr seine
thalie Dorenberg gerade Theken-       werkstatt Soundcafé, das diese             Pforten für die Schüler öffnet,
dienst schiebt, muss sie, wäh-        seit Herbst 2003 in Kooperation            gibt’s zunächst ein warmes Mit-
rend sie Besucherstatistiken, An-     mit der Hauptschule an der Sim-            tagessen. Um 14.00 Uhr beginnt
tragsformulare und Essenspläne        mernstraße durchführt. „Seither            die eineinhalbstündige Lernzeit,


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                         17
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Schule aus! - Was dann?


                                                                                     fragt Nathalie Dorenberg. „Sechs-
                                                                                     te, warum?“ „Da darf man doch
                                                                                     noch gar keinen Taschenrechner
                                                                                     verwenden!“ „Natürlich!“, ruft der
                                                                                     Junge entrüstet. „Von wegen, das
                                                                                     ist erst ab der Siebten erlaubt“,
                                                                                     erwidert die Sozialpädagogin.
                                                                                     „Ich kann’s ja“, windet sich der
                                                                                     Schüler, „aber das dauert so lan-
                                                                                     ge und ich will schnell fertig wer-
                                                                                     den“. Sagt’s und flitzt davon.

                                                                                     Fertig werden mit den Hausauf-
                                                                                     gaben, das ist hier wirklich eine
                                                                                     Motivation. Denn wenn der Haupt-
                                                                                     zweck der Mittagsbetreuung vor-
                                                                                     über ist, dann beginnt für die
     




         CoolKids im Soundcafé
                                                                                     Fünft- und Sechstklässler die
                                                                                     Hauptattraktion: Ein täglich wech-
                                                                                     selndes Freizeitprogramm, vom
     danach folgt der dritte und letzte       der. „Fast jeder Zweite hat ein At-    Soundcafé-Team extra für ihre
     Teil, die Freizeit. Jedenfalls für die   test über Legasthenie. Es scheint,     Hortlinge organisiert. Montag ist
     Kids, nicht für Nathalie Doren-          als bekäme man das als Haupt-          Tanztag, Breakdance und Hip-
     berg. Eigentlich hat die Lernzeit        schüler inzwischen schon pro-          Hop stehen zur Wahl. Dienstag
     eben erst begonnen, eigentlich           phylaktisch ausgestellt.“              gibt’s für die Drummer von mor-
     sollte jetzt etwas Ruhe einkeh-                                                 gen Schlagzeug-Unterricht, Be-
     ren, doch die Wirkung des Mit-           Doch nicht nur die Hausaufga-          wegungshungrige können sich
     tagessens bei den Schülern lässt         benbetreuung wird dringend ge-         bei „Sport und Spaß“ austoben.
     offenbar nach. „Ich will was kau-        braucht, überhaupt mangelt es          Am Mittwoch wird’s kreativ, der-
     fen!“ kräht ein Fünftklässler hinter     im Stadtteil an Betreuungsplät-        zeit gestalten die Kids den Bil-
     der Theke, „ein Spezi und ein            zen für ältere Kinder und Jugend-      lard-Bereich neu und verwandeln
     Kaugummi. Und zwei Apfelrin-             liche. „Grundschüler sind hier bes-    ihn in eine Aquariums-Landschaft.
     ge!“. Die Sozialpädagogin ent-           tens versorgt, aber ab der fünften     Am Donnerstag, dem eigentlich
     schuldigt sich erneut, reicht ihm        Klasse an sieht’s sehr schlecht        letzten Tag der Woche im Hort-
     das Gewünschte, der Junge gibt           aus“. Nathalie Dorenberg und ih-       projekt, steht Graffiti auf dem
     ihr einen Fünf-Euro-Schein. „Das         re Kollegin Kerstin Hof wissen         Programm. Donnerstag ist nur ei-
     kostet 1,70“, sagt sie, „wie viel        das aus eigener Erfahrung, beide       gentlich der letzte Tag, weil frei-
     bekommst du dann zurück?“                sind alleinerziehende Mütter mit       tags keine Nachmittagbetreuung,
     Selbst wenn sie naschen wollen,          Kindern zwischen vier und 16           aber alle vier Wochen eine Tee-
     entkommen die Schüler hier dem           Jahren. CoolKids ist der Versuch,      nie-Party stattfindet, die sich an
     Lernen nicht.                            diese Situation zumindest für 20       die jüngeren Besucher und damit
                                              Schüler zu entschärfen, so viele       hauptsächlich an die Kids des
     Das ist auch dringend nötig. Ob-         Plätze sind vorhanden. 50 Euro         Hortprojekts wendet.
     wohl sie nicht Bildungsforscherin        Eigenbeitrag fallen im Monat an,
     ist, kann Nathalie Dorenberg die         Geschwister zahlen die Hälfte.         Die Teilnahme an all diesen An-
     Ergebnisse der Pisa-Studie voll          Doch selbst der volle Betrag           geboten ist prinzipiell freiwillig.
     bestätigen. „Das Hausaufgaben-           deckt nur ein Fünftel der Kosten       Wer Nachmittags lieber rumhän-
     niveau ist eine Katastrophe, das         in Höhe von 60.000 Euro, den           gen, chatten oder Streetball spie-
     hätte ich nie gedacht!“ Sie berich-      Rest tragen Land, Stadt und            len will, kann dies natürlich auch
     tet von Schülern, die in der             Kreisjugendring.                       tun, eben so wie alle anderen
     sechsten Klasse noch nicht rich-                                                Hausbesucher. Dass den jungen
     tig lesen können und von massi-          „Ich brauch’ einen Taschenrech-        Schülern so viel Programm gebo-
     ven Rechtschreibschwächen bei            ner!“, ruft ein Junge vor der The-     ten wird liegt nicht zuletzt an der
     einem erheblichen Teil der Kin-          ke. „In welcher Klasse bist du?“,      Hoffnung, eine neue Generation


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                                                                                    KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

fürs Soundcafé zu gewinnen. Die        nicht studiert, nur um Billard-         aufgaben hinaus“, sagt sie.
derzeitigen Stammbesucher sind         Queues auszugeben!“                     „Wenn ich mit den Kindern auch
in der Mehrzahl bereits volljährig,                                            beim Kickern oder beim Basteln
was Nathalie Dorenberg mit der         Zum Aktivieren gehört auch,             zusammen bin, dann nehmen sie
langen Tradition der Live-Konzer-      schon die jüngsten Besucher ein-        zum Beispiel Kritik bei den Haus-
te erklärt und mit der dazugehöri-     zubinden. Deshalb tagt jeden            aufgaben viel eher an.“ Honorar-
gen Band-Szene, die der Einrich-       Dienstag das CoolKids-Parla-            kräfte, die nur während der Lern-
tung sehr verbunden ist.               ment. Hier werden die Haus-             zeit anwesend wären, hätten ein
                                       Spielregeln diskutiert, der Es-         viel schwierigeres Standing.
Seit mit den CoolKids auch viele       sensplan mitgestaltet und Vor-
jüngere Besucher das Haus be-          schläge fürs Freizeitprogramm           Beziehung, Ansprache für die
völkern, bleiben die älteren je-       gemacht. So kam beispielsweise          Kinder, das ist bei aller Verpfle-
doch nicht weg, im Gegenteil.          das Breakdance-Angebot am               gung, Betreuung und Freizeit
„Wenn das Haus voll ist, dann          Montagnachmittag zustande.              letztlich der Kern der CoolKids-
kommen auch andere gerne“,             Nathalie Dorenberg ist zwar Lei-        Arbeit. „Die gehen andernfalls al-
sagt die Sozialpädagogin. „Einige      terin des Soundcafé, teilt sich je-     lein nach Hause und sind sich
der Älteren sind sogar eifersüch-      doch mit ihren drei Kollegen die        selbst überlassen“, sagt Nathalie
tig, weil den Jüngeren so viel ge-     insgesamt 2,5 Stellen. Montags          Dorenberg. „Die tun zwar alle
boten wird.“ Sie ziehen sich da-       bis donnerstags sind zwei Mitar-        sehr erwachsen und wild, aber
mit aber nicht in die Schmollecke      beiter allein für das Hortprojekt       letztendlich freuen sie sich wahn-
zurück, sondern kommen jetzt           gebunden, ohne Praktikantin und         sinnig über die Angebote hier. Sie
häufiger mit Ideen für eigene Ak-      FSJ-ler wäre die Arbeit gar nicht       brauchen Zuwendung und An-
tionen an. Etwas Besseres kann         zu stemmen. Dennoch ist es ihrer        sprache und Orientierung in ei-
sich das Team gar nicht wün-           Meinung nach problematisch, für         nem festen Rahmen. Sie sind ja
schen. „Unser Ziel ist es schließ-     die Hausaufgabenbetreuung Ho-           begeistert bei all den Aktionen
lich, Jugendliche zu aktivieren,       norarkräfte anzustellen. „Das ge-       dabei.“
sie zu ermuntern, ihren Hintern        meinsame Lernen ist Beziehungs-
hoch zu kriegen. Wir haben doch        arbeit, das geht über die Haus-


 Einrichtung            Soundcafé                                              Tel. 3 61 84 07, Fax 36 67 45
                        Traubestr. 5, 80805 München                            jkwsoundcafe@t-online.de
                        Ansprechpartnerin: Nathalie Dorenberg
 Kooperationspartner    Hauptschule an der Simmernstraße
 Besteht seit           2003
 Projekt/Ziele          Schülerprojekt jeweils montags bis donnerstags mit
                        Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und vielfälti-
                        gem, täglich wechselndem Freizeitangebot sowie
                        Schülerparlament.
 Zielgruppe              -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                             Kinder/Jugendlichen                          12
                         -   Alter                                     10-15
                         -   Anteil Migrantenjugendliche              100 %
 Finanzierung            -   Zuschuss des Schulreferats und
                             Kultusminsteriums
                         -   Teilnehmerbeitrag 50 Euro pro Monat
                         -   Budget des KJR




OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                      19
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Schule aus! - Was dann?


                                                                                       des Englischen Gartens gelegen
                                                                                       ist das ganze Haus samt Garten
                                                                                       und kleinem Teich ein einziger
                                                                                       Spielplatz. Ob keschern im Teich
                                                                                       oder töpfern im Atelier, ob drau-
                                                                                       ßen toben oder drinnen lesen,
                                                                                       Musik hören oder machen, ob
                                                                                       Ball spielen, Seil springen oder
                                                                                       basteln, ob Hickhack in Gackel-
                                                                                       wack oder Mensch ärgere dich
                                                                                       nicht: Hier hat kein Kind das Pro-
                                                                                       blem, nicht zu wissen, was es tun
                                                                                       könnte. Eher schon die Qual der
                                                                                       Wahl. Aber das gehört zum Kon-
                                                                                       zept, das Sabine Laske mit „nach-
                                                                                       haltigem Lernen“ beschreibt. Aus
                                                                                       den vielen Möglichkeiten sollen
     




         „Mittagsimbiss“ und dann Hausaufgaben
                                                                                       die Kinder selbständig auswäh-
                                                                                       len und ihre Freizeit nach eige-
                                                                                       nen Vorstellungen gestalten.
     Natur- und Kulturtreff Rumfordschlössl                                            Denn hier haben sie meist zum
     Fördern statt verbieten                                                           ersten Mal „ein Stück selbststän-
                                                                                       diges Leben“, wie es die Pädago-
     Manche Erstklässler mögen sich              men heute hauptsächlich Kinder        gin erklärt. Dazu gehört auch,
     ein wenig an Hänsel und Gretel              berufstätiger Alleinerziehender       den großen Schritt vom Kinder-
     erinnert fühlen, wenn sie erst-             die Angebote der „Schultüten-         garten in die Schule zu bewälti-
     mals den geteerten Weg durch                gruppe“ wahr. So ist das auch ge-     gen.
     den Englischen Garten auf Höhe              dacht.
     der Bushaltestelle „Chinesischer                                                  Hier können die jungen Schüler
     Turm“ verlassen, um sich durchs             30 Plätze hat diese Gruppe, von       ihren Schulalltag verarbeiten, sie
     Unterholz zu schlagen. Aber nur             Montag bis Donnerstag können          erzählen sich gegenseitig und
     ein wenig. Denn erstens ist der             Schüler der ersten bis vierten        den Pädagoginnen, wie der Un-
     Weg nicht weit, zweitens erwartet           Klasse gleich nach Schulschluss       terricht war, was mit welcher Leh-
     sie keine Hexenhütte, sondern               ins Rumfordschlössl kommen.           rerin vorgefallen ist, wen in der
     ein richtiges Schlösschen und               Um kurz nach eins gibt’s einen        Schule sie mögen und wer doof
     drittens haben sie jetzt, zur Mit-          Mittagsimbiss, der nicht mehr ist,    ist. Zur Kommunikation braucht’s
     tagszeit, kein Pausenbrot mehr              als sein Name verspricht. Das         mindestens zwei, hier im Rum-
     übrig, mit dessen Krümeln sie               können Spaghetti, Pommes,             fordschlössl gibt’s aber 30 Ge-
     den Weg markieren könnten. Sie              Hühnersuppe oder auch nur             sprächspartner. Zu ihnen Bezie-
     haben Hunger und deswegen                   Schokopudding sein, Hauptsa-          hungen knüpfen, sich mit Jünge-
     sind sie unterwegs zum Natur-               che, es ist „was Warmes zu es-        ren und Älteren zurechtfinden,
     und Kulturtreff Rumfordschlössl.            sen, geht schnell und ist nicht       unvermeidliche Konflikte austra-
     Dieser bietet seit fünf Jahren eine         aufwändig“, wie Sabine Laske er-      gen und lösen - auch das gehört
     Mittagsbetreuung für Grundschü-             klärt. Denn für die Verpflegung       zum ganzheitlichen Lernen. Eine
     ler an - „das Beste, was uns ein-           steht kein zusätzliches Personal      Elternbefragung im letzten Jahr
     fallen konnte“, wie die Leiterin            zur Verfügung. Ein bis zwei Päda-     hat ergeben, dass der Kontakt zu
     Sabine Laske (47) heute sagt.               goginnen sind für die Hausaufga-      Gleichaltrigen für die meisten der
     Denn das Angebot stößt auf gro-             benbetreuung da, eine weitere         Hauptgrund ist, ihre Kinder hier
     ße Nachfrage. Waren die Besu-               Kollegin kümmert sich um alles        anzumelden - neben der schö-
     cher des Rumfordschlössl früher             andere, also vor allem ums Frei-      nen Lage mitten im Grünen.
     meist Töchter und Söhne gut situ-           zeitangebot.
     ierter Doppelverdiener aus den                                                    Die Lage bedingt, dass keine der
     benachbarten Stadteilen Schwa-              Für die Freizeit ist das Rumford-     Grundschulen, von denen die
     bing und Bogenhausen, so neh-               schlössl wie geschaffen. Inmitten     Kinder kommen, gleich nebenan


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                                                                                      KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

liegt. Zum „Stück selbstständigen     fordschlössl-Team wiederum ist         „wie alles im Kreisjugendring“, so
Leben“ gehört also schon der          bei Schulfesten mit von der Par-       Sabine Laske. Inzwischen wer-
Weg hierher. Manche kommen            tie. „Diese Zusammenarbeit hilft       den pro Jahr 50 Euro Gebühr und
mit dem Taxi, andere nehmen           unter anderem, die Autoritäten         für jeden angemeldeten Tag drei
den Bus. Für Sechs- und Sieben-       für Kinder wieder dahin zu rü-         Euro Unkostenbeitrag fällig - wei-
jährige eine Herausforderung.         cken, wo sie hingehören“, sagt         tere Steigerung nicht ausge-
Deshalb begleiten die Pädago-         Sabine Laske. Wenn also Kinder         schlossen. Irgendwo wirken sich
ginnen im Rumfordschlössl die         unterwegs bummeln oder gar             Mittelkürzungen immer aus.
Schüler anfangs bis zur Bushal-       nicht bei der Schultütengruppe
testelle oder sogar bis zur nächs-    auftauchen, dann fragen nicht          Prinzipiell hat die Einrichtungslei-
ten U-Bahn-Station. Sobald diese      nur die Pädagogen hier, sondern        terin kein Problem damit, für eine
erste Großstadtetappe bewältigt       auch die Lehrer in der Schule          solche Dienstleistung wie die
ist, haben die Kinder wieder et-      nach, was los sei. Und das macht       „Schultüten“ Geld zu verlangen.
was gelernt. Und erneut an            Eindruck. Als Kinder, die nach         Dennoch kann sie sich nicht vor-
Selbstständigkeit gewonnen.           der Schule eigentlich mit dem Ta-      stellen, in Zukunft „kostende-
All das bedeutet nicht, dass schu-    xi hierher gefahren werden, ein-       ckend“ im Sinne völliger Eigenfi-
lisches Lernen selbst zu kurz kä-     fach abhauten und die Lehrerin         nanzierung zu arbeiten. Sponso-
me. Doch auch hier ist das Ziel       nicht wusste, wo sie sind, da ging     ring? Daran denkt sie ungern. Zu
Selbstständigkeit. Das beginnt        sie selber den ganzen Weg ab,          eindrucksvoll waren ihre Erleb-
bei der Lernzeit. Während Erst-       um sie zu suchen. Als sie ganz         nisse bei einem Fachaustausch
und Zweitklässler gleich die          betroffen im Rumfordschlössl           in den USA. Bei privaten Angebo-
Schulhefte aufschlagen müssen,        auftauchte, wussten die Schüler,       ten der Nachschulbetreuung in
sobald sie im Rumfordschlössl         wie ernst es ihr mit den aufge-        Ballungszentren waren nur noch
eintreffen, können die älteren        stellten Regeln ist. „Die haben        freiwillige Helfer im Einsatz, wo
Schüler selbst entscheiden, wann      ganz genau gespürt, dass da            es hauptamtliche Mitarbeiter gab,
sie den Füller oder die Buntstifte    was nicht in Ordnung war!“ Auf         waren diese den ganzen Tag mit
zur Hand nehmen. Für Fragen           Erwachsene zu hören - auch das         Sponsorenakquise beschäftigt.
stehen die Pädagoginnen zur           zu lernen, ist wichtig. Nicht nur      Mit den Kindern jedoch wurde
Verfügung, natürlich achten sie       bei den Kindern, von denen die         kaum noch pädagogisch gearbei-
auch darauf, dass die Hausauf-        Pädagogin erzählt, sie würden ih-      tet, sie hatten keine Beziehung
gaben ordentlich und richtig erle-    re Eltern prinzipiell nur anschrei-    zu den Erwachsenen. Kein Wun-
digt werden. „Viel wichtiger ist es   en.                                    der, wenn 100 Kinder mit ihren
jedoch,“, so Sabine Laske, „dass                                             Hausaufgaben an Biertischen
Kinder überhaupt lernen, regel-       Trotzdem kommt das Schultüten-         aufgereiht sitzen und weniger be-
mäßig zu lernen, sich zu konzen-      Team mit weniger Regeln aus,           treut denn abgefertigt werden.
trieren, sich gegenseitig zu hel-     als eine Hand Finger hat. Sie lau-     „Das war entsetzlich.“ So etwas,
fen und zu erfahren, wo sie sich      ten: Kein Toben vor den Hausauf-       da ist sich die Sozialpädagogin
bei Problemen Hilfe holen kön-        gaben. Keine Musik während der         sicher, nein, das darf es hier nicht
nen.“                                 Hausaufgaben. Und: Spielstopp          geben. „Aber wer weiß schon,
                                      bei Streit. Alles andere ist Verein-   was kommt?“ Vielleicht irren Hän-
Prinzipiell stehen die Schultüten     barungssache. Schließlich wollen       sel und Gretel ja noch irgendwo
allen Grundschülern offen, die        die Pädagoginnen hier vor allem        da draußen umher, die Taschen
meisten kommen jedoch aus der         fördern und nicht verbieten. „Un-      voller Edelsteine aus dem Hexen-
Schwabinger Grundschule an            sere Aufgabe ist es, die Kinder zu     haus und haben den Weg zum
der Wilhelmstraße, mit der das        begleiten“, sagt Sabine Laske.         Stadtkämmerer nur noch nicht
Rumfordschlössl eng zusammen-         Dies haben sie inzwischen mit ei-      gefunden.
arbeitet. Der Kontakt sowohl zur      ner ganzen Generation Grund-
Rektorin als auch zu einzelnen        schulkinder getan.
Lehrern ist sehr gut, bei Proble-
men mit einzelnen Kindern schlie-     Über die Nachfrage nach den
ßen sich beide Seiten kurz, Leh-      Schultüten muss sich niemand
rer kommunizieren auch über die       Sorgen machen. Über die Finan-
Hausaufgabenhefte der Schüler         zierung schon eher. Anfangs war
mit den Pädagoginnen, das Rum-        das Angebot völlig kostenlos,


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                      21
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Schule aus! - Was dann?


     Einrichtung           Natur- und Kulturtreff Rumfordschlössl                 Tel. 34 11 97, Fax 39 71 03
                           Englischer Garten 5, 80538 München                     rumfordschloessl@kjr-m.de
                           Ansprechpartnerin: Sabine Laske                        www.kjr-m.de/rumfordschloessl
     Kooperationspartner   Grundschule Wilhelmstraße
     Besteht seit          1999
     Projekt/Ziele         Hausaufgabenbetreuung mit Mittagsimbiss und Frei-
                           zeitprogramm für Grundschüler.
     Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen                          30
                           -   Alter                                      6-10
                           -   Anteil Mädchen                            50 %
                           -   Anteil Migrantenjugendliche               50 %
     Finanzierung          -   Teilnehmerbeitrag 60 Euro pro Monat
                           -   Budget des KJR




     Einrichtung           aqu@rium                                               Tel. 88 94 94-0, Fax 88 94 94 20
                           Alois-Wunder-Str. 1, 81241 München                     aquarium@kjr-m.de
                           Ansprechpartner: Tim Faber                             www.aquarium-pasing.de
     Kooperationspartner   -   Hauptschule Peslmüllerstraße
                           -   Schule zur individuellen Lernförderung am Sche-
                               rerplatz
     Besteht seit          2002
     Projekt               Mittagsverpflegung und Hausaufgabenbetreuung im
                           Schülerprojekt im Anschluss an den Unterricht. Hoher
                           Anteil von Förderschülern.
     Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen                          15
                           -   Alter                                     10-13
                           -   Anteil Mädchen                             50 %
                           -   Anteil Migrantenjugendliche                75 %
     Finanzierung          -   Zuschuss durch Schulreferat und
                               Kultusministerium
                           -   Teilnehmergebühr 20 Euro pro Monat
                           -   Budget des KJR




     Einrichtung           Intermezzo                                             Tel. 74 57 65-81, Fax 74 57 65-83
                           Graubündener Str. 100, 81475 München                   jugendcafe.intermezzo@kjr-m.de
                           Ansprechpartner: Heiko Neumann                         www.jugendcafe-intermezzo.de
     Kooperationspartner   Hauptschule an der Walliser Straße
     Besteht seit          1.11.2003
     Projekt               Von Montag bis Donnerstag Mittagstisch mit Hausauf-
                           gabenbetreuung sowie betreutes Freizeitangebot
                           über insgesamt dreieinhalb Stunden.
     Zielgruppe            SchülerInnen ab der 5. Jahrgangsstufe
                           - durchschnittliche Zahl der erreichten
                              Kinder/Jugendlichen                           14
                           - Alter                                       11-16
                           - Anteil Mädchen                               10 %
                           - Anteil Migrantenjugendliche                  70 %
     Finanzierung          -   Zuschuss durch Schulreferat und
                               Kultusministerium
                           -   Teilnehmerbeitrag 45 Euro pro Monat
                           -   Budget des KJR



22                                                                            OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE
                                                                              KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Schule aus! - Was dann?

Einrichtung           Das LAIMER Jugendzentrum                               Tel. 56 95 31, Fax 5 46 08 47
                      Von-der-Pfordten-Str. 59, 80686 München                das.laimer@kjr-m.de
                      Ansprechpartnerin: Alexandra Krohn                     www.das-laimer.de
Kooperationspartner   Hauptschule an der Fürstenrieder Straße
Besteht seit          April 1996
Projekt               Mittagsverpflegung und nach Schulfächern getrennte
                      Hausaufgabenbetreuung, danach Freizeitangebote
                      im Haus sowie Ausflüge.
Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                          Kinder/Jugendlichen                           20
                      -   Alter                                    10 - 16
                      -   Anteil Mädchen                            60 %
                      -   Anteil Migrantenjugendliche               70 %
Finanzierung          -   Zuschuss durch Schulreferat und Kultusministeri-
                          um, 15.000 Euro pro Schuljahr
                      -   Teilnehmerbeitrag 45 Euro pro Monat
                      -   Budget des KJR




Einrichtung           Jugendtreffpunkt Maßmannbergl                          Tel. 52 91 36, Fax 54 21 24 25
                      Maßmannstr. 10, 80333 München                          massmannstrasse@kjr-m.de
                      Ansprechpartner: Carsten Schultheiss                   www.jtpmassmannbergl.de
Kooperationspartner   Hauptschule Zentnerstraße/Schwindstraße
Besteht seit          Oktober 1998
Projekt/Ziele         Mittagstischangebot „Teenagercafé“ von Dienstag-
                      bis Freitagnachmittag sowie Hausaufgabenbetreuung
                      und Vorbereitung von Schularbeiten.
Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                          Kinder/Jugendlichen                          14
                      -   Alter                                     12-16
                      -   Anteil Mädchen                             45 %
                      -   Anteil Migrantenjugendliche                95 %
Finanzierung          -   Zuschuss durch Schulreferat
                      -   Budget des KJR
                      -   Unkostenbeitrag fürs Essen




Einrichtung           Kinder- und Jugendtreff Hasenbergl ´s Dülfer -         Tel. 313 24 79, Fax 314 15 83
                      Katharina-Adam-Haus                                    jt.hasenbergl@kjr-m.de
                      Dülferstr. 34, 80933 München
                      Ansprechpartnerin: Ulrike Hämmerle
Kooperationspartner   Grundschule an der Ittlingerstraße
                      Grundschule an der Paulckestraße
Besteht seit          Januar 2001
Projekt/Ziele         Hausaufgabenbetreuung für Schüler der Klassen eins
                      bis vier sowie punktuelle Zusammenarbeit bei Festen
                      in der Einrichtung.
Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                          Kinder/Jugendlichen                           25
                      -   Alter                                       6-10
                      -   Anteil Mädchen                             75 %
                      -   Anteil Migrantenjugendliche                90 %
Finanzierung          Budget des KJR


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                23
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Schule aus! - Was dann?

     Einrichtung:          Kindertreff AKKU                                        Tel. 65 90 34, Fax 65 90 34
                           Agilolfingerplatz 1, 81543 München                      kt.akku@kjr-m.de
                           Ansprechpartner: Hermann Suchocki
     Kooperationspartner   Grundschule am Agilolfingerplatz
                           Hauptschule Ichostraße
     Besteht seit          1996
     Projekt               Brotzeit und Hausaufgabenbetreuung für Schüler der
                           Klasse 1 bis 7, Intensivkurse in den Ferien
     Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen                           17
                           -   Alter                                       6-14
                           -   Anteil Mädchen                              50%
                           -   Anteil Migrantenjugendliche                 40%
     Finanzierung          Budget des KJR




     Einrichtung:          103er - Freizeittreff Obergiesing                       Tel. 6 91 58 92, Fax 69 70 84 28
                           Perlacher Str. 103, 81539 München                       103er@kjr-m.de
                           Ansprechpartner: Siegfried Bauer                        www.103er-muenchen.de
     Kooperationspartner   Hauptschule an der Perlacher Straße
     Besteht seit          Herbst 1994
     Projekt/Ziele         Schülercafé - Betreuter Mittagstisch für SchülerInnen
                           Das Schülercafé ist während der Schulzeit Di-Fr von
                           11.30-15.00 Uhr geöffnet. Das Angebot wird von den
                           Schülern in Anspruch genommen, die nach der Schu-
                           le bzw. zwischen Vormittags- und Nachmittagsunter-
                           richt oder Hausaufgabenbetreuung nicht versorgt
                           sind.
     Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen                           12
                           -   Alter                                      10-16
                           -   Anteil Mädchen                              30%
                           -   Anteil Migrantenjugendliche                 70%
     Finanzierung          -   Schulreferat
                           -   Eigenbeteiligung der SchülerInnen
                           -   Budget des KJR




24                                                                             OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE
                                                                               KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

                                                                                 kinder- und jugendkulturellen so-
                                                                                 wie sport- und spielpädagogi-
                                                                                 schen Bereich. Dabei haben die
                                                                                 Kooperationen überwiegend ei-
                                                                                 nen regionalen Bezug, werden in
                                                                                 Einzelfällen jedoch auch überre-
                                                                                 gional genutzt.

                                                                                 Die Schulen werden durch diese
                                                                                 Projekte in der Entwicklung neu-
                                                                                 er Unterrichtsformen unterstützt,
                                                                                 die Freizeitstätten erweitern ei-
                                                                                 nerseits ihre Zielgruppe, anderer-
                                                                                 seits erreichen sie ihre Zielgrup-
                                                                                 pe in einer anderen Gruppenkon-
                                                                                 stellation und können so die Wir-
                                                                                 kung ihrer Bildungsangebote er-





    Natur- und Kulturtreff Rumfordschlössl: Natur und Kunst erleben
                                                                                 weitern.

Einführung                                                                       Voraussetzung für das Gelingen
                                                                                 dieser Zusammenarbeit ist, dass
Im Kinder- und Jugendhilfege-               Die Pädagogen stellten fest, dass    Lehrer und Pädagogen die Rolle
setz §11/3./1. wird die „außer-             der Wille zur Kooperation in kon-    und Kompetenz der anderen Pro-
schulische Jugendbildung mit all-           krete Programmangebote für die       fession achten und berücksichti-
gemeiner, politischer, sozialer,            Schulen „übersetzt“ werden muss-     gen.
gesundheitlicher, kultureller, na-          te, damit mehr als die Nutzung
turkundlicher und technischer Bil-          gegenseitiger Ressourcen her-        Auf den folgenden Seiten werden
dung“ als Schwerpunkt der offe-             aus kommt. Als „Schnupperange-       unter dem Motto „Schule und Ju-
nen Kinder- und Jugendarbeit                bote“ für Schule und Freizeitstät-   gendarbeit - Wie geht´s zusam-
definiert. In der Umsetzung die-            te sind beispielsweise die Nut-      men?“ vielfältige Aktions- und
ses außerschulischen Bildungs-              zung der Schulturnhalle für offe-    Projektformen zwischen Freizeit-
auftrages haben die Pädagogen               ne Sport- und Spielangebote für      stätten und Schulen beschrie-
und Pädagoginnen in den Frei-               die Freizeitstätte oder die Nut-     ben.
zeitstätten vielfältige Angebots-           zung der Partyräume für eine
formen und Projekte entwickelt,             Schulparty hervorragend geeig-
die auch für die Schule interes-            net. Wenn sich die gegenseitige
sant sind.                                  Kooperation auf diesen Bereich
                                            beschränkt, werden die Koopera-
Durch das sozialräumliche Arbei-            tionsmöglichkeiten jedoch bei Wei-
ten haben sich die Pädagogen                tem nicht ausgeschöpft.
auf den Weg gemacht, den Stadt-
teil erkundet und sich verstärkt            Freizeitstätten haben im Bereich
mit den Schulen im Einzugsge-               der Vermittlung von Schlüssel-
biet beschäftigt. Andererseits hat          qualifikationen wie z.B. sozialer
die Diskussion um Lehrinhalte,              und interkultureller Kompetenz
Lehrformen und Aufgabenstel-                vielfältige Erfahrungen und kön-
lung der Schule zu ersten Schrit-           nen bzw. haben dazu konkrete
ten in Richtung Öffnung geführt.            Projekte entwickelt. Die Kompe-
Die Zusammenarbeit in regiona-              tenz der Pädagogen in geschlechts-
len Vernetzungsstrukturen hat das           spezifischen oder gewalt-präventi-
Aufeinanderzugehen beider Sei-              ven Fragen kann ebenso Grund-
ten erleichtert. Im Dialog mitein-          lage für Kooperationsprojekte
ander haben sie erkannt, dass               sein, wie die Kompetenz im medi-
sie voneinander profitieren können.         enpädagogischen, ökologischen,


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                        25
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


                                                                                        Während diese Frage schnell be-
                                                                                        antwortet war, gestalteten sich
                                                                                        andere schon kniffliger: Wer ist
                                                                                        der dritte Bürgermeister der
                                                                                        Stadt? Wo ist das Modegeschäft
                                                                                        von Rudolph Moshammer? Wer
                                                                                        liegt in der Frauenkirche begra-
                                                                                        ben? Da half alles raten nichts,
                                                                                        die Schüler mussten Passanten
                                                                                        befragen. Auch kein ganz einfa-
                                                                                        ches Unterfangen, denn wann
                                                                                        spricht man schon als Neunjähri-
                                                                                        ger fremde Erwachsene an? Zu
                                                                                        Beginn knobelten die Kinder
                                                                                        noch aus, wer fragen muss. Doch
                                                                                        als sie bemerkten, dass das gar
                                                                                        nicht schlimm ist und dass die
     




         Straßenbahnfahren - ein Kinderspiel?
                                                                                        Leute ihnen sogar gerne weiter-
                                                                                        helfen, da wollten plötzlich alle.

     Freizeittreff Lerchenauer                                                          Es machte ihnen so viel Spaß,
     „Gehört der Marienplatz noch zu München?“                                          dass sie auf der Suche nach dem
                                                                                        Erbauer des Nationaltheaters die
     Mit der S-Bahn zum Marienplatz,            Entdeckungstour durch die Stadt.        Informationstafel draußen über-
     von dort aus kurz die Frauenkir-           Natürlich nicht alleine, die in vier    sahen und auf die Angestellten
     che besuchen und zuvor im Rat-             Kleingruppen geteilte Klasse wird       des Theaters losstürmten. Von
     haus einen Brief für den dritten           von vier Pädagogen begleitet.           denen konnte aber keiner Aus-
     Bürgermeister abgeben - ein Kin-           Die dürfen jedoch nicht miträt-         kunft geben. Peinlich berührt te-
     derspiel. Zumindest für Erwach-            seln, sondern nur Aufsicht führen       lefonierten diese mehrmals her-
     sene. Für Viertklässler aus der            und, bepackt mit warmem Tee             um, bis sie den jungen Fragestel-
     Lerchenau im Münchner Norden               und Butterbrezen, dafür sorgen,         lern eine Antwort geben konnten,
     stecken darin fünf Hürden. Wo ist          dass die Gruppe zur vereinbar-          wenn auch leider die falsche. Von
     der Marienplatz und wie genau              ten Zeit wohlbehalten am Treff-         diesem Lapsus abgesehen, ist
     komme ich dahin? Wo finde ich              punkt eintrifft.                        diese Art der Wissensvermittlung
     Frauenkirche und Rathaus und                                                       - besser gesagt: des Wissenser-
     wer ist überhaupt der dritte Bür-          Schon in der S-Bahn Richtung In-        werbs - sehr effektiv, zurück in
     germeister?                                nenstadt bekommen die Grup-             der Schule konnten sich die
                                                pen den Rallye-Fragebogen und           Schüler an fast alle Fragen und
     Diese Hürden sollten Schüler je-           dürfen gleich loslegen. Wie viele       auch alle Ergebnisse erinnern.
     doch irgendwann überwinden                 Plätze für Behinderte gibt es in        Für Silvia Ober nicht erstaunlich:
     können, schließlich steht Orien-           der Bahn? Wenn man bis zum              „Wenn sie zehn Leute fragen
     tierung in Zeit und Raum eben so           Hauptbahnhof und dann wieder            mussten, ehe sie die Antwort hat-
     auf dem Lehrplan der Grund-                zwei Stationen zurückfährt - wie        ten, dann merken sie sich die
     schule wie Stadtgeschichte. Um             viele Haltestellen hat man dann         auch.“
     den Hürdenlauf spannend und                zurückgelegt? Und mit welcher
     zugleich lehrreich zu gestalten            U-Bahn kommt man zum Olympia-           Einen Vormittag lang dauert das
     entwickelten Silvia Ober (34) und          zentrum? „Der MVV-Plan ist den          ganze Programm, bei dem die
     das Team vom Freizeittreff Ler-            meisten Kindern völlig unbe-            Schüler aber mehr lernen und er-
     chenauer die Rallye „München               kannt“, hat Silvia Ober dabei fest-     leben können als in einer ganzen
     entdecken“. Letztes Jahr schick-           gestellt. Neuland betreten viele        Woche. Weil das Quiz sich am
     ten der Freizeittreff und die be-          Kinder auch am Ziel der Fahrt,          Lehrplan orientiert, können Leh-
     nachbarte Grundschule an der               dem Marienplatz, manche frag-           rer die München-Rallye auch schon
     Toni-Pfülf-Straße erstmals ge-             ten dort: „Gehört das hier noch         davor und danach in den Unter-
     meinsam eine vierte Klasse auf             zu München?“                            richt einbauen, zudem werden


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                                                                                       KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

die Quizfragen vorher mit ihnen        nen Lehrer ihren Schülern guten           bei dieser Entwicklung dabei
abgestimmt, um den jeweiligen          Gewissens empfehlen, mal hier-            sind“, sagt Silvia Ober.
Wissensstand der Klasse zu be-         her zu kommen - davor wussten
rücksichtigen. Obwohl recht auf-       sie ja nicht, was die Kinder erwar-       So lange ihre Bemühungen auf
wändig und personalintensiv, fal-      tet. Und tatsächlich ist die Zahl         solch positive Resonanz stoßen,
len für die Schule noch nicht ein-     der Kinder zwischen sechs und             ist sie wohl auf dem richtigen
mal Kosten an. Diese und beson-        zehn Jahren im Lerchenauer ge-            Weg. Die Lehrer waren zufrieden,
ders den Personalbedarf deckt,         stiegen, bislang war diese Alters-        die Schüler begeistert. Bei der
von einer Lehrkraft abgesehen,         gruppe hier kaum vertreten.               Auswertung hinterher gab es ei-
der Freizeittreff.                                                               ne klare Antwort auf die Frage,
                                       Angesichts der Diskussion um              was am meisten Spaß gemacht
Dennoch hat Silvia Ober nicht          die Ganztagsschule sind die               habe. „Dass wir die anderen Leu-
das Gefühl, eine einseitige Servi-     Klassenangebote für den Frei-             te fragen durften!“, schallte es
celeistung ausschließlich zum          zeittreff auch ein Versuch, mit je-       der Theaterpädagogin entgegen.
Nutzen der Schule anzubieten.          ner Institution zusammenzuar-             So einfach kann es sein, ver-
Der größte Gewinn für das „Ler-        beiten, die eines nachmittags da-         meintlich reizüberflutete Kinder
chenauer“, wie es meist genannt        für sorgen könnte, dass einer             für Unterrichtsstoff zu begeistern.
wird, ist allein schon der Kontakt     Freizeitstätte die Besucher weg-          Manche waren offenbar so ange-
und die Zusammenarbeit mit der         bleiben. Zwar ist bislang alles an-       tan, dass sie zu Hause gleich al-
Schule und damit das Vertrauen         dere als klar, wie Ganztagesan-           les haarklein erzählen mussten.
der Lehrkräfte. Weil die Rallye im     gebote der Schule aussehen wer-           Daraufhin kamen sogar einige El-
Freizeittreff startet, sehen die al-   den, die Toni-Pfülf-Hauptschule           tern ins Lerchenauer, um sich bei
lermeisten Kinder und Lehrer           nebenan führt jedoch bereits              den Pädagogen zu bedanken.
zum ersten Mal, wie es hier von        ganztägige Modellklassen ein.             Das kommt sonst eher selten
innen aussieht. Erst seither kön-      „Wir müssen zusehen, dass wir             vor.


 Einrichtung:            Freizeittreff Lerchenauer                               Tel. 1 50 11 19, Fax 1 50 58 07
                         Lasallestr. 111, 80995 München                          lerchenauer@kjr-m.de
                         Ansprechpartner: Klaus Ludwig                           www.lerchenauer.de
 Kooperationspartner     Grundschule an der Toni-Pfülf-Straße
 Besteht seit            Juli 2003
 Projekt/Ziele           Vormittagsprogramme zu lehrplanrelevanten Themen
                         im Rahmen des Heimat und Sachkundeunterrrichts,
                         zum Beispiel mit dem integrativen Spielmobil oder der
                         erlebnisorientierten Stadtrallye „München entde-
                         cken“.
 Zielgruppe              -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                             Kinder (pro Angebot)                       ca. 25
                         -   Alter                                        6-11
                         -   Anteil Mädchen                              60 %
                         -   Anteil Migrantenjugendliche                 30 %
 Finanzierung            -   Etat der Einrichtung
                         -   Budget des KJR




OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                         27
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


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                                                                                   asten und Hauptschüler gemein-
                                                                                   sam den Lotsentower am Münch-
                                                                                   ner Flughafen, wagten sich im
                                                                                   Rollstuhl und damit aus völlig un-
                                                                                   bekannter Perspektive durch die
                                                                                   Münchner Innenstadt, fuhren mit
                                                                                   den Pannenhelfern des ADAC
                                                                                   auf Einsatz und tauchten durch
                                                                                   einen Gullydeckel in der Ungerer-
                                                                                   straße in das mysteriöse Netz
                                                                                   der Münchner Kanalisation ein.
                                                                                   Faszinierende Erfahrungen, zwei-
                                                                                   fellos. Doch was tragen die zu
                                                                                   den „soft skills“ wie Sozialkompe-
                                                                                   tenz und Teamfähigkeit bei, die
                                                                                   Karin Feige damit schulen will?
     




         CityBound beim Oberbürgermeister
                                                                                   „Sehr viel“, sagt sie bestimmt.

                                                                                   „Wenn Siebtklässler eineinhalb
     Mooskito                                                                      Stunden mit einem ihnen frem-
     Nicht stechen, sondern aufstacheln                                            den ADAC-Techniker im Auto un-
                                                                                   terwegs sind und ihn zu seiner
     Früher war die Welt noch in Ord-       denen dachten ebenso. Bis heute        Arbeit befragen, dann ist ganz
     nung und Schulen hatten mit Frei-      trifft sich der Arbeitskreis alle      schön viel Kommunikationsfähig-
     zeiteinrichtungen nichts zu tun.       acht Wochen. Aus ihm sind so           keit gefordert. Und wenn Jugend-
     Auf der einen Seite die Lehrer,        viele Kontakte und Kooperations-       liche im Rollstuhl Erwachsene
     die von Pädagogik keine Ahnung         projekte entstanden, dass man          um Hilfe bitten müssen und dabei
     hatten und Kindern die Freude          kaum folgen kann, wenn Sozial-         erleben, wie sie auf diese wirken,
     am Lernen verdarben, auf der           pädagogin Karin Feige zur Auflis-      dass sie meistens auch Hilfe er-
     anderen Sozialpädagogen, die           tung ansetzt.„Streitschlichterschu-    halten und dass sie ernst genom-
     die Schüler verzogen und in de-        lung, Suchtprävention, Berufsori-      men werden, dann ist das eine
     ren Freizeitstätten ohnehin nur        entierung, Quali-Vorbereitung, Ak-     wichtige, weil meist neue Erfah-
     komische Gestalten herumhin-           tionen gegen rechte Gewalt, Se-        rung.“
     gen. Eine, die den Wall von Vor-       xualaufklärung, Mittags- und Haus-
     urteilen zu durchbrechen suchte,       aufgabenbetreuung, Erlebnispä-         Das Projekt CityBound ist keine
     war Karin Feige (42). Die Leiterin     dagogik in der Stadt...“ - noch        Tagesaktion, sondern eine Ver-
     des Kinder- und Jugendtreffs           Beispiele gefällig?                    anstaltungsreihe, die sich über
     „Mooskito“ in München-Moosach                                                 ein halbes Jahr erstreckt. Welche
     gründete vor 12 Jahren den Ar-         Eines der ersten Projekte, die         Programmpunkte aufgenommen
     beitskreis Jugend und lud dazu         Mooskito gemeinsam mit Schu-           werden, entscheiden die Klassen
     alle ein, die mit Jugendarbeit zu      len organisierte, war „CityBound“.     selbst, denn die Vorschläge stam-
     tun haben: Streetworker und Ju-        Pate stand „OutwardBound“, eine        men von ihnen. So auch der Be-
     gendbeamte der Polizei, Bezirks-       weltweit vertretene Organisation,      such in der psychiatrischen Klinik
     sozialarbeiter und Vertreter des       die Schülern ebenso wie Mana-          in Haar bei München. Dort konn-
     Bezirksausschusses und natür-          gern mit erlebnispädagogischen         ten die Jugendlichen wegen Dro-
     lich auch Lehrer und Elternbeirä-      Erfahrungen in der Steilwand, im       gensucht eingewiesene Patien-
     te der Schulen im Stadtteil.           Wildbach oder im Hochseilgarten        ten besuchen oder in der geron-
                                            soziale Kompetenzen und Grup-          topsychiatrischen Abteilung alten
     Ihre Überlegung war eben so            penerlebnisse vermitteln will. Ka-     Menschen das Mittagessen aus-
     schlicht wie überzeugend: „Wir         rin Feige entwickelte daraus ein       geben. Diese Begegnung forder-
     alle haben mit den gleichen Kin-       Konzept für „Abenteuer im Groß-        te Opfer - unter den Vorurteilen.
     dern zu tun - warum also nicht         stadtdschungel“ und bot es den         „Wo sind denn jetzt eigentlich die
     gemeinsam handeln?“ Die Gela-          Nachbarschulen an.                     ganzen Irren?“, wollte gegen En-


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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

de des Besuchs ein Junge von         des Mädchens zur Frau verwan-         lerinnen hier Qualität geboten be-
den Ärzten wissen, der hier nur      deln, jeden Monat den „Zauber-        kommen“. Eine Lehrerin formu-
„ganz normale Menschen“ gese-        trank“ zubereiten und die „Luxus-     lierte ihr Lob prägnant: „Hätt’ ich
hen hatte. „Du bist ihnen schon      suiten“ im „Hotel Gebärmutter“        das früher bloß auch gehabt!“
die ganze Zeit begegnet“, ant-       herrichten. Anschaulich, spiele-
wortete der. Dass es keine Zom-      risch und zugleich fundiert lernen    Was wäre wohl, hätte die Koope-
bies zu sehen gab, war für man-      die Schülerinnen, die Vorgänge        ration von Kinder- und Jugend-
che fast eine Enttäuschung. Und      in ihrem Körper und seine „Ge-        treff mit den Nachbarschulen
gleichzeitig die wichtigste Erfah-   heimcodes“ richtig zu deuten.         schon früher begonnen und nicht
rung.                                Der weibliche Zyklus wird positiv     „erst“ vor gut zehn Jahren? Dann
                                     vermittelt, die Regelblutung ist      wären Feige und ihr Team noch
Auch wenn Unterricht diese Er-       hier nicht lästiges Handicap, son-    früher vor der wichtigen Frage
fahrungen nicht vermitteln kann,     dern das Finale einer spannen-        gestanden: Was wollen wir ei-
geht es Karin Feige dabei gar        den Show, die alle vier Wochen        gentlich? Denn neben CityBound
nicht um ein Alternativprogramm      auf dem Spielplan steht.              und Zyklusshow gibt es inzwi-
zur Schule, sie spricht lieber von                                         schen zahllose weitere Koopera-
einer „praktischen Erweiterung       Das von der Ärztin Elisabeth          tionen. Im Sinnesparcours des
des Unterrichts“. Themen wie Re-     Raith-Paula entwickelte Konzept       Suchthilfevereins Condrobs ler-
cycling, Ökologie und das Ab-        nimmt kein Blatt vor den Mund         nen Schüler, sich mit verbunde-
wassersystem stehen schließlich      und lässt keine Frage unbeant-        nen Augen auf ihre vernachläs-
auf dem Lehrplan, nur so an-         wortet. Wie viel Blut Frauen wäh-     sigten vier Sinne Schmecken,
schaulich wie vor Ort im Münch-      rend ihrer Tage verlieren wird        Riechen, Fühlen und Hören zu
ner Untergrund werden diese          ganz praktisch durch Flüssigkeit      konzentrieren und entdecken
Themen selten vermittelt. Und        in einem Messbecher demonst-          neu, welche angenehmen Ein-
wenn sich Schüler mit Ärzten,        riert, wie sich Binden oder Tam-      drücke eine einfache Wippe er-
Pannenhelfern, Fluglotsen oder       pons anfühlen, können die Mäd-        zeugen kann - ein erster Schritt
Kanalarbeitern über deren Arbeit     chen hier ausprobieren und was        weg von den üblichen Stimulanzi-
unterhalten, dann ist das auch       alles während der Menstruation        en wie Alkohol oder noch härte-
ganz konkrete Berufsorientie-        entgegen den Erzählungen von          ren Rauschmitteln. Im Streit-
rung.                                Freundinnen und Schwestern            schlichterprojekt lernen nicht nur
                                     doch erlaubt ist, auch das erfah-     Schüler neue Möglichkeiten der
Ebenfalls Orientierung und unge-     ren die Teilnehmerinnen hier.         Konfliktlösung kennen - ein erster
wohnte Einblicke, diesmal in den                                           Schritt hin zu einem besseren
eigenen Körper, bietet ein weite-    Das ist auch dringend nötig.          Schulklima. Und beim Ferien-In-
res Kooperationsprojekt, die „Zy-    Denn, so weiß Karin Feige zu be-      tensivkurs für die Quali-Prüfung
klusshow“. Die Mädchen einer         richten, trotz aller Teenie-Postil-   haben die Teilnehmer mit der An-
fünften oder sechsten Klasse ler-    len à la „Bravo“ und „Mädchen“        meldung zu diesem Kurs schon
nen bei diesem Mitmachtheater        und trotz sexualisierter Öffent-      den ersten Schritt getan - hin zu
ihren Körper einen Vormittag lang    lichkeit „ist es eine Ausnahme,       mehr Verantwortung für die eige-
auf neue Weise kennen. Aus bun-      wenn Mädchen schon gut Be-            ne Zukunft.
ten Tüchern und Kissen werden        scheid wissen.“ Keine Ausnahme
die weiblichen Geschlechtsorga-      mehr ist es bei den Schülerinnen      Dies alles sind Angebote der au-
ne auf dem Boden der „Theater-       der knapp ein Dutzend Klassen         ßerschulischen Jugendbildung
bühne“ plastisch dargestellt, die    verschiedener Schulen, die die        und die ist, daran lässt Karin Fei-
Mädchen selbst spielen zum Bei-      Zyklusshow im Mooskito bislang        ge keinen Zweifel aufkommen,
spiel die „Frühlingsboten“, also     mitmachen konnten. Viele Eltern       „ganz klar unser Auftrag!“. Auch
Hormone, die von der Chefinnen-      und auch manche Lehrer sind           eine Freizeitstätte dürfe sich nicht
Etage im Gehirn ausgesandt           „ganz froh, dass sie dieses heikle    nur um Freizeitgestaltung küm-
werden, um in der „Geschenkbox       Thema an uns delegieren dür-          mern, sagt sie. Weil die grundle-
Eierstock“ Eizellen aus ihrem        fen“, berichtet Karin Feige. Das      gende Aufgabe einer Freizeitein-
Winterschlaf zu wecken.              habe jedoch nichts mit abge-          richtung jedoch in einem gewis-
                                     schobener Verantwortung zu tun.       sen Pensum an offenen Angebo-
Im Theater treten „Östrogen-         „Sie wissen einfach, dass ihre        ten besteht, standen die Pädago-
freundinnen“ auf, die den Körper     Töchter beziehungsweise Schü-         ginnen und Pädagogen schon


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                    29
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     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     vor Jahren vor der erwähnten           war es eher unser Ziel, mehr Pu-          lage für gemeinsame Arbeit sind
     Frage: Was wollen wir? Weiterma-       blikum ins Haus zu holen. Heute           aber persönliche Kontakte, be-
     chen wie bisher oder neue Wege         geht es in erster Linie darum,            sonders zu den Rektoren. „Das
     gehen? Die Antwort war ein ent-        mehr Kinder und Jugendliche mit           ist das A und O“, so Karin Feige.
     schiedenes „sowohl als auch“.          unseren Angeboten zu erreichen,
                                            gleich ob hier im Mooskito, in den        Dafür hat sie offenbar ein glückli-
     Den reinen offenen Treff fuhren        benachbarten Schulen oder an-             ches Händchen, in der Nachbar-
     sie um etwa ein Viertel zurück,        derswo.“ Das zugrundeliegende             schaft gibt es keine Schule, mit
     dafür gibt es jetzt wöchentlich        Konzept heißt „sozialräumlicher           der ihr Haus noch nicht zusam-
     Nachmittage, die jeweils den           Ansatz“. Dass erfolgreiche Koo-           men gearbeitet hätte. Selbstre-
     Jungs, den Mädels oder den un-         perationsprojekte natürlich im-           dend, dass dies nicht nur die Ar-
     ter 14-Jährigen vorbehalten sind.      mer auch Werbung für die betei-           beit im Mooskito, sondern auch in
     In dieser Zeit können die Besu-        ligten Partner sind, gesteht sie          den Schulen verändert hat. Der ge-
     cher an Ausflügen, Bastelaktio-        gerne ein, dagegen sei ja nichts          genseitige Respekt ist sehr hoch,
     nen oder Workshops teilnehmen.         einzuwenden.                              Lehrer schlagen inzwischen von
     Erstaunlicherweise hat der Kin-                                                  sich aus weitere Projekte vor, drei
     der- und Jugendtreff dadurch           Schließlich erarbeitet sich eine          der fünf Schulen haben mit Hilfe
     nichts an Attraktivität eingebüßt,     Einrichtung und ihr Team da-              von Karin Feige und Kollegen
     im Gegenteil. Weil der offene Treff    durch erst das Vertrauen der              Streitschlichter eingeführt.
     in alter Form nur noch an drei         Schule. „Das erfolgreiche City-
     Abenden zur Verfügung steht,           Bound-Projekt war die Basis für           Anders als die namensgebenden
     schätzen ihn die Besucher jetzt        alle Folgeangebote.“ Wenn der             Blutsauger und Krankheitsüber-
     erst recht. „Das haben mir die Ju-     Kontakt zwischen Sozialpädago-            träger hat das Mooskito bisher
     gendlichen selbst gesagt“, be-         gen und Schule nicht klappen              seine Partner nie gestochen, höch-
     richtet Karin Feige. Dadurch und       will, dann liegt das nach ihrer Be-       stens angestachelt, sie berei-
     durch die Schulkooperationen ist       obachtung oft am eigenen Auftre-          chert und viel Kreativität übertra-
     das Spektrum der Angebote im           ten, das die eigene Kompetenz             gen. In Wahrheit war die Welt ja
     Mooskito, aber auch das seiner         nicht genügend verkörpert. Wenn           früher nicht in Ordnung, jeden-
     Besucher sehr viel breiter gewor-      Lehrer jedoch merken, dass die            falls zwischen Schule und offener
     den. Dennoch versteht Karin Fei-       potentiellen Partner ihre Arbeit          Jugendarbeit. Heute ist sie in die-
     ge die vielfältigen Kooperationen      zwar bereichern, ihnen dabei je-          sem Punkte viel stimmiger ge-
     nicht als Werbeveranstaltung für       doch nicht dreinreden wollen,             worden. Das Wort ist groß, passt
     ihre Einrichtung, jedenfalls nicht     dann ist eine große Hürde ge-             aber: hier wächst zusammen,
     als Buhlen um Besucher. „Früher        nommen. Die allerwichtigste Grund-        was zusammen gehört.


      Einrichtung            Kinder- und Jugendtreff Mooskito                         Tel. 1 40 38 50, Fax 14 33 58 28
                             Leipziger Str. 2, 80992 München                          mooskito@kjr-m.de
                             Ansprechpartnerin: Karin Feige
      Kooperationspartner     -   Hauptschule Leipziger Straße
                              -   Gymnasium München-Moosach
                              -   Teilhauptschule Amphion-Park
      Besteht seit           1998
      Projekt/Ziele          Vielfältige Kooperationsprojekte im Bereich der Erleb-
                             nispädagogik (City-bound), Gewaltprävention (Streit-
                             schlichter), Sexualaufklärung („Zyklusshow“), Quali-
                             Vorbereitung, Suchtprävention (Sinnesparcours), Schul-
                             feste in der Einrichtung, etc.
      Zielgruppe              -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                                  Kinder/Jugendlichen (je nach Angebot)    10-200
                              -   Alter                                     10-16
                              -   Anteil Mädchen                             50 %
      Finanzierung            -   Budget des KJR
                              -   Teilnehmerbeiträge
                              -   Zuschüsse



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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

                                                                           ner echten Schlägerei häufig ge-
                                                                           nau das Gleiche“, erklärt Eric
                                                                           Schwencke (45) den Schülern.
                                                                           Auch die abwechselnden Anfeu-
                                                                           erungsrufe waren ausgemacht,
                                                                           um den Schülern deren Wirkung
                                                                           zu demonstrieren. „Ich hab da
                                                                           gleich viel fester draufgehau’n“
                                                                           antwortet Sascha auf Schwen-
                                                                           ckes Frage, wie er die Anfeue-
                                                                           rung verstanden habe.

                                                                           Erst recht überrascht sind die
                                                                           Schüler aus dem Publikum, als
                                                                           ihnen Simone Bertl (32) klar
                                                                           macht, dass auch sie sich straf-
                                                                           bar machen. „Wenn die Polizei





    Zammraufen auf einer Brücke über den Grand Canyon.
                                                                           dazukommt nimmt die euch auch
                                                                           mit!“ Sie muss es wissen, sie ist
                                                                           Jugendbeamtin der Polizeiin-
Jugendtreff Neuhausen                                                      spektion 42.
„Voll beschissen gefühlt“
                                                                           Gemeinsam führen Simone Bertl
Die beiden halbwüchsigen Jungs         noch johlenden Zuschauern hat       und Eric Schwencke den zweitä-
in der schummrigen Ecke des            es die Sprache verschlagen, kein    gigen Kurs zur Gewaltprävention
Stachus-Untergeschosses haben          Mucks ist von ihnen zu hören.       an Schulen in Neuhausen durch,
sich ineinander verkeilt. Sie äch-     Alex und Sascha, bis vor einem      gemeinsam wurde das Konzept
zen, treten einander, versuchen        Augenblick noch im Kampf ver-       vor vier Jahren von Polizei und
den jeweils anderen zu Boden zu        bissenen, schauen verdutzt in die   Kreisjugendring München-Stadt
ringen, schwitzen dabei. Plötzlich     schweigende Runde - und lassen      entwickelt und „Zammgrauft“ ge-
löst sich der eine, dunkelhaarige      voneinander ab.                     nannt. Eric Schwencke, Erzieher
kurz von seinem rothaarigen                                                im Jugendtreff Neuhausen, war
Gegner, jedoch nur, um einen           Zwar ist der Kampf nur gestellt,    schon in der Entstehungsphase
Holzprügel vom Boden zu schnap-        zwar handelt es sich bei dem        dabei.
pen und noch unbarmherziger auf        Prügel nur um ein Stück Schaum-
den anderen einzuschlagen. Der         stoff und beim Schauplatz nicht     Das Ziel von „Zammgrauft“ ist es,
wird von der umstehenden Men-          um den Stachus, sondern um          die Zivilcourage der Schüler zu
ge angefeuert, „Sascha, Sa-            das Klassenzimmer der 6b der        stärken, ihre Möglichkeiten zum
scha!“ rufen sie im Chor. Plötzlich    Hauptschule an der Alfonsstraße     Selbstschutz zu verbessern, Kon-
entwindet er dem Dunkelhaari-          in München-Neuhausen. Aber          flikte in der Klassengemeinschaft
gen dessen Schlagwerkzeug,             die Überraschung ist echt. Die      zu lösen und damit Gewalt in all
sticht und prügelt damit auf ihn       Überraschung sowohl der „Schlä-     ihren Erscheinungsformen vorzu-
ein, die Menge johlt, doch jetzt       ger“ wie auch der Umstehenden,      beugen.
sind die „Alex“-Rufe in der Über-      darüber, was die plötzliche Ruhe
zahl, unablässig schreien, ver-        bewirkt.                            Dafür haben Simone Bertl und
höhnen und beschimpfen die                                                 Eric Schwencke rund 50 Übun-
Umstehenden die Streithähne            Mit Ausnahme von Alex und Sa-       gen und Rollenspiele wie die er-
und auch sich gegenseitig, je          scha, die vor der Tür warten        wähnte „Schläger-Szene“ im Ge-
nachdem, auf wessen Seite sie          mussten, kannten alle Schüler       päck. Eine andere geht so: Schü-
stehen.                                das Signal, bei dem sie schwei-     ler, die es „cool“ finden, andere
                                       gen sollten. Dass jedoch auch die   niederzumachen, legen sich mit
Mit einem Mal herrscht Stille.         beiden anderen einhalten wür-       dem Rücken auf den Boden, das
Nichts ist geschehen und doch ist      den, das hatte keiner von ihnen     Gesicht nach oben. Die anderen
alles anders als zuvor. Den eben       erwartet. „Dabei passiert bei ei-   bilden einen Kreis drumherum,


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                 31
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     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     kommen bedrohlich näher und           worunter ihre Schüler leiden. Denn       Botschaft verstanden.“ Zum Ver-
     fangen an, Tritte und Schläge an-     nach jedem Spiel, nach jeder             stehen gehört Verständigung.
     zudeuten. Dafür, dass die Teil-       Übung sollen die Schüler Bei-            Sich auf eine gemeinsame Defi-
     nehmer unversehrt bleiben, sor-       spiele aus ihrem Umfeld nennen.          nition darüber zu verständigen,
     gen die Zammgrauft-Anleiter. Ob-      Und anschließend gemeinsame              was eigentlich Gewalt ist, schafft
     wohl alle Übungen einen spieleri-     Regeln vorschlagen, die den Um-          keine Klasse. Das ist auch nicht
     schen Charakter haben, „che-          gang miteinander verbessern kön-         das Ziel, vielmehr kommen die
     cken die Teilnehmer ganz genau,       nen. Das Ziel ist eine Klassenver-       Schüler in ihrer Diskussion schnell
     worum es geht!“, so der Erzieher.     fassung, die alle unterschreiben.        zu einer anders gelagerten Fra-
     Auf seine Frage, ob jemand ver-                                                ge: Wer entscheidet, was Gewalt
     gleichbare Situationen schon ein-     Auch wenn das „miteinander Re-           ist? Denn, ob CD-Klauen, Rasen
     mal erlebt oder zumindest beob-       den“ und die Frage „Wie hast du          in der Ortschaft oder Spielen mit
     achtet hat, heben sich stets ganz     dich dabei gefühlt?“ ins landläufi-      einem „Butterfly“-Messer schon
     rasch viele Finger. Ob Sportver-      ge Klischee des Sozialpädago-            Gewalt ist, darüber hat jeder an-
     ein, Pausenhof oder tatsächlich       gen passen, ist Eric Schwencke           dere Ansichten. Genau darum
     im Stachus-Untergeschoss, es          klar: Ziel kann es gar nicht sein,       geht es, denn jeder beurteilt das
     gibt kaum einen Schüler, der          dass sich hinterher alle lieb ha-        anders, es gibt körperliche, psy-
     nicht von Gewalterlebnissen be-       ben. „Aber zumindest sollen sie          chische und Gewalt gegen Sa-
     richten könnte.                       die in Ruhe lassen, die das wol-         chen, letztlich zählt nur, was das
                                           len.“                                    Opfer als Gewalt empfindet.
     Jedes Spiel, jede Übung wird an-
     schließend besprochen. „Wie gings     Nur - woher soll man wissen, was         Allein schon die Reflexion darü-
     dir dabei?“ ist eine der häufigsten   der andere will? Klar, der muss          ber ist häufig ein Gewinn. Simone
     Fragen. Besonders die betont läs-     es schon sagen. Aber wie? Auch           Bertl und Eric Schwencke wollen
     sigen, vermeintlich starken Jun-      dazu gibt es eine Übung, die sich        die Schüler sensibilisieren, Be-
     gen und Mädchen zögern am             schwieriger darstellt als sie klingt.    wusstsein für die Wirkung von
     längsten, ehe sie mit der Sprache     Die Schüler sollen unmissver-            Gewalt und für das eigene Ver-
     herausrücken. Zuzugeben, dass         ständlich „Ja“ oder „Nein“ sagen.        halten schaffen und konkrete
     sie sich unwohl gefühlt haben,        Viele murmeln es vor sich hin,           Handlungsmaßstäbe aufzeigen.
     fällt ihnen schwer. Schließlich ha-   kaum verständlich, manchmal              Dazu gehört auch das Training
     ben gerade sie den Nimbus des         kaum hörbar. „Meint ihr, ich glau-       von Situationen, in die jeder je-
     harten Mannes oder der coolen         be euch, wenn ihr das ‚Nein’ fast        derzeit geraten kann. Was tun bei
     Lady zu verlieren. Ein unter          flüstert?“, fragt Simone Bertl.          sexueller Belästigung im Bus?
     Schmerzen geborenes „ich hab          Auch das müssen die Kinder ler-          Wie gegenüber einem Räuber
     mich voll beschissen gefühlt“         nen: Laut, deutlich, mit erhobener       verhalten? Wie Hilfe holen, wie
     freut zwar nicht den Deutschleh-      aber sicherer Stimme und festem          die Situation deeskalieren und lö-
     rer, aber das Zammgrauft-Team.        Blick ein „Stopp“ auszurufen. Als        sen? Und warum nicht als erstes
                                           Unterstützung sollen sie die rech-       „zurückschlagen“?
     Schließlich ist es ein ganz we-       te Hand gerade vor sich ausstre-
     sentlicher Schritt auf dem Weg        cken, dem Gegenüber die Hand-            Zwei Tage, das ist Polizei, Päda-
     zur Friedfertigkeit, als Täter die    fläche entgegenhalten und damit          gogen und Lehrern klar, beheben
     Perspektive zu wechseln, sich in      die eigene Grenze markieren, so,         nicht dauerhaft tief sitzende Kon-
     der Rolle des Schwachen zu er-        als würde er gleich von dieser           flikte in der Klassengemeinschaft.
     leben und dessen Gefühle nach-        Hand hinter diese unsichtbare            Daher entscheidet über Erfolg
     zuvollziehen. Eine neue Erfahrung     Markierung zurückgeschoben. „Ei-         und Misserfolg häufig die Lehr-
     sind diese Präventionskurse auch      nige Kinder sind daraufhin tage-         kraft selbst. Wenn sie die Verein-
     für Lehrer, sie erleben ihre Klas-    lang in der Schule rumgelaufen           barung ernst nimmt und ihre Klas-
     se bisweilen völlig anders als ge-    und haben jedem, den sie getrof-         se immer wieder daran erinnert,
     wohnt. Besonders Lehrkräfte, die      fen haben, ein kräftiges ‚Stopp’         dann hat das Projekt dauerhaft
     zuvor der Überzeugung waren, in       entgegengeschmettert und ihm ih-         Wirkung. Und manchmal kann es
     ihrer Klasse gebe es keine nen-       re Handfläche entgegengestreckt“,        isoliert betrachtet auch kaum wir-
     nenswerten Konflikte, können ih-      erzählt Eric Schwencke. „Natür-          ken. Denn wenn „Schul-Looser“
     ren Ohren oft nicht trauen, wenn      lich war das in dem Moment ein           mit Gewalt ihr Minderwertigkeits-
     nach und nach zu Tage kommt,          Spaß für sie. Aber sie haben die         gefühl kompensieren, dann wer-


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den sie davon erst ablassen,          Alfonsschule machen. Eine gan-           großen Kreis, halten sich an den
wenn sie anderweitig Kompensa-        ze Woche lang begleitete der Er-         Händen fest. Ihre Aufgabe ist es,
tion erfahren können. „Am besten      zieher zwei Klassen der sechsten         diejenigen, die gerade vor der Tü-
natürlich durch schulischen Er-       Jahrgangsstufe auf deren Schul-          re warten, zu ignorieren, also
folg“, sagt Schwencke.                landheim-Fahrt. Schwencke bot            nicht auf sie zu reagieren, nicht
                                      nicht nur das Zammgrauft-Pro-            mit ihnen zu sprechen und sie auf
Die Reaktionen auf das kostenlo-      gramm an, er unternahm Nacht-            keinen Fall in den Kreis zu las-
se Zammgrauft-Angebot sind über-      wanderungen mit den Kindern              sen. Diese wiederum müssen ge-
wiegend positiv. Als die Haupt-       und organisierte ein Fußballtur-         rade das versuchen. Dazu setzen
schule an der Alfonsstraße davon      nier. „Da nehmen einen die Kin-          sie die Strategie ein, die sie ken-
erfuhr, lud sie Simone Bertl und      der nochmal anders wahr, es ist          nen. Meistens heißt das: Körper-
Eric Schwencke gleich in alle         eine viel vertraulichere Zusam-          lichkeit. Sie nehmen die Hände
fünften und sechsten Klassen          menarbeit. Und da merkt man              ihrer Mitschüler, versuchen, sie
ein, an der Rudolf-Diesel-Real-       dann, dass unsere Schulung               auseinander zu ziehen, setzen
schule wird die siebte Jahrgangs-     wirklich etwas im Umgang mitein-         sich auf deren Arme, versuchen,
stufe geschult. Nur ein benach-       ander bewirkt.“                          einfach durch die Barriere zu bre-
bartes Gymnasium ließ wissen,                                                  chen. Die Ausgegrenzten wissen
man habe keine Probleme und           Ein Schullandheimaufenthalt bie-         nicht, dass mit der Gruppe im
daher keinen Bedarf. Abgesehen        tet sich allein schon deswegen           Kreis vereinbart wurde, sie nur in
davon, dass es dazu auch ande-        an, weil hier Teamgeist und Grup-        einem Fall in ihre Gemeinschaft
re Meinungen gibt, kann Eric          penzusammenhalt ohnehin auf              aufzunehmen. Die Lösung ist
Schwencke solch eine Einstel-         der Tagesordnung stehen. Auch            ganz einfach, und doch kommt
lung überhaupt nicht verstehen.       dazu gibt es eine passende Zamm-         keiner darauf, „wie so oft“, sagt
„Wir bieten Prävention an, nicht      grauft-Übung, die den „Starken“          Eric Schwencke. Der Kreis öffnet
Brandbekämpfung.Wirsindschließ-       vor Augen führen soll, wie sich          sich, wenn die Ausgegrenzten
lich nicht die Feuerwehr!“            Ausgrenzung anfühlt. Ein bis             fragen: „Darf ich mit hinein?“
Hervorragende Erfahrungen konn-       zwei Schüler werden rausge-
te er dagegen mit der erwähnten       schickt, die anderen bilden einen


 Einrichtung           Jugendtreff Neuhausen                                   Tel. 15 69 90, Fax 1 57 42 86
                       Hanebergstr. 14, 80637 München                          haneberger@kjr-m.de
                       Ansprechpartnerin: Brigitte Schimmer
 Kooperationspartner   -   Alfonshauptschule
                       -   Rudolf-Diesel-Realschule
 Besteht seit          Februar 2002
 Projekt/Ziele         Gewaltpräventionsprojekt „Zammgrauft“ gemeinsam
                       mit Jugendbeamten der Polizei in den Schulen, in die-
                       sem Rahmen auch Begleitung von Schullandheimauf-
                       enthalten.
 Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                           Kinder/Jugendlichen (je nach Angebot)         30
                       -   Alter                                       8-16
                       -   Anteil Mädchen                             50 %
                       -   Anteil Migrantenjugendliche             80-90 %
 Finanzierung          Budget des KJR




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                                                                                     Kinder dort nicht richtig lesen und
                                                                                     schreiben lernen, dann holen sie
                                                                                     das später kaum noch auf. Aber
                                                                                     es geht nicht nur um schulische
                                                                                     Probleme, sondern um soziales
                                                                                     Verhalten und um gemeinsames
                                                                                     Erleben. Konflikte in ihrer Schule
                                                                                     tragen Schüler natürlich auch zu
                                                                                     uns ins Haus hinein. Schulver-
                                                                                     weigerung und Gewaltprobleme
                                                                                     gibt es auch schon in der Grund-
                                                                                     schule. Zudem hat der Armutsbe-
                                                                                     richt ergeben, dass Harthof das
                                                                                     Viertel mit den niedrigsten Bil-
                                                                                     dungsabschlüssen ist. Der Allge-
                                                                                     meine Sozialdienst ist hier dop-
     




         Schuhweitschleudern bei der Kinderolympiade
                                                                                     pelt so oft im Einsatz wie in Mil-
                                                                                     bertshofen, kurz: hier brennt’s.

     Kinderhaus Harthof                                                              Aber lässt sich der Brand mit ei-
     „Hier brennt´s“                                                                 ner Kinderolympiade löschen?

     Das Kinderhaus Harthof koope-              Warum eigentlich? Gibt’s hier im     Für das Gemeinschaftsgefühl
     riert bereits im fünften Jahr sehr         Haus zu wenige Kinder oder zu        und das soziale Verhalten ist
     eng mit der Grundschule an der             wenig zu tun?                        solch eine Aktion von unschätz-
     Hugo-Wolf-Straße. Ein Gespräch                                                  barem Wert. Viele Kinder sitzen
     mit Kinderhaus-Pädagogin Gu-               Weder noch. Aber wir arbeiten        zwar den ganzen Tag in einer
     drun Bahr (31) über die Symbio-            seit 1999 nach dem sozialräumli-     Klasse zusammen, kennen sich
     se von Schule und Freizeitein-             chen Ansatz. Das heißt, wir ori-     aber kaum, weil sie nie zusam-
     richtung, Probleme von Grund-              entieren uns bei dem, was wir an-    men spielen. Bei einer Olympia-
     schulen und dem pädagogischen              bieten, nicht nur am Bedarf unse-    de lernen sie gegenseitigen Re-
     Nutzen von Schuhweitschleudern.            rer Stammbesucher sondern fra-       spekt statt Konkurrenzdenken
                                                gen uns: Was braucht der ganze       wie bei den Bundesjugendspie-
     Sie kooperieren mit einer Grund-           Stadtteil und besonders seine        len.
     schule - was bedeutet das genau?           Kinder?
                                                                                     Was hat Kinderolympiade mit
     Wir richten viele Angebote für die         Und was brauchen die Kinder hier?    Bundesjugendspielen zu tun?
     Kinder der Grundschule an der
     Hugo-Wolf-Straße gemeinsam aus.            Sie brauchen zum Beispiel einen      Unsere zweitägige Kinderolympi-
     Dazu gehört beispielsweise, dass           Werkraum, eine Schlittschuh-         ade ersetzt die jährlichen Bun-
     wir uns mit Spiel- und Bastelan-           bahn, Ausflüge oder ein Kinderki-    desjugendspiele, die an eigent-
     geboten an den Schulfesten be-             no. Sie brauchen auch Hausauf-       lich jeder Schule stattfinden, ob-
     teiligen, eine große Kinderolym-           gabenbetreuung und ein billiges      wohl niemand so richtig glücklich
     piade für die Schule anbieten              Mittagessen. Das gab es hier         damit ist. In gemischten Gruppen
     oder einen Selbstbehauptungs-              nicht und vieles davon haben wir     durchlaufen die Kinder zehn ver-
     kurs organisieren. Die Aktionen            nach und nach angeboten.             schiedene Stationen, an denen
     finden zum Teil am Schulgelände                                                 sie sich ordentlich ins Zeug legen
     und zum Teil bei uns im Kinder-            Nachhilfe in der Grundschule? Ist    müssen, aber viel spielerischer
     haus statt, etwa die Abschlussfei-         die Welt da nicht noch in Ord-       als in Sportdisziplinen. Zum Bei-
     er der 4. Klassen am Schuljah-             nung?                                spiel beim Feuerwehrball muss
     resende. Selbst im Schulland-                                                   die Gruppe mit einer Feuerwehr-
     heim war letztes Jahr einer unse-          Leider nein. Schulprobleme ha-       pumpe Wasser mit Druck in ei-
     rer Pädagogen dabei.                       ben ihre Wurzeln oft schon in den    nen Schlauch befördern, ein Teil-


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                                                                                    KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

nehmer hat dann die Aufgabe,         Wertschätzung, unabhängig da-         zudem mit einem knappen Stun-
mit dem Wasserstrahl Tischten-       von, ob sie aus Indien, der Türkei    denkontingent. Trotzdem sprudeln
nisbälle von Verkehrshütchen zu      oder aus Deutschland stammen          sie vor Ideen für weitere gemein-
schießen. Oder das Schuhweit-        oder ob sie gut oder schlecht in      same Angebote, sie würden ger-
schleudern: Die Kinder schlüpfen     Mathematik sind. Wenn Kinder in       ne Theater, Tanz und Krippenspie-
mit der Ferse aus ihren Schuhen,     ihrem Selbstwertgefühl gestärkt       le anbieten, Ausstellungen und
so dass diese nur noch an den        werden und sie sich angenom-          sportliche Aktivitäten organisie-
Zehen baumeln. Dann soll der         men fühlen, dann werden sie sich      ren oder eine Sammlung von
Schuh mit einem kräftigen Tritt in   auch wohlfühlen. Dann wird’s ih-      Pausenspielen zusammen tra-
die Luft möglichst weit geschleu-    nen auch an der Schule besser         gen. Da, wo wir es können, sind
dert werden.                         gehen und sie werden leichter         wir gerne dabei.
                                     lernen oder zumindest wissen,
Wo liegt der Unterschied?            wo sie sich bei Problemen Hilfe       Alles, was Sie für die Schule un-
Schließlich ist auch das Wett-       holen können. Das hat mit Ver-        ternehmen, geht von Ihren Res-
kampf und folglich Konkurrenz-       weichlichung nichts zu tun. Diese     sourcen ab. Was bleibt da für Ihr
denken?                              Idee tragen wir in die Schule rein,   Haus übrig?
                                     die vom System her eher auf Se-
Natürlich sind die Kinder begeis-    lektion angelegt ist.                 Zunächst einmal: Unser Hausbe-
tert dabei und wollen, dass ihre                                           trieb hat Vorrang, keine Frage. Al-
Gruppe gewinnt. Doch genau da-       Was tragen Sie noch in die Schu-      les, was wir der Schule anbieten,
rin liegt der Unterschied. Es geht   le?                                   schultern wir freiwillig, also zu-
nicht um den verschärften Einzel-                                          sätzlich zu unseren Hausange-
wettkampf, sondern um die ge-        Kurz vor den Sommerferien orga-       boten, wozu auch zweimal wö-
meinsame Leistung der Gruppen.       nisieren wir mit den Lehrern und      chentlich Mobile Arbeit mit unse-
Und natürlich gibt es am Ende ei-    dem Elternbeirat ein Abschluss-       rem Spielbus gehört. Das mit
ne Siegerehrung, bei der alle ei-    fest der vierten Klassen bei uns      durchschnittlich zwei bis drei an-
ne Urkunde bekommen. Und             im Haus. In der Disco können die      wesenden Pädagogen zu stem-
nachdem die Gruppen nach Ge-         Klassen einstudierte Tänze vor-       men ist eigentlich nicht möglich.
schlecht, Alter und Größe ge-        führen, gemeinsam rätseln, spie-      Bei dieser Rechnung ist die Jah-
mischt sind, habe ich noch kein      len, essen und trinken. Den Niko-     respraktikantin übrigens schon
Team erlebt, das leer ausgeht.       laus für die Schule spielt ein Päd-   eingerechnet.
Und es herrscht viel weniger         agoge, der schon mehrfach als
Druck. Wenn ein Schuh sich nicht     Zusatzbetreuer und Spielanleiter      Warum tun Sie es dann?
gleich löst und statt nach vorne     für zwei Tage auch am Schul-
nach hinten fliegt, womöglich        landheim der vierten Klassen teil-    Weil wir eben nicht nur für die „ei-
noch in einem Baum hängen            genommen hat. Da gab’s eine           genen“ Kinder da sein wollen.
bleibt, dann ist niemand sauer.      schwierigere Klasse und die Leh-      Und in der Schule können wir fast
Dann lachen sich alle halbtot.       rer haben angefragt, ob wir sie       300 Schüler erreichen, also auch
                                     unterstützen können.                  viele, die unser Haus nicht nut-
Wenn es keine Verlierer gibt,                                              zen. Außerdem profitieren auch
nennt man das gerne „Kuschel-        Kann es sein, dass die Schule al-     wir enorm: Wir können viele Kin-
pädagogik“...                        les abschiebt, was Arbeit macht?      der besser betreuen, weil wir mit
                                                                           Lehrern eng zusammenarbeiten.
Für uns ist es kein Kuscheln, wir    Überhaupt nicht, die Lehrer zie-      Die rufen uns schon mal an und
verfolgen gemeinsam mit der          hen sich nie zurück, sondern sind     berichten, was in der Schule vor-
Schule sehr wohl pädagogische        stets dabei und engagieren sich       gefallen ist. Wir lernen viel von-
Ziele: Die Gruppe lernt, dass sie    enorm. Sie organisieren ohnehin       einander. Zudem können wir für
gemeinsam Erfolge erzielen kann!     schon ein riesiges Zusatzange-        unsere Angebote in der Schule
Je bunter sie gemischt ist, desto    bot für ihre Schüler, vom Eng-        werben, Lehrer und Elternbeirat
bessere Chancen hat sie, weil        lisch- und Computerkurs über          verweisen Eltern und Kinder oft
bei den verschiedenen Stationen      Projektwochen bis hin zu Schul-       auf uns und nicht zuletzt dadurch
die verschiedensten Kinder ihre      festen. Das ist in keinem Lehr-       haben wir uns einen guten Ruf im
Fähigkeiten zeigen können. So        plan vorgeschrieben. Aber die-        Stadtviertel erarbeitet und sind
lernen die Kinder gegenseitige       sen müssen sie ja auch erfüllen,      ein rege besuchtes Haus.


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                    35
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     Dennoch: Ist das, was Sie anbie-      Personal - nicht nur Lehrer, son-       die zu schlechter Bildung und
     ten, nicht ureigenste Aufgabe der     dern auch Erzieher und Sozialpä-        letztlich in die Arbeitslosigkeit
     Schule?                               dagogen an der Schule. Auch für         führen, beginnen hier und jetzt,
                                           Schulen sind die Finanzmittel           schon im Kindergarten. Da fehlt
     (zögert) Ja und Nein. Natürlich       knapp geworden. Die Lehrer un-          manchmal der politische Weit-
     wäre es wünschenswert, Schule         serer Kooperationsschule sind           blick. Aber das ist meine subjekti-
     könnte von sich aus mehr von          zum Beispiel verpflichtet, eine         ve, laienhafte Sicht.
     dem anbieten, was wir leisten.        gewisse Stundenzahl an Nach-
     Aber das System „Schule“ ist nun      mittagsangeboten zu leisten, das        Wäre es nicht am sinnvollsten,
     mal anders, stark reglementiert,      geht jedoch von ihrem normalen          mal ein halbes Jahr alle Zusatz-
     besonders in Bayern. Bei uns da-      Stundenkontingent ab. An Schu-          angebote einzustellen, um der
     gegen steht die Freiwilligkeit im     len wird etwas herangetragen,           Öffentlichkeit und Politik zu zei-
     Mittelpunkt, wir bieten Freiräume     was sie nicht leisten können. Wir       gen, welcher Verlust das wäre?
     für Eigeninitiative. Kinder können    könnten auch nicht mit gleichem
     hier etwas lernen, was die Schu-      Personalstand rund um die Uhr           (lacht) Mag sein, aber wir sind
     le so nicht vermitteln kann. Bil-     öffnen. Diese Rahmenbedingun-           keine Politiker. Wir sehen die Kin-
     dung ist immer auch Selbstbil-        gen werden jedoch woanders ge-          der hier, wie sie lachen und wel-
     dung, und für letztere haben wir      schaffen.                               che Sorgen sie haben. Für die
     eindeutig die besseren Rahmen-                                                muss ich da sein, so verstehe ich
     bedingungen. Fairerweise muss         Woanders, das heißt, in der Poli-       meinen Auftrag - Politik hin oder
     man hinzufügen, dass sich die         tik.                                    her. Schon die Schließung in den
     Probleme auch in der Schule ver-                                              Faschingsferien* ist zwar konse-
     schärft haben und sie viel mehr       Richtig. Aber die Politik ist da        quent, tut uns aber weh. Unser
     von dem auffangen muss, wofür         nicht sensibel genug. Im Bereich        Dilemma ist: Präventionserfolge
     früher das Elternhaus zuständig       der offenen Jugendarbeit ist fest-      kann man schlecht belegen. Be-
     war.                                  zustellen, dass die Einsätze der        weisen Sie mal, wie viele Kinder
                                           Jugendbeamten steigen, wenn             nicht auf die schiefe Bahn kom-
     Überall wird von Ganztagsschu-        Einrichtungen geschlossen wer-          men, weil wir mit ihnen gearbeitet
     len gesprochen und jeder ist da-      den. Trotzdem kräht kein Hahn           haben!
     für, dass Schulen bald ganz tolle     danach. Nur hinterher, wenn’s
     Nachmittagsangebote bieten. Doch      gekracht hat, wird der Ruf nach         * Der KJR schloss vom 22. - 29.02.04 im Rah-
     können sie das überhaupt?             Prävention laut. Nichts gegen In-       men einer Betriebsschließung alle Freizeitstätten
                                           vestitionen in den Arbeitsmarkt,        und die Geschäftsstelle. Grund war die massive
     Theoretisch ja, in der Realität       aber damit werden oft nur Symp-         Kürzung der städtischen Zuschüsse, die der KJR
     nicht. Dazu bräuchte es viel mehr     tome bekämpft. Die Probleme,            in den nächsten Jahren auffangen muss.




      Einrichtung            Kinderhaus Harthof                                     Tel. 3 11 61 55, Fax 37 15 80 27
                             Wegenerstr. 9, 80937 München                           kh.harthof@kjr-m.de
                             Ansprechpartner: Gudrun Bahr
      Kooperationspartner    Grundschule Hugo-Wolf-Straße
      Besteht seit           2001
      Projekt/Ziele          Verschiedenste Kooperationsprojekte: Zweitägige
                             Schulolympiade statt Bundesjugendspiele, Mitwir-
                             kung an Schulfesten mit Bastel- und Spielaktionen,
                             Ausrichtung von Abschlussfesten der vierten Klasse
                             im Kinderhaus, Selbstbehauptungskurse für Schüler,
                             Teilnahme von Pädagogen am Schullandheimaufent-
                             halt.
      Zielgruppe             -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                                 Kinder/Jugendlichen (pro Angebot)       15-300
                             -   Alter                                      6-12
                             -   Anteil Mädchen                            50 %
                             -   Anteil Migrantenjugendliche               35 %
      Finanzierung           Budget des KJR



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                                                                                KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

                                                                                beraten, sich zusätzlich zum nor-
                                                                                malen auch um den Qualifizie-
                                                                                renden Hauptschulabschluss zu
                                                                                bemühen. Dieser „Quali“ ist eine
                                                                                prinzipiell freiwillige Zusatzprü-
                                                                                fung, der sich jedoch fast alle
                                                                                Neuntklässler einer Hauptschule
                                                                                stellen und an der regelmäßig
                                                                                vier von zehn Schülern schei-
                                                                                tern.

                                                                                Die Aufgabe der Servicestelle ist
                                                                                es, diese Zahl zu senken oder zu-
                                                                                mindest jenen, die sich darauf
                                                                                bestmöglich vorbereiten wollen,
                                                                                zu helfen. Neben Beratung über
                                                                                Weiterbildungsmöglichkeiten und





    Fit für den Quali
                                                                                Tipps zur Ausbildungsplatzsuche
                                                                                ist das konkrete Hilfe in Hauptfä-
                                                                                chern wie Mathematik, Englisch
KJT Au/Servicestelle Berufsbezogene Jugendarbeit                                oder Deutsch. Im Kinder- und Ju-
Quali tut gut                                                                   gendtreff Au, in dem Andrea Her-
                                                                                mann auch ihr Büro hat, bietet sie
Das Schicksal mischt die Karten,         Andrea Hermann (40) ist eine           diese Schülern der nahe gelege-
wir spielen. Klingt gut, ist von Scho-   von zwei Mitarbeiterinnen der          nen Hauptschule an der Weiler-
penhauer. Doch der Philosoph             „Servicestelle Berufsbezogene          straße an. Von Nachhilfe mag An-
kannte keine „Reset“-Taste. Beim         Jugendarbeit“ des Kreisjugend-         drea Hermann jedoch nicht spre-
Schreiben vertippt? Im Spiel die         ring München-Stadt. Diese hat          chen. „Es geht um Lernhilfe. Na-
falschen Karten bekommen? Beim           das Ziel, Jugendliche beim Über-       türlich wollen die Schüler hinter-
Adventure-Game versehentlich ge-         gang von der Schule ins Berufs-        her bessere Noten schreiben,
storben? Die Computer-Kids von           leben zu beraten und zu beglei-        aber wir wollen auch, dass sie
heute wissen, was dann zu tun            ten. Mit Jugendlichen sind hier        überhaupt lernen, wie man lernt,
ist. Einen Level zurück, Karten          zumeist Hauptschüler gemeint,          dass sie auch Freude und Inter-
neu geben, auf „Rückgängig“ kli-         denn an keiner anderen Schulart        esse daran finden.“
cken. Und selbst wenn ungewollt          müssen sich Schüler so früh für
die Festplatte gelöscht wurde, ist       einen Beruf entscheiden, Bewer-        Wer das auch möchte, kann sich
noch lang nicht alles verloren. Ein      bungsgespräche führen und vor          für eine fortlaufende Lerngruppe
ganzer Zweig der IT-Branche lebt         allem ihren Abschluss schaffen.        anmelden. In der Regel einmal
davon, selbst die schlimmsten            Und bei keiner anderen Schulart        wöchentlich werden Schüler da-
Fehler ungeschehen zu machen.            stehen sie mit so leeren Händen        rin bei ihren Hausaufgaben und
                                         da, falls sie dieses Ziel verfehlen.   sonstigen Schularbeiten unter-
Nur im wirklichen Leben klappt                                                  stützt, in Kleingruppen mit maxi-
das nicht. Wer beim Einstellungs-        Jugendliche ohne Abschluss gibt        mal vier Teilnehmern stehen So-
test die falschen Karten zieht           es viele. Zwar ist die Zahl der (er-   zialpädagogen und Honorarkräf-
oder im Bewerbungsgespräch               folgreichen) Hauptschulabsolven-       te wie beispielsweise Mathema-
vor Nervosität tausend Tode              ten in Bayern seit den 90er Jah-       tik-Studenten den Schülern zur
stirbt, der sucht vergebens nach         ren konstant, die Zahl der 15- bis     Seite. Diese zwei Stunden die
der Reset-Taste. Deshalb gibt es         17-Jährigen, die ihre neunjährige      Woche kosten jeden Teilnehmer
Frauen wie Andrea Hermann. Sie           Schulpflicht ohne Abschluss be-        einen Euro.
ist weder Computerspezialistin           enden, ist in dieser Zeit jedoch
noch kann sie zaubern, aber sie          um die Hälfte gestiegen. Und wer       Ein weiteres, sehr begehrtes Lern-
kann Hauptschulabsolventen ei-           bei der Ausbildungsplatzsuche mit      angebot der Servicestelle sind
ne zweite und dritte Chance beim         Realschülern und sogar Gymna-          die Intensivkurse in den Oster-
Start ins Berufsleben geben.             siasten konkurrieren muss, ist gut     und Pfingstferien, also unmittel-


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                       37
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     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     bar vor den Abschlussprüfungen.         Die Lerngruppen, die in der Au        ten Tag, mein Name ist Hermann.
     An fünf bis sieben Tagen wird           seit fünf Jahren angeboten wer-       Sie möchten sich also bei uns be-
     zweimal zwei Stunden täglich an-        den, finden ein gewaltiges Echo.      werben?“.
     hand der Quali-Aufgaben der             Besonders die Intensivkurse in
     letzten Jahre geübt. Dabei kön-         den Ferien sind inzwischen oft        Die Anspannung während dieser
     nen die Neuntklässler ganz nach         schon am ersten Tag der Aus-          Gespräche ist enorm, da schwit-
     Bedarf die Fächer wählen, die ih-       schreibung ausgebucht, es scheint,    zen Hände, stockt der Atem und
     nen am wichtigsten sind. Und            als würden die Jugendlichen hier      bei manchen sind plötzlich alle
     zwar vor jeder Lerneinheit erneut.      gerne lernen. Vielleicht liegt das    Daten von der Festplatte im Kopf
     Bei einer Evaluation stellte sich       nicht zuletzt an den überschau-       verschwunden. Aber hier gibt’s
     heraus, dass fast vier Fünftel al-      baren Kosten von zwei Euro pro        einen Reset-Knopf und sie kön-
     ler Teilnehmer anschließend die         Tag, vielleicht am Mittagessen für    nen anschließend an einer neuen
     Prüfungen erfolgreich ablegten,         einen Euro fünfzig, das es in der     Station einen neuen Anlauf wa-
     eine Zahl, mit der Andrea Her-          Pause gibt. Und vielleicht auch       gen und wenn sie Monate später
     mann jedoch nicht hausieren ge-         ein wenig daran, dass der Tag         tatsächlich vor einem Arbeitge-
     hen will. „Um wirklich vergleichen      hier erst um zehn Uhr beginnt, zu     ber stehen, dann ist es immerhin
     zu können, müssten wir auch je-         einer Zeit, die Schülern sehr ent-    mindestens der dritte Versuch.
     ne befragen, die nicht bei uns          gegen kommt.                          „Oft bemerken wir schon im zwei-
     waren. Und um die Erfolgsquote                                                ten Gespräch deutliche Fortschrit-
     zu heben, müssten wir einfach           Der Quali steht am Ende des           te“, sagt Hermann.
     aussichtslose Bewerber aus-             Schuljahres, doch schon zu des-
     schließen.“ Das liegt ihr fern,         sen Beginn werden die Schüler         Gemeinsam werden die Erfah-
     schließlich ist Hilfe ihr Auftrag,      der Weilerschule auf die Zeit da-     rungen und Schwierigkeiten be-
     nicht Zahlenkosmetik.                   nach vorbereitet. Alle neunten        sprochen. Dazu gehört auch die
                                             Klassen kommen für zwei Vormit-       Körperhaltung, das klingelnde
     Als „aussichtslos“ gelten Bewer-        tage in den Kinder- und Jugend-       Handy während des Gesprächs
     ber, die mit einem Notendurch-          treff Au zum Bewerbungstraining.      oder die Schriftgröße und der
     schnitt um die 4,0 in den Crash-        Zuvor müssen alle ihre Bewer-         Seitenrand des Bewerbungs-
     Kurs kommen. „Die heben auch            bungsunterlagen zusammenstel-         schreibens. Auf viele Fragen sind
     wir nicht auf den für den Quali nö-     len, so, als wollten sie damit auf    Jugendliche zudem nicht vorbe-
     tigen Schnitt von 3,0“, sagt sie.       Lehrstellensuche gehen. Und hier      reitet. „Wie erklären Sie sich die
     Dennoch dürfen auch diese               können sie es tun. Die Berufsbe-      schlechten Noten in Ihrem Zeug-
     Schüler teilnehmen. Erstens, weil       raterin des Arbeitsamtes steht        nis?“ lautet eine davon. Gerne
     damit schlimmeres verhindert            den Schülern Rede und Antwort,        heißt es dann, „die schlechten
     werden kann. Zweitens, weil Ju-         sie können einen Einstellungs-        Lehrer“ seien Schuld. Sicher kei-
     gendliche hier schon manches            test absolvieren, wie er inzwi-       ne befriedigende Antwort. Noch
     Erfolgserlebnis hatten und schwie-      schen bei vielen Firmen und so-       schwieriger wird es, wenn religiö-
     rige Aufgaben plötzlich durch-          gar bei großen Einzelhändler die      se Gewohnheiten abgefragt wer-
     schauten. Und drittens, weil es         Regel ist. Das wichtigste aber        den oder ein Personalchef wis-
     auch die schwächeren Schüler            sind die drei Arbeitgeberstatio-      sen will, ob die Eltern eines aus-
     immerhin motivieren kann, nicht         nen, besetzt von Sozialpädago-        ländischen Bewerbers eventuell
     hinzuschmeißen, sondern sich            gen und Erziehern, an denen die       in die Heimat zurückkehren wol-
     gegebenenfalls um eine Wieder-          Hauptschüler insgesamt zwei zehn-     len. Für Andrea Hermann ist zwar
     holung der Klasse zu bemühen,           minütige Bewerbungsgespräche          klar, dass dies persönliche Ange-
     mit Aussicht auf Erfolg im nächs-       führen können. Ein Rollenspiel,       legenheiten sind, die „eigentlich
     ten Jahr. Was ebenfalls schwerer        gewiss, „aber die meisten Schü-       nichts im Bewerbungsgespräch
     ist als bei anderen Schularten.         ler nehmen das sehr ernst“, be-       zu suchen“ haben, die aber den-
     Hat ein Schüler die letzte Haupt-       richtet Andrea Hermann von ih-        noch häufig angesprochen wer-
     schulklasse nicht bestanden, so         ren Erfahrungen. Gerade die Ju-       den. Selbst legitime Fragen sind
     fällt er nicht automatisch durch,       gendlichen, die sie aus der Ein-      oft eine echte Herausforderung.
     sondern darf nur auf Antrag wie-        richtung kennen und sie eigent-       Selten können Jugendliche über-
     derholen. Einige Schulen lehnen         lich duzen dürfen, sind beson-        zeugend beantworten, warum
     diese Anträge leider öfter ab, die      ders nervös, wenn sie sich plötz-     ausgerechnet sie eingestellt wer-
     Schulpflicht ist schließlich erfüllt.   lich mit den Worten vorstellt „Gu-    den sollen. „Ihrer Schwächen


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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

sind sich eigentlich alle bewusst“,    lern nicht geholfen“, erklärt die        dern in zahlreichen weiteren Frei-
sagt Andrea Hermann, „ihrer            Sozialpädagogin, „sie müssen ehr-        zeitstätten des Kreisjugendrings
Stärken dagegen nur wenige.“           lich erfahren, ob sie sich bewährt       an. Bislang steht das Städtische
                                       haben und was sie verbessern             Referat für Arbeit und Wirtschaft
Jeder Schüler erhält für jede Be-      können.“ Demotiviert hat noch            für die Finanzierung der Service-
werbung getrennt eine schriftli-       keiner das Bewerbungstraining            stelle ein, doch wie es über das
che Zu- oder Absage mit Begrün-        verlassen, bei der schriftlichen         Jahr 2004 hinaus aussieht, ist
dung. Dabei wird Positives wie         Auswertung hinterher lautet ihr          angesichts der angespannten Fi-
Negatives klipp und klar genannt.      Fazit regelmäßig: Nutzen und             nanzsituation der Landeshaupt-
Bei der Auswertung beginnt sie         Qualität gut. Die Schüler wissen:        stadt ungwiss.
gerne mit einem Vergleich. „Ihr        es war ein Freischuss, ein Ver-
wart jetzt alle im Kino, oder ihr      such. Jetzt erst werden die Kar-         Nach Lösungen, die Angebote
habt zumindest versucht, ins Ki-       ten neu gemischt.                        fortzusetzen, sucht Andrea Her-
no zu gehen. Aber in Wirklichkeit                                               mann derzeit. Sie will so lange
wären einige von euch schon an         Die „Servicestelle Berufsbezoge-         wie möglich „im Spiel“ bleiben,
der Kasse gescheitert.“ Das klingt     ne Jugendarbeit“ bietet diese            denn was sie den Schülern zu
hart. Aber „mit Schönwetter und        Lerngruppen und Bewerbungs-              bieten hat, ist für diese sehr ernst,
Motivationsgerede ist den Schü-        trainings nicht nur in der Au, son-      bisweilen zukunftsentscheidend.


 Einrichtung            KJT Au/                                                 Tel. 85 63 63 28, Fax 4 47 14 84
                        Servicestelle Berufsbezogene Jugendarbeit               a.hermann@kjr-m.de
                        Am Kegelhof 8, 81669 München
                        Ansprechpartnerin: Andrea Hermann
 Kooperationspartner    Hauptschule an der Weilerstraße
 Besteht seit           Mai 1998
 Projekt/Ziele          Lerngruppen und Lernkurs (in den Pfingstferien) zur
                        Vorbereitung auf den Qualifizierenden Hauptschulab-
                        schluss, Bewerbungstraining (mit 9. Klassen), berufs-
                        bezogene Beratung, Seminartage der Schülermitver-
                        antwortung
 Zielgruppe              -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                             Kinder/Jugendlichen                           60
                         -   Alter                                      10-17
                         -   Anteil Mädchen                              50 %
                         -   Anteil Migrantenjugendliche                 70 %
 Finanzierung           -    Budget des KJR
                        -    Servicestelle BBJA durch Referat für Arbeit und
                             Wirtschaft



Freizeittreff 103er
Kinderkultur unter der Decke

Obergiesing ist ein eher armer         beklagen, selber machen“. Seit-          Projektor, sondern findet live
Stadtteil, auch arm an kulturellen     dem wird das 103er alle zwei Wo-         statt. Dann ist eine Kinderthea-
Angeboten für seine jüngsten Be-       chen zum Kino, im Eintrittspreis         tergruppe zu Gast, die - meist mit
wohner. Ein Kinderkino sucht           von 80 Cent ist Kakao und Ku-            Puppen- und Figurentheater - die
man eben so vergeblich wie ein         chen enthalten. Besonders prak-          Kinder in lustige, spannende und
Theater für Kinder. Darüber kann       tisch für die kleinen Kinogänger:        geheimnisvolle Geschichten ent-
man sich beklagen. Oder es mit         sie müssen sich keine Sorgen um          führt und ihnen oft auch die Mög-
Siegfried Bauer (49) halten. Der       ihre Eltern machen, sondern kön-         lichkeit bietet, mitzureden, mitzu-
Erzieher, der seit 1981 den Frei-      nen sie im Elterncafé abgeben.           raten und mitzumachen.
zeittreff 103er leitet, dachte sich    Zwei- bis dreimal im Jahr kommt          Es dauerte nicht lange, bis die
vor mehr als zehn Jahren: „Nicht       das Schauspiel nicht aus dem             nahe Grundschule an der Wei-


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                          39
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     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     ßenseestraße darauf aufmerk-           sieht mich, keiner liebt mich, ich      Klassen einmal ins 103er, ca. 400
     sam wurde. Weil das 103er ohne-        bin ganz allein“, denkt er, „lasst      Kinder waren dann - oft genug
     hin nicht nur die eigenen Besu-        mich bloß in Ruhe! Kommt mir            zum ersten Mal - im Theater. In-
     cher, sondern möglichst viele          nicht zu nahe! Ich beiß euch die        zwischen trifft dies jedoch nur
     Kinder im Stadtteil erreichen woll-    Ohren ab!“. Trotz ist ein großes        noch auf Erstklässler und auf
     te, vereinbarten beide Seiten ei-      Gefühl, Trotz, das ist Dickköpfig-      neue Schüler zu, denn wer auf
     ne Kooperation, die sie „Theater-      keit, Traurigkeit, Wut und auch         die Grundschule an der Weißen-
     erlebnis und Schule“ tauften. Ein-     Langeweile. Alle diese Gefühle          seestraße geht, der hatte am En-
     mal im Jahr füllt sich der Saal im     kommen zu Kalle und schlüpfen           de der vierten Klasse mindestens
     Freizeittreff zu vier Vorstellungen    unter seine Decke, jetzt aber hat       vier „Theatererlebnisse“.
     an zwei Vormittagen mit jeweils        er keinen Platz mehr und purzelt
     100 Kindern der Klassen eins bis       heraus. Und seine Decke be-             Siegfried Bauer hat bemerkt,
     vier.                                  kommt er auch nicht wieder, denn        dass dieser Besuch im Rahmen
                                            die ist ja besetzt. Während Kalle       des Unterrichts oft das Interesse
     Siegfried Bauer wählt selbst die       noch überlegt, wie er sie sich          der Kinder weckt und dass bei
     Ensembles und die Stücke aus,          wieder holen soll, wird der Trotz       den „regulären“ Aufführungen für
     auf seine Erfahrung können sich        zu einem großen Wesen und be-           alle Besucher auch immer mehr
     die Grundschullehrer verlassen.        gräbt Kalle unter sich.                 Kinder der Grundschule herbei-
     Schließlich ist er mit seinem Frei-                                            strömen. Gemeinsam mit der
     zeittreff Mitveranstalter von „Lam-    Wie er mit seinen Ängsten und           Schule hat er sein Ziel erreicht,
     penfieber“, Bayerns Kinderthea-        seinen kleinen Schwächen fertig         Kultur für Kinder im Stadtteil nicht
     ter-Festival. Letztes Mal war das      wird, darum geht es in dem Stück.       nur anzubieten, sondern die Kin-
     Figurentheater „Pantaleon“ zu          Für die Lehrer eine schöne Gele-        der damit auch wirklich zu errei-
     Gast und erzählte den jungen Zu-       genheit, diese Themen im Unter-         chen. „Das hätte keine Broschüre
     schauern die Geschichte von            richt anzusprechen. Zu jedem            und kein Flyer geschafft“, sagt er.
     „Kalle unter der Decke“.               Stück erhalten sie die Inhaltsan-       Nicht nur Kalle wartet darauf, un-
                                            gabe und vorbereitende Materia-         ter der Decke hervorgelockt zu
     Kalle sitzt unter der Decke und        lien, so dass dieser Theatervor-        werden. Ehe sie ihm auf den Kopf
     kommt nicht raus, er will weder        mittag in den Unterricht davor          fällt.
     spielen noch mit jemandem spre-        und danach eingebettet wird. In
     chen, Kalle ist trotzig. „Keiner       den zwei Tagen kommen alle


      Einrichtung            103er - Freizeittreff Obergiesing                      Tel. 6 91 58 92, Fax 69 70 84 28
                             Perlacher Str. 103, 81539 München                      103er@kjr-m.de
                             Ansprechpartner: Siegfried Bauer                       www.103er-muenchen.de
      Kooperationspartner    Grundschule (GS) an der Weißenseestraße
      Besteht seit           1994
      Projekt/Ziele          „Theatererlebnis und Schule“ einmal pro Schuljahr.
                             Theateraufführungen für alle Grundschüler im Saal
                             des Freizeittreffs mit Vor- und Nachbereitung im Un-
                             terricht.
      Zielgruppe              -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                                  Kinder/Jugendlichen (GS)                   400
                              -   Alter (HS+GS)                             6-16
                              -   Anteil Mädchen (GS)                      50 %
                              -   Anteil Migrantenjugendliche (GS)         50 %
      Finanzierung            -   Schulreferat
                              -   Zuschüsse durch BA 17, Sponsoren
                              -   Eigenbeteiligungen
                              -   Budget des KJR




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                                                                                 KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

Kinder- und Jugendtreff am Wettersteinplatz
Schimpfen vertraglich verboten

Bei „Gewalt an Schulen“ denkt          ren Lehrkraft der Hauptschule zu       ein Klassenvertrag. In diesem
man unwillkürlich an die Orte von      einer entsprechenden Fortbil-          schrieben sie zum Beispiel fest,
Gewaltexzessen: Freising, Erfurt       dung bei „Brücke e.V.“ an. Zu-         dass sie sich in Zukunft im Unter-
und zuletzt Hildesheim, wo Be-         sammen mit den Lehrkräften und         richt nicht nur melden wollen,
rufsschüler einen Klassenkame-         Pädagogen weiterer Kooperati-          sondern auch so lange mit ihrem
raden schwer misshandelten. Doch       onsprojekte in München, wie et-        Beitrag warten, bis sie aufgeru-
es muss nicht körperliche Gewalt       wa vom SSZ Neuperlach oder             fen werden. Oder, dass sie auf
sein, die Schule zur Hölle ma-         dem Jugendtreff Neuaubing, wer-        Schimpfwörter verzichten.
chen kann. Von Hänseleien über         den die Schulungsteilnehmer in
Beleidigungen bis hin zu regel-        vier Wochenendseminaren nicht          Am Ende des Projekttages hat-
rechtem Mobbing reicht die             nur zu Streitschlichtern, sondern      ten alle den gemeinsamen Ver-
Spanne, die öffentlich nur wenig       zu Streitschlichter-Trainern aus-      trag unterschrieben. Allerdings
wahrgenommen wird. Gegen-              gebildet. Noch ist diese nicht ab-     sehr unterschiedlich. „Manche
maßnahmen zu treffen ist eine          geschlossen, doch zum Konzept          riesengroß und schwungvoll, an-
klassische Aufgabe der Schulso-        gehört es, Erlerntes gleich prak-      dere nur winzig klein, ganz am
zialarbeit, doch Petra Sacher, die     tisch anzuwenden.                      Rand des Blattes“, wie Christel
Rektorin der Hauptschule an der                                               Pfeiffer erzählt. „Daran sieht man
Fromundstraße in München-Gie-          Die Gelegenheit ließ nicht lange       auch, wie unterschiedlich die ver-
sing, wäre froh, sie könnte in sol-    auf sich warten. Die Leiterin einer    schiedenen Kinder zu dieser Ver-
chen Fällen auf Sozialpädagogen        fünften Klasse bat Rektorin Sa-        einbarung stehen.“ Guten Willen
zurückgreifen. Bislang wurden ih-      cher um Unterstützung. Ihre Klas-      hatten aber alle gezeigt. Der ist
re Anträge auf Einrichtung von         se hatte große Disziplinschwie-        zwar eine wichtige Vorausset-
Schulsozialarbeit stets abgewie-       rigkeiten, verträgliche Umgangs-       zung, manchmal scheitert ein
sen.                                   formen waren eben so wenig ver-        verträgliches Miteinander aber
                                       mittelbar wie, als Folge daraus,       schon schlicht an Definitionsfra-
Statt langer Dienstwege beschritt      der Unterrichtsstoff.                  gen. Was ist zum Beispiel ein
sie vergangenes Jahr den Geh-                                                 Schimpfwort? Und was nicht?
weg zum benachbarten Kinder-           Also stellten Petra Sacher, Chris-     Die Elfjährigen hatten andere
und Jugendtreff (KJT) am Wetter-       tel Pfeiffer und die Klassenleiterin   Vorstellungen als die Dreizehn-
steinplatz, mit dem die Schule         einen Projekttag auf die Beine, in     jährigen der Klasse, zwischen
schon lange in regem Austausch         dem die Schüler über ihr Mitein-       den Deutschkenntnissen der Kin-
steht. Ob Schule und Freizeittreff     ander nachdenken, Probleme be-         der herrschte eine große Diskre-
nicht gemeinsam Gewaltpräventi-        nennen und nach Lösungen su-           panz. Auch deshalb musste erst
on und Konflikttraining organisie-     chen sollten. In kleinen Gruppen       geklärt werden, wen was eigent-
ren wollten, fragte sie dort nach.     schrieben die Fünftklässler auf        lich beleidigt. Seither hängt eine
Christel Pfeiffer (47), die Leiterin   Plakate, was sie derzeit an ihrer      Liste „verbotener Ausdrücke“ im
des KJT, wollte. Schließlich sind      Klasse stört. Und als hätte die        Klassenzimmer.
ihre Stammbesucher häufig Schü-        Klassenleiterin selbst die Plakate
ler der Hauptschule und die tru-       beschriftet, fanden sich dort wirk-    Was passiert, wenn der Vertrag
gen schon bisher ihre Probleme         lich alle Punkte, die ihr wichtig      gebrochen wird? „Ich möchte es
und Konflikte sowohl untereinan-       waren: dass „einige immer              anders formulieren“, sagt Christel
der als auch mit Lehrern hier her-     Schimpfworte sagen“ etwa, dass         Pfeiffer, „was passiert, wenn es
ein.                                   „es so laut ist“ und man sich des-     klappt?“. Dann gibt es einen zu-
                                       halb „nicht konzentrieren kann“        sätzlichen Ausflugstag für die
Weil weder Rektorin noch Sozial-       oder dass Schüler „sich gar nicht      Klasse. Obwohl die Kinder Diszi-
pädagogin über einschlägiges           melden und einfach losreden“.          plinarstrafen in den Vertrag auf-
Fachwissen bezüglich Mobbing,                                                 nehmen wollten, konnten die Pä-
Gewaltprävention oder Anleitung        Anschließend suchten die Kinder        dagoginnen sie davon abbringen.
von Streitschlichtern verfügten,       selbst nach Lösungsmöglichkei-         So gibt es nur eine positive Ver-
meldeten sie sich im November          ten, aus den Ideen, mit denen al-      stärkung, keine Bestrafung.
2003 gemeinsam mit einer weite-        le einverstanden waren, entstand


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                     41
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     Dennoch - oder gerade deswe-          bitten bisweilen auch Erwachse-       gut und sie weiß, wie wichtig die
     gen? - funktioniert die Vereinba-     ne, die mit dem Rauchen aufhö-        gemeinsamen Angebote für die
     rung. „Allein schon der soziale       ren wollen, ihre Freunde darum,       Schülerinnen und Schüler sind.
     Druck auf den Einzelnen, den          auf sie aufzupassen.
     Wandertag nicht zu gefährden,                                               Christel Pfeiffer weiß jedoch
     wirkt Wunder“. Auch im Kinder-        Auch wenn die eigene Fortbil-         auch, dass es keine Schulsozial-
     und Jugendtreff bemerkt Christel      dung zum Mediatoren-Ausbilder         arbeit zum Nulltarif geben wird,
     Pfeiffer, dass der Projekttag ei-     oder zum mobilen Kriseninter-         „Jugendarbeit kann das nicht ein-
     nen Stein ins Rollen gebracht         ventionsteam noch läuft, schmie-      fach aus dem Ärmel schütteln.“
     hat. „Sie fühlen sich jetzt einer     det die Schulrektorin Petra Sa-       Ohne zusätzliche Ressourcen an
     gemeinsamen Sache verpflich-          cher schon Zukunftspläne. Sie         Personal und Zeit bleibt dieses
     tet, sie reden darüber, sind sich     würde gerne in allen fünften Klas-    Engagement ein Luxus. Bislang
     des Problems bewusst und set-         sen einen Projekttag zur Konflikt-    erbringt sie die Leistungen für die
     zen sich damit auseinander.“ Und      prävention anbieten, hat schon        Schule freiwillig und zusätzlich zu
     manchmal gestehen die Schüler         einen Raum für die Quasi-Sozial-      ihrer Hauptaufgabe. Und die, dar-
     ihr auch, dass sie es nicht ganz      arbeit frei gemacht und könnte        an lässt sie keine Zweifel, liegt im
     schaffen, sich an die Regeln zu       sich eine regelmäßige Betreuung       Kinder- und Jugendtreff. „Bei 140
     halten. Für diesen Fall übernimmt     ihrer Schüler durch Lehrer wie        Besuchern an einem durch-
     ein Freund oder eine Freundin         durch KJT-Pädagogen gut vor-          schnittlichen Tag sind meine bei-
     aus der Klasse eine Patenschaft       stellen. Auch Christel Pfeiffer       den Kollegen und ich ganz gefor-
     und achtet mit darauf, dass man       kann sich gut vorstellen, einmal      dert.“ Auf Dauer wird der Geh-
     den Vertrag einhält. Ein wirksa-      die Woche vormittags in der           weg nicht genügen.
     mer Mechanismus, man muss             Schule präsent zu sein. Denn die
     nur darauf kommen. Schließlich        Zusammenarbeit funktioniert sehr


      Einrichtung           Kinder- und Jugendtreff am Wettersteinplatz          Tel. 6 92 01 73, Fax 69 80 48 63
                            Fromundstr. 1, 81547 München                         fezi-wetterstein@kjr-m.de
                            Ansprechpartnerin: Christel Pfeiffer
      Kooperationspartner   Hauptschule an der Fromundstraße
      Besteht seit          Oktober 2003
      Projekt/Ziele         Gemeinsame Fortbildung von Lehrern und Freizeit-
                            treff-Pädagogen zur Konfliktbehandlung an Schulen
                            und Streitschlichtungsprojekte in Schulklassen.
      Zielgruppe            Hauptschüler von der 5. bis 9. Klasse
      Finanzierung          -   Zusatzmittel des Stadtjugendamtes
                            -   Budget des KJR




     ASP Neuperlach
     Oase aus Holz

     München Neuperlach. Das ist die       die Autos nicht durch Fußgänger       Gut 50 höchstens zweigeschos-
     Trabantensiedlung im Südosten         gestört werden. Doch an der           sige kleine Häuschen mit etwas
     der Stadt, in der acht Stockwerke     nördlichen Grenze des Stadtteils,     windschiefen Dächern trotzen
     für ein Haus wenig sind, die          wo die vierspurige Quiddestraße       dem rechten Winkel. Die Holz-
     stummen Verkäufer ihre Zeitun-        die ebenso breite Albert-Schweit-     bauten stehen dicht beieinander,
     gen erst nach Geldeinwurf freige-     zer-Straße quert, hört eine kleine    verwinkelte Gässchen schlän-
     ben und einige Straßen alle 300       Siedlung nicht auf, den Betonbur-     geln sich durch die Kolonie, die
     Meter von einer schmalen Beton-       gen und Häuserschluchten krea-        spitzen Dächer und der hohe
     brücke überspannt sind, damit         tives Chaos entgegenzusetzen.         Stadtturm mit seinen Zinnen mu-


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                                                                                KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

                                                                              man beides zusammen bringt,
                                                                              gibt es echte Synergieeffekte.“
                                                                              Das Zauberwort Synergie bedeu-
                                                                              tet das Zusammenwirken ver-
                                                                              schiedener Kräfte, Stoffe oder
                                                                              Faktoren derart, dass ihre Ge-
                                                                              samtwirkung größer ist als die
                                                                              Summe der Wirkung der Einzel-
                                                                              komponenten.

                                                                              So einleuchtend das klingt, so
                                                                              fremd erschien der Gedanke zu-
                                                                              nächst manchem Tagesheim.
                                                                              Manfred Ossenbrunner beobach-
                                                                              tete schon oft die Tendenz zum
                                                                              Einigeln. „Gerade wenn dort zum
                                                                              Beispiel durch Krankheit Perso-





    Abenteuer in der Hüttenstadt
                                                                              nalnotstand herrscht, ziehen sie
                                                                              sich gern aufs Eingemachte zu-
ten mittelalterlich an. Und hätte       nem runden, freundlichen Ge-          rück und betreuen 100 Kinder mit
der Wind nicht die Gardine im Er-       sicht, die hochgekrempelten Är-       drei Betreuern. Dabei könnten
kerfenster eingerissen und zur          mel legen kräftige „Grabschau-        sie mit ihren Kindern zu uns kom-
Seite geweht, es würde nicht            feln“ frei, nur das dunkelblonde      men und unsere Personal- und
überraschen, wenn dahinter ein          „Fell“ auf dem Kopf lichtet sich      Raumressourcen für sich nut-
Burgfräulein erschiene. Nur das         ein wenig. Er erzählt von der         zen!“
große, gelbe Ortsschild sieht so        Nachbarschaft, dem Stadtviertel
ganz nach Gegenwart aus, in             und dass die Familien in Neuper-      Seit die Spielstadt vor 30 Jahren
schwarzen Druckbuchstaben steht         lach mit Kindertagesstätten recht     ihre Pforten öffnete, kamen im-
darauf „Spielstadt Maulwurfshau-        gut versorgt sind. „Sehr viele Kin-   mer schon Gruppen anderer Ein-
sen, Stadt München, Kreisju-            der sind hier in Horten und Ta-       richtungen vorbei, um ein paar
gendring“. Wie in jeder richtigen       gesheimen untergebracht.“ Fami-       Stunden auf dem Abenteuerspiel-
Stadt folgt gleich nach dem Orts-       lienpolitisch erfreulich, für Frei-   platz und im dazugehörigen Spiel-
schild das erste Verkehrszeichen.       zeitstätten wie die Spielstadt        haus zu toben. Mehr als hundert
Hier ist es ein dreieckiges Warn-       Maulwurfshausen aber auch pro-        Kindergärten, Schulklassen, Hor-
schild mit der Aufschrift „Spielen-     blematisch. „Das führt zu einer       te und andere Einrichtungen
de Bürger“.                             Scherensituation: in den Ferien       nutzten 2002 diese Möglichkeit,
                                        werden wir überrollt, während der     letztes Jahr waren es sogar
Die Bürger der Spielstadt, das          Schulzeit jedoch liegen die Besu-     knapp zweihundert. Die Steige-
sind laut „Einwohnermeldeamt“           cherzahlen unter den Kapazitäts-      rung hängt nicht zuletzt mit Man-
5349 registrierte Kinder zwischen       grenzen.“                             fred Ossenbrunners Bemühung
sieben und 13 Jahren, Mädchen                                                 um Kooperationsvereinbarungen
stellen fast die Hälfte aller Bürger.   Die Konsequenz konnte nur lau-        zusammen. „Die meisten Grup-
Zwar sind nie alle gleichzeitig in      ten, die Auslastung zwischen den      pen kommen nur ein- oder zwei-
der Stadt, doch im Sommer kön-          Ferien zu erhöhen und mit den         mal im Jahr“, sagt er. „Mein Ziel
nen es schon mal 200 „Bewoh-            Einrichtungen zu kooperieren, in      ist es, die Besuchshäufigkeit der
ner“ werden, die die vier Pädago-       denen die Kinder am Nachmittag        einzelnen Gruppen zu intensivie-
gen auf den drei Planstellen von        untergebracht sind. „Die haben ja     ren.“
Maulwurfshausen im Auge behal-          umgekehrt das Problem, dass
ten sollen.                             die Nachfrage bei gleichbleiben-      Das Schulzentrum Perlach-Nord
                                        dem Personalstand und begrenz-        auf der gegenüberliegenden Stra-
Einer von ihnen ist Manfred Os-         ten Raumressourcen ständig            ßenseite bot sich dafür geradezu
senbrunner. Der 53-Jährige hat          steigt“, sagt Manfred Ossenbrun-      an. Realschule, Orientierungs-
selbst etwas von einem Maul-            ner. „Wir dagegen haben in der        stufe und Gymnasium beherber-
wurf: stämmig, gedrungen, mit ei-       Schulzeit Kapazitäten frei. Wenn      gen mehr als 1000 Schüler, 100


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                    43
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     von ihnen sind im dazugehörigen     senbrunner und gibt sogleich die       die beste Bauleistung prämiert.
     Tagesheim untergebracht. Also       Antwort. „Einen schönen Platz          Daher suchen sich die geschick-
     vereinbarten Maulwurfshausen        zum Brotzeit machen, ein Areal         testen Baumeister stets die ver-
     und Tagesheim, regelmäßig zu-       mit der richtigen Atmosphäre           fallensten Häuser aus, um sie
     sammen zu arbeiten. Sie hielten     zum Spielen, Verstecken, Fangen        rundum zu renovieren. So bleibt
     zum Beispiel schriftlich fest, zu   und Austoben.“ Mit den Brücken,        Maulwurfshausen ein schmuckes
     welchen Zeiten die Spielstadt       Treppen, unterirdischen Gängen,        Städtchen. Manche Bauherren
     zum Beispiel bei Personalnot-       mehr als 50 Häusern und „1000          sind so begeistert bei der Sache,
     stand nach telefonischer Abspra-    Versteckmöglichkeiten“ sei diese       dass sie alles um sich herum ver-
     che genutzt werden kann. Wenn       Anlage einzigartig in ganz Mün-        gessen. „Erst als die letzte Wand
     die Eltern zustimmen, dürfen die    chen. „Wir haben als Kinder nur        von innen zugenagelt war, fiel ih-
     Kinder auch bleiben, bis um         eine Wäschestange gebraucht,           nen auf, dass sie Türen und Fens-
     18.00 Uhr die Stadttore geschlos-   um Tarzan zu spielen. Dagegen          ter vergessen hatten“ erinnert
     sen werden. Zwei solcher Verein-    ist das hier die reinste Goldgrä-      sich Manfred Ossenbrunner
     barungen gibt es bereits, weitere   berstadt!“                             schmunzelnd an die Gruppe ei-
     sind in Vorbereitung. Und obwohl                                           ner Sonderschule.
     die Schriftstücke auf nur einer     Sogar aus Rosenheim reiste eine
     Seite Platz haben und nicht ein-    Klasse an, vormittags stand die        Die Schulklassen und Hortgrup-
     mal eine Unterschrift tragen, ist   Filmstadt Geiselgasteig und nach-      pen vergleicht er mit Touristen,
     „die Verbindlichkeit deutlich ge-   mittags die Spielstadt Maulwurfs-      die etwa in Rom auch nur einen
     stiegen“, so Manfred Ossenbrun-     hausen auf dem Programm. Beim          kleinen Ausschnitt der Stadt ken-
     ner. Und damit die Zahl der Besu-   Abschied fragte die Lehrerin ihre      nen lernen, die Sprache vielleicht
     cher.                               Schüler, was von beidem ihnen          gar nicht verstehen und die kom-
                                         besser gefallen habe. Das Votum        munalen Abläufe nur zum Teil
     Ein Ergebnis dieser Zusammen-       war eindeutig: gegen die „echte“       verstehen. „Aber ich kann als
     arbeit ist der Faschingsball, den   Spielstadt hatten selbst die Kulis-    Tourist mit offenen Augen durch
     beide Einrichtungen gemeinsam       sen von Asterix und Obelix oder        die Stadt gehen, die Atmosphäre
     ausrichten. Weil dabei die Tages-   Marienhof keine Chance.                genießen und vielleicht entschei-
     heim-Erzieher die KJR-Pädago-                                              de ich mich dafür, irgendwann
     gen unterstützen, können alle       Und das, obwohl Besuchergrup-          nach Rom zu ziehen.“ Die Tages-
     zehn Räume im Spielhaus geöff-      pen gar nicht wirklich bauen kön-      touristen aus Maulwurfshausen
     net werden, von der Geisterbahn     nen, dafür reicht die Zeit nur,        sind davon so angetan, dass sie
     im Keller über den Toberaum im      wenn Kinder regelmäßig kom-            bei der Abreise oft spontan eine
     ersten Stock bis hin zum Kinder-    men. Richtig bauen ist den Bür-        Spende für die Einrichtung über-
     café Wolkenzimmer unter dem         gern vorbehalten, die für 100          geben, obwohl das Angebot für
     Dach. Das ist Synergie.             Maulis (entspricht 100 Cent) ei-       sie eigentlich kostenfrei ist. Viel-
                                         nen Ausweis erwerben und dann          leicht aber auch gerade deswe-
     Die meisten Gruppen kommen          gemeinsam mit mindestens zwei          gen.
     jedoch wegen der Spielstadt im      anderen Kindern Grundstücke
     Freien. 17 Schulklassen statteten   mieten und bebauen können. Im          Von November bis Februar ist die
     der Holzsiedlung 2003 einen Be-     Magazin bekommen sie das               Spielstadt stets eingewintert,
     such ab, meist im Rahmen eines      Werkzeug und im Holzlager das          doch ab März strömen die Bürger
     Wandertags. Der Einzugsbereich      Bauholz, in der Regel Schwartlin-      wieder herbei, rücken mit Ham-
     konzentriert sich zwar auf den      ge, also die Bretter vom Rand ei-      mer, Nägeln und frischen Schwart-
     Münchner Südosten, manche           nes Baumstamms, die zur einen          lingen den Schäden zu Leibe und
     kommen jedoch auch aus Laim,        Seite hin abgerundet und zum           lassen ihre Stadt neu erblühen.
     Feldkirchen oder Gauting.           Teil noch mit Rinde bedeckt sind.      Und bestimmt zupft dann jemand
                                         Beim jährlichen Wettkampf um           die Gardine im Erkerfenster gera-
     „Was erwartet eine Klasse vom       den „Goldenen Hammer“ wird             de.
     Wandertag?“, fragt Manfred Os-      nicht die schönste Deko, sondern




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                                                                               KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

 Einrichtung            Spielstadt Maulwurfshausen                              Tel. 6 70 11 31, Fax 18 92 27 57
                        Albert-Schweitzer-Str. 24, 81735 München                spielstadt-maulwurfshausen@kjr-m.de
                        Ansprechpartner: Manfred Ossenbrunner
 Kooperationspartner    Tagesheim vom Schulzentrum Perlach-Nord
                        verschiedene Schulen aus München und Umgebung
 Besteht seit           September 2003
 Projekt                -   Nutzung der Angebote des ASP für Schüler des
                            Tagesheims
                        -   „Wandertag einmal anders“: Angebot an Schulen
                            in und um München, die Spielstadt als Ziel für
                            Schulausflüge zu wählen.
 Zielgruppe             -   durchschnittliche Zahl der erreichten Kinder
                            * Kooperation Tagesheim                       275
                            * Schulklassenprogramm                        400
                        -   Alter                                        6-14
 Finanzierung           Budget des KJR




Spielhaus Sophienstraße
Gießkanne in der Spielwüste

In Axel Hackes wunderbarem            hinten einen langen Dinoschwanz           spannend ist die Drachenfracht,
Buch „Der kleine König Dezem-         und vorne einen großen Dra-               die Jutta Schneider und ihre Kol-
ber“ steht ein riesiger hässlicher    chenkopf aus Pappmaché ge-                legin zweimal im Monat auspa-
Drache zwischen den Autos im          baut haben. Und auf der Ladeflä-          cken. Alle zwei Wochen verlegen
Münchner Berufsverkehr. Er ist        che, gewissermaßen im Dra-                sie ihren Arbeitsplatz auf öffentli-
ungefähr so lang wie ein Lastwa-      chenbauch, da stapeln sich Kis-           che Plätze, in der übrigen Zeit
gen und so blau wie ein Autobus,      ten voller Spielmaterial: Hüpfgum-        sind sie im Spielhaus an der So-
er verströmt Auspuffgase und          mis und Seile, Federballschläger          phienstraße zu finden, gleich ne-
schnaubt Feuer aus seinen Nüs-        und Frisbee-Scheiben, Kricketto-          ben dem alten Botanischen Gar-
tern, so laut wie ein Hubschrau-      re und -Schläger, Bälle, Brett-           ten.
ber. Und trotzdem bemerkt ihn         und Kartenspiele, Pedalos, Iso-
niemand.                              matten und und und. Dazu die              Das Spielhaus gibt es schon seit
                                      Malkiste mit Buntstiften, Papier          mehr als 55 Jahren, Jutta Schnei-
Der Drache vom Spielhaus dage-        und Klemmbrettern (damit man              der selbst arbeitet hier seit zwei
gen ist ungefähr so lang wie ein      ohne Tische zeichnen kann) und            Jahrzehnten und leitet es seit sie-
Kleinbus und so grün wie eine         die Bastelkiste mit Kleber, Kar-          ben Jahren. Genau genommen
Gurke, er fährt ohne Abgase und       ton, Schere, Schwämmen, Fe-               ist es ein Spielhäuschen: Mit 20
schnaubt auch nicht laut, doch        dern, Korken, kurz: mit allem, wo-        Kindern ist die Bude übervoll.
wenn er auf einen Spielplatz oder     rausmanbeispielsweise Schwimm-            Doch so lange es nicht regnet,
Schulhof einbiegt, entgeht das        tiere basteln kann.                       stört das keinen. Gleich zwei
niemandem, schon gar keinem                                                     Spielplätze laden zum Austoben
Kind. Denn dann sind Jutta Schnei-    „Die Leute staunen immer wie-             ein: Eine Kletterburg mit Rutsche,
der und Anne-Marie Brekle unter-      der, wie viel Material sich mit dem       ein Wasserspielplatz mit Pumpe
wegs. Wo sie Halt machen, da          Fahrrad transportieren lässt“ er-         und Sandkasten, dazu Schau-
wird in kürzester Zeit aus jeder      zählt Jutta Schneider (48). Diese         keln, Wipptiere, ein großes Spin-
Wiese und aus jeder Betonfläche       Überraschung ist gewollt, schließ-        nennetz und nicht zuletzt die rie-
ein riesiger Spielplatz.              lich möchte sie - ganz nebenbei -         sige Freifläche mit einem kleinen
                                      Werbung für kindgerechte Mobili-          Rodelhügel.
Der Drache mit den knallroten         tät machen, eben per Drahtesel.
Zacken und den gelben Augen ist       Mit Staunen halten sich die Kin-          Die Lebenswelt von Kindern hat
ihr Lastenfahrrad, an das Kinder      der allerdings nur kurz auf, zu           sich in den letzten Jahren jedoch


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                         45
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


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                                                                                   ten“, erinnert sich Jutta Schnei-
                                                                                   der an dieses denkwürdige Er-
                                                                                   eignis im Frühsommer 2002.
                                                                                   „Viele der Kinder bekamen offen-
                                                                                   sichtlich sonst kaum Anregungen
                                                                                   zu sinnvoller Freizeitgestaltung.“
                                                                                   Ab Mai 2003 kam der Drache re-
                                                                                   gelmäßig auf den Pausenhof ge-
                                                                                   fahren. Jeden zweiten Montag
                                                                                   von 14.00 bis 17.00 Uhr konnten
                                                                                   Schüler von der ersten bis zur
                                                                                   vierten Klasse rumtoben, „Zicke-
                                                                                   zacke Hühnerkacke“ spielen, sich
                                                                                   vom „Drachentaxi“ herumkut-
                                                                                   schieren lassen, basteln oder
                                                                                   sich mit Klemmbrett und Buntstif-
     




         Von wegen Spielwüste
                                                                                   ten ganz ruhig an einen Baum
                                                                                   lehnen. Und obwohl dies auf dem
     verändert. „Vor zehn Jahren wa-        Jutta Schneider erging es wie          Gelände der Blutenburgschule
     ren Kinder noch nicht so stark in      dem Propheten mit dem Berg:            stattfand, konnten auch alle inter-
     feste Zeitpläne zwischen Schule,       Sie entschloss sich vor vier Jah-      essierten Kinder zwischen sechs
     Hort, Nachhilfe, Förderunterricht      ren, die Kinder dort „abzuholen“,      und elf Jahren aus der Nachbar-
     und Neigungskurse eingeschnürt         wo sie sind. Das Konzept der Mo-       schaft dazustoßen. 20 bis 30 wa-
     wie sie das heute sind“, hat Jutta     bilen Arbeit war geboren, fortan       ren regelmäßig dabei. „Kinder
     Schneider beobachtet. Eltern           gab es regelmäßige Bespielun-          sind lange nicht so mobil, wie wir
     wiederum sind vermehrt berufs-         gen auf öffentlichen Plätzen und       Erwachsenen glauben und fin-
     tätig, sie wollen zunächst die         Grünflächen, fortan setzte sich        den oft nicht den weiten Weg ins
     Grundbedürfnisse abgedeckt wis-        der Konvoi aus Drache samt An-         Spielhaus“, sagt Jutta Schneider.
     sen, etwa die Mittagsverpflegung       hänger sowie mit Tiger- und Gi-        Die Spielaktion auf dem Schulhof
     oder die Hausaufgabenbetreu-           raffenrädern alle 14 Tage in Be-       bietet noch einen Vorteil: „Wir
     ung. Der pädagogische Wert von         wegung, um für drei Stunden            hatten immer wieder Kinder da-
     offenen Angeboten für Kinder er-       zum Beispiel auf der Wiese vor         bei, die eigentlich nicht alleine
     schließt sich für Eltern eher          der alten Pinakothek Halt zu ma-       raus dürfen. Aber in die Schule
     schwer. Schließlich offenbart sich     chen. Auf der Suche nach neuen         zum Spielen gehen, dagegen
     der Gewinn, anders als beim            Örtlichkeiten für diese Aktion ent-    hatten die Eltern nichts einzu-
     Fußballtraining oder beim Klavier-     deckte das Spielhaus-Team ei-          wenden.“
     unterricht, nicht unmittelbar.         nen großen Spielplatz, gleich ne-
                                            ben der Blutenburg-Grundschu-          So war allen gedient: Sowohl der
     Doch in Jutta Schneiders Augen         le.                                    Schule und ihren Schülern mit ei-
     ist er enorm: Kinder lernen dabei,                                            nem tollen Spielangebot, das die
     Freiräume zu erkennen und zu           Eigentlich wollten sie die Rekto-      hauptsächlich theoretische Wis-
     nutzen, eigene Entscheidungen          rin nur darum bitten, in der Schu-     sensvermittlung am Vormittag
     zu treffen, sich für ihre Interessen   le für das Spielangebot werben         durch praktische soziale Interak-
     einzusetzen und diese mit den          zu dürfen, doch die war davon so       tion am Nachmittag ergänzt. Als
     anderen Kindern abzustimmen.           begeistert, dass sie gleich nach       auch dem Spielhaus mit einer
     Und wo dies nicht gleich gelingt,      einer dauerhaften Kooperation          festen Anlaufstelle und reichlich
     sind Konfliktlösungsstrategien ge-     fragte. Zunächst vereinbarten          Zuspruch. Nicht zuletzt findet Jut-
     fragt. Alles Lernfelder, sagt die      beide, den Spiele-Drachen zum          ta Schneider nun stets ein offe-
     Pädagogin, die ein starres, weil       Schulfest zu schicken. Die Reak-       nes Ohr, wenn sie die Angebote
     von vornherein festgelegtes An-        tion der Kinder überraschte auch       des Spielhauses - vom Selbstbe-
     gebot in der Form nicht bieten         die erfahrenen Pädagoginnen. „Die      hauptungstraining bis zum Feri-
     kann.                                  Schüler waren regelrecht aus-          enkurs - in der Schule bewerben
                                            gehungert nach angeleiteten Spiel-     will.


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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

Bis Oktober 2003 lief die Pausen-     ist Feingefühl und Gleichgewichts-         Woche wird jedoch nicht gehen,
hofbespielung. Mit einem Niedrig-     sinn gefordert. Zwei Seile, nicht          bei zwei vollen Stellen ist mehr
seilgarten verabschiedete sich        mehr, schon gar keine Sensation.           nicht drin. Schließlich muss das
das Team in die Winterpause.          „Aber die Kinder standen in lan-           Spielhaus selbst geschlossen
Niedrigseilgarten, das sind zwei      gen Schlangen an, um es auch               bleiben, wenn die Pädagoginnen
Seile, x-förmig zwischen zwei         probieren zu können“, berichtet            unterwegs sind. Auch steht noch
Bäume gespannt. Eines verläuft        die Pädagogin. Und fügt hinzu:             nicht fest, wo das Team mit sei-
von oben nach unten, das andere       „Kinder brauchen keine Sensatio-           nem Spielepaket auftauchen wird,
entgegengesetzt. Kann man sich        nen, sondern Anregungen“.                  zu viele Plätze gibt es, die zu be-
zu Beginn noch am oberen Seil                                                    suchen lohnend wäre. Aber si-
festhalten, so wird es schwieri-      Ab Mai diesen Jahres wird das              cher ist: Der Drache wird wieder
ger, je weiter man kommt, denn        Spielhausteam wieder unterwegs             dabei sein. Und die Kinder wer-
in der Mitte kreuzen sich beide       sein, um Regen in die Spielwüste           den ihn als erstes bemerken.
und liegen auf gleicher Höhe. Da      zu tragen. Öfter als einmal die


 Einrichtung            Spielhaus Sophienstraße                                  Tel. 59 10 98, Fax 59 10 61
                        Sophienstr. 15, 80333 München                            spielhaus.sophienstrasse@kjr-m.de
                        Ansprechpartnerin: Jutta Schneider
 Kooperationspartner    Grundschulen in der Maxvorstadt
 Besteht seit           2002
 Projekt/Ziele          Regelmäßige Spiel- und Bastelangebote auf Schulhö-
                        fen am Nachmittag mit vielfältigen Spiel- und Sportge-
                        räten sowie Bastelmaterialien.
 Zielgruppe             -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                            Kinder/Jugendlichen (pro Angebot)           20-50
                        -   Alter                                         6-12
                        -   Anteil Mädchen                               60 %
                        -   Anteil Migrantenjugendliche                  40 %
 Finanzierung           -   Bezirksausschuss 3
                        -   Budget des KJR




Lok Freimann
Worte den Stummen

Alle paar Wochen fühlt sich Tanja     Geschichten ausdenken, Theater             mit gelbem Posthorn auf dunkel-
Kopp wie der Nikolaus. Dann           spielen oder Filme drehen, um              grünem Grund. Doch innen gibt’s
klopft sie schwer bepackt an die      ebenfalls nur ein paar Beispiele           Sofas statt Holzbänke, aus den
Türe einer Grundschulklasse, im       zu nennen.                                 Bahnwaggons sind unter ande-
Gepäck keine Orangen und Nüs-                                                    rem Küche, Kreativwerkstatt, To-
se, sondern Schminke, Kleister,       Tanja Kopp (26) ist Kunst- und             be- und Partyräume geworden.
Kreppband, Acrylfarbe, Pinsel,        Theaterpädagogin in der Lok                Und bislang hat noch niemand
Bücher und einen Kochtopf - um        Freimann, jener Freizeiteinrich-           die Lokomotive vermisst. Viel-
nur sieben Sachen einer seiten-       tung des KJR, der ausgerechnet             leicht, weil das Lok-Team selbst
langen Materialliste zu nennen.       die Lok fehlt, um ihrem Namen              genug Dampf macht und Tanja
Und für die Schulkinder ist es wie    gerecht zu werden. Dafür stehen            Kopp ihn bis in die nahe gelege-
Weihnachten. Denn wenn Kopp           im Garten auf kurzen Gleisstü-             ne Grundschule an der Keilberth-
vor der Tür steht, dann heißt das     cken zwei ausrangierte Postwag-            straße bringt.
mindestens einen Vormittag lang       gons nebeneinander, verbunden
rätseln, basteln, spielen, singen,    durch einen hölzernen Bahnsteig,           Dort klopft sie natürlich nicht wahl-
verkleiden, improvisieren, malen,     außen noch original gestrichen             los an die Türen. Denn zuvor hat


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                           47
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


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                                                                                   wandelte sich der Sportplatz in
                                                                                   die „Wiesn“ mit Achterbahn,
                                                                                   Ständen und Marktschreiern. Die
                                                                                   Kinder spielten auch nach, wie es
                                                                                   vor 200 Jahren in einer Bayeri-
                                                                                   schen Volksschule oder beim
                                                                                   Melken und Käsen auf einer Alm
                                                                                   zuging. Sie interviewten sich ge-
                                                                                   genseitig dazu, was ihnen an
                                                                                   Deutschland (nicht) gefällt, sie
                                                                                   bastelten Gartenzwerge, erzähl-
                                                                                   ten Geschichten und trugen Ge-
                                                                                   dichte vor. Und zur Episode „Os-
                                                                                   tern“ bemalten sie nicht nur Eier,
                                                                                   sondern kochten auch eine „Os-
                                                                                   terhasensuppe“ - dafür der Koch-
     




         Abenteuer Deutschland
                                                                                   topf im Gepäck.

     eine Lehrkraft ihrerseits bei der       ihr Verhältnis zueinander“, er-       „Menschen kann ich nur über ihre
     Lok Freimann angeklopft. Diese          zählt Tanja Kopp.                     Sinne erreichen“, sagt Tanja
     bietet seit 2001 kreative Projekt-                                            Kopp, „also muss ich auch Sach-
     wochen für Schulklassen und seit        Natürlich bedarf es nicht erst ei-    verhalte und Lerninhalte mög-
     kurzem auch einzelne Vormittags-        ner Theaterpädagogin, um sol-         lichst sinnlich vermitteln.“ Sie
     programme in den Sparten Male-          che Themen zur Sprache zu brin-       spricht von der „erlebnispädago-
     rei, Geschichten oder Theater an.       gen. Aber schon eher, um sie zu       gischen Triade aus Erleben, Aus-
     Wie stets in der Schule ist natür-      Papier zu bringen. Oder auf einen     druck und Verstehen“, ohne eige-
     lich auch hier Lernen das erklärte      Malblock, in eine eigene Ge-          nes Erlebnis und ohne Möglich-
     Ziel. Aber mit allen Sinnen.            schichte oder auf die Bühne. „Ziel    keit, sich dazu auszudrücken, ist
                                             ist dabei nicht immer das Pro-        demnach Verstehen - und also
     Kürzlich wandte sich eine Lehre-        dukt, wohl aber der Prozess“, er-     Lernen - kaum möglich. Daher ist
     rin der Keilberthschule mit dem         klärt Tanja Kopp das Konzept.         es eines ihrer größten Anliegen,
     Wunsch an Tanja Kopp, mit ihrer         Beim Thema „Deutschland“ gab          Kindern verschiedenste, kreative
     dritten Klasse eine Projektwoche        es ein Produkt - einen Film mit       Ausdrucksmittel nahe zu bringen,
     zum Thema „Deutschland“ aus-            vielen Episoden. Zum Beispiel         sei es Malen, Basteln, Improvisa-
     zurichten. Also wälzten beide Pä-       über die 4000 Jahre alten Pfahl-      tion, Schauspiel oder Bildhaue-
     dagoginnen Bücher über Deutsch-         häuser im Bodensee. Dazu durf-        rei.
     land, sammelten Ideen und frag-         ten Kinder mit Pappe, Schere,
     ten die Schüler selbst: Was fällt       Kleber und Farbe eigene Pfahl-        „In der Schule steht nun einmal
     euch zu Deutschland ein? Was            bauten errichten und im Film vor-     das Kognitiv-Reproduktive im Vor-
     gefällt euch hier, was nicht? „Hier     stellen.                              dergrund. Daher ist es um so
     ist doof, dass so viele streiten“,                                            wichtiger, dass Kinder auch ler-
     antworteten manche und blickten         Die Fahrt der ersten Eisenbahn        nen, sich kreativ und schöpfe-
     sich gleich darauf etwas betreten       zwischen Nürnberg und Fürth im        risch auszudrücken.“ Dazu zählt
     an - schließlich gab es auch in         Jahre 1835 stellte die Gruppe         natürlich auch Sprache. Zum
     der Klasse oft genug Streit. „Mich      spielerisch dar. Auf einer lange      Thema Wald beispielsweise
     stört, dass hier so viele Türken        Papierrolle entstand mit Farbe,       schickt die Theaterpädagogin die
     sind“, sagte ein Junge. Und beeil-      Pinseln und Schwämmen die             Kinder gerne in das kleine Wäld-
     te sich, seinem türkischen Bank-        Landschaft, die nachher als Ku-       chen hinter der Lok auf Entde-
     nachbarn zu versichern: „Ich mein       lisse langsam an den Passagier-       ckungsreise. Mit Diktiergeräten
     jetzt nicht dich, aber...“. „Ich ver-   Schauspielern vorbeigetragen wur-     sollen sie vor Ort festhalten, was
     steh’, was du meinst“, antwortete       de. Die beschwerten sich heftig       sie entdecken, sollen laut denken
     dieser. „Und schon waren sie mit-       über die rasende Geschwindig-         und so diese Gedanken einfan-
     tendrin in einer Diskussion über        keit von 20 Stundenkilometern.        gen. Was hat sich wohl früher in


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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

dem zerfallenen Baumhaus ab-          auch ihr Selbstwertgefühl. Tanja     Kinder, die oft auch Besucher bei
gespielt? Wie ist der kaputte         Kopp besuchte mit einer Kinder-      ihnen in der Lok sind, in anderen
Fernseher hierher gekommen?           gruppe das Institut für Kunstpäd-    Zusammenhängen und bei ande-
Wo hatte wohl früher das zerris-      agogik in München. Dort durften      ren Tätigkeiten neu kennen. Und
sene Sofa, das jetzt in einer Gru-    die Schüler wiederum mit dem         zusätzlich erreichen sie diejeni-
be liegt, seinen Platz? Und woh-      Diktiergerät Bilderbücher zum        gen Kinder, die sonst nicht in die
nen im dichten Unterholz wohl         Thema „Fremde Kulturen“ kom-         Lok kommen würden. Die Kinder
Kobolde, die nur nachts sichtbar      mentieren, die Studierende am        selbst entdecken, welche Talente
werden? „Ein solcher Wald ist         Institut gemalt hatten. Daraus       in ihnen schlummern, sie gewin-
voller Geschichten“, sagt Tanja       entstand eine Ausstellung in der     nen Selbstvertrauen und die Klas-
Kopp, „und Kinder haben Phanta-       Schwabinger Seidlvilla mit den       sengemeinschaft profitiert von
sie für 10.000 Geschichten.“ Man      Bilderbüchern samt Beschrei-         den gemeinsamen Erlebnissen.
muss sie nur herauskitzeln.           bungen der Kinder. Dass ihre         Bleiben da noch Wünsche offen?
                                      Texte zusammen mit Bildern von       „Ja“, sagt Tanja Kopp. „Ich wün-
Zurück im Klassenzimmer wer-          Kunstpädagogikstudenten aus-         sche mir, dass dieser Stadtteil -
den die Bänder abgehört, die Be-      gestellt und auch von Erwachse-      immerhin der kinderreichste Mün-
obachtungen und Ideen notiert,        nen ernst genommen wurden            chens - seinen Kindern hilft, ihre
schnell entsteht daraus ein gan-      „war ein tolles Erlebnis für die     Energien kreativ zu nutzen, ihnen
zer Krimi, den die jungen Autoren     Kinder“, berichtet die Kunst- und    Möglichkeiten gibt, sich auch über
mit Begeisterung vorantreiben.        Theaterpädagogin. „Das mit dem       Sprache auszudrücken. Viele Kin-
Hauptsache ist Phantasie, nicht       Diktiergerät ist eine Form, die      der hier können weder richtig
Rechtschreibung. Das ungewohn-        funktioniert hat. Und nach For-      deutsch noch türkisch, damit ist
te Hilfsmittel und die Möglichkeit,   men, die funktionieren, suche ich    ihnen teilweise die Möglichkeit
drauflos zu phantasieren, setzt       immer wieder.“                       entzogen, sich verbal mitzutei-
bei den Kindern „Lust frei, sich                                           len.“ Weil aber jedes Wesen sich
überhaupt sprachlich auszudrü-        Die Kreativ-Kooperation zwischen     mitteilen, seine Bedürfnisse und
cken“, hat Tanja Kopp schon oft       Freizeiteinrichtung und Schule ist   Gefühle ausdrücken will, bleiben
beobachtet. „Und das ist die Ba-      auf ihre Weise eine Form, die        manchen nur noch Aggression
sis für die gesamte Entwicklung       funktioniert. Grundlage dafür ist    und Gewalt.
ihrer sprachlichen Ausdrucksfä-       ein „großes gegenseitiges Ver-
higkeit. Wenn sie dazu keine Mo-      trauen“ und langjährige Kontakte.    Ihr Fernziel ist es, Kindern über
tivation haben, dann werden sie       Tanja Kopp kennt inzwischen alle     die Arbeit an und mit der Kunst
sich auch nie für Rechtschrei-        Lehrer, und wenn Kinder beim         Stabilität, Orientierung und ein
bung interessieren.“ Dass Kinder      spielen und Basteln in den Bahn-     Ziel fürs Leben zu geben. „Kon-
mit dem Diktiergerät auf Schatz-      waggons auffällig werden, ruft sie   kret gesagt: dass sie wissen, was
suche förmlich aufblühen, dass        schon mal bei der Klassenleiterin    sie beruflich machen wollen und
„Sprachlose“ plötzlich Worte fin-     an und fragt nach, Lehrer ihrer-     wie sie dahinkommen. Und dass
den, zu erzählen anfangen und         seits schließen sich mit den Lok-    sie von der Straße und von der
sich mitteilen können, das ge-        Pädagoginnen kurz.                   Kriminalität weg kommen, am
schieht immer wieder. Genau das                                            besten, dass sie erst gar nicht da
ist das Ziel: Die Ressourcen der      Beide Seiten ergänzen sich sym-      landen. Das Wichtigste ist ohne-
Kinder freizulegen. Und gleich ob     biotisch. Tanja Kopp bringt ihr      hin, dass die Kinder glücklich
Geschichte, Kunstwerk oder            kunst- und theaterpädagogisch-       sind.“ Das klingt, als wollte sie
Schauspiel, sie „lernen sich in       es Wissen in die Projekte ein,       Weihnachten und Ostern zusam-
solchen Projekttagen oft ganz         Lehrer können sich von ihr neue      menlegen. Fürs Erste sorgt sie
neu kennen und verstehen.“            Methoden und Techniken ab-           dafür, das beides öfters stattfin-
Bisweilen steigt nicht nur ihre       schauen. Tanja Kopp und ihre         det. Denn schon bald wird sie an
Achtung voreinander, sondern          Kolleginnen wiederum lernen die      die nächste Türe klopfen.




OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                  49
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

      Einrichtung            Lok Freimann                                            Tel. 31 86 86 81, Fax 31 86 86 83
                             Gustav-Mahler-Str. 2, 80939 München                     lok.freimann@kjr-m.de
                             Ansprechpartnerin: Tanja Kopp

      Kooperationspartner    Volksschulen in München
      Besteht seit           2001
      Projekt/Ziele          Kulturpädagogische Projektwochen und Projektvor-
                             mittage für Grundschulklassen als künstlerisch-
                             schöpferischer Ergänzung zum kognitiv-reprodukti-
                             ven Unterricht.
      Zielgruppe             immer die ganze Klasse - jeweils eine Klasse (Vormit-
                             tage) bzw. mehrere Klassen (Projektwoche)
                              - durchschnittliche Zahl der erreichten
                                Kinder/Jugendlichen (Vormittage)                25
                                (Projektwoche)                                  75
                              - Alter                                         6-11
                              - Anteil Mädchen                               50 %
                              - Anteil Migrantenjugendliche                  60 %
      Finanzierung           Budget des KJR




     Natur- und Kulturtreff Rumfordschlössl
     Operation „Geheimtier“

     So schön kann Misserfolg enden.       München-Stadt, die seit 1990              spricht. Was im Biologieunterricht
     Eigentlich wollte der pfälzische      „Natur- und Kulturtreff Rumford-          die Schautafel und der Lehrfilm
     Erzherzog Carl Theodor sein           schlössl“ heißt. Der Name ist Pro-        sind, ist hier die Natur selbst,
     1777 vom bayerischen Kurfürs-         gramm. Kindergruppen und Schul-           statt Modellen gibt’s das Original.
     ten geerbtes Land gegen die Nie-      klassen können hier, nur wenige           Statt Arbeitsblättern bekommen
     derlande eintauschen. Doch weil       Froschhüpfer vom Eisbach ent-             die Kinder hier die Blätter der 24
     dies misslang, widmete er sich        fernt, mitten in der Stadt die Na-        im Englischen Garten heimi-
     der Umgestaltung Münchens. Er         tur entdecken. Die kennen sie zu          schen Baumarten zu sehen, statt
     ordnete an, das herrschaftliche       oft vor allem aus der Werbung,            Klassenarbeit und Lehrbuch wer-
     Jagdgebiet in den Isarauen „zur       wo Kühe lila sind, Biber Zähne            den ihnen Kescher und Lupe in
     allgemeinen Ergötzung für Dero        putzen und Bären zufrieden                die Hand gedrückt.
     Residenzstadt München herstel-        brummen, weil sie das richtige
     len zu lassen, und diese schöns-      Toilettenpapier mit in den Wald           Bei aller Praxisnähe gibt’s trotz-
     te Anlage der Natur dem Publi-        genommen haben. „Mensch und               dem eine theoretische Einfüh-
     kum in ihren Erhohlungs-Stun-         Natur gehören zusammen“, sagt             rung ins Thema und passende
     den nicht länger vor zu enthalten“    Sabine Laske (47), seit zehn Jah-         Spiele, Experimente oder Rätsel.
     - die Geburtsstunde des Engli-        ren die Leiterin des Rumford-             Wenn der Lebensraum Wasser
     schen Gartens.                        schlössl. „Sie haben sich aber            auf dem Programm steht, werden
                                           besonders in der Großstadt stark          die Schüler beispielsweise um ei-
     Mittendrin steht seit 1791 das        entfremdet.“ Dies zu ändern, zu-          ne Aufzählung gebeten: Wie viele
     klassizistische Rumfordhaus, ziem-    mindest ein klein wenig, ist ihr er-      Automarken kennt ihr? Wie viele
     lich genau auf halbem Wege zwi-       klärtes Ziel.                             Comicfiguren? Und wie viele Was-
     schen Monopterus und Kleinhes-                                                  sertiere und -pflanzen? „Die letz-
     seloher See, die allerdings beide     Rund 700 Klassen aller Schular-           ten beiden Kategorien gewinnen
     erst später entstanden.               ten haben sich seit 1999 darauf           höchst selten“, sagt Sabine Las-
                                           eingelassen. Seither bietet der           ke. Aber das kann ja noch wer-
     Es beherbergt seit Mitte der          Natur- und Kulturtreff umweltpäd-         den. Zum Beispiel nach der
     sechziger Jahre eine Freizeitein-     agogische Praxisvormittage an,            nächsten Aufgabe.
     richtung des Kreisjugendring          die halten, was der Name ver-


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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

                                                                              Heuschreckenperspektive nach
                                                                              Geräuschen und Bewohnern un-
                                                                              tersucht. Jede Hecke ist ein Le-
                                                                              bensraum für sich, doch wenn
                                                                              die Pädagoginnen die Schüler ins
                                                                              Dickicht führen und es gemein-
                                                                              sam nach Tierspuren, Insekten
                                                                              oder Blüten absuchen, dann sind
                                                                              das für die meisten völlig neue
                                                                              Erfahrungen. Ebenso die Idee,
                                                                              aus Blättern, Ästen, Sand, Lehm,
                                                                              Holz, Stroh und Sägespänen -
                                                                              und aus allem anderen, was in
                                                                              der Natur zu finden ist, nach den
                                                                              Vorbildern von Andy Goldsworthy
                                                                              oder Nils Udo - ganze Natur-
                                                                              kunstwerke, Skulpturen und Bil-





    Wassersafari, Hecke, Wiese, Vögel?
                                                                              der zu erschaffen.

Den Schülern wird ein „Geheim-           diese Freude bei älteren Schü-       Selbst wenn die Gruppen mal
tier“ beschrieben, wie die Päda-         lern doch verwunderlich an.          im Rumfordschlössl bleiben, ist
gogin mit verschmitztem Lächeln          Schließlich stecken Jugendliche      „Umwelt“ immer das Thema. Beim
schildert. Dieses Geheimtier soll        in der achten Klasse mitten in der   Papierschöpfen geht’s nebenbei
einen Kopf und einen langen Kör-         Pubertät und sorgen sich vor al-     um die Geschichte der Papierher-
per haben, sechs Beine und ei-           len Dingen um ihre Coolness.         stellung und um Papierrecycling.
nen dreigegabelten Schwanz. Je-          „Das stimmt schon“, bestätigt Sa-    Beim Färben von Seidentüchern
der darf nach dieser Beschrei-           bine Laske, „besonders die Mäd-      mit Hilfe von Blüten, Blättern und
bung sein eigenes Geheimtier             chen aus der Achten kommen           Wurzeln erfahren die Kinder nicht
zeichnen, die Bilder werden „so          gerne mal auf Plateauschuhen         nur, wie die blaue Farbe in ihre
verschieden wie die Kinder               angetanzt. Sie waten dann auch       Jeans kommt, sondern auch, wel-
selbst“. Spätestens danach wird          entsprechend skeptisch und krei-     che Rolle Farben im Tier- und
aus dem Klassenausflug eine Ex-          schend durch den Eisbach, aber       Pflanzenreich spielen. Und bei
pedition, denn nun dürfen die jun-       wenn sie fündig werden, dann         der Filzherstellung aus Rohwolle
gen Forscher dieses geheimnis-           sind sie völlig aus dem Häus-        ist auch die Gewässerbelastung
volle Wesen suchen und zur Ent-          chen. Wirklich wahr!“ Ob ein Ar-     bei der Kleiderproduktion ein The-
deckungsreise losstiefeln. Im            beitsblatt mit der Skizze der Ein-   ma.
wahrsten Sinn des Wortes: Für            tagsfliegenlarve jemals ähnliche
die Eisbach-Erkundung sind               Reaktionen hervorrufen könnte?       „Dennoch schwebt nie der erho-
Gummistiefel Pflicht. Wer sie ver-                                            bene Zeigefinger darüber“, versi-
gessen hat, darf aus den 30 Paa-         Für solche und viele andere Er-      chert Sabine Laske, die sich
ren im Keller eines auswählen.           folgserlebnisse steht das Rum-       selbst nicht als Ökologin sieht
                                         fordschlössl-Team. Dazu gehö-        und zugibt, dass ihr das Mülltren-
Nicht immer ist die Suche nach           ren neben der Sozialpädagogin        nen zuweilen schwer fällt. „Aber
diesem mysteriösen Geschöpf,             Sabine Laske eine Erzieherin, ei-    dieses Konzept hat mich einfach
der Eintagsfliegenlarve, von Er-         ne Biologin, eine Forstwirtin so-    mitgerissen, ich lerne es selber
folg gekrönt, aber „wenn sie ein         wie eine Praktikantin und eine       stets aufs Neue zu schätzen. Um-
Geheimtier entdecken, dann ist           Absolventin des freiwilligen öko-    weltbildung macht dann einen
die Begeisterung und der For-            logischen Jahres. Gemeinsam          Sinn, wenn sie sich in Bestehen-
scherstolz wirklich grenzenlos,          bringen sie Münchner Kindern         des integriert und von dort wirk-
ganz gleich ob Jungs oder Mäd-           die fremde Natur nahe, die vor ih-   sam wird.“
chen, egal ob erste oder achte           ren Haustüren nur darauf wartet,
Klasse!“ Während die Neugier             entdeckt zu werden. Jede Wiese       Zu schätzen wissen es auch die
und die Begeisterung bei Grund-          steckt voller Leben, doch die we-    Lehrer, die aus insgesamt acht
schülern nicht überrascht, mutet         nigsten haben sie bislang aus der    Themengebieten für ihre Klasse


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                     51
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     wählen können. In den Wintermo-        gramme sind bewusst darauf               ze oder eines Tieres. Dann stel-
     naten geht’s auf Vogelpirsch, im       ausgerichtet. Das Schöne für die         len sich alle im Kreis auf, aus ei-
     Frühling und Frühsommer wird           Schüler ist, dass sie hier das ler-      nem Wollknäuel wird ein Netz
     die Wildnis Wiese untersucht und       nen, was sie in der Schule ohne-         zwischen allen Kindern gespannt.
     von April bis September stehen         hin lernen müssten. Aber sehr            „Wer weiß, welches Tier hier wen
     die Wassersafari im Eisbach so-        viel anschaulicher, spielerisch          oder was frisst?“ lautet die Frage.
     wie Hecken und Bäume auf dem           und fast nebenbei. Wenn sie spä-         Gemeinsam wird’s herausgefun-
     Programm.                              ter in Briefen an die Pädagogin-         den. Der Marienkäfer frisst das
                                            nen erzählen, was ihnen am Bes-          Blatt. Also lässt der Schüler mit
     Die Praxisvormittage des Rum-          ten gefallen hat, dann steht da          dem Blatt seinen Wollfaden fal-
     fordschlössl sind grundsätzlich        schon mal Folgendes: „Das Mat-           len. Der Marienkäfer wird seiner-
     ein Jahr im Voraus ausgebucht.         schen mit Steinen, Holz, Blättern,       seits vom Fliegenschnäpper ge-
     Das mag auch daran liegen, dass        Wasser und Sand war deswegen             fressen, also reißt das Netz auch
     dieses Angebot bislang völlig          besonders toll, weil ich das da-         an dieser Stelle, und so weiter.
     kostenfrei ist. Aber auch für das      heim nicht darf.“ Auch das ist Ler-      Bald liegt es am Boden. Schnel-
     nächste Schuljahr, in dem vor-         nen.                                     ler und anschaulicher als durch
     aussichtlich ein Unkostenbeitrag                                                jeden Vortrag haben die Kinder
     fällig wird, sorgt sich die Leiterin   Und Lernen im Rumfordschlössl            verstanden: Wenn in der Nah-
     der Einrichtung nicht um Zu-           ist vom Erleben und Spielen              rungskette einer rausfällt, bleiben
     spruch.                                kaum zu trennen. Auch das Ende           bald auch alle anderen auf der
                                            eines solchen Vormittags besteht         Strecke. Und dabei haben sie
     Das Schöne für die Lehrer ist,         aus einem Spiel zum Thema.               doch nur gespielt. So schön kann
     dass ihre Schüler hier das lernen,     Oder ist es ein Erlebnis? Oder           Unterricht enden.
     was in der Schule ohnehin auf          Unterricht? Jedes Kind erhält bei-
     dem (Lehr-)Plan steht, die Pro-        spielsweise das Foto einer Pflan-


      Einrichtung             Natur- und Kulturtreff Rumfordschlössl                 Tel. 34 11 97, Fax 39 71 03
                              Englischer Garten 5, 80538 München                     rumfordschloessl@kjr-m.de
                              Ansprechpartner: Sabine Laske
      Kooperationspartner     Volksschulen in München
      Besteht seit            2001
      Projekt/Ziele           Kulturpädagogische Projektwochen und Projektvor-
                              mittage für Schulklassen als künstlerisch-schöpferi-
                              scher Ergänzung zum kognitiv-reproduktiven Unter-
                              richt.
      Zielgruppe              Münchner Grund- und Hauptschüler im Alter von 6-13
                              Jahren
                              - durchschnittliche Zahl der erreichten
                                 Kinder/Jugendlichen (täglich)            25-35
                              - Alter                                       6-13
                              - Anteil Mädchen                             45 %
                              - Anteil Migrantenjugendliche                25 %
      Finanzierung            Budget des KJR




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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

                                                                          fänger kommen häufig aus ländli-
                                                                          chen Gegenden in die Großstadt,
                                                                          sie sind erstmals länger von zu
                                                                          Hause weg. Mit ihren 300 bis 400
                                                                          Euro Ausbildungsvergütung brau-
                                                                          chen sie auf dem Münchner Woh-
                                                                          nungsmarkt die Suche erst gar
                                                                          nicht aufnehmen“, so die Sozial-
                                                                          pädagogin.

                                                                          Das Münchner Referat für Arbeit
                                                                          und Wirtschaft (RAW) befragte
                                                                          2001 fast 1.000 Auszubildende,
                                                                          die von außerhalb Oberbayerns
                                                                          nach München gekommen wa-
                                                                          ren. Das Ergebnis alarmierte. Die
                                                                          ostdeutschen Jugendlichen stel-





    Wo geht´s lang?
                                                                          len zwar in einigen Branchen, et-
                                                                          wa in den medizinischen Assis-
                                                                          tentenberufen, dem Bäcker-, Kon-
Neu in München                                                            ditoren- oder Metzgereihandwerk
Allein im Millionendorf                                                   fast 100 Prozent aller auswärti-
                                                                          gen Auszubildenden, kommen
Manchmal bewirkt das Kind im         Burkhardt (28) um die zugewan-       aber selten freiwillig hierher: Die
Brunnen zumindest eines: Auf-        derten Azubis und ihre Probleme.     Arbeitsmarktsituation in ihrer Hei-
merksamkeit. Und die gab es in       Und beides gibt es reichlich.        mat lässt ihnen keine andere
München reichlich, als 1999 eine                                          Wahl. Anders als ihre westdeut-
50-köpfige Bande gewalttätiger,      „München ist statistisch gesehen     schen Berufsgenossen sind sie
rechtsextremer Jugendlicher zer-     das Paradies der Lehrlinge“, sagt    bei der Ankunft in München nur
schlagen wurde, die zu großen        sie. Rein rechnerisch kann jeder     schlecht über die Stadt infor-
Teilen bei einer bekannten Metz-     Aspirant hier aus zweieinhalb        miert, können viel seltener auf
gerei-Kette in Ausbildung stan-      Stellen wählen, dieses gute Aus-     persönliche Kontakte zurückgrei-
den. Noch etwas hatten die 16-       bildungsplatzangebot ist ein Ma-     fen und fast ein Viertel von ihnen
bis 24-Jährigen gemeinsam: sie       gnet für Azubis aus dem ganzen       hat dauerhafte Integrationspro-
waren für ihre Ausbildungsstelle     Bundesgebiet. Besonders aus          bleme. Sie finden in München
zumeist von weit her nach Mün-       Sachsen, Sachsen-Anhalt und          kaum Anschluss, fahren deshalb
chen gekommen.                       Thüringen strömen viele junge        so oft es geht nach Hause und
                                     Menschen hierher. Im Jahr 2002       haben somit nochmals weniger
Erst nach den teils blutigen Über-   kamen nach Zählung der Arbeits-      Kontakt zu einheimischen Ju-
griffen der Nachwuchsmetzger         ämter 4.000 Lehrstellen-Bewer-       gendlichen. Ein Teufelskreis, der
auf Ausländer, Linke und Homo-       ber aus dem Osten nach Bayern,       diese Gruppe überproportional
sexuelle wurde der Öffentlichkeit    1.600 davon nach München. Und        oft ans Hinschmeißen denken
bekannt, wie dramatisch und          darin sind die Anwärter, die ohne    lässt.
konfliktbeladen die Situation vie-   Vermittlung der Berufsberatung
ler nicht-bayerischer Auszubil-      eine Ausbildung in München be-       Genau genommen ist der Teu-
denden in der Landeshauptstadt       ginnen, gar nicht erfasst. Henrike   felskreis ein Dreieck: „Viele be-
ist. Der Kreisjugendring ent-        Burkhardt schätzt ihre Zahl auf      wegen sich in München nur zwi-
schloss sich zum Handeln und         mindestens 3000 pro Jahr             schen Wohnung, Berufsschule
gründete das Projekt „Neu in                                              und Ausbildungsstelle“, hat Hen-
München“ (NiM), das zunächst         Doch so paradiesisch diese Zah-      rike Burkhardt erfahren. „Die
mit ehrenamtlichen Jugendlichen      len anmuten, so höllisch ent-        Stadt bleibt ihnen oft verschlos-
arbeitete und seit 2002 mit einer    puppt sich die Situation für viele   sen.“ Manchmal sehen sie sich
halben Stelle ausgestattet ist.      Neuankömmlinge. „Die überwie-        schon in grundlegenden Notwen-
Seither kümmert sich Henrike         gend minderjährigen Berufsan-        digkeiten wie der Ummeldung


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                  53
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?


     des Wohnsitzes vor unüberwind-        kostenlos abgegeben, sie wären          geben auch viele Firmen die
     baren Schwellen.                      ein echter Verkaufsschlager.            NiM-Informationen an ihre Azu-
                                                                                   bis weiter, an Kooperationen sind
     Als Sofort-Hilfe hat sie dafür das    Weil auch die beste Information         aber eher wenige interessiert.
     ebenso schlichte wie effektive        keine praktische Erfahrung erset-       „Bei Kreisjugendring München-
     Starter-Kit entwickelt. In einer      zen kann, entwickelte Henrike           Stadt denken manche an die
     CD-Papphülle stecken der MVV-         Burkhardt gemeinsam mit Statt-          Stadt München und befürchten,
     Liniennetzplan und ein Mini-Fahr-     reisen e.V. die „Neu-in-München-        kontrolliert zu werden“, schildert
     plan der Münchner Nachtlinien,        Rallye“, die sie gemeinsam mit          die Pädagogin ihre Erfahrungen.
     das aktuelle Freizeitsport-Pro-       Münchner Berufsschulen ausge-           Sie weiß, warum. „Für minderjäh-
     gramm der Stadt, Informationen        wählten Klassen anbietet. Dabei         rige Auszubildende ist Nachtar-
     zur kostenlosen Rechtsberatung        müssen die Schüler in kleinen           beit verboten, Überstunden müs-
     beim DGB-Azubi-Büro „azuro“,          Teams durch München flitzen             sen ausgeglichen werden kön-
     Flyer des Jugendinformationszen-      und verschiedenste Aufgaben lö-         nen, doch die Realität sieht an-
     trums (JIZ) und der Agentur Wohn-     sen. „Dazu gehört, einen Auto-          ders aus.“
     werk, Kurztipps von „Ärztlicher       maten für die Freizeitsport-Mar-
     Bereitschaftsdienst“ bis „Woh-        ken zu finden und auszuprobie-          Neben Schule und Betrieb be-
     nungssuche“ und ein eigens ge-        ren, wie er funktioniert“, erklärt      sucht Henrike Burkhardt Azubis
     druckter „Neu in München“-Stadt-      sie das Konzept. „Sie müssen im         in ihren Wohnheimen, um vor Ort
     plan, in dem besonders Jugend-        Einwohnermeldeamt die Formu-            „erste Hilfe“ zu leisten. „Der per-
     wohnheime und Freizeitstätten         lare für ihre Ummeldung besor-          sönliche Kontakt ist allen Jugend-
     verzeichnet sind. Denn die RAW-       gen und sich in der Frauenkirche        lichen, denen ich begegne, sehr,
     Studie hatte auch ergeben: 90         eine Geschichte dazu ausden-            sehr wichtig. Die meisten würden
     Prozent der Befragten konnten         ken, wie der Teufelstritt wohl ent-     nie von sich aus den ersten
     keine Freizeitstätte in ihrer Nähe    standen ist.“ Am Ende präsentie-        Schritt tun und eine Beratungs-
     nennen und drei Viertel gaben         ren sie sich gegenseitig ihre Er-       stelle aufsuchen.“ Auch wenn sie
     an, sich Freizeitangebote nicht       gebnisse und tauschen ihre Er-          sich auf Primärberatung be-
     leisten zu können, gleich ob Dis-     fahrungen aus. Natürlich gibt es        schränken muss, so kennt sie
     co, Sport oder Konzert.               eine Siegerehrung für die besten        doch stets die richtigen Anlauf-
     Dass sie dieses Starter-Kit erst      Gruppen, auch wenn die Rallye           stellen, „ob Rechts-, Schuldner-
     erfinden musste, konnte Henrike       eigentlich für alle eine Gewinn ist.    oder Schwangerenkonfliktbera-
     Burkhardt zunächst gar nicht          Rund 300 Berufsschüler aus 14           tung. Alles schon dabei gewe-
     glauben. „Es gab einfach nichts       Klassen haben im vergangenen            sen.“ Gerade Überschuldung ist
     Vergleichbares“, sagt sie, „auch      Jahr daran teilgenommen.                unter Azubis ein gewaltiges Pro-
     nicht in anderen Städten“. Dass                                               blem, einer aktuellen Studie zu-
     es mit dem Infopack aber noch         Überhaupt sind die Berufsschu-          folge haben mehr als ein Drittel
     nicht getan ist, war ihr schnell      len und da besonders die Berufs-        aller Münchner Auszubildenden
     klar. „All diese Informationen sind   schulsozialarbeiter mit die wich-       Schulden von durchschnittlich
     auch woanders zu finden, das          tigsten Kooperationspartner von         1104 Euro. Ein vermeintlich über-
     JIZ beispielsweise bietet sogar       NiM. Über sie können Informatio-        schaubarer Betrag, aber immer-
     viel mehr Material an, als je in      nen leicht an die Jugendlichen          hin das zwei- bis dreifache eines
     diese Papphülle passen würde.         weitergegeben werden, die Sozi-         Netto-Monatsgehaltes.
     Aber um die Azubis wirklich zu        alarbeiter wiederum kennen Hen-
     erreichen, muss ich sie aufsu-        rike Burkhardts Beratungs- und          Henrike Burkhardt leistet „nur“
     chen.“ Daher arbeitet NiM, so der     Informationsangebot und verwei-         primäre Prävention, aber selbst
     Kurzname des Projektes, mit al-       sen gern darauf. Und nicht zuletzt      die wäre ohne Vernetzung und
     len Punkten des Dreiecks zu-          die Lehrer sind froh, in NiM einen      ohne Kooperationspartner kaum
     sammen: Berufsschulen, Ausbil-        Partner gefunden zu haben, der          möglich. Regelmäßige Zusam-
     dungsbetrieben und Wohnhei-           mit Info-Pack und München-Ral-          menarbeit mit Initiativen und Ver-
     men, in denen die überwiegende        lye die ersten Anlaufschwierig-         bänden wie dem Verein für Sozi-
     Zahl der zugewanderten Jugend-        keiten ihrer Schützlinge zu über-       alarbeit, der Agentur Wohnwerk,
     lichen lebt. Seit Herbst 2002 wur-    winden hilft.                           dem DGB-Büro azuro, den Indus-
     den bereits mehr als 5.000 Star-      Zurückhaltender ist da schon so         trie- und Handwerkskammern,
     ter-Kits verteilt. Würden sie nicht   mancher Ausbildungsbetrieb. Zwar        Jugendwohnheimen, der Berufs-


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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

schulsozialarbeit und natürlich       chen zu besuchen, half sie ihnen         Davon, dass sie eines Tages Mit-
den Ausbildungsbetrieben sind         bei der Suche nach günstigen             arbeiter oder auch nur mehr Zeit
für sie selbstverständlich, ja not-   Fahrtmöglichkeiten und bezahl-           bekommen könnte, wagt Henrike
wendig. Ihr Sachmittelbudget          baren Unterkünften, letzten Som-         Burkhardt gar nicht zu träumen.
deckt im Wesentlichen die Büro-       mer konnten die Wasserratten             Sie konzentriert sich auf das Er-
kosten, allein das Starter-Kit wä-    unter den Azubis durch Burk-             reichbare: Ihr Projekt, das zu-
re ohne Kooperationspartner und       hardt Vermittlung vier Tage am           nächst auf zwei Jahre, also bis
Sponsoren unbezahlbar. So be-         Chiemsee für insgesamt 15 Euro           März 2004 befristet war, weiter-
geistert viele Personalchefs von      verbringen. Sie organisiert diese        führen zu können. Aktuell: Das
ihrer Arbeit sind, so schnell legt    Fahrten jedoch nicht, sie hilft da-      Referat für Arbeit und Wirtschaft
sich die Euphorie wieder, wenn        bei. Sie will den Jugendlichen           beschloss im März die Förderung
es um einen finanziellen Beitrag      nicht Fertiggerichte vorsetzen,          des Projektes für drei Jahre. So
geht. „Am ehesten sind Sach-          sondern sie zu Eigenengage-              viele Azubis wie möglich zu errei-
spenden möglich“, hat die Sozial-     ment motivieren. Schließlich ist         chen. Und sie vor allem möglichst
pädagogin gelernt. So müsse           das drängendste Problem nicht            früh zu erreichen, am besten,
man sich bei „einer Party für Vin-    die rechtsgerichtete Gesinnung,          noch ehe sie in München sind.
zenz-Murr-Azubis keine Sorgen         die sie immer wieder unter den           Der Erfolg zumindest der letzten
um die Verpflegung“ machen, für       auswärtigen Auszubildenden fest-         beiden Anliegen ist gewiss: Soe-
ein Hüttenwochenende mit BMW-         stellt. Das größte Problem ist die       ben hat sich das Arbeitsamt Hal-
Lehrlingen stellte ihr die Ausbil-    soziale Isolation, die Gewalt und        le gemeldet. Die dortige Berufs-
dungsabteilung u.a. einen Bus         Drogenmissbrauch begünstigt.             beratung wird die Starter-Kits an
und damit die Fahrtkosten.            Kleine Erfolge zeichnen sich             Jugendliche verteilen, die zur
                                      schon ab. Ein Teil der Azubis, die       Lehre nach München gehen.
Freizeitpädagogische Elemente         vor einem Jahr beim Hüttenwo-
sind Bestandteil des Konzepts.        chenende dabei waren, haben
Als Jugendliche einmal den            diesen Winter eine eigene Wo-
Wunsch äußerten, die Sprung-          chenendfahrt organisiert. Selbst-
schanze in Garmisch-Partenkir-        ständig.


 Einrichtung            Neu in München                                         Tel. 51 41 06 87, Fax 51 41 06 13
                        Paul-Heyse-Str. 22, 80336 München                      h.burkhart@kjr-m.de
                        Ansprechpartnerin: Henrike Burkhardt
 Kooperationspartner    Städt. Berufsschule (BS) für Metzgereihandwerk und
                        FleischereifachverkäuferInnen
                        BS für Bäckerei- und Konditoreihandwerk
                        BS für Spedition und Touristik
                        BS für Hauswirtschaft und Sozialpflege
                        BS für medizinische AssistentInnenberufe
                        BS für Elektronik
 Besteht seit           Juni 2002
 Projekt/Ziele          In Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit an Be-
                        rufsschulen Beratungs- und Freizeitangebote für neu
                        nach München gezogene Berufsschüler wie das
                        „Starter-Kit“ oder die „München-Rallye“.
 Zielgruppe              1. Jugendliche und junge Erwachsene, hauptsäch-
                            lich aus den neuen Bundesländern, die in Mün-
                            chen eine berufliche Ausbildung machen
                         2. MultiplikatorInnen (BetreuerInnen, AusbilderIn-
                            nen, Betriebe, BerufsschullehrerInnen und -sozi-
                            alarbeiterInnen)
                         - durchschnittliche Zahl der erreichten
                            Kinder/Jugendlichen (1-10/2003)             565
                         - Alter                                      16-17
                         - Anteil Mädchen                              50 %
 Finanzierung           Budget des KJR



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     Einrichtung           Abenteuerspielplatz Neuhausen                         Tel. 15 53 33, Fax 15 92 52 85
                           Hanebergstr. 14, 80637 München                        asp.neuhausen@kjr-m.de
                           Ansprechpartner: Rolf Elsässer                        www.asp-neuhausen.de
     Kooperationspartner   16 Grundschulen im Raum München
     Besteht seit          1994
     Projekt/Ziele         Mobile Arbeit (ASP on Tour) an Grundschulen, Schul-
                           und Klassenfeste im ASP und „Geschichten am Ka-
                           minfeuer“ für Klassen. Benefizaktion „Klötzchen be-
                           malen“ gemeinsam mit Grundschulen, Verkauf zu-
                           gunsten des ASP.
     Zielgruppe            Die Hauptzielgruppen sind Schulkinder bis 13 Jahre
                           und deren Eltern. Außerdem LehrerInnen und Eltern-
                           beiräte der Schulen.
                           - durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen (pro Jahr)           2.500
                           - Alter                                      bis 13
                           - Anteil Mädchen                              50 %
     Finanzierung          -   durch Kooperationspartner
                           -   Spenden und Mitgliedsbeiträge
                           -   Budget des KJR




     Einrichtung           Selbstverwaltetes Stadtteilzentrum                    Tel. 6 70 48 50, Fax 6 25 72 43
                           SSZ Neuperlach                                        ssz-neuperlach@kjr-m.de
                           Kurt-Eisner-Str. 28, 81735 München
                           Ansprechpartnerin: Conny Kilgenstein
     Kooperationspartner   Hauptschule an der Albert-Schweitzer-Straße
     Besteht seit          Oktober 2003
     Projekt/Ziele         -   Streitschlichtungsprojekte in Schulklassen
                           -   Konfliktbehandlung an Schulen (siehe Projekt
                               Wettersteinplatz Seite 41)
     Zielgruppe            Alle Schulklassen der Schule
     Finanzierung          -   Budget des KJR
                           -   Zusatzmittel des Stadtjugendamtes




     Einrichtung           Jugendtreff Neuaubing                                 Tel. 8 71 42 42, Fax 8 71 21 12
                           Wiesentfelser Str. 57, 81249 München                  jt.neuaubing@kjr-m.de
                           Ansprechpartnerin: Zübeyde Yilmaz                     www.jt-neuaubing.de
     Kooperationspartner   Hauptschule an der Wiesentfelserstraße
     Besteht seit          1994
     Projekt/Ziele         -   Verschiedene Kooperationen von Qualivorberei-
                               tung und Bewerbertraining bis zu DJ-Kursen und
                               Teenieparties des Schülerclubs
                           -   Konfliktbehandlung an Schulen (siehe Projekt
                               Wettersteinplatz Seite 41)
     Zielgruppe            Mädchen und Jungen von der 5. bis 9. Klasse
                           - durchschnittliche Zahl der erreichten
                             Kinder/Jugendlichen (je Angebot)          15-30
                           - Alter                                     10-16
                           - Anteil Mädchen                             50 %
                           - Anteil Migrantenjugendliche                80 %
     Finanzierung          -   Budget des KJR
                           -   Zusatzmittel des Stadtjugendamtes


56                                                                           OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE
                                                                             KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

Einrichtung           Kinder- und Jugendtreff Cosimapark                       Tel. 91 11 14, Fax 92 40 17 71
                      Englschalkinger Str. 185, 81925 München                  cosi@kjr-m.de
                      Ansprechpartner: Volker Jäntschi
Kooperationspartner   -   Hauptschule an der Knappertsbuschstraße
                      -   Hauptschule an der Stuntzstraße
                      -   Helen-Keller-Realschule
Besteht seit          Oktober 2001
Projekt/Ziele         Einwöchige Intensivkurse zur Vorbereitung auf den
                      Qualifizierenden Hauptschulabschluss in den Oster-
                      ferien sowie nachmittägliche Spielaktionen auf den
                      Pausenhöfen der benachbarten Schulen.
Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                          Kinder/Jugendlichen                            30
                      -   Alter                                       10-15
                      -   Anteil Mädchen                               50 %
Finanzierung          Budget des KJR




Einrichtung           Intermezzo                                               Tel. 74 57 65-81, Fax 74 57 65-83
                      Graubündener Str. 100, 81475 München                     jugendcafe.intermezzo@kjr-m.de
                      Ansprechpartner: Heiko Neumann                           www.jugendcafe-intermezzo.de
Kooperationspartner   Hauptschule an der Walliser Straße
                      Joseph-Fraunhofer-Realschule
Besteht seit          Oktober 2002
Projekt/Ziele         Gewaltpräventionsprojekte im Stadtteil im Rahmen
                      des Arbeitskreises FÜR-Netzt (Fürstenried vernetzt).
                      Gemeinsame Ausbildung von Streitschlichtern und
                      Nachbetreuung in der Gruppe
Zielgruppe            Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Stadt-
                      teil
                      - durchschnittliche Zahl der erreichten
                           Kinder/Jugendlichen (pro Angebot)          20
                      - Alter                                       6-20
                      - Anteil Mädchen                             50 %
Finanzierung          -   durch Stadtjugendamt
                      -   Budget des KJR




Einrichtung           Jugendtreff Harthof                                      Tel. 3 11 25 44, Fax 3 11 88 35
                      Wegenerstr. 7, 80937 München                             jt.harthof@kjr-m.de
                      Ansprechpartner: Milos Srdic
Kooperationspartner   -   Bernaysschule
                      -   Willy-Brand-Gesamtschule
                      -   Eduard-Spranger Schule
Projekt/Ziele         Vielfältige Schulkooperationen von Zusammenarbeit
                      mit der Schulsozialarbeit bei auffälligen Jugendlichen
                      über Qualivorbereitungskurse bis hin zu Mitwirkung
                      an Schulfesten und Nutzung der Schulsporthalle.
Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                          Kinder/Jugendlichen (je Angebot)               20
                      -   Alter                                       12-18
                      -   Anteil Mädchen                               50 %
                      -   Anteil Migrantenjugendliche                  75 %
Finanzierung          Budget des KJR


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                     57
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

     Einrichtung           Freizeitforum Come In                                    Tel.6 13 72 80, Fax 61 37 28 20
                           Rudolf-Vogel-Bogen 4, 81739 München                      come.in@kjr-m.de
                           Ansprechpartner: Armin Schroth                           www.comein.neuperlach.de
     Kooperationspartner   Gerhard-Hauptmann-Schule
     Besteht seit          Januar 2001
     Projekt/Ziele         Anti-Aggressionstraining gemeinsam mit der Schulso-
                           zialarbeit sowie Raumvergabe für Veranstaltungen
                           der Schulsozialarbeit wie z.B. Bewerbungstraining
                           oder Streitschlichterausbildung.
     Zielgruppe            SchülerInnen / gemeinsames Klientel
                           - durchschnittliche Zahl der erreichten
                              Kinder/Jugendlichen (pro Angebot)              5-15
                           - Alter                                         12-16
                           - Anteil Mädchen                                 40 %
                           - Anteil Migrantenjugendliche                    60 %
     Finanzierung          -   durch Bezirksausschuss
                           -   Budget des KJR




     Einrichtung           Kinder- und Jugendtreff Trudering                        Tel. 4 39 29 62, Fax 4 30 00 63
                           Feldbergstr. 63, 81825 München                           freizi@kjr-m.de
                           Ansprechpartner: Jaromir Haisl
     Kooperationspartner   -   Feldbergschule (Grund- und Hauptschule)
                           -   Forellenschule (Grundschule)
                           -   Werner-von-Siemens-Gymnasium
     Besteht seit          langjährige Kooperation
     Projekt/Ziele         Gegenseitige Raumnutzung, etwa der Schulturnhalle
                           für integrative Sportangebote des Kinder- und Ju-
                           gendtreffs oder dessen Räume für Klassen- und
                           Schulfeste oder Sitzungen des Elternbeirates.
     Zielgruppe            Kinder, Teenies, Jugendliche
                           - durchschnittliche Zahl der erreichten
                              Kinder/Jugendlichen (pro Angebot)            10-12
                           - Alter                                           8-16
                           - Anteil Mädchen                                 50 %
     Finanzierung          Budget des KJR




     Einrichtung           Kindertreff Bogenhausen                                  Tel. 91 40 27, Fax 91 20 04
                           Scherfweg 6, 81677 München                               kitbo@kjr-m.de
                           Ansprechpartnerin: Renate Seulen
     Kooperationspartner   Grundschule an der Stuntzstraße
     Besteht seit          September 2003
     Projekt/Ziele         Mitwirkung am Schulsommerfest mit Spiel- und Bas-
                           telangeboten für Kinder (z.B. Töpfern, Schminken, ...)
     Zielgruppe            GrundschülerInnen
                           - durchschnittliche Zahl der erreichten
                              Kinder/Jugendlichen                            100
                           - Alter                                          6-11
     Finanzierung          Budget des KJR



58                                                                              OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE
                                                                                KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

Einrichtung           Mädchen- und Jungentreff Oberföhring                  Tel. 95 26 62, Fax 9 57 62 39
                      Muspillistr. 27, 81925 München                        mjt.muspilli@kjr-m.de
                      Ansprechpartnerin: Ulrike Moeller
Kooperationspartner   Hauptschule an der Knappertsbuschstraße
                      Helen-Keller-Realschule
Besteht seit          September 2002
Projekt/Ziele         Sexualaufklärungsprojekt „Mädchen-Frauen-Meine Ta-
                      ge“
Zielgruppe            Projekttage MFM: alle 5. Klassen für jeweils einen
                      Projekttag
                      - durchschnittliche Zahl der erreichten
                         Kinder/Jugendlichen (pro Angebot)         ca. 25
                      - Alter                                      11-16
                      - Anteil Mädchen                              30 %
                      - Anteil Migrantenjugendliche                 10 %
Finanzierung          -   durch Elternbeirat
                      -   Budget des KJR




Einrichtung           Jugendtreff am Biederstein                            Tel. 34 37 76, Fax 33 36 89
                      Gohrenstr. 6, 80802 München                           biederstein@kjr-m.de
                      Ansprechpartnerin: Patricia Herzog                    www.jt-biederstein.de
Kooperationspartner   -   Oskar-von-Miller-Gymnasium
                      -   Willi-Graf-Gymnasium
                      -   Hauptschule an der Simmernstraße
                      -   Berufsoberschule für Soziales
                      -   Hermann-Frieb-Realschule
Besteht seit          Januar 2002
Projekt/Ziele         Zivilcourage-Training und Gewaltpräventionsprojekt
                      „Zammgrauft“: Angebot für Schulklassen im Jugend-
                      treff gemeinsam mit Jugendbeamten der Polizei.
Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                          Kinder/Jugendlichen                        400
                      -   Alter                                    10-18
Finanzierung          Budget des KJR




Einrichtung           Musisches Zentrum                                     Tel. 34 87 21, Fax 38 87 99 27
                      Georgenstr. 13 a, 80799 München                       musischeszentrum@kjr-m.de
                      Ansprechpartner: Thorsten Paetzold                    www.musisches-zentrum.de
Kooperationspartner   Grundschulen der LH München
Besteht seit          Oktober 2001
Projekt/Ziele         Musische Programme mit den Elementen Tanz, Musik
                      und bildnerisches Gestalten für Vormittagsausflüge
                      von Grundschulklassen.
Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                          Kinder/Jugendlichen (im Jahr 2003)       1.300
                      -   Alter                                     6-14
                      -   Anteil Mädchen                           50 %
                      -   Anteil Migrantenjugendliche              30 %
Finanzierung          -   durch Schulklassen
                      -   Budget des KJR


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                               59
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Wie geht es zusammen?

     Einrichtung           Das LAIMER Jugendzentrum                                Tel. 56 95 31, Fax 5 46 08 47
                           Von-der-Pfordten-Str. 59, 80686 München                 das.laimer@kjr-m.de
                           Ansprechpartnerin: Alexandra Krohn                      www.das-laimer.de
     Kooperationspartner   Hauptschule an der Fürstenrieder Schule
     Besteht seit          1999
     Projekt/Ziele         Viertägige Quali-Kurse während der Pfingstferien zur
                           íntensiven Vorbereitung der Prüfungen für den Quali-
                           fizierenden Hauptschulabschluss.
     Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen                            16
                           -   Alter                                   9. Klasse
     Finanzierung          -   Teilnehmerbeiträge
                           -   Budget des KJR




     Einrichtung           aqu@rium                                                Tel. 88 94 94-0, Fax 88 94 94 20
                           Alois-Wunder-Str. 1, 81241 München                      aquarium@kjr-m.de
                           Ansprechpartner: Tim Faber                              www.aquarium-pasing.de
     Kooperationspartner   Schulen in der Umgebung
     Projekt/Ziele         Raumüberlassungen für Schulveranstaltungen
     Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen (pro Angebot)             25
                           -   Alter                                      10-16
     Finanzierung          Budget des KJR




     Einrichtung           Bauwagen an der Schäferwiese                            Tel. 0171/ 86 66 326
                           An der Schäferwiese 5-7, 81245 München                  schaeferwiese@kjr-m.de
                           Ansprechpartnerin: Stephanie Späker
     Kooperationspartner   Grundschule an der Schäferwiese
     Besteht seit          Sommer 2003
     Projekt/Ziele         Zweimal wöchentlich Nutzung des Schulsportplatzes
                           für betreutes Basketballspiel.
     Zielgruppe            -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                               Kinder/Jugendlichen (pro Angebot)           5-15
                           -   Alter                                      12-15
     Finanzierung          Budget des KJR




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                                                                               KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit

                                                                                Obwohl in einer Einrichtung Koo-
                                                                                perationserfahrungen über Jahre
                                                                                hinweg vorhanden sind, stehen
                                                                                wir hier erst am Anfang der Ent-
                                                                                wicklung. Die Entwicklung zur
                                                                                Ganztagsschule bietet viele An-
                                                                                satzpunkte, die genutzt und ent-
                                                                                wickelt werden müssen. Aber
                                                                                auch die Diskussion um neue
                                                                                Unterrichtformen bietet ein noch
                                                                                längst nicht ausgereiztes Feld für
                                                                                mögliche Kooperationen.

                                                                                Das Kapitel „Schule und Jugend-
                                                                                arbeit - Partner auf Zeit“ zeigt be-
                                                                                reits entwickelte Projekte auf und
                                                                                veranschaulicht diesen Arbeits-





    Aikido-Kurse für Schüler und Schülerinnen im RIVA-Nord
                                                                                ansatz.


Einführung

Die Mittags- und Hausaufgaben-              die Stärken und Neigungen der
betreuung, die für einzelne Schu-           Schüler soweit wie möglich ein-
len in den Räumen der Freizeit-             zugehen und so die Motivation
stätten angeboten wird, ist eine            und Lernbereitschaft zu stärken.
Partnerschaft auf Zeit, auf die             Die vorgestellten Projekte sind
schon an anderer Stelle einge-              daher als ein kleiner Beitrag zur
gangen wurde. In diesem Kapitel             Entwicklung einer innovativen
stellen wir andere, mittelfristige          Schulform zu sehen, die von ei-
Kooperationen vor, die als rich-            nem erweiterten Bildungsbegriff
tungweisend für die Weiterent-              ausgeht.
wicklung von Kooperationsfor-
men zwischen Freizeitstätten und            Die dargestellten Projekte sind
Schulen angesehen werden kön-               im Förder-, Grund- und Haupt-
nen.                                        schulbereich angesiedelt. Durch
                                            den ganzheitlicheren Unterricht
Hier stehen Kooperationsformen              in diesen Schulformen wird die
im Vordergrund, in denen Päda-              Kooperation erleichtert. Fachun-
gogen mit Spezialkenntnissen al-            terricht erschwert Projekte, die
leine oder gemeinsam mit den                verschiedene Fachgebiete um-
Lehrer Projekte durchführen, die            fassen, bzw. die Persönlichkeits-
mindestens zehn Unterrichtsein-             entwicklung zum Ziel haben, ob-
heiten umfassen. Bei diesen Pro-            wohl Projekte dieser Art gerade
jekten steht nicht die kognitive            hier notwendig und wünschens-
Vermittlung von Lehrinhalten im             wert sind.
Vordergrund, sondern eher das
Lernen unter Einbeziehung ver-              Erfolgreiche Projekte in diesem
schiedener Sinne sowie die Ver-             Bereich setzen die gegenseitige
mittlung von Kompetenzen für die            Achtung des Kooperationspart-
Persönlichkeitsentwicklung. Das             ners voraus, ebenso wie die Be-
als Gruppe gemeinsam erreichte              achtung der jeweiligen Rolle und
Ergebnis hat Vorrang vor der No-            den Austausch darüber.
tengebung. Es wird versucht auf


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                         61
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit


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                                                                                     Anfang der Kooperation mit dem
                                                                                     Förderzentrum im Jahre 1996.
                                                                                     „Doch wir merkten sehr schnell:
                                                                                     Die Schüler sind zum Großteil
                                                                                     ohnehin Club-Besucher, außer-
                                                                                     dem decken sich Frau Korbma-
                                                                                     chers Ziele mit unseren.“ Dabei
                                                                                     waren und sind diese Ziele viel-
                                                                                     fältig: Die individuellen Fähigkei-
                                                                                     ten der Schüler fördern, körperli-
                                                                                     che und emotionale Anspannun-
                                                                                     gen abbauen, ihr Körper- und
                                                                                     Selbstbewusstsein stärken, das
                                                                                     Zusammenspiel von Körper, See-
                                                                                     le und Geist verbessern, aktives
                                                                                     Handeln unterstützen und nicht
     




         Thealimuta - Theater, Lieder, Musik und Tanz
                                                                                     zuletzt die Teilnehmer Gemein-
                                                                                     schaft erleben lassen.

     Der Club - Stadtteilhaus für Kinder und Jugendliche                             Susanne Korbmacher und Achim
     Tanz der Talente                                                                Seipt hatten sich schnell auf ein
                                                                                     gemeinsames Konzept verstän-
     Lehrer können sehr verletzend              che trifft alles zu. Manche sind     digt, Thealimuta war geboren.
     sein. Wer auf einer weiterführen-          hyperaktiv und andere stark zu-      Thealimuta ist die Abkürzung für
     den Schule dem Tempo nicht                 rückgezogen, eigentlich wären        Theater, Lieder, Musik und Tanz.
     ganz folgen kann, wird schon mal           viele in einer heilpädagogischen     Und damit ist das Projekt schon
     zum Schulwechsel „motiviert“.              Tagesstätte am besten aufgeho-       recht genau umrissen.
     Bei besonders einfühlsamen Pä-             ben.
     dagogen heißt das dann: „Geh’                                                   Thealimuta sieht zum Beispiel so
     doch auf die Sonderschule!“                Konflikte auf dem Pausenhof zwi-     aus: jeden Dienstag gegen elf
     Doch was sagen Lehrer, die dort            schen deutschen und nichtdeut-       Uhr vormittags nehmen knapp 70
     unterrichten? Susanne Korbma-              schen Schülern, verbale und kör-     Schüler der Klassen fünf bis neun
     cher (49) ist Sonderschullehrerin          perliche Gewalt gehören zum          den Club in Besitz, der zu dieser
     am Förderzentrum München-                  Schulalltag. Wie das Zusammen-       Zeit eigentlich noch geschlossen
     Nord. Sie wird sich hüten, das             leben, die Toleranz fördern, wie     hat. Im Discoraum versammeln
     Selbstwertgefühl ihrer Schülerin-          das Schulklima verbessern und        sich zunächst alle, das Treffen
     nen und Schüler weiter anzukrat-           die Aggressionen abbauen? Sus-       beginnt mit einem Ritual. Ob
     zen. Das haben andere zur Ge-              anne Korbmachers Antwort lau-        Schüler, Lehrer oder Club-Mitar-
     nüge getan.                                tet: „Singen!“ Zunächst brachte      beiter, alle begrüßen sich gegen-
                                                sie Schüler verschiedener Klas-      seitig. Danach singen sie ge-
     Ihre Schüler, das sind fast 100            sen zum gemeinsamen Singen,          meinsam zwei bis drei Lieder und
     Kinder aus zehn verschiedenen              dann entstand daraus ein ganzer      teilen sich anschließend in klei-
     Nationen in den jahrgangsstufen-           Chor, doch als sie diesen um ei-     nere Untergruppen auf.
     kombinierten Klassen eins bis              ne Theatergruppe erweitern woll-
     vier beziehungsweise fünf bis              te, musste ihre Schule passen -      Zur Auswahl stehen Musik, Chor,
     neun. Kinder und Jugendliche,              die Räume waren zu klein.            Breakdance, Tanz, Theater und
     die je nachdem eine Lern- oder                                                  Rap, manchmal schreibt eine
     Konzentrationsschwäche, Schreib-           Der Club, das Stadtteilhaus für      Gruppe auch gemeinsam Texte
     oder Sprachprobleme haben und              Kinder und Jugendliche im Ha-        über ihre Erlebnisse und Gefühle.
     zum Teil Analphabeten sind, aus            senbergl, konnte ihr mit seinem      Vier bis fünf Gruppen gibt es
     schwierigen Familienverhältnis-            Discoraum weiterhelfen. „Zunächst    stets und die fordern hohen Per-
     sen kommen oder sozial verhal-             war es eigentlich nur eine Raum-     sonaleinsatz. Neben Susanne
     tensauffällig sind. Und auf man-           überlassung“, erinnert sich Club-    Korbmacher und ein bis zwei


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                                                                                    KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit

Lehrkräften des Förderzentrums       Natürlich werden auch die Pro-       die Black Box im Gasteig. „Im
steht mindestens ein Pädagoge        bleme in der Klasse oder auf dem     Rampenlicht stehen - aber nicht
vom Club bereit, inzwischen wird     Pausenhof an- und ausgespro-         wie so oft, weil man etwas ausge-
das Thealimuta-Team durch eh-        chen. Wenn nötig werden sie in       fressen hat, sondern weil man et-
renamtliche Mitarbeiter ergänzt,     einem Rollenspiel aufgegriffen,      was geleistet hat und etwas bie-
die zum Beispiel englischen Rap      gemeinsam sucht die Gruppe           ten kann - das ist für die Kinder
vermitteln können.                   nach Lösungen.                       eine unglaubliche Erfahrung und
                                                                          eine riesige Motivation, weiterzu-
Prinzip aller Gruppen ist es, ge-    Dieser spielerische Umgang mit-      machen“, sagt Achim Seipt.
meinsam etwas zu erarbeiten,         einander überwindet die Nationa-
gleich ob Sketch, Lied oder Trom-    litätengrenzen, die es unter den     Entscheidend ist jedoch etwas
melstück. Wenn die Kinder „We        Schülern zahlreich gibt, neben       anderes. „Die Schüler erfahren
have a dream“ von den RTL-„Su-       Deutschen, Griechen, Türken,         hier: Ich kann tanzen! Ich kann
perstars“ trällern ist Achim Seipt   Kosovo-Albanern und Italienern       mich auf die Bühne stellen und
zwar musikalisch nicht entzückt.     sind sechs weitere Ethnien ver-      Sketche spielen. Ich kann mit an-
„Aber da steckt doch sehr viel       treten. Dennoch will Achim Seipt     dern Kindern zusammen trom-
Gefühl drin“, und darauf kommt       Thealimuta nicht als „Spielestun-    meln und musizieren, so dass ein
es ihm an. Allgemein legen die       de“ verstanden wissen. „Die          harmonischer Zusammenklang
Pädagogen besonders Wert auf         Schüler werden sehr wohl gefor-      entsteht!“ Ein Mädchen, dass
das emotionale Engagement der        dert, Fördern ohne Fordern ist       acht Jahre lang geschwiegen
Schüler, nicht zuletzt, um ein Ge-   nicht möglich.“                      hatte, trug trotz extremem Lam-
gengewicht zum normalen Unter-                                            penfieber bei solch einer Gele-
richt zu schaffen. Was aber kei-     Nach etwa einer Stunde kommen        genheit einen Text vor. Und als
neswegs hieße, das Denken ein-       die Gruppen wieder im Disco-         sie es geschafft hatte, „sind ihr
zustellen.                           Raum zusammen und stellen            die Tränen gekommen“, erzählt
                                     sich gegenseitig vor, was sie ein-   Susanne Korbmacher, „und mir
Im Chor werden häufig Lieder ge-     studiert oder erarbeitet haben.      auch.“ Ein kleiner Schritt für die
sungen, die die Kids zwar aus        Mit einem gemeinsamen Lied en-       Menschheit, ein riesiger Schritt
der Hitparade kennen, in denen       det das Programm, meistens           für jeden einzelnen hier.
sich die Kinder und Jugendlichen     wartet dann der Schulbus bereits
jedoch auch wiederfinden. „Vater,    vor der Tür.                         Ganz nebenbei lernen die Theali-
wo bist Du?“ heißt eines, „Du bist                                        muta-Kids, dass Schule und Ler-
mehr“ ein anderes. Susanne           Höhepunkt für Schüler, Lehrer        nen Spaß machen kann. Schuli-
Korbmacher bringt häufiger eige-     und Pädagogen ist zweifellos das     sche und außerschulische Bil-
ne Texte mit und bisweilen dich-     große Thealimuta-Programm, in        dung zu kombinieren, so kreati-
ten die Schüler auch selber und      dem sich alle Gruppen mit ihrer      ves Potential freizulegen und zu
verarbeiten so ihre Erfahrungen.     Arbeit vor rund 200 Zuschauern       nutzen, darin sieht Achim Seipt
Ein Junge aus dem Kosovo             präsentieren.                        die großen Chancen, die in der
schrieb „Die Adler“. Textprobe:      Trotz höchster Anspannung ge-        Kooperation von Schule und offe-
                                     ben die Kinder und Jugendlichen      ner Jugendarbeit liegen.
 „Wir hab’n geklaut,                 ihr Bestes. Sie rappen, trommeln,
das hab’n wir uns getraut            tanzen, singen, improvisieren,       Susanne Korbmacher und Achim
wir war’n klein                      spielen Theater, sagen Gedichte      Seipt nennen ihre Arbeit ein „in-
steckten alles ein                   auf und lesen Zeitungsartikel und    tensivpädagogisches Kreativitäts-
von Hari bis Bo iwo                  andere Texte vor, die zum Thema      projekt“, die Abendzeitung formu-
es ging weiter, immer weiter bis     des Programms passen.                lierte es deutlicher. „Im Prinzip ist
uns das Lachen verging                                                    Thealimuta die reinste Therapie“
als ein Mann fragte, was habt’s      Letztes Mal hieß dieses „Schlag-     stand dort zu lesen. Eine Therapie
ihr in der Tasche drin?              zeilen“. Und Schlagzeilen ma-        mit Erfolgen.
Wir sind abgehau’n, er uns hin-      chen die Programme tatsächlich,
terher,                              die Münchner Presse berichtete       Die gemeinsame Arbeit „bewirkt
wir wollten bloss Scheiße bau’n“     mehrfach, es gab Preise, einen       Wunder“, sagt Susanne Korbma-
                                     Empfang beim Oberbürgermeis-         cher. Die Spannungen in den
                                     ter und sogar eine Einladung in      Klassen und auf dem Pausenhof


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                    63
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit


     haben abgenommen, Griechen,           Jugendliche anderen zeigen kön-            „Therapie wollten wir nie, aber
     Türken und Sinti rappen jetzt lie-    nen, was in ihnen steckt, müssen           jetzt mach’ ma’s anders, nicht so
     ber zusammen. Und auch im             sie es erst selbst entdecken.              wie die.
     Club ist das Klima entspannter                                                   Für die war’n wir nur ein Haufen
     geworden, „was nicht bedeutet,        Die Idee Thealimuta selbst und             Flaschen, doch wir sind keine
     dass hier nur noch Engel herum-       was in ihr steckt, ist längst auch         solchen Laschen.
     schweben“ sagt der Club-Leiter        außerhalb Münchens entdeckt                Wir tun was für uns, wir lernen
     mit einem Schmunzeln im Ge-           worden. In mehreren Städten ent-           weiter, unser Horizont wird immer
     sicht.                                standen oder entstehen Koopera-            breiter.
                                           tionsprojekte nach dem Münchner            Wir üben Computern, Tanz, Mu-
     Die Grundphilosophie von Theali-      Muster. Und, wohl am allerwich-            sik und Theater, wir steigen hö-
     muta lässt sich eigentlich in drei    tigsten: Bei den Schülern, um die          her auf dieser Leiter und diesen
     Worten ausdrücken: Jeder hat          es geht, ist die Botschaft ange-           Weg geh’n wir auch immer wei-
     Talente. Diese heraus zu kitzeln      kommen, wie die letzten Zeilen             ter.“
     ist das Ziel. Und ehe Kinder und      von „Die Adler“ beweisen:


      Einrichtung            Der Club Stadtteilhaus für Kinder und                    Tel. 31 22 01 00, Fax 31 22 01 01
                             Jugendliche im Hasenbergl                                derclub@kjr-m.de
                             Wintersteinstr. 35, 80933 München                        www.derclub-online.de
                             Ansprechpartner: Achim Seipt
      Kooperationspartner    Förderzentrum München Nord
      Besteht seit           1996
      Projekt/Ziele          „Thealimuta“ - Theater. Lieder, Musik, Tanz. Intensiv-
                             pädagogisches Projekt zur Förderung kreativer Talen-
                             te von Schülern mit Lernschwierigkeiten und Verhal-
                             tensauffälligkeiten.
      Zielgruppe             Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshin-
                             tergrund
                             - durchschnittliche Zahl der erreichten
                                 Kinder/Jugendlichen                          140
                             - Alter                                 1.-9. Klasse
                             - Anteil Mädchen                               33 %
                             - Anteil Migrantenjugendliche                  70 %
      Finanzierung           -   Verein „Ghettokids“ - Soziale Projekte e.V.
                             -   Förderzentrum München-Nord
                             -   Budget des KJR




     Spielhaus Sophienstraße
     Lotussitz statt Leistungssport

     Jutta Schneider (48) ist Leiterin     Yoga für Grundschüler - wie darf           der Hälfte der Zeit wird getauscht.
     des Spielhauses an der Sophien-       man sich das vorstellen?                   Mit 24 Kindern auf einmal zu ar-
     straße und Yogalehrerin. Im Rah-                                                 beiten, wäre nicht sinnvoll.
     men einer Kooperation des Spiel-      Der Sportunterricht der Klasse fin-
     hauses und der Grundschule an         det für zehn aufeinanderfolgenden          Ist Yoga im Schulsport etwas
     der Blutenburgstraße in der Münch-    Wochen in zwei getrennten Grup-            sehr exotisches?
     ner Maxvorstadt bietet sie einen      pen statt. Die ein Hälfte erhält wie
     Yoga-Schnupperkurs in einer zwei-     bisher Sportunterricht, mit den            Ja und nein. Im Lehrplan ist Yoga
     ten und einer dritten Klasse an.      anderen mache ich Yoga. Nach               bereits als eine der Möglichkei-




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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit

                                                                          wird als Nebeneffekt auch die
                                                                          Konzentrationsfähigkeit gefördert
                                                                          und Entspannung deutlich erlebt.

                                                                          Wie funktionieren Yoga-Übungen
                                                                          mit Kindern?

                                                                          Die Übungen tragen oft Tier- oder
                                                                          Pflanzennamen, sie leiten sich
                                                                          aus der Naturbeobachtung ab.
                                                                          Ich frage die Kinder zum Beispiel:
                                                                          Wie bewegt sich ein Tiger? Wie
                                                                          streckt sich eine Katze? Und
                                                                          dann versuchen wir, diese Bewe-
                                                                          gungen nachzumachen. Oder so
                                                                          kräftig und fest verwurzelt wie ein
                                                                          Baum dazustehen. Ziel ist es,





    Uns macht´s Spaß!
                                                                          länger in einer Übung zu bleiben
                                                                          und den eigenen Körper mit all
                                                                          seinen Signalen wahrzunehmen.
ten, die Sporterziehung zu ge-      schen verfügt über Eigenintelli-
stalten, vorgesehen. Zielsetzun-    genz. Seine Signale wahrzuneh-        In einer bestimmten Position zu
gen aus dem Lehrplan, wie Kör-      men ist daher die wichtigste          bleiben ist für Kinder vermutlich
pergefühl und Körperbewusst-        Grundlage für die eigene Ge-          nicht sehr reizvoll.
sein weiter zu entwickeln, Aus-     sundheit.
dauer zu fördern, die Wahrneh-                                            Das stimmt, daher wähle ich für
mungs- und Gleichgewichtsfähig-     Mit Sportunterricht hat Yoga also     sie oft dynamischere Übungen
keit zu verbessern und Entspan-     wenig gemeinsam?                      und Abläufe, in denen bestimmte
nung als wohltuende Empfindung                                            Yoga-Haltungen vorkommen. Doch
kennen zu lernen, können sehr       Und ob! Yoga ist sogar die beste      auch bei ruhigen Übungen pas-
gut mit Yoga umgesetzt werden.      Vorbereitung auf den Sport. Ei-       siert etwas. Wenn es darum geht,
Da die Sportlehrer einer Grund-     nes der wichtigsten Ziele ist es,     die eigene Atmung zu erfahren,
schule jedoch nicht Fachlehrer      zu lernen, Bewegungen auf ge-         darf jedes Kind z.B. ein Kuschel-
sind, sondern eine Reihe anderer    sunde Art durchzuführen: Wie          tier mitbringen. Dieses Tier legt
Fächer unterrichten müssen und      benutze ich Gelenke optimal?          es sich auf den Brustkorb und
in den wenigsten Fällen eine Yog-   Wie bringe ich das Körperge-          kann dann beobachten und spü-
aausbildung haben, ist es tat-      wicht auf die Knochen, damit sie      ren, wie sich die Rippen beim At-
sächlich noch eher selten.          ihre stützende Funktion entfalten     men bewegen.
                                    können und Verspannungen ver-
Was möchten Sie mit Ihrem An-       mieden werden? Wie nutze ich          Wie sind bislang die Reaktio-
gebot erreichen?                    die Kraft der Sehnen, um schnel-      nen?
                                    le Bewegungen auszuführen?
Im normalen Sportunterricht do-     Wie kann ich Bewegungen so            Sehr positiv, und dass, obwohl
minieren schnelle Bewegungen,       ausführen und Haltungen so ein-       Außenstehenden bei Yoga zuerst
die kaum nachvollziehbar sind.      nehmen, dass die Durchblutung         nur fliegende Yogis und „Omm“
Welches Gelenk habe ich nun         eine fließende, warme, elasti-        einfallen. Von den beiden Klas-
wie bewegt? Wie fühlt sich der      sche, pulsierende Qualität er-        senhälften, die den Block bereits
Arm bei einem Ballkontakt ei-       reicht? Eigentlich sollte das die     beendet haben, würden die meis-
gentlich an? Hauptziel ist es da-   Basis aller Sportarten sein. Aller-   ten Kinder gerne weiter machen.
her, die Wahrnehmung der Kin-       dings geht Yoga über den sportli-     Eine Mutter war begeistert, weil
der und ihr Körperbewusstsein zu    chen Aspekt weit hinaus. Durch        ihre oft fahrige, unkonzentrierte
schulen. Der Körper des Men-        ruhige, bewusste Bewegungen           Tochter nach dem Unterricht völ-




OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                  65
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit


     lig verändert war, ganz ruhig und      Es anwenden! Wenn die Auf-              jedoch nicht weniger, sondern
     gleichzeitig bestimmt in ihren         merksamkeit und Konzentration           mehr. Ganz einfach, weil sie da-
     Wünschen. Als nächstes biete ich       der Klasse nachlässt, könnte er         nach wieder bei der Sache sind.
     eine Yoga-Fortbildung für das          eine Zwischenübung einschie-
     ganze Lehrerkollegium an.              ben. Das muss nicht lange sein,
                                            fünf Minuten können völlig aus-
     Was soll denn ein Mathelehrer          reichen. Durch die vermeintlich
     mit Yoga anfangen?                     verlorene Zeit lernen die Schüler


      Einrichtung            Spielhaus Sophienstraße                                Tel. 59 10 98, Fax 59 10 61
                             Sophienstr. 15, 80333 München                          spielhaus.sophienstrasse@kjr-m.de
                             Ansprechpartnerin: Jutta Schneider
      Kooperationspartner    Grundschulen in der Maxvorstadt
      Besteht seit           2002
      Projekt/Ziele          Zehnwöchiger Yoga-Schnupperkurs im Rahmen des
                             regulären Sportunterrichts als Ergänzung nicht nur
                             des Schulsports, zusätzlich Yogaschulung für Lehr-
                             kräfte aller Fächer.
      Zielgruppe              -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                                  Kinder/Jugendlichen (pro Kurs)           20-25
                              -   Alter                                      6-12
                              -   Anteil Mädchen                            60 %
                              -   Anteil Migrantenjugendliche               40 %
      Finanzierung            -   durch Bezirksausschuss 3
                              -   Budget des KJR




     Kinder- und Jugendraum RIVA-Nord
     Fallen für den aufrechten Gang

     Der Lehrer wünscht sich von sei-       fragte bei seinem Lehrer Thomas         künste keine Sportarten im enge-
     nen Schülern mehr Disziplin, die       Kieslich an, kurz darauf standen        ren Sinne sind, bei denen sich
     Eltern klagen über Konzentrati-        beide im „Gi“, dem weißen Judo-         schon nach kurzem Training die
     onsstörungen ihrer Kinder, der         anzug, vor den sechsten und             ersten Erfolge einstellen. Der Na-
     Pädagoge ringt um Respekt und          siebten Klassen der benachbar-          me lässt dies schon vermuten. Im
     die Schüler sind zwar nach au-         ten Bernays-Hauptschule und             Japanischen bedeutet Ai Harmo-
     ßen hin cool, hätten aber gern         demonstrierten Aikido-Griffe, Wür-      nie, Ki Geist und Do Weg. Es ist
     mehr Selbstvertrauen. Was da-          fe und Falltechniken - die Teilneh-     ein Weg, mit sich selbst ins Reine
     von ist nun das Wichtigste, was        mer für den ersten Kurs waren           zu kommen - ein langer Weg.
     gehen wir als erstes an? „Alles“,      schnell gefunden. Doch warum            Zum anderen, weil die innere,
     dachte sich Tom Droste (40) vor        Aikido? „Weil es genau das för-         geistige und charakterliche Ent-
     einem Jahr. Er ist Leiter des Kin-     dert, was Kinder brauchen: Kon-         wicklung mindestens so wichtig
     der- und Jugendraums „RIVA-            zentration, (Selbst-)disziplin, ge-     ist wie die körperliche. Beides je-
     Nord“ an der Ingolstädter Straße,      genseitigen Respekt und Selbst-         doch braucht Zeit und Ausdauer
     nur einen Steinwurf vom Orts-          achtung“, sagt Droste.                  und mit beidem wollen Tom Dros-
     schild entfernt. Und er war auf                                                te und Thomas Kieslich die Teil-
     der Suche nach einem neuen,            Genau genommen handelt es               nehmer nicht überfordern.
     pädagogisch sinnvollen Angebot         sich beim Kurs im RIVA Nord
     für aggressionsbereite, sozial auf-    nicht um klassisches Aikido-Trai-       Auf ein halbes Jahr ist daher das
     fällige Kinder und Jugendliche.        ning. Zum einen, weil Aikido und        Angebot begrenzt. In 40 Einhei-
     Droste, selbst Aikido-Schüler,         alle anderen ostasiatischen Kampf-      ten, zweimal wöchentlich, be-


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                                                                                  KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit

                                                                             klingt nach Siegern und Besieg-
                                                                             ten, nach Wettkampf und Leis-
                                                                             tungsdenken, eben nach allem,
                                                                             was Aikido fremd ist.

                                                                             Die Übungen werden in der Re-
                                                                             gel zu zweit ausgeführt, die Tech-
                                                                             niken gleichen genau choreogra-
                                                                             phierten, komplexen Bewegungs-
                                                                             abläufen. Im Anfängertraining packt
                                                                             beispielsweise ein Angreifer den
                                                                             Verteidiger am Handgelenk und
                                                                             schiebt ihn in Richtung seiner
                                                                             Mitte. Dieser Druck wird vom Ver-
                                                                             teidiger durch kreisförmige Aus-
                                                                             weichbewegungen umgeleitet, so
                                                                             dass der Angreifer sein Gleichge-





    Aikidom Dojo
                                                                             wicht verliert. Mit Hilfe eines He-
                                                                             belgriffs oder eines Wurfs wird er
                                                                             dann zu Boden geführt. Kraft wird
kommen die Teilnehmer einen            und Geist nicht genügt, die richti-   nicht Kraft entgegengesetzt, son-
ersten Einblick in fernöstliche        ge Dose Energy-Drink zu kaufen.       dern Kraft wird mit Kraft vereint
Kampfkunst. Spannungen sind            Auch die Meditation am Ende je-       und so verdoppelt.
vorprogrammiert, denn allein der       der Übungseinheit ist eine echte
Übungsraum ist vergleichsweise         Herausforderung. Im Sazen ge-         Der Angreifer seinerseits muss
exotisch. Aus dem Billard- und         nannten Kniesitz sollen die Kin-      aufs Fallen gefasst sein, muss
Party-Raum im Keller wird für          der in aufrechter Körperhaltung       wissen, wie man sich fallen lässt,
eineinviertel Stunden ein Dojo,        und bei geschlossenen Augen           ohne sich zu verletzen. Typisches
ein geschützter Ort der Selbstfin-     bewegungslos verharren, auf ih-       Beispiel dafür ist die Judorolle, bei
dung und Meditation. Der Boden         ren Atem hören und aufsteigende       der man die rechte Schulter nach
ist mit Sportmatten bedeckt, am        Gedanken möglichst vorüberzie-        vorne unten verlagert, mit ihr auf
Rand steht der Shomin, eine Art        hen lassen. Ein zunächst aus-         dem Boden aufkommt und sich
Altar, bestehend aus einer gro-        sichtsloses Unterfangen: „Selbst      darauf abrollt, ohne die Hände
ßen Schale mit Steinen, Blumen         zwei Minuten Ruhe waren am            einzusetzen. Auch dies eine ge-
und Kerzen, der Duft von Räu-          Anfang völlig unmöglich“, erin-       waltige Herausforderung für die
cherstäbchen liegt in der Luft.        nert sich Thomas Kieslich an den      jungen Aikido-Schüler. Ihr Lehrer
„Damit soll eine ruhige und wür-       ersten Kurs im vergangenen            spricht von der „Fähigkeit, sich
devolle Atmosphäre geschaffen          Schuljahr. Doch nach ein paar         Fallen zu lassen“ - eine Fähigkeit,
werden, in der die Alltagssorgen       Monaten wurden es fünf, dann          die stark vom Selbstvertrauen
sich verflüchtigen“, erklärt Aikido-   zehn, zum Ende hin auch mal 15        der Kinder abhängt. Trotz Hilfe-
Lehrer.                                Minuten. Bei Erwachsenen sind         stellung und großem Gymnastik-
                                       20 Minuten Standard, allerdings       ball zum Abrollen brauchten man-
Nur wenigen Teilnehmern gelingt        zweimal pro Einheit.                  che zwei Monate, ehe sie ihm
es sofort, sich darauf einzulas-                                             und vor allem sich selbst vertrau-
sen. Beim derzeitigen Kurs mit         Nicht zuletzt die Kampfübungen        ten und nicht im letzten Moment
sechs Teilnehmern aus der sechs-       selbst sind gewöhnungsbedürftig.      die Hände als Schutz dem na-
ten und siebten Klasse dauerte         Thomas Kieslich bezeichnet Aiki-      henden Boden entgegenstreckten.
dies ganze drei Monate. Zu fremd       do als „Vollkontaktkampfkunst“
war für die Zwölf- und 13-Jähri-       mit so intensiver Körperlichkeit,     So sehr das Sportliche für die
gen die Stimmung, der Judoan-          wie sie die Schüler im Sportun-       Teilnehmer im Vordergrund steht,
zug und die Erwartung des Leh-         terricht nie kennen lernen. Doch      so sehr ist die körperliche Ent-
rers: Disziplin, Höflichkeit, Re-      wie wird eigentlich gekämpft? Ai-     wicklung im Aikido eng an die
spekt. Neu ist vielen auch, dass       kido-Lehrer Kieslich spricht lieber   charakterliche Fortentwicklung ge-
es zur Beherrschung von Körper         von Übungen. Denn Kampf, das          knüpft. Wie im gesamten Budo,


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                       67
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     Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit


     dem Überbegriff aller japani-         Thomas Kieslich hat die Aikido-       mit Mikrofon hatte Thomas Kies-
     schen Kampfkünste, ist die Arbeit     Lehre, zu deren Tugenden auch         lich keine Chance gegen den Ra-
     am Körper nicht Hauptziel, son-       Bescheidenheit zählt, genug ver-      dau. Die Lehrer hatten sich ent-
     dern Mittel zum Zweck. Dem liegt      innerlicht, um diese Entwicklung      weder aus dem Staub gemacht
     die Überzeugung zu Grunde,            nicht allein seinem segensrei-        oder waren zumindest nirgends
     dass das Einüben einer äußeren        chen Wirken zuzuschreiben.            wahrnehmbar, erzählt Tom Dros-
     Haltung Einfluss auf die Entwick-     Dass er jedoch daran Anteil hat-      te lachend. „Und dieser Auftritt
     lung der inneren, geistigen Hal-      te, daran zweifelt er nicht.          war für unsere Gruppe natürlich
     tung nimmt. Neben der Förde-          Während die Teilnehmer des Pi-        eine extrem uncoole Geschich-
     rung des Selbstvertrauens und da-     lotprojektes alle von der Haupt-      te“, ergänzt er. Obwohl von der
     mit auch der Selbstbehauptung ge-     schule kamen, kooperiert RIVA-        Ruhe und der Würde eines Dojo
     hört dazu die Schärfung der Selbst-   Nord beim Nachfolgekurs mit der       hier nichts zu spüren war, obwohl
     wahrnehmung, der Konzentra-           Willy-Brandt-Gesamtschule. Mit        es der erste Auftritt der Aikido-
     tionsfähigkeit und die Beachtung      den Schulsozialarbeitern und ei-      Schüler in der Öffentlichkeit war,
     der im Budo sehr wichtigen Eti-       nigen Lehrern stehen er und Tho-      obwohl Pfiffe gellten und die an-
     kette:Gegenseitige Achtung, Wert-     mas Kieslich regelmäßig in Kon-       deren Schüler die Darbietung of-
     schätzung, Respektbezeugung           takt, so dass beide Seiten über       fensichtlich nicht zu schätzen
     und Selbstbeherrschung.               die Entwicklung der Kinder im je-     wussten: Thomas Kieslichs Schü-
                                           weils anderen Bereich informiert      ler blieben tapfer, konzentriert,
     Dazu passt, dass die ursprüng-        sind. Und lassen die Schüler wie-     führten ihre Vorwärts- und Rück-
     lich anvisierte Zielgruppe der ag-    derholt den Kurs sausen, dann         wärtsrollen vor, beherrschten die
     gressiven und gewaltbereiten          ruft schon mal ein Lehrer daheim      Grundschritte und den Fall auf
     Kinder und Jugendlichen kaum          an und fragt nach den Gründen.        die Seite, boten einfach eine gute
     Interesse an dem Angebot zeigte.      Auch andere Schulen interessie-       Vorstellung. Sie hatten Fallen ge-
     „Ein Schläger möchte sich nicht       ren sich inzwischen für den Tu-       lernt und sich wieder aufzurich-
     neuen, unbekannten Kampftech-         gend-Unterricht der anderen Art.      ten, konzentriert dabei zu bleiben
     niken unterordnen“, vermutet          Hemmschuh ist in aller Regel das      und selbstbewusst den anderen
     Thomas Kieslich. Schließlich ris-     Geld, obwohl Thomas Kieslich          zu trotzen. Und ihre Würde zu be-
     kiert er dabei, seine bisherige       mit 40 Euro pro Einheit einen         wahren.
     Überlegenheit einzubüßen. „Un-        „Freundschaftspreis“ verlangt, bei
     ser Fokus hat sich beim jetzt lau-    einer interessierten Privatschule
     fenden, zweiten Kurs hin zu Op-       scheiterte eine Kooperation da-       Kämpfen lernen,
     fern von Gewalt und Mobbing           gegen an den Räumlichkeiten.          um nicht kämpfen zu müssen
     verschoben“, sagt RIVA-Leiter
     Tom Droste.                           So bleibt bisher nur das Angebot      Thomas Kieslich (45) ist seit
                                           in den Räumen des RIVA-Nord,          2003 Budo-Pädagoge und leitet
     Die Erfahrungen aus dem ersten,       das - gemessen an der Nachfra-        seit acht Jahren die Aikidogruppe
     inzwischen abgeschlossenen Kurs       ge - nur vergleichsweise wenig        des SV Lohhof. Er trägt den vier-
     haben beide in ihrem Weg be-          Schüler aufnehmen kann. Denn          ten Dan (Meistergrad) Aikido. Ab
     stärkt. Das Feedback der Eltern       der Dojo, eigentlich ein Allzweck-    dem sechsten Dan darf sich ein
     war ausschließlich positiv, die 50    raum, ist überhaupt der einzige       Aikido-Lehrer „Sensei“, zu Deutsch
     Euro Kursgebühr für das gesam-        größere Raum im Haus. Weiter-         „Meister“, nennen.
     te Halbjahr nahmen sie gerne in       führen wollen Tom Droste und
     Kauf. Auch die Kinder selbst lie-     Thomas Kieslich das Angebot           Herr Kieslich, was ist und an wen
     ßen deutliche Fortschritte erken-     auf jeden Fall. Zu beeindruckend      wendet sich Budopädagogik?
     nen. Ein Vater berichtete, sein       war für sie die Abschlussveran-
     Sohn sei viel ruhiger geworden,       staltung des ersten Kurses am         Budopädagogik ist ein sehr neu-
     seine Noten hätten sich verbes-       Schulfest der Bernays-Schule.         er Zweig der Pädagogik. Sie wen-
     sert, das angespannte Verhältnis                                            det die erzieherisch relevanten
     zu ihm sowie zu seiner Klassen-       Die Schulhalle war voller Schüler,    Elemente der traditionellen osta-
     leiterin habe sich deutlich ent-      aufgedreht bis zum Ausflippen.        siatischen Kampfkunst wie etwa
     krampft und erstmals habe der         Als die Aikido-Kinder einzogen,       Aikido, Judo, Karate oder Kendo
     Filius eine Orientierung gefunden     johlte die Menge, lachte, schrie,     auf die Kinder- und Jugendarbeit
     und einen Berufswunsch geäußert.      brüllte quer durch die Halle, auch    an. Unsere Zielgruppe sind junge


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                                                                                KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit

Menschen mit verschiedenstem         esse. Die Kunst des Budo zielt         Karate- und Kung-Fu-Filme ver-
Hintergrund, von seh- oder lern-     nicht auf die Bekämpfung eines         mitteln aber einen anderen Ein-
behinderten Kindern über Opfer       äußeren Gegners, sondern viel-         druck.
von Mobbing und Gewalt bis hin       mehr auf die Überwindung des
zu sozial auffälligen und gewalt-    inneren Gegners ab.                    Zum Anschauen sind diese Filme
bereiten Kindern und Jugendli-                                              ganz nett, aber mit der Realität
chen.                                Kämpfen, um zu sich zu kommen?         haben sie nichts gemein. Klar -
                                     Das klingt nach Widerspruch.           die Hebel, Griffe und Würfe kön-
Ist es verantwortbar, ohnehin ge-                                           nen theoretisch auch so ausge-
waltbereite Menschen mit Kampf-      Ist es aber nicht. Kampfkünste er-     führt werden, dass der Angreifer
sport-Techniken vertraut zu ma-      fordern eine hohe Selbstdisziplin      nicht nur zu Boden geführt und
chen?                                und Körperbeherrschung, die Eti-       immobilisiert wird, was im Aikido
                                     kette ist von großer Bedeutung. Da-    primäres Ziel ist. Man könnte ihn
Die Erfahrung hat gezeigt, dass      zu gehört, sich gegenseitig Re-        auch ernsthaft verletzen. Dies er-
erfahrene „Schläger“ im Konflikt-    spekt zu zollen, sich zu achten, was   fordert jedoch sehr langes Trai-
fall immer auf Techniken zurück-     sich etwa in der Verneigung vor        ning und sehr präzise, geübte
greifen, mit denen sie die „besten   jeder Partnerübung sowie vor dem       Griffe. Ich übe selbst seit 16 Jah-
Erfahrungen“ gemacht haben.          Betreten des Dojo, des Übungs-         ren Aikido, doch desto länger ich
Der schnelle Faustschlag ins Ge-     raumes, zeigt. Dabei geht es um        trainiere, umso mehr tritt der As-
sicht oder der überraschende Tritt   mehr als eine Formsache. Gera-         pekt der Selbstverteidigung in den
in den Unterleib ist bei einem un-   de für Kinder mit geringer Selbst-     Hintergrund. Meine Erfahrung ist,
bedarften Kontrahenten effektiver    achtung ist diese gegenseitige         dass es immer jemanden gibt,
als eine komplizierte Selbstver-     Respektbezeugung eine neue             der noch besser und effektiver
teidigungs-Technik. Gewaltberei-     und wichtige Erfahrung. Und nicht      kämpfen kann und man nieman-
te Kinder und Jugendliche lassen     zuletzt wird jede Trainingseinheit     den unterschätzen sollte. Zum
sich ohnehin nicht auf einen         mit einer Meditation beendet.          anderen bleibt ein Angriff mit ei-
Kampf mit einem gleichstarken                                               ner Waffe, beispielsweise einem
Gegner ein. Sie suchen vielmehr      Ob Kampfsport oder Kampfkunst:         Messer, immer extrem gefährlich,
nach Opfern, bei denen sie ihr       Die Gegner werden mit Hebeln           egal wie gut man in der waffenlo-
mangelndes Selbstbewusstsein         und Würfen zu Boden gerungen.          sen Selbstverteidigung ausgebil-
„auftanken“ können.                  Ist das tatsächlich ungefährlich?      det ist. Die Wirksamkeit von Kampf-
                                                                            kunst-Training beruht vielmehr
Grundsätzlich handelt sich bei Ai-   Bei jedem Körpereinsatz und in         darauf, gefährliche Situationen
kido nicht um Kampfsport, son-       jeder Sportart besteht natürlich       rechtzeitig und richtig einschät-
dern um Kampfkunst! Budo ba-         eine Verletzungsmöglichkeit, wenn      zen zu können, einen kühlen
siert auf dem Prinzip der Gewalt-    sie nicht sachgemäß ausgeführt         Kopf zu bewahren und dadurch
losigkeit, übersetzt heißen die      wird. Dies zu vermeiden ist meine      gewalttätige Konflikte im Vorfeld
Schriftzeichen „BU“ und „DO“ in      Aufgabe als Lehrer. Prinzipiell übt    zu entschärfen. Es geht nicht da-
etwa „der Weg, einen Kampf           ein Aikido-Kämpfer jedoch keine        rum, andere effektiv angreifen zu
durch Nichtkämpfen zu been-          Gewalt aus, sondern leitet die         können, sondern Ziel ist es, selbst
den“. Es gibt weder Wettkämpfe,      Energie des Angreifers um und          nicht angegriffen zu werden.
noch Gewinner oder Verlierer,        nutzt sie, um ihn aus dem Gleich-
auch ist die Selbstverteidigung      gewicht zu bringen.
eher von untergeordnetem Inter-




OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                    69
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      Einrichtung             Kinder- und Jugendraum Riva-Nord                       Tel. 18 92 31 63
                              Ingolstätter Str. 243, 80939 München                   riva.nord@kjr-m.de
                              Ansprechpartner: Tom Droste
      Kooperationspartner     Willy-Brandt-Gesamtschule
                              Bernays-Hauptschule
      Besteht seit            Oktober 2003
      Projekt/Ziele           Aikido-Kurse zur Stärkung von Selbstbewusstsein
                              und Selbstsicherheit für (potenzielle) Opfer von Ge-
                              walt und Mobbing.
      Zielgruppe              6.-8. Klassen
                              - durchschnittliche Zahl der erreichten
                                  Kinder/Jugendlichen                         6-25
                              - Alter                                       12-16
                              - Anteil Mädchen                               50 %
                              - Anteil Migrantenjugendliche                  50 %
      Finanzierung            -   durch Bezirksausschuss
                              -   Budget des KJR




     Kinder- und Jugendtreff Cosimapark
     Apfelsaft bei 12° und zwei Stück Orangensaft

     Dass es zur Zusammenarbeit min-         Informatiklehrer aller umliegen-        in die Runde, ob dazu gemeinsa-
     destens ein Gegenüber braucht,          den Gymnasien, Haupt- und Re-           me Angebote denkbar seien.
     ist logisch. Wie mühsam der Ver-        alschulen angeschrieben und ein-
     such zur Kooperation ist, wenn nur      geladen, unsere Ausstattung und         Das Team vom Cosimapark muss-
     eine Seite Interesse zeigt, musste      unsere Räume für ihren Unter-           te nur die längst erarbeiteten Kon-
     der Kinder- und Jugendtreff Co-         richt zu nutzen.“ Von insgesamt         zepte aus der Schublade ziehen,
     simapark 1997 erfahren. Damals          zwei Lehrern gab es eine Reakti-        die Vereinbarung mit der Schule
     eröffnete „Café Cositiv“, das Inter-    on, und die war verhalten. Immer-       war schnell unter Dach und Fach.
     netcafé der Freizeitstätte.             hin schaute zur Eröffnung im            Seit September 2002 bietet der
                                             Herbst 1997 der Rektor der Knap-        Kinder- und Jugendtreff den „Com-
     „Wir hatten moderne Rechner             pertsbuschschule mit einer Klas-        puterführerschein“ als Neigungs-
     und vor allem Internetzugang“,          se vorbei. Mehr aber auch nicht.        gruppe der Schule an.
     erinnert sich der Sozialpädagoge
     Stefan Hefele (46) an die digitale      So gut das Angebot auch bald von        Insgesamt 20 Kinder der fünften
     Aufbauzeit. „Damals war das schon       den regulären Cosi-Besuchern an-        und sechsten Klasse kommen
     was.“ Schließlich lernten Deutsch-      genommen wurde, so wenig lie-           seither wöchentlich ins Café Co-
     land und sein Bundeskanzler zu          ßen sich Lehrer zur Zusammenar-         sitiv. Zehn am Mittwoch und zehn
     der Zeit erst, dass auf der Daten-      beit bewegen. Die Wende kam             am Donnerstag, zur Hälfte Mäd-
     autobahn keine Autos fahren und         erst, als sich das Interesse zu-        chen. Jede Woche steht ein neu-
     was Multimedia bedeutet, Schu-          mindest einer Schule verlagerte.        es Thema auf dem Stundenplan.
     len waren in Sachen Computer            Die benachbarte Hauptschule an          Den Anfang macht ein kurzer Steck-
     und vor allem Internet noch be-         der Knappertsbuschstraße wollte         brief, den sie von sich selbst er-
     scheiden ausgestattet.                  eine ganztägige Modellklasse            stellen sollen. Damit sehen die
                                             einrichten und suchte nach Mög-         Pädagogen schnell, wie sicher
     Von vornherein hatten Stefan He-        lichkeiten, ein attraktives Nach-       die Kinder im Umgang mit Com-
     fele und seine Kollegen mit ihrem       mittagsangebot zusammen zu              putern sind. Denn obwohl in
     Computer-Angebot daher nicht            stellen. Auf einem Treffen von          Deutschlands Haushalten Rech-
     nur Schüler, sondern auch deren         REGSAM, einem Arbeitskreis so-          ner inzwischen fast so verbreitet
     Schule im Blick. „Schon Monate          zialer Einrichtungen und Verbän-        sind wie Fernseher und Videore-
     vor der Eröffnung haben wir die         de in München, fragte der Rektor        corder gehen Kinder deshalb


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                                                                                 KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit





    Praxis ist angesagt: Bildbearbeitung am PC


noch lange nicht selbstverständ-         fünften Klasse die Rezepte in ein    Ob Soundbearbeitung oder Word:
lich damit um.                           Mikrofon, das am Computer            die grundlegende Bedienung ist
                                         steckt. Alex ist an der Reihe, sie   stets ähnlich. Wenn die Kinder
Die Schulen bieten zwar gerne            will erklären, wie ein Apfelpunsch   mit dem Mikrofon in der Hand ler-
Computerkurse an, die aber „mit          gekocht wird. Lucy ist die Aufnah-   nen, eine neue Dateien zu erstel-
dem alltäglichen Computerge-             meleiterin, sie sagt „Aufnahme,      len, sie zu bearbeiten und hinter-
brauch nichts zu tun haben“, so          Ruhe bitte!“ und klickt mit der      her abzuspeichern, dann können
Hefele. Er und seine Kollegen            Maus auf den „REC“-Button. Mar-      sie das auch bei einem am Com-
hatten sich zum Start ihres Inter-       tina hält das Mikrofon und soll      puter geschriebenen Brief an-
net-Cafés extra den Lehrplan be-         darauf achten, dass Alex immer       wenden. Die Eltern sind froh,
sorgt und waren entsetzt. Da ging        nah genug daran bleibt. Dem Un-      dass ihre Kinder das hier lernen.
es zwar darum, mit der Program-          ternehmen ist wenig Erfolg be-       „Ich kann es ihnen nicht beibrin-
miersprache Basic umgehen zu             schieden, weil sie ständig selber    gen und mein Mann eben so we-
können, nicht aber mit einem             ins Mikro sprechen will. Aber sie    nig“, vertraute eine Mutter jüngst
Textverarbeitungsprogramm. Und           war eben schon dran, jetzt muss      den Pädagogen an.
auch heute, so seine Erfahrung,          sie still sein. Zweiter Versuch.
würden Schüler kaum lernen,                                                   Der Respekt vor den komplizier-
was sie praktisch nutzen könn-           „Den Apfelsaft auf zwölf Grad er-    ten Maschinen oder mangelndes
ten. Etwa ein Bild einzuscannen          hitzen und dann zwei Stück Oran-     Computerwissen ist für die Kin-
und anschließend zu bearbeiten.          gensaft dazugeben“, sagt Alex.       der hier jedoch nicht der größte
                                         „Zwei Stück Saft?“, fragt Martina    Stolperstein auf dem Weg ins In-
Daher steht für die Teilnehmer           belustigt. „So ein Schmarrn!“ Die    formationszeitalter. Oft hapert’s
am Computerführerschein nur              drei schauen sich kurz an und        an den „Kulturtechniken Lesen
wenig Theorie und viel Praxis auf        prusten los. Dritter Versuch. „Den   und Schreiben“, wie Stefan Hefe-
dem Programm. Die Schüler kön-           Apfelsaft auf zwölf Grad erhitzen    le bei der Internet-Recherche
nen eine eigene CD-Rom zusam-            und dann zwei Liter...“ Martina      nach Plätzchenrezepten erfahren
menstellen und brennen, Bilder           unterbricht wieder:„Bist Du si-      musste. Eigentlich sollten die Kin-
verfremden und in ihre Steckbrie-        cher? Auf zwölf Grad erhitzen?“      der lernen, wie eine Suchmaschi-
fe einfügen, in „Up2Net“ erste           „Steht hier so drin“, antwortet      ne genutzt werden kann, doch im
Netzplaudererfahrung sammeln,            Alex. Lucy wird etwas ungedul-       Vordergrund stand die Frage:
eine einfache Homepage bauen             dig, ruft zum vierten Mal „Ach-      „Wie schreibt man ‚Weihnachts-
oder sogar ein Hörspiel produzie-        tung Aufnahme!“. Wieder emp-         plätzchen’?“
ren.                                     fiehlt Alex „zwei Stück Orangen-
                                         saft“, aber die drei beschließen,    Überraschende Erkenntnisse brach-
Heute erstellen die Kinder eine          dass es so in Ordnung ist. Lucy      te diese Kooperation auch auf
ganz besondere Rezeptesamm-              muss die Klangdatei abspei-          anderem Gebiet. Stefan Hefele,
lung. Es soll ein Kochbuch zum           chern, aber wie ging das doch        selbst Vater einer Tochter im
Hören werden, deshalb sprechen           gleich?                              Grundschulalter, hatte früher beim
Martina, Alex und Lucy aus der                                                Begriff „Ganztagsschule“ keine


OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                      71
KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
     Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit


     Zweifel daran, dass die Kinder         versicherung für Einrichtungen          nicht wissen, dass eins ohne das
     dann tatsächlich den ganzen Tag        wie das Cosi.                           andere gar nicht funktioniert.“
     in der Schule seien, also im           Natürlich sieht Stefan Hefele
     Schulgebäude. Doch er sieht na-        prinzipiell die Schule und deren        Die drei Mädels aus der Fünften
     türlich, dass „Schule und Lehrer       Aufsichtsbehörden in der Verant-        haben ganz andere Sorgen. Gleich
     das gar nicht leisten können“.         wortung, Nachmittagsangebote            bekommen sie den Computer-
     Sonst gäbe es wohl heute noch          zu organisieren und zu finanzie-        Führerschein, für sie war heute
     keine Kooperation, er sieht beide      ren. Dass sie eines Tages solche        der letzte Nachmittag des Kur-
     Partner hier in einer „win-win-Si-     Leistungen anderer Träger hono-         ses. Im nächsten Halbjahr wer-
     tuation“. Denn auch der KJT Co-        rieren, ist jedoch ein frommer          den sie töpfern und in der Thea-
     simapark zieht Nutzen aus der          Wunsch. Darum geht es ihm je-           tergruppe mitspielen. Am Anfang
     Zusammenarbeit. Schon etliche          doch nur in zweiter oder dritter Li-    des Schuljahres konnten sie aus
     Kinder aus dem Computerkurs            nie, „wir haben schließlich auch        vielen Angeboten wählen, von
     sind inzwischen Stammbesucher,         einen Bildungsauftrag.“                 „Musikschule bis Lernen lernen“,
     der Altersdurchschnitt ist gesun-                                              wie Martina erzählt. „Aber das
     ken und damit die Zahl jener ge-       Seine Sorge ist, dass sich eines        hier klang am interessantesten“,
     stiegen, die noch ein paar Jahre       Tages Monika Hohlmeier hinstellt        sagt Alex. Und Lucy meint, es sei
     dabei bleiben können. Sollten          und sagt: „Wir haben so tolle           „echt schade, dass heute der
     Ganztagsschulen eines Tages            Ganztagsschulen, da braucht’s           letzte Tag ist“. Sie wären gern
     flächendeckend eingeführt wer-         die offene Jugendarbeit nicht           länger geblieben. Kann es ein
     den, dann wäre die Kooperation         mehr. Es würde mich nicht wun-          schöneres Lob geben?
     mit ihnen wohl die beste Lebens-       dern, wenn in der Politik viele


      Einrichtung            Kinder- und Jugendtreff Cosimapark                     Tel. 91 11 14, Fax 92 40 17 71
                             Englschalkinger Str. 185, 81925 München                cosi@kjr-m.de
                             Ansprechpartner: Volker Jäntschi
      Kooperationspartner    Hauptschule an der Knappertsbuschstraße
                             Hauptschule an der Stuntzstraße
                             Helen-Keller-Realschule
      Besteht seit           Oktober 2001
      Projekt/Ziele          Zweimal wöchentlich Kursangebot „Computerführer-
                             schein“ als Bestandteil der schulischen Neigungs-
                             gruppen im Rahmen der Ganztagsbetreuung der
                             Schule.
      Zielgruppe             -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                                 Kinder/Jugendlichen (pro Kurs)                10
                             -   Alter                                      10-15
                             -   Anteil Mädchen                              50 %
      Finanzierung           Budget des KJR




     Musisches Zentrum
     Musik aus der Pfütze

     Das soll Unterricht sein? Weit         tikschuhen über den Parkettbo-          zold (35). Er ruft: „Wir zeigen
     und breit keine Tafel, keine Sitz-     den im Tanzsaal, spielen, raufen,       euch jetzt, was wir heute geübt
     ordnung und auch kein Lehrer.          laufen, lachen, ein Durcheinan-         haben, ja?“ Und kurz darauf sit-
     Genau genommen, jedenfalls.            der und Stimmengewirr wie in je-        zen fast alle am Boden.
     Aber jede Menge Schüler. 28            der Zwischenstunde, bis der
     Mädchen und Jungen schwirren           nächste Lehrer auftaucht. Hier ist      Die anderen, ein Dutzend Zweit-
     auf Strümpfen oder in Gymnas-          es ein Tanzlehrer, Thorsten Paet-       klässler, sind „wir“: die Tanzgrup-


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                                                                                   KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit

                                                                           den Grundschullehrerin Miriam
                                                                           Uhlmann (24), war die Gruppe
                                                                           heute draußen auf dem Spiel-
                                                                           platz. Nieselregen und Winterkäl-
                                                                           te haben sie nicht aufhalten kön-
                                                                           nen, schließlich ist auch ihr The-
                                                                           ma das Regenwetter. „Auf dem
                                                                           Spielplatz haben wir aber nicht
                                                                           gespielt“, erläutert sie den ande-
                                                                           ren Kindern, „sondern wir haben
                                                                           ihn nach Instrumenten und Re-
                                                                           gengeräuschen abgesucht. Wir
                                                                           spielen euch jetzt mal vor, was
                                                                           wir gefunden haben.“

                                                                           Miriam Uhlmann zückt ein Dik-
                                                                           tiergerät, mit dem die Kinder ihre





    So schön kann Schule sein
                                                                           Geräusche aufgenommen ha-
                                                                           ben. Es ist mucksmäuschenstill,
                                                                           alle lauschen. Vom Band kommt
pe. Die Kinder haben heute ge-        den „Musikern“ und plötzlich for-    ein hölzernes Klopfen. Dann ein
probt, Regen und Unwetter tän-        dern alle lautstark ein Abschluss-   gurrendes und glucksendes Ge-
zerisch darzustellen, jetzt führen    spiel. Was sich hier im Tanzsaal     räusch, das an ein Huhn erinnert.
sie es vor. „Gewitteeeeeer“ ruft      des Musischen Zentrums in der        „Anja, erzählst du kurz, wie du
Thorsten Paetzold und trommelt        Georgenstraße 13a abspielt, ist      das gemacht hast?“ Anja erzählt
ein Regenprasseln auf den Bo-         Unterricht. Schulunterricht sogar.   von einer Schaufel und einem
den, die Kinder lassen sich wie       Die Kinder sind allesamt Schüler     Becher, die sie dort gefunden
Regentropfen zu Boden fallen,         der Klasse 2b einer Schwabinger      hat, „mit der Schaufel hab’ ich
rappeln sich auf, bilden eine Py-     Grundschule. Diese hat sich auf      dann auf dem Becher rumgerie-
ramide, wiegen sich im Sturm,         eine vielversprechende Koopera-      ben“. Dann klingt es ächzend, et-
ein Bild fügt sich ans andere,        tion mit dem Musischen Zentrum       was reibt metallisch klirrend, „die
zum Schluss applaudieren die          eingelassen, das nur ein paar        Kette von dem Spielplatzkran“ er-
anderen Kinder kräftig. „Zur Er-      Straßenecken entfernt liegt. Kern    klärt ein Junge, ein anderer hat
klärung“ sagt Thorsten Paetzold       des Projektes: Die Schule legt je    mit den Füßen und den Händen
den Zuschauern, „das ist jetzt        eine Sport-, eine Musik- und eine    auf einer Kunststoffplane den
noch sehr eckig, das wird noch        Kunststunde zusammen, dieser         Rhythmus „Bumm-Tschak-Bumm-
viel flüssiger. So wie Regen: Was-    Unterricht findet dann jeden Mon-    bummm-Tschak“ gespielt, der
ser ist ja ganz weich und verformt    tagvormittag in der Georgenstra-     nächste hat Regengeräusche ent-
sich. Später werden diese Re-         ße statt. Aber nicht wie in der      deckt, wenn er in eine Pfütze
genbilder ineinander übergehen.       Schule nach klassischen Fächern      springt. Alle waren begeistert da-
Jetzt seht ihr nur einzelne Bilder,   getrennt und nicht vom Schul-        bei, jede und jeder ist jetzt Stolz,
so wie beim Fotografieren: Knips-     stundenrhythmus zerhackt. Die        „ihr“ oder „sein“ Geräusch vorzu-
knips-knips!“                         Klasse teilt sich in drei Gruppen:   spielen und zu erklären.
                                      die „Tänzer“, die „Bühnenbildner“
„Die Tanzgruppe hat heute echt        und die „Musiker“. Unter eigener     Was hier passiert, ist Konzept:
hart und gut gearbeitet, deshalb      Anleitung arbeiten dann alle drei    Zwar arbeiten die drei Gruppen
gibt’s für sie zur Belohnung noch     Gruppen auf das gleiche Ziel hin:    unabhängig voneinander. Doch
ein Abschlussspiel“ sagt Thors-       eine Tanztheateraufführung.          nicht nur das gemeinsame The-
ten Paetzold. Die anderen Grup-                                            ma verbindet sie, immer wieder
pen sollen so lange noch mal in       Auch bei den Musikern läuft der      präsentieren sich die Kinder ge-
ihre Räume gehen. „Neiiiin“ ruft      Unterricht etwas anders ab, als      genseitig, was sie erschaffen, er-
ein Mädchen von den Bühnen-           man ihn vielleicht von einer klas-   lebt und gelernt haben. „Jeder
bildnern enttäuscht. „Wir wollen      sischen Musikstunde erwartet.        lernt von jedem“ erklärt Thorsten
auch spielen“, ruft ein Junge von     Mit ihrer Leiterin, der angehen-     Paetzold das Prinzip, „und jede


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     Jugendarbeit und Schule - Partnerschaft auf Zeit


     Gruppe gibt der anderen Feed-           Musischen Zentrum. Aber selbst         Programm an. Jeweils drei Stun-
     back“. Letztlich tragen sie alle ge-    dann wäre es nicht das Gleiche.        den an einem Vormittag pro Wo-
     meinsam zur Tanztheaterauffüh-                                                 che tauschen Schüler und Lehr-
     rung am Projektende bei. Die            „In der Schule fragen sich Schüler     kraft ihr Klassenzimmer gegen
     Tänzer tanzen, die Musiker steu-        stets: was will der Lehrer? Diese      Tanzsaal, Musikraum und Atelier
     ern Rhythmus und Melodie bei            Frage stellen sie sich hier nicht“,    im Musischen Zentrum ein und
     und von der Bühnenbildner- und          hat Thorsten Paetzold bemerkt.         begeben sich auf eine sinnliche
     Malgruppe kommen die Kostüme            Und noch etwas hat er beobach-         Erlebnisreise in die Welten von
     der Tänzer und das Bühnenbild.          tet: „Die Motivation der Kinder ist    Tanz, Theater, Musik, Malerei
                                             hier enorm. Wenn die Musiker ei-       und bildnerischem Gestalten.
     „Die Kinder werden hier mit allen       nen falschen Takt spielen, haut’s
     Sinnen geschult“, sagt Tanzlehrer       den Tänzern die Beine weg. Tan-        450 Euro kostet dieses personal-
     Thorsten Paetzold, „das gehört          zen die wiederum nicht richtig,        intensive Programm, doch Thors-
     für mich zur Bildung unbedingt          dann macht’s den Musikern kei-         ten Paetzold weiß, dass dafür viel
     dazu.“ Denn während Kommuni-            nen Spaß.“ So motivieren sich al-      geboten wird. Wenn er auf den
     kation und Unterrichtsbeteiligung       le gegenseitig - ohne Notendruck.      Preis angesprochen wird, dann
     in der Schule fast ausschließlich       Was hier im Kooperationsprojekt        eigentlich nur „von Leuten die mir
     über den Kanal „Sprache“ ab-            mit der Grundschulklasse pas-          sagen, wie billig das für die gebo-
     läuft, können sich Kinder hier          siert, ist das Konzept für das ge-     tene Qualität ist.“ Schließlich ar-
     „durch künstlerische Medien mit-        samte Musische Zentrum. Kultur         beiten hier Pädagogen und pro-
     teilen, sich mittels Tanz, Musik,       für und von Kindern fördern, Kin-      fessionelle Künstler Hand in
     Malerei oder Schauspiel präsen-         der mit künstlerischen Ausdrucks-      Hand, jede Kleingruppe hat ihren
     tieren und so zu einem Ausdruck         weisen vertraut machen, ihre           eigenen „Lehrer“ und die Lehr-
     finden, der für sie allein sprach-      Neugierde darauf hervorkitzeln         kräfte der Schule können als
     lich nicht möglich wäre.“ Davon         und natürlich auch befriedigen.        ganz normale Teilnehmer das
     profitieren alle Schüler, beson-        Dazu gibt es von Montag bis Frei-      Programm erleben. Auch dies ist
     ders aber jene, deren Selbstbe-         tag volles Programm.                   für Schüler wie Lehrer häufig ei-
     wusstsein nur wenig entwickelt                                                 ne neue Erfahrung.
     ist und die sich auch deshalb           Vormittags können Schulen das
     kaum trauen, sich im Unterricht         Angebot für einen Projekttag           Der Tanzpädagoge will ohnehin
     zu melden. Hier entdecken nicht         oder das mehrwöchige Tanzthea-         nicht nur Schüler, sondern auch
     nur Kinder ihre Fähigkeiten, auch       terprojekt nutzen, nachmittags         Schule selbst erreichen. Er ist
     Lehrer sind bisweilen überrascht,       steht das Haus allen Münchner          überzeugt, dass Schule „im Bil-
     zu welcher Hochform vermeint-           Kindern von sechs bis 14 Jahren        dungssystem derzeit ganz gewal-
     lich „schlechte“ Schüler auflaufen.     offen. Kreativer Tanz, Percussion,     tig herumrudert“ und nach Orien-
                                             Breakdance, bildnerisches Ge-          tierung sucht. Die Aussicht, ein
     Im Musischen Zentrum geht es            stalten, Zeitung, HipHop, Theater      wenig dazu beizutragen, dass
     nicht in erster Linie um künstleri-     - die Angebotsliste ist lang. Und      sich Schule bewegt, fasziniert ihn.
     sche Höchstleistungen. Die wer-         immer gilt: Niemand muss sich          „Wir können ihr Impulse geben,
     den unterstützt, wenn Kinder sie        auf eine bestimmte Kunstform           können zeigen, dass Bildung
     anstreben. Aber im Vordergrund          spezialisieren, jedes Kind kann        Spaß machen kann und wir kön-
     steht die Kunst als „Vehikel zur        die verschiedensten Möglichkei-        nen dazu beitragen, soziales und
     Persönlichkeitsentwicklung“, so         ten ausprobieren und mit ihnen         kreatives Lernen zu fördern.“
     Thorsten Paetzold, „als Mittel, zu      alle Sinne ansprechen.                 Mit diesem Anliegen findet das
     reifen, sich auszudrücken, sich mit                                            Musische Zentrum zunehmend
     anderen auszutauschen. Das kann         Ein Modellprojekt mit der Grund-       Gehör. Kürzlich erst hat die
     klassischer Kunst- oder Musikun-        schule an der Wilhelmstraße im         Grundschule an der Türkenstra-
     terricht nur bedingt leisten.“ Allein   vergangenen Schuljahr hat Thor-        ße mit einer zweiten Klasse das
     die künstlerische Ausbildung            sten Paetzold ermutigt, häufiger       Kreativprogramm begonnen, zum
     kommt im Lehramtsstudium schon          mit Schulen zu kooperieren. Da-        Thema „Europa und Ich“ entste-
     viel zu kurz, um Schülern ein so        her bieten er und seine Kollegin-      hen nun Tänze, Raps und Körper-
     umfassendes Programm zu bie-            nen interessierten Lehrern und         bilder, mit denen die Kinder ihrer
     ten wie die Pädagogen hier im           ihren Klassen ein Zehn-Wochen-         kulturellen Identität auf den



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                                                                                   KREISJUGENDRING MÜNCHEN-STADT
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Grund gehen sollen. Die Grund-          gewappnet, dass durch Ganzta-          tern, sondern besonders ihre
schule an der St.-Anna-Straße           gesangebote der Schulen Besu-          Kinder die Angebote im Musi-
hat sich ebenfalls mit einer zweiten    cher am Nachmittag wegbleiben          schen Zentrum sehr schätzen.
Klasse angemeldet, weitere Anfra-       sollten. Derzeit sieht es jedoch       „Meine Teenies beim HipHop-
gen laufen. „Und alles praktisch        gar nicht danach aus, im Gegen-        Kurs sind wirklich der Wahnsinn“,
ohne Werbung dafür zu machen“,          teil. Während der gerade laufen-       berichtet Thorsten Paetzold. „Wenn
freut sich Thorsten Paetzold.           den Einschreibung für das zweite       ich am Ende der Stunde nicht sa-
                                        Kurshalbjahr sind viele Kurse          ge ‚Schluss jetzt’, dann würden
Nicht zuletzt sieht er seine Ein-       schon ausgebucht. Das liegt            die noch ewig weitermachen!“
richtung damit auch für den Fall        auch daran, dass nicht nur die El-


 Einrichtung             Musisches Zentrum                                     Tel. 34 87 21, Fax 38 87 99 27
                         Georgenstr. 13 a, 80799 München                       musischeszentrum@kjr-m.de
                         Ansprechpartner: Thorsten Paetzold                    www.musisches-zentrum.de
 Kooperationspartner     Grundschulen der LH München
 Besteht seit            Oktober 2001
 Projekt/Ziele           Vormittagsprogramme für Grundschulklassen mit den
                         Angeboten Tanz, Musik und bildnerisches Gestalten
                         über zehn Wochen hinweg.
 Zielgruppe              -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                             Kinder/Jugendlichen (pro Klasse)         25-30
                         -   Alter                                      6-10
                         -   Anteil Mädchen                            50 %
                         -   Anteil Migrantenjugendliche               30 %
 Finanzierung            -   durch Schulklassen
                         -   Budget des KJR



 Einrichtung             Mädchen- und Jungentreff Oberföhring                  Tel. 95 26 62, Fax 9 57 62 39
                         Muspillistr. 27, 81925 München                        mjt.muspilli@kjr-m.de
                         Ansprechpartnerin: Ulrike Moeller
 Kooperationspartner     Hauptschule an der Knappertsbuschstraße
                         Helen-Keller-Realschule
 Besteht seit            September 2002
 Projekt/Ziele           Wöchentliche Angebote der außerschulischen Ju-
                         gendbildung als Beitrag zu den schulischen Nei-
                         gungsgruppen im Rahmen der Ganztagsbetreuung.
 Zielgruppe              -   durchschnittliche Zahl der erreichten
                             Kinder/Jugendlichen                         10
                         -   Alter                                    11-16
                         -   Anteil Mädchen                            30 %
                         -   Anteil Migrantenjugendliche               10 %
 Finanzierung            -   durch Elternbeirat
                         -   Budget des KJR




OFFENE JUGENDARBEIT UND SCHULE                                                                                      75
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