MY BERLIN Magie und Macht

					MY BERLIN Magie und Macht

Von Roger Boyes

Mein Bäcker hat schwarze Ballons gehisst und bietet Vampir-Pfannkuchen an. Oben drauf sind
Dracula-Hauer aus Zuckerguss, drinnen Erdbeermarmelade und wenn man zu fest zubeißt,
spritzt einem das rote Zeug aufs Hemd. Sie kosten einen Euro.

Klar, es ist Halloween und wie Karneval und eine Reihe anderer fremder Feiertage haben sich
die unterhaltungsgierigen Berliner dieses Fest unter den Nagel gerissen. Es ist die Zeit von
Magie und Illusion und deshalb stört sich niemand an den Kürbissen für die Kinder und dem
etwas hinterhältigen Spiel vom „trick or treat“. Denn in Wirklichkeit ist die Magie Teil unseres
Lebens, das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Jeder, der schreibt, weiß, was
Magie ist: Die Worte verschwinden während des Tages und tauchen am Abend wieder auf.
Isabel Allende hatte eine hellseherische Großmutter, die Tische durch den Raum tanzen ließ und
einen Großvater, der den Teufel mit grünen gespaltenen Hufen im Bus auf dem Nachhauseweg
sah. Entscheidend: Auch andere bezeugen diese Momente von Magie, sie sind nicht der Fantasie
einer Schriftstellerin entsprungen.

das hinterhältige Spiel
auftauchen
hellseherisch
Entscheidend
entspringen

Meine Zuneigung zur Alltagsmagie erstreckt sich jedoch nicht auf Harry Potter. Diese nervige
Erfindung von J. K. Rowling macht den Ruf der Magie kaputt. Die Bücher (besonders das letzte)
sind furchtbar schlecht geschrieben. Die Dialoge scheinen sich die britischen
Schulabenteuergeschichten der 50er Jahre zum Vorbild zu nehmen, die Figuren sind
unglaubwürdig, die Geschichten aufgebaut wie Lego. Leider trauen sich die meisten
Erwachsenen nicht, auf diese Unzulänglichkeiten hinzuweisen, sie sind wohl überzeugt, dass ihre
Zehnjährigen ohne Harry Potter gar nicht mehr lesen, sondern nur noch Klebstoff schnüffeln.
Ganz ehrlich, jedem Kind täte es besser, die Rückseite einer Cornflakes-Packung zu lesen statt
dieser aufgemotzten, hochgeworbenen Schundliteratur.

unglaubwürdig
die Unzulänglichkeiten
hochgeworben

Die Harry-Potter-Täuschung besteht darin, dass Kinder, die sich in der Erwachsenwelt fremd und
missverstanden fühlen, mit Hilfe von Magie ihre Ängste überwinden können und eigensinnige
Krieger im großen Kampf gegen das Böse werden. Bis jetzt wurden dieser fragwürdigen, pro-
faschistischen These 6000 Seiten gewidmet. Doch wenn es Magie gibt, und ich glaube, dass es
sie gibt, dann funktioniert sie ohne Regeln. Magie überrascht und kann nicht wie ein Schweizer
Taschenmesser aufgeklappt werden. Kindern sollten lernen, in kleinen, praktischen Schritten ihre
Ängste zu überwinden – und dabei nicht auf Harry Potter setzen.

überwinden
in kleinen Schritten
Die Autorin Rowling hätte ihre Millionen verdient, wenn sie ihren jungen Lesern den
Unterschied zwischen Magiern und Illusionisten erklären würde. Im britischen Fernsehen spielte
ein so genannter Magier russisches Roulette: Er steckt ein Patrone in den Lauf, drückt ab, und
behauptet, durch Willenskraft die Kugel davon abhalten zu können, sein Hirn wegzupusten. Ich
weiß, auch Gerhard Schröder ist ein Illusionist – acht Rücktrittsdrohungen bis jetzt, und die
Kugel steckt noch immer im Lauf –, aber das ist ein wirklich abstoßender Trick. Illusionisten
vernebeln die Realität. Warum sonst würden Millionen Kalifornier Schwarzenegger wählen? Sie
verwechseln die optische Illusion des Kinos mit politischer Realität.

behaupten
wegpusten
die Rücktrittsdrohungen
ein abstoßender Trick
vernebeln
die politische Realität

Unsere Kinder sollten nicht so leichtgläubig sein wie die Kalifornier. Magie, das sollte man sie
lehren, liegt im Alltag: im Wechsel der Jahreszeiten, in der plötzlichen, unerklärlichen
Freundlichkeit eines Bundesbahnbeamten. Oder in der merkwürdigen Magie, die dafür sorgt,
dass der Schlüssel, wenn ich die Haustür zuziehe, immer in der Jacke steckt, die ich gerade nicht
trage. Magier sind mysteriös und schelmisch; Illusionisten sind lediglich Scharlatane, die
Stimmen gewinnen oder Fernsehquote. Es wird Zeit, dass wir den Unterschied verstehen lernen.

leichtgläubig
im Wechsel der Jahreszeiten
unerklärlich
schelmisch
lediglich
Fernsehquote
Der Unterschied


Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“.Foto: privat

Quelle: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/25.10.2003/806213.asp

				
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