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Die kleinste Frau der Welt

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Die kleinste Frau der Welt Powered By Docstoc
					Die kleinste Frau der Welt
        (von Julia Beil)
Objekttheater

Objekttheater geht von dem Sinn aus, dass Dinge, die sich außerhalb unserer selbst befinden, ein
Eigenleben besitzen. Es handelt sich beim Objekttheater um eine sehr junge Theaterform, die meist
dem Puppentheater zugeordnet wird. Im Mittelpunkt dieser neuen Theaterform stehen wie es der
Name bereits sagt Objekte, unterschiedliche Materialien. Sie bilden die Basis einer jeden
Objekttheaterinszenierung. Es wird mit den Gegenständen gespielt und experimentiert. Mal mit und
mal ohne Schauspieler. Jeder Gegenstand, jedes Objekt, erhält seine eigene spezifische Bedeutung,
spricht seine eigene Sprache. Der Körper des Schauspielers und das Objekt stehen dabei in einem
ganz besonderen Verhältnis zueinander. Es herrscht Gleichberechtigung. Das Objekttheater
unterscheidet sich auch in Hinsicht auf die Verwendung theatraler Zeichen von „herkömmlichen“
Theaterformen. Meist wird gänzlich auf linguistische Zeichen verzichtet. Die Sprache rückt in den
Hintergrund und es wird mehr Wert auf Musik, Geräusche, Raumkonzeption und Beleuchtung
gelegt. Objekttheaterinszenierung ohne jegliche Schauspieler kommen ganz ohne mimische und
gestische Zeichen aus. Auch das Kostüm oder die Maske von Schauspielern rücken in dieser Form
des Theaters eher in den Hintergrund, können aber dennoch eine Rolle spielen, wenn Puppen in die
Inszenierung integriert werden. Hier wäre man dann wieder bei dem Punkt angelangt, ob es sich
dann nicht doch eher um Puppentheater handele. Diese Frage wird immer wieder heiß diskutiert,
soll hier aber nicht weiter erörtert werden. Viel mehr soll uns die Frage, welche theatralen Zeichen
im Zuschauer Gefühle hervorrufen und welche raumbezogenen Zeichen das Stück „The smallest
woman on earth“ strukturieren, interessieren?


„The smallest woman on earth“ bei UNIDRAM 2006


Die tschechischen Gruppe Krepsko zeigte während des Unidram Festivals 2006 ein morbides
Märchen aus Puppenspiel, Clownerie, Tanz und Musik.1 Die Gruppe, 2001 in Prag gegründet, ist
bekannt durch ihr einzigartiges Improvistions- und Situationstheater, dass meist vollkommen ohne
Sprache glänzt. Die Themen ihrer Stücke werden durch Mimik und Gestik der Schauspieler, Musik
und Bilder genauestens auf den Punkt gebracht und auch ohne Sprache verdeutlicht. Aber auch ihre
nicht-improvisierten Darbietungen sind bemerkenswert. Durch ihren absurden schwarzen Humor
und ihre starke poetische Verspieltheit, zählt Krepsko zu den innovativsten und bekanntesten
Theatergruppen Tschechiens. Die Mitglieder kommen aus den verschiedensten europäischen
Ländern, was die meist nonverbale Kommunikation in den Darbietungen der Gruppe erklärt. So
kommt auch der Beitrag, den Krepsko zu Unidram 2005 vorstellen, fast völlig ohne Sprache aus.


1   Ralf Bittner: Ein Märchen - Frei ab 18. In: Neue Westfälische (11.11.2005).
Lediglich ein paar Brocken Englisch, ein wenig französische Fetzen und ein bisschen Spanisch2
kennzeichnen das Stück sprachlich. „The smallest woman on earth“ - Die Geschichte eines jungen
Mannes (Jiri Zeman), dessen Liebe immer größer wird je mehr die Frau an seiner Seite schrumpft.
Die Geschichte eines jungen Mädchens (Linnea Happonen), das hoffnungslos verliebt ist und alles
dafür tut geliebt zu werden. Die Verbindung dieser beiden hoffnungslos Verliebten durch die
Zauberkünste einer Jahrmarktsschreierin (Anna Polivkova) und ihres Gehilfen (Vojta Švejda).


Beschreibung der Aufführung


Black – Musik einer Spieluhr – ein Lichtspalt. Langsam öffnet sich eine Tür. Ein winziges
Männlein, nicht einmal einen Meter groß, bekleidet mit einem goldgelben Umhang und einem
schwarzen Hut, betritt die leere Bühne. Mit beiden Händen umfasst es eine Schachtel. Die Bühne ist
leer, kaum beleuchtet. Nur das winzige Männlein mit seiner Schachtel ist zu erkennen. Es schlürft
zur Mitte, platziert sich, stellt seine Schachtel vor sich hin und zieht ein weißes Tuch heraus. Bindet
es sich um den Hals. Langsam nimmt das Männlein Schere, Löffel und Messer aus der Schachtel.
Erforscht sie und legt sie links neben sich. Mit zwei Gabeln zieht es einen menschenähnlichen
Körper, der nicht einmal 15 Zentimeter misst und an Fäden hängt, aus der Schachtel. Eine
Marionettenpuppe. Langsam kriecht der kleine Mensch3 aus der Schachtel und beginnt am Boden
herum zu zappeln. Er wird von dem Männlein an den Gabeln hängend hochgezogen. Dieses nimmt
die Schere. Trennt die Fäden durch. Der kleine Körper fällt zu Boden. Das Männlein führt langsam
die Gabel zum Mund, lutscht sie ab und macht sich über den kleinen Körper her. Dieser fängt zu
zappeln an. Mit zwei Messerschlägen wird dem Zappeln ein Ende bereitet. Das Männlein holt vier
Schälchen aus der Schachtel, spießt den toten Körper auf eine Gabel und lässt ihn die vier Schalen
entlang hüpfen. Es scheint als tunke es den kleinen Menschen in Saucen, als wolle es ihn würzen.
Eine Art Klangspiel entsteht. Nun trennt es den Kopf und die anderen Gliedmaßen vom restlichen
Körper ab. Nach und nach führt es sich die einzelnen Körperteile zum Mund und saugt ihnen
förmlich das Leben aus. Es nimmt das letzte Beinchen und tunkt es nochmal in die Schalen, hält
kurz inne und schmeißt das Bein von sich. Alle anderen Utensilien werden in der Schachtel
verstaut, Schälchen, Messer, Gabel. Es nimmt den Latz ab und steckt ihn zurück in die Schachtel. In
der rechten Hand die Schachtel haltend schlürft das Männlein von der Bühne. Schaut sich noch
einmal kurz um und verschwindet im Dunkeln. Gemächlich werden wir an die Geschichte
herangeführt. Die Bühne wird erleuchtet. Ein Mann, der Protagonist des Stückes, kommt von links.
Er trägt ein helles Hemd und eine schwarze Hose, die mit Hosenträgern befestigt ist. Mit den

2    Fransen-Festival startet poetisch. „Fringe“ im Theaterzelt bietet internationales Theater der Freien Szene. In:
     Medien-Spiegel (20.05.2005).
3   Ich werde die Bezeichnung Mensch der Bezeichnung Puppen vorziehen, da der Schauspieler und die Puppe gleichberechtigt auf
    der Bühne stehen.
Händen in den Hosentaschen versunken geht er zur Bühnenmitte. Er erblickt das weggeworfene
Bein. Er schaut zum Himmel, stützt die Hände in die Taille, bückt sich, geht in die Knie und hebt
das Bein vorsichtig mit der linken Hand auf. Während er das kleine Ding bewundert und
begutachtet setzt Spieluhrenmusik ein. Langsam erforscht er das Bein, spielt mit dem Faden. Er
führt es zum Mund. Nimmt es in beide Hände und drückt es an seine Brust. Von rechts kommt eine
Frau. Sie wird sich als Drahtzieherin des ganzen entpuppen. Sie hat enorm lange Beine und kommt
auf etwas herein gefahren, hinter ihr ein Mann an einem Seil. Wie ein Hund folgt er ihr. Die Frau
trägt einen sonnengelben Rock, eine schwarze Jacke und eine dunkle Kopfbedeckung. „Ladies and
Gentlemen“4 begrüsst sie das Publikum. „Welcome, Welcome to the show the smallest woman on
                                                 earth Let´s go“. Wie eine vornehme Dame fährt sie um den
                                                 jungen Mann herum und stöhnt englische Wortfetzen. „Nice
                                                 man, nice man“. Streicht ihm über seinen Kopf. Der junge
                                                 Mann steht wie benommen in der Mitte der Bühne und
                                                 drückt das Bein an seine Brust. Die Jahrmarktschreierin
                                                 steigt von ihrem Fahrgestell, welches sich gleich als
                                                 Kabinett des jungen Mannes entpuppt. Schon stolziert sie
                                                 wieder zu ihm zurück. Packt ihn und weißt ihm seinen Platz
                                                 im Kabinett zu. Sie setzt ihn auf einen Stuhl. Er wirkt
                                                 apathisch und hat nur Augen für das kleine Beinchen. Die
                                                 Frau stolziert nun rechts von der Bühne. „See you soon“
                                                 verspricht sie dem Publikum. Der junge Mann sitzt in
seinem Kabinett. Er sitzt auf einem Hocker und betrachtet immer noch den kleinen Fuß. Da sitzt er
nun, im halbdunklen Raum, mit einem winzigen Fuß in der Hand. Der Gehilfe der Jahrmarktschrei-
erin sitzt am rechten Bühnenrand. Die Melodie einer Spieluhr erklingt. Im Kabinett wird derzeit ein
Maßband gezückt. Mehrmals misst der junge Mann den kleinen Fuß. Hastig nimmt er ihn und
steckt ihn in ein Glas. Er holt ein Buch hervor. Ein Blatt fällt aus dem Buch. Er hebt es auf, packt es
zurück in das Buch und stellt dieses wieder in das Regal. Er steht auf und sucht etwas auf einer
Landkarte, die er zuvor aufgehangen hat. Er nimmt eine Lupe und sucht. Er hockt sich wieder hin,
nimmt einen vor ihm stehenden Käfig auf seinen Schoss, umarmt ihn förmlich und schaut ins Leere.
Ein Geräusch von Rollen ist zu hören. Ein großer Holzquader mit einer Seitenlänge von circa 1
Meter wird in den dunklen Raum geschoben. Dieser wird zu einer Art Tresen ausgeklappt. Eine
kleine Frau steht auf dem Holzgestell und hat einen Käfig in der Hand, dem sie dem Gehilfen über-
stülpt. „Bonjour“ begrüßt sie die Zuschauer in französischer Sprache. Sie wirft den Zuschauern
Küsse zu. „Je suis la plus petite femme au monde. C´est moi“. Sie hebt ihr Gewand, streckt ihr

4   Zitate aus dem Stück der Aufführung „The smallest woman on earth“ vom 02.11.2006 werde ich durch kursive Schrift und
    Anführungsstriche kennzeichnen.
rechtes Bein nach vorn und zeigt stolz ihren Körper. Die kleinste Frau der Welt holt ein Maßband
hervor und misst sich aus, ihre Körpergröße und ihren Bauchumfang. Diese stimmen miteinander

                                            überein. „Ce n´est pas grave“. Sie hält kurz inne.
                                            „Maintenant“. Sie beginnt zu singen und zu tanzen.
                                            Immer schneller, immer schneller, sie steigert sich und
                                            ihre Stimme droht sich zu überschlagen. Sie fällt um. Sie
                                            richtet sich wieder auf, setzt sich und fängt plötzlich an
                                            zu glucksen und zu gackern. Sie scheint zu einem Huhn

zu mutieren. Sie schreit, reißt die Hände in die Höhe und plötzlich: Ruhe. Langsam zieht sie aus
ihrem Gewand ein Ei hervor. Vorsichtig pustet sie es ab und schüttelt es sanft. „Qu´est-ce que
ce?“. Der junge Mann tritt aus seinem Kabinett hervor. Er zückt sein Maßband und misst die kleine
Frau aus. „Salut“ entgegnet diese und zeigt ihm ihre Beine wie bereits zuvor den Zuschauern. Dann
hält sie ihm das Ei unter die Nase. „Cette la plus petite femme au monde“. Der junge Mann
begutachtet das Ei. Er ist fasziniert. Die kleine Frau macht sich über ihn lustig. Doch er bemerkt
dies nicht, er scheint in seiner eigenen kleinen Welt zu leben: Nur er und „la plus petite

femme au monde“, das Ei. Sie gibt ihm das Ei. Er greift nach
der Hand der kleinen Frau und küsst diese. Er bedankt sich.
Nach dem zweiten Kuss reicht es der Frau und sie versucht
ihren linken Arm mit Hilfe des rechten Fußes aus der Hand
des jungen Mannes zu lösen. Plötzlich erscheint ein junges
Mädchen. Es war ihre Hand, die der junge Mann küsste. Sie

trägt ein hellblaues Kleid, eine bordeauxfarbene Strickjacke, eine weiße Strumpfhose und braune
Stiefel. Ihre Haare sind zu zwei Schnecken zusammengerollt und hochgesteckt. Das junge Ding
möchte ihre Hand weiter küssen lassen, doch der junge Mann hat von nun an nur noch Augen für
das Ei. Die kleine Frau rollt samt Holzbox davon. „L´amour“. Die Tragik der Geschichte nimmt
ihren Lauf. Ein junges Mädchen von normaler Körpergröße, verliebt sich in einen jungen Mann, der
die kleinste aller Frauen liebt. Das Unglück des jungen Mädchens ist vorprogrammiert. Der junge
Mann lässt die Hand des Mädchens los und umfasst das Ei mit beiden Händen. Das Mädchen geht
um ihn herum, an seiner linken Seite bleibt sie stehen und streicht ihm über das Haar. Der Mann
lässt die Hand des Mädchens los und umfasst das Ei mit beiden Händen. Das Mädchen geht um ihn
herum, an seiner linken Seite bleibt sie stehen und streicht ihm über das Haar. Ganz verliebt steht
sie neben ihm. Er geht mit dem Ei umher, bleibt stehen, fasst sich mit dem linken Arm unter den
rechten. Steckt das Ei in seine rechte Achselhöhle. Er nimmt das Ei wieder hervor und steckt es in
die linke Achselhöhle des Mädchens. Sie drückt den jungen Mann, der das Ei nicht aus den Augen
lässt, an ihre Brust. Plötzlich fällt das Ei aus ihrer Achselhöhle. Sie fängt es auf. Er nimmt es
                                       schnell wieder in seine Obhut. Das junge Mädchen würde
                                       alles dafür tun um von ihm geliebt zu werden. Er hält das
                                       Ei vor sein Gesicht, schaut, ob ihm auch nichts passiert
                                       sei. Standbild. Beide schließen ihre Augen. Die Lippen des
                                       Mädchens     und    des   jungen    Mannes     bewegen       sich
                                       aufeinander zu und treffen das Ei. Nachdem das Mädchen
                                       glaubt, er hätte sie geküsst, umarmt sie den jungen Mann.
                                       Er schenkt ihr keine Beachtung. Er geht im Kreis. Das
                                       Mädchen nimmt das Ei weg und lässt es wie einen Flummi

einmal auf und ab springen. Der junge Mann bemerkt den Verlust. Schnell nimmt er es wieder an
sich und begibt sich in sein Kabinett. Das junge Mädchen nimmt sich einen Käfig, stülpt ihn sich
über und geht zu ihm. Kaum hat der junge Mann sie erblickt, zückt er auch schon sein Maßband.
Das erste Mal hat er das Ei zur Seite gelegt und schenkt einem anderen Beachtung. Er misst nun das
im Käfig hockende junge Ding und ist fasziniert von ihrer Größe. Er nimmt den Käfig ab, dreht sich
kurz um, stellt ihn weg. Das Mädchen ist aufgestanden und steht in ihrer vollen Größe vor dem
jungen Mann. Er stößt sie zur Seite und betrachtet wieder sein Ei. Der erste Versuch die Liebe des
jungen Mannes für sich zu gewinnen ist gescheitert. Die Bühne erhellt sich. Die Jahrmarktschreierin
betritt die Bühne. Sie zeigt dem jungen Mädchen wie klein sie sein müsste, um das Herz des jungen
Mannes zu gewinnen. Sie stößt das Mädchen zu Boden. Dieses geht in die Hocke und wird nun mit
dem Maßband von der Frau eingewickelt. Gefesselt an die Leidenschaft des jungen Mannes. Die
kleinste Frau der Welt sitzt da nun eingewickelt von der wahnsinnigen Liebe zu einem Mann,
dessen Liebe von der Körpergröße einer Frau abhängt. Der Gehilfe der Jahrmarktsfrau trägt
unterdessen eine weiße Leinwand auf die Bühne. Das Mädchen wird von der Frau hinter die Wand
getreten. Die Frau stolziert nun nach vorn „and now a little present for you“. Sie deutet auf die
Zuschauer und geht nach rechts von der Bühne. Die Frau kommt wieder herein „and now cinema“.
Nachdem sie „electricity“ gefunden hat, setzt sie sich ins Publikum und fordert „dark and music“.
Der Film beginnt: vier sehr kleine Menschen stehen in einer Reihe und bewegen ihre Arme zur
Musik. Die Frau tastet nun den Raum mit dem Bild des Filmes ab. Sie strahlt ihren Gehilfen und
auch den jungen Mann an. Fasziniert von den kleinen
Menschen, die in dem Film gezeigt werden, läuft der junge
Mann dem Bild hinterher. Black – „Cinema is over now“.
Das junge Mädchen sitzt am Boden. Sie hat eine riesige
Schere in den Händen, die sie mehrmals auf und zu
schnappen lässt. Sie trennt sich das linke Bein ab. Die Jahrmarktsschreierin reißt dem Mädchen das
rechte Bein aus und beginnt „bad jokes“ mit den Beinen des Mädchens zu machen. Das Mädchen
misst ihren Körper und realisiert, dass sie nun von dem jungen Mann geliebt werden wird. Schon
tritt er auf. Er erblickt sie. Langsam machen sie die ersten Schritte auf einander zu. Er nimmt ihre
Hand und küsst sie. Er streicht über ihr Gesicht. Ihre innerliche Erregung und Freude ist deutlich zu
sehen. Sie spielt an ihrem Rocksaum. Der junge Mann beugt sich nun zu ihr herunter und wieder
bewegen sich die Lippen der beiden auf einander zu. Diesmal hindert kein Ei ihre Lippen daran,
sich zu berühren. Doch die Frau vom Jahrmarkt kommt wieder und präsentiert die kleinste Frau der
Welt. Auch der zweite verzweifelte Versuch des jungen Mädchens ist missglückt. Der junge Mann
erblickt die angeblich kleinste Frau der Welt und wendet sich von dem Mädchen ab. Ziehharmonika
und Akkordeon erklingen. Wieder wird der kleine Körper ausgemessen: Körpergröße, Kopfumfang,
Armlänge, sowie die Größe des Fußes. Nun beginnt der kleine Mensch zur Musik zu tanzen. Der
Name lautet Lucia und wir erfahren von ihrer Geschichte, die uns diesmal auf Spanisch vorgetragen
wird, dass ihr eines Tages „mucho mucho frio“5 war und sie erfroren ist. Mit ihrem Tod geht Lucias
Geschichte ist zu Ende. Die Puppe und das Tischtuch werden entfernt. Der junge Mann ist

                                            auf der Suche nach Lucia. Er vergisst das junge
                                            Mädchen. Sie ist ihm nicht mehr klein genug. Er packt
                                            sie am Schopf und steckt sie in den Holzquader. Der
                                            Gehilfe der Frau nimmt diesen und fährt ihn weiter in
                                            die Bühnenmitte. Der junge Mann beobachtet das
                                            Ganze und bleibt wie angewurzelt stehen. Dem

Gehilfen passt das gar nicht. Er geht auf den jungen Mann zu und droht ihm. Nachdem er den
jungen Mann eingeschüchtert hat, setzt sich der Gehilfe wieder auf seinen Platz am rechten
Bühnenrand. Die Spieluhrenmelodie ertönt wieder. Der junge Mann beginnt zu arbeiten. Er hält
inne als er eine kleine, tanzende Puppe wahrnimmt. Plötzlich stürzt er sich auf das kleine Ding. Die
Jahrmarktsschreierin bleibt mit einer weiteren Puppe in der Hand links vom Kabinett stehen. Der
Mann geht auf sie zu und entreißt ihr die Puppe. Nun setzt er sich wieder in sein Kabinett. Licht-
wechsel. Trommelwirbel. Das Mädchen, welches mit dem Kopf
aus dem Holzquader schaut, wird gleich einem magischem Zauber
zum Opfer fallen. Die Frau greift ein Kabel des Holzquaders und
gibt es ihrem Gehilfen, der zuvor eine schwarze Maschine holte.
Er steckt nun das Kabel aus dem Quader und das von der

Maschine in einander. Beide heben ihre Arme in die Höhe, zeichnen einen Halbkreis mit ihren
Händen und „Magic“ beginnt. Sie gehen eine halbe Runde um den Quader und wieder „Magic“.
5 sehr, sehr kalt
Die Jahrmarktsschreierin fängt nun an Luft in den Holzquader zu pumpen. Immer wieder wird noch
ein bisschen nachgepumpt. Nachdem sich genug Luft im Quader befindet wird er geöffnet. Das
junge Mädchen misst nur noch 30 Zentimetern. Eine Puppe dient hier zum ersten Mal als Ersatz
für die Figur des Mädchens. Geführt wird das junge Mädchen dennoch von der Schauspielerin, die
es zuvor verkörperte. Das Mädchen hebt das Maßband vom Boden und beginnt langsam ihren
eigenen Körper zu messen. Sie misst ihre Körperlänge, ihren Hüftumfang und stellt fest, dass sie
nun noch viel kleiner ist und einer Liebesbeziehung mit dem jungen Mann jetzt nichts mehr im
                                              Wege steht. Langsam macht sich das Mädchen mit
                                             dem Maßband in der Hand auf den Weg zu dem
                                             jungen Mann. Er sitzt auf einem Hocker, leblos
                                             hängen seine Arme an ihm herunter. Das Mädchen
                                             zupft immer wieder an seiner Hand. Er zuckt nur
                                             kurz. Das Mädchen entdeckt ein Buch am Boden. Sie
                                             greift das Maßband und legt es auf das Buch. Sie
schiebt alles in Richtung des jungen Mannes und zieht nochmals an seiner Hand. Dieser verliert
sein Gleichgewicht, rutscht halb vom Hocker. Er wird wach und blickt zu Boden. Er sieht das Buch,
hebt es auf, klappt es zu und legt es wieder weg. In Gedanken versunken, dass er die kleinste Frau
der Welt wohl nie besitzen wird, nimmt er das kleine Mädchen gar nicht wahr. In seinen Händen
hält er das Maßband. Er steht auf, geht in die Mitte der Bühne, wickelt sich das Maßband um den
Hals, blickt nach oben, blickt nach unten, nimmt das Band ab und zerknüllt es in seinen Händen. Er
geht weiter, sucht nach etwas an dem er sich aufhängen kann. Die Bühne wird erhellt und die Frau
vom Jahrmarkt und ihr Gehilfe treten auf. Plötzlich sinkt der junge Mann zu Boden. Während sich
das junge Mädchen zu ihm begibt, führen die Frau und ihr Gehilfe wieder eine Art Zauber durch. In
einem Suppentopf schrumpfen sie eine Strumpfhose mit Zauberpulver, unter stetigem Umrühren,
Tanzen und Singen. Die Jahrmarktsschreierin zückt eine Schere, geht zu dem Mädchen herüber und
schneidet ihre Fäden ab, die sie mit ihrer Spielerin verbunden hatten. Die letzte Chance, den jungen
Mann für sich zu gewinnen ist gekommen. Das Mädchen wird nun wie zuvor die Strumpfhose in
den Suppentopf gesteckt. Wieder Zauberpulver, Schütteln und Rütteln, Tanzen und Singen. Der
Gehilfe zieht das Mädchen aus dem Topf. Sie misst jetzt noch 10 Zentimeter. Abrupt verlassen die
Frau und ihr Gehilfe die Szenerie. Das Licht wird gedämpft und das junge Mädchen, wieder von
Linnea Happonen geführt, klettert langsam auf die Brust des jungen Mannes, liebevoll beugt sie
sich nach vorn und liebkost sein Gesicht. Er erwacht und gibt ihr sanfte Küsse. Er richtet sich auf
und nimmt das Mädchen in seine rechte Hand. Vorsichtig liebkost er sie mit der Nase und setzt sie
auf seine rechte Schulter. Er nimmt sie wieder in seine Hände. Auf seinen Fingern stehend gibt er
ihr einen Handkuss. Dann einen Kuss auf den Mund. Sie tanzen. Er geht in die Knie und lässt sie
langsam zu Boden sinken und ein paar Pirouetten drehen. Er nimmt sie wieder in seine Hände. In
seinen Händen liegend liebkost er ihren ganzen Körper. Er küsst sie innig auf den Mund. Ihre Füße
beginnen zu zappeln. Plötzlich regt sich nichts mehr. Leblos hängt der kleine Körper über seinen
Fingern. Der junge Mann hat dem Mädchen jegliche Luft zum Atmen genommen. Flotten Schrittes
geht er in sein Kabinett und versucht das kleine Mädchen wieder zu beleben. Sie lebt wieder.
Freude strahlend sitzt der Mann nun in seinem Kabinett. Ziehharmonika-musik ertönt. Das kleine
Männlein aus der Anfangsszene betritt die Bühne. Messer und Gabel in den Händen haltend geht es
auf den jungen Mann zu und nimmt ihm das kleine Mädchen weg. Es will das Mädchen verspeisen.
In der Mitte der Bühne lässt es das Mädchen fallen und will gerade Messer und Gabel ansetzen als
der junge Mann sich auf den Boden wirft und das junge Mädchen rettet. Er nimmt das Mädchen
und steckt es in eine Kiste. Das Männlein wächst auf einmal und nimmt eine normale menschliche
Körpergröße an. Es bedroht den jungen Mann. Dieser beginnt zu zittern und mit ihm die Kiste. Das
Männlein nimmt ihm die Kiste weg und schüttet sie aus. Doch kein kleines Mädchen fällt aus ihr
heraus, sondern nur Sandkörner. Die Musik wird lauter. Das Männlein und der junge Mann suchen
wie wild im Sand nach dem Mädchen. Doch sie finden es nicht. Plötzlich stürzt der junge Mann auf
den Ziehharmonikaspieler. Beide scheinen um etwas zu ringen. Sie drehen sich zu dem kleinen
Männlein. Dieses hat die kleinste Frau der Welt gefunden. Was in jeder guten Tragödie dargestellt
wird, liegt nun auch Krepskos Tragikomödie zugrunde: Ein guter Charakter erlebt einen Umschlag
vom Glück ins Unglück6. So schluckt das kleine Männlein die kleinste Frau der Welt genüsslich
herunter. Das Männlein und die kleinste Frau der Welt sterben beide. Auch der junge Mann geht zu
Boden, stirbt. Ein ständiges Wechselspiel zwischen Liebe und Verlust. Am Ende bleibt nur der
Verlust. Der Tod beider Liebenden wie wir es aus etlichen klassischen Liebesgeschichten nicht
anders kennen, scheint auch in Krepskos Stück das Ende und die Lösung aller Qualen zu sein. Doch
plötzlich geht der Ziehharmonikaspieler zu dem Männlein und holt aus dessen Zähnen die kleinste
Frau der Welt hervor. Sachte legt er diese in eine Streichholzschachtel. Soll das kleine Mädchen
ihre verzweifelten, dummen Taten doch nicht mit dem Leben bezahlt haben? Black. Der
Ziehharmonikaspieler steht allein auf der Bühne und bietet dem Zuschauer die kleinsten Frauen der
Welt in Streichholzschachtel zum Kauf an.


„The smallest woman on earth“ als Objekttheater


Bevor die eigentliche Geschichte beginnt werden die Zuschauer langsam an die Form des
Objekttheaters herangeführt. das kleine Männlein erforscht langsam jeden Gegenstand, den es aus
der Schachtel holt. Es schaut wie sie beschaffen sind, was man mit ihnen machen kann. Es lutscht
und leckt sie ab. Es zerstört den kleinen Körper der Marionettenpuppe um zu erkennen wie er
6 Aristoteles (1982): Die Poetik. Griechisch/ Deutsch. Übersetzt und hrsg. von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam.
geschaffen ist und wie er funktioniert7. Immer wieder tauchen diese Spielereien während der
Geschichte auf. So erforscht der junge Mann das Bein, welches er zu Beginn findet, ebenso so
sachte wie das Männlein die Gabel, das Messer und die Schere. Er riecht an ihm und begutachtet
was der Faden am Fuß für eine Bedeutung hat. Im Fortgang der Geschichte wird das junge
Mädchen durch Puppen ersetzt. Diese Puppen stehen wie der Schauspieler, der den jungen Mann
verkörpert, gleichberechtigt auf der Bühne. Sie haben nicht weniger und nicht mehr aus zu sagen als
der Körper des Schauspielers. Die einleitende Definition von Objekttheater betrachtend, lässt sich
feststellen, dass es sich bei der Darbietung der Gruppe Krepsko um Objekttheater handelt.


Musik und Beleuchtung in der Krepsko Inszenierung


Theatrale Zeichen dienen zunächst einmal der Ästhetik der Inszenierung, zum anderen aber ziehen
sie Bedeutung nach sich. Im Allgemeinen kann man Ästhetik und Bedeutung nicht von einander
trennen, da fast immer aus Ästhetik Bedeutung und aus Bedeutung Ästhetik resultiert. Zu
unterscheiden ist allerdings, dass ästhetische Zeichen für den Fortgang der Geschichte nicht
relevant sind. Zeichen, die etwas bedeuten, jedoch schon. Bedeutende Zeichen sollen den Lauf einer
Geschichte vorantreiben, müssen es aber nicht unweigerlich. Ein Rock kann weiß sein und für
Unschuld und Reinheit stehen. Er kann aber auch einfach nur weiß sein. Für eine Geschichte wird
es erst dann interessant, wenn der weiße Rock der Schauspielerin plötzlich mit Blut bespritzt ist.
Dem Zuschauer aber nicht gezeigt wurde, wie es zu dieser Verunreinigung kam. Während die Frage
nach der Bedeutung des bloßen weißen Rockes im Kontext der Geschichte gesehen werden muss,
ist der blutbespritzte weiße Rock ein eindeutig bedeutungstragendes Zeichen. In Krepskos
Darbietung hingegen gibt es fast nur bedeutungstragende Zeichen. Ich beschränke mich hierbei auf
die raumbezogenen Zeichen Musik und Beleuchtung, auf die Bedeutung dieser Zeichen, Gefühle
beim Zuschauer hervorzurufen und Inszenierungen zu strukturieren. Emotionen sind das, was man
im Zuschauer hervorrufen will. Gefühle von Menschen werden durch Musik verstärkt. Musik allein
kann sogar Gefühle hervorrufen. Was wäre ein Stummfilm ohne musikalische Untermalung? Er
würde an Wirkung verlieren. Nehmen wir das junge Mädchen, das sich ihr linkes Bein mit der
Schere abtrennt. Der Zuschauer würde den Ernst der Lage ebenso gut ohne die Musik der Spieluhr
erkennen. Durch diese musikalische Untermalung nimmt der Zuschauer die Verzweiflungstat des
Mädchens intensiver wahr. Der Zuschauer kann sich noch besser in die Lage des Mädchen hinein
fühlen. Es ist allgemein bekannt, dass sich das Empfinden des Zuschauers durch Anregen mehrerer
Reize, durch visuelle und audiovisuelle Zeichen, verstärkt. Gleichauf mit der Verstärkung und dem
Hervorrufe von Gefühlen wird durch das Nutzen von Musik eine Struktur geschaffen. Die Szenen

7 Vgl. Floria Sigismondi: We need to destroy the human body in order to find out where it comes from. In: an
  Internetinterview by Tara Smith. [25.01.2007]
werden von einander getrennt. So wird während der Jahrmarktszenen immer wieder die
Ziehharmonika und das Akkordeon gespielt. Die anderen Szenen, die tragischen Parts des Stückes,
werden durch die Melodie einer Spieluhr abgerundet. Es liegt folglich eine Struktur, man könnte
sogar von ästhetischer Struktur sprechen, vor. Sicherlich haben Krepsko bewusst zu dem Mittel der
Musik und den unterschiedlichen Instrumenten gegriffen. Ebenso wie die Musik das Stück
strukturiert, strukturiert auch das theatrale Zeichen der Beleuchtung die Geschichte und trennt die
einzelnen Szenen von einander. Licht zieht das menschliche Auge an. Licht zieht die Blicke des
Zuschauers auf sich. Warum etwas Bedeutendes, Wichtiges nicht ins rechte Licht rücken? Folglich
werden Szenen, in denen nur eine Person auftritt, durch einen Spot auf diese Person beleuchtet. Als
sich das Mädchen ihr Bein abtrennt ist das Licht nur auf sie gerichtet. Wenn sich der junge Mann in
seinem Kabinett befindet wird nur dieses erhellt. Im Gegensatz dazu wird die Bühne bei den
Jahrmarktsszenen ganz beleuchtet. Auch hierdurch entsteht Strukturierung, der sich Bedeutung
anschließt. Wenn sich das Licht senkt und es langsam dunkler wird, weiß der Zuschauer, dass es
nun einen Umschwung von den belustigenden, satirischen Szenen des Jahrmarktgeschehens auf die
tragischeren Szenen der Liebesgeschichte und der Verzweiflung des jungen Mädchens geben wird.
Ebenso erfolgt ein klarer Anfang und ein fast eindeutiges Ende der Aufführung durch Blacks zu
Beginn des Stückes und zum Ende. Jedoch ist die Geschichte nach dem Black am Schluss noch
nicht vollständig am Ende angelangt. Der Ziehharmonikaspieler tritt in der Rolle eines Verkäufers
auf. Hier wird wie bei den Jahrmarkstszenen der Zuschauer direkt angesprochen und kann sich
seine kleinste Frau der Welt kaufen und mit nach Hause nehmen.8


Reaktionen des Zuschauers


Ein abgerundetes Stück und ein unterhaltsamer wie lehrreicher Abend sind nun vorüber. Der
Zuschauer hat viel gelacht, war schockiert, hatte Tränen im Auge und konnte sich seine kleinste
Frau der Welt mit nach Hause nehmen. Der Applaus, den die Gruppe Krepsko bekam spricht für
sich. Tosender Beifall für ein Stück, welches zwischen Tragik und Komik hin- und herspringt wie
die Gefühle des Zuschauers. Doch was bleibt am Tag danach? War das nun ein unterhaltsames
Stück oder lag ihm auch eine Moral zugrunde? Auch die Funktion der Aufführung springt wie das
Stück selbst zwischen Unterhaltung und Moral hin- und her wie ein Ball. Die knapp einstündige
Darbietung im Potsdamer T-Werk regte den Zuschauer trotz Belustigung zum Nachdenken über
seine eigene Einstellung zu Liebesbeziehungen an. Wie oft merkt man, dass man den eigenen
Lebenspartner oder Freunde einschränkt, sie förmlich erdrückt mit Forderungen, sogar mit der
Größe der Liebe, die man für sie empfindet? Die Komik des Stückes wird in den Hintergrund
gedrängt und es bleibt: Zuviel Liebe kann erdrücken und lähmen.
8 Erika Fischer-Lichte (2001): Ästhetische Erfahrungen. Das Semiotische und Performative. Basel: Tübingen.
Literaturverzeichnis


Erika Fischer-Lichte (2001): Ästhetische Erfahrungen. Das Semiotische und Performative. Basel:
Tübingen.


Aristoteles (1982): Die Poetik. Griechisch/ Deutsch. Übersetzt und hrsg. von Manfred Fuhrmann.
Stuttgart: Reclam.


Fransen-Festival startet poetisch. „Fringe“ im Theaterzelt bietet internationales Theater der
Freien Szene. In: Medien-Spiegel (20.05.2005).


Ralf Bittner: Ein Märchen - Frei ab 18. In: Neue Westfälische (11.11.2005).


Peter Weitzner: Objekttheater. Zur Dramaturgie der Bilder und Figuren. Frankfurt am Main: Nold
(1993).


Internetinterview
Tara Smith: In: Green Banana Online. [25.01.2007]

				
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