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Jadebusen - Geschichten rund um

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Jadebusen - Geschichten rund um Powered By Docstoc
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Jingle „Deutschlandrundfahrt“


Opener Musik. Darüber: O-Ton Collage


1. O-Ton: Anton Tapken
              Jadebusen ist eigentlich eine Abwandlung von Jadebucht. Der Fluss,
              der hier in den Jadebusen reingeht, der hieß früher Lade, dann Jade
              und dann hat man sich irgendwann mal geeinigt, dass hier die Jade
              in den Jadebusen reinfließt. Das hat mit dem Stein Jade gar nichts
              zu tun. Das ist ne Bucht, ist das.

Musik kurz hochkommen lassen.


2. O-Ton: Anke Plümer
              Das ist das Bild hier von Butjadingen von der Marsch, die
              schwarzbunten Kühe im Binnenland und die Schafe auf dem Deich.
              Das gehört irgendwie zusammen und die Schafe sind unsere
              Lebensversicherung sonst könnten wir hier nicht leben.

Musik kurz hochkommen lassen.


3. O-Ton: Thaden
              Früher gingen wir mit der Brotdose und ner Thermoskanne nach’m
              Fischen, heute geht man mit’m Aktenkoffer und’m Laptop hin.

Musik kurz hochkommen lassen.


Sprecher:      Der Busen der Natur. Rund um die Jademündung in Niedersachsen.

               Eine Deutschlandrundfahrt mit Nicolas Hansen.


Musik noch stehen lassen.


Autor:         Im Nordwesten Niedersachsens liegt die Stadt Wilhelmshaven. Sie

               ist eine junge Stadt und wurde vor rund 140 Jahren gegründet.

               Damals war der spätere Kaiser Wilhelm I. noch König von Preußen.
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               Der König erkannte, dass die Lage am Jadebusen ein idealer

               Standort für einen Marinehafen war. Und so wurde an der Westseite

               des Jadebusens die Stadt Wilhelmshaven gegründet. Der König

               erschien höchst selbst zur Grundsteinlegung und so trägt die Stadt

               heute seinen Namen. Gut 80.000 Einwohner leben hier und sie ist

               der wichtigste Ölumschlaghafen in Deutschland.


               Rundherum: dünn besiedeltes Land, viele Wiesen, noch mehr Kühe

               und hier und da ein schönes Gehöft in rotem Klinker. Doch jetzt gibt

               es Ärger am sonst so idyllischen Jadebusen. Jürgen Peters ist

               stellvertretender Chefredakteur der Wilhelmshavener Zeitung und

               Ressortleiter für den Bereich Hafen, Schifffahrt und Marine. Und als

               solcher hat er den Streit verfolgt. Es geht um ein Seezeichen, einen

               kleinen Leuchtturm, der eines Tages plötzlich verschwunden war und

               kurz darauf in Dangast, einem Ort südöstlich von Wilhelmshaven

               wieder auftauchte.


4. O-Ton: Jürgen Peters
              Wie das dann so ist in einer Stadt, die sich der Seefahrt verbunden
              fühlt, solange so ein Ding da steht, kümmert sich keiner drum. Aber
              wehe jemand legt Hand an und das haben wir hier zur Zeit. Uns freut
              es als Zeitungsmacher, weil die Wogen hoch schlagen, wir haben
              Leserbriefe, es gibt inzwischen glaube ich eine kleine Gruppe von
              Menschen, die versuchen dieses Seezeichen irgendwie, auf
              irgendeinem Wege wieder nach Wilhelmshaven zu holen.

Autor:         Das Wasser- und Schifffahrtsamt in Wilhelmshaven hatte

               beschlossen, der Unterhalt für das Seezeichen ist zu teuer und hat

               es kurzerhand zum Schrottpreis verkauft.


5. O-Ton: Jürgen Peters
              Bevor es nun verschrottet wurde kam jemand aus Dangast, ein alter
                                                                                    3

               Fahrensmann, der ganz wild drauf war, und das denn bezahlt hat
               und hat das dann abtransportiert. Daher die Unruhe hier.

Autor:         Soweit die Fakten. Doch es geht um Gefühle, um die Ehre, um den

               Verlust heimatlicher Identität. Wer interessiert sich da noch für

               Fakten? Gerüchte machten die Runde. Es wurde gemunkelt,

               spekuliert: Das Seezeichen sei für nur einen Euro verkauft worden.

               Manch einer witterte Verrat an der Heimat. Das Seezeichen sei

               gestohlen worden, geklaut. Der Dieb sei Anton Tapken aus Dangast,

               auf dessen Wiese steht der Turm nämlich jetzt.


6. O-Ton: Anton Tapken
              Ja, geklaut kann man ja nun nicht gerade sagen. Aber dieses
              Seezeichen habe ich ganz normal erworben, hab das Wasser- und
              Schifffahrtsamt angerufen. Die hatten mich mal angeschrieben und
              gesagt, das Seezeichen soll weg, das wird eingestellt und da hab ich
              denn gefragt, ob sie das verkaufen können. „Jawohl, können Sie
              bekommen“, na ja und denn hab ich das mit meinem Schiff dort weg
              geholt. Jetzt steht der astrein hier in Dangast. Für den Tourismus ist
              das optimal, dass der hier jetzt steht.

Autor:         Anton Tapken sitzt in Dangast und freut sich über seinen kleinen

               Leuchtturm. Und noch mehr Spaß macht es, wenn ein anderer den

               Leuchtturm auch haben will.


7. O-Ton: Anton Tapken
              Die Wilhelmshavener, da hatten sich dann welche zusammen getan,
              die waren natürlich traurig, manche waren dann am Schimpfen auch,
              dass der einfach so weggeholt wurde. Und jetzt kamen einige
              Wilhelmshavener bei mir hier schon an und sagten, „Mensch Anton,
              könnten wir das Ding nicht wieder kriegen“, und jetzt hab ich das erst
              mal hinausgezögert und hab denen dann auch gesagt, da muss ich
              erst mal ein paar Nächte über schlafen und ich will mal die
              Dangaster fragen, ob sie den wieder loswerden wollen, denn können
              sie den wieder kriegen, aber ich glaube das nicht so recht.

Autor:         Irgendwo in seinem grauen Bart macht sich ein Grinsen breit und er

               lehnt sich genüsslich zurück. Das Seezeichen soll, wenn es nach
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               den Dangastern geht, bald oben auf dem Deich stehen. Dann

               können auch die Wilhelmshavener ihr verlorengegangenes

               Seezeichen quer über den Jadebusen jederzeit sehen.


               Der Jadebusen ist streng genommen eine große Bucht an der

               Nordseeküste, die dort entstanden ist, wo der Fluss Jade in die See

               mündet. Die Bucht ist fast ringsum vom Land umschlossen. Nur die

               Flussmündung der Jade hält die Bucht zum Meer offen. Etwas

               südöstlich von Wilhelmshaven liegt Dangast. Dangast ist eines der

               ältesten Nordseebäder in Deutschland und die Heimat von Anton

               Tapken und seinem Bruder Karl-August. Ihm gehört das Kurhaus von

               Dangast. Die Urgroßeltern hatten das Haus gekauft. Seitdem wurden

               alle Tapkens hier geboren, erzählt Karl-August. Immerhin: das Haus

               ist 200 Jahre alt, jedenfalls - so ungefähr.


8. O-Ton: Karl-August Tapken
               Ja, das kann man nicht mehr ganz genau feststellen, nicht, aber wir
               haben jetzt hier 1804 einfach uns drauf geeinigt – 200 Jahr Feier
               hatten wir hier und das ist denn ja auch gut. Denn der Graf von
               Varel, der das hier gebaut hat als seine Sommerresidenz, dem
               brannte das Schloss ab 1850 und da war’n ja die Unterlagen denn
               mit verbrannt. Tja, - und weil er sich dann auf seine Sitzungen in
               Holland denn zurückzog, fiel das ganze dann an die
               Landesregierung und die hat das Ganze dann später mal, wie sie
               keinen Pächter hatten, an meinen Urgroßvater verkauft.

Autor:         Das Kurhaus ist eine Institution am Jadebusen. Hierher kommen

               Besucher aus der ganzen Region. Familien, Rentner,

               Motorradfahrer, Wanderer, selbst vornehme hanseatische

               Gesellschaft aus Bremen. Immer mittendrin: Karl-August Tapken. Er

               ist ein ruhiger Mann um die siebzig. Er hat kurze Haare, ordentlich

               mit Scheitel gekämmt, trägt eine Brille, eine graue Stoffhose und eine
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               Strickjacke. Immer donnerstags gibt es viel zu tun im Kurhaus. Vor

               dem Ansturm am Wochenende muss alles sauber sein. 250

               Sitzplätze gibt es im Kurhaus, das ist auch im Winter gut besucht. Im

               Sommer, sagt er, brauchen sie noch jede Menge Gartenstühle.

               Gleich hinter dem Kurhaus liegt der kleine Hafen. Dort liegt die „Etta

               von Dangast“.


9. O-Ton: Anton Tapken
              Die Etta von Dangast, das ist das Passagierschiff – also mein
              Passagierschiff, habe ich vor 24 Jahren gekauft, hab das ordentlich
              restauriert und da mache ich Ausflugsfahrten mit übern Jadebusen,
              rund um den Leuchtturm, zu den Seehundsbänken, Marinehafen,
              ooch da haben wir schon Hochzeiten drauf gefeiert und Geburtstage
              – da haben wir eigentlich alles schon mit gemacht. Da haben die
              Gäste viel Spaß mit, also bringt mir richtig Lust und Laune mit dem
              Schiff mein Geld zu verdienen.

Autor:         Ein weißes Schiff mit roten Konturen. Als er das Schiff zum ersten

               Mal sah, erzählt er, da wusste er sofort, das wird sein Schiff. Anton

               Tapken ist ein entschiedener Mann Mitte Sechzig. Sein Bruder sagt,

               er sei „der große Zauberer“, weil er immer so ein bisschen Hokus-

               Pokus um alles macht. Anton Tapken ennt das Meer und den

               Jadebusen, wie kaum ein anderer. Seinen Gästen erzählt er, wie der

               Jadebusen entstanden ist. Dabei weiht er sie auch in Geheimnisse

               ein, die außer ihm wahrscheinlich kaum einer in der Lage ist

               wahrzunehmen.


10. O-Ton: Anton Tapken
              Da sind mehrere Orte untergegangen und manchmal, wenn man bei
              Ebbe bis zum Leuchtturm läuft, da kann man an einer Stelle noch
              dicke Eichenstumpen sehen, wo dann am Ende der Eichenallee der
              Bauernhof stand. Das kann man manchmal noch sehen. Überhaupt
              bei Ebbe, wenn man mal ne Luftaufnahme macht, dann kann man
              mit ein bisschen Fantasie sehen, aha, da muss mal was gewesen
              sein.
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Musik: Interpret:        Nena
       Titel:            Leuchtturm (New Version)
       CD:               Nena feat. Nena
       Track:            4
       Komponist:        Kerner, Nena
                         Fahrenkrog-Petersen, Jörn
         LC/Best.-Nr.:   03708 WSM / 661087-2



Atmo: Möven am Hafen

Autor:          Zum idyllischen Bild der Nordseeküste gehören die kleinen Häfen mit

                ihren Krabbenkuttern. Touristen stehen Schlange, wenn die Kutter

                einlaufen. Krabben fangfrisch von Bord der Kutters: das gehört zu

                einem Nordseeurlaub für die meisten Touristen dazu. Die

                Krabbenfischer freut’s. Doch von ihnen gibt es immer weniger.


11. O-Ton: Anton Tapken
              Hier im Jadebusen haben wir noch zwei, drei Fischkutter – mehr gar
              nicht – früher waren es über zehn. Bei Hooksiel sind noch zwei, drei
              Fischkutter und dann an der Weser in Fedderwardersiel da sind auch
              noch ungefähr zehn Kutter.

Atmo: Möven am Hafen


Autor:          Im Hafen von Fedderwardersiel liegt auch das Schiff von Söhnke

                Thaden. Er hat das Schiff schon von seinem Vater übernommen.

                Söhnke Thaden ist ein großer, kräftiger Mann, Mitte Dreißig. An Bord

                seines hellblauen Kutters bereitet er alles zum Auslaufen vor. Neben

                den technischen Vorbereitungen muss heute auch genug Proviant an

                Bord sein.


12. O-Ton: Söhnke Thaden
              Früher gab’s die traditionelle Tidenfischerei, sprich mit dem
              Hochwasser nachts rausgefahren und mit dem nächsten
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               Hochwasser Mittags, Nachmittags wieder reingekommen – aber das
               hat sich alles geändert. Wir fahren jetzt schon mehrere Tage, bis
               zu’ner Woche, von Sonntag Abend bis Freitag Mittag.

Atmo: Möven am Hafen


Autor:         Heute geht es zunächst Richtung Helgoland. (Geräusch: Motor

               anlassen, unter Autor stehen lassen) Wenn der Fang dort gut ist,

               bleiben sie dort, sonst fahren sie Richtung Schleswig-Holstein weiter.

               Sie sind zu Dritt an Bord. Normalerweise kommen zwei

               Besatzungsmitglieder aus dem Dorf mit. Heute ist aber Söhnkes

               Vater dabei. Ganz von der Fischerei lassen kann er auch nach über

               45 Jahren noch nicht.


13. O-Ton: Thaden
              Zu unserer Zeit hatten wir nur einen Kompass, Positionslampen
              hatten wir auch, aber wir hatten kein elektrisches Licht, die wurden
              noch mit Petroleum geheizt, aber: Ich kann mich nicht daran erinnern
              eine Positionslampe angesteckt zu haben, dass die gebrannt haben
              mit Petroleum. Da wurde also so mehr oder weniger nach Gehör
              gefahren (lacht). Da kriegt man zuletzt auch Gefühl für. Je nach
              Uhrzeit so, man kennt sein Revier, so als wenn Sie im Dunkeln in
              Ihrer Wohnung laufen. So müssen Sie sich das vorstellen.

Geräusch: Gas geben, Wasser sprudelt


Autor:         Söhnke Thadens Fischkutter ist technisch auf dem neuesten Stand.

               Doch trotz aller Elektronik an Bord: im Gegensatz zu Fischen sind

               Krabben für die Technik unsichtbar. Sein Vater hat ihm sein ganzes

               Wissen über die Krabbenströme weitergegeben. Nur durch

               Erfahrung und ein Gespür für Jahreszeit, Wetter,

               Strömungsverhältnisse und Tageszeit lassen sich die schmackhaften

               Nordseekrabben aufspüren. Das Gewerbe ist härter geworden. Ist
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               von dem idyllischen Berufsbild seines Vaters noch etwas übrig

               geblieben?


15. O-Ton: Söhnke Thaden
              Ja, sicher ist das noch’n bisschen romantisch und Idylle dabei.
              Sicher ist das alles weitergegangen, weiter industrialisiert und
              moderner und mehr Technik und den Krabben wird auch versucht
              intensiver nach zu stellen, aber es ist schon noch Idylle bei.

Autor:         Und gesund sei der Fisch aus der Nordsee, sagt er. Die

               Wasserqualität habe sich stark verbessert. Das mache sich auch am

               Artenreichtum bemerkbar. Heute gibt es wieder Lachse und kleine

               Haie in der See und von Überfischung könne auch nicht die Rede

               sein. Wir sägen doch nicht an dem Ast, auf dem wir sitzen, sagt

               Söhnke Thaden. Das allerdings sieht Karl-August Tapken anders.


16. O-Ton: Karl-August Tapken
               Das ist ja nun die Sache bei Kabeljau, da ist es natürlich keiner
               gewesen, dass jetzt kein Kabeljau mehr in der Nordsee ist. Die
               Fischer, die fühlen sich alle unschuldig, aber die haben es ja
               weggefischt. Vielleicht kennen Sie Richard III., da ist es ja so, im
               ersten Akt in der zweiten Szene ist der Sarg des Königs. Und der
               Graf Gloucester der Richard III. ermordet hatte. Und die Königin
               steht daneben und da sagt er zur Königin, „sag, dass ich das nicht
               war.“ Und da sagt die Königin, „wenn du das nicht warst, dann würde
               er noch leben.“ – Und so ist das mit den Fischern genauso. Wenn die
               nicht den ganzen Kabeljau weggefischt hätten, dann wär ja noch was
               da.

Musik: Interpret:      Achim Reichel
       Titel:          Aloha heja he
       CD:             Melancholie und Sturmflut
       Track:          5
       Komponist:      Achim Reichel
       LC/Best.-Nr.:   4281 WEA International / 174352-2

Autor:         Der Jadebusen im nördlichen Niedersachsen ist auch das Revier von

               Anton Tapken, der mit seinem Schiff „Etta von Dangast“ den kleinen

               Leuchtturm von Wilhelmshaven nach Dangast holte. Die „Etta von
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                Dangast“ ist sein ganzer Stolz und er gerät ins Schwärmen, wenn er

                von ihr spricht.


17. O-Ton: Anton Tapken
              Das ist ein Schiff, wie sich die Binnenländer ein Schiff vorstellen.
              Heutzutage diese modernen, viereckigen Zigarrenkästen, wo’ne
              Maschine drin ist – nein, die Etta ist noch’n Schiff.

Autor:          Und Anton Tapken ist der Kapitän. Er trägt eine Uniform mit vier

                goldenen Streifen am Ärmel, auf dem Kopf eine weiße Mütze und

                einen grauen Bart. Genau so, wie sich Binnenländer eben einen

                Kapitän vorstellen. Der Jadebusen ist nicht immer sein Revier

                gewesen. Von Dangast aus hat er die Welt entdeckt.


19. O-Ton: Anton Tapken
              Rund um den Globus: ich war in Südafrika, Westafrika, ich war in
              Durban, ich war in New York, Südamerika, Chile, Peru, Kanada,
              Japan, Australien – ach, hat mir überall sehr gut gefallen, aber wie
              man so schön sagt, zu Hause ist irgendwie am besten.

Autor:          Frachtschiffe mit großen Ladebäumen ist er gefahren, erzählt er,

                weiß angestrichene Kühlschiffe. Es war alles Stückgut, was in Kisten

                und Säcken an Seilen hängend in den Bauch des Schiffes gehoben

                wurde. So hat er Tomaten, Bananen und andere Lebensmittel über

                die Weltmeere gefahren.


Autor:          Heute nennt Anton Tapken das kleine Passagierschiff „Etta von

                Dangast“ seinen ganzen Stolz. Und wenn er damit über den

                Jadebusen fährt, ist er der glücklichste Mensch auf der Welt.


Musik: Interpret:       Andrew Sisters
       Titel:           Rum & Coca-Cola
       CD:              The Sisters Story
       Track:           11
       Komponist:       Jeri Sullivan
                                                                                     10

                         Paul Baron
         LC/Best.-Nr.:   06350 Zix Records / 6102-2

Autor:          Die meisten Schiffe, die nach Wilhelmshaven kommen, sind

                Öltanker. Sie bringen Öl aus Nordafrika oder von den Ölfeldern in der

                Nordsee. Die Schiffe sind groß und die Fracht ist sensibel. Und

                obwohl die meisten Schiffe modern sind, ausgestattet mit allen

                technischen Navigationshilfen, geht nichts über die Erfahrung eines

                Menschen. Die Kapitäne steuern das Schiff bis in die Nähe des

                Hafens, dann kommen die Hafenlotsen an Bord, die die Tücken des

                Reviers kennen.


21. O-Ton: Anton Tapken
              Es gibt manchmal schwierige Häfen, wo dann Strömungsverhältnisse
              sind, quer zur Hafeneinfahrt die Strömung. Also da muss man schon
              gut sein Schiff kennen und da gibt es dann ein Schiff in Rotterdam
              quer zur Strömung oder in Portugal, da muss man erst durch die
              Brandung durch und da liegt auch ein Wrack neben der
              Hafeneinfahrt, also da geht der Puls dann immer leicht in die Höhe,
              aber mit Lotsenhilfe klappt das denn schon.

Atmo: Fahrt zum Schlepper, aussteigen, auf Metallstegen gehen


Autor:          Peter Albrechts und Uwe Wichelmann sind Hafenlotsen in

                Wilhelmshaven. Sie kennen sich mit den Strömungsverhältnissen

                bestens aus und wissen genau, wohin das Schiff muss. Dinge, die

                der Kapitän nicht weiß. Ein griechischer Öltanker hat sich

                angekündigt und die beiden fahren dem Schiff jetzt entgegen. Seit

                den Anschlägen von Washington und New York gibt es strengere

                Sicherheitsrichtlinien - besonders für so sensible Schiffe wie

                Öltanker. International Ship and Port Facility Security Code kurz

                ISPS heißt die international gültige Richtlinie. Auch für Journalisten
                                                                                     11

               ist es schwer geworden, an Bord zu kommen. Dennoch, nach

               Rücksprache mit dem Kapitän, der Reederei, dem Ladungsagenten,

               den Lotsen, den Schlepperkapitänen, der Raffinerie und einer Reihe

               von Behörden kommt das Okay: Vier Schlepper fahren dem

               griechischen Öltanker entgegen. An Bord des ersten Schleppers die

               beiden Lotsen. Uwe Wichelmann hat alle Hände voll zu tun.


22. O-Ton: Uwe Wichelmann
              So jetzt werden wir die Schlepper aufteilen. „So: Moin die Schlepper.
              Albrechts / Wichelmann.“ – Funk: Moin Herr Wichelmann, Moin Herr
              Albrechts, Stella. – Hallo, Wal. – Hier Florian, Moin Herr Wichelmann
              – Wichelmann: Ja fangen wir mit Florian an: vorn auf Band. Stella
              vorne Backbord klar zum. Wal Steuerbord achtern. Und das ganze
              geht einmal in die Runde an LK1. Funk: Ja, LK1 einmal in die
              Runde. Das sind jetzt unsere Schlepper. Das Schiff dieser Größe
              bekommt vier Schlepper weil es selber keine zusätzlichen
              Manövriereinrichtungen hat. Und dadurch haben wir vorn und hinten
              jeweils einen Schlepper und die anderen beiden assistieren in dem
              sie an verschiedenen Stellen drücken um das Schiff erst zu drehen
              und dann an die Pier zu drücken.

Atmo: Fahrt zum Schiff


Autor:         Wichelmann ist ein großer, schlanker Mann mit grauem

               Bürstenhaarschnitt. Sein Blick ist auf den Horizont gerichtet wo jeden

               Moment der Öltanker auftauchen müsste. Die Lotsen verstehen sich

               als Unterstützung für den Kapitän eines Schiffes. Sie können sich in

               die Kapitäne sehr gut hineinversetzen. Bedingung für die

               Lotsentätigkeit ist nicht nur eine jahrelange Ausbildung im eigenen

               Revier, sondern auch die Voraussetzung, dass sie selber Kapitän auf

               Großer Fahrt sein müssen und als solche eine mehrjährige Fahrzeit

               absolviert haben. Heute ist Wichelmann froh, nicht mehr monatelang

               auf See sein zu müssen. Er hat Familie und will dabei sein, wenn
                                                                                     12

               seine Kinder aufwachsen. Die Arbeit als Hafenlotse ist eigentlich das,

               was an dem Beruf als Kapitän Spaß macht: die Navigation in

               schwierigen Gewässern, das An- und Ablegen. Hier wird der Kapitän

               noch gefordert.


23. O-Ton: Uwe Wichelmann
              Es heißt immer ein altes Sprichwort, die See duldet keine Fehler.
              Und das heißt, es sieht zwar leicht aus, man kommt hier her, trinkt
              einen Kaffee, unterhält sich, aber die Anspannung ist doch eigentlich
              gegeben. Das ist also: 230 Meter lang, stellen Sie sich mal ein
              Hochhaus vor, Sie sehen jetzt hier ungefähr 8 Meter über Wasser,
              14 Meter unter Wasser und das in der Länge, das ist schon ein
              größeres Gebäude und das müssen Sie in einem fließenden System
              – wir haben hier in der Jade auch Strömungen bis zu 5 Kilometern,
              Winde – und das Endergebnis soll sein, dass Sie mit 3 Zentimetern
              pro Sekunde diesen großen Koloss sicher an die Anlage bringen.
              Also da gehört schon einiges zu.

Atmo: Fahrt, das aussteigen, Außenatmo


Autor:         Wir sind jetzt dicht vor dem Schiff, der Schlepper hält sich parallel zur

               Seitenwand des Öltankers oder wie es im Seemannsjargon heißt, er

               geht längsseits. Albrechts und Wichelmann ziehen sich ihre Jacken

               an. Jetzt geht’s los sagt Peter Albrechts. Wir treten nach draußen.

               Vor mir: eine riesige, schwarze Wand. Oben an der Reling: zwei

               kleine Köpfe. Die Schiffsbesatzung lässt eine Leiter herunter.

               Recorder und Mikrofon muss ich irgendwie so verstauen, dass ich

               weiterhin aufnehmen kann, aber trotzdem beide Hände zum klettern

               frei habe. Nicht so einfach. Seien Sie froh, lacht Albrechts, dass wir

               heute keinen starken Seegang haben. Ich greife nach der Leiter und

               klettere an der Bordwand hoch. Schritt für Schritt. Es schaukelt

               etwas. Der Schlepper tanzt neben dem großen Schiff auf den Wellen

               auf und ab. Ich erreiche die Reling und werde von den beiden
                                                                                   13

               philippinische Seeleuten in Empfang genommen. Sie sind gar nicht

               so klein, wie ich von unten dachte. Der eine nimmt mir meine Tasche

               ab und durchsucht sie, der andere fängt an mich abzutasten.

               Misstrauisch werden Aufnahmegerät und Batterien unter die Lupe

               genommen. Nachdem alles in Ordnung zu sein scheint, grinst mich

               der eine an und sagt, Willkommen an Bord, Sir und heftet mir einen

               Besucherausweis an. Albrechts und Wichelmann sind mittlerweile

               auf der Brücke. Dorthin bringen die beiden mich jetzt auch. Der

               griechische Kapitän wirkt jung. Er hat Peter Albrechts das

               Kommando übergeben. Jetzt wird es ernst. Das 230 Meter lange und

               22 Meter hohe Schiff wird gedreht.


Atmo Brücke bis Abschnittsende

24. O-Ton: Peter Albrechts
               Die Wilhelmshaven wieder recht achtern raus. – Funk: achtern raus.

Autor:         Peter Albrechts hat den Blick geradeaus gerichtet. Konzentration.

               Die See duldet keine Fehler.


25. O.Ton: Peter Albrechts
               Florian, klar nach Steuerbord. – Funk: Steuerbord.

Autor:         Der Bug beginnt, sich langsam zu drehen.


26. O-Ton: Peter Albrechts
               Wilhelmshaven klar zum rum – Funk: klar zum. Funk: Florian ist klar
               zum. Albrechts: Stop engine.

Autor:         Albrechts steht vor den Fenstern der Brücke. Der Blick wandert

               zwischen Ölterminal und den Schiffsinstrumenten hin und her.
                                                                                      14

27. O-Ton: Peter Albrechts
               Half starboard. 1.Offizier: Half starboard, Sir. - Starboard twenty. 1.
               Offizier: Starboard twenty. Starboard twenty now, Sir. – Midships.
               1.Offizier: Midships.

28. O-Ton: Uwe Wichelmann
              Durch dieses Wiederholen der Kommandos und die Kontrolle der
              Kommandos ist es natürlich so, dass da Fehlübermittlung oder
              falsches Verständnis eigentlich ausgeschlossen ist.

Autor:          Das Schiff liegt jetzt fast am Terminal. Die Schlepper arbeiten auf

                Hochtouren.


29. O-Ton: Uwe Wichelmann
              Mein Kollege, der ist jetzt in die Midships-Position gegangen an
              Deck. Dort, wo die Anschlüsse angeschlossen werden um das Schiff
              zu entladen. Und von dort hat er eigentlich den besten Überblick, um
              das Schiff nachher im letzten Meterbereich zu sehen, dass es schön
              parallel, gleichmäßig an die Fender kommt und dass er das Schiff
              auch gleich in die Position bringt, dass die Ladearme ohne jetzt groß
              aus der Richtung rauszugehen festgemacht... Funk: Hat er noch nen
              Dreh? Wichelmann: Ja, ganz wenig nach Steuerbord, 3,29 hat er
              jetzt, aber Dreh ist so gut wie raus. Funk: dann wieder hart
              Steuerbord. Wichelmann: Hard starboard again. 1. Offizier: hard
              starboard. Wichelmann: Er kommt jetzt sogar eher etwas nach
              Backbord. Funk: Stella langsam.

Autor:          Es ist fast geschafft. Die Leinen werden schon festgezogen. Der

                griechische Kapitän hat das Anlegemanöver genau beobachtet. Er

                erzählt, sein ganzes Leben hat er davon geträumt Kapitän zu werden

                und hat darauf hingearbeitet. Seit drei Jahren hat er nun sein Patent

                und findet es fürchterlich langweilig, von einem Hafen zum anderen

                zu fahren. Uwe Wichelmann zieht seine Jacke an und verabschiedet

                sich vom Kapitän. Seine Arbeit ist erledigt. In etwa zwei Stunden

                kommt noch ein Tanker. Dann fahren er und Albrechts wieder raus.


Musik: Interpret:       Die Fantastischen Vier
       Titel:           Tag am Meer
       CD:              MTV Unplugged
       Track:           11
                                                                                       15

         K. / T.:          Rieke, Andreas
                           Schmidt, Michael B.
                           Dürr, Thomas
                           Beck, Michael
         LC/Best.-Nr.:     02422 FOUR MUSIC PRODUCTION / 500775-2



Autor:              Der Wind weht über den Jadebusen. Die Luft riecht nach Meer. Im

                    Kurhaus Dangast sind die Vorbereitungen fast abgeschlossen.

                    Neben der Landwirtschaft ist es vor allem der Tourismus, der den

                    Menschen hier ein Einkommen bietet. Das war schon zu allen Zeiten

                    so, erzählt Karl-August Tapken.


30. O-Ton: Karl-August Tapken
               Außerhalb der Saison war hier im Hause ja gar nichts los. Ich weiß
               von Großmutter, dass die erzählte, am 15. Juni kam das Personal
               und denn wurde alles fertiggemacht und 1. Juli wurde das hier
               eröffnet. Bis zum 31. August. Und dann wurde noch 14 Tage
               aufgeräumt wieder und nach 3 Monaten war alles vorbei wieder.

Autor:              Zu Großmutters Zeiten, erzählt er, kamen vor der Saison und danach

                    die Brücke-Künstler. Über Jahre lebten sie dort außerhalb der Saison

                    und gründeten eine kleine Künstlerkolonie, in der dann auch andere

                    Künstler lebten.


31. O-Ton: Karl-August Tapken
               Die Brücke-Künstler werden ja nun am meisten genannt. Die waren
               ja nun zu Urgroßvaters und –großmutters Zeit hier von 1907 bis
               1912. Jedenfalls sagte Großmutter mal, wie der Heckel da den
               schlafenden Pechstein im Liegestuhl malt, Mensch, sagt sie, und das
               ist jetzt so berühmt das Bild. Das war später auch mal auf einer
               Briefmarke. Sagt sie, wenn da jetzt mal wieder so ein Künstler
               irgendeiner kommt, kümmer dich da sofort drum. (lacht)

Autor:              Es kam einer. Der Beuys-Schüler Anatol. Anatol Herzfeld, mit

                    bürgerlichem Namen Karl-Heinz Herzfeld. Und Anatol brachte auch

                    andere Künstler nach Dangast. So entstand zum zweiten Mal eine

                    Künstlerkolonie. Karl-August Tapken hat sie alle unterstützt. Und so
                                                                                  16

               stehen vor dem Kurhaus an Tapkens Privatstrand ein mannshoher

               Penis aus Granit, ein überdimensionaler Stuhl mit der Aufschrift

               Butjahta, eine große, grüne Frauenplastik, und es wehen Fahnen in

               Regenbogenfarben am Strand.


32. O-Ton: Karl-August Tapken
               Die Fahnen ist eine Idee von einem Oldenburger, Peter Vogel, der ist
               jetzt woanders auch glaube ich ein ziemlich bekannter Künstler, und
               der meinte, damals ging ja die Umwelt ziemlich hinten rüber. Die
               Grünen gab’s noch nicht und, ich muss mal ein Zeichen setzen, sagt
               er. Ich kreiere hier den Regenbogen für Dangast. Dann setze ich hier
               die Fahnenmasten in Schlick. Und den sag ich zu ihm, in den
               Schlick, das geht wohl nicht. Ich hab da noch alte Pfähle, denn hab
               ich ihm die da angebolzt und da hat er die Fahnen dann
               raufgemacht. Und denn hat eine Frau, eine von den Kurgästen, die
               hat zwanzig Jahre lang bis zu ihrem 85. Geburtstag mit Sachen
               aus’m Kaufhaus, fünf verschiedene Farben die Fahnen geschneidert
               und uns geschenkt. Bis sie nicht mehr konnte, hier Urlaub gemacht
               und die Flaggen mitgebracht.

Autor:         Aus der Küche duftet es jetzt nach Kuchen. Rhabarberkuchen, was

               sonst? Dafür kommen die Gäste von weit her.


Musik: Interpret:      Charles Trenet
       Titel:          La mer
       CD :            Legenden Vol. 2
       Track :         9
       Komponist:      Trenet, Charles
       LC/Best.-Nr.:   00116 Ariola / 669227-2

Autor:         Dangast am Jadebusen. Nordseebad, ehemalige Künstlerkolonie

               und die neue Heimat von Anton Tapkens kleinem Leuchtturm. Anton

               Tapken sitzt in seinem Wohnzimmer und denkt zurück an die Zeit,

               als er als Kapitän auf den Weltmeeren unterwegs war. Heute möchte

               er den Job allerdings nicht mehr machen. Kurze Liegezeiten, viel

               Bürokratie, Probleme mit ausländischen Besatzungen. Die Schiffe

               werden immer größer. Containerschiffe der neuen Generation haben

               mittlerweile eine Länge von über 400 Metern. Auch die deutschen
                                                                                   17

                Küstenstädte stehen unter Konkurrenzdruck, für die Zukunft gerüstet

                zu sein.


33. O-Ton: Anton Tapken
              In der Containerschifffahrt, die Werften sind alle gut ausgelastet, und
              die Containerschifffahrt, die boomt im Moment weltweit. Deshalb wird
              ja hier in Wilhelmshaven auch der Jadeport gebaut und der muss
              auch gebaut werden, damit man überhaupt die Schiffe empfangen
              kann. Und das wird auch in den nächsten Jahren mit Wilhelmshaven
              positiv zu Ende gehen, bevor dann der erste Containerfrachter hier
              anlegt. Das ist nur eine Frage der Zeit.

Autor:          Der Jade-Weser-Port ist die große Hoffnung der Region. Die

                Bundesländer Niedersachsen und Bremen planen in Wilhelmshaven

                einen neuen Containerhafen. Wolfgang Frank ist Chef der

                Wirtschaftsförderung in Wilhelmshaven.


34. O-Ton: Wolfgang Frank
              Genau ist das ein Hafen, der geplant ist aus zweierlei Gründen und
              zwar zusammen zwischen Bremen und Niedersachsen. Einmal weil
              die Anzahl der eingeführten Container, also der Containerumschlag
              selber, rapide jährlich zunimmt, was man an den Zuwachsraten, die
              teilweise im zweistelligen Bereich liegen sieht. Und ein weiterer, nicht
              der wichtigste, aber ein weiterer Grund ist der, das die
              tiefergehenden Schiffe, teilweise bis 16 Meter, dass diese
              tiefergehenden Schiffe nicht mehr Elbe und Weser befahren können,
              sondern ab 16 Metern bräuchte man einen richtigen Tiefwasserhafen
              und da Wilhelmshaven von Natur aus immer schon ein
              Tiefwasserhafen war, plant man eben an der Jade den Jade-Weser-
              Port als Tiefwasserhafen für die größten Containerschiffe.

35. O-Ton: Beatrice Claus
              Das ist ein Irrglaube. Also die jetzige Tiefe der Hafenzufahrt zum
              Wilhelmshavener Hafen wird auch schon immer unterhalten.

Autor:          sagt Beatrice Claus, Biologin und Referentin für Raumplanung beim

                World Wide Fund for Nature, kurz WWF.


36. O-Ton: Beatrice Claus
              Also im Jahr 1998 wurden 6 Millionen Kubikmeter Baggergut aus der
              Zufahrt zu Wilhelmshaven herausgeholt. Das heißt, das ist kein
                                                                                    18

               natürlicher Hafen, der wird nur jetzt auch schon unterhalten für
               andere Schiffe, die den Wilhelmshavener Hafen anlaufen.

Autor:         Der WWF hat eine Studie über den geplanten Jade-Weser-Port

               anfertigen lassen. Bau und Betrieb des Hafens würden demnach zur

               Verlandung des Jadebusens führen befürchtet der WWF. In der

               Konsequenz bedeutet das, es muss wie in der Elbe und der Weser

               mehr ausgebaggert werden. Wilhelmshaven ist eine

               strukturschwache Region. Die Arbeitslosenquote ist mit 12-13%

               überdurchschnittlich hoch und Wirtschaftsförderer Frank verspricht

               sich viel vom Bau des neuen Hafens. 1000 Arbeitsplätze allein durch

               den neuen Containerterminal.


37. O-Ton: Wolfgang Frank
              Naja, wir haben das jetzt nicht so direkt auf den Hafen bezogen,
              sondern neben dem Hafen wird ja in Wilhelmshaven auch noch für
              ungefähr 1.5 Milliarden die chemische Industrie erweitert, für etwa
              dieselbe Summe die Raffinerie und dann ist ja noch eine
              Flüssigerdgas-Anlandungsstelle geplant und wenn ich mal alles
              übern Daumen zähle, gehen wir davon aus, dass wir in den nächsten
              zehn Jahren mindestens 5000 Arbeitsplätze als Folge dieser
              industriellen Entwicklung schaffen können.

38. O-Ton: Beatrice Claus
              Wenn man die Zahlen genauer unter die Lupe nimmt, so ist in
              Hamburg ein Umschlag von 1.8 Millionen TOI im Jahr und das wird
              von 300 Arbeitern bewältigt. In Wilhelmshaven sollen bei
              Vollauslastung 2.7 Millionen TOI umgeschlagen werden im Jahr und
              man geht dann von Arbeitsplätzen in Höhe von 1000 bis 1300 aus.
              Wenn man das mit einander vergleicht, dann ist das so nicht
              glaubwürdig. Wenn man den gleichen Schlüssel ansetzen würde in
              Wilhelmshaven, wie er zur Zeit in Hamburg zu beobachten ist, dann
              kommt man im direkten Containerterminalbereich auf 450
              Arbeitsplätze und nicht auf über 1000.

Autor:         Der WWF hält Cuxhaven für einen besseren Standort und weiß sich

               bei dieser Forderung in einem Boot mit Experten an Universitäten

               und bei staatlichen Stellen. Die Investitionen und die negativen
                                                                                       19

                Folgen für die Umwelt wären geringer und auch der Weg zu den

                Absatzmärkten vor allem nach Hamburg wäre kürzer. Weiterhin die

                Elbe und die Weser auszubaggern und zusätzlich in Wilhelmshaven

                einen Hafen zu bauen wäre ökonomisch und ökologisch falsch.

                Daher fordert der WWF ein generelles Hafenkonzept für die

                deutsche Nordseeküste bei dem Synergieeffekte besser genutzt

                werden könnten.


Musik: Interpret:        Billy Joel
       Titel:            The River of Dreams
       CD:               River of Dreams
       Track:            8
       Komponist:        Billy Joel
       LC/Best.-Nr.:     0162 Columbia / 473872-2

Autor:          Die Landwirtschaft ist traditionell das wirtschaftliche Standbein am

                Jadebusen – vor allem die Milchwirtschaft, sagt Karl-August Tapken.

                Und dabei spielt auch die unmittelbare Nähe zur Nordsee eine Rolle.


39. O-Ton: Karl-August Tapken
               Das ist ja hier sehr fruchtbarer Boden, weil das ja alles eingedeichtes
               Schlickland ist – und viel Weidewirtschaft. In Butjadingen fast nur,
               das war früher schon: da waren manch andere denn neidisch auf die,
               die da denn im Frühjahr ihr Jungvieh auf die Weide jagen konnten
               und das denn im Herbst wiederholen.

Atmo: Kuhstall, melken


Autor:          Die Halbinsel Butjadingen liegt zwischen dem Jadebusen und der

                Weser. In der Nähe des Deiches liegt Hof Butendiek. Morgens um

                sechs Uhr herrscht im Stall Hochbetrieb. Mit seinen Lehrlingen macht

                sich Jürgen Bruns daran, die 90 Kühe zu melken. Seine Mädels, wie

                er sie nennt, geben die Milch für die hauseigene Käserei. Vor

                zwanzig Jahren haben er und seine Frau Maike ihren Betrieb auf
                                                                                  20

                Biowirtschaft umgestellt. Damals waren sie Pioniere in ihrer Region

                und der Absatz der Biomilch war nicht so einfach.


40. O-Ton: Jürgen Bruns
              Wir haben versucht die Molkereien anzusprechen, ob sie die Milch
              separat irgendwie verarbeiten und vermarkten könnten, aber das war
              halt nicht möglich und dann wenn man sich in der Bioszene bewegt,
              gab es halt einige andere, die ihre Milch auch verarbeiteten zu Käse
              und da haben wir geguckt und festgestellt, dass das ne Möglichkeit
              für uns wäre.

Atmo: Käserei


Autor:          Seitdem haben die Beiden viel erreicht. Alles hat klein angefangen,

                mittlerweile haben sie die Gebäude erweitert und ihre kleine

                Hofmolkerei wirkt professionell. Weiße Fliesen, Edelstahl-Maschinen,

                große Wannen für Milch und Molke und ein Lagerraum für den

                fertigen Käse. Während ihr Mann sich um den Hof kümmert, leitet

                Maike Cornelius-Bruns die Käserei. Oft diskutieren sie über die

                Zukunft ihres Betriebs.


42. O-Ton: Maike Cornelius-Bruns
              Also das ist eine große Diskussion auch immer mit meinem Mann
              und mir, weil ich glaube, dass wir bei Spezialitäten bleiben müssen
              also nicht Menge produzieren müssen. Vielleicht ist das auch so’ne
              Männergeschichte, dass lieber groß, größer, toller und die Frauen
              immer eher – zumindest kenn ich das aus anderen Käserein – immer
              sagen, lieber vorsichtig und gucken, was gibt der Markt her und
              weniger und ein bisschen teuerer, weil ich glaube diese Masse gibt
              es sowieso schon genug. Und dieser Hof muss das auch menschlich
              oder sozial und für unser Gefühl verkraften können, wie viele Leute
              sollen hier arbeiten können, soll es eine Fabrik werden? Also wir sind
              so auf der Kippe zu sagen, wollen wir das alles noch per Hand
              machen oder wollen wir mit Maschinen arbeiten. Dann sind wir
              irgendwann eine Fabrik. Dann ist die Frage, wollen wir als Familie
              eine Fabrik sein, wer wird das hier alles mal übernehmen, wird es so
              bleiben, wie viel wollen wir investieren, was ist möglich? Dadurch
              entscheidet sich dann auch einiges.

Atmo: außen, Möven, Wildgänse
                                                                                    21

Autor:         Es gibt kaum Betriebe in Butjadingen, die vom Ackerbau leben.

               Neben der Milchwirtschaft ist es in erster Linie die Schafhaltung, die

               Landwirten eine Existenzgrundlage bietet. Schafe prägen traditionell

               das Bild an der Küste. Doch sie sind weit mehr als nur Nutzvieh,

               erklärt Anke Plümer. Sie hat eine Deichschäferei in Butjadingen.


43. O-Ton: Anke Plümer
              Seit 1962 gibt es die Deichschäferein hier im Landkreis
              Wesermarsch und auch sonst allgemein, weil wir ja damals hier die
              schwere Sturmflut erlebt haben. Und danach hat man sich Gedanken
              gemacht, wie kann man den Deich stärken, wie kann man ihn
              festigen und somit sind die Schafe auf die Deiche gekommen. Und
              es wird sogar vorgeschrieben, wie viele Schafe wir auf unserer
              Deichfläche halten müssen, damit die Trittfestigkeit gegeben ist. Und
              seit 1962 haben wir Gott sei Dank, Dank der Schafe, noch keine
              größeren Schäden bei den Sturmfluten gehabt.

Atmo: außen, Möven, Wildgänse


Autor:         Den Sturmfluten verdankt der Jadebusen seine Entstehung. Auch

               auf der Fläche des heutigen Jadebusens standen früher Dörfer. Im

               Jahre 1164, bei der Julianenflut, kamen Überlieferungen zu Folge

               20.000 Menschen um. Das Meer trat dort über die Ufer, wo die Jade

               in die Nordsee mündete. Das gleiche passierte mehrfach im 15. und

               16 Jahrhundert. Jedes Mal versank mehr Land im Wasser. Zum

               Schutz vor den Fluten bauten die Menschen ihre Häuser auf

               künstlich angelegten Erdhügeln, sogenannten Warften oder Wurten.


44. O-Ton: Anke Plümer
              Diese Wurten wurden dann im Laufe der Jahre zusammengelegt und
              auch mit kleineren Deichen umgrenzt. So sind auch diese Orte
              entstanden wie Eckwarden, Langwarden, Ruhwarden. Diese Endung
              –warden deutet immer auf eine Wurt hin, das ist also abgeleitet
              worden. Und so kann man dann eine ganze Kette von Orten finden
              und das war früher der alte Deich, der hat die verschiedenen Orte
              dann verbunden. Und dann wurde immer neues Land gewonnen und
                                                                                 22

               die Deiche immer weiter nach außen zum Wasser hin verlegt und ich
               denke, dass heute dieser Deich, dieser Zustand des Deiches und
               auch die Lage des Deiches jetzt entgültig ist und dass die ländlichen
               Verhältnisse jetzt so bleiben.

Atmo: außen, Möven, Wildgänse


Autor:         Anke Plümer steht auf dem Deich und sieht sich ihre Herde an. 500

               Mutterschafe gehören zu ihrem Betrieb. Die Tiere müssen 11

               Kilometer Deich abgrasen. Die Grasnarbe muss kurzgehalten

               werden, damit die Deiche dauerhaft halten. Außerdem treten die

               vielen Schafe den Deich fest. Dank des Klimas am Jadebusen

               können die Schafe das ganze Jahr draußen bleiben. Nur zur

               Lammzeit im Frühjahr, sagt Anke Plümer, kommen sie nacheinander

               in den Stall. Danach sind sie mit ihren Lämmern sofort wieder

               draußen, halten den Deich in Ordnung und prägen das Bild am

               Jadebusen: Grüne Wiesen, Kühe und auf dem Deich die Schafe.


Musik.         Schon unter Autor legen. Darüber:


45. O-Ton: Karl-August Tapken
               Das ist jetzt der vierte Fußboden. Drei sind durchgetanzt, zwei in
               meinem Leben. (lacht) Früher gab’s noch nicht wie jetzt so
               Saalwachs. Da hatten sie noch ein bisschen Sand unter den Füßen
               und denn hin und her geschrabbst, beim Ententanz hauptsächlich
               und wenn die denn auch noch so hobbsten, sahen sie aus wie die
               Schneehasen, manche mit ihrem dunklen Anzug. (lacht)

46. O-Ton: Thaden, sen.
              Es ist eigentlich ein schöner Beruf. So mit der Natur, auch morgens
              wenn die Sonne aufgeht – man erlebt ja die unwahrscheinlichsten
              Sonnenaufgänge und –untergänge. Man sieht das – kann man gar
              nicht beschreiben – das Wolkengebilde und wenn die Sonne dahinter
              steht. Das gibt manchmal Bilder als wenn das so ne ganze Stadt ist –
              oder weiß ich – is toll.
                                                                              23

47. O-Ton: Karl-August Tapken
               Eins ist ganz lustig. Der Pechstein, der hat das Kurhaus so schön
               gemalt und hat das mitgenommen nach Murnau. Und da haben die
               Nazis ihm das weggenommen, entartete Kunst. Und nun wussten die
               ja nich, was das für ein Motiv war. Und denn haben sie einfach
               drunter geschrieben „Landschaft in Murnau“ und der Schweizer, der
               das gekauft hat, hat das nach dem Kriege an das Staatsmuseum in
               Den Haag verkauft. Und da kam unser Kustus ins Museum und
               wollte Bilder ausleihen für ne Brücke-Ausstellung und denn haben
               die erst mal gewusst, was das wirklich darstellt. (lacht)

Musik


Sprecher:      Sie hörten: Der Busen der Natur. Rund um die Jademündung in

               Niedersachsen. Eine Deutschlandrundfahrt mit Nicolas Hansen.


Musik.

				
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