Pascal schmeckt das Leben by hcw25539

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									SAMSTAG 14. NOVEMBER 2009                                                                           LÜDENSCHEID                                                                                                               7.LOKALSEITE


                                                                                                    Weltdiabetestag




Eine Sonderstellung hat Pascal in der Schule nicht. Die Krank- Obwohl das Diabetiker-Zentrum am Danziger Weg mittlerweile zu seiner zweiten Heimat geworden ist, sehnt sich Pascal immer wieder nach seiner Familie im
heit soll nicht im Mittelpunkt stehen.                         emsländischen Esterwegen. „Wenn ich in den Ferien wieder einmal nach Hause darf, freue ich mich schon Wochen vorher darauf“. ½ Fotos: Nienaber




                  Pascal schmeckt das Leben
  Der zwölfjährige Pascal leidet seit sechs Jahren an der Stoffwechselkrankheit Diabetes mellitus
vom Typ 1. Im Zentrum für jugendliche Diabetiker hat der Emsländer seine zweite Heimat gefunden
    Von Lars Nienaber              nung. Im Ide-                                                                     nem       ganz    chen und da haben wir alle
                                   alfall     sollte                                                                 normalen Le-      schnell mit Traubenzucker
LÜDENSCHEiD ½ Pascal stö-          Pascals Blut-                                                                     ben    verhol-    geholfen“, erzählt Freund
bert in seinem Umhängebeu-         zuckerwert                                                                        fen. Auf sei-     Jan. Eine Sonderstellung hat
tel und greift schließlich ziel-   bei höchstens                                                                     nem Schreib-      der junge Diabetiker in der
gerichtet nach dem weißen          110 mg/dl lie-                                                                    tisch stehen      Schule aber sonst nicht, wie
Etui. „Ohne das Teil wäre ich      gen, so muss                                                                      zwei Flaschen     Lehrerin Gerda Undorf unter-
aufgeschmissen“, erklärt der       er nun mit ei-                                                                    zuckerfreie       streicht. „Die Pädagogen sind
Zwölfjährige und öffnet dabei      ner Insulinga-                                                                    Cola und eine     auf die Belange der Schüler
zügig den Reißverschluss des       be entgegen-                                                                      Dose mit Bon-     mit Diabetes geschult. Die
für ihn offensichtlich zum         wirken.                                                                           bons,      aus    Krankheit stellt überhaupt
Alltag gehörenden Utensils.          Rückblick:                                                                      dem     Handy     kein Problem da. Auch weil
Ein Blick in das Etui verrät,      Pascal       war                                                                  von Zimmer-       die Mitschüler soweit sensibi-
warum Pascal keine Zeit ver-       sechs als bei                                                                     kollge Marcel     lisiert sind, dass Diabetes
lieren möchte. Die Stifte da-      ihm „Zucker“                                                                      ertönt    leise   nicht im Mittelpunkt steht“,
rin – die „Pens“ – schreiben       festgestellt                                                                      Hip-Hop-Mu-       erläutert die Religionslehre- Jeweils neun Jugendliche teilen sich in den Wohngruppen
nicht, die Messgeräte finden       wurde.       An-                                                                  sik.   Einmal     rin. Pascals Lieblingsfach an nicht nur die Räumlichkeiten, sondern auch ein Schicksal.
sich sonst auch eher selten in     fangs plagten                                                                     auf dem Zim-      der Theodor-Heuss-Realschu-
„Federmäppchen“ von Schü-          ihn lediglich                                                                     mer unterhal-     le ist Sport. Für Jungen in
lern wieder. Pascal hat Diabe-
tes mellitus vom Typ 1 und
                                   regelmäßig
                                   aufkommende
                                                                                                                     ten sich die
                                                                                                                     Heranwach-
                                                                                                                                       seinem Alter – mit oder ohne
                                                                                                                                       Diabetes – wohl das normals-                 Das Diabetiker-Zentrum
                                                      Pascals Bezugserzieher Michael Vogt kontrolliert die Englisch-
die weiße Hartschalenbox be-       Kopfschmer-                                                                       senden über       te in der Welt. „Da stehe ich   Seit über 30 Jahren betreuen die len Bereich abzuwenden und die
                                                      Hausaufgaben des leidenschaftlichen Werder Bremen Fans.. .
inhaltet seine lebensnotwen-       zen,      später                                                                  Schule. Mäd-      zur Zeit bei Zwei“, freut sich  Mitarbeiter der stationären Ein-   weitere körperliche, seelische und
digen      Kontrollwerkzeuge:      kamen noch Schwächegefühl bedingt zur Seite stehen. chen und Sport. Wie jedes                       der Hobby-Kicker.               richtung am Danziger Weg bis zu geistige Entwicklung zu beglei-
Blutzuckermessgerät, Ersatz-       und ständiger Durst hinzu. Ebenso regelmäßig wie sich andere Kind in diesem Alter,                    Am Danziger Weg wohnt         54 Kinder, Jugendliche, Behinder- ten, zu fördern und zu unterstüt-
nadeln und Insulinspritze.         Als die Ärzte ihn im Kran- die Krankheit mit Kopf- spielt auch Pascal gerne Fuß-                    Pascal in der „Astrid-Lind-     te und junge Erwachsene, die von zen. „Wir entwickeln individuelle
  Ein kurzer Stich in den Fin-     kenhaus mit der Diagnose schmerzen ankündigte, fand ball und Nintendo DS, liest                     gren“-Wohngruppe zusam-         Diabetes oder anderen Stoff-       Hilfestellungen, in denen alle Be-
ger und für den leidenschaft-      Diabetes          konfrontierten, sich Pascal wegen Über- oder Comics und hört Musik von            men mit acht weiteren Ju-       wechselerkrankungen, wie Zölia- teiligten – die Betroffenen selbst,
lichen Werder Bremen-Fan           brach für Pascal eine kleine Unterzuckerung im Kranken- „Jonas                Brothers“     oder    gendlichen. Sie alle teilen     kie, Ahornsirupsyndrom und Adi- die Familie, die Ämter und wir als
steht fest, dass er sich gleich    Welt zusammen. „Ich war to- haus wieder. Der „Zucker“ „DMX“.                   Die     Krankheit    dasselbe Schicksal, sie alle    positas betroffen sind. Eine       Einrichtung – involviert sind“, er-
eine noch dickere Nadel in         tal erschrocken und hatte stand einem normalen Fami- schränkt ihn nur noch selten                   verbindet das gute Gefühl,      24-Stunden-Betreuung in Wohn- läutert der stellvertretende Ein-
den Körper rammen muss.            Angst. Von der Krankheit lienleben stets im Wege. Seit ein. „Das ständige Spritzen                  die Krankheit im Griff zu ha-   gruppen soll den von der Stoff-    richtungsleiter Michael Langhals
„207, leider zu hoch“, sagt        wusste ich bis dahin nicht zwei Jahren wird der Emslän- und Messen ist aber schon                   ben. Damit dies so bleibt,      wechselkrankheit betroffenen Ju- die Richtlinie des Diabetiker-Zen-
Pascal und kommentiert das         viel, erst im Krankenhaus ha- der daher im Lüdenscheider nervig“, meint Pascal, gleich-             steht für die Bewohner vor      gendlichen und Erwachsenen die trums. Die Unterbringung erfolgt
Messergebnis zusätzlich noch       be ich genaueres darüber er- Zentrum für jugendliche Dia- zeitig ist er sich aber auch              allem eines auf der Tagesord-   notwendige Unterstützung ge-       schließlich ebenso individuell,
mit     einer    abwinkenden       fahren“, erinnert sich der Re- betiker betreut.Das Sauerland der Notwendigkeit der durch-           nung: Disziplin! Neben Blut-    ben, die aufgrund sozialer Span- entweder auf freiwilliger Basis,
Handbewegung. Längst tut           alschüler zurück. Aber nicht ist für den zwölfjährigen zu gängigen Kontrolle bewusst.               zucker messen und Insulin       nungen oder anderer Problemati- oder, falls die Vormundschaft zum
ihm das Spritzen nicht mehr        nur bei ihm selbst saß der einer zweiten Heimat gewor-              In der Schule hat er sich       spritzen, gehören auch das      ken in der eigenen Familie nicht   Beispiel bereits auf Seiten des Ju-
weh. „Das war nur zu Beginn        Schreck tief, auch seine Mut- den und die Krankenhausauf- mit seiner hilfsbereiten Art              Führen von einem Diabetes-      in ausreichender Form geboten      gendamtes liegt, auf Beschluss.
schlimm, weil ungewohnt!“          ter wurde mit Pascals Diag- enthalte gehören mittlerweile schnell Freunde gemacht, für              Tagebuch - „lästiger Schreib-   werden kann. Das Ziel ist dabei,   Zur Zeit werden 36 Jugendliche in
Seit 2003 leidet der im Ems-       nose Diabetes vor scheinbar auch der Vergangenheit an.             die Pascals Krankheit auch       kram“ -, regelmäßige Arztbe-    die Gefährdung durch eine lang- vier Wohngruppen sowie neun
land geborene Junge bereits        nicht lösbare Aufgaben ge-          Das Leben in einer Wohn- längst zur Routine geworden            suche und Laborkontrollen       fristig unbefriedigende Stoffwech- erwachsene Diabetiker mit zu-
an der Stoffwechselkrankheit,      stellt. Von der neuen Situati- gruppe im Zentrum für ju- ist. „Er ist einer von uns. Ein-           zum Alltag von Pascal und       sellage mit ihren Auswirkungen     sätzlicher geistiger Behinderung
Überzuckerung gehört seit-         on völlig überfordert, konnte gendliche Diabetiker am Dan- mal, auf einer Klassenfahrt,             Co.. Das Leben schmeckt ih-     im körperlichen und psychosozia- am Danziger Weg betreut.
dem leider zur Tagesord-           sie ihrem jüngsten Sohn nur ziger Weg hat Pascal zu ei- ist Pascal zusammengebro-                   nen aber auch so.




Es gilt Disziplin zu bewahren: Um den Blutzuckerwert nicht in
gefährliche und astronomische Höhen zu befördern, muss Pas-
cal besonders auf eine zuckerarme Ernährung achten.




In einem Tagebuch halten die Bewohner des Zentrums für ju- „Das ständige Spritzen und Messen ist schon nervig“, ärgert sich der Jugendliche. Neben einer Jeden Mittwoch und Samstag steht für die jungen Diabetiker
gendliche Diabetiker ihre Messwerte detailliert fest. Regelmäßi- Insulin-Basisdosierung morgens muss sowohl vor jeder Mahlzeit als auch vor sportlichen Akti- im Lüdenscheider Zentrum Hausputz auf der Tagesordnung.
ge Arztbesuche und Laborkontrollen sind sie auch gewohnt.        vitäten der Blutzuckerwert kontrolliert und meistens auch mit Insulingabe gesenkt werden.    Das Zimmer teilt sich Pascal mit dem 13-jährigen Marcel.

								
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