Pressemappe Peter Bieri Pascal Mercier

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Pressemappe Peter Bieri Pascal Mercier Powered By Docstoc
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                               25. Oktober 2009 | 11.30 Uhr
                               Renaissance-Theater




                               Peter Bieri / Pascal Mercier
                               Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
                               Vortrag des Philosophen und Schriftstellers
                               Einführung: Michael Göring




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BIOGRAFIE


            Peter Bieri (auch Pseudonym: Pascal Mercier) wurde am 23. Juni 1944 in Bern
            geboren. 1963 verließ er die Schweiz, um ein Studium der Indologie und Anglistik in
            London aufzunehmen. Ein Jahr später wechselte er nach Heidelberg, wo er die Fächer
            Philosophie und Klassische Philologie dazu belegte und 1971 mit einer Dissertation
            zum Thema „Zeit und Zeiterfahrung“ beim bekannten Philosophieprofessor Dieter
            Henrich zum Dr. phil. promovierte.
            Forschungsaufenthalte 1973-1975 in den USA (University of California in Berkeley und
            die Harvard University). 1981 wurde Peter Bieri in Heidelberg habilitiert.
            Nach der ersten Professur in Bielefeld, folgte eine weitere für Philosophie in Heidelberg
            und 1990 im gleichen Fach an der Universität Marburg. 1993 wechselte er auf den
            renommierten Lehrstuhl für Sprachphilosophie und Analytische Philosophie an der Freien
            Universität Berlin. In dieser Zeit war er Mitbegründer des Forschungsschwerpunkts
            „Kognition und Gehirn“ bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bald erwarb sich
            Peter Bieri den Ruf eines bedeutenden deutschsprachigen Vertreters der Analytischen
            Philosophie, einer Mitte des 20. Jahrhunderts im angelsächsischen Raum entstandenen
            Philosophierichtung, die sich vorzugsweise der Sprachphilosophie bedient.
            Im Jahr 2001 veröffentlichte Peter Bieri „Das Handwerk der Freiheit“, sein publizistisch
            erfolgreiches Philosophisches Hauptwerk, bei dem er sich vorgenommen hatte, „nicht
            ein einziges Wort zu gebrauchen, das nicht jeder kennt“ (CICERO 11/2006). Das Werk
            wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen und hatte mehrere Neuauflagen. Es geht
            vor allem um das Dilemma der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, die angesiedelt ist
            zwischen einem Spektrum von Möglichkeiten und einem Korsett von Bedingungen, für
            das Bieri nach Auswegen suchte.
            Neben seinen philosophischen Werken hatte sich Bieri seit Mitte der 90er Jahre
            unter dem Pseudonym Pascal Mercier bereits einen Namen als Autor raffiniert
            gesponnener Kriminalromane gemacht. Das Pseudonym legte er sich für seinen 1995
            erschienenen Roman „Perlmanns Schweigen“ zu, um Rückschlüsse auf seinen Beruf als
            Philosophieprofessor zu umgehen. Erst mit seinem zweiten Buch „Der Klavierstimmer“
            von 1998 lüftete er seine wahre Identität, veröffentlichte jedoch diesen und seine
            weiteren Romane („Nachtzug nach Lissabon“ und „Lea“) aber weiterhin unter seinem
            Pseudonym.
            Peter Bieri wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet:
            „Marie-Luise-Kaschnitz-Preis“ (2006), Italienischer Literaturpreis „Grinzane Cavour“
            (2007); die „Lichtenberg-Medaille“ der Akademie der Wissenschaften in Göttingen
            (2007).
            Als Pascal Mercier hat Peter Bieri 2008 die Poetik-Dozentur der Universität Heidelberg
            für das Sommersemester übernommen.
            2007 hat er seine Professur der Analytischen Philosophie an der FU Berlin auf eigenen
            Wunsch aufgegeben.
PRESSESTIMMEN


                Rheinischer Merkur | 14. August 2008

                TERMIN MIT PETER BIERI
                Mehr Pathos bitte!
                Als Pascal Mercier gab der Schweizer Philosoph und Schriftsteller der Literatur den
                hohen Ton zurück. Bei manchen Kritikern steht er deshalb unter Kitschverdacht
                Von Thomas Groß

                Nein, kein Zweifel: Identitätsprobleme hat er keine. Obwohl Peter Bieri natürlich sehr
                viel zum philosophischen Problem der Identität und zum „Ich“ im Allgemeinen wie
                Besonderen sagen kann. Er hat sich als Philosoph zunächst mit deutschem Idealismus,
                mit Kant, Fichte, Hegel, beschäftigt und sich dann als Experte für analytische Philosophie
                einen Namen gemacht.
                Seinen Lehrstuhl an der FU Berlin hat der 63-Jährige aber letztes Jahr zurückgegeben, aus
                Protest gegen die Hochschulpolitik, gegen den Bolognaprozess und die Exzellenzinitiative,
                die von Eliten schwärme und darüber die inhaltliche Arbeit vernachlässige.
                Die Universität, sagt Bieri, sei nicht mehr die Institution, in der er sich einst heimisch
                fühlte, in der es zunächst um Erkenntnis und Wahrheitssuche und viel weniger um
                Nutzwert ging. Wo soll die Philosophie bleiben, fragt Bieri, wenn Professoren nur noch
                danach beurteilt werden, wie viele Drittmittel sie einwerben, was naturgemäß zunächst
                und vor allem in anwendungsorientierten Wissenschaften gelingt?
                Der Rückzug fiel Bieri nicht allzu schwer, nicht zuletzt deshalb, weil Bieri auch als Pascal
                Mercier bekannt ist. Unter diesem Pseudonym hat er seit Mitte der Neunzigerjahre höchst
                erfolgreiche, umfängliche Romane veröffentlicht, zunächst „Perlmanns Schweigen“ und
                „Der Klavierstimmer“; vor vier Jahren folgte „Der Nachtzug nach Lissabon“, der als
                Hardcover und Taschenbuch allein auf Deutsch gut 1,8 Millionen Mal verkauft wurde;
                vergangenes Jahr erschien die Novelle „Lea“.
                Also doch ein Mann mit zwei Identitäten, die womöglich einander widerstreiten?
                Nein, denn erzählerische Elemente hatten schon seine philosophischen Werke
                ausgezeichnet, allen voran das „Handwerk der Freiheit“, in dem sich Bieri ausführlich
                dem Freiheitsbegriff im Allgemeinen und der Wissensfreiheit im Besonderen widmete.
                „Außerdem“, so sagt der grauhaarige, mit sportlicher Note gekleidete Mann mit dem
                konzentrierten Blick, ist der Künstlername lediglich für den Buchdeckel erfunden
                worden.“ Er stehe nicht für eine andere Person.
                Bieri, der schon Mitte vierzig war, als er begann, sich in literarischem Schreiben zu üben,
                befürchtete, er könne in der akademischen Zunft als „unseriös“ gelten, wenn bekannt
                würde, dass der angesehene Gelehrte sich auch als Romancier betätigt. Der Name
                solle auch nichts bedeuten, so Bieri.
                Es ging dem gebürtigen Schweizer, der seit mehr als vier Jahrzehnten in Deutschland
                lebt, nur um den Klang, wie er sagt – und zwar um den französischen. Denn die
                französischsprachige Schweiz hat der Berner immer als die liberalere empfunden;
                darauf habe er anspielen wollen, als er sich den Namen aus dem Genfer Telefonbuch
                aussuchte.
Poet der Endlichkeit
Bieri ist ein hochgebildeter Mensch, der sich nicht zuletzt für Sprachen begeistert; er
studierte neben Philosophie auch Indologie, klassische Philologie und Anglistik. Und
jetzt, da er mehr Zeit habe. wolle er seine Studien des Russischen und Arabischen
vertiefen, sagt er. Außerdem schreibt er parallel an einem philosophischen Essay und
an neuen Prosawerken.
Er spricht überlegt, wobei der Berner Zungenschlag noch anklingt. Begriffliche Klarheit
und Präzision schätzt er auch im Gespräch, da ist er ein ganzer Philosoph. Nicht
anders ist es in seinen literarischen Büchern. Es gehe ihm um eine „Vergegenwärtigung
menschlicher Erfahrung“, sagt er, und das gelingt nicht ohne genaue Analyse und
sprachliche Präzision. Zudem berühren sich der Philosoph Bieri und der Schriftsteller
Mercier darin, dass beide gedankliche Komplexität in ihren Werken zur Geltung bringen.
Und vergleichbar ist auch das Themenspektrum, aus dem sie schöpfen. Bieri umreißt es
so: „Einsamkeit, Freundschaft, Intimität, der Blick der anderen, Freiheit, Tod, Endlichkeit.“
Kein Wunder eigentlich, wenn der Autor eher ernst erscheint. Ein freundliches Lächeln
umspielt zuweilen seine Mundwinkel, er lacht mal kurz, wenn die Gesprächssituation
es nahelegt, wenn er auf den ernsten Ton, die sehr ernsten Themen seiner Bücher
angesprochen und gefragt wird, ob sich dahinter eine Notwendigkeit verberge.
Oder auch dann, wenn er sagt, der beträchtliche Erfolg ermögliche natürlich manches,
aber insgesamt habe er ihn sich doch schöner vorgestellt.
In Bieris Büchern kommen sich Menschen selbst abhanden, geraten in Krisen, erleben
regelrechte Tragödien – wie eine der Hauptfiguren in „Lea“. Martijn van Vliet wird seine
Tochter immer fremder, und er muss realisieren, dass er mit seiner bedingungslosen,
selbstlosen Förderung ihrer Musikalität an ihrem Unglück Schuld trägt. Im „Nachtzug
nach Lissabon“ lässt ein einsamer Gymnasiallehrer seine Berner bürgerliche Existenz
hinter sich, um einem portugiesischen Autor nachzuspüren, auf dessen einziges Buch
er zufällig in einem Antiquariat gestoßen ist. Er wird in Lissabon zu einem anderen, und
offen bleibt am Ende, wie er seine Existenz fortführen wird.
Als Schriftsteller macht Bieri gewissermaßen dort weiter, wo der Philosoph aufhört.
„Letzterer inszeniert Gedanken, der Autor inszeniert Figuren“, sagt Bieri.
Worum es beiden geht, könnte man mit Karl Jaspers „Existenzerhellung“ nennen. Zwar
ist Bieris Vokabular und Programm avancierter und auch durch neueste Denkrichtungen
hindurchgegangen, doch verpflichtet fühlt er sich einem sehr alten, sokratischen Modell
der philosophischen Wahrheitssuche. Was selbstverständlich wirkt, wird immer weiter
hinterfragt, bis die gedankliche Analyse zum klaren, mitteilbaren Ergebnis führt. Mit
guten Gründen mag man seine Themen deshalb zeitlos nennen.
Mit solcher Charakteristik konfrontiert, stutzt er erst; ganz wohl ist ihm nicht beim
Wörtchen „zeitlos“ – klingt es nicht doch ein wenig hohl? Es sei ihm wichtig, den
Wörtern, gerade den kulturgeschichtlich relevanten wie etwa „Seele“, ihr „spezifisches
Gewicht zurückzugeben“, sagt er. Eine Rückkehr des hohen Tons, des Pathos in der
Literatur. Vor allem im Falle von „Lea“ hat dies Bieri auch Kritik eingebracht. Unter
Kitsch- oder Sentimentalitätsverdacht wurde die Novelle gestellt, doch der Autor
begegnet solchem Vorbehalt mit philosophischer Gelassenheit. Diese Begriffe seien
eher „Kampfparolen“ wer sie im Munde führe, solle erst einmal deutlich machen, was er
unter Kitsch verstehe.
Eine Analyse solcher Parolen habe meist deren Auflösung zur Folge. Überhaupt der
Kitsch: „Kitschige Texte sind ungenau“, sagt Bieri. Das seien die seinen gerade nicht.
Anspruchsvolles für die Massen
Der Erfolg seiner Romane und die teils überschwängliche Resonanz, die er bei Lesungen
erfährt, sind Bieri eine schöne Bestätigung seiner Arbeit. Er sieht sich dadurch auch in
seiner Meinung bestätigt, dass das allgemeine Bedürfnis nach leichter Zerstreuung
längst nicht so ausgeprägt ist, wie einem oft vorgemacht werde. Die hohen Leserzahlen
seiner gedankenreichen Bücher zeigen vielmehr, dass viele Mitmenschen sich ebenfalls
nicht unterfordern lassen wollen.
Als „hohl“ und „grell“ empfindet Bieri vieles in der von Internet, Werbung, von
neoliberalen, kapitalistischen Werten geprägten Gegenwart. Auch der mediale Kult um
Prominente ärgert ihn. Und die eigene Prominenz? Sein Selbstverständnis sei dasselbe
geblieben. „In meinem Leben hat sich dadurch nichts geändert.“
Schreiben und Lesen sind für Bieri Weisen, um mit sich selbst, mit der eigenen
Empfindungs- und Erfahrungswelt besser vertraut zu werden. Schreiben sei ein
guter Weg zur Selbsterkenntnis, sagt er und empfiehlt, sich nicht zu unterschätzen.
„Wer schreibt, entdeckt, dass er sehr viel reicher ist, als die soziale Identität und das
Selbstbild es sagen.“ Bieri belegt es mit eigener Erfahrung. Weil in seiner Familie
Schriftsteller immer als besondere Menschen empfunden wurden, hatte er es so lange
nicht für möglich gehalten, selber einer zu werden. Dabei gelte doch in Anwendung
philosophischer Terminologie immer dies: „Es gibt zwar graduelle Unterschiede, was die
Begabung angeht, es gibt aber keinen Kategorienunterschied zwischen Schreibenden
und Nicht-Schreibenden.“
Immer geht es darum, sich etwas klarzumachen, etwas herauszubefördern. Das gehe
schriftlich besser als im Gespräch, wo man sich, unter dem „Blick der anderen“, immer
anders verhält, sich inszeniert, entwirft. Erst über das Geschriebene sei sich dann
wieder mit anderen zu verständigen – zu deren wie zum eigenen Nutzen. Deshalb hält
Bieri das Gespräch, den Austausch über Literatur und Lektüreerfahrungen für einen der
höchsten Werte, den unsere Hochkultur zu bieten hat.
Gedanklich Hochabstraktes äußert Bieri mit derselben Entschiedenheit, die sein
Werk auszeichnet. Er ist entschieden auch in politischen Dingen hat er ein hohes
Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit, wie er sagt. Den moralischen Impetus, der die
auch ihn intellektuell prägenden Sechzigerjahre auszeichnete, vermisst er heute. Den
Studentenprotesten stand er freilich schon damals nicht unkritisch gegenüber. Die „Ho,
Ho, Ho Tschi Minh“- Rufe fand er „grotesk“, da viel zu wenig bekannt gewesen sei über
die Zustände in Nordvietnam; ebenso erging es ihm mit dem damals grassierenden
Maoismus. Seine Bücher seien auch politische Bücher, sagt er. Kein Zufall, dass sich
Amadeu Prado, der portugiesische Autor aus dem „Nachtzug nach Lissabon“, zum
Widerstand gegen das Salazar-Regime entschlossen hatte.
Peter Bieri hat keine Probleme mit der Identität. Er schreibt sich immer weiter in die
seine hinein.
Börsenblatt | 19/2007

Die Kraft der Ruhe
Peter Bieri: Die Buchwelt kennt den Philosophie-Professor aus Bern besser als
Pascal Mercier. Mit dem Schreiben folgt der Bestsellerautor nicht zuletzt seinem
Fluchtinstinkt.
Von Wolfgang Schneider

Anderthalb Millionen Exemplare – das ist die aktuelle Auflage des „Nachtzugs von
Lissabon“. Ein phänomenaler Erfolg, der sich nicht den auffallend zurückhaltenden
Medien verdankt. „Die Leser haben das Buch erfolgreich gemacht“, sagt Peter Bieri
alias Pascal Mercier beim Gespräch in seiner Küche. Und natürlich die Buchhändler,
die sich in den Roman verliebten und einen Dominoeffekt in Gang brachten. Manche
setzten sich sogar Quotenziele: „300 verkaufte Nachtzüge bis Weihnachten – was sie
dann auch geschafft haben“, weiß der Autor.
Die Geschichte des Lateinlehrers Gregorius, der von einem Tag auf den anderen seiner
Schule den Rücken kehrt und auf den Spuren eines portugiesischen Denkers in den
Süden reist – es ist ein Weisheits- und Lebensveränderungsbuch wie man es wohl am
wenigsten von einem akademischen Philosophen erwartet hätte. Bieri lehrt nüchterne
Disziplinen: Analytische Philosophie und Sprachphilosophie. Nach Professuren in
Hamburg, Heidelberg, Bielefeld und Marburg wurde er 1993 an die FU Berlin berufen.
Heute lebt er im Berliner Vorort Lichtenrade in einem kleinen Haus aus den 30er
Jahren, in der zweiten Reihe einer ruhigen Wohnstraße, so dass es hinten zwischen
den Gärten noch ruhiger ist – Bieri ist lärmempfindlich. Dass seine Frau als Lehrerin
das Fach Kunst unterrichtet hat, ist an der Einrichtung abzulesen. Dicht hängen ihre
Bilder an den Wänden, Skulpturen stehen auf jeder Treppenstufe, sogar der Mülleimer
ist „gestaltet“.
In „Nachtzug nach Lissabon“ geht es um das Verlangen, aus den Konventionen
einer eingespurten Existenz auszubrechen. Dafür gibt es große literarische Muster,
allen voran den „Stiller“ von Max Frisch. Keine Frage, Bieri schätzt Frisch – seine
Wahrnehmungsgenauigkeit und „die Wahrhaftigkeit im Umgang mit sich selbst“.
Die Ausbruchsgelüste sind aber auch dem Autor selbst gut vertraut. Als er schon
Assistent in Heidelberg war, fing er noch einmal an, Medizin zu studieren. Er wollte raus
aus der akademischen Welt, wollte jemand sein, der nützliche Dinge tut. Die „Ärzte ohne
Grenzen“ imponierten ihm, da empfindet er noch heute einen Stich des Neides; das
Motiv spielt auch in seinem neuen Buch „Lea“ eine Nebenrolle.
Irgendwann hat er aufbegehrt
Ein Ausbruch der subtileren Art war Bieris Erfindung seiner literarisch produktiven
Zweitexistenz als Pascal Mercier. „Ich hatte das Gefühl, dass ich, wenn ich immer nur
weiter Analytische Philosophie an der Uni trieb, nicht das Leben lebte, das ich eigentlich
leben wollte. Ich war ja einmal Spezialist für indische und tibetische Mystik. Ich habe
immer gespürt, dass mein Leben nicht vollständig ist. Dagegen habe ich irgendwann
aufbegehrt, und der Faulkner- und Cortäzar-Leser, der leidenschaftliche Kinogänger in
mir hat sich mit Macht zurückgemeldet.“
Kinogänger? „Ich habe als Student mehr Zeit im Kino verbracht als an der Uni“, erzählt
er. Wie schafft man es dann, mit 37 Professor zu werden? „Ich bin einfach enorm fleißig.
Ich bin auch sehr konzentriert. Und ich habe ein sehr gutes Gedächtnis.“ So fiel ihm
auch das Sprachenlernen leicht. Schon als Schüler lernte er nicht nur Griechisch und
Latein, sondern in freiwilliger Frühschicht morgens um sieben auch noch Hebräisch.
Bevor er sich der Philosophie zuwandte, studierte er eine Zeit lang indische Sprachen
und Religionswissenschaft.
Bieri war immer ein „fanatischer“ Leser, hatte sich selbst das Schreiben aber nicht
zugetraut. Dann, vor gut 15 Jahren, entstand das Debüt „Perlmanns Schweigen“.
Seitdem beschäftigen ihn seine Romanpläne jeden Tag, nicht nur in den Ferienzeiten,
wenn er sich bevorzugt irgendwo am Mittelmeer einmietet, um das nächste Manuskript
fertigzustellen. Er macht ständig Notizen, dreht und wendet die Gedanken im Kopf
herum.
Das literarische Schreiben ist für ihn in mancher Hinsicht eine Fortsetzung der
Philosophie mit anderen Mitteln. Natürlich ist er sich der grundsätzlichen Unterschiede
bewusst, aber: „Literatur braucht die gedankliche Übersicht der Philosophie. Wenn
literarische Texte gedanklich nicht durchsichtig sind, sind sie schlecht.“
Die Stromstöße des Lebens
Berlin empfindet er als interessante, vernarbte, liberale Stadt. Nur eines vermisst er:
das Mittelmeer, die südliche Vegetation, die südlichen Farben, das südliche Licht.
Als er das erste Mal im Alter von sieben Jahren auf der anderen Seite des Gotthards
ankam, sei das Erlebnis wie ein Stromstoß durch ihn hindurchgegangen, erzählt er.
So ist es auch in seinen Büchern – im Zentrum stehen lebensprägende Momente, die
wie Stromstöße auf die Menschen einwirken. Momente, in denen sich ein Wille bildet,
ein Leben umschlägt, emotional sehr dichte Bilder und Situationen, die etwas von
Filmeinstellungen haben.
Solche Szenen bilden für den Autor meist auch den Anfang einer Geschichte. Eine
Situation, ein Blick öffnet einen Korridor in die „unbewusste Fantasie“, die einem
Buch die „emotionale Wucht“ gebe. Er definiert das Schreiben als heikle Balance:
Denn während man sich an dieses Unbewusste heranschreibe, sei zugleich hohe
kompositorische Wachheit gefordert.
Seine Herkunftswelt war eine „ganz normale Schweizer Familie“. Die Mutter war
Volksschullehrerin, der Vater Mittelschullehrer, außerdem Musiker und Komponist.
Kein erfolgreicher, aber die Musik war gegenwärtig im Elternhaus. Bieri selbst hat
lange Geige gespielt, ohne Talent, wie er meint. Musik ist für ihn ein Medium der
Selbstbesinnung, um ganz bei sich zu sein. Das klingt sehr wohltemperiert. Und man
könnte fast vergessen, dass das Geigenspiel in „Lea“ ein Verhängnis zum Tode ist.
Der Mann, der Bücher voller Gefühlsintensität schreibt, wirkt sehr ruhig, spricht langsam
und sehr konzentriert. Aber die Milde täuscht ein wenig, denn gelegentlich gibt Bieri
scharfe Urteile zum Besten, etwa über einen renommierten Kollegen der deutschen
Universitätsphilosophie. Überhaupt die Universität – sie nehme mit den neuen Bachelor-
und Master-Studiengängen und ihrer Verschulungs- und Standardisierungsbürokratie
keinen guten Weg. „In der Philosophie jedenfalls ergibt das alles überhaupt keinen
Sinn.“
Im kommenden Herbst wird Bieri deshalb in den vorzeitigen „Ruhestand“ gehen.
Er will sich ganz dem Schreiben widmen, dabei die Philosophie aber nicht aus den
Augen verlieren. Als Nächstes plant er ein Buch über philosophische Grundbegriffe.
Selbsterkenntnis, moralische Sensibilität, Würde, Stille, der Blick der anderen ... Dieser
Blick der anderen richtet sich seit den Bestsellererfolgen – sogar Bieris anspruchsvolle
philosophische Studie „Das Handwerk der Freiheit“ verkaufte sich wie geschnitten Brot
– sehr viel konzentrierter auf den Autor. Zum Teil seien es auch „zudringliche Blicke“.
Das Geld, das ihm die Bücher einbringen, will er in kostbaren Ressourcen anlegen:
freie Zeit und Stille, vielleicht in einem noch ruhigeren Häuschen an einem der Berliner
Seen.
Großspuriger Lebensstil liegt Peter Bieri allerdings fern. Als er mich noch zur
S-Bahnstation bringen will, schlage ich vor dem Haus den Weg zu einem
metallicglänzenden Mercedes ein. „Hier steht mein Auto!“, korrigiert mich der
Auflagenmillionär. Und wir gehen zu einer Art Volksschullehrerwagen, älteres Modell,
die Decke so niedrig, dass man mit dem Kopf anstößt.

AUF EIN WORT
Philosophie und Literatur: Philosophie versucht die grundlegenden, jedes menschliche
Leben entscheidenden Erfahrungen zur gedanklichen Klarheit zu bringen. Literatur
macht etwas ganz anderes. Sie inszeniert Erfahrungen.
Ärzte ohne Grenzen: Das sind Leute, die etwas fraglos Wichtiges tun. Das kann ich
von mir nicht sagen.
Kinder: Ich habe mir Kinder nie zugetraut. Ich hatte immer das Gefühl, ich würde die
Souveränität, die man als Vater haben müsste, nie haben.




Die Weltwoche | 10. Mai 2007

Gespräch im Einvernehmen
Niemand kleidet die existenziellen Fragen des Lebens in so leicht erzählte
Geschichten wie Peter Bieri alias Pascal Mercier. Das ist das Geheimnis des
erfolgreichsten Schweizer Schriftstellers.
Von Peer Teuwsen

„Herr Bieri, sind Sie eine Frau?“ Der Mann, der ganz in schwarz gekleidet ist, was
sein weisses Haar gut zur Geltung kommen lässt, blinzelt. Mehr nicht. Dann ruckt er in
seinem Hotelsessel nach vorne und sagt: „Eine was?“ – „Eine Frau.“ – „Nein, warum?
Ich verstehe nicht.“ Als man ihm ausführt, in seinen Büchern würden sich die Männer
wie Frauen gebärden, sie würden so viel und lange über sich reden, Selbstzweifel
thematisieren, ihren Lebensentwurf in Frage stellen, seien so weich wie Butter, da sagt
er nur „okay“. Und redet dann von Empathie, Innenwelten, James, Proust, Flaubert und
sagt schliesslich: „Ich bin halt so, undeutsch, wenn Sie wollen. Ich will verstehen, meine
Figuren und mich selbst. Und das mache ich in kleinen Schritten, ich lege meine Figuren
frei, allmählich.
Ich finde Literatur nur interessant, wenn Figuren seelisch ausgelotet werden, Sie können
das feminin nennen, ich würde nie in solchen Kategorien sprechen.“
Und mit dem Wort „verstehen“ ist man schon ganz nahe beim Erfolgsgeheimnis dieses
63-jährigen Berners, der an der Freien Universität Berlin Philosophie lehrt und kurz
vor dem Fall der Mauer zum Schriftsteller wurde – und, wie man heute weiß, zum
erfolgreichsten Autor, den die Schweiz wohl je hatte. Allein sein Roman „Nachtzug nach
Lissabon“ hat sich bis heute 1,5 Millionen Mal verkauft, dazu kommen 18 Übersetzungen
(die englische erscheint nächstes Jahr). Tausende von Leserbriefen haben ihn erreicht,
der Taxifahrer, die Krankenschwester, die Schauspielerin Senta Berger schreiben
ihm, dieses Buch drücke aus, was sie seit langem fühlten. Peter Bieri bemüht sich, zu
verstehen. Zu verstehen, was den Menschen bewegt, seine Zweifel, seine Unruhe, seine
Sehnsucht nach einem anderen Leben, einer anderen Zeit, einem anderen Takt. Und dies
macht er nicht, indem er seine Figuren unendliche Qualen erleiden lässt, sie bloßstellt,
seziert, massakriert, nein, er lässt sie nach Wahrheit streben, eine Selbstfindung
durchlaufen, seine Charaktere sind Menschen, deren Handeln nachvollziehbar ist und
die man dafür gern hat. Und diese Art der Behutsamkeit, der plötzlichen Langsamkeit,
die dem Berner Autor entspricht, trifft auf ein ungeheures Echo. Hier nimmt sich einer
Zeit – manchmal auch zu viel, aber das scheint den Leserinnen nichts auszumachen, sie
wollen sich verlieren in diesem Gedankenkosmos, der auch von Wiederholungen lebt,
wie das Leben irgendwie. Immer wird das Innenleben von Menschen beschrieben, die an
einen Wendepunkt in ihrem Leben gekommen sind. Das war in „Perlmanns Schweigen“,
seinem Erstling, so, wo ein Sprachforscher nicht mehr weiß, was die Wissenschaft soll
(und wo Peter Bieri noch krampfhaft sein Pseudonym Pascal Mercier schützte, weil er
um sein Ansehen als Professor fürchtete). Das war im „Nachtzug“ so, wo ein Berner
Altphilologe plötzlich den Schuldienst verlässt und nach Lissabon fährt, um dort einen
toten portugiesischen Schriftsteller zu verstehen, dessen Schreiben irgendetwas mit
ihm zu tun haben könnte. Und das ist auch in seinem neusten Buch so, der Novelle
„Lea“, in dem ein Vater einem anderen Vater erzählt, wie seine Tochter Lea der Geige
und schliesslich dem Wahnsinn verfallen ist. Der Vater will sich durchs Erzählen
verständlich machen, was da passiert ist, was sein Anteil ist an dieser „Verdunkelung
eines Geistes“, wie es Bieri nennt.
Beginn einer Männerfreundschaft
Die Kritik verreisst die Novelle schon, weil sie ihr unter Kitschverdacht steht, wer aber so
redet und schreibt, hat den Kern von Bieris Büchern nicht verstanden, ist er doch einer,
der offensiv von Gefühlen spricht, der sich traut, auch mal die Grenze zur Gefühlsduselei
zu ritzen oder zu überschreiten, nein, wer so spricht, will gar nicht begreifen, warum diese
Bücher ein so unglaublicher Erfolg sind, vor allem bei Frauen. Diesem perfekt gebauten
Buch kann man nur eins vorwerfen: dass eines der Hauptthemen, die obsessive Kraft
der Musik, schon ziemlich verschrieben ist, das haben zum Beispiel Robert Schneider
in „Schlafes Bruder“ und Richard Powers in „Der Klang der Zeit“ schon ausgiebig
gemacht. Nein, es ist etwas anderes, mit dem Bieri wieder den Nerv der Zeit trifft: die
Freundschaft zwischen zwei Vätern, unter denen eine „Falltür des Lebens aufgegangen
ist“, wie er sagt. Oder wie es im Buch mal heisst: „Zwei Analphabeten, was Nähe und
Ferne angeht, dachte ich, zwei Analphabeten der Vertrautheit und Fremdheit.“
„Herr Bieri, warum glauben Sie, Menschen könnten einander wirklich verstehen?“
– „Gute Frage. Auch wenn die Anstrengung, einander zu verstehen, von vornherein zum
Scheitern verurteilt wäre, ist die Anstrengung selbst immer noch das Interessanteste,
was wir haben. Und grundsätzlich glaube ich an ein Verstehen. Sonst könnte ich nicht
leben und schreiben.“
Bieri erzählt in „Lea“ die Geschichte einer beginnenden Freundschaft zwischen zwei
beruflich erfolgreichen Männern, dem Chirurgen Adrian Herzog und dem Biokybernetiker
Martijn van Vliet, eine Freundschaft, die sich durch die Gespräche herstellt über das
Unglück, Menschen verloren zu haben, die ihnen die liebsten waren. Sie reden, reden,
reden, vor allem van Vliet. Adrian Herzog ist der Part, an dem sich van Vliet spiegelt,
oder wie Herzog sagt: „Ich hatte ein Zuhörer zu sein, nichts weiter als ein Zuhörer, der
sich still den Weg in die Welt seiner Gedanken bahnte.“ Es könnte die Beschreibung
des erzähltechnischen Verfahrens Bieris sein, hier hört ein Autor seinen Figuren zu. „Es
sind wahrhaftige Menschen, keine Blender, mutige Männer, weil sie sich eingestehen,
was sie verlieren, sie machen sich nichts vor. Und, sowieso, ich habe etwas gegen diese
Machermänner, ich glaube denen kein Wort“, sagt Bieri.
„Ich habe mir Kinder nicht zugetraut“
Peter Bieri ist anders als der gemeine Mann. Er saß schon als junger Mann in Bern
immer im Studiokino, las Sanskritschriften und indische Mystik, ein Träumer im
Klostergarten des Geistes. „Asketische Leute interessieren mich am meisten, von innen
gelenkte, wirklich freie Menschen“, sagt er, der ein ruhiges Leben führt, seit ewig schon
verheiratet ist mit einer ehemaligen Mathematiklehrerin aus Mannheim, die heute malt.
Bieri ist einer, der sein Leben plant, der „persönliche Entscheidungen immer mit Zeit und
Sorgfalt fällt“. So hat er sich, zusammen mit seiner Frau, auch bewusst gegen Kinder
entschieden. „Ich wollte reisen, Bücher lesen, aber vor allem: Ich habe mir Kinder nicht
zugetraut, ich war sicher, ich hätte die Souveränität nicht, die es für so eine Aufgabe
braucht. Und ich wollte mein Leben nicht fremdbestimmt haben.“
„Herr Bieri, war es Ihnen langweilig geworden als Professor?“ – „Mir ist es passiert, dass
die bisherigen Gewissheiten im Beruf hinfällig wurden.“ Er erzählt, dass er Professor
geworden sei, um zu lesen. Und er wurde ein erfolgreicher Professor, seine Arbeiten
wurden oft zitiert, die Studenten mochten ihn, die Kollegen auch. „Aber irgendwann
merkte ich: Das reicht mir nicht. Ich persönlich wollte zur Sprache kommen.“ Er schrieb
während eines Sabbaticals, das eigentlich für ein wissenschaftliches Werk gedacht
war, seinen ersten Roman: „Es war eine Befreiung, die Uni erstickte mich nicht mehr.“
Der Mann war dort angekommen, wo er schon immer hinwollte. In ein Reich, wo nur
er für sein Glück oder Unglück verantwortlich ist, wo es keine Verhaltensregeln, keine
Lehrpläne, keine Forschungsgelder gibt.
„Herr Bieri, warum gibt es in Ihren Büchern keine Sexszenen?“ – „Sex ist in der
Literatur nur interessant, wenn er angedeutet ist, den Nahkampf kennt jeder selbst, die
explizite Beschreibung des Aktes ist immer peinlich. Nein, mich interessieren mehr die
Möglichkeiten zwischen Männern und Frauen. Ja, ich bin ein diskreter Autor.“
Bieris Bücher sind sauber, das Unglück ist immer eines, das durch den Diskurs darüber
beruhigt wird. Es gibt keine wirklichen Abgründe, keinen Mord und Totschlag, keinen
Krieg. Ja, man fühlt sich irgendwie glücklich, mit all diesen traurigen Menschen, die
immer ein Schicksal im Rücken haben (meist eine tote Frau), sie reden so viel Schönes,
so viel Gescheites, so viel Wahrhaftiges, dass man meint, die Lösung seiner eigenen
Probleme gefunden zu haben. Bieri findet die Bilder für unser Leben (dass er gewisse
Formulierungen wie „als wate man durch Blei“ mehrmals verwendet, zeugt wohl nur von
seiner Begeisterung, das Passende gefunden zu haben).
„Herr Bieri, wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?“ – „Die Menschen haben ein Bedürfnis,
sich über die grundlegenden Dinge des Lebens zu verständigen. Und ich schreibe,
so sagen mir viele, ein Deutsch wie aus dem 19. Jahrhundert. Meine Romane sind
offensichtlich sogenannte „libros de playa“, also Bücher, die man an den Strand nimmt
und verschlingt.“
Dem Leben entlanggeschrieben
Aber das Wichtigste ist wohl, dass da einer nicht künstliche Konzeptliteratur macht.
Bieri schreibt seinem Leben und den Fragen entlang, die ihn beschäftigen. Zum Beispiel
in „Lea“: „Irgendwann verlieren wir die natürliche Selbstverständlichkeit des Lebens.“ Es
sind Fragen, die er in eine leichte Geschichte verpackt, Fragen, die man sich irgendwann
alle mal selbst gestellt hat, die man aber nicht so schön formulieren kann wie Bieri.
Auch ein Gespräch mit Peter Bieri hat etwas Angenehmes, es ist immer einvernehmlich,
man muss sich nicht ängstigen, der andere würde aus seiner Rolle fallen, er fragt nach,
nimmt sich Zeit – auch wenn er es nicht nötig hätte. Es ist, als begebe man sich in einen
anderen Raum, der Mühsal des Alltags endlich entwunden, der Mann strahlt etwas aus,
das für alles die richtige Frage hat. Nennen wir es aktive Gelassenheit. Am 1. Oktober
lässt sich Peter Bieri an der FU in Berlin frühpensionieren. Schließlich ist er schon lange
dort angekommen, wo er hinwollte.
ZEIT-Magazin | 6. Juni 2007

Peter Bieri
Wie wollen wir leben?
In seiner monatlichen Kolumne für das ZEIT-Magazin LEBEN befasst sich der
Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri diesmal mit der Frage: Was heißt es, über
unser Leben selbst zu bestimmen?

Wir wollen über unser Leben selbst bestimmen. Das sind Worte, die leidenschaftliche
Zustimmung finden, denn sie handeln von unserer Würde und unserem Glück. Doch
was bedeuten sie eigentlich?
Wir möchten in Einklang mit unseren ganz eigenen Gedanken, Gefühlen und Wünschen
leben. Wir möchten nicht, dass uns jemand vorschreibt, was wir zu denken, zu sagen
und zu tun haben. Keine Bevormundung durch die Eltern, keine verschwiegene Tyrannei
durch Lebensgefährten, keine Drohungen von Arbeitgebern und Vermietern. Niemand,
der uns zu tun nötigt, was wir von uns aus nicht möchten. Kein äußerer Zwang also und
keine Entfremdung. Am selbst gewählten Ort in der ganz eigenen Zeit tun, was man
möchte. Diese Sehnsucht ist groß, die Tagträume beweisen es.
Doch manchmal verzichten wir freiwillig darauf, unsere Wünsche zu verwirklichen.
Das ergibt sich aus der Art, wie wir uns von Person zu Person begegnen. Solche
Begegnungen beruhen auf wechselseitigen Erwartungen: Wir erwarten, dass die
Anderen bestimmte Dinge tun und dass auch sie das von uns erwarten. Und dazu
gehört die moralische Intimität, in der wir mit den Anderen leben: unsere wechselseitige
Erwartung, dass wir Rücksicht nehmen und auf die Erfüllung von Wünschen verzichten.
Hier sind es nicht meine eigenen Bedürfnisse, die mich bestimmen, sondern die
fremden. Bedeutet das nicht einen Verlust an Selbstbestimmung?
Wenn wir es nicht so erleben, dann deshalb, weil wir noch eine andere Art kennen, in
der wir über uns bestimmen können. Sie hat mit unserem Selbstbild zu tun – mit der
Frage, wer wir sein wollen. Wir haben die Fähigkeit, eine innere Distanz zu unseren
Gedanken, Gefühlen und Wünschen aufzubauen, sie zu prüfen und zu bewerten: Mit
welchen von ihnen sind wir einverstanden? Welche möchten wir lieber nicht haben?
Wie viel Raum möchten wir den Bedürfnissen der Anderen geben? Und dann können
wir versuchen, unser Erleben und Tun mit dem Selbstbild zur Deckung zu bringen.
Selbstbestimmt in diesem Sinne ist jemand, dem es gelingt, so zu sein, wie er sich gerne
sieht. Wie kann das gelingen?
Es gibt keine Wahl vom Nullpunkt. Bevor wir so weit sind, dass wir uns ein Bild von
uns machen und das Leben daran messen können, sind tausendfach Dinge auf uns
eingestürzt und haben uns geprägt. Diese Prägungen bilden den Sockel für alles
Weitere, und über diesen Sockel können wir nicht bestimmen. Doch das macht nichts,
denn das Gegenteil wäre ohnehin nicht denkbar: Derjenige, der am Nullpunkt stünde,
könnte sich nicht selbst bestimmen, denn er hätte noch keinen Maßstab. Was also kann
es heißen, Einfluss auf sich selbst zu nehmen?
Wir können uns fragen, ob wir das Richtige denken oder in bloßen Vorurteilen befangen
sind. Wir können nach Belegen suchen, uns korrigieren und so über uns bestimmen.
Wir können prüfen, ob wir mit den Wünschen einverstanden sind, die uns bisher in
Bewegung gesetzt haben: mit dem Wunsch nach Erfolg etwa oder nach Macht. Wir
können gegensteuern und uns selbst Hindernisse in den Weg legen, um unserem
Selbstbild ähnlicher zu werden. Auch an den Gefühlen können wir arbeiten: an einer
Angst etwa, einem Groll oder einer Eifersucht. Und das Selbstbild ist seinerseits im
Fluss: Manchmal geht es nicht darum, sich einem solchen Bild zu beugen, sondern eine
versklavende Vorstellung von sich selbst über Bord zu werfen.
Der innere Umbau, in dem diese Art der Selbstbestimmung besteht, geschieht nicht
von einem Hochsitz aus, der den Fluss des seelischen Lebens hoch und unberührbar
überragte. Der Standpunkt der Korrektur ist Teil dieses Flusses und beruht selbst wieder
auf bestimmten Gedanken, Wünschen und Gefühlen. Und auch die Einflussnahme darf
man nicht falsch deuten: Die innere Umgestaltung kann nicht einfach beschlossen
und durch seelische Alchemie verwirklicht werden. Viele äußere Umwege sind nötig:
Kulissenwechsel, neue Erfahrungen, neue Beziehungen, die Arbeit mit Trainern und
Therapeuten. Das Ganze ist ein Kampf gegen die innere Monotonie. Wenn wir ihn
verlieren, dann wiederum wegen eines Zwangs, dieses Mal eines inneren. Wir kommen
gegen die Starrheit des Erlebens weder mit der Einsicht noch mit dem Willen an und
werden uns immer fremder.
Die beste Chance, den Kampf zu gewinnen, liegt in der Selbsterkenntnis. Von inneren
Zwängen kann man sich nur befreien, wenn man sie durchschaut. Je besser wir uns
selbst verstehen, desto leichter finden wir Wege, uns zu überlisten und für neues
Erleben zu öffnen. Vielleicht ist das Wertvollste an Selbsterkenntnis ihr Beitrag zur
Selbstbestimmung.
Wie wir uns aus dem inneren Abstand heraus bewerten, in welchem Ausmaß wir uns
zu beeinflussen vermögen und welches Selbstbild uns gerade leitet – all das haben wir
nicht in der Hand. Wir sitzen nicht als stille Regisseure in unserem Inneren und ziehen
bei dem ganzen Drama die Fäden. Macht das etwas? Im Gegenteil: Wir können froh
sein über die vielen Dinge, die hinter unserem Rücken geschehen. Denn jedes einzelne
Element der Selbstbestimmung seinerseits bestimmen und kontrollieren zu müssen –
das wäre ein Albtraum. Und es würde eine Armee von inneren Kontrolleuren verlangen,
denn die Frage der Kontrolle würde sich für jedes Kontrollieren erneut stellen.
Wenn wir aber so vieles nicht in der Hand haben – sind wir dann am Ende nicht bloße
Schauplätze eines inneren Geschehens und also gar keine Akteure, keine Subjekte?
Und ist das nicht verheerend für die Idee der Selbstbestimmung? Doch so kann es nur
dann aussehen, wenn wir die Chimäre eines allmächtigen Subjekts vor Augen haben,
das über sich in jeder Hinsicht frei verfügte. Für ein reales Subjekt und einen wirklichen
Akteur genügt es, ein unbewachter Schauplatz zu sein, auf dem sich die richtige Art von
Drama abspielt.
Richtig ist das Drama, wenn es nicht manipuliert wird. Niemand soll uns zu Marionetten
machen. Wir wollen mit einer eigenen Stimme sprechen.
Was kann das bedeuten? Es kann nicht heißen, von den Anderen überhaupt nicht
beeinflusst zu werden. Was wir denken, hat viel mit den Anderen zu tun: Wir teilen
eine Sprache und eine Lebensform, wir werden unterrichtet und verlassen uns auf
Autoritäten. Wir sind keine gedanklichen Inseln.
Auch als Fühlende und Wünschende sind wir keine Inseln: Unsere Gefühle und
Wünsche gelten oft den Anderen und hängen davon ab, was sie tun. Und wir lassen
uns auch absichtlich von den Anderen verändern.
Was also unterscheidet Einfluss, den wir als Manipulation empfinden, von Einfluss, der
die Selbstbestimmung nicht bedroht?
Die Beeinflussung muss planvoll sein, und es gibt klare Fälle von Manipulation: Hypnose,
Werbung ohne die Chance des Bemerkens, Täuschung und vorenthaltene Information,
taktisches Ausnützen von Gefühlen, Gehirnwäsche, die jede eigene Stimme auslöscht.
In solchen Fällen werden wir als selbständige Personen übergangen und sind gar nicht
richtig anwesend. Das ist grausam, denn es bedeutet einen Verlust an Würde.
Doch wie ist es, wenn uns jemand verführt, indem er einem verleugneten Wunsch zum
Durchbruch verhilft? Wenn uns jemand mit mächtigen, unwiderstehlichen Worten zu
Gutem überredet? Wenn er uns mit einem Lächeln entgegentritt, das allen Groll, in den
wir uns verbissen hatten, einfach wegwischt? Ist das Befreiung oder das Gegenteil?
Äußerem Zwang entfliehen, einem befreienden Selbstbild Einfluss verschaffen,
Manipulation abwehren, zu einer eigenen Stimme finden: All das gehört zum Kampf
um Selbstbestimmung. Die Idee eines selbstbestimmten Lebens ist keine Idee aus
einem Guss. Die Ziele und Anstrengungen sind verschieden, wenngleich nicht ohne
Zusammenhang. Der Kampf kann mehr oder weniger erfolgreich sein, und er ist nie zu
Ende. Selbstbestimmung ist etwas Graduelles und etwas, das immer wieder verloren
gehen kann. Wir brauchen viel Glück dabei, Glück mit der Welt und mit uns selbst.
In der durchlebten Gegenwart sind wir oft nicht sicher, wie nahe wir dem Ideal sind.
Sternstunden der Selbstbestimmung erkennen wir manchmal erst im Rückblick. Dann
sagen wir: Damals, in jenem glücklichen Moment, war ich ganz bei mir selbst.