George W. Bush und der Landeplatz der Liebe - PDF

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George W. Bush und der Landeplatz der Liebe - PDF Powered By Docstoc
					     Der folgende Artikel ist im Rundbrief Nr. 99 des Ökodorf Sieben Linden
                     (www.oekodorf7linden.de) erschienen.




       George W. Bush und der Landeplatz der Liebe
       Oder: Lieber mit dem Pferdekarren durch die Altmark als
       mit Vollgas in den Abgrund

                                                                  Von Silke Hagmaier

Wenn es nach Georg W. Bush ginge, hätte       nüchtern zu handeln sind nur zwei der
noch keineR gemerkt, was keineR merken        seltsamen Parallelen zwischen Bush und
will:                                         dem Junkie: der Horizont unserer
            Das Öl ist bald alle.             ölbesessenen Gesellschaft reicht kaum
Laut Weltenergiebehörde in Paris gibt es in   weiter als bis zum nächsten „Schuss“.
50 Jahren kein Land mehr auf der Erde,        Kann schon sein, dass das Erdöl uns noch
das noch rentabel Rohöl fördern kann          weitere 10 Jahre Wohlstand auf diesem
        Ersatz ist NICHT in Sicht.            sog. hohen Standard ermöglichen. Aber
(s. dazu auch „Selbstversorgung mit           viel mehr als 10 Jahre werden es nicht sein,
Treibstoffen“ in diesem Heft)                 die Erdölpreise sind in den letzten drei
Der „american way of life“, der in Anteilen   Jahren um jeweils 10 % gestiegen und
durchaus auch außerhalb Amerikas              dank der ganzen „Peak-Oil“ Diskussion ist
anzutreffen ist (z.B. im Ökodorf), hängt am   nun klar, dass das nur der Anfang ist; und
Erdöl-Tropf wie ein Süchtiger an der          so merken also doch alle, was sie immer
Kanüle. Die aus der Abhängigkeit              noch nicht glauben wollen.
resultierende Gewaltbereitschaft, wenn es     Und was machen die Ökos daraus? Traktor
darum geht, den „Stoff“ zu besorgen und       und Auto werden auf Pflanzenöl
die Unfähigkeit, vorausschauend und           umgebaut, damit das gute Gewissen wieder
auf dem Beifahrersitz Platz nehmen darf       Traktor! Bis dahin war die Landwirtschaft
und die Wirtschaft geht weiter wie gehabt.    ein energieeffizientes, nachhaltiges
Dass Ölpflanzen allein dadurch in wenigen     System, das kaum auf die Zufuhr
Jahren zum Regenwaldkiller Nr.1               überregionaler bzw. fossiler Ressourcen
geworden sind, wird wegdiskutiert. Dass       angewiesen war. Was 1950 ganz harmlos
die in Deutschland zur Verfügung              mit 25 PS pro ha anfing, sind heute über
stehenden Flächen für Biomasseerzeugung       500 geworden.
gerade ausreichen würden, um die              Und was genau wird denn da bejubelt? Ich
Landwirtschaft mit Energie zu versorgen,      möchte die versäumte Infragestellung hier
wird ignoriert. Im Ökodorf verbrauchen        nachholen. Meine These ist:
wir alleine zum Beheizen unseres              Die zur Arbeitskostenreduzierung
Wohnraumes schon das 6-fache der              eingeführten Land- und Forstmaschinen
Waldfläche, die uns pro Kopf rechnerisch      erfüllen diese Aufgabe nicht (mehr). Noch
zur Verfügung steht. Dann haben wir noch      dazu hinterlassen sie Schäden in Boden,
kein Holzhaus oder Holzmöbel gebaut und       Wasser, Luft und Seele, deren Ausmaß
noch kein Papier bedruckt oder ins Klo        nicht verantwortet wird von den
geschmissen.                                  Verursachern.
Mein Fazit: Wir verbrauchen nicht nur
zuviel vom Falschen (z.B. Erdöl, das hinter   „Ja und wie schaut‘s denn aus bei uns
jedem käuflich erworbenen Produkt steht),     heute?“
sondern zuviel von allem, ganz egal woher     „Herr Doktor, es tut so weh!“
die Energie / Ressource kommt.
                                              Was haben der Traktor auf dem Acker und
Einsatz von Zugpferden – Anachronie?          der „Harvester“ im Wald uns gebracht?
Hobby? Utopie?
                                              ENERGIE
9400 von 9500 Jahren haben die                - Heute ist die Landwirtschaft nach dem
Muskelkraft von Menschen und (Zug-)             Straßenverkehr der größte
Tieren und in seltenen Fällen mal ein           Dieselverbraucher in Deutschland.
Wasser-/ oder Windrad die (Land-)             - Die Landwirtschaft hat ihren Ertrag
Wirtschaft in Gang gehalten. Aus der            zwischen 1920 bis 1990 um 50 %
Gesellschaft vor 150 Jahren das Zugtier         gesteigert. Der Preis dafür ist eine
wegzudenken wäre ungefähr vergleichbar          Steigerung des Energieverbrauchs um
mit Berlin beim Stromausfall – Stillstand       400%.
auf allen Ebenen. Anfang letzten              - Die traktorgestützte Landwirtschaft
Jahrhunderts hat dann die bis heute             deckt nur 9% dieses Energiebedarfes
bejubelte und nicht in Frage gestellte          aus lokalen und erneuerbaren
Einführung der Verbrennungsmotoren              Energiequellen, nämlich den vor Ort
zunächst im Verkehr die Zugtiere ersetzt.       gezeugten Fahrer und Mechaniker.
Bis allerdings die Landwirte das Pferd        - Das führt zu unsinnigen Energie-
gegen den Traktor eingetauscht haben, hat       Input-Output Bilanzen. Die moderne
die Industrie weitere 50 Jahre harte            Landwirtschaft wendet 100 kcal auf um
Überzeugungsarbeit leisten müssen.              1 Nahrungskalorie zu erzeugen. Dafür
Warum? Weil bei den damaligen gesunden          braucht sie 220 l Diesel pro Hektar und
Betriebsgrößen der Traktor einfach nicht        Jahr.
eindeutig wirtschaftlich war (woran sich      - mehr als 300 Traktor-PS sind heute im
bis heute nichts geändert hat). Der zweite      Einsatz, um 100 ha. Land zu
Weltkrieg hat auch ein bisschen                 bewirtschaften mit kaum 10
mitgeholfen, indem er 6 Millionen Pferde        Arbeitskräften (3-4 PS/ha). Das gleiche
in den Pferdehimmel geschickt hat: Wenig        schaffen 10 bis 15 Pferde (0,2 PS/ha)
Männer, wenig Pferde, her mit dem               mit 10-30 Arbeitskräften. Dieser hohe
   Bedarf ist mit regenerativen Energien      -   flächendeckende Bodenverdichtung,
   nicht zu decken (s. Artikel von Martin).       daraus resultierend verringerte
                                                  Wasseraufnahmefähigkeit und erhöhtes
                                                  Risiko für Überschwemmungen
                                              - flächendeckende Bodenverdichtung,
                                                  dadurch verstärkt Erosion (die
                                                  fruchtbare Erde fliegt und fließt weg)
                                              - flächendeckende Bodenverdichtung,
                                                  dadurch Nährstoffauswaschung (durch
                                                  humusabbauende Prozesse im Boden)
                                                  bis hin zur Grundwassergefährdung.
                                                  Mangelernährung bei Mensch und Tier
                                                  sind nur eine Folge.
                                              Fazit aus Studien, Dissertationen,
                                              Untersuchungen in Theorie und Praxis aus
Abbildung 1 - "Harvester"                     den letzten Jahrzehnten: Es gibt keine
                                              bodenverträgliche Befahrung mit den in
BODEN:                                        der forst- und landwirtschaftlichen Praxis
Wenige Zentimeter Oberboden ernähren          üblichen Fahrzeugen. Dass damit sogar
und versorgen uns. Was wir davon nicht        gegen das Bundes-Boden-Schutzgesetz
bereits versiegeln mit Gebäuden und           verstoßen wird, findet keine Beachtung.
Straßen, wird größtenteils land- und          Die Schäden am Boden durch
forstwirtschaftlich bearbeitet. Was heißt     Bodenverdichtung und Erosion haben
das?                                          vielerorts die lebendigen
Tonnenschwere Geräte: ein Zugpferd            Überlebensressourcen der Bevölkerung auf
wiegt 500 bis 1000 kg, ein moderner           viele Generationen hin zerstört. Der
Schlepper wiegt das 5- bis 20-fache, und      Teufelskreis: Immer mehr Verdichtung
benötigt dieses Gewicht vor allem dafür,      erfordert immer tiefere und intensivere
die immer schwerere Technik sowie sich        Bearbeitung und damit immer mehr
selbst zu heben und zu bewegen; der           Zerstörung.
kleinste Teil der PS wird für die
Zugleistung benötigt. Ein Harvester           WIRTSCHAFTLICHKEIT:
(Vollernter für Holz) wiegt bisweilen         - die Einrichtung eines Arbeitsplatzes in
45.000 kg, ein Rückepferd wiegt immer           der Land- oder Forstwirtschaft kostet
noch nur 500 bis 1000 kg. Das von beiden        250 bis 500 Tausend Euro.
bewegte Stück Holz bleibt das gleiche. Das      Demgegenüber stehen sinkende
Rückepferde hat mit Faktor 1 : 5 bis 10 ein     Erzeugerpreise in beiden Bereichen
hocheffizientes Verhältnis von                  und trotz aller Subventionen auch
Eigengewicht zu Nutzlast, der Harvester         sinkende Rendite. Der finanzielle
ist, mehr noch als ein Traktor, an              Druck aus dieser absurden Situation
Ineffizienz kaum zu überbieten mit einem        führt zu ökologischem Raubbau und
Faktor von 1 : 100 und aufwärts. Dadurch        dem bekannten massiven Höfesterben
bedingt:                                        (5.000 pro Jahr in D.)
- flächendeckende Bodenverdichtung,           - Eine mit modernster Pferdetechnik
     dadurch ein Rückgang der biologischen      ausgestattete Arbeitsstunde kostet beim
     Aktivität im Boden: die „Grobporen“        Pferd zwischen 30 und 90 Euro; die
     im Boden verschwinden, die für die         günstigste Maschinenarbeitsstunde in
     Bodenlebewesen, den Gasaustausch           Forst- und Landwirtschaft fängt bei 90
     und damit die Pflanzenwurzeln              Euro an und geht in die hunderte.
     essentiell sind
EMISSIONEN:                                   Pflanzenschutzmitteln verzichtet, die
- Stickoxide, Kohlenwasserstoffe,             energieintensiv hergestellt werden. Aber:
  Kohlenmonoxide, Kohlendioxid                der durchschnittliche deutsche Biobetrieb
  werden lärmend ausgestoßen; statt           ist größer (nein, das ist kein Druckfehler)
  Pferdemist (ein wunderbarer                 als der konventionelle! Der Biobauer
  Wirtschaftsdünger), Vogelgezwitscher        befährt seinen Acker in ähnlicher
  und einer weichen Pferdenase, die           Frequenz, verbraucht dabei die ähnliche
  freundlich aber resolut die Taschen auf     Menge Treibstoff und erzeugt dabei die
  Brotreste überprüft....                     ähnliche Bodenverdichtung.

QUALITÄT:                                     „Ja, wo genau tut‘s denn weh?“
- das einst kleinteilige Landschaftsbild,     „Ja, irgendwie ÜBERALL“
  reich an ökologischen und seelischen
  Nischen, ist einer ausgeräumten Agro-       All diese Belastungen sind bekannt und
  Industrielandschaft gewichen und wo         werden in Fachkreisen durchaus als
  einst Wald war stehen „Holz-Äcker“,         problematisch gesehen. Gleichwohl gelten
  denn riesige Maschinen brauchen             sie als unvermeidbar, weil der Einsatz von
  riesige Monokulturen                        Zugtieren als rückständig betrachtet wird.
- die konkrete Arbeit in der Land- und        Die Technikgläubigkeit unserer
  Forstwirtschaft ist geprägt von             Gesellschaft hat den Blick auf das
  Bürokratie, Umgang mit Technik und          Zugpferd derart geprägt, dass den
  Maschinen. Den Bauer und Förster, der       Menschen beim bloßen Hinschauen zwar
  eingebettet in ein vielfältiges, gesundes   das nostalgische Herz auf geht, aber
  Biotop unsere (Boden-)Schätze hütet,        gleichzeitig unvorstellbar ist, dass man mit
  gibt es nicht mehr, auch wenn er dem        diesen Methoden allen Ernstes
  Verbraucher zu Werbezwecken noch            wirtschaftlich arbeiten kann. Was zählt ist
  vorgegaukelt wird. Die Sorge um den         einzig Arbeitsbreite und Flächenleistung,
  Erhalt der Produktionsmittel (die           bei denen das Pferd neben den
  fruchtbaren paar Zentimeter Humus die       Monstermaschinen bei manchen Arbeiten
  unser Überleben sichern) ist der Sorge      fast lächerlich wirkt. Ein Harvester erntet
  um den finanziellen Ertrag gewichen.        10 bis 20 mal so viel wie ein
- der moderne Arbeitsplatz in Land- und       Holzrücketeam bestehend aus Pferd,
  Forstwirtschaft ist einseitig körperlich    Mensch und „Forwarder“ (= auf Wege
  belastend (z.B. Traktoristen mit            beschränkter Einsatz von schweren
  Rücken- und Lungenschäden) und              Maschinen). Aber Zeit ist eben doch nicht
  geprägt von Lärm-, Staub- und               alles.
  Giftemissionen. War die Arbeit früher
  wirklich „härter“, oder ist das             „Und was kann ich da für sie tun?“
  Einsparen von Muskelkraft vielleicht
  nicht der einzige Maßstab zur               TUN? In der Landwirtschaft würde die
  Ermittlung von Arbeitsplatzqualität?        Umstellung von Traktoren auf
- Urteilen Sie selbst! Welche Möhre           pferdegezogene
  schmeckt besser: mit Gift oder ohne         Technik mit Hilfsmotoren bereits 85%
  Gift? mit Dieselabgasen oder ohne           Primärenergie einsparen. (Hilfsmotoren
  Dieselabgase?                               sind dazu da, an bestimmten
                                              effizienzsteigernden Bereichen den
Und der Biobauer?                             Pferden die Arbeit zu erleichtern, moderne
Die Energiebilanz beim Traktor basierten      Vorgaben zu erfüllen (z.B. dass die Geräte
Biobetrieb ist natürlich besser als beim      hydraulisch aus dem Boden gehoben
konventionellen Nachbarn, weil er auf den     werden statt mit Muskelkraft), und
Einsatz von Kunstdüngern und                  sinnvolle Arbeitsgänge zu erschließen, die
mit tierischer Zugkraft alleine kaum
realisierbar sind, wie z.B. der Betrieb von
Ballenpressen).
Weitere Auswirkungen des Einsatzes von
Zugtieren:
- Energieeffizienz: das Pferd ist ein
    Direktverwerter von Biomasse. Allein
    der Dung, den es als Nebenprodukt
    großzügig verschenkt, gibt dem Betrieb
    ein Drittel der verfütterten Energie als
    Wirtschaftsdünger zurück
- Flächenverbrauch: Alternativen zum
    Diesel sind Rapsöl (für Trakoren) oder      Abbildung 2 - Holz rücken mit Pferden
    Zugtiere: Pferde brauchen etwa 1/10
    der bewirtschafteten Fläche als Futter,     Wirtschaftlichkeit:
    für Rapserzeugung entfallen ¼ der           Um einen Hektar Wiese von Hand zu
    bew. Fläche für den Biodiesel               Sensen und Heu zu gewinnen, musste ein
- die entstehenden Bodendrücke durch            Bauer um 1900 das Äquivalent von 25 kg
    den Pferdehuf sind ökologisch tragbar,      Weizen in Arbeitsgeräte investieren und
    weil sie so kleinflächig sind, dass sie     100 Stunden arbeiten. Der gleiche
    sofort regeneriert werden. In den nicht     Arbeitsgang mit Pferd und Pferdetechnik
    regenerierbaren, tieferen Schichten         brauchte 1930 bereits Investitionen in
    entsteht erst gar keine Verdichtung.        Höhe von 12.000 kg Weizen bei nur noch
- Auf pferdebewirtschafteten Flächen            14 Stunden Arbeit. Der gleiche
    sind Bodenregeneration und damit            Arbeitsgang heute erfordert an
    Ertragszunahmen dokumentiert und zu         Investitionen einen Gegenwert von
    erwarten                                    500.000 kg Weizen bei 3 Arbeitsstunden.
- im Grünland überleben die                     Eines haben alle Landwirte gemeinsam,
    Amphibienbestände und Insekten die          egal ob bio- oder unlogisch: Es ist derzeit
    Heuernte mit Pferd, während der             in Deutschland nahezu unmöglich,
    Traktor vor allem Leichen hinterlässt       Landwirtschaft rentabel zu betreiben. Alle
- Pferdetechnik herzustellen und zu             Register werden gezogen, um zu
    warten ist ein regionales Geschäft und      überleben: Betriebskapital wird
    verbraucht weniger Ressourcen               eingeschmolzen (Gebäude, Land), nötige
    (Metall, Transport, Diesel etc.)            Investitionen werden verschoben bis zur
- das Pferd ist im Betrieb sozusagen            Pleite, Verschuldung, Selbstausbeutung,
    „schadstofffrei“. Die „Emissionen“ bei      Billiglohnarbeiter; Direktvermarktung
    der Pferdearbeit sind meist erfreulich:     billiger Importe bis hin zur Hinzunahme
    Pferde gehen ans Herz, Traktoren            von Betriebszweigen mit besserer
    gehen auf die Nerven                        Rentabilität wie Tourismus, Sozialtherapie,
(Nicht erstaunliches) Fazit: das Pferd ist im   Abokistenmanagment oder Seminaren –
ökologischen Vergleich in allen Bereichen       all das verhindert nicht, was nicht zu
den schweren Maschinen weit überlegen.          verhindern ist: das Ende einer (größen-)
                                                wahnsinnigen Ineffizienz. Zu dumm nur,
                                                dass das Heil immer noch am falschen
                                                Ende der Skala gesucht wird.
                                                Der hohe Energieverbrauch ist ökonomisch
                                                nur tragbar, solange Energie fast nichts
                                                kostet und die Folge(kosten) durch
                                                Klimaerwärmung auf nachfolgende
                                                Generationen abgewälzt werden.
Im wirtschaftlichen Vergleich schneiden       Zahlen für den Forst), die auf Zugpferde
selbst bei den heutigen Energiepreisen        setzen.
kleine Betriebe unter 50 ha bereits besser    Wenn doch so viel dafür spricht, warum
ab, wenn sie auf Pferde setzen. Die Amish     „satteln“ denn dann so wenige um aufs
sind z.B. die einzigen nordamerikanischen     Zugpferd?
Kleinbauern, die an Anzahl und                Abgesehen davon, dass auch viele
bewirtschafteter Fläche kontinuierlich        Rauchen, wo doch so viel fürs
wachsen (ein Betrieb umfasst max. 60 ha,      Nichtrauchen spricht, ist dieser Schritt
dann wird er wieder geteilt), während alle    heute noch den entschlossenen Idealisten
drum herum um ihr Überleben kämpfen, je       vorbehalten. In der landwirtschaftlichen
kleiner desto heftiger. Die Amish setzen      Ausbildung taucht das Zugtier nicht auf,
eine Kombination aus Zugpferden und           selbst die Agenda 21 verfolgt eine
Aufbaumotoren ein, wodurch sie den            Industrialisierung der Landwirtschaft (und
Primärenergiebedarf im Vergleich zur          das obwohl heute noch fast die Hälfte der
traktorbetriebenen Landwirtschaft um 80-      landwirtschaftlichen Flächen weltweit mit
90% gesenkt haben. ES GEHT!                   Zugtieren bearbeitet werden). Das Know-
Spätestens wenn Arbeitskraft verfügbarer      how für den Einsatz von Zugpferden ist bei
ist als Energie, und an dieser Schwelle       uns fast völlig verschwunden. Das bezieht
steht unsere Gesellschaft genau jetzt, ist    sich auf Ausbildung und Umgang der
das Comeback der Zugtiere eingeläutet.        Pferde genauso wie auf Herstellung,
Und wo sollen die Pferde herkommen und        Wartung und Einsatz von Pferdetechnik.
die Weiden und das Futter?                    „Durchgehende“ Pferde und Geräte ohne
Es ist alles schon da! Wir haben heute etwa   Betriebsanleitung oder Ersatzteile sind
den gleichen Pferdebestand wie vor            nunmal nicht die Zutaten zu einem
hundert Jahren, als nahezu alle Flächen       entspannten bäuerlichen Dasein.
noch mit Zugtieren bewirtschaftet wurden.     Zugpferdetechnik wird kaum (noch)
Nur das Verhältnis von Hobby-Pferden zu       produziert, d.h. wir müssen bei einigen
Arbeitspferden ist in etwa umgekehrt zu       Geräten auf Vorkriegsproduktion oder
damals; nämlich 99% zu 1%.                    teure Importe (z.B. von den Amish in
                                              USA) zurückgreifen. Und welcher Bauer
                                              will schon darauf angewiesen sein, die
                                              Technik, von der seine Existenz abhängt,
                                              bundesweit in der „Verschiedenes“-Spalte
                                              annoncieren zu müssen? Die dann mit
                                              Glück und Aufwand erstandenen Objekte,
                                              bei denen nicht selten der Transport das
                                              Teuerste wird, ist und wird verschlissen.
                                              Wer dann mit Metall nicht umgehen kann
                                              um sich bei Reparaturen selbst zu helfen ist
                                              arm dran (wo ich das schreibe durchweht
                                              mich eine ordentliche Portion
                                              Selbstmitleid....)
Abbildung 3 - Holztransport mit Pferden
                                              „Aber Herr Doktor, so tun sie doch was!
                                              Irgendwas!“
Die gute Nachricht                            TUN: Im Ökodorf Sieben Linden gibt es
Nachdem in den 60er Jahren die Zugpferde      seit 1 ½ Jahren die Fuhrhalterei Frühwach,
aus der Landwirtschaft völlig                 aus zukunftsorientierten Beweggründen
verschwunden waren gibt es mittlerweile       (s.o.) von mir als ordentliches Gewerbe
in Deutschland etwa 150 Betriebe im           angemeldet. Die beiden Haflinger Odin
Land- und Gartenbau (ich habe keine           und Freya (beheimatet im germanischen
Götterhimmel gleich neben der Mitte der        ein Fördermittelzuschuss von „Regionen
Welt) haben mit mir gelernt zu pflügen,        Aktiv“ letzten Herbst unter die Arme
eggen, striegeln, (Saat) walzen, hacken,       gegriffen (danke JüLo!). Rein materiell
dippeln, häufeln, (Kartoffeln) roden, (Gras)   betrachtet hängt mein langfristiges
mähen, (Gras) wenden, (Holz) rücken,           finanzielles Überleben davon ab, ob das
(Holz u. Baustoffe) fahren, (Menschen)         Ökodorf dabei bleibt, den Pferdeeinsatz
kutschieren, Schlitten fahren und              weiterhin mit einem Stundenlohn zu
ausführlich mit Menschen „reden“. Was          honorieren (VIELEN VIELEN DANK
wir noch lernen wollen ist drillen, Kalk       dafür, an dieser Stelle), ob sich die
streuen, Mist- und Kompoststreuen,             Einsatzmöglichkeiten der Pferde im Dorf
Getreide mähbinden (zu Garben),                eher ausbreiten oder eher reduzieren und
Wurzelgemüse roden und: noch besser            ob die vielen HelferInnen mir weiterhin
kommunizieren und noch mehr Spaß               helfen (hier einen besonderen Dank an
haben. Der Nachwuchs Mani hat das alles        Milan, den langjährigen Retter meines
noch vor sich und pflegt derweil               Privatlebens!) Auch die Anzahl der
fressenderweise die Wiesen und bespaßt         Seminare, die ich gebe, müsste noch
seine Pferdefamilie und alle anderen, die      steigen. Ich bin optimistisch. Die Hürden,
ihn besuchen. Die drei haben mich so gut       die hinter mir liegen (großer baulicher
trainiert, dass ich mittlerweile (mit vielen   Aufwand, Gründungsinvestitionen,
Jahren Vorlauf) genug gesunden                 Ausbildung von mir und den Pferden,
Pferdeverstand entwickelt habe, dass ich       Einführung einer Bezahlung der
andere Pferdeinteressiete deutschlandweit      Pferdearbeit im Ökodorf) empfinde ich als
mit Seminaren über „pferdisch“                 deutlich größer, als die, die vor mir liegen.
unterstützen kann. Über diesen eigentlich
tieferen Teil des Pferdeprojektes, nämlich     Ach ja, der Landeplatz der Liebe.
die Gestaltung kooperativer Beziehung und      Mai 06: Odin, Freya und ich „ackern“ auf
Kommunikation zwischen Pferd und               einer neu angepachteten Brache neben dem
Mensch möchte ich gerne an anderer Stelle      Ökodorf. Wir pflügen, eggen und walzen
mal einen gesonderten Artikel schreiben.       einen Kreis, damit sich die Brache dort in
Ich höre das Redakionsteam förmlich            eine Blumenwiese verwandeln darf. Damit
aufatmen...                                    sind wir (stolzer) Teil eines
                                               Landschaftskunstwerkes; Regieführender
                                               Künstler: Cosmo; Ziel: einen „Landeplatz
                                               für die Liebe“ zu gestalten! Und: „bei aller
                                               Liebe“ – wir haben selten so geschuftet.
                                               Warum? Weil der Boden so verdichtet ist,
                                               dass ein Pferdepflug kaum noch in ihn
                                               eindringen, geschweige denn ihn sauber
                                               wenden kann. Gleich neben uns pflügt
                                               munter der Traktor, dem wir diese Misere
                                               zu verdanken haben, in rasendem Tempo
                                               einen Acker, dessen Ausmasse der
                                               Horizont verbirgt. Wann ist es soweit, dass
                                               die vorbeiziehenden Passanten nicht mehr
Abbildung 4 - Odin und Freya beim Pflügen      mich für verrückt erklären, bemitleiden
                                               oder belächeln, sondern den Traktoristen?
Das sind ja schöne Aussichten!                 Bei George W. Bush erhoffe ich mir
Ob mein Betrieb langfristig überleben          keinen Sinneswandel mehr. Aber er hat ja
wird, ist noch nicht klar. Im Moment bin       auch meinen Artikel nicht gelesen....
ich im zweiten Ich-AG-Jahr (also noch
geringfügig bezuschusst). Zudem hat mir
Dieser Artikel endet hier, weil mir die
Rundbriefredakion auch so schon aufs
Dach steigen wird. Nicht etwa, weil das
Thema erschöpfend dargestellt ist.
Dargestellt habe ich einen winzigen
Ausschnitt, hinter allen Argumenten steht
seitenweise Literatur: Viele materielle und
alle immateriellen Gründe für eine
(R)Evolution mit Zugpferd bleiben
gänzlich unerwähnt. (Alle verwendeten
Zahlen sind Orientierungen, gemittelt aus
verschiedenen Quellen und schwanken in
der Realität sowieso wegen lokaler,
klimatischer, sozialer u.a.
Verschiedenheiten.)                           Abbildung 5 - Haflinger Freya mit Silke

Und selbst wenn nichts davon wahr
wäre:
Der Traktor ist für mich bestenfalls eine
temporäre Arbeitserleichterung. Die Arbeit
mit Odin, Freya und Mani und all den
Seminarpferden ist meine Meditation, mein
spiritueller Weg, mein Disziplin-
Generator, mein Urlaub im Alltag, mein
Urlaub vom Ich, meine Arbeit am Ich,
meine Hier-und-Jetzt-Schule und mein
Fitnesscenter. Danke, Universum, für
diesen privilegierten Beruf!

Geldspenden für die Anschaffung und
Weiterentwicklung von Pferdetechnik in
der Fuhrhalterei Frühwach sind sehr
erwünscht! Wende dich vertrauensvoll an
Silke.
www.kooperative-pferde.de