CARL PIETZCKER Sigmund Freud Der Witz und seine Beziehung

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CARL PIETZCKER Sigmund Freud Der Witz und seine Beziehung Powered By Docstoc
					                                       Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg




CARL PIETZCKER


Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung
zum Unbewußten




Originalbeitrag erschienen in:
Wolfram Mauser (Hrsg.): Lachen.
Würzburg: Königshausen und Neumann, 2006, S. [19]-28
                                      Carl Pietzcker


                                SIGMUND FREUD:
                   Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten




Kennen Sie den? Eine Bekanntschaftsanzeige, Rubrik »Sie sucht Ihn«: »Scheues
Kuschelmäuschen sucht Mann mit Pferdeschwanz, Frisur egal.« Ein Witz. Nun eine
von einer Grundschulklasse erlebte komische Szene: Die Klasse beobachtet mit
immer neu anhebendem Lachen, wie vor ihrem Klassenzimmer eine Krähe eine
Nuss aufhebt, mit ihr hochfliegt, diese ihr entgleitet, wie sie es abermals versucht,
höher gelangt, die Nuss ihr wieder zu Boden fällt, und so in Steigerung noch öfter,
bis sie die Nuss schließlich verzehrt. Und vielleicht erinnern Sie sich an den Satz
jenes Verurteilten, der frühmorgens geweckt und zur Hinrichtung geführt wird »Na,
die Woche fängt gut an« – Humor, in diesem Fall Galgenhumor. Auf diesen Witz,
auf Ihr Lachen oder auch Nichtlachen und auf meine Sorge beim Erzählen, ob er mir
auch gelingt, auf die komische Szene und jenen Galgenhumor werde ich immer
wieder zurückkommen, wenn ich Freuds Beitrag zur Erkenntnis des Lachens dar-
stelle.
      Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten erschien 1905, im selben Jahr
wie das Bruchstück einer Hysterie-Analyse, also der Fall Dora, und die Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie. An den Drei Abhandlungen und dem Buch zum
Witz hatte Freud gleichzeitig gearbeitet. 1 Angeregt zu der Arbeit über den Witz
wurde er 1899 durch den Hinweis von Wilhelm Fließ, die Träume enthielten zu
viele Witze,2 ermutigt fühlte er sich durch die Beiträge zur Ästhetik von Theodor
Lipps3 ; getragen wurde er wohl von der Lust an Witzen, die ihn selbst »am aus-
giebigsten lachen gemacht haben« (12). Das waren vor allem jüdische Witze. Mit
ihnen, die seine Arbeit für uns zu einem Buch der Erinnerung an das inzwischen
vernichtete Ostjudentum machen, rief er sich ein Stück seiner eigenen Identität
herauf.
      Freuds Interesse gilt in dieser Arbeit »Wesen und Beziehungen des Witzes«
(5). Vom Witz her nähert er sich mit deutlicher Zurückhaltung dem Komischen und
dem Humor. Das Lachen stellt er nicht ins Zentrum, diskutiert es als deren Folge
und Zweck allerdings mit. – Er inszeniert seinen Text als einen Erkenntnisprozess,
in den er die Lesenden hineinlockt, ihre Einwände, ihren Widerstand mitinszeniert
und dann entkräftet. Scheinbar ganz analysefern befragt er zunächst die Aussagen

1  Freud Studienausgabe, Bd. IV, Frankfurt/M. 1970 [= StA], S. 10.
2
   S. Freud: Briefe an Wilhelm Fließ 1887-1904. Frankfurt/M. 1985, S. 407. Vgl. Der Witz und
seine Beziehung zum Unbewußten. GW VI, 3-269 [Hiernach wird künftig im fortlaufenden Text mit
bloßer Seitenangabe zitiert], dort 38, 197, 198.
3
   StA IV, S. 10.
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von Philosophen und Psychologen und zeigt, wie wenig sie zueinander passen,
arbeitet an mannigfaltigem Material Techniken des Witzes heraus, fragt nach deren
Zusammenhang und sucht sie abstrahierend zu systematisieren, und das ohne einen
einzigen psychoanalytischen Begriff. Nachdem er sich auf diesem Weg langsam an
den Witz herangetastet hat, führt er seine Ergebnisse im zweiten, dem synthetischen
Teil, zusammen, um erst im dritten, dem theoretischen Teil, die Ergebnisse der
Tradition und seine eigenen psychoanalytisch neu zu formulieren und begrifflich zu
fassen. Dem folge ich mit meiner Darstellung nicht; denn es geht mir darum, am
Beginn dieser Tagung, die sich das Lachen zum Thema gesetzt hat, hierzu an einige
Begriffe und Denkoperationen Freuds zu erinnern, damit wir uns durch sie anregen
lassen und fragen, inwieweit wir sie beibehalten, erweitern, verändern oder vielleicht
auch verwerfen müssen. Ich richte meine Aufmerksamkeit also auf das Lachen,
nicht aber auf Witz, Komik und Humor und ich stelle Freuds Ergebnisse schemati-
sierend vor, folge bei meiner Darstellung also nicht dem von ihm vorgeführten
Suchweg. Ich verzichte auf die von ihm analysierten, heute zumeist schwerer ver-
ständlichen Witze, und ich weise gelegentlich auf Punkte hin, wo sich von Freud her
sinnvoll weiterdenken ließe.
     Eine geschlossene Theorie des Lachens hat Freud nicht entwickelt. Er fragt
nach den Kontexten, in denen und nach den Bedingungen, unter denen es entsteht;
nach dem Lachen selbst fragt er meist nur mittelbar. Hierbei beachtet er freilich eine
Vielzahl von Aspekten, die auch wir nicht vergessen sollten, wenn wir nach dem
Lachen fragen. Dies sind

     1.   der ökonomische Aspekt, also die Frage nach der psychischen Energie
          beim Lachen und bei dessen Vorbereitung;
     2.   der topische Aspekt, also die Frage nach dem psychischen Ort der Vor-
          gänge: ob sie bewusst, vorbewusst oder unbewusst verlaufen. Oder nach
          der zweiten Topik, dem Instanzenmodell: was Es, Ich oder Über-Ich zum
          Lachen beitragen;
     3.   der dynamische Aspekt, also die Frage nach dem Gegeneinanderwirken
          psychischer Kräfte;
     4.   der genetische Aspekt, also die Frage nach der Entstehung und der ent-
          stehungsgeschichtlichen Zuordnung der Lachenden und dessen, worüber
          sie lachen;
     5.   der kommunikative und weiter noch der soziale Aspekt, also die Frage, in
          welcher kommunikativen und sozialen Situation gelacht wird. Das führt zu
     6.   dem produktionsästhetischen Aspekt, also zur Frage, was geschieht, wenn
          einer einen anderen lachen macht, und zu
     7.   dem rezeptionsästhetischen Aspekt, also zur Frage, was bei dem, der zum
          Lachen gebracht wird, geschieht, beim Rezipienten also, und unter wel-
          chen Voraussetzungen dies gelingt. Hierzu gehört
     8.   der kulturale Aspekt, unter dem Freud nach den kulturellen Voraussetzun-
          gen des Lachens fragt.
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Dieser Gliederung will ich folgen. Ich beginne mit dem ökonomischen Aspekt.
Lachen versteht Freud in den Spuren der Physiologie des 19. Jahrhunderts als »ein
Phänomen der Abfuhr seelischer Erregung« (163):
       Wir würden sagen, das Lachen entstehe, wenn ein früher zur Besetzung
       gewisser psychischer Wege verwendeter Betrag von psychischer Energie un-
       verwendbar geworden ist, so daß er freie Abfuhr erfahren kann (164),
wobei »die Abfuhr gerade jene Wege findet, deren Erregung das somatische Bild
des Lachens ergibt« (165). Voraussetzung dieser Vorstellung ist Freuds meta-
psychologisches, wie er immer wieder betont, nicht endgültig beweisbares, aber aus
der Empirie konstruierbares Modell der Psyche als eines Apparats, dessen Aufgabe
es ist, die dort zirkulierende Energie, d.h. die Erregungsgrößen, welche sich dem
Triebpotential und äußeren Reizen verdanken, auf möglichst geringem Niveau zu
halten. Wenn wir lachen, werde überschüssige Energie abgeführt, und das empfän-
den wir als lustvoll. Lachen wir über einen Witz, so lachen wir nach Freud ersparten
Hemmungsaufwand ab, lachen wir über eine komische Szene, so lachen wir erspar-
ten Vorstellungs- oder Besetzungsaufwand ab, und lachen oder lächeln wir humor-
voll, so geschieht dies aus erspartem Gefühlsaufwand (269). Wenn wir über den
Witz vom Mann mit Pferdeschwanz lachen, so führen wir also den Aufwand ab, den
wir normalerweise benötigen, um die Vorstellung von einem Mann mit einem Penis,
so groß wie der eines Pferdes von unserem Bewusstsein, zumindest aber von unse-
rem zivilisierten Gespräch fernzuhalten. Um diese Vorstellung daran zu hindern, in
unser Gespräch vorzudringen, hatten wir ein bestimmtes Maß an Hemmungs-
aufwand benötigt. Nun, da wir diesen Witz hören, können wir uns den Hemmungs-
aufwand ersparen und führen ihn lachend ab. – Im Fall der Komik ersparen wir uns
Vorstellungsaufwand und lachen ihn ab. Die Bemühung der Krähe, die Nuss in die
Höhe zu tragen, hatte bei den Kindern Vorstellungen von Anstrengung, Können und
Erfolg aufgerufen und diese Vorstellungen in Erwartung erfolgreichen Abschlusses
affektiv besetzt. Der Misserfolg der Krähe hatte dann jenen Besetzungsaufwand un-
nötig gemacht, ihn erspart. So konnten die Kinder ihn im Lachen abführen. Und
wenn wir von dem Mann hören, der zu seiner Hinrichtung geweckt wird und dies
mit den Worten quittiert, »Na, die Woche fängt gut an«, so werden bei uns zunächst
Emotionen geweckt, Mitleid oder vielleicht Empörung, dass ein Unschuldiger be-
straft wird. Doch dann lassen seine Worte uns schmunzeln, lächeln vielleicht; sie
haben uns ja den eben wachgerufenen Gefühlsaufwand für Wut, Grauen oder Mit-
leid erspart. Den können wir nun schmunzelnd abführen. So unterscheidet Freud
unter ökonomischem Aspekt den Witz, dessen Lust aus erspartem Hemmungs-
aufwand hervorgeht, von der Komik, deren Lust aus erspartem Vorstellungsaufwand
hervorgeht, von dem Humor, der uns Gefühlsaufwand erspart.
     Voraussetzung dieses Verständnisses ist Freuds in der Neurosen- und Traum-
theorie entwickelte Hypothese, dass psychische Vorgänge als Prozesse von Energie-
bewegungen zu verstehen sind, in denen Energie unterschiedlich verteilt, verstärkt
und verringert werden kann, dass dies auf Bahnen geschieht, die sich im Gang der
individuellen Entwicklung herausbilden, dass Vorstellungen mit unterschiedlicher
Intensität besetzt werden und dass beide, Vorstellungen wie Energie, auch getrennt
werden können. Diese Hypothese und die aus ihr entwickelten Begriffe fasst er in
einer heute befremdenden, dem Wirtschaftsleben und der Physik entstammenden
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Metaphorik, z.B. in der Metapher »ökonomisch«, die nicht mit dem Sachverhalt, auf
den sie verweist, gleichgesetzt werden sollte. Unter dem ökonomischen Gesichts-
punkt kann Freud auch anderes Lachen verstehen, z.B. das der Analysanden, denen
bisher Unbewusstes bewusst wird: Da führen sie jene Energie lachend ab, die sie bis
dahin als realitätsbewusste Erwachsene gegen infantiles Unbewusstes eingesetzt
hatten (194). Er kann die Nähe, ja den Übergang von Lachen und Weinen als unter-
schiedliche Abfuhr von Energie begreifen (XVII, 152), aber auch das Zwangslachen
bei Traueranlässen (VII, 415). Da würde nach einem Durchbrechen verpflichtender
Trauer Energie abgeführt, die störende Affekte zurückzuhalten hatte. Von hier aus
können wir manche erschreckenden Formen des Lachens begreifen, z.B. jenes, von
dem Michael Wieck in seinem »Zeugnis vom Untergang Königsbergs« berichtet:
Die noch nicht ins Konzentrationslager abtransportierten Juden treffen sich im Bet-
saal. Nach der Lesung der Thora gedenkt der Rabbiner der Abtransportierten; in der
Stille dann »ein herzerschütternder Schluchzton, dem sich in einer Kettenreaktion
unzählige andere anschließen. Nun weint fast die ganze Gemeinde«4.
       Das geht uns Jungen so auf die Nerven, daß wir hilfesuchend einander an-
       sehen. Dabei verlieren auch wir die Beherrschung, nur, statt, daß sich auch
       unsere Tränen lösen, müssen wir laut losprustend lachen. Hemmungslos
       lachen: das ist unsere Reaktion auf ein unerträglich gewordenes Schaudern.
       Wir haben keine Kraft, unsere Lachkrämpfe zu unterdrücken.5
Die Erregung ihres Schauderns, die sie nicht als Weinen abführen können, sucht Ab-
fuhr im Lachen. Doch zurück zu dem, was Freuds Buch über den Witz zu unserem
Tagungsthema beitragen könnte.
     Der zweite metapsychologische Aspekt, der von mir unausgesprochen gele-
gentlich schon mitgedacht wurde, ist der topische. Hier fragt Freud nach dem
Topos, nach dem, metaphorisch gesprochen, psychischen Ort eines Prozesses, also
auch der Vorgänge, die zum Lachen führen. Er unterscheidet verschiedene mehr
oder weniger deutlich von einander abgegrenzte, aber auch zusammenhängende
Systeme des psychischen Apparats mit unterschiedlichen Gesetzlichkeiten und
Funktionen. In seinem ersten topischen Modell sind dies das Unbewusste, das Vor-
bewusste und das Bewusste. Der Ursprung der Energie von ihnen allen befindet sich
im Unbewussten. Dort ist die Energie frei beweglich, sie strebt auf schnellstem und
unmittelbarstem Weg ihrer Abfuhr zu, strömt ungehindert ab und sucht ins Bewusst-
sein und damit auch zur Handlung zu gelangen. Die im Unbewussten geltenden
Gesetze der leicht beweglichen Energie, nach denen die Triebrepräsentanzen besetzt
werden, hat Freud in der Traumdeutung und in seinen Hysteriestudien als die des
Primärprozesses bezeichnet, es sind z.B. die der Verdichtung, der Verschiebung und
der Vereinbarkeit von Gegensätzlichem. Im Vorbewussten herrscht dagegen der
Sekundärvorgang; das Streben der Energie nach Abfuhr ist aufgehalten, sie ist
gebunden. Im Bewussten, oder wie er es auch nennt, im »System Wahr-
nehmung/Bewusstsein«, sind die Energiebesetzungen weithin in Ruhe. Dort werden
geringe Energiequanten für die Denkarbeit verwendet; die Energie ist leicht beweg-

4 Michael Wieck: Zeugnis vom Untergang Königsbergs. Ein »Geltungsjude« berichtet.
Heidelberg, 72001, S. 115.
5 Ebd. S. 116.
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lich und kann unterschiedliche Elemente überbesetzen, d.h. die Aufmerksamkeit
fokussieren.
      Von diesen metapsychologischen Voraussetzungen her blickt Freud auf das,
was zum Lachen führt. Die Quelle der Witzeslust sieht er im Unbewussten (237).
Das schließt er daraus, daß wesentliche Techniken des Witzes denen des Primär-
prozesses entsprechen, z.B. die Verdichtung, etwa die zweier unterschiedlicher
Bedeutungen im Wort »Pferdeschwanz«. Auch andere Verfahren des Primärprozes-
ses entsprechen denen des Witzes, Verschiebung, Gleichzeitigkeit des logisch Un-
vereinbaren oder Darstellung durch das Gegenteil und indirekte Darstellung (96). Er
findet eine Stütze seiner These im Material, also im Inhalt vieler Witze, deren Vor-
stellungen bis ins Unbewusste reichen, z.B. die grob sexuelle Vorstellung vom
Pferdeschwanz. Er findet weitere Stützen für seine These von der Bedeutung des
Unbewussten für den Witz in der kurzfristigen Absenz dessen, der einen Witz bildet,
und darin, dass Witze nicht bewusst hergestellt werden, sondern eines Einfalls be-
dürfen, wie auch in der Schwierigkeit vieler von uns, einen Witz zu erinnern. Zur
Bildung eines Witzes komme es nämlich, wenn ein vorbewusster Gedanke kurz-
fristig ins Unbewusste sinke und nach den dort geltenden Regeln bearbeitet, danach
aber von der bewussten Wahrnehmung erfasst werde (189). Die Energie einer
Gegenbesetzung, welche die unbewusste Denkweise oder auch die unbewusste
Wunschvorstellung bisher daran gehindert habe, ins Bewusstsein zu dringen, diese
Hemmungsenergie erweise sich nun als unnötig und könne abgelacht werden. Die
Komik dagegen lokalisiert Freud im Vorbewussten: Jene Grundschulkinder sehen
die Krähe die Nuss erfolgreich in die Höhe schleppen – bis sie ihr entfällt; nun
lachen sie die Energie ab, mit welcher sie nicht unbewusst, auch nicht bewusst,
sondern eben vorbewusst die Vorstellung erfolgreichen Gelingens mit stärkeren
Energiequanten besetzt hatten, die sich, ohne dass sich ihre Aufmerksamkeit
bewusst hierauf gerichtet hatte, jetzt als unbrauchbar erweisen. Nach Freud ist dies
ersparter Vorstellungsaufwand. Auch den Humor, denken Sie an den Galgenhumor
dessen, der am frühen Morgen zur Hinrichtung geweckt wird, auch den Humor ver-
steht Freud als vorbewusst ablaufend. Er vollzieht sich für ihn nicht als bewusst
verlaufender gelenkter Prozess. Die Wahrnehmung freilich sei bewusst auf eine
peinliche Vorstellung fokussiert, z.B. auf die, dass ich hingerichtet werde, Schmer-
zen leide oder verkrüppelt bin. Der mit solchen Vorstellungen verbundene Affekt
dagegen sei vorbewusst von diesen Vorstellungen abgezogen worden, so dass sich
das Lachen aus erspartem Gefühlsaufwand ergebe.
      Von seinem zweiten topischen, dem Instanzenmodell her, das die Psyche als
Zusammen- und Gegeneinanderspiel von Es, Ich und Über-Ich denkt, hat Freud
1927 in dem Artikel »Der Humor« diese Art des Lachens erneut zu fassen versucht.6
Hier fragt er nicht ökonomisch nach der Abfuhr psychischer Energie, oder topisch
im Sinn des ersten Modells nach dem Ort psychischer Prozesse, sondern danach, wie
der Humorist zu jener psychischen Einstellung gelangt, in der er Abstand von eige-
nem Leiden gewinnt. Seine Antwort: Der Humorist verschiebe große Besetzungs-
mengen vom Ich auf das Über-Ich, d.h. von der Instanz, deren Aufgabe realitäts-
gerechtes Verhalten sei, auf die Instanz, mit welcher sich die einstige Überlegenheit

6
    G. W. XIV, S. 383-389.
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der Eltern im Individuum fortsetze. Von da her verhalte er sich zu sich und seinen
Leiden wie ein Erwachsener zu einem Kind, das er tröstet und über dessen Leiden er
lächelt. So blieben dem Humoristen die Bilder seines Leidens bewusst, während die
mit ihnen verbundenen Affekte zu Teilen abgezogen, damit erspart und im Lächeln
abgeführt würden.
      Die Betrachtung unter ökonomischem und topischem Aspekt ist bei Freud ver-
bunden mit der unter dynamischem Aspekt: mit dem Gesichtspunkt, unter dem er
psychische Phänomene als Ergebnisse von Konflikten zwischen einander wider-
strebenden Tendenzen begreift. Im Kräftespiel zwischen den Anforderungen der
äußeren Realität, denen das Individuum um des Überlebens willen entsprechen
müsse, die es deshalb auch in sich aufgenommen habe, einerseits und seinem Lust-
bedürfnis andererseits, komme es zu Spannungen: Auf Lust drängende Wünsche
würden im Zeichen des Realitätsprinzips gegenbesetzt. Werde diese Gegenbeset-
zung unnötig, könne sie im Lachen abgeführt werden. Solche Gegenbesetzungen
könnten vorbewusstem und bewusstem äußeren Zwang entsprechen, etwa dem
politischer oder konfessioneller Unterdrückung, aber auch innerem, z.B. dem, stets
vernünftig und selbstkritisch zu sein. Setze sich das von der kritischen Vernunft
Verworfene im Albern, im spielerischen, bewusst unsinnigen Reden durch, so
könne, und das geschehe im Fall des harmlosen Witzes, die entsprechende Gegen-
besetzung lachend abgeführt werden. Solches Spiel, z.B. das mit den Klischees von
der scheuen Frau, die dann doch diese kühne Anzeige aufgibt, von der Frau, die sich
als Maus vorstellt, von der Maus, die kuschelt und sich einen Mann sucht, solch
harmloses Spiel ruft allerdings nur schwaches Lachen hervor; es ist ja so harmlos,
dass es keiner intensiven Gegenbesetzung bedarf. So werde auch nur wenig
Hemmungsenergie erspart. Heftiger werde das Lachen, wenn die Gegenbesetzung zu
einer stärker unterdrückten Vorstellung aufgehoben werde, z.B. zu der grob sexuel-
len vom Mann mit Pferdeschwanz. Das werde, so Freud, erst durch die Lust an
jenem harmlosen Spiel möglich. Solche Vorlust, wie er sie nennt, helfe die weit
intensivere Lust am strenger Verbotenen freizusetzen; sie lenke die Aufmerksamkeit
der stärker unterdrückenden Kräfte ab und locke als harmlose Lust an dem, was ein
rechter Erwachsener sich eigentlich versagen sollte, die Lust an dem hervor, was
ihm verboten sei. Freud beobachtet hier also einen mehrfach dynamischen Prozess.
Das kleine Lachen über das leichter Unterdrückte locke das große Lachen über das
stärker Unterdrückte. Hierbei setzten sich im Fall des Witzes Kraft und Gegenkraft
durch und kämen in der witzigen Verdichtung erwartbarer und unerwarteter Bedeu-
tung zum Kompromiss; in dem Wort »Pferdeschwanz« z.B. zu dem zwischen der
alltäglichen und so auch zulässigen Bedeutung Frisur und der unerwarteten obszö-
nen.
      Ökonomik, Topik und Dynamik des Seelenlebens denkt Freud unter geneti-
schem Gesichtspunkt als zusammengehörig: Unterschiedliche Besetzungsstärken,
Unbewußtes, Vorbewusstes und Bewusstes sowie das Wechselspiel der Kräfte
hätten sich unter dem Zwang zu überleben im Widerspiel von Lust und Realitäts-
prinzip auf dem Weg vom Säugling zum Erwachsenen herausgebildet, einem Weg
des Verzichts auf alte Lustmöglichkeiten; doch die lockten auch weiterhin. Gelänge
es, die derzeit verlangte Stufe der Realitätsbewältigung aufzugeben und von der des
Erwachsenen zu einer früheren Stufe zurückzukehren, etwa zur infantilen Denk-
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arbeit des Unbewussten, die von Verschiebung und Verdichtung bestimmt sei (194),
oder zum kindlichen Spiel mit Worten oder Gedanken (175), so könnten Gegen-
besetzungen erspart werden. Mit Blick auf die ontogenetisch entstandene psychische
Dynamik sucht Freud Wurzeln des Lachens im Zurückgehen auf frühere Stufen der
Ontogenese und das bis hin zu der »für das Lächeln bezeichnende[n] Grimasse der
Mundwinkelverzerrung«, die zuerst beim befriedigten Säugling auftrete, »wenn er
eingeschläfert die Brust fahren läßt. Sie ist dort eine richtige Ausdrucksbewegung,
da sie dem Entschluß, keine Nahrung mehr aufzunehmen, entspricht«. Hier vermutet
Freud eine »spätere Beziehung zu den lustvollen Abfuhrvorgängen« (165). – Im Fall
des Witzes sieht er eine Rückwärtsbewegung, eine Regression auf den infantilen
Typus der Denkarbeit des Unbewussten (194) und auf das Spiel des Kindes. Im Fall
des Komischen entsteht für ihn das Lachen aus dem Vergleich, den der Erwachsene
zwischen sich und dem Kindlichen anstellt, das er in der komischen Figur sieht und
nachempfindet. Jene Grundschüler z.B. vergleichen den bereits erreichten Stand
ihrer Realitätsbeherrschung mit der von ihnen schon überwundenen Kindlichkeit,
die sie als tolpatschige Bemühungen der Krähe wiedererleben. Sie fühlen sich über-
legen, zugleich genießen sie aber auch jene Kindlichkeit. So vermutet Freud im
Komischen das wiedergewonnene »verlorene Kinderlachen« (256). Entsprechend
lache der Humorist beim Vergleich »seines gegenwärtigen Ichs mit seinem kindli-
chen« (267). Freud kann nun am Ende seines Witzbuchs schreiben, dass Witz,
Komik und Humor
       Methoden darstellen, um aus der seelischen Tätigkeit eine Lust wiederzu-
       gewinnen, welche eigentlich erst durch die Entwicklung dieser Tätigkeit ver-
       loren gegangen ist. (269)
Alle drei zielten auf »die Stimmung unserer Kindheit, in der wir das Komische nicht
kannten, des Witzes nicht fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im
Leben glücklich zu fühlen.« (269).
      Nutzt er den genetischen Gesichtspunkt, um das Lachen und dessen Funktion
zu begreifen, so nutzt er ihn andererseits, um einzelne Phänomene, z.B. den Witz, in
Entwicklungsreihen zu verorten und so in ihrer Besonderheit zu verstehen, ja sogar,
um didaktisch vom Einfachen zum Komplizierten zu führen, z.B. vom Spiel mit
Worten zum Scherz, der mit Gedanken spielt und unterm Diktat vernünftigen
Denkens entstandene Hemmungen erspart (155), von da zum harmlosen Witz, der
dem kritischen Urteil gerecht werden muss, bis hin zum tendenziösen Witz, der aus
den vorherigen Stufen jene Vorlust bezieht, die den noch stärker gehemmten, zu-
meist sexuellen oder aggressiven Vorstellungen zum Durchbruch verhilft – was die
gegen sie eingesetzte Hemmungsenergie erspart und noch stärkeres Lachen hervor-
ruft. So bildet Freud aus genetischer Perspektive Reihen jener Verfahren, die zum
Lachen führen und damit, zumindest in Ansätzen, auch Reihen von Arten des
Lachens.
      Die vier bisher skizzierten Gesichtspunkte, der ökonomische, der topische, der
dynamische und der genetische sind die bekannten Gesichtspunkte der Freudschen
Metapsychologie. Mit ihnen erschöpft sich die Vielfalt seiner Zugänge zum Lachen
freilich nicht. Der kommunikative und in weiterem Sinn soziale Aspekt führt ihn
weit über eine Einpersonenpsychologie hinaus, wenn er z.B. betont, dass Lachen an-
stecke, dass es Gemeinsamkeiten herstelle, dass, wer Andere zum Lachen bringe,
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deren Sympathie gewinne und es als Angriffs- und Machtmittel einsetzen könne,
wenn die Anderen mehr über seinen ins Lächerliche gezogenen Gegenspieler lachen
als auf die Rationalität von dessen Argumenten zu hören (149). Freud betrachtet den
Witz als einen sozialen Vorgang aus produktionsästhetischer und rezeptions-
ästhetischer Perspektive: Der Witzproduzent, der die Witzarbeit leiste, also zur
Überwindung seiner Hemmungen psychische Energie aufwende und nicht sicher sei,
dass er die Verbotsschranken nur so weit überschritten hat, dass er nicht aus der
Gemeinschaft herausfällt, bedürfe des zustimmenden Lachens des Rezipienten
einerseits, um erleichtert den beim Witzerzählen nochmals aufkommenden
Hemmungsaufwand als unnötig zu erfahren, ihn also zu ersparen und abzulachen,
andererseits um sich mit dem Lachen des Anderen das Gelingen seiner Witzarbeit
bestätigen zu lassen (174, 160). Das Lachen des Rezipienten ergänze ihm durch
Rückwirkung sein eigenes. Beide bestätigen sich lachend ihre Komplizenschaft
beim Angriff auf die untersagende Instanz. Und lachend erführen sie lustvolle Ge-
meinschaft, die womöglich zurückreiche bis zu jener Gemeinschaft mit der Mutter,
in welcher der gesättigte Säugling lächelt (165). Der Rezipient, der vom Produzen-
ten die Lust am Witz geschenkt bekomme, ohne dass er den psychischen Aufwand
der Witzarbeit leisten müsse, vollziehe seinerseits die Witzarbeit nach, also auch das
kurze Eintauchen ins Unbewusste. Hierbei erspare er einen wesentlich höheren
Hemmungsaufwand, der beim Zuhören durch geschicktes Erzählen noch gesteigert
werden könne.
      Anderer Art ist nach Freud der soziale Prozess, der im Fall der Komik zum
Lachen führt. Die erste Person lache über eine zweite, ohne eine dritte als Rezipien-
ten zu benötigen; im Fall des Humors könne die belachte Person sogar der Lachende
selbst sein. Die lachende Person fände an der komischen Person etwas zu Belachen-
des dadurch, dass sie sich in der Vorstellung an deren Stelle setze, deren übermäßi-
gen Mehraufwand, der sie an die Bemühungen eines Kindes erinnere, mit dem von
ihr selbst aktivierten Aufwand vergleiche und die Differenz ablache. Diese Differenz
könne auch allein innerhalb des Anderen erfahren werden, z.B. zwischen einem
hohen geistigen Anspruch und einem körperlichen Bedürfnis, dem die komische
Figur erliege. Der soziale Vorgang zwischen demjenigen, der Komik erfährt, und
der komischen Figur vollziehe sich also in der ersten, der wahrnehmenden Person,
die sich in die komische Figur hineinversetze. D.h., die erste, die lachende Person
konstruiere das Komische. Ein Beispiel ist jene Grundschulklasse, welche die Krähe
beobachtet. Für die Kinder waren dies immer neu ansetzende, dann aber doch miss-
lingende Meisterungsversuche. Wie beim Anschauen eines Zirkusclowns wurden sie
an frühere eigene Anstrengungen und deren Misslingen erinnert, mobilisierten Vor-
stellungsbesetzungen und führten sie dann lachend ab. Komik erzeugten sie mit ihrer
Konstruktion, die Krähe wolle die Nuss davon tragen. Als sie jedoch später erfuhren,
dass die Krähe die Nuss dadurch, dass sie sie fallen ließ, öffnen wollte, bewunderten
sie deren Technik – nichts mehr von Komik. Die hatte sich einer Konstruktion ver-
dankt. Diese Subjektzentriertheit des Komischen vollzieht sich nach Freud im Fall
des Humors sogar ganz in der ersten Person. Freuds Blick fällt im Fall der Komik
also von einer interpersonalen Szene auf eine intrapersonale.
      Aus produktions- und rezeptionsästhetischer Perspektive nähert er sich schließ-
lich den Techniken des Witzes und des Komischmachens, die er zuvor ganz frei von
    Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten	                                27


metapsychologischen Gesichtspunkten zu bestimmen versucht hatte. Im Fall des
Witzes hätten diese Techniken zweierlei Funktion: Sie sollten die Witzproduktion
ermöglichen und dem Witzhörer Lustgewinn bringen (173). Die für den Witzbildner
wesentlichen Techniken seien einerseits solche des Spiels mit Worten und Gedan-
ken, aus denen der Witz seine Lust beziehe (146), z.B. das Spiel mit den zwei
Bedeutungen vom »Pferdeschwanz«, eine Lust, die im Fall des tendenziösen Witzes
als Vorlust wirke. Andererseits seien für den Witzbildner Techniken wichtig, die
dieses Spiel vor dem kritischen Einspruch der Vernunft schützen, denken Sie an die
Doppelgesichtigkeit des Witzes, an die doppelte Bedeutung eines Gedankens oder
Wortes, die uns dazu bringt, dass wir uns zunächst die nicht anstößige Bedeutung
vorstellen, z.B. den »Pferdeschwanz«. Diese Techniken dienten auch dem Lachen
des Witzhörers; hinzu komme bei diesem alles, was auf erhöhten Lustgewinn zielt,
z.B. die Steigerung der Spannung, also die Erhöhung der Energiebesetzung, die dann
abgelacht werden kann, die Erzeugung einer heiteren Stimmung, welche Kritik und
Aufmerksamkeit auf das Witzverfahren schwächt, und alles, was der Überrumpe-
lung des Hörers dient, z.B. die Pointe, also das eine überraschende Wort am Ende
des Witzes, in unserem Fall das unerwartete »egal«, welches alles umkehrt. Vor
allem gelte es, dafür zu sorgen, dass die überschüssige Energie auch als Lachen ab-
geführt und nicht anderweitig verwendet werde (169). Hierzu müsse der Witz als
psychischer Vorgang isoliert werden, dürfe also nicht in einen größeren Zusammen-
hang eingebettet sein, etwa den eines Vortrags über den Witz, der die Aufmerksam-
keit auf ihn lenkt. Im Gegenteil, die Aufmerksamkeit müsse durch allerhand Techni-
ken abgelenkt werden, z.B. dadurch, dass sie in eine andere Richtung gewiesen wird,
etwa in die von »Kuschelmäuschen«. Unter dem Dach des Überraschungseffekts
könne die Abfuhr sich dann automatisch vollziehen. Vor allem müsse ferngehalten
werden, was den Hörer peinlich berührt. Das gehe aber nur, wenn der Hörer ähnli-
che Hemmungen habe wie der Witzbildner.
      Dies führt zu Freuds Betrachtung unter kulturalem Aspekt. Bei ähnlichen
Hemmungen würden ähnliche Verhaltensweisen oder Vorstellungen unterdrückt und
dann Gegenstand des Witzes. Das gilt z.B. auch für Witze von Männern und Frauen.
An dem Witz vom Pferdeschwanz etwa, den ich von einer Frau habe, erfreuen sich
wohl vor allem Frauen, die daran sind, sich in unserer noch patriarchalen Kultur zu
emanzipieren. Hinter der Fassade des Klischees von scheuer weiblicher Anschmieg-
samkeit, softer männlicher Langhaarigkeit und mächtiger männlicher Potenz kommt
es zum Angriff auf den potenzbewussten Mann, der mit solcher Pracht ja schwerlich
aufwarten kann und nun sein bestes Teil beschämt vor dem angeblich scheuen
Kuschelmäuschen bewahren sollte. Hörerinnen und vielleicht auch Hörer lachen
über den frechen Angriff auf taktvollen Anstand, auf Sexualtabu, männliche An-
maßung und weibliche Unterwerfung – falls ihnen dieser Angriff nicht doch zu weit
geht. In einem Milieu, wo ein Witz gar nicht oder aber als Angriff verstanden wird,
weil die kulturellen Voraussetzungen andere sind, dort bringt er niemand zum
Lachen. Ein Witz über den Christengott oder eine den Christen heilige Handlung
etwa könnte diese peinlich berühren oder aber wütend machen. »Jeder Witz verlangt
so sein eigenes Publikum« (169). Das können wir erweitern: Jede Kultur hat ihre
eigene Lachkultur, und die ihre eigene Geschichte.
28                                                             Carl Pietzcker


      So weit mein schematisierender Blick auf Freuds Buch über den Witz. Ich
wollte zeigen, aus wie vielen Perspektiven, aus der ökonomischen, der topischen,
der dynamischen, der genetischen, der kommunikativen, der gesellschaftlichen, der
produktionsästhetischen, der wirkungsästhetischen und der kulturalen er auf das
Lachen blickt. Zu Beginn unserer Tagung sollte dies eine Möglichkeit bieten, zu
überdenken, was wir von Freuds Ansätzen übernehmen, verändern und erweitern
sollten, oder inwiefern wir sie verwerfen müssen.