Rosa Brille beim Bund

Document Sample
Rosa Brille beim Bund Powered By Docstoc
					A v e n i r

S u iS Se

+

i nform Ation Sbulletin

+

nummer

2

/

Juli

2009

+

er Schei n t

4 - mA l

J ä h r l i c h

Kantonsbeteiligungen: Regierungsrat = Verwaltungsrat Bevölkerung: Nachwuchs kommt aus dem Ausland Staatsinterventionen: Lehren eines toten Ökonomen Gemeindefusionen: Und die Landschaft bewegt sich doch Steuern: Nützlicher als Fahnder

2 3 4/5 6 7

Bundeseinnahmen

Rosa Brille beim Bund
Die Einnahmen des Bundes brechen in diesem Jahr um mindestens 7,6 Milliarden ein. Das Finanzdepartement rechnet nur mit der Hälfte.
Wie viel mehr soll der Bund ausgeben, um die Folgen der Krise zu mildern? Im ersten Halbjahr drehte sich die Diskussion um die drei Massnahmenpakete zum Stützen der Konjunktur. Mit Mehrausgaben von insgesamt 2,4 Milliarden will die Landesregierung die Vorgaben der Schuldenbremse einhalten. Sie drückte sich allerdings um die Frage: Wie viel weniger wird der Bund aufgrund der Krise einnehmen? Beim Schätzen, wie stark die Einnahmen einbrechen, zeigt sich schnell, dass der Bund zu optimistisch – oder noch zu wenig pessimistisch – budgetiert hat. Denn verschiedene Einkommensströme des Staates schwinden bei Wirtschaftseinbrüchen überdurchschnittlich, wie die Einkommenssteuern der Privaten mit ihrer starken Progression oder die Gewinnsteuern der Unternehmen mit ihrem extrem hohen Hebel. Die Erträge der direkten Bundessteuer und der Mehrwertsteuer schwanken mit dem 1,4-fachen der Veränderung des Bruttoinlandprodukts. Das führt zu Mindereinnahmen von insgesamt 4,2 Milliarden. Die Stempelsteuern, die sich gleich wie der Swiss Performance Index entwickeln, dürften um 900 Millionen zurückgehen. Und die volatile Verrechnungssteuer schrumpft mit den Depotwerten und Bankeinlagen der Einheimischen um happige 2,5 Milliarden. Daraus folgt: Die Einnahmen des Bundes im Fiskaljahr 2009 brechen um mindestens 8,2 Milliarden Franken ein, ein Rückgang von gut 12 Prozent. Daraus folgt: Die Politik muss sich eher wegen der Einnahmen sorgen – der Spielraum ist enger, als man denkt.

Einnahmen: Vorsicht, Einbruch!
STEMPELSTEUER EINNAHMEN DES BUNDES IN MRD. CHF 60 –0,4 VERRECHNUNGSSTEUER –3,5 55 DIREKTE BUNDESSTEUERN, MWST., ZÖLLE, ÜBRIGE +0 –0 45
Quelle: EFD, eigene Berechnungen Quelle: eigene Darstellung

–0,9

–3,1

50

–4,2

40

2008

2009 BUDGET

2008

2009 ERWARTET

Das Budget des Bundes für 2009 rechnet bei den direkten Bundessteuern und der MWSt. mit denselben Zahlen wie 2008. Sie dürften aber schmerzlich einbrechen.

C O 2-A bg a b e

400 Mio rein, 400 Mio raus

Ölpreis: Auf und ab
120
2

Die Bürger haben sich daran gewöhnt, dass sich jedes Departement wie eine kleine Regierung aufführt. Aber noch nicht an Absurditäten wie im Juni: Einen Tag nachdem das EVD sein mühsam zusammengeklaubtes Konjunkturpaket von 400 Millionen vorgestellt hatte, kündigte das Uvek an, es wolle denselben Betrag den Haushalten und den Unternehmen mit der CO2-Lenkungsabgabe wieder entziehen. Noch absurder waren nur die Behauptungen des Departementes, Lenkungsabgaben seien keine Steuern. Auch die CO2-Abgabe geht als Zwangs-

abgabe zu Lasten des Konsums oder der Investitionen. Ausserdem fliesst sie nicht mehr voll an die Haushalte und die Unternehmen zurück, wie einst versprochen: Dank dem Einsatz der Subventionsjäger im Parlament können jetzt clevere Hauseigentümer ein Drittel des Topfes für Sanierungen abzapfen, die sie ohnehin planten. Lächerlich ist es aber vor allem, angesichts der Entwicklung der Erdölpreise bei der CO2-Abgabe von einer Lenkungswirkung zu sprechen. Mit der sturen Verdreifachung der CO2-Abgabe mitten in der Krise soll

HEIZÖLPREIS IN CHF/100L

Haushalte und Unternehmen sollen dafür büssen, PREIS MIT CO -ABGABE VON 2010 dass sie die Zielsetzung beim Kohlendioxid-Ausstoss 100 verfehlten: mit einer Lenkungsabgabe, die nichts lenkt.

80

MARKTPREIS

PREIS OHNE CO2-ABGABE 60 2007 2008 2009

Ob sich der Ölpreis verdoppelte oder in der Krise abstürzte: Die «Lenkungsabgabe» machte nichts aus.

das Volk vielmehr für seine Umweltsünden büssen. Obwohl niemand etwas dafür kann, dass die Bevölkerung und die Wirtschaft 2008 noch wuchsen – was der eigentliche Grund für das Verbrechen des «Verfehlens der CO2-Zielsetzung» ist.

Seite 1 — Juli 2009

To p u n t e r n e h m e n

Kantonsbeteiligungen

Grosses Schrumpfen
Unser Land behauptet seine Stellung bei den grössten Konzernen der Welt.
Zwölf Schweizer Weltkonzerne zählten 2008 zu den Global 500, die die «Financial Times» auflistet. 2009 sind es nur noch neun: Swiss Re, Richemont und Holcim gehören nicht mehr zu den 500 Unternehmen mit dem höchsten Börsenwert weltweit. Insgesamt schlägt sich die Schweizer Wirtschaft dank dem Gewicht von Nestlé (auf dem 15. Platz) und von Pharma aber gut: Der Marktwert der Firmen hat «nur» um 40 Prozent abgenommen – das ist vergleichsweise gut.

Regierungsrat = Verwaltungsrat
Bei einem Fünftel der rund tausend Unternehmen, an denen die Kantone beteiligt sind, sitzen Regierungsräte in der Aufsicht. Das führt zu Problemen.
Ob Kantonalbank oder Bootshafen, Gebäudeversicherung oder Grastrocknungsanlage: Die Portfolios der 26 Kantone weisen insgesamt rund tausend Beteiligungen aus. Diese sind im Kantonsmonitoring von Avenir Suisse aufgelistet. Bei 20 Prozent aller Beteiligungen und gar bei 40 Prozent der Energieunternehmen sitzt mindestens ein Regierungsmitglied im Aufsichtsorgan. Das führt für die Kantone zu Problemen. Bei Verkehrsunternehmen, Informatikfirmen oder Spitälern, wo die Kantone nicht nur Eigner, sondern auch Leistungseinkäufer sind, ergeben sich Interessenkonflikte: Hohe Tarife sind gut fürs Geschäft, nicht aber für den kantonalen Finanzhaushalt. Und dazu kommen Konsequenzen bei der Haftung: Die Verwaltungsräte können von Gläubigern und (Dritt-) Aktionären haftbar gemacht werden – weil die öffentliche Hand theoretisch über unbegrenzte Mittel verfügt, kann sich für Geschädigte eine Klage gegen den Kanton besonders lohnen. Die Regierungen sollten deshalb genau prüfen, ob es sich lohnt, einen Vertreter in einen Verwaltungsrat zu schicken.
Fi n a n z i n d u s t r i e

Verwaltungsratsmandate: Am liebsten mit Energie
OW SH GL BL UR SG NW FR AR BS SZ ZH AI AG NE GE GR TI JU ZG VS SO LU TG BE VD 0% 10% 20% 30% 40% ENERGIE GESUNDHEIT VERKEHR/TRANSPORT FINANZEN ÜBRIGE BILDUNG*
Quelle: eigene Darstellung Quelle: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung; eigene Berechnungen

Marktwert: halbiert
MARKTWERT 2008 MARKTWERT 2009

US: 6154 MRD. $ (–36%)

ANTEIL DER BETEILIGUNGEN MIT REGIERUNGSRAT IM VR * Fachhochschulen nicht berücksichtigt

In den Kantonen Obwalden, Schaffhausen, Glarus und Baselland sitzt bei rund der Hälfte der Beteiligungen ein Regierungsmitglied im Verwaltungsrat, nur bei wenigen dagegen in Bern und der Waadt. (Von den Kantonen mandatierte andere Personen sind in dieser Grafik nicht berücksichtigt.) Besonders beliebt ist der Einsitz in den mächtigen Energieunternehmen.

CN: 1368 (–31%)

DE: 618 (–49%)

ANTEIL AN GEWINNEN

UK: 1160 (–48%)

CA: 526 (–39%)

Fette Jahre für die Finanz
Banken und Versicherer machen mehr als ein Fünftel der gesamten Gewinne.
Mehr als ein Drittel der gesamten Gewinne der amerikanischen Wirtschaft beanspruchte in den letzten Jahren die Finanzindustrie: Seit dem Zweiten Weltkrieg betrug ihr Anteil bis 1985 nie mehr als 16 Prozent, aber in den Neunzigerjahren schwankte er zwischen 21 und 30 Prozent, und nach der Jahrtausendwende stieg er bis auf den Rekordwert von 41 Prozent. Wie sehen die Verhältnisse in der Schweiz aus?

Gewinne: stark gestiegen
15% VERSICHERUNGEN

10%

5%

KREDITE

Quelle: Financial Times Global 500; eigene Darstellung

JP: 1111 (–31%)

CH: 516 (–40%)

0%

19

90 991 992 993 994 995 996 997 998 999 0 0 0 0 01 0 02 0 03 0 04 0 05 0 06 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2 2 2

Der Anteil der Kreditinstitute und der Versicherungen an den gesamten Gewinnen der Schweizer Wirtschaft hat sich seit 1990 vervierfacht.

FR: 797 (–55%)

HK: 439 (–27%)

China hat Grossbritannien vom zweiten, Japan Frankreich vom vierten Platz verdrängt. Die Schweiz behauptet, gemessen am Marktwert der Topfirmen, den achten Platz.

Für unser Land liegen aussagekräftige Zahlen erst ab 1990 vor. Auch hier ist der Anteil der Finanzindustrie an den Gewinnen stark gewachsen, allerdings von einem deutlich niedrigeren Niveau aus. Er betrug zu Beginn der Neun-

zigerjahre nur gut 5 Prozent – die Banken, die die Immobilienkrise bewältigen mussten, schrieben Verluste. Den höchsten Anteil erreichte die Finanzindustrie 2007 mit 24,3 Prozent, immer noch unter den Werten der USA.

Juli 2009 — Seite 2

Bevölkerung

Nachwuchs kommt aus dem Ausland
Aufgrund des Geburtenrückgangs fehlt es an Schweizern im erwerbsfähigen Alter. Die Ausländer schliessen die Lücke.
Jede Statistik zeigt: Die Ausländer bekommen im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil mehr Sozialhilfe, beanspruchen mehr Invalidenrenten und beziehen häufiger Arbeitslosengelder – gegenwärtig beträgt die Arbeitslosenquote bei den Schweizern 2,5 Prozent, bei den Ausländern aber 6,6 Prozent. Diese Probleme lassen sich auch auf die verfehlte Migrationspolitik der Neunzigerjahre zurückführen. Bei allen diesen statistischen Aussagen geht aber vergessen: Die ausländische Bevölkerung unseres Landes setzt sich ganz anders zusammen als die schweizerische. Dies zeigt die Alterspyramide mit den Zahlen von 2007. Bei der Schweizer Bevölkerung stellen die 43-Jährigen den grössten Anteil, rund 1,7 Prozent des Totals von 6 Millionen. In ihrem Geburtsjahr, 1964, lässt sich deutlich der Pillenknick beobachten. In den folgenden Jahren gingen die Geburtenzahlen stark zurück; die 30und die 29-Jährigen mit den (Rezessions-)Jahrgängen 1977 und 1978 stellen so kaum noch je 1,2 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Zwischenzeitlich nahm die Gebärfreudigkeit wieder leicht zu, in den schwierigen Neunzigerjahren sank sie aber wieder stetig. Der schwächste Jahrgang, jener von

Altersverteilung: Die Ausländer an der Arbeit
99+ 95 90 85 80 75 SCHWEIZER 70 65 60 55 50 45 40 35 30 ALTER IN JAHREN 20 15 10 5 1,5% 1% 0,5% 0 0% 0% 0,5% 1% 1,5% 2%
Quelle: BFS, eigene Berechnungen Quelle: Grail Research 2009: Global Trade Barriers – Q1 2009 Report

AUSLÄNDER

25

2%

Zuwanderung: rückläufig
25 000 20 000 15 000 WANDERUNGSBILANZ DEUTSCHE 10 000 5 000 0 EU/EFTA TOTAL

Die prozentuale Verteilung nach dem Alter ergibt für die Schweizer und die Ausländer ein auffallend unterschiedliches Bild: Drei Viertel der Ausländer sind im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 18 und 65 Jahren, aber nur zwei Drittel der Schweizer.

Q4 07

Q4 08

Q1 08

Q1 09

Die Einwanderung geht aufgrund des Konjunktureinbruchs deutlich zurück.

2003, macht so kein Prozent des Bestandes mehr aus. Ein ganz anderes Bild bietet die Aufteilung nach Jahrgängen bei den Ausländern: Hier bildet sich ein Bauch im mittleren Alter – von den 28- bis zu den 43-jährigen machen die Jahrgänge jeweils mehr als 2 Prozent der gesamten ausländischen Bevölkerung von 1,6 Millionen aus. Und fast im ganzen er-

werbsfähigen Alter, also von 18 bis 65 Jahren, liegen diese Anteile bei den Ausländern höher als bei den Schweizern. Im erwerbsfähigen Alter sind insgesamt 74 Prozent der Ausländer gegenüber nur 67 Prozent der Schweiz. Das zeigt: Die Schweizer Wirtschaft braucht den Zustrom aus dem Ausland – die Einwanderer ersetzen die Ungeborenen.

Quelle: BFM

Protektionismus

Scharf beobachtet: Schranken gegen den Welthandel
Feierlich verkündeten die Staatschefs der G-20 beim Gipfeltreffen im April, sie wollten Importe nicht behindern – im Alltag tun sie es gleichwohl.
Nach dem Börsenabsturz und dem Wirtschaftseinbruch machten alle Staaten ihre Grenzen dicht. Sie schotteten sich mit Handelsschranken von Importen ab – und sie brachten damit den Welthandel völlig zum Erliegen. Diese schmerzliche Lektion lernten alle in der Depression der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts. Es war denn auch eine gute Nachricht, gerade für die exportabhängige Schweiz, dass sich beim Gipfeltreffen der G-20 im April alle Teilnehmer dafür aussprachen, keine neuen Handelsbarrieren hochzuziehen und

Handelshindernisse: uSA und China schotten sich ab
300 250 200 150 BEHINDERNDE

die Welthandelsrunde der WTO, 100 die seit einem Jahr blockiert ist, ERLEICHTERNDE 50 wieder anzuregen. So weit die Theorie und die Kom0 A A N EU EN REA ADA PAN IEN IEN IEN IKA IKO ICH munikation der Staatschefs. TatUS HIN LIE DI O KAN JA TIN RAL RAB AFR MEX KRE C I IN ÜDK T A AS N D AN S BR GE AUS UDI SÜ sächlich nimmt die Zahl der HanFR AR SA delsschranken stetig zu. Beim Seit Anfang 2008 behinderten die USA mit mehr als 300 Massnahmen die Importe, dagegen erleichterten nur rund 50 Massnahmen den Handel. Auszählen der Ankündigungen von Massnahmen, die bei Importen zu zusätzlichen Abgaben oder von Handelsschranken an. Immer- rechtfertigen, meint HSG-Professor anderen Restriktionen führen, zeigt hin zeigt sich die Regierung Oba- Simon J. Evenett. Er hat deshalb sich, dass insbesondere die USA ma weniger protektionistisch, dafür die Website www.globaltradealert. Importe behindern wollen: Seit heben China, Indien, Saudiarabien org angeregt: Sie stellt alle an den Anfang 2008 bis ins erste Quar- oder Südkorea jetzt die Schranken Pranger, die den Welthandel behintal 2009 kündigten sie 329 Erhö- an. Die Regierungen müssten sich dern und damit die Weltwirtschaft hungen und nur 44 Absenkungen für solche Massnahmen öffentlich gefährden.

Seite 3 — Juli 2009

ZAHL MASSNAHMEN SEIT Q1/08

Staatsinter vent ionen

lehren eines toten Ökonomen
Mit Schulden, wie es sie in Friedenszeiten noch nie gab, bekämpfen viele Staaten die Schuldenkrise, allen voran die USA. Das Rezept von Keynes könnte in die nächste Krise führen.
«Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einflüssen glauben, sind gewöhnlich Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen», stellte der wohl einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts fest: John Maynard Keynes. Er schrieb den Satz in seinem Hauptwerk, der «Allgemeinen Theorie» von 1936. Damit wies er der westlichen Welt den Weg aus der Depression und prägte den Boom der Nachkriegszeit. Die neoliberale Revolution drängte seinen Einfluss zurück, heute erlebt Keynes aber eine Auferstehung: Nicht nur Praktiker, sondern auch Theoretiker erweisen sich als Sklaven des 1946 verstorbenen Ökonomen. Vor allem die USA bekämpfen die Krise mit seinen Rezepten: Da die Privaten nicht konsumieren und investieren, verschuldet sich der Staat, um die Nachfrage zu beleben. Und zwar mit Summen, die in Friedenszeiten noch niemand sah. Fast zwei Billionen Dollar, knapp die Hälfte seiner Ausgaben, will der Bundesstaat in diesem Jahr aufnehmen. Die gesamte Verschuldung beträgt derzeit 11,4 Billionen Dollar, also 37 348 Dollar
EI NF ÜH RU NG

pro Kopf. Und bis Ende Jahr kommt noch mehr als eine Billion dazu – das bisherige Rekorddefizit verdreifacht sich. Schwer wiegt, dass die Amerikaner nicht mehr ihre eigenen Gläubiger sind. Der Anteil, den sie Ausländern schulden, hat sich in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt. Die wichtigsten Gläubiger sind heute die Chinesen. Aber sie scheinen – wie die stark steigenden Zinsen für Staatsschulden zeigen – dem Dollar nicht mehr zu trauen: Weil die Amerikaner so viel Geld drucken
BA LA NC ED

müssen, droht Inflation. Deshalb meinen Kritiker: Wer heute eine Rezession bekämpft wie damals die Depression, der «zapft wilden Irrsinn aus dem, was irgendein akademischer Schreiberling ein paar Jahre vorher verfasste». Auch das stammt von Keynes.
ER HÖ HU NG

MI

N.

AR

BE

IT

S

50

MR

D.

EU

RA

MW

ST .A

UF

7, 5%

CH

MW

ST

BU

.

DG

ET

IM

AC

AM T

TS

MO

AN

BI

TR

LI

IT

EN

-K

TS CH

DE
MI

RI

RÖ

SE BI SH ER IG OK X. AR BE IT

DE

R

US

N.

AR

BE

IT

SL

OS

EM A

TO

BE

EN

R:

RA

RÜ

TE

5, 6%

EU

SL

CK

RO

OS

TR

EN

IT

GE

RA

SE

TE

TP R

UK

TZ

LI

4%

OD

I;

MA

AN
X.

SC

HL

CH

EB UC

AR

ÄG

BE

IT

HU

NG

SW

DO ÄH RU NG
1999

SL

ED ES
OS EN

EN 11 .
TE

T

TC

OM

Quellen: OECD Economic Outlook Juni 2009, Federal Reserve, US Depart ment of Treasury; eigene Darstellungen

-K

RA

SE

RI

AB

SE
2000

PT EM 11 ,3 %

WE

RT

UN

GP FU

1998

ND

,A US

TR

IT

TE WS

uS-Schulden: immer mehr ausländisch
10 000

AM

TS

AN

TR

IT

TC LI

NT

ON

7500
;D EF IC IT

RE

DU

CT

STAATSSCHULDEN IN MRD. DOLLAR

IO

KO

NP LA

NV

N

5000

INLÄND

ER

GE

NZ

KR

AB

IT

WE

ER

RT

IT

IE

UN

NM AA

GL I

RA

ST

RI

,A U

CH

ST

T
1992

RI

TT

2500

STAATLICHE INSTITUTIONEN

EW

S
1994 1995 1996 1997

1991

1993

Defizit: Rückfall nach der Fitnesskur
Bis zu einem Fünftel ihrer Staatsausgaben bezahlen die USA und Grossbritannien in den kommenden Jahren auf Pump: Die OECD sagt ihnen deshalb für 2010 ein Haushaltsdefizit, gemessen am Staatsbudget, von 11,8 (UK) beziehungsweise sogar 14,5 (USA) Prozent voraus. Die Schweiz steht dagegen mit einem Defizit von 1,7 Prozent für 2009 und 2,2 Prozent für 2010 gut da – sofern die Einnahmen nicht einbrechen (siehe Seite 1). Die Grafik zeigt die günstige Entwicklung in den Neunzigerjahren, als sowohl die USA unter der Regierung Clinton wie auch die Länder der EU, die sich für den Euro fit machten, ihre Defizite abbauten. Seit 2000 schrieben aber die meisten Länder wieder ein Minus – und jetzt soll zusätzliche Verschuldung aus der Schuldenkrise führen.

NATIONALBANK 0 2000 2001 2002 2003

20

Knapp 11,4 Billionen Dollar betrugen die amerikani kommt nochmals eine Billion dazu. Seit Anfang des immer wichtiger, vor allem jene aus dem Fernen Oste

Juli 2009 — Seite 4

Staatsschulden: Auf dem Weg nach italien
IT

Zinsbelastung: Noch gibt es kein Problem
20

120

ZINSAUFWAND IN % DES BUDGETS

STAATSSCHULDEN IN % DES BIP

15 IT

90
US DE

10 UK 5 CH

US

60
CH UK

DE

SL

OS

EN

RA

TE

30
91 92 93 94 95 96 97 98 99 0 0 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 19 19 19 19 19 19 19 19 19 20 20 20 20 20 20 20 20 20 20 20

0

4%

19

91 992 993 994 995 996 997 998 999 0 0 0 0 01 0 02 0 03 0 04 0 05 0 06 0 07 0 08 0 09 010 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2

Um die Krise zu bekämpfen, nehmen die USA und Grossbritannien stark wachsende Staatsschulden hin. In den USA schnellen sie von 63 Prozent des BIP (2007) auf 82 Prozent (2010) an. Nur die Schweiz will den Stand halten.
ER S. MA X.

Die Staaten konnten sich die Schulden leisten, weil die Zinsen in den Neunzigerjahren sanken und im laufenden Jahrzehnt tief gehalten wurden. Was aber, wenn die Zinsen steigen, weil die Gläubiger auch Staaten nicht mehr trauen?

AB SU MT AM SLI TS AN TR AU H

HÖ

HU

AU

NG

DE

AR

ZE

SW

IS

SA

GO

IR

LD

TE

RE

GR

SE

4, 3%

AM

AR

OU

RV

TS

BE

ND

EN

AN

IT

IN

G SC HU LD EN

(2 1, 1M RD

TR

SL

IT

OS

TM ER

EN

RA

CH

KE

TE

L

5, 9%

F)

BR

«W

EM

AR

SE OR

ON

CH
IS M» MA IR AG AK KR IE BL AI

–2

TE

RR

R:

PO

SI

TI

X.

ON

AR

SP

BE

AP

IT

IE

EN

TG

ÜL

TI

GE

EI

NF

MB

ÜH

ER

RU

NG

G( MÄ DA RZ 20 BI 10 SM (S AI CH ) RÖ DE R)

SL

OS

RZ U

EN

RA

M« DR

TE

IT

11 ,1 %

TE

NW E

G»

EU

RO
2002 2003 2004 2005

2001

IT DE

TOTAL 11 382 MRD. US-DOLLAR

he Gläubiger

Geldgeber: Fast die Hälfte aus dem Fernen Osten
Ausländische Gläubiger 1. 2. China Japan Karibische BankingZentren Ölexportländer UK Russland Brasilien Luxemburg Hongkong Taiwan Schweiz übrige Total April Zuwachs 2009 seit 2000 763,5 685,9 204,7 189,5 152,8 137,0 126,0 97,5 80,9 78,3 64,2 682,3 3262,6 965 % 113 % 367 % 335 % 97 % n.a. n.a. n.a. 111 % 78 % 172 % n.a. 200 %
2006 2007 –10 –8

AUSLÄNDISCHE GLÄUBIGER 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. (FEDERAL RESERVE)

DISCHE GLÄUBIGER

AM

TS

AN

FI
TR

NA

IT

NZ KR IS E TO BA MA ;K O

UK
NJ
–12

UN

KT

2009

2010

UR

PR

OG

RA

004

2005

2006

2007

2008

2009

MM

E

ischen Staatsschulden Anfang Juni, bis Ende Jahr s Jahrzehnts wurden die ausländischen Gläubiger en. Dagegen hielt sich die Federal Reserve zurück.

Das Geld aus China für den amerikanischen Staat hat sich seit 2000 mehr als verzehnfacht. China hat Japan als wichtigster Gläubiger der USA abgelöst.
Quelle: BFS: ETS, SAKE, ESPOP

Seite 5 — Juli 2009

US

STAATSDEFIZIT IN % DES STAATSBUDGETS
–4 –6

NZ

IT

TB US

SS

BE

CH

IT

RM WS

ÜT

SL

T.

TU

OS

AU

NG

EN

RA

MI

N.

F1 9%

0

Gemeindefusionen

und die landschaft bewegt sich doch
Gemeindegrenzen sind nicht mehr sakrosankt. Allein seit 2008 kam es zu 34 Zusammenschlüssen.
Bei seiner Gründung 1848 zähl- lionen Menschen auf nur mehr 443 te der Bundesstaat 3200 politische Gemeinden, was einen Durchschnitt Gemeinden – heute sind es immer von 36 000 Einwohnern ergibt. Und noch 2600, also nur ein Fünftel we- Dänemark verringerte die Gemeinniger. In keinem anderen Land zeigt dezahl vor zwei Jahren von 270 auf sich die politische Karte mit einem noch 98, der Durchschnitt beträgt so kleinteiligen Muster. In den Nie- hier 56 000. In der Schweiz beläuft derlanden verteilen sich die 16 Mil- sich dieser Wert dagegen auf 2700, die Hälfte der Gemeinden zählen Siedlungs- und Wirtschaftsräuweniger als 1000 Einwohner. me, die jetzt noch administrative Seit 2000 kommt aber auch Be- Grenzen aus dem 19. Jahrhundert wegung in die Schweizer Landschaft. durchziehen. Die Übersicht über die In den Gebirgskantonen erkennen Gemeindefusionen seit 2008 zeigt: Talschaften, dass sie sich zum Über- Bisher schliessen sich winzige Geleben zusammenschliessen müssen. meinden zu kleinen zusammen – der Und im Mittelland vereinen sich Prozess muss weitergehen.

Heimenhausen

BE

Heimenhausen, Röthenbach bei Herzogenbuchsee, Wanzwil 967 Einw. / 585 ha

TschiertschenPraden

GR

Montfaucon

Ju

la Tène

NE

Bioggio
Bioggio, Iseo 2390 Einw. / 643 ha

Ti

Anniviers

VS

Praden, Tschiertschen 318 Einw. / 2774 ha

Montfavergier, Montfaucon 565 Einw. / 1824 ha

La Tène, Marin-Epagnier, Thielle-Wavre 4769 Einw. / 544 ha

Anniviers, Ayer, Chandolin, Grimentz, Saint-Jean, Saint-Luc, Vissoie 2433 Einw. / 24 925 ha

Riggisberg
Riggisberg, Rüti bei Riggisberg 2344 Einw. / 2985 ha

BE

Val-de-Travers Val Müstair
GR
Fuldera, Lü, Müstair, Sta. Maria Val Müstair, Tschierv, Valchava 1666 Einw. / 19 866 ha

NE

Capriasca

Ti

Muriaux
Le Peuchapatte, Muriaux 482 Einw. / 1689 ha

Ju

Boveresse, Buttes, Couvet, Fleurier, Les Bayards, Môtiers, Noiraigue, SaintSulpice, Travers 10 772 Einw. / 12 491 ha

Bidogno, Corticiasca, Capriasca, Lugaggia 6030 Einw. / 3636 ha

Andeer

GR

Andeer, Clugin, Pignia 881 Einw. /4629 ha

Saignelégier Basse-Allaine
Buix, Courtemaîche, Montignez 1335 Einw. / 305 ha

Ju

Ju

Goumois, Les Pommerats, Saignelégier 2562 Einw. / 3164 ha

Neckertal

SG

CugnascoGerra
Cugnasco, Gerra (Verzasca) 2673 Einw. / 3571 ha

Ti

Brunnadern, Mogelsberg, Neckertal, St. Peterzell 4221 Einw. / 4903 ha

Mörel-Filet
Filet, Mörel 692 Einw. / 845 ha

VS

Davos

GR

Davos, Wiesen 11 050 Einw. / 28 398 ha

Clos du Doubs

Ju

Beromünster

lu

Epauvillers, Epiquerez, Montenol, Montmelon, Ocourt, Saint-Ursanne, Seleute 1309 Einw. / 6177 ha

Beromünster, Gunzwil 4412 Einw. / 2936 ha

Schaffhausen

SH

lugano

VD

Obergoms

VS

Hemmental, Schaffhausen 34 256 Einw. / 4186 ha

Barbengo, Carabbia, Lugano,Villa Luganese 53 534 Einw. / 3210 ha

Obergesteln, Obergoms, Oberwald, Ulrichen 705 Einw. / 15 583 ha

Mundaun
Flond, Mundaun, Surcuolm 316 Einw. / 859 ha

GR

Haute-Ajoie
Chevenez, Damvant, Réclère, Roche-d’Or 993 Einw. / 3647 ha

Ju

Hitzkirch

lu

Gelfingen, Hämikon, Hitzkirch, Mosen, Müswangen, Retschwil, Sulz 4589 Einw. / 2470 ha

Thayngen

SH

Altdorf, Bibern, Hofen, Opfertshofen, Thayngen 4952 Einw. / 1993 ha

Assens
Assens, Malapalud 946 Einw. / 535 ha

VD

Tomils

GR

Triengen, Winikon 4295 Einw. / 2207 ha

Avegno, Gordevio 1379 Einw. / 2734

Bratsch, Gampel 1849 Einw. / 2309 ha

Hohtenn, Steg 1522 Einw. / 1415 ha

Juli 2009 — Seite 6

Quelle: GG25@swisstopo

Feldis/Veulden, Scheid, Tumegl/Tomils, Trans 709 Einw. / 3055 ha

la Baroche
Asuel, Charmoille, Fregiécourt, Miécourt, Pleujoise 1194 Einw. / 3106 ha

Ju

Triengen

lu

Avegno Gordevio

Ti

GampelBratsch

VS

StegHohtenn

VS

Steuern

Nützlicher als Fahnder
Beim Streit über die Zinsbesteuerung wird übersehen, dass Deutschland bei der Besteuerung von Kapitalerträgen attraktiver geworden ist.
Viele europäische Staaten vereinfachten in den letzten Jahren die Besteuerung von Kapitaleinkünften, inzwischen haben sie oft niedrigere Steuersätze als die Schweiz mit ihrer Verrechnungssteuer von 35 Prozent. So führte die vermeintliche Steuerhölle Deutschland Anfang 2009 eine «Abgeltungssteuer» auf Kapitalerträge ein. Fortan werden Zinsen, Dividenden und Kursgewinne mit einem einheitlichen Satz von nur 25 Prozent besteuert. Diese FlatTax wird direkt von den Finanzinstituten abgeführt und ist damit «abgegolten». Da die meisten Kapitalerträge bisher der Einkommenssteuer-Progression unterlagen (mit Sätzen von bis zu 48 Prozent), stellt dies für vermögende Haushalte eine massive Steuersenkung dar. Mit der Abgeltungssteuer hat Deutschland eine Steuerart eingeführt, die es in vielen anderen europäischen Ländern seit längerem gibt – wie die Übersicht zeigt, in unterschiedlichen Ausprägungen. Derartige Steuerreformen haben auch Konsequenzen für die aktuellen Auseinandersetzungen mit der EU: Sie verringern die Steuerlast auf international mobilen Kapitalanlagen und damit deutlich die Anreize zur Steuerflucht. Dieser Effekt wird durch Änderungen bei der Zinsbesteuerung noch verstärkt. Gemäss EU-Zinsrichtlinie, die auch für die Schweiz gilt, wird ab Juli 2011 der Steuersatz für Kapitalerträge auf 35 Prozent erhöht. Sollte es ausserdem zur geplanten Ausdehnung der EU-Richtlinie auf zusätzliche Vermögensklassen und juristische Personen kommen, würden Schwarzgelder aus der EU in der Schweiz teils höher besteuert als offiziell deklarierte Anlagen in den Herkunftsländern selber. Dies bietet einen effektiveren Anreiz gegen die Steuerhinterziehung als repressive Massnahmen wie verstärkte Steuerfahndung.

55 dB
Lärm. Der Strassenverkehr verursache «einen flächenhaften Lärmteppich», der sich über grosse Teile der Schweiz ausbreitet: Dies beklagt der Lärmbericht des Bundesamtes für Umwelt. Zwar gibt es in den Kantonen Lärmkataster, die Verantwortlichen kennen die Probleme und setzen die nötigen Massnahmen um. Aber das Bundesamt liess nach jahrelangen Messungen 15 Computer 24 Tage lang die Lärmbelastung im ganzen Land errechnen. Mit erstaunlichem Ergebnis: 1,2 Millionen Schweizer erfahren jetzt, dass sie unter Strassenlärm leiden, gar auf 4,4 Millionen steigt die Zahl mit dem Grenzwert der WHO, 55 Dezibel – was so laut ist wie ein leises Gespräch. Weshalb übrigens die «flächendeckende Lärmberechnung der Schweiz», wenn wir doch alle Probleme kennen? «Die mögliche Harmonisierung mit der EU-Umgebungslärmrichtlinie führt dazu, dass flächendeckende Kartierungen geliefert werden müssen.»

1%
Biodiversität. Auf 7 Prozent ihrer Flächen bauen die Landwirte Königskerze und Natternkopf an: Diesen Anteil müssen sie zwecks ökologischen Ausgleichs ausscheiden, da sie die Direktzahlungen auch dafür bekommen, dass sie die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, indem sie die Lebensräume für eine möglichst grosse Artenvielfalt sichern. Gemäss dem Bericht über die Weiterentwicklung des Direktzahlungssystems, den der Bundesrat im Mai veröffentlichte, haben die Bauern aber gerade dieses Ziel weit verfehlt. Bis 2007 waren im Talgebiet zwar 58 000 Hektaren ökologische Ausgleichsflächen ausgeschieden, was 9 Prozent entspricht. Tatsächlich ökologisch wertvoll war aber weniger als ein Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Der Artenreichtum, zeigt das Biodiversitäts-Monitoring, ist denn auch im Siedlungsgebiet inzwischen höher als auf dem Bauernland.

Kapitalerträge: Sinkende Sätze in Europa

F I 28 28 17

DK 28 28 IR 20 20 20 GB 30 30 30 SE 10 32 18 DE 25 25 25 BE 15 25 LU 15 15 CZ 10 10 FR 20 18 16 PT 27 15 (1 CZ 15 15 AT 25 25 FL 28 28 17 PT 20 15 (1 PL 20 19 19 PT 19 15 (1

68 : 52
Frauenkarrieren. Fühlen Sie sich als Führungskraft erfolgreich? 79 Prozent der Mexikaner sagen Ja, aber nur 44 Prozent der Norweger. Dies ergab eine Studie des globalen Beratungsunternehmens Accenture: «Untapped Potential. Stretching Toward the Future». Die Autoren befragten Ende 2008 die Führungskräfte von 3600 Unternehmen in 18 Ländern, wie sie sich bei ihrer Aufgabe fühlen: Nur wer sich bei seiner Tätigkeit als erfolgreich erfährt, wagt sich aus seiner Komfortzone heraus und packt die Herausforderungen der Wirtschaftskrise an. Die Schweizer liegen im Mittelfeld – und fallen gleichwohl auf. Denn in keinem anderen Land ist die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern so gross: 68 Prozent der männlichen, aber nur 52 Prozent der weiblichen Führungskräfte fühlen sich erfolgreich. Hier liegt das unausgeschöpfte Potenzial: 78 Prozent der Schweizerinnen (gegenüber 70 Prozent der Schweizer) trauen sich anspruchsvollere Aufgaben zu.

IT 27 12,5 12,5
ZINSEN DIVIDENDEN KURSGEWINNE

Quelle: OECD

Wie die Grafik zeigt, hat jedes Land eigene Sätze beim Besteuern von Kapitalerträgen und zumeist auch eigene Regeln. Viele Länder kennen aber eine Optionsmöglichkeit, wenn der tatsächliche Betrag bei der Einkommenssteuer niedriger ist als jener aufgrund der Abgeltungssteuer. Die Grundzüge: BE: Abgeltungssteuer ohne Kursgewinne und mit Optionsmöglichkeit; CZ: Definitive Abgeltungssteuer ohne Kursgewinne; DK: Abgeltungssteuer mit Optionsmöglichkeit; DE: Abgeltungssteuer; Optionsmöglichkeit zur Einkommensteuerveranlagung; FI: Definitive Abgeltungssteuer für Zinsen; FR: Abgeltungssteuer auf Dividenden mit Optionsmöglichkeit; GB: Abgeltungssteuer auf Kapitalgewinnen; IR: Definitive Abgeltungssteuer, Ausnahmen für Private Equity; IT: Definitive Abgeltungssteuer; LU: Definitive Abgeltungssteuer; AT: Abgeltungssteuer mit Optionsmöglichkeit zur Einkommensteuerveranlagung; PL: Definitive Abgeltungssteuer; SE: Definitive Abgeltungssteuer.

Seite 7 — Juli 2009

Stresstest

Meister in der Krise
Die gesellschaftlich stabilen Kleinstaaten lösen gemäss IMD ihre Probleme am besten: Auf dem ersten Platz steht Dänemark, auf dem sechsten die Schweiz.
Die USA bleiben top: Trotz schwerer Probleme beurteilt sie die IMD in Lausanne immer noch als wettbewerbsfähigstes Land der Welt – auf dem World Competitiveness Scoreboard, das die Business-School alljährlich aufgrund von 329 Kriterien errechnet, belegen die USA weiterhin den ersten Platz. Wegen der weltweiten Wirtschaftskrise veröffentlichte die IMD dieses Jahr aber eine gesonderte Auswertung: In einem Stresstest untersuchte sie auch, ob die Länder gerüstet sind, ihre Probleme zu überwinden. Und dieses Ranking ergibt ein ganz anderes Bild. Auf der Rangliste des Stresstests stürzen die USA, die insgesamt den Spitzenwert von 100 Punkten bekommen, mit nur 50 Punkten auf den 28. Platz ab, zwischen Kasachstan und Südkorea. Denn die Amerikaner brauchen viel Zeit, um aus der Krise zu kommen, wie die Experten meinen. Noch beunruhigender finden diese aber die Lage von grossen europäischen Ländern, wie Grossbritannien (34. Platz / 40  Punkte), Frankreich (44. / 29) oder  Spanien (50. / 7), die aufgrund ihrer strukturellen Probleme kaum einen Aufschwung erleben. Dagegen hält sich Deutschland mit 53 Punkten auf dem 24. Platz – vor den USA – vergleichsweise gut. Dänemark belegt den ersten Platz auf dieser Rangliste, die sich auf die zwanzig wichtigsten Kriterien für die Zukunft stützt (Wirtschaftsaussichten, politisches System, unternehmerische Kultur, gesellschaftliche Stabilität). Auf dem sechsten Platz folgt die Schweiz: Zusammen mit dem vierten Platz auf der Rangliste der Wettbewerbsfähigkeit ergibt sich also für die Zukunft unseres Landes ein erfreuliches Bild.

Wortschatz
Chi|me|ri|ka. Die Wortschöpfung sollte, gerade im englischen Original, bewusst wie «Chimäre» klingen: An der Tagung von Avenir Suisse zur «Neuen Welt» erinnerte Moritz Schularick daran. Der junge Ökonomieprofessor an der FU Berlin hat zusammen mit dem führenden Historiker Niall Ferguson den Begriff geprägt. Und dieser machte weltweit eine steile Karriere, denn er hilft jetzt auch beim Erklären, weshalb es zur globalen Finanzkrise kam. Das vergangene Jahrzehnt prägte die «Symbiose zwischen dem reichsten und dem bevölkerungsreichsten Land», wie Schularick feststellt: «Die einzige verbleibende Supermacht und ihr einziger Rivale gingen ein so enges Verhältnis ein, wie wir es in manchen Ehen nicht sehen» – China exportierte und sparte, Amerika importierte und kaufte. Diese Hochzeit führte für den Globus zu einem Boom, aber auch zu einem Schock: «Der Aufstieg Chinas überforderte das Finanzsystem der Welt.» Aufgrund der Verzehnfachung seiner Exporte seit 1995 häufte China Devisenreserven von 2,5 Billionen Dollar an, was der Hälfte seines Bruttoinlandprodukts entspricht. Eigentlich müsste der Renminbi auf- und der Dollar abgewertet werden, aber das können sich beide Staaten politisch nicht leisten. Schularick sieht als Heilmittel deshalb nur «Kopfwehpillen», wie die zögerliche Konsumförderung in China. Ob Kopfwehpillen gegen Chimären helfen?

Rankings: Schweiz vorne
100 DK WIDERSTANDSFÄHIGKEIT 80 60 40 20 0 IT ES FR GB CN DE JP CH HK SG

US

Quellen: IMD, eigene Darstellung

50

60

70

80

90

100

WETTBEWERBSFÄHIGKEIT

Die Schweiz zählt zu den wettbewerbs- und widerstandsfähigsten Ländern.

Automarkt

Die luft ist raus
Das Auf und Ab der Autoverkäufe in der Schweiz liess sich bisher ökonomisch gut erklären. Wegen der Krise stimmen die Prognosen nicht mehr.
Auch in der Schweiz scheuen viele in der Krise vor dem Autokauf zurück. Der Einbruch kam hier verzögert, aber mindestens so heftig wie in Europa, wo die Verkäufe im laufenden Jahr um 14 Prozent unter jenen der Vorjahresperiode liegen. Gemäss der Importeurvereinigung Auto-Schweiz setzten die Händler im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat 15,3 Prozent weniger Autos ab. Dafür dürfte es verschiedene Gründe geben: Autos sind ein dauerhaftes Konsumgut; der Kauf lässt sich leicht aufschieben, und ausserdem versprechen die deflationären Tendenzen für die Zukunft tiefere Preise. Dazu kommen die Folgen des Preisschocks beim Benzin im letzten Jahr und die Unsicherheit, welche Marken sich in Zukunft behaupten. Schliesslich erweist sich die Kreditfinanzierung der Autos in der Finanzkrise als Bumerang. Eine empirische Analyse für die Schweiz seit 1980 zeigt, dass vier Faktoren die Autoverkäufe erklären: Einkommen, Zinsen, Arbeitslosigkeit und Benzinpreis. Seit den Neunzigerjahren nimmt die Bedeutung der Kosten fürs Tanken ab, jene der Arbeitslosigkeit und vor allem der Zinsen aber deutlich zu. Daraus lässt sich schliessen, dass das Finanzieren von Autos auf Pump auch in der Schweiz salonfähig geworden ist. Dazu zählt auch, auf die Amortisation der Hypothek zu verzichten und stattdessen ein neues Auto anzuschaffen – deshalb erweist sich die Höhe des Hypothekarzinses als relevant. Dieses Modell kann allerdings den Einbruch im laufenden Jahr nicht erklären: Wenn die vier Faktoren immer noch gleich gälten, müssten 280 000 Autos verkauft werden; die Autobranche rechnet aber mit einem Absturz auf nur noch 253 000. Wir beobachten also wegen des Vertrauensverlustes in der Bevölkerung eine Verhaltensänderung – wie sich die Autoverkäufe entwickeln werden, weiss niemand.

Impressum  Herausgeber: Thomas Held, Avenir Suisse, Zürich • Redaktion/Gestaltung: Markus Schär, Yves Winistoerfer • Mitarbeiter dieser Ausgabe:  Till Ebner, Urs Meister, Daniel Müller-Jentsch, Lukas Rühli, Patrik Schellenbauer, Nadine Unterharrer, Boris Zürcher. • Korrektorat: Marianne Sievert Redaktion:  Giessereistrasse  5,  8005  Zürich,  Tel.:  044  445  90  00,  Fax:  044  445  90  01  •  E-Mail:  redaktion@avenir-suisse.ch  •  Druckauflage:  8500  Exemplare  •  Druck:  Druckerei  Robert  Hürlimann  AG,  Zürich. Nachdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe («avenir aktuell») gestattet; abrufbar als PDF auf www.avenir-suisse.ch.

Juli 2009 — Seite 8


				
DOCUMENT INFO
Shared By:
Categories:
Stats:
views:52
posted:12/14/2009
language:German
pages:8