Der Musterknabe macht Schwierigk by pengtt

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									DIE ZEIT, 07.03.1986 Nr. 11 - 07. März 1986 http://www.zeit.de/1986/11/Der-Musterknabe-macht-Schwierigkeiten INTERNATIONALE SCHULDENKRISE

Der Musterknabe macht Schwierigkeiten
Nur mit neuen Krediten aus dem Ausland kann Mexiko seine Zinsen zahlen / Von Rudolf Herit RUDOLF HERIT

Die Zeit drängt, wenn die düsteren Visionen des mexikanischen Finanzministers Jesus Silva Herzog nicht Wirklichkeit werden sollen. Der Vertreter des zweitgrößten Schuldnerlandes der Welt, als vernünftig und kooperationsbereit international geschätzt, sagte vor wenigen Wochen auf einer Konferenz über den Stand der Schuldenkrise: „Wir sehen uns wieder einer Notlage gegenüber. Und wenn wir nicht schnell und weise handeln, könnte der Sommer 1982 im Rückblick vergleichsweise als ruhige und friedliche Zeit erscheinen." Im August 1982 alarmierte die Schuldenkrise zum ersten Mal die internationale Finanzwelt. Am 20. August hatte Mexiko verkündet, daß es seine Schulden nicht wie vereinbart tilgen könne. Die Finanzwelt reagierte betroffen, besonders als sich herausstellte, daß Mexiko nicht das einzige Land mit Schuldenproblemen war. Im Grunde hatten ganz Lateinamerika sowie einige asiatische und afrikanische Länder ähnliche Schwierigkeiten. Damals ging die Angst um, das Weltfinanzsystem könnte zusammenbrechen. Daß der besonnene Silva Anfang 1986 eine Entwicklung für möglich hält, die mehr Zündstoff birgt als die des Jahres 1982, muß bedenklich stimmen. Ohne Zweifel ist Mexiko als ölexportierendes Land vom Preisverfall beim Rohöl besonders hart getroffen. Alle Hoffnungen auf weitere Fortschritte im Land wurden damit über Nacht hinfällig. Aber der Ölpreis allein rechtfertigt noch nicht die Sorgen der Mexikaner. Silva hat vor allem beklagt, daß im Zuge der Sanierungsprogramme, die der Internationale Währungsfonds (IWF) hochverschuldeten Entwicklungsländern verordnet hat, das Wachstum auf der Strecke geblieben ist. Mexiko hat 1982 den strengen Sparkurs akzeptiert, der ihm vom IWF verschrieben worden war. Die Inflation wurde von 120 Prozent im Jahr 1982 auf 63 Prozent im Jahr 1985 gedrückt. Das Haushaltsdefizit sank von achtzehn auf neun Prozent des Sozialprodukts. Die Leistungsbilanz schloß 1981 mit einem Defizit von dreizehn Milliarden Dollar; in den Jahren 1983 und 1984 gab es schon Überschüsse, und 1985 war die außenwirtschaftliche Bilanz ungefähr im Gleichgewicht. Mexiko gilt als Musterland bei der Bewältigung der Schuldenkrise. Aber es gab auch eine Kehrseite der Medaille: In Mexiko stieg in den vier Jahren von 1982 bis 1985 das Sozialprodukt, der Wert aller angebotenen Waren und

Dienste, so gut wie gar nicht mehr. Das Pro-Kopf-Einkommen sank in der gleichen Zeit sogar um acht Prozent. Der Finanzminister räumte ein, daß die Regierung vom ursprünglichen Sanierungsplan des Währungsfonds abgewichen ist. Das Defizit im Haushalt und die Inflationsraten hätten 1985 eigentlich niedriger sein müssen. Aber die Abweichungen seien durch interne und externe Ursachen ausgelöst worden. Tatsächlich kann man der Regierung den starken Rückgang der Exporteinnahmen bei sinkenden Ölpreisen nicht anlasten, ganz zu schweigen von dem verheerenden Erdbeben, das allein einen Schaden von vier Milliarden Dollar angerichtet haben soll. Dem mexikanischen Kongreß ist trotzdem für das Jahr 1986 wieder ein Sparhaushalt vorgelegt worden, worin der Finanzminister einen Beweis für die Entschlossenheit der Regierung sieht, den Anpassungsprozeß voranzutreiben und Haushaltsdefizit und Inflationsraten weiter zu senken. Öffentliche Unternehmen, die keine strategische Bedeutung haben, sollen privatisiert, DirektinvestiSchulden der Entwicklungsländer Brutto-Gesamtverschuldung in Mi«. US-Dollar 1982 1985 Schuldner 1982 belten - schließlich galt es im vergangenen Jahr Wahlen zu gewinnen. Nach diesen Konjunkturmaßnahmen seien die Importe wieder gewachsen, während die Exporte schrumpften. Die Inflationsrate blieb hartnäckig über sechzig Prozent und das Haushaltsdefizit kletterte wieder, statt wie geplant zu sinken. Da der Teufelskreis von öffentlicher Verschuldung und laxer Geldpolitik nicht durchbrochen werden konnte, waren auch die Opfer der 1982 eingeleiteten Sparpolitik vergebens. Die mexikanische Regierung, die sich schon auf die Wahlen von 1988 vorbereitet, steht in großer Versuchung, die Gläubiger unter Druck zu setzen. Keine Regierung geht gern mit einem Programm in den Wahlkampf, das den Wählern immer neue Opfer abfordert. Deshalb sind auch die Zahlen nicht ganz ernstzunehmen, die Mexiko nach dem Rückgang der Exporterlöse als neuen Kreditbedarf genannt hat. Bei seinen jüngsten Gesprächen im amerikanischen Finanzministerium soll Silva deshalb auch den Kalkulationen der Amerikaner zugestimmt haben, die Mexikos Kreditforderungen von neun auf sechs bis 6,5 Milliarden Dollar Auslandsgeld zurückgeschraubt haben. Das ist ein Kreditbedarf, der zu befriedigen wäre. Was Silva mehr getroffen haben dürfte als die Einschränkungen der Amerikaner bei den Krediten, war die nüchterne Klarstellung des amerikanischen Finanzministers James Baker, daß Mexiko bei seinem Bemühen, von den Banken Zinsnachlässe zu erhalten, nicht mit Washingtons Unterstützung rechnen könnte.

Da wird das beklagenswerte Handikap der amerikanischen Banken wieder einmal deutlich. Es verleiht den Umschuldungen groteske Züge: Daß die amerikanischen Banken auf die Zinszahlung solchen Wert legen, hängt mit der berühmtberüchtigten Neunzig-Tage-Klausel in den Vereinigten Staaten zusammen. Wenn Zinsen neunzig Tage nach Fälligkeit nicht eingegangen sind, müssen Wirtschaftsprüfer den notleidenden Kredit untersuchen. Je nach Bewertung muß er dann teilweise oder schlimmstenfalls ganz abgeschrieben werden. Diese Situation ist sowohl für die Ertragslage als auch für das Ansehen der Banken auf den Kreditmärkten gefährlich, und sie weichen ihr dadurch aus, daß sie ihrem Schuldner neues Geld leihen. Damit kann er an sie die Zinsen für die alten Kredite zahlen. Deutsche und andere Banken haben eine gleiche oder ähnliche Vorschrift nicht zu beachten. Sie stehen deshalb einer Herabsetzung der Zinsen auf ein für Mexiko bezahlbares Niveau nicht so ablehnend gegenüber wie die amerikanischen Gläubiger. Würden nämlich die Zinsen von ihrem derzeitigen Stand - etwa acht Prozent - auf das Niveau von vor rund zehn Jahren - etwa fünfeinhalb Prozent - gesenkt, ergäbe sich allein für die Bankschulden der fünfzehn im BakerPlan genannten Länder im Laufe von drei Jahren eine Devisenersparnis von schätzungsweise zwanzig Milliarden Dollar. Das ist genausoviel, wie die privaten Banken im Rahmen des Plans für diese fünfzehn Länder bereitstellen sollen. Mexiko allein würde rund 1,8 Milliarden Dollar im Jahr sparen. Silva würde - hätte er die Wahl - einen solchen Zinsnachlaß dem Baker-Plan vorziehen, wenn er um den freien Zugang für mexikanische Exportgüter zu den Märkten der Industrieländer ergänzt würde. Das sagt er zwar nicht so deutlich, aber er umschreibt seine Einstellung so: „Nur wenn reales dauerhaftes Wachstum erreicht wird, können die Schuldenprobleme für Schuldnerländer politisch akzeptabel gemacht werden. Und nur wenn wir uns den fundamentalen Fragen des Zinsniveaus und Freihandels zuwenden, könnten wir das Schuldenproblem wirklich lösen." Alle diese Elemente vermißt Silva aber bei der Baker-Initiative, die, seit sie der amerikanische Finanzminister im Oktober 1985 auf der Jahrestagung von Währungsfonds und Weltbank in Seoul verkündete, der Diskussion der Schuldenkrise eine optimistische Wende gegeben hat. Aber je länger die Initiative analysiert wird, um so mehr haben Kritiker an ihr auszusetzen. Baker möchte durch die Zusammenarbeit von Schuldnerländern, Währungsfonds, Weltbank und privaten Banken die Lage der fünfzehn hochverschuldeten Entwicklungsländer der mittleren Einkommensklasse erleichtern. Zu dieser Gruppe gehören alle lateinamerikanischen Länder, dazu Algerien, Nigeria und die Elfenbeinküste in Afrika, die Philippinen in Asien und in Europa Jugoslawien. Sie schulden den privaten Banken nach dem Stand von Ende 1985 rund 274 Milliarden Dollar. Mit 33 Milliarden Dollar stehen sie bei den Entwicklungsbanken (Weltbank und regionale Entwicklungsbanken) in der Kreide; 72 Milliarden Dollar haben sie von öffentlichen Stellen und fünfzig Milliarden Dollar aus anderen

Quellen geliehen bekommen. Insgesamt sind sie also mit 429 Milliarden Dollar im Ausland verschuldet (siehe Tabelle). Baker möchte erreichen, daß diese Länder mit Eigenanstrengungen, zu denen sie von Währungsfonds und Weltbank sanft gedrängt werden, ihre Wirtschaft auf Wachstumskurs bringen. Weltbank und Interamerikanische Entwicklungs-' bank sollen von 1986 bis 1988 netto zwanzig Milliarden Dollar in die von Baker bedachten Länder lenken, und der gleiche Betrag soll von privaten Banken aufgebracht werden. Insgesamt wären es in drei Jahren vierzig Milliarden Dollar zusätzlich - ebensoviel, wie die fünfzehn Länder in einem Jahr an Zinsen zahlen müssen. Deshalb teilt Silva den Optimismus nicht, den der Plan ausgelöst hat. Er hält ihn nicht für ausreichend, um das Wachstum anzuregen und gleichzeitig den Schuldendienst aufrechtzuerhalten. Allenfalls das zweite Ziel könne erreicht werden. Silva kritisiert außerdem: „Wir wollen alle den Freihandel, aber nur, wenn die Forderung für alle Länder gilt, nicht nur für die Schuldnerländer." Denn wichtig sind für ihn zwei Dinge: niedrigere Zinsen und freier Zugang zu den Märkten der Industrieländer. Wenn man hört, mit welchen Bedingungen auch die deutschen Banken ihre grundsätzliche Zustimmung zum Baker-Plan eingeschränkt haben, sinkt die Hoffnung, die neue Initiative könne der wieder festgefahrenen Schuldenkrise rasch eine Wendung zum Besseren geben. Jede einzelne Bedingung ist für sich verständlich: • Individuelle Lösungsansätze für jedes einzelne Land, keine globalen Lösungen; • Kein Verzicht auf die Mitwirkung des Währungsfonds und seine an Auflagen gebundene Kreditgewährung; die Banken behalten sich die Möglichkeit vor, weitere Auszahlungen zu stoppen, wenn der vereinbarte wirtschaftspolitische Kurs nicht eingehalten wird; • Das Verhältnis von offiziellen Beiträgen der öffentlichen Hand zu Krediten privater Banken - es liegt bei eins zu vier - soll zugunsten der Banken verändert werden; die Regierungen der Industrieländer müßten bei Umschuldungen mehr Entgegenkommen zeigen und in ausreichendem Umfang Ausfuhrgarantien und -bürgschaften bereitstellen. • Die Kapitalflucht aus Schuldnerländern müsse gestoppt werden; • Die Industrieländer sollten zu Hause das Wachstum und die Öffnung der Märkte forcieren. Wer wollte etwas gegen solche Bedingungen sagen? Die Spitzen von Währungsfonds und Weltbank haben schon in gemeinsamen Erklärungen ihre ausdrückliche Unterstützung für die Baker- Initiative und ihren Willen zu enger Zusammenarbeit bekundet. Doch reicht das? Jede beteiligte Partei möchte, daß die andere vorangeht. Die Banken zeigen auf die Regierungen der Industrieländer, auf Währungsfonds und Weltbank; die Industrieländer erwarten von den Schuldnerländern wirtschaftspolitische Umorientierung; die Schuldnerländer handelspolitisches Entgegenkommen der Industrieländer. Es ist niemand da, der die internationale Autorität besitzt, in der konzertierten Aktion des BakerPlans die Führung zu übernehmen. Es sieht deshalb auch nicht so aus, als ob die

mexikanische Notlage schon nach den Kriterien des Plans gelöst oder zumindest gemildert werden könnte. Arlington, die sich hemmungslos einen ganzen Bierschinken vom „German Büffet" angelt und im Prospektbeutel verstaut, wundert sich, als wir ihr vom Hamburger Hafen erzählen. Deutschland sei doch in den Bergen, „in the Alps", oder? Bei diesem Kreis von Gästen handelt es sich um sogenannte Reiseexperten, um Zeitgenossen, die ihre Kunden rings um die Welt schicken sollen. Zwei solcher Werbeabende lassen die Skepsis ob des Bayerndekors für das norddeutsche Anliegen schnell schwinden. „Wir brauchen die Entwicklungshilfe aus dem Klischee", gestand ein Delegationsteilnehmer, „dann müssen wir nachsetzen, müssen Briefe schicken und mit Prospekten an unsere Attraktionen erinnern." Das Zauberwort heißt „Follow up". Schließlich gilt es, Bustouren zusammenzustellen, gerade für den Markt im Süden der Staaten, in Texas und Umgebung. Die Südstaader sind vergleichsweise unerfahren in Überseereisen. Sie fühlen sich unsicher in der Fremde, die Obhut einer Busgruppe ist ihnen der liebste Rahmen für eine erste Reise nach Germany. Den deutschen Fremdenverkehrsstrategen kann diese Einstellung sehr recht sein - wenn die Amerikaner nur überhaupt reisen. Der Dollarkurs macht Europareisen teurer, aber Bustouren sind vergleichsweise preiswert; Europa gilt als unsicheres Urlaubsziel, aber da die Busreisenden sich behütet fUhlen, darf der Gastgeber zufrieden sein. Und wenn die „US-Busse" eines Tages den „Nippon-Bussen" folgen und vom Flughafen Frankfurt aus auch gen Norden kurven (Japaner lieben die „Märchenstraße"), dann hat sich der Deal von Dallas gelohnt. Heim-Weh. Die letzte Zuflucht für verstoßene und mißbrauchte junge Mädchen ist oft nur das Heim. Daß selbst auf liberale Erziehungsmethoden in offenen und geschlossenen Heimen kein Verlaß ist, schildert Wolfram Runkel diese Woche im ZElTJ?Kg9Ztf
ZEIT ONLINE 1986


								
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