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Carl-Dieter Spranger Bundesminis

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									BR-ONLINE | Das Online-Angebot des Bayerischen Rundfunks

Sendung vom 24.08.1999

Carl-Dieter Spranger Bundesminister a.D. im Gespräch mit Dr. Thomas Rex Rex: Grüß Gott bei Alpha-Forum, dem Bildungsfernsehen des Bayerischen Rundfunks. Heute begrüße ich bei uns Carl-Dieter Spranger. Herr Spranger, Sie waren von 1991 bis zum Ende der Regierung Kohl Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Damals gehörte das Reisen zu Ihrem Beruf. Wie oft haben Sie den Globus umrundet? Ich habe hier sehr schnell den Überblick verloren und es auch nicht nachgerechnet. Es waren sehr viele, schöne und interessante Reisen. Keiner war als Entwicklungsminister länger im Amt als Sie; Sie brachten es auf acht Jahre. Haben Sie viel Unerledigtes zurück gelassen? Nein, wir haben unsere Arbeit zügig erledigt und vorausschauende Konzeptionen entwickelt. Es war ein reibungsloser Übergang und wir konnten auch eine gute Bilanz übergeben. Gibt es einzelne Projekte, an denen Sie weitergearbeitet hätten? Entwicklungspolitik ist eine sehr langfristige Aufgabe mit all der Planung und Durchführung, bis die Projekte greifen. Der Wähler hat entschieden und ich habe nun andere Arbeitsgebiete im Bereich der Außenpolitik. Der Nachfolger der neuen Regierung wird sich der Herausforderung stellen müssen, die nicht geringer wurde. Sie sind kein Franke, obwohl es sich fast so anhört. Sie kommen aus Leipzig. Der Krieg hat Sie als kleiner Junge – 1939 wurden Sie geboren - in Ihre fränkische Wahlheimat Ansbach, wo Sie auch Abitur machten, verschlagen. Sie studierten in Franken und arbeiteten am Ansbacher Gericht als Richter. Dann kamen Sie zur Jungen Union. Wie kam Ihre Vorliebe zur Politik zustande? Ich bin in Leipzig geboren, aber meine Mutter ist gebürtige Ansbacherin. 1955 wurden wir von den Kommunisten enteignet, vertrieben und bevor sie uns in ein Lager stecken konnten, flohen wir nach Ansbach. Dort verbrachte ich meine Jugendzeit und beruflichen Anfänge. Ich war nie Mitglied der Jungen Union, sondern bin 1968 gleich in die CSU eingetreten. Die 68er waren für mich, auch nach der Geschichte der Weimarer Republik, eine Aufforderung, mich nicht einmal von meinen Kindern fragen lassen zu müssen: Warum hast du dich damals nicht rechtzeitig politisch engagiert? Früher war ich auch FDP-Wähler – ich war also nicht auf die CSU fixiert. Es war Ihr persönliches Zeichen, dass Sie mit dieser Opposition nichts zu tun haben wollten. Ja, ich wollte damit nichts zu tun haben und hielt sie für eine große Gefährdung einer guten Entwicklung unseres Landes. Die Entwicklung hat uns nicht unrecht gegeben. Vier Jahre nach Ihrem Eintritt in die CSU sind Sie in den Bundestag gewählt

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worden. Ich wurde 1972 zufällig in den Bundestag gewählt: Es gab die Gebietsreform in Bayern, mein Vorgänger wurde Landrat des Großkreises Ansbach und ich erhielt in einer Kampfabstimmung diese Position als Kandidat. Bis 1982 war ich dann in der Opposition und habe dort das Arbeiten gelernt. Manche, deren Parteien immer in der Regierung sitzen, wissen gar nicht, wie schwierig es ist, sich in der Opposition bewähren zu müssen. 1982 wurde ich als damaliger innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU parlamentarischer Staatssekretär bei Fritz Zimmermann im Innenministerium. Sie haben sich damals den Ruf erworben, “stockkonservativ” zu sein. Beim Thema “Friedensbewegung” gerieten Sie immer in die Schlagzeilen, denn mit diesen Menschen wollten Sie nichts zu tun haben und hielten vieles in der Friedensbewegung für falsch. Sie haben gesagt, dass sie kommunistisch unterwandert gewesen sei. Stehen Sie heute noch dazu? “Stockkonservativ” ist ein Prügelwort. Konservativ, auf den Grundwerten basierend und für den Fortschritt eintretend, das ist die Position, wie wir sie auch in der CSU für generell richtig erachten. Bei den Mitgliedern der Friedensbewegungen muss man differenzieren. Ich hatte gegen diese Leute nichts, aber es war eine Tatsache, dass es eine von den Kommunisten in hohem Maße gesteuerte Organisation war, einschließlich der Ostermärsche mit riesigen Geldmengen, mit entsprechenden Kadern, die dies inszenierten. Die Öffnung der Stasi-Akten gab hier einen umfassenden Beleg für die damaligen Erkenntnisse unseres Verfassungsschutzes. Es war meine Verpflichtung als parlamentarischer Staatssekretär, für die innere Sicherheit des Landes und gegen den politischen Extremismus zu arbeiten, mich des Themas anzunehmen. Es war bekannt, dass man hier sehr schnell ins Visier der Stasi-Hilfstruppen in Westdeutschland geriet, aber das musste man durchstehen. Sie wollten damals die Grünen vom Verfassungsschutz überprüfen lassen. Würden Sie das heute auch noch wollen? Ich habe nur gefragt, was der Verfassungsschutz kraft seines gesetzlichen Auftrags, nämlich verfassungsfeindliche Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland zu beobachten, an Material gesammelt hat. Das war legitim. Wir haben unserer Pflicht getan und die Fakten haben uns später recht gegeben. Sie hatten nicht immer das beste Verhältnis zu Journalisten. Weshalb nicht? Das würde ich nicht so undifferenziert stehen lassen wollen. Vor allem in meiner Zeit als Minister hatte ich ein ganz anderes Arbeitsfeld zu betreuen als dieses harte Thema “innere Sicherheit”. Das ist für viele unbequem und man muss Position beziehen und Kritik einstecken. Man muss sich öffentlich massiv kritisieren lassen, weil es im Interesse des Staates, der Sicherheit der Menschen notwendig ist, bestimmte Positionen zu beziehen. So hat es sicherlich Diskussionen gegeben. Heute kann ich mir attestieren, dass ich nicht nur mit meiner Arbeit bei der großen Masse der Journalisten gute Resonanz fand, sondern ich habe auch auf meinen Reisen in den letzten acht Jahren eine Fülle Ihrer Berufskollegen kennen gelernt, deren Einsatzbereitschaft, Disziplin und Sachkunde mich mit allergrößtem Respekt erfüllte; wir hatten eine vorzügliche Zusammenarbeit. Man hat erkannt, dass ich zwei verschiedene Arbeitsfelder hatte. Ich habe heute noch ein freundschaftliches Verhältnis zu vielen Journalisten. Es gibt eine Anekdote, derzufolge Sie den “Spiegel” nach Ostberlin geschmuggelt haben. Stimmt das? Das ist zutreffend. Ich war nach meinem Referendarexamen Anfang 1962 neun Monate in Berlin als Rechtreferendar und hatte sehr schnell

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Verbindungen zu nicht-kommunistischen Menschen, Persönlichkeiten von der Humboldt-Universität, die ich regelmäßig besuchte. Die Grenze war schon vorhanden und deshalb konnte man den “Spiegel” und anderes Material nicht offiziell hinüberbringen. So habe ich es in Schuhen oder unter der Kleidung versteckt und nach Ostberlin geschmuggelt. Ich lese auch heute noch den “Spiegel” und finde, dass er sich in letzter Zeit sehr verbessert hat, was die Qualität seiner Beiträge anbelangt. Noch mal zurück zur Zeit als parlamentarischer Staatssekretär. Damals lag Ihnen das Asylrecht sehr am Herzen. Sind Sie mit den heutigen Regelungen zufrieden? Nein, ich bin nicht zufrieden. Das heutige Asylrecht ist ein Kompromiss, den wir aus Verfassungsgründen mit der SPD 1991/92 erreichen mussten. Wir haben nach wie vor ein Asylrecht, das zum Missbrauch einlädt und das bedeutet auch einen Zustrom nach Deutschland von vielen, die eigentlich nicht politisch verfolgt sind. Ein sehr kompliziertes Rechtssystem ermöglichte diesen Leuten über Jahre hinweg hier auf dem Gerichtsweg ihren Aufenthalt zu erstreiten mit dem entsprechenden Lebensunterhalt, vom deutschen Steuerzahler finanziert. Das ist ein System, das weltweit nicht so existiert wie bei uns in Deutschland. Die Grundgesetzänderung 1991 brachte entscheidende Verbesserungen, aber ich kann damit nicht zufrieden sein. Manche sagen, dass es sinnvoller ist, den Menschen vor Ort zu helfen. Sie hatten als Entwicklungsminister Möglichkeiten diesen Menschen zu helfen. 1991 wurden Sie vereidigt, was für die Presse eine Sensation war. Waren Sie selbst überrascht? Natürlich ist man überrascht, wenn man nachts um 2.30 Uhr von Theo Waigel angerufen und gefragt wird, ob man dieses Amt übernimmt. Haben Sie sofort ja gesagt? Ich habe sofort ja gesagt. Er betonte es auch immer wieder, dass ich mir keine lange Bedenkzeit erbeten habe. Dieses Amt hat mich der Menschen in allen Kontinenten wegen, die man hier in der Arbeit kennen lernen, deren Schicksale man beeinflussen konnte, immer fasziniert. Das, was mich menschlich und politisch immer besonders angetrieben hat, ist die Neugier auf die Menschen in ihrer Vielfalt, sowohl im negativen als auch im positiven. Das stammt vielleicht auch aus meiner Zeit als Richter. Als Entwicklungspolitiker waren Sie noch nicht in Erscheinung getreten und manche Hilfsorganisationen waren verwundert. Gab es damals Gegenwind? Ja, es gab eine schauerliche Presse. Viele Zeitungen – aus allen Lagern – versuchten, das als eine unverständliche Entscheidung abzuqualifizieren. Es war aber eine zu bewältigende Herausforderung, wenn man zehn Jahre im Bundestag und über neun Jahre in dem schwierigen Amt des parlamentarischen Staatssekretärs tätig gewesen war. Diese Tätigkeit war auch verbunden gewesen mit vielen Auslandsreisen wegen solcher Themen wie Drogenkriminalität, Umweltschutz und Ausländerfragen. So konnte man hier Erfahrungen sammeln. Nun sind Sie mehrfach um die Welt geflogen und mit diesen Reisen verbinden sich auch schöne Anekdoten. Stimmte es, dass Sie in Bolivien, in La Paz, barfuss durch die Kanalisation gelaufen sind mit einem großen Tross, der Sie begleitete, um Ihr Flugzeug pünktlich zu erreichen? Ja, so in etwa war das. Es war eine wüste Nacht, die wir auf dem Gelände zubringen mussten bis wir stinkend und verschmiert das Flugzeug erreichten. Ich sehe heute noch die entsetzten Blicke der Besatzung als sie uns kommen sahen.

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Menschen in der Dritten oder Vierten Welt zu helfen – da denkt man, dass das eher etwas für einen Weltverbesserer ist. Sind Sie ein Weltverbesserer? Nein, so würde ich mich nicht bezeichnen, denn hierfür fehlt mir das Sendungsbewusstsein, die utopische Neigung. Ich fühle mich als ein sehr realistischer Mensch, der allerdings mit seiner Arbeit in der Politik erreichen möchte, dass sich die Lebensverhältnisse, die Perspektiven, die Zukunftschancen der Menschen, soweit wir es beeinflussen können, auch außerhalb Deutschlands verbessern. Die Entwicklungspolitik ist hier ein außerordentlich wirkungsvolles Instrument. Entwicklungspolitik ist ja auch Außenpolitik. Wie war Ihr Verhältnis zu Genscher? Wir hatten immer ein menschlich ausgezeichnetes Verhältnis, wobei er schon ein Fuchs war - über die Potentiale dieses Mannes in der Innen- und Außenpolitik braucht man nicht reden. Nicht umsonst war er 18 Jahre Außenminister und Chef der Koalitionspartei FDP. Wir haben auch deshalb ein gutes Verhältnis, weil er in Halle geboren ist und ich in Leipzig. Er hatte eine innere Neigung zu diesem Landsmann Spranger und wir bekamen heraus, dass unsere Väter dieselbe Oberrealschule besucht hatten. Das hat eine nette Verbindung geschaffen. Ich werde es auch nie vergessen, als er mich nach diesem schlechten Presseeinstieg im Januar 1991 mit nach Israel nahm und mich in sehr kollegialer Weise förderte. Er wollte natürlich das Entwicklungsministerium klein halten, was wir aber nicht zuließen, und er respektierte das dann auch. Wie war das Verhältnis zu Klaus Kinkel? Hier war es einfacher und menschlich leichter, weil er ein anderer Jahrgang ist und wir uns aus der Zeit kannten, als er noch Chef beim Bundesnachrichtendienst und im Justizministerium Staatssekretär und ich im Innenministerium Staatssekretär war. Wir haben eine lang zurückreichende persönliche Grundlage, die Arbeit war sehr angenehm und wir verstanden uns vorzüglich. Sie haben gesagt, dass das Außenministerium unter Genscher Begehrlichkeiten hatte in Richtung Entwicklungsministerium. Sie waren acht Jahre lang Chef dieses Hauses, kein anderer hat es so lange ausgehalten. Ist das ein unbeliebter Job, Minister in diesem Ministerium zu sein? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies ein ungeliebter Job ist. Wer dieses Amt nicht mag, der soll es aufgeben. Ich halte es auch in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung in Deutschland für untergewichtet, denn für 90 Prozent der Länder, die Entwicklungsländer sind, sind wir und nicht das Außenministerium das wichtigste Ministerium. In uns haben diese Länder einen ungewöhnlich kompetenten und anerkannten Partner immer schon gehabt. Ich habe mir öfter gewünscht, dass dieses Ministerium einen höheren Stellenwert bekommt und deshalb haben wir auch versucht, in der Öffentlichkeitsarbeit immer wieder den Menschen zu vermitteln, wie wertvoll für Milliarden von Menschen außerhalb Deutschlands diese Arbeit ist. Zuletzt hatten Sie einen Etat von 7,8 Milliarden Mark und 550 Mitarbeiter. War Ihnen das zu wenig? Das waren nur 1,8 Prozent des Gesamthaushaltes. Als ich anfing, waren es über 2,5 Prozent. Der Anteil an der Haushaltssumme insgesamt wurde aus erklärlichen Gründen, angesichts der Erblasten, die der Sozialismus im anderen Teil Deutschlands hinterlassen hat, reduziert. Ich halte es für unabweisbar, dass wir dieses Ministerium seiner Bedeutung gemäß finanziell und personell zukünftig ausstatten, d. h. auch etwas aufstocken müssen.

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Andere Ministerien versuchten immer wieder Ihnen Kompetenzen wegzunehmen. Konnten Sie Ihr Boot verteidigen? Ja, wir konnten es verteidigen. Es war vorhersehbar, dass nach den Wahlen 1998 auch die neue Regierung wieder Kompetenzen zurückverlagern musste. Zurück zum Geld: 0,7 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt - so die Vereinten Nationen – wäre angemessen. Bei uns sind es 0,26 Prozent an Etat. Werden wir in Deutschland jemals 0,7 Prozent erreichen? Das ist ein altes Thema. Wer und aus welchen Gründen diese 0,7 Prozent so fixiert hat, das weiß keiner mehr. Alle Bundesregierungen haben sich zu diesem Ziel bekannt, keine hat es aber je erreicht. Es wäre nicht realistisch anzunehmen, dass dieser Prozentsatz in den nächsten zehn Jahren erreicht werden würde. Welchen Menschen haben Sie in Ihren acht Jahren mit welchen Projekten am besten helfen können? Ich glaube, das entscheidende ist, dass wir in die Bildung investieren und schlimmster Armut dadurch entgegenwirken, dass wir die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen auch in der Eigenverantwortung so stützen und stärken, dass sie sich selbst aus dem Sumpf ziehen können. Die Vorstellung, dass man nur Geld zur Verfügung stellt und nicht selbst aktiv werden muss, ist nicht unser Verständnis. Der Mensch muss selbst mit den Problemen fertig werden. Dazu braucht er unsere Hilfe zur Selbsthilfe. Gibt es hier konkrete Beispiele bzw. Projekte? Es gibt eine Fülle von Projekten, um eine Landwirtschaft funktionsfähig zu machen, den Bauern entsprechende Wasserversorgung zu organisieren, die Trinkwasserversorgung sicher zu stellen, medizinische Versorgungsstationen in den riesigen ländlichen Sphären in den Entwicklungsländern mit aufbauen zu helfen. Das Thema Müllentsorgung ist für viele Ballungszentren ein ganz entscheidendes Thema. Sie haben jedes Land, in dem geholfen wird, gesehen. War es nicht manchmal bedrückend für Sie festzustellen, dass es ein Tropfen auf den heißen Stein war, was Sie leisten konnten? Das Elend und die großen Slums bleiben. War das manchmal schlimm für Sie? Wenn man verfolgt, wie sich die Analphabetenrate reduzierte, das Lebensalter der Menschen erhöhte, die Kindersterblichkeit zurück ging, das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelte, trotz all der Krisen, die in den Ländern selbst produziert wurden, was zum Teil heute noch in afrikanischen Staaten stattfindet, so ist das nicht bedrückend. Kann man hier Mitleid aufbauen als Minister, wenn man das Elend sieht? Ja, natürlich hat man Mitleid. Es ist bedrückend und es verwundert immer wieder, wie mit Fröhlichkeit, Optimismus und Dankbarkeit die Menschen versuchen, ihr Leben zu gestalten in zum Teil – nach unseren Verhältnissen – schauerlichen Umständen. Ich sagte mir oft, wie dankbar die Wohlstandsmenschen in Deutschland sein müssten, denen es im großen und ganzen unendlich viel besser geht und noch nie so gut in ihrer Geschichte gegangen ist, wie es heute der Fall ist. Manche Projekte haben viel, andere weniger gebracht. Ich denke hierbei an Tansania, wo die Hilfe eigentlich vergeblich war. Dort ist viel falsch gelaufen. Ich bin der Überzeugung, dass es vor allem daran lag, dass man dort zu viel half. Die Masse der Menschen sah keinen Anlass mehr zur Eigeninitiative und machte sich abhängig von der ausländischen Hilfe. Es floss viel Geld von den skandinavischen Kirchen nach Tansania, was aber nicht zur Mündigkeit der Menschen geführt hat.

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Wenn man die Eigenverantwortung durch ein Übermaß an karitativer Fürsorge erstickt, besteht kein Zwang sich zu entwickeln. Man nimmt den Menschen sogar die Möglichkeit, sich selbst zu entwickeln. Das ist ein Humanismus, der zwar jene, die geben, befriedigt, aber die Empfänger dieses Humanismus‘ nicht weiter bringt. Gibt es jemals eine Lösung für die Schuldenkrise der Dritten Welt? Ja, wir sind weit gekommen. Besonders Deutschland hat schon Ende der 70er Jahre in großem Umfang in afrikanischen Staaten Schulden erlassen. Wir haben keine Kredite, sondern nur noch Zuschüsse vergeben. Die internationale Staatengemeinschaft, der Pariser Club, haben unendlich viel getan. Man hat jedoch den Ursachen der Schuldenmacherei nicht entgegengewirkt. Wenn durch Korruption, Schlamperei und verantwortungslose Geldausgaben die Staatsfinanzen ruiniert werden und das Geld in die Taschen der Herrschenden fließt, dann fragt man sich schon, weshalb die internationale Staatengemeinschaft und der Steuerzahler aus Europa das ganze durch Schuldenerlass finanzieren sollen. Hier wollten Sie nicht mitmachen. Wir haben hier nicht mitgemacht. Wir waren für einen Schuldenerlass, wenn es auch an die Ursachen der Schuldenmacherei geht. Wir können aber nicht so verfahren, dass diejenigen, die die größte Verantwortungslosigkeit beim Schuldenmachen demonstriert haben, von der Gebergemeinschaft großzügig entlastet werden, und den anderen, die mühselig ihre Schulden in Raten zusammenkratzen, auch ihrer eigenen Bevölkerung viel zumuten müssen, um die internationalen Verpflichtungen einzulösen, denen sagt man, das sie weiterzahlen sollen. Das zerstört die internationale Zahlungsmoral. Welche Rolle spielen Weltbank und Internationaler Währungsfond? Es gab letztendlich bei dieser Philosophie zwischen uns und den beiden Institutionen keine Unterschiede mehr. Können diese Institutionen heutzutage die Hoffnung der Entwicklungsländer erfüllen? Mann muss zuerst die Frage klären, wie die Hoffnungen aussehen. Man kann immer nur das zur Verfügung stellen, was vorher die internationale Staatengemeinschaft an Experten, Geld und Möglichkeiten zur Verfügung gestellt hat. Ein großes Problem ist die Landflucht und dass die Flüchtlingsströme zu uns kommen. Gibt es hier Lösungen? Ja, wir müssen von der falschen Auffassung wegkommen, wir könnten in Deutschland das Flüchtlingselend der Welt lösen. Das ist absolut unmöglich, denn die Dimensionen sind zu riesig. Wir tun damit auch den Ländern keinen Gefallen, wenn wir die Aktiven, die finanzstark genug sind, um auch Schlepperbanden zu bezahlen, sich absetzen und nach Europa oder andere reichere Staaten abwandern. Dieses Problem haben wir nun mit dem Balkan. Ich war immer dafür, dass die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien so schnell wie möglich wieder nach Hause zurückkehren, um dort beim Aufbau zu helfen. Ich halte es auch jetzt, trotz der wahnwitzigen Mordund Vertreibungsorgie, die Milosevic im Kosovo veranstaltet, für falsch zu sagen, dass wir diese Flüchtlinge nach Europa aufnehmen sollen. Sie müssen vor Ort bleiben, bereit sein wieder in ihre Heimat zurückzukehren, nachdem der Frieden gegen Milosevic durchgesetzt worden ist. Wir können sie nicht in Deutschland aufnehmen. Wir entwurzeln sie und würden auch Milosevic bei seinem Ziel, diese Leute zu vertreiben, unterstützen. Für die Entwicklungshilfe haben Sie beim Zusammenbruch des

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Kommunismus neue Leitlinien formuliert: Es wird nur jenen Ländern geholfen, bei denen man nachprüfen kann, dass sie auf dem Weg zur Demokratie sind oder die die Menschenrechte einhalten. Kann man diesen Ländern besser helfen als anderen? Ja, weil diese fünf aufgestellten Kriterien Voraussetzungen dafür sind, dass die Unterstützung auch tatsächlich greift. Sobald ein Staat die Menschenrechte brutal unterdrückt, er Planwirtschaft betreibt oder wo ein Rechtsstaat nicht existiert, wo das Geld in übermäßige Rüstung anstelle in Entwicklung des eigenen Landes fließt, kann man noch so viel Geld hineinstecken, aber es wird nichts fruchten. Deshalb sagen wir: Geld wird vergeben mit dem Ziel, diese Kriterien zu erreichen, auch für Projekte, um diese Ziele zu fördern, vorrangig an jene Regierungen, die sich bereit erklären, sich für die Achtung der Menschenrechte im eigenen Land einzusetzen. Von der verbalen Bekundung bis zur wirklichen Durchsetzung ist es für viele Regierungen ein enormer Kraftakt. Wenn sie es aber ernsthaft wollten, dann haben wir sie vorrangig unterstützt. Sie haben auch bemerkt, dass Länder eher zur Demokratie, zur Einhaltung dieser fünf Punkte kommen, wenn Sie diese fünf Punkte voraussetzten? Ja, wenn sie nichts bekommen, dann haben sie keine Anstrengungen unternommen. Diejenigen, die etwas unternehmen, bekommen ihre Anstrengungen belohnt. Wir haben außerordentlich viel in Albanien unternommen, weil die Regierung den Steinzeitkommunismus mit einer völlig neuen Konzeption aufzubrechen versuchte. Es gibt auch viele andere Länder, die mit Hilfe dieses Kriterienkatalogs den Aufbau vernünftiger Strukturen an Entwicklungsunterstützung binden konnten. Trotzdem sind Sie auch nach China gegangen, obwohl es nicht das Paradebeispiel für die Einhaltung der Menschenrechte ist. Wie kam es zu China und was wollten Sie dort erreichen? Wir haben mit unseren Projekten nicht das Regime unterstützt, sondern eben Projekte betrieben. Beispielsweise unterstützten wir eine Fülle von Berufsschulprojekten. Das duale Berufsausbildungssystem, das die Chinesen nicht kennen, ist unendlich wichtig für dieses große Land. Wenn wir Bildung und Ausbildung von Menschen fördern, unterstützen wir auch Demokratie-, Freiheits- und Wirtschaftsprozesse. In Cuba erreichen wir die Menschen dadurch nicht. Wie wichtig ist Entwicklungspolitik als Wirtschaftspolitik, sodass deutsche Unternehmen von der Förderung in den anderen Ländern profitieren können? Ich habe es nie verstanden, weshalb bei uns eine Art verdeckte Heuchelei stattfand, wenn etwa eine deutsche Firma einen Auftrag aus einem Entwicklungsland erhielt; dann sollte das schädlich sein. Ich bin als Minister verpflichtet dafür zu sorgen, dass der Steuerzahlergroschen nicht die Arbeitsplätze in Frankreich und Amerika, sondern wenn möglich in Deutschland sichert. Das muss man vertreten. Plötzlich fanden das alle sinnvoll. Sie haben als Minister nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs auch im Osten geholfen. Wenn man das Geld auf mehr Kuchen verteilt, dann werden die Stücke kleiner. War es ein großes Problem, dass Afrika südlich der Sahara oder Lateinamerika jetzt zu kurz kommen? Das war ein sehr großes Problem und deswegen mussten wir das auch langsam angehen. Die Befürchtung war, dass man den anderen etwas wegnahm. Zum anderen war es eine Finanzfrage und es hieß auch, dass die Staaten unter 40 Jahren Kommunismus ganz andere Entwicklungsprobleme als jene in Afrika hätten. All diese Probleme wurden überwunden. Wir haben langsam den Etat aufgestockt und mit unseren

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Experten genau so viel Anerkennung erfahren wie in Lateinamerika, Afrika und Asien. Die verschiedenen Hilfsorganisationen waren außerordentlich interessante Partner und wir haben auch vom Finanzminister einen eigenen Topf bekommen, mit dem wir das nötigste tun konnten. Auch hier hätten wir das Vielfache an Experten einsetzen können. Heute ist es wohl unbestritten, dass es wirkungsvoller und effizienter gewesen wäre, wenn wir weniger Bargeld und mehr Experten geschickt hätten. Wie wichtig ist es in diesem Zusammenhang, die Armutsgrenze in Richtung Osten zu verschieben? Ich glaube, dass es feste Definitionen nach dem jährlichen Pro-KopfEinkommen gibt. Ich glaube nicht, dass die Länder vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer diesen Status wie die afrikanischen Länder vom Pro-KopfEinkommen negativ erreicht haben. Zurück zur Projekthilfe. In den letzten Jahren wurden Frauenprojekte immer wichtiger. Woran lag das? Wir haben nicht im Sinne eines Gegensatzes zwischen Männer-, Kinderund Frauenprojekten etwas auf dem Weg gebracht, sondern versucht, Projekte zu entwickeln, in denen auch die Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung der Frau eine Rolle spielt, also speziell Ausbildung für Frauen, die Förderung selbständiger Existenzen auch für Frauen. Das war eine Konzeption, die nicht eine eigene Frauenentwicklungspolitik zur Folge hatte. Konnten Sie mit Ihren Amtskollegen aus den anderen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten an einem Strang ziehen oder ist Entwicklungspolitik in den verschiedenen Ländern immer ein Alleingang gewesen? Es war sehr schwierig, weil in den anderen Ländern die Ministerkollegen sehr schnell wechselten. In Frankreich hatte ich nach vier Jahren den sechsten Kollegen als Ansprechpartner. Bevor man einen persönlichen Kontakt herstellt und gemeinsame Projekte angeht, waren die Minister schon wieder aus dem Amt. Es war sehr schwierig. Man ist sich freundlich und partnerschaftlich begegnet, aber für eine enge Kooperation waren auch die Interessenlagen oft zu unterschiedlich. Könnte die Europäische Gemeinschaft vielleicht besser die Entwicklungshilfe koordinieren? Die Europäische Entwicklungspolitik leidet an zu viel Geld, zu wenig qualifiziertem Personal und hat eins zu beachten: Sie ist nach dem Maastricht-Vertrag nur subsidiär zu den nationalen Entwicklungspolitiken. Deshalb bin ich dafür, dass man den Leuten in Brüssel sehr genau auf die Finger sieht, was da auch in den letzten Zeiten diskutiert wurde über Korruption und ungerechte Verteilung der Mittel. Das muss man leider der Kommission anlasten und deswegen halte ich wenig davon, mehr Geld und Kompetenzen nach Brüssel zu geben. Die Koordinierung der europäischen nationalen Politiken zu verbessern ist sicherlich sinnvoll. Die Bürde des Ministeramtes mit der großen zeitlichen Belastung haben Sie hinter sich. Sie sind immer noch Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Haben Sie nun zu viel Zeit? Nein, das leider nicht. Man hat nicht mehr Freizeit, sondern man ist freier, hat nicht diese umfassende Organisation in den staatlichen Ämtern. Als Minister war ich voll verplant und nun kann ich vieles wieder selber machen und gestalten, was sehr viel Freude macht. Ich genieße es sehr, dass ich nun ein anderes Leben führen kann. Mussten Sie das normale Leben wieder lernen?

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Ich lese immer wieder, dass manche Kollegen Probleme beim Autofahren, Einkaufen oder Telefonieren haben. Das ist mir völlig fremd. Ich habe nie diese Funktion als Staatssekretär, als Minister so personifiziert, dass ich nicht ein normaler Mensch geblieben wäre. Ich habe mich jedenfalls darum bemüht. Viele sagen, dass ich auch in den Ämtern ganz normal geblieben bin. Das erleichtert einem den Rückgang sehr. Was für Wünsche, Ziele haben Sie jetzt für die Zukunft? Ich möchte gesund bleiben, was man sich nur wünschen kann, aber was alles andere als selbstverständlich ist. Vor wenigen Tagen konnte ich meinen 60. Geburtstag feiern. Alleine die Tatsache, dass man dieses Alter gesund und munter erreicht, ist ein Anlass zum feiern. Man hat viel Glück gehabt, beruflich, privat und familiär. Ich hoffe, dass dies erhalten bleibt. Man sollte sich auch weniger bemühen, immer neue Ansprüche vor sich her zu schieben, sondern dankbar sein, wenn das Leben Gesundheit, Frieden und Freiheit schenkt, mit den Möglichkeiten, die unser Land und Europa einem bieten. Ich möchte auch die Kultur, sei es Musik, Literatur, Malerei, etwas stärker nutzen. Es bleibt noch viel zu tun. Manche Journalisten haben Sie etwas bespöttelt, dass Sie so eine schöne Frisur tragen. Hat Sie das geärgert? Das hat mich nicht geärgert. Ich habe immer erklärt, dass es nicht so ist, dass ich nicht auch gerne im Freizeitlook herumliefe. Ich wollte aber, wenn ich Ministern gegenüber trete, so aussehen wie sie auch. Ich habe auch aus den Besuchen in Entwicklungsländern gelernt: Wenn z. B. informelle Kleidung vorgeschlagen wurde und ich ohne Krawatte und unfrisiert auftauchte, standen Kolonnen von Menschen sauber frisiert mit Krawatten und erwarteten eine ebenfalls sauber gekleidete deutsche Delegation. Deshalb habe ich es mir aus Respekt vor den Gastgebern leider abgewöhnen müssen, auch in solchen Situationen etwas leichtfüßiger gekleidet anzutreten. Herr Spranger, herzlichen Dank. Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, das war Carl-Dieter Spranger im Alpha-Forum. Er war acht Jahre lang Minister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Bis zum nächsten Mal. Auf Wiedersehen.

© Bayerischer Rundfunk


								
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