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17_Buchbesprechung Modersohn

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									Buchbesprechung Modersohn

Michael Habecker

Rainer Stamm: „Ein kurzes intensives Fest.“ Paula Modersohn-Becker – Eine Biografie,
Reclam

2007 jährte sich zum einhundertsten Mal der Todestag der Malerin Paula Modersohn-Becker
(1876-1907). Die Biografie von Rainer Stamm erzählt einfühlsam, gestützt auf
dokumentarisches Material, das Leben dieser Pionierin der modernen Malerei in Deutschland.
Sie wird zu den Expressionisten gezählt und expressionistisch war auch ihr Leben. Im
Vordergrund steht dabei die subjektive Innerlichkeit und deren Ausdruck1, im Falle von Paula
Modersohn-Becker in Form von Malerei, Tagebuch und Briefen. In einer Zeit, in der der
wissenschaftliche Materialismus vorherrschte, besannen sich die Expressionisten darauf, dass
ein Künstler kein seelenloser (Foto-)Apparat ist, welcher wie durch ein „Objektiv“ und
unbeeindruckt von dem Wahrnehmenden dieses Wahrgenommene zum Ausdruck bringt,
sondern dass Kunst immer auch Selbstausdruck ist durch denjenigen oder diejenige, der oder
die Kunst schafft. In der Malerei bedeutete dies, dass das zu malende Motiv durchfühlt und
durchlebt wurde und diese Durchlebung – und Belebung – durch den Künstler im Bild einen
Niederschlag finden musste.

Es war eine Zeit des Aufbegehrens der innerlichen Dimension des Menschseins, der Größe
und Einmaligkeit individuellen menschlichen Erlebens und ihrem Ausdruck in und durch
Kreativität, in einer Zeit zunehmender Verflachung und Mechanisierung, und Paula
Modersohn-Becker lebte mittendrin. Zwischen Paris und Worpswede, einer zu ihrer Zeit
gegründeten Künstlerkolonie bei Bremen, pendelt sie hin und her, immer auf der Suche nach
ihrem individuellen künstlerischen Ausdruck, den sie in ihrem kurzen Leben in einer
gewaltigen künstlerischen Schaffensfülle darstellt, für eine Frau in der damaligen Zeit eine
besondere Herausforderung. Im Alter von 31 Jahren, nur wenige Tage nach der Geburt ihres
ersten Kindes, stirbt sie an einer Embolie.

In einem Tagebucheintrag vom 26. Juli 1900 schreibt sie:

            Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest
            schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes intensives
            Fest. Meine Sinneswahrnehmungen werden feiner, als ob ich in den wenigen
            Jahren, die mir geboten sein werden, alles, alles noch aufnehmen sollte. Mein
            Geruchssinn ist augenblicklich erstaunlich fein. Fast jeder Atemzug bringt mir eine
            neue Wahrnehmung von Linden, von reifem Korn, von Heu und Reseden. Und ich
            sauge alles in mich ein und auf. Und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem
            ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gerne
            scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar.

Der Lebensweg von Paula Modersohn-Becker erinnert uns eindringlich an unsere
Innerlichkeit, Einmaligkeit und Individualität und daran, dass wir sterblich sind und nur eine
begrenzte Zeit zur Verfügung haben, um diese zum Ausdruck zu bringen. Damit ist natürlich
noch nichts darüber ausgesagt, was unser inneres Erleben ausmacht und wie wir es zum
Ausdruck bringen. Auch Terroristen – um ein Extrembeispiel zu nehmen – sind auf ihre Art

1In einem Bildband zum Expressionismus, herausgegeben von Dietmar Elger (Taschen Verlag), wird von einer
„Psychologisierung des erlebten Eindrucks über die bloße Wirklichkeitsempfindung hinaus“ gesprochen. (S. 10)
„expressionistisch“, aber an der Tatsache des Geschenks eines individuellen Lebens, der
Intention zum individuellen Ausdruck und Gelegenheiten daraus etwas zu machen, kommen
wir nicht vorbei, und Paula Modersohn-Becker erinnert uns durch ihr Leben auf eindringliche
und leidenschaftliche Weise an die Bedeutung eines jeden einzelnen menschlichen Lebens.

Michael Habecker

								
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