ILEB Staatlichen Seminar Didaktik und Lehrerbildung

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					Individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung                                                2


                  Individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung
                 Aufgabe und Instrument der Arbeit an Sonderschulen
                           Manfred Burghardt & Dr. Ralf Brandstetter

Alle Schülerinnen und Schüler mit sonder-          Verpflichtung dar: (Eigen-) Aktivität
pädagogischem Förderbedarf müssen in ih-           ermächtigt Menschen in lebensbedeutsamen
rer Entwicklung und ihrem Lernen indivi-           Bereichen wie Selbstversorgung, soziales
duell begleitet, gefördert und gestärkt wer-       und staatsbürgerliches Leben, Lernen und
den. Diesen Bildungsauftrag von Sonder-            Wissen anwenden, Arbeit, etc. (vgl. ICF) zu
schulen geben sämtliche Geschäftsgrundla-          partizipieren. Der Sonderpädagogik fällt
gen – ob Bildungspläne oder Verwaltungs-           deshalb      die    Aufgabe     zu,      eine
vorschriften - gleichermaßen vor. Ziel ist es,     Bildungslandschaft mitzugestalten, in der
jedes Kind und jeden Jugendlichen gemäß            die einzelne Person in einer Weise aktiv
seinen Möglichkeiten darin zu unterstützen,        werden kann, die selbstbestimmte Ver-
sein Leben selbstständig und selbstbestimmt        änderungen möglich macht und so zu einer
zu gestalten.                                      verbesserten Partizipation (Teilhabe) führt.
                                                   Durch pädagogische Angebote zur (Eigen-)
Die Neukonzipierung der Bildungspläne für          Aktivität Teilhabe zu sichern meint so ge-
alle Sonderschultypen, beginnend mit der           sehen also das genaue Gegenteil von „mit-
Überarbeitung des Bildungsplanes Förder-           machen lassen“. Es gilt vielmehr Situationen
schule im Jahr 2004, hat zu einer vertiefen-       zu schaffen, in denen Schülerinnen und
den Überprüfung der Ziele sonderpädagogi-          Schüler lernen, in eigener Verantwortung
schen Handelns und sonderpädagogischer             und Zuständigkeit ihr Leben zu gestalten.
Konzeptbildung geführt. Grundlegend für
diesen fachlichen Diskurs war insbesondere         Was Kinder ohne Beeinträchtigung oder
die von der WHO im Jahr 2001 verabschie-           Behinderung sich in informellen Kontexten
dete ICF (International Classification of          problemlos aneignen, kann für Schüler mit
Functioning, Disability and Health), die seit      Funktionsbeeinträchtigungen oder Behinde-
Oktober 2005 in der deutschsprachigen              rung ein hoch strukturiertes, langzeitlich
vorläufigen Endfassung vorliegt.                   angelegtes Bildungsangebot erforderlich
Die Internationale Klassifikation der Funkti-      machen. Ein solchermaßen erweiterter Bil-
onsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit           dungsanspruch unter der Prämisse von Akti-
(ICF) postuliert einen Anspruch auf Eigen-         vität und Teilhabe ist ausgehend von indivi-
aktivität und Teilhabe von Personen mit            duellen Bedürfnissen zu begründen. In dem
Funktionsbeeinträchtigungen und Behinde-           Dualismus von Aktivität und Teilhabe wird
rungen. In einem komplex-dynamischen               auch dem gesellschaftlichen Anspruch an
Behinderungsmodell werden Umweltein-               Bildung Ausdruck verliehen. Das ICF-Mo-
flüsse, lebensweltliche Zusammenhänge              dell stellt somit einen bis dato nicht formu-
(Kontexte) sowie körperliche Funktionen,           lierten Begründungszusammenhang her für
geistige Strukturen und Funktionen und die         den in allen bisherigen Bildungsplänen der
Wechselwirkungen, die dabei auftreten, als         Sonderpädagogik implizit angelegten er-
bedeutsame Variablen beschrieben. Einge-           weiterten Bildungsanspruch von Kindern
schränkte Funktionen haben Einfluss auf die        und Jugendlichen mit sonderpädagogischem
Aktivitäten einer Person. Aktivitäten wiede-       Förderbedarf.
rum ermöglichen Personen sich zu entwi-
                                                   Die Dialektik von individuellen Bedürfnis-
ckeln. Stimmt die Annahme, dass sich
                                                   lagen und gesellschaftlichen Anforderungen
Menschen durch ihre Eigenaktivität entwi-
                                                   macht eine individuelle Lern- und Entwick-
ckeln, so öffnet dies zum einen Möglich-
                                                   lungsbegleitung notwendig, durch die erst
keiten für pädagogisches Handeln, die
Annahme stellt zum anderen aber auch eine          eine Passung von Bildungsangeboten und

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Unterstützungsmaßnahmen hergestellt wer-        chen das Leitthema Entwicklungsförderung!
den kann. Die Planung und Gestaltung einer      Es war der Verband Lernen Fördern, der
am Kind ausgerichteten Förderung gebietet       anmerkte: Aber bitte über die gesamte
es, involvierte Fachdisziplinen sowie Betrof-   Schulzeit hinweg.
fene und Beteiligte als Partner einzubezie-     Andere Forderungen folgten: Sprachförde-
hen. So der Grundkonsens einer über meh-        rung muss Leitthema sein. Die Gegenstim-
rere Jahre andauernden, in vielen Gremien       men dazu: Ja schon, aber wir haben auch
geführten Diskussion über Auftrag und           Kinder, die sind sprachlich normal begabt,
Zielbestimmung sonderpädagogischen Han-         leiden aber unter einem desolaten Selbst-
delns.                                          konzept. Für solche Schüler bedarf es des
Dass die individuelle Lern- und Entwick-        Leitthemas Gestalten und Lernen. Weitere
lungsbegleitung (ILEB) als bedeutsames          Stimmen: Die Förderschule besuchen Schü-
Wesensmerkmal sonderpädagogischen Han-          lerinnen und Schüler, die zwingend Ange-
delns in den Vorarbeiten zum Bildungsplan       bote praktischen Lernens und Optionen für
2008 der Förderschule zuerst begrifflich        individuelle Praktika benötigen. Praktisches
gefasst wurde, liegt darin begründet, dass      Lernen und Handlungsorientierung müssen
die Arbeiten zu diesem Bildungsplan im          deshalb Leitthema sein. Dem hielten andere
Sonderschulbereich drei Jahre vor den an-       entgegen: Wir haben es auch mit Jugendli-
dern Bildungsplanarbeiten in Angriff ge-        chen zu tun, die vor allem Handwerklichen
nommen wurde. ILEB formatiert, was im           Möglichkeiten des Nachlernens in den Kul-
90er Plan der Förderschule auf Seite 10         turtechniken benötigen.
noch umschrieben wurde mit dem Satz:            Eine Verankerung von interkulturellem Ler-
“Erziehung und Förderung des einzelnen          nen, von Beziehungsgestaltung, Vorberei-
Schülers stehen im Mittelpunkt schulischer      tung auf Beruf und Leben, frühem Fremd-
Arbeit.“                                        sprachen lernen, selbstständiger Lebensfüh-
ILEB als Arbeits- und Steuerungsinstrument      rung und Schulkultur als Leitthemen von
gibt Antwort auf die Frage, wie Sonder-         Förderschule standen zur Diskussion. Es
schulen ihre besondere Verpflichtung einlö-     bestand die Gefahr, ein additives Sammelsu-
sen, die sie gegenüber dem einzelnen Kind       rium an Teilkonzepten in den Bildungsauf-
haben. Unter welchen Bedingungen wird die       trag von Förderschule einzuflechten.
Schule dem einzelnen Schüler am ehesten         Es galt die Frage zu klären, was für die För-
gerecht? Was kennzeichnet solche gelingen-      derschule im Interesse des einzelnen Kindes
den Formen hin zu mehr Aktivität und Teil-      handlungsleitend sein kann. Dieser Klä-
habe und durch welche konzeptionelle Ver-
                                                rungsprozess hat deutlich gemacht, dass
ankerung kann dieses zentrale Wesens-           Kinder und Jugendliche mit sonderpädago-
merkmal sonderpädagogischen Handelns            gischem Förderbedarf ein individuell aus-
weiter gestärkt werden? Wie kann diesen         gerichtetes Bildungsangebot benötigen,
Bildungsauftrag mit noch mehr Verbind-          das es jedem Einzelnen ermöglicht, seine
lichkeit ausgestatten?                          Stärken zu kultivieren und seine Schwächen
Der Anspruch auf individuelle Unterstüt-        zu kompensieren – beides!
zung und Förderung, so die Zielsetzung bei      Unsere Gesellschaft räumt Schülerinnen und
den Arbeiten zum Bildungsplan Förder-           Schülern mit einer je behindertenspezifi-
schule, soll gemäß den Bestimmungen der         schen Beeinträchtigung, einer Entwick-
ICF, den bestehenden Verwaltungsvor-            lungsverzögerung oder auch Benachteili-
schriften und den vorliegenden Positionspa-
                                                gung einen erweiterten Bildungsanspruch
pieren einzelner Fachrichtungen noch deut-      ein. Weshalb dies? Weil diese Kinder für
licher akzentuiert werden. Wie kann dies        ihre Teilhabe in dieser Gesellschaft mehr
geschehen? Von den Lobbyisten der Förder-       Unterstützung benötigen und eben auch auf
schule gab es fordernde Stimmen: Wir brau-      erweiterte Angebote angewiesen sind. Den

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Schulweg bewältigt ein Erstklässler norma-      Zahl von Kooperationsklassen mit Grund-
ler Weise innerhalb kürzester Zeit alleine,     schule und Hauptschule sind zukunftswei-
bei entwicklungsverzögerten Kindern macht       sende Beispiele individueller Bildungsange-
dieser Teilhabeprozess im Einzelfall sonder-    bote von Förderschule und der Schule für
pädagogische Maßnahmen erforderlich.            Erziehungshilfe.
Sonderpädagogische Maßnahmen realisiert         Die große Bandbreite an Entwicklungsver-
die Sonderpädagogik über individuelle Bil-      zögerungen und behindertenspezifischen
dungsangebote.                                  Beeinträchtigungen macht es Sonderschulen
Individuelle Bildungsangebote sind Ziel und     zur Pflicht, ihre Angebote von den Schülern
Ergebnis von individueller Lern- und Ent-       aus zu planen. Der einzelnen Schule stellt
wicklungsbegleitung. Durch ihre Angebots-       sich auf diesem Weg die Frage: Welche
struktur, die sich im jeweiligen Schulkon-      Ausgangslagen sind konstitutiv für die Pla-
zept abbildet, bringen Sonderschulen zum        nung der Programme im eigenen Hause und
Ausdruck, welche Unterstützung und welche       wie kann sichergestellt werden, dass jeder
Hilfen sie ihren Schülerinnen und Schülern      Schüler im Rahmen seiner Möglichkeiten
beim Lernen bereithalten. Die individuellen     weiterlernt? Ein solches Maß an schüler-
Bildungsangebote sind ein wesentliches          zentrierter Konzeptbildung birgt aber auch
Profilmerkmal von Sonderschule.                 die Gefahr der Beliebigkeit. Deshalb steht
                                                die Sonderpädagogik in der Pflicht, in über-
Schulfremdenprüfungen wie auch Rück-
                                                schaubaren Zeiträumen Lern- und Entwick-
schulungskonzepte mit nachgehender Be-
                                                lungsschritte beim einzelnen Schüler sicht-
gleitung an der allgemeinen Schule sind
                                                bar zu machen.
beispielsweise an Förderschulen klassische
Beispiele individueller Bildungsangebote.
Auch die Qualifizierung für eine Anlerntä-      Die Struktur von ILEB
tigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt über        ILEB ist die Antwort der Sonderschulen -,
BVE-Klassen und sich anschließende              aller Sonderschultypen, auf die Frage wie
KoBV-Maßnahmen sind ein individuelles           der erweiterte Bildungsanspruch auf Akti-
Bildungsangebot, das von der Schule für         vität und Teilhabe fachlich-inhaltlich und
Geistigbehinderte und der Förderschule ge-      organisatorisch-strukturell gesichert werden
meinsam getragen wird. Kooperationsklas-        kann. Es handelt sich um fünf Instrumente
sen mit der Berufsschule, die wachsende         sonderpädagogischen Handelns, die eine
                                                professionelle Steuerung ausmachen:




                             Kooperative
                            Förderplanung                        Dokumentation


                                                 Individuelles
           Diagnostik                          Bildungsangebot



                                Leistungs-
                               feststellung




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Prozessorientierte Diagnostik: Sonderpä-        Bildungsangebot, wie die bereits erwähnten
dagogen sind gehalten, mit Eltern und Part-     Kooperationsklassen mit Grund- und Haupt-
nern regelmäßig zu beobachten und zu ref-       schulen, mit der Berufsschule oder den
lektieren, was ein Schüler kann, was er noch    BVE-Einrichtungen an einzelnen Standor-
nicht kann und was er als nächstes lernen       ten. Gerade die vielen unterschiedlichen
soll. Dazu zählen schon immer Screening-        Vor-Ort-Lösungen belegen, dass alle Son-
Verfahren, auch Unterrichtsbeobachtungen,       derschulen schon seit Jahren ihre Bildungs-
eine Kind-Umfeldanalyse, Gespräche über         angebote von den Erfordernissen ihrer
Kompetenzen in all den Feldern, die in den      Schülerklientel aus gestalten. Es sind die
Bildungsbereichen abgebildet sind. Womit        individuellen Bildungsangebote, die Sonder-
ich mich als Vater nicht zufrieden geben        schule von allgemeiner Schule unterscheidet
würde, wäre eine diagnostische Analyse, die     und legitimiert. Keine andere schulische
sich ausschließlich auf eine theoretisch doch   Institution hält Kindern und Jugendlichen
deutlich obsolete K-ABC stützt.                 solche diversifizierten Bildungsangebote
                                                bereit. Individuelle Bildungsangebote sind
Kooperative Förderplanung: Gemeinsam
                                                die Antwort der Sonderpädagogik auf die
mit den Eltern, mit dem Schüler und gege-
                                                Forderung nach mehr Teilhabe und eine
benenfalls bedeutsamen Personen aus dem
                                                überzeugende Antwort auf die sehr berech-
Umfeld des Kindes ist zu planen, mittels
                                                tigte Forderung nach Inklusion.
welcher konkreten sonderpädagogischen
Maßnahmen einem Kind geholfen werden            Kompetenzorientierte     Leistungsfeststel-
kann. Dabei gelten einige Grundsätze:           lung
   Es kann nur ausgehandelt werden, was           sichert die Erfüllung des Bildungs- und
    umsetzbar ist.                                  Erziehungsauftrages
   Es ist zu klären, wer für was verant-          dient der Professionalisierung des Bil-
    wortlich zeichnet.                              dungsangebotes

   Ziele und Maßnahmen müssen für einen           stärkt damit auch die Individualisierung
    überschaubaren Zeitraum formuliert              über Bildungsangebote
    werden, überprüfbar sein und zu einem        unterstützt eine Optimierung der
    festgelegten     Zeitpunkt  zumindest           Lernumgebung
    reflektiert werden.                          fördert eine Professionalisierung in der
                                                    Zusammenarbeit der Lehrkräfte
Individuelle Bildungsangebote: Die Schule        schafft ein Bewusstsein darüber, dass
generiert diese über ihr Curriculum. Sie            Qualitätssicherung eine gemeinsame
weist Lernfelder aus, in denen Schülerinnen         Aufgabe von Schule ist
und Schüler ihre Potenziale entwickeln und       und ist schlussendlich eine Quelle aus
an ihren Schwächen arbeiten können. Selbst-         der sich Schulentwicklung speist.
redend gehört dazu ein differenzierender        Es liegt auf der Hand, dass Leistungsfest-
Unterricht in Mathematik und Sprache,           stellung im Kontext von ILEB nicht auf den
Fachunterricht, Kurse im Lesen, Teilnahme       Leistungstest, mit dem die Einmaleins-Rei-
an AG’s und Praktika. Müsste eine Liste an      hen abgefragt werden, reduziert ist. Leis-
vorhandenen individuellen Bildungsange-         tungsfeststellung ist ein Instrument mit dem
boten erstellt werden, so würden darin u.a.     festgestellt werden soll, über welche Prob-
auftauchen Nennungen wie die Teilnahme          lemlösefähigkeiten Schüler verfügen, die sie
am Mittagsangebot der Diakonie bzw. Cari-       befähigen Schulalltag und Lebensalltag zu
tas, am Training im Fußballclub oder der        bewältigen. Profil AC ist ein solches In-
Jugendfeuerwehr oder beispielsweise den         strument. Ziel ist es vorhandene Kompeten-
Schulungen des DRK. Schulische Organisa-        zen von Schülerinnen und Schülern in ver-
tionsformen wie Diagnose- und Eingangs-         wendungsbezogenen Situationen wahrzu-
klassen gehören ebenso zum individuellen        nehmen und das Wahrgenommene rück zu

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melden. Daraus können diagnostische Er-         wie es mit dem Kind weiter geht. Ob es tat-
kenntnisse abgeleitet werden, die dann wie-     sächlich so ist, können die Beratenden nicht
der einfließen in die Kooperative Förderpla-    beurteilen. Dass es die Eltern so wahrneh-
nung und die Planung schulischer Angebote.      men, ist Grund genug, Nachfragen zu stel-
Profil AC ist somit ein zentraler Teil von      len. Es stellt sich heraus, dass über den Ent-
ILEB. Für die älteren Schülerinnen und          wicklungsverlauf des Jungen nichts doku-
Schüler ist damit bereits geklärt, wie Leis-    mentiert ist. Keine Entwicklungsverläufe,
tungsfeststellung an unseren Förderschulen      keine Förderplanung, keine Zielvereinba-
im Land stattfindet. Bei den jüngeren Jahr-     rungen, keine Elterngespräche – nichts.
gängen sind Entwicklungsarbeiten auf den        Nach Einschätzung der Eltern und Großel-
Weg gebracht. Es wird an Lösungen gear-         tern hat die Institution Förderschule versagt.
beitet, die es Lehrkräften ermöglichen auf      Ein Gegenbeispiel: Ein Junge mit einer aus-
ihre Schulwirklichkeit hin bezogen bei          geprägten Bindungsstörung, stark ausgep-
Schülern der Grundstufe eine kompetenz-         rägten Entwicklungsverzögerungen in Kog-
orientierte Leistungseinschätzung vorneh-       nition und Wahrnehmung, mit engagierten
men zu können. Erste Vorlagen dazu sind in      Pflegeeltern, wird vorbehaltlich der Einhal-
der Diskussion.                                 tung klarer, schriftlich dokumentierter Ab-
Die Dokumentation des Ganzen macht den          sprachen in eine Klasse 1 der Förderschule
Lern- und Entwicklungsprozess über die          eingeschult. Der Entwicklungsverlauf an der
gesamte Schulzeit hinweg nachvollziehbar.       Schule ist für Mitschüler, Eltern und Lehrer
Sie macht für alle Beteiligten verständlich     sehr belastend. Gespräche, Absprachen,
was getan wurde und was noch zu tun ist.        Zielvereinbarungen, Vorkommnisse, Lern-
Aus einer Dokumentation geht auch hervor,       stand alles ist in überschaubarer Weise do-
was ein Schüler leisten kann. Der vor Jahren    kumentiert. Nach 2 Jahren wird gemeinsam
unter Mitwirkung von Lernen Fördern vor-        mit dem Jugendamt Bilanz gezogen. Die
geschlagene Entwicklungsspiegel ist eine        Aktenlage ist allen bekannt. Man ist sich
begrüßenswerte Form der Dokumentation.          einig: der Junge, die Schule, die Pflegeeltern
Im vergangenen Jahr wurde damit begonnen        – alle müssen entlastet werden. Die Suche
handhabbare Dokumentationsformate zu-           nach alternativen Beschulungsmöglichkeiten
sammen zu tragen. Es hat sich dabei gezeigt,    geht sehr zügig und lösungsorientiert über
dass viele Sonderschulen bereits sehr           die Bühne.
brauchbare bis überzeugende Schemata ent-       Ein drittes Beispiel: Ein pfiffiger, sehr be-
wickelt haben. Aber eben nicht alle. Deshalb    wegungsbegabter Junge mit einer frühkind-
erscheint es angebracht die vorhandenen         lichen Traumatisierung wächst bei einer
Beispiele allen Förderschulen zugänglich zu     Pflegefamilie auf. Konzentration und Auf-
machen. Jede Schule hat dann die Möglich-       merksamkeit sind beeinträchtigt ebenso
keit daraus in einem Verständigungsprozess      seine auditive Merkfähigkeit im Arbeitsge-
innerhalb des Kollegiums sich auf Doku-         dächtnis. Er besucht eine Klasse mit 14
mentationsformen zu verständigen.               Schülern in einer pädagogisch bestens ge-
Drei Beispiele belegen die Notwendigkeit        stalteten Grundschule. Die Kinder um ihn
verbindlicher Dokumentationsprozesse:           herum entwickeln sich prächtig und werden
                                                zu 70% ans Gymnasium wechseln. Er tut
Eine alte Dame sucht bei Lernen Fördern
                                                sich schwer mit Lesen, Rechnen, Schreiben.
Rat: Ihr Enkel ist seit 7 Jahren auf einer
                                                Dank seiner sportlichen Begabungen und
Förderschule irgendwo im Ländle. Die El-
                                                seinem Humor ist er in Schule und privatem
tern haben einen Betrieb. Ihnen wurde schon
                                                Umfeld sehr anerkannt. Gleichwohl, er fühlt
bei der Umschulung versprochen, dass der
                                                sich unterlegen, fängt an zu schummeln,
Enkel zurück kann an die Hauptschule. Jetzt
                                                verweigert sich zunehmend dem Lernen. Die
war er ein halbes Jahr krank, besucht die
                                                Pflegeeltern nehmen therapeutische Hilfe in
Klasse 9 und kein Lehrer kann ihnen sagen
                                                Anspruch. Der Therapeut empfiehlt die För-
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derschule. Die Pflegeeltern sind skeptisch.      vom Lernort gesichert sein und eingelöst
Im Dorf wird abgeraten. Wer da drin ist,         werden können.
kommt nicht mehr raus. Der Junge schnup-         Qualitätsmerkmale
pert in die Förderschule rein – übrigens auch    In jedem Einzelfall sollte sich sonderpäda-
ein individuelles Bildungsangebot - wech-        gogisches Handeln an den nachfolgend auf-
selt fest an die Schule. Es wird eine Förder-    geführten Qualitätsmerkmalen messen las-
planung erstellt mit dem mittelfristigen Ziel    sen.
einer Umschulung nach 2 – 3 Jahren an eine       Diagnostik – Diagnostische Prozesse
Hauptschule. Die diagnostischen Daten las-       Lernvoraussetzungen, Lernbedürfnisse und
sen eine solche Prognose zu. Über die koo-       Lernprozesse werden kompetenzorientiert
perative Förderplanung werden therapeu-          erhoben und beschrieben:
tische, familiäre und schulische Maßnah-          sie geben Auskunft über Stärken, Ta-
men zur Stabilisierung des Selbstkonzeptes           lente und Fähigkeiten von Schülerinnen
vereinbart. Für Leseübungen in der Schule            und Schülern;
findet sich ein Lesepate – Stichwort indivi-      sie bilden ab, was bisher nachhaltig ge-
duelles Bildungsangebot -, für Zuhause wird          lernt wurde;
ein Wechsel von Selbstlesen und Vorlesen          sie beschreiben was als nächstes gelernt
mit Kinderliteratur vereinbart. Die Schule           werden kann;
stellt eine Lernsoftware zur Verfügung mit        sie berücksichtigen und reflektieren
der er zweimal pro Woche im Rahmen der               Lern- und Verhaltensbeobachtungen im
Hausaufgaben Leseübungen durchführen                 (Unterrichts-)Alltag;
soll. Der Junge macht zwischenzeitlich seine      sie legen ausgewählte diagnostische Ver-
Schularbeiten völlig selbstständig, traut sich       fahren zugrunde, die individuell auf den
im Unterricht etwas zu und wirkt an den              Kontext bezogen sind;
vereinbarten Zielen mit.                          sie beziehen anhaltend die Wahrneh-
Die unterschiedlich gelagerten Beispiele             mung des Schülers selbst, von Erzie-
machen deutlich, dass ILEB, wie Beispiel             hungsberechtigten und Beteiligten ein.
zwei zeigt, ein Steuerungsinstrument ist,
vor allem aber ist es ein Instrument der          Kooperative Planung
Qualitätssicherung der Arbeit an Sonder-          Kooperative Planung ist dialogisch und
schulen ist. Eine prozessorientierte Diag-          im Ergebnis operationalisiert:
nostik in Verbindung mit kooperativer För-        sie ist ein ständiger Abstimmungs- und
derplanung bzw. der Planung sonderpäda-             Entscheidungsprozess zwischen Erzie-
gogischer Maßnahmen, die Bereitstellung             hungsberichtigten, Lehrkräften, weiteren
individueller Bildungsangebote, eine kom-           Beteiligten und soweit möglich mit der
petenzorientierte Leistungsfeststellung und         Schülerin bzw. dem Schüler selbst;
die kontinuierlichen Dokumentation dieser         sie geht von den vorhandenen Interessen
Prozesse gewährleistet eine bestmögliche            und erkennbaren Fähigkeiten des Kindes
Förderung von Kindern mit sonderpädagogi-           oder Jugendlichen aus;
schem Förderbedarf. Dies unabhängig vom           sie baut auf den vorhandenen Ressourcen
Lernort. Ob ein Kind in einer Abteilung der         von Schule, Familie und Umfeld auf;
Kinder- und Jugendpsychiatrie, an einer           sie zeichnet sich durch konkrete und
Förderschule, einer Schule für Erziehungs-          einvernehmlich vereinbarte und über-
hilfe oder der Kooperationsklasse einer             prüfbare Ziele aus;
Grundschule beschult wird, ob es vorüber-         sie regelt die Zuständigkeiten für die
gehend von einem sonderpädagogischen                vereinbarten Maßnahmen und Angebote;
Dienst einer Sprachbehindertenschule an           sie beschreibt und beteiligt die Schülerin
einer allgemeinen Schule begleitet wird –           bzw. den Schüler an der Förderplanung
sein erweiterter Anspruch auf Bildung und           und handelt aus, was der Einzelne in ei-
sein Unterstützungsbedarf muss unabhängig

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  gener Verantwortung und Zuständigkeit            sie stellt die Ergebnisse der kooperativen
  leisten kann.                                     Förderplanung über die gesamte Schul-
                                                    zeit hinweg dar;
Individuelle Bildungsangebote                    sie ist für alle Beteiligten nachvollzieh-
Individuelle Bildungsangebote sind koope-           bar;
rativ und umfassend:                             Ergebnis, Bewertungen und Kommen-
 sie berücksichtigen unterrichtliche und           tare von Schülerinnen und Schülern und
    außerunterrichtliche Handlungs- und Er-         den Erziehungsberechtigten gehen in die
    probungsfelder, in denen Schülerinnen           Dokumentation ein;
    und Schüler individuelle Kompetenzen         die ausgewählten Formate sind in Um-
    erwerben und weiterentwickeln können;           fang und Form bearbeitbar und dienen so
 sie ermöglichen dem einzelnen Kind                der Koordinierung der ILEB;
    eigene und realistische Ziele anzustre-      sie hat einen ständigen Verwendungsbe-
    ben;                                            zug und dient als Grundlage für die re-
 sie bieten Schülerinnen und Schülern              gelmäßige Verständigung zwischen allen
    Zugänge zu Lebensräumen, in denen sie           Beteiligten.
    entwicklungsförderliche Bedingungen         Intentionen
    vorfinden können;                           Zusammengefasst wird mit der Initiative
 sie       ermöglichen      Handeln     in     ILEB das Leistungsangebot von
    lebensbedeutsamen Feldern;                  Sonderschulen gestärkt durch
 sie werden von allen Beteiligten anteilig           eine verbindliche Orientierung
    organisiert und verantwortet.                        hinsichtlich dem, „Was“ die Qualität
                                                         sonderpädagogischen Handelns
Leistungsfeststellung                                    ausmacht (was zu tun ist)
 Leistungsfeststellung ist kompetenz-                eine gemeinsame sprachliche
   orientiert und anwendungsbezogen:                     Fachlichkeit
 sie wird in möglichst alltagsbezogenen              ein gemeinsames interdisziplinär
   und lebensnahen Situationen durchge-                  angelegtes Problemverständnis
   führt;                                             ein höheres Maß an
 sie gibt Auskunft darüber, welche Kom-                 Individualisierung in den
   petenzen eine Schülerin bzw. ein Schüler              Bildungsangeboten
   auf welchem Niveau entwickelt hat;                 einen erkennbaren fachlichen
 sie wird mit dem/der Schüler/in und den                Zusammenhang von Diagnostik,
   Erziehungsberechtigten regelmäßig ref-                Planung sonderpädagogischer
   lektiert;                                             Maßnahmen, Bildungsangebot und
 sie ist Anlass für die Fortschreibung von              Leistungsfeststellung
   Zielvereinbarungen mit allen Beteilig-             eine Dokumentation, die
   ten;                                                  professionelles Handeln
 sie bildet eine Grundlage für die                      nachvollziehbar macht
   Ausweisung individueller Bildungsan-         Maßnahmen
   gebote.                                      Damit ILEB als Instrument der Qualitätssi-
                                                cherung und Instrument einer professioneller
Dokumentation                                   Steuerung des Zusammenspiels von sonder-
 Die Dokumentation erfolgt regelmäßig          pädagogischer Diagnostik, kooperativer
   und ist adressatenbezogen:                   Förderplanung, individuellem Bildungsan-
 sie dokumentiert die Entwicklungsge-          gebot, Leistungsfeststellung und der konti-
   schichte und die Lernbiographie des          nuierlichen Dokumentation dieses Prozesses
   Kindes oder Jugendlichen regelmäßig;         nachhaltig wirksam werden kann, wurden
                                                von der Schulverwaltung eine Reihe von
                                                Maßnahmen auf den Weg gebracht.


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   Eine Internetplattform ist in Vorberei-        Im vergangenen Jahr wurde eine Fortbil-
    tung. Diese Plattform wird www.ileb-            dungsmaßnahme für pädagogische Be-
    bw.de heißen und über das Medienzent-           rater der unteren Schulaufsichtsbehörden
    rum am Seminar Stuttgart zugänglich             gestartet, die im Jahr 2009 fortgeführt
    sein. Über diese Plattform soll den             wird. Von diesen Veranstaltungen gin-
    Schulen Dokumentationsformate zur               gen Impulse aus, die dazu geführt haben,
    Förderplanung, zu Kompetenzprofilen,            dass erkennbar viele Schulen sich aktuell
    zu individuellen Bildungsangeboten, zu          mit dem Thema ILEB befassen.
    Diagnostik usw. zur Verfügung gestellt      Mit Inkrafttreten des Bildungsplanes 2008
    werden. Ein Autorenleitfaden soll eine      der Förderschule haben viele Schulen damit
    breite Beteiligung von Sonderschulen        begonnen einzelne Elemente aus ILEB zu
    erleichtern. Ziel ist es, möglichst viele   evaluieren und, unter Beachtung der dazu
    Schulen zu gewinnen ihre Erarbeitung        formulierten Qualitätsmerkmale, entspre-
    allen Kollegien zugänglich zu machen.       chend den eigenen Bedürfnissen auszuges-
    Angestrebt wird die Bereitstellung der      talten. Es wächst die Zahl gelingender Bei-
    Plattform bis Schuljahresende 08/09.        spiele, wie die anschließenden Beiträge in
   Parallel dazu wird eine Handreichung        diesem PIM-Heft nachdrücklich belegen.
    erstellt, in der Philosophie und Aufgabe    Dies macht Hoffnung, dass sich ILEB vor
    von ILEB, die Begriffe, die Abläufe und     dem Hintergrund der sich verstärkenden
    das Qualitätsverständnis nochmals er-       Debatte um Inklusion als ein wirksamer Im-
    läutert werden.                             puls für die Weiterentwicklung sonderpäda-
                                                gogischer Konzepte erweist.
   Stichwort Leistungsfeststellung: Das
    MKJS hat eine Arbeitsgruppe einge-
    richtet, die sich damit befasst, wie die
    Ergebnisse von Profil AC in Förderpla-
    nung und Bildungsangebote umgesetzt
    werden können.
   In den Bildungsplänen aller Sonderschu-
    len wie auch im Qualitätsrahmen der
    Fremdevaluation wird die Aufgabe ILEB
    in einem einheitlichen Sprachverständnis
    dargestellt.
   Förderplanung und deren Dokumenta-
                                                Kontakt:
    tion sind Bestandteil der Fremdevalua-
                                                Manfred Burghardt
    tion.
                                                Dr. Ralf Brandstetter
   ILEB wird in den Ausbildungs- und Prü-
    fungsordnungen der Sonderschullehrer-       Seminar für Didaktik und Lehrerbildung
    ausbildung verankert werden. Diagnosti-     Freiburg, Abt. Sonderschulen
    zieren und sonderpädagogische Maß-          Oltmannsstr. 22
    nahmen planen ist ein zentraler Kompe-      79100 Freiburg
    tenzbereich in der zweiten Phase der
    Sonderschullehrerausbildung. Die Aus-
    bildungspraxis in diesem Bereich hat
    denselben Stellenwert wie Unterrichten.
    Das eine kann nicht losgelöst vom an-
    dern betrieben werden.




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