Menschenrechtstag Für Frauen kein Grund zur Freude by ajizai

VIEWS: 16 PAGES: 4

									Menschenrechtstag: Für Frauen kein
Grund zur Freude
Der Tag der Menschenrechte am 10. Dezember ist gemäss Fastenopfer für viele
Frauen weltweit kaum Anlass zur Freude. Auch zahlreiche Resolutionen
konnten bislang nicht vermeiden, dass Frauen weiterhin diskriminiert werden –
selbst durch Naturkatastrophen und Klimawandel.

Bereits die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 hält fest: „Jeder hat
Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne
irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache,
Religion...“ Man sollte meinen, mit diesem Katalog seien auch die Rechte der Frauen
abgedeckt. Doch Menschenrechte und Frauenrechte sind nun einmal nicht
deckungsgleich. So ist heute jede dritte Frau weltweit mindestens einmal in ihrem
Leben von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen – sei es in Form von
Menschenhandel, von Vergewaltigung, Zwangsheirat, Mitgiftmord, häuslicher Gewalt
oder Genitalverstümmelung.

Alle 90 Sekunden stirbt eine Frau an Komplikationen im Zusammenhang mit
Schwangerschaft und Geburt. Ihr Tod ist nicht Schicksal, sondern Folge von
Diskriminierung, Armut, Hunger und mangelndem Zugang zu Gesundheitsdiensten.

Und in den aufstrebenden Wirtschaftsmächten Indien und China sowie andern Teilen
der Welt sind die vier Worte „Es ist ein Mädchen“ für rund 60 Millionen weibliche
Babys das Todesurteil – durch Abtreibung oder Vernachlässigung nach der Geburt.
Eine demographische Lücke, deren Auswirkungen sich erst in den kommenden
Jahren wirklich bemerkbar machen werden.

Angesichts dieser Fakten ist die Ausweitung der Menschenrechts-Konvention auf
spezifische Frauenrechte nicht mehr einfach als Forderung von einigen „hysterischen
Feministinnen“ abzutun. So versuchen gleich mehrere Resolutionen, diese Lücke zu
schliessen, und auch Frauen dazu zu verhelfen, ihre Rechte als Weltbürgerinnen
einzufordern. Die Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der
Frau (Cedaw) etwa, welche die Uno bereits 1979 verabschiedet hat, fokussiert auf
eine gerechtere Rollenverteilung, auf die Thematisierung geschlechtsspezifischer
Vorurteile, auf das Recht auf Ausbildung, auf umfassende Gesundheitsversorgung
und Fortpflanzungsrechte, auf das Recht auf Staatsbürgerschaft wie auch auf das
Recht wählen zu können. Leider verlor die Cedaw an Durchsetzungskraft durch die
zahlreichen Vorbehalte der meisten Vertragsstaaten.

Die Aktionsplattform der Uno-Weltfrauenkonferenz von Peking 1995 ihrerseits,
enthält zwar – im Gegensatz zur Cedaw – ein ausführliches Kapitel über
geschlechtsspezifische Gewalt, doch auch sie ist kein völkerrechtlich verbindliches
Dokument. Rund fünf Jahre später, im Jahr 2000 verabschiedete der Uno-
Sicherheitsrat die Resolution 1325. Dieses Dokument beschäftigt sich mit der Rolle
von Frauen in bewaffneten Konflikten und mit der geschlechtsspezifischen
Dimension von Gewaltkonflikten und Friedensprozessen.


                                          1
Hunger hat ein Geschlecht

Um Frauen und Männer zu unterstützen, ihre Rechte als gleichberechtigte Menschen
durchzusetzen, reichen aber leider auch diese Resolutionen nicht aus. In einer von
mehrheitlich männlichen Entscheidungsträgern geprägten Welt liegen die
strukturellen Ursachen noch tiefer.

Fastenopfer ist täglich in der Projektarbeit mit Armut und Elend konfrontiert. Dabei
fällt auf, dass Hunger ein eindeutiges Geschlecht hat: Es erscheint insbesondere
paradox, dass rund 70% der von Hunger betroffenen Menschen weltweit weiblich
sind, während diese gleichzeitig in den Ländern des Südens rund 70% der
Nahrungsmittel für den Eigenkonsum ihrer Familien produzieren. Nicht von ungefähr
hat das Fastenopfer die diesjährige Ökumenische Kampagne unter das Thema
„Mehr Gleichberechtigung heisst weniger Hunger“ gesetzt. Es liegt uns fern, Frauen
als passive Opfer darzustellen, erleben wir sie in der Projektarbeit doch mehrheitlich
als engagierte Akteurinnen. Doch gewisse Zahlen – die selbstverständlich schwer zu
erheben sind und daher mit der nötigen Vorsicht zu geniessen sind – lassen sich nur
schwer beschönigen. So geht man heute davon aus, dass drei Fünftel der ärmsten
Milliarde Menschen weiblich sind; dass Frauen weniger als 1% der globalen
Reichtümer und nur 10% des globalen Einkommens besitzen und, dass Frauen
global weniger als 10% des kultivierten Landes ihr eigen nennen können.

Es drängt sich die Frage auf, weshalb das Menschenrecht auf Nahrung von Frauen
und Männer so unterschiedlich eingefordert wird. Ein Grund ist im sogenannten
Gender-Gap zu eruieren, welche insbesondere Kleinbäuerinnen täglich zu spüren
bekommen: So erhalten Frauen zwar meist Zugang zu den Feldern, aber oft nur um
diese zu bearbeiten. Es sind immer noch mehrheitlich Männer, welche bestimmen,
was wo wann angebaut wird, welches Produkt vermarktet wird und für was der Ertrag
verwendet wird. Auch der Zugang zu Landbesitz, zu Wasser, zu landwirtschaftlichem
Know-how, zu Saatgut oder zu modernen Technologien bleibt überwiegend Männern
vorbehalten. Der letztjährige FAO -Welternährungsbericht spricht eine deutliche
Sprache: Hätten beide Geschlechter den gleichen Zugang zu Produktionsmitteln,
würde der Ernteertrag global um 20 - 30% steigen. Damit liesse sich die Anzahl der
rund einer Milliarde Hungernden weltweit um 100 bis 150 Millionen reduzieren.
Hunger ist in der Regel also weiblich.

Auch Klimawandel ist nicht geschlechtsneutral

Wenigstens diskriminieren natürliche Katastrophen, wie die Folgen der
Klimaerwärmung, Frauen nicht noch zusätzlich – so sollte man meinen. Leider ist das
Gegenteil der Fall: Eine Mehrheit der Klimaopfer sind Frauen und Kinder. So fiel
1991 nach den Überflutungen in Bangladesch die Todesrate von Frauen fast fünfmal
höher aus als diejenige von Männern. Dies, weil die Warnungen im öffentlichen
Raum von Männern zu Männern übertragen wurden und es vielen Frauen nicht
erlaubt war, das Haus ohne Begleitung ihres Ehemannes zu verlassen.

Auch der Tsunami 2004 in Aceh forderte deutlich mehr weibliche als männliche
Opfer. Während Männer sich auf den Feldern aufhielten und sich auf den nächsten
Baum retten konnten oder beim Fischen auf See befanden, versuchten die Frauen

                                          2
Kinder und alte Menschen in den Dörfern in Sicherheit zu bringen. Ihre Möglichkeit
sich zu retten wurde zusätzlich durch die engen Wickelröcke eingeschränkt, welche
sie am Laufen hinderte.

Naturkatastrophen sind also nicht geschlechtsneutral – weder hinsichtlich der
unmittelbaren Opferzahlen, noch hinsichtlich der indirekten Folgen. So werden etwa
Frauen und Mädchen durch das klimabedingte Austrocknen von Wasserstellen oder
durch den zu verschärfenden Brennholzmangel gezwungen, immer längere Wege
auf sich zu nehmen. Gleichzeitig müssen Frauen mit den knapper werdenden
Ressourcen auch erhöhte gesundheitliche Risiken auf sich nehmen wie etwa eine
grössere Anfälligkeit für Malaria während der Schwangerschaft oder wie
Mangelernährung während der Stillzeit.

Was können wir also tun, damit der internationale Tag der Menschenrechte für beide
Geschlechter Grund zum Feiern bietet? In der Projektarbeit stärkt Fastenopfer
Frauen und Männer gleichermassen so, dass sie sich individuell und kollektiv selbst
befähigen ihre Rechte zu kennen und einzufordern, dass sie ihre Lebensgrundlage
sichern und sich gegen ungerechte Machtstrukturen wehren können. Dabei darf es
weder bei Frauen noch bei Männern Gewinnende oder Verlierende geben – denn
Menschenrechte gelten universell.

Romana Büchel, Fachverantwortliche für Gender und HIV/Aids bei Fastenopfer

www.fastenopfer.ch/gender



((KASTEN))

Weitere Informationen

Fastenopfer engagiert sich mit 386 Projekten in 14 Ländern für Menschen, die unter
Hunger und Armut leiden. Sie sollen ein Leben in Würde führen. Im Vordergrund
stehen dabei der Aufbau und die Stärkung von Gemeinschaften.

Nebst der Projektarbeit vor Ort setzt sich Fastenopfer in der Schweiz und weltweit für
gerechte Strukturen in Wirtschaft und Politik ein. Seine Informationsarbeit regt an,
sich mit den Lebensbedingungen benachteiligter Menschen auseinanderzusetzen.

Das Hilfswerk finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und Legate.

Fastenopfer, Alpenquai 4, 6002 Luzern

041 227 59 59

mail@fastenopfer.ch

www.fastenopfer.ch

Postcheckkonto 60-19191-7


                                          3
((Bildlegende))

Gemeinsam bessere Lebensgrundlage schaffen: Eine Frau und ihr Mann aus dem
Dorf Djigo in Burkina Faso bei der Feldarbeit. (Bild: Annette Boutellier)




                                     4

								
To top