SOLIDARISMUS IM SPEKTRUM DER L脰SUNGSANS脛TZE ZUR .rtf by longze569

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									"SOLIDARISMUS" IM SPEKTRUM DER
LÖSUNGSANSÄTZE ZUR SOZIALEN FRAGE
Man kann Rudolf Diesel nicht gründlicher mißverstehen, als wenn man sein
Solidarismuskonzept als utopisch abtut - und sei es auch in der gut gemeinten Absicht,
Verständnis dafür zu wecken, daß Diesels Solidarismus nicht realisiert wurde.
Einerseits wird dabei von einem nur unwissenschaftlichen, eher volkstümlichen
Utopiebegriff ausgegangen, der 'Utopie' (griech. ou topos "kein Ort", d. h.
Nirgendsland) als bloße Schwärmerei mißversteht, wobei dann vernachlässigt wird,
daß Diesel von der Realität ausging, für diese Wirklichkeit schrieb und in ihr "in Taten
umgesetzte Solidarität"1 forderte. Andererseits wird Diesels Solidarismus in einem
Versuch Horst Hausens "als bewußte Utopie und Gegenwelt" 2 gewürdigt, wofür dann
eine mehr konstruierte "Verwandtschaft der Gedankengänge Diesels mit den
Vorstellungen von Morus"3 herhalten soll. Legt man Hausens Kategorisierungsversuch
den in der Wissenschaft eingeführten Begriff "bewußte Utopie" zugrunde, worunter per
defini-tionem ein Modell, das die realen Erwartungen übersteigt, zu verstehen ist, so
belehrt ein Blick in die Solidaris-musschrift und in Diesels Biographie eines Besseren:
Diesel ging nicht nur von der Wirklichkeit aus, sondern hegte sehr wohl auch reale
Erwartungen; das belegen Anhang 1 bis 9 zum ersten Buch 4 , in denen Diesel
statistische Berechnungen auf der Grundlage der Wirklichkeit seiner Zeit für sein
Konzept anstellt. Auch die Anfänge zur Verwirklichung, denen Diesel sich mit viel Elan
und Aufwand widmete5 , haben doch wohl reale Erwartungen im Blick. Aber wann
immer im Zusammenhang mit einer Konzeption der Begriff Utopie gefallen ist, findet
sich auch jemand, der eine Verbindung zu Thomas Morus knüpft oder konstruiert.
Hausen konstatiert, Diesel habe "den Übergang von der humanistisch-adeligen,
bürgerlichen Gesellschaft zum modernen Industriezeitalter mit den feinen Antennen
seines unruhigen Geistes"6 gespürt, und unterläßt es zu erläutern, was denn in der Zeit
Bismarcks oder Wilhelms II. "humanistisch-adelig"7 gewesen wäre. Der "Übergang
zum modernen Industriezeitalter" war 1903 wohl längst vollzogen, wie auch die
Charakterisierung der Jahrhundertwende als "Frühzeit des Kapitalismus"8 in der
historischen Zunft zumindest unüblich ist. Abgesehen von diesen sowohl historischen
als auch gedanklichen Gewaltakten, auf die inhaltlich weiter einzugehen sich im
Hinblick auf unser Thema nicht lohnt, führt der utopiebezogene Ansatz jedoch auch
methodologisch auf ein falsches Gleis, was im Fall Rudolf Diesels nur scheinbar durch
die Quellenlage unterstützt wird. Für sein Buch zum Solidarismus habe Diesel
"jahrzehntelang Beobachtungen und Notizen gesammelt"9 und "zahllose Schriften in
sich aufgenommen"10, berichtet sein Sohn und Biograph Eugen Diesel. Diese
Schriften scheinen jedoch Rudolf Diesels Aufräumaktion vor seinem Freitod zum Op-
fer gefallen zu sein11 , und einzig seine Bemerkungen zu Léon Bourgeois' Buch
'Solidarité'12 sind zu der Frage, welche Quellen Diesel für seine Arbeit am
Solidarismuskonzept benutzt oder gekannt habe, auf uns gekommen. Aber
ausgerechnet von dieser Schrift distanziert Diesel sich heftig, und so sind
Spekulationen wie den oben angedeuteten, scheinbar unterstützt durch die
Quellenlage, Tür und Tor geöffnet, genauso wie es leicht ist, Einflüsse anderer
Lösungsversuche zu demselben Problem auf Rudolf Diesel schlichtweg und ohne
weitere Begründung zu leugnen13.

"Aber das Thema lag in der Luft", stellt Theodor Rolle in seinem Beitrag zum
diesjährigen Jahresbericht des Rudolf-Diesel-Gymnasiums zutreffend fest, und es lag
nicht nur in der Luft, sondern es war seit rund einhundert Jahren manifest und betraf
Millionen von Menschen existentiell sowie andere, wenigere, als ethische
Herausforderung. Thema und Herausforderung lagen in der sogenannten Sozialen
Frage, also -um es versuchsweise auf eine Formel zu bringen - in dem Problem,
welche Lösungsmöglichkeiten es gebe und welche Wege zu beschreiten seien, um die
Not der Arbeiter zu beheben und sie sinnvoll und verantwortungsbewußt in Staat und
Gesellschaft zu integrieren. War auch die große Politik dieser Problemstellung, wo
immer sie konnte, lange Zeit in die Rolle des 'Nachtwächterstaats' ausgewichen, der
durch Polizei- und Militäreinsatz für Ruhe und Ordnung sorgte und sozusagen den
Deckel auf dem immer heftiger brodelnden Topf festhielt, und hatte dieser Staat erst
reagiert, als er sich selbst bedroht fühlte, so war die Soziale Frage für
verantwortungsbewußte Menschen doch die ganze Zeit über eine Herausforderung
geblieben, die zu den unterschiedlichsten theoretischen und praktischen
Lösungsversuchen führte.

Gesetzt den Fall, für Diesels Arbeiten zur Entwicklung seines vor nun einhundert
Jahren der Öffentlichkeit vorgestellten Motors wäre die Quellenlage ebenso desolat
wie zu seinen vorbereitenden Studien zum Solidarismus, und weiter gesetzt, es käme
nun jemand auf die Idee zu behaupten, ein Einfluß der vorangegangenen
naturwissenschaftlichen Forschungen, insbesondere der letzten 150 Jahre, zur
Entwicklung der Antriebsmaschinen sei nicht feststellbar, dafür aber bestehe eine
mehr oder weniger unmittelbare gedankliche Verwandtschaft zu Isaac Newton -
landauf, landab wäre ein belustigtes und freilich auch berechtigtes Kopfschütteln die
Folge. Im Falle des Solidarismus bleibt dieses Kopfschütteln offensichtlich aus,
wenngleich es naiv wäre, davon auszugehen, Diesel habe sich mit den Schriften zur
Sozialen Frage nicht ausführlich eingelassen oder seine Konzeption sei "im luftleeren
Raum entwickelt"14 worden. Beides wird dem Menschen, wie ihn uns die Biographie
seines Sohnes zeigt, und vor allem dem Ingenieur nicht gerecht - und keine Arbeit zum
Solidarismus versäumt es, darauf hinzuweisen, daß es der Techniker und Kon-
strukteur sei, der hier seine Gedanken entwickle. Nun ist es aber doch gerade ein
wesentlicher Teil der Methode eines Ingenieurs, der vor einem Problem steht, sich
damit auseinanderzusetzen, was zur Problemlösung schon gedacht und
unternommen wurde, welche Experimente angestellt wurden, warum sie fehlschlugen,
wo der Material- oder Rechenfehler lag, wie der Versuchsaufbau zu ändern oder ob er
grundsätzlich neu zu gestalten sei. Seine Problemlösung bleibt dennoch seine eigene
Leistung, und wird seine Konstruktion verwirklicht, so ist sein Ruhm um so größer, je
länger an dem Problem schon gearbeitet wurde und je mehr Wissenschaftler sich
daran schon 'die Zähne ausgebissen' hatten. So muß man also eher davon ausgehen,
daß der sozialreformerische Ingenieur Rudolf Diesel alles heranzog, was ihm an
Material über Lösungsversuche zu dem Problem, das ihn beschäftigte, nur zur
Verfügung stand. Bei seiner Gründlichkeit und seinem Arbeitspensum dürfte das nicht
gerade wenig gewesen sein, und die Diesel-Forscher wären gut beraten, lieber noch
eine Schrift und noch eine zu Rate zu ziehen und getrost als gedankliche
Voraussetzung anzunehmen. - Das kann nun hier im Rahmen eines Beitrags zum
Jahresbericht nicht annähernd geleistet werden, wenngleich es doch angebracht ist,
im Zusammenhang mit der Würdigung des Sozialreformers Rudolf Diesel nach der
inhaltlichen Vorstellung seines Konzepts wenigstens ansatzweise die gedankliche
Problemsituation, in deren Zusammenhang sein Lösungsvorschlag steht, zu
skizzieren.

Während der mit den Namen Karl Marx und Friedrich Engels verknüpfte Wis-
senschaftliche Sozialismus sich nicht nur mit der Analyse gegenwärtiger Zustände
beschäftigte, sondern sich vor allem als wissenschaftlicher Grundlage der Geschichte
zuwandte und diese als Geschichte von Klassengegensätzen und Revolutionen
uminterpretierte, um so aus der Gegenwartsanalyse die zwangsläufige Notwendigkeit
einer neuen Revolution ableiten zu können, ist Diesel diese Perspektive fremd. Seine
Legitimation bezieht er nicht aus einer wie auch immer gearteten Betrachtung der
Vergangenheit oder zwangsläufig perspektivischen soziologischen Analyse, sondern
aus einer im Sinne des Wortes rechnerischen Bestandsaufnahme der Gegenwart
seiner Zeit. Mußte der Wissenschaftliche Sozialismus ein komplettes philosophisches
Gebäude errichten, um seine Analyse der Produktionsverhältnisse und die sich daraus
ergebenden Konsequenzen zu erklären, sind Diesels Berechnungen von einer beste-
chenden Klarheit und könnten mutatis mutandis mit aktualisierten Zahlen auch als
Raster für heutige Analysen dienen. Beide Modelle berühren sich in der Kapitals- und
Eigentumsfrage als Dreh- und Angelpunkt, wobei beide, wie noch zu zeigen sein wird,
diese nicht neu aufgeworfen hatten. Sie unterscheiden sich jedoch in der Richtung des
Wegs, der zur Lösung dieser Frage einzuschlagen sei, um 180 Grad. Der Wissen-
schaftliche Sozialismus will Privateigentum abschaffen, Besitzende enteignen,
vorhandenes Eigentum vergesellschaften, so daß am Ende der Eigentumsbegriff in
seiner eigentlichen Bedeutung hinfällig wird. Gewalt und Revolution sind dabei - von
wenigen Ausnahmen abgesehen - nicht nur legitime Mittel, sondern geschichtliche
(Grundlage des Wissenschaftlichen Sozialismus!) Notwendigkeit. Diesel hingegen will
nicht abschaffen, sondern auf neuen Wegen neues Kapital aufbauen, um so neue
Bedingungen zu schaffen, ja eigentlich zu erschaffen. Gewalt ist hier ebenso
abwesend wie Zwang oder äußere Zwangsläufigkeit, denn sein Modell beruht auf
Freiwilligkeit (mit der Möglichkeit der persönlichen Revidierbarkeit der Zustimmung
des einzelnen), auf der Überzeugungskraft seiner mathematischen Berechnungen und
auf dem Glauben an die Fähigkeit des Menschen zur vernunftbegründeten Einsicht.
Was eine Entwicklung zum Besseren in Gang setzt, ist ihm nicht eine für die Zukunft
nicht beweisbare Zwangsläufigkeit der Geschichte, sondern der Wille des Menschen
zur Tat, den er zweifellos in sich selbst spürte. So konnte er seiner Schrift den
Untertitel "Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen" geben und sich damit
von einer revolutionären Heilsbotschaft abgrenzen, indem er den evolutionären und
zugleich konstruktiven Grundgedanken seines Konzepts betonte. Diesels Glauben an
die Kraft des Willens der einzelnen im Ganzen teilt sich dem Betrachter des Titel-
symbols der Solidarismusschrift mit, bei dem aus einem Kraftzentrum sich strahlend
"Gerechtigkeit, Liebe, Brüderlichkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit (und)
Wahrhaftigkeit"15 ausbreiten. Bleibt die Beschreibung der nachkapitalistischen
Gesellschaft bei Marx und Engels seltsam wenig differenziert, so legt gerade auf die
Zukunftsberechnung die Solidarismusschrift einen ihrer Schwerpunkte.

Auf die Bedeutung von Kapital, Eigentum und Eigentumsverhältnissen hingewiesen zu
haben, ist das Verdienst der ausgesprochen facettenreichen Gruppe der
Frühsozialisten. Von ihnen entlehnten Marx und Engels wesentliche Grund-
vorstellungen und Teile ihres terminologischen Instrumentariums, grenzten sich
jedoch deutlich ab, indem sie deren Sozialismus in durchaus polemischer Absicht als
utopisch bezeichneten, während sie für ihre Theorien wissenschaftliche Grundlagen
reklamierten. Die Spannweite der Frühsozialisten reicht von den Anhängern der
Schule Saint-Simons (der eigentlich selbst kein Sozialist war, 1760-1825), als deren
prominentester Schüler sich Napoleon III. (1808-1873) verstand und die eine zentrale
Organisation der Arbeit und einen gelenkten Ausgleich zwischen Produktion und
Konsumtion forderten, auch schon die Gesellschaft im wesentlichen in zwei Schichten
differenzierten und den Begriff des Klassenkampfs kannten, zu Louis Blanc
(1813-1882), der sich für Produktivgenossenschaften, die Arbeiter gründen sollten und
die vom Staat zu unterstützen seien, einsetzte; in der Konkurrenz mit den
herkömmlichen Produktionsbetrieben würden sich diese Genossenschaften als
überlegen erweisen; von Charles Fourier (1772-1837), der die Menschen in
Phalangen, das sind Gruppen von maximal 2000 Menschen, einteilen und jeder
Phalange eine Quadratmeile Land zuweisen wollte und davon ausging, daß innerhalb
dieser Gruppe sowohl die Arbeit als auch der erzielte Überschuß sich problemlos und
gerecht verteile, zu seinem Schüler Victor Considérant (1800-1893), der es
unternahm, in den 50er Jahren Fouriers Vorstellungen in einem (fehlgeschlagenen)
Versuch in Texas zu realisieren; von Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) und seiner
häufig verkürzten und deshalb falsch zitierten These, daß Eigentum Diebstahl sei (es
ging dabei nur um das durch Nichtstun entstandene Eigentum), der durch eine
Tauschbank ein mutualistisches System auch in einem (gescheiterten) Versuch durch-
setzen wollte, zu den Deutschen Wilhelm Weitling (1808-1871), der die Vernichtung
der bestehenden Ordnung postulierte und seine Forderung im "Evangelium eines
armen Sünders"16 , das in Unternehmerohren wie Blasphemie klingen mußte,
begründete, und Moses Heß (1812-1875), der seit der Mitte des Jahrhunderts immer
wieder die Umsetzung der Philosophie in die Tat forderte. Schließlich ist in dieser
Reihe der Engländer Robert Owen (1771-1858), der sich aus kleinsten Verhältnissen
als Selfmademan zum Textilunternehmer hocharbeitete und mehrfach immer wieder
gescheiterte Versuche unternahm, seine Vorstellungen von einem genossenschaftlich
organisierten Gemeindewesen (in einem Fall übrigens auch mit einer Tauschbank) zu
realisieren.

Daß Diesel sich nicht eingehend mit den Strömungen des Frühsozialismus befaßt
haben sollte, ist unwahrscheinlich, denn gerade die immer wieder unternommenen
Versuche, die Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft auf friedlichem Wege
in die Praxis umzusetzen, das Experiment, das der Theorie immer wieder folgte, war
etwas, das den Ingenieur eigentlich ansprechen und interessieren mußte. Zumindest
kann die Hypothese, daß Diesel sich ausführlich mit dem Schrifttum des
Frühsozialismus befaßt habe, die gleiche Wahrscheinlichkeit beanspruchen wie die
pauschale Ablehnung gedanklicher Verbindungen Diesels zu diesen Ideen17. Jene
kann indes für sich ins Feld führen, daß die Grundideen von zusammenhängenden
parzellierten genossenschaftlichen Betrieben und einem internen
Warenwirtschaftssystem bei Diesels Solidarismus eine gewisse Entsprechung finden.
Wer freilich eine "Verwandtschaft der Gedankengänge Diesels mit den Vorstellungen
von Morus"18 entdeckt haben will, muß nicht nur andere Verbindungen ablehnen,
sondern auch den geläufig gewordenen- Begriff Utopischer Sozialismus für
Frühsozialismus vermelden, weil hinter der Gedankenfülle dieser Strömung und den
doch auffallenden Entsprechungen Thomas Morus' Utopia in diesem Zusammenhang
verblassen könnte.

Betriebliche Sozialmaßnahmen und patriarchalische Fürsorge des Fabrikherrn für
seine Arbeiter, wie sie im Erscheinungsjahr der Solidarismusschrift in mehreren
Betrieben längst eingeführt waren, konnten Diesels Ansprüchen nicht genügen, denn
im Sinne einer Lösung der Sozialen Frage ernstgemeinte Versuche, wie z. B. die
glückhafte Carl-Zeiss-Stiftung Ernst Abbes, konnten ihre sozialen Zwecke "durch die
Stiftung ausschließlich vermöge statutenhafter Verwaltung ihrer Gewerbsinstitute und
innerhalb dieser ... erfüllen"19 , d. h. sie blieben auf diesen einen Betrieb begrenzt.
Andere, wie Friedrich Harkort, griffen darüber hinaus nur Teile der notwendigen
Maßnahmen, wie z. B. Bildung und Erziehung, heraus, wiesen die Eigentumsfrage
weit von sich oder versuchten, sie ad absurdum zu führen, und waren bemüht, ihre
Arbeiter zu beruhigen: Für den, der fleißig arbeite, werde sich schon alles zum Guten
richten. Ob Rudolf Diesel seinen Bienenbegriff in ganz bewußter Umkehrung der nach
dem Bild auf ihrer Titelseite mittlerweile 'Bienenkorb-Brief‘ genannten Schrift Friedrich
Harkorts20 gewählt hat, zumal es dort um die Eigentumsfrage und vorgebliche rech-
nerische Gegenbeispiele geht, muß offen bleiben. Wieder andere, wie z. B. Alfred
Krupp, taten zwar viel für ihre Arbeiter, bauten Werkswohnungen, richteten Schulen
ein, bewirtschafteten Kantinen, zahlten auch Unterstützungen und schufen
Betriebskrankenkassen - alles jedoch mit der Zielsetzung, die Arbeiter an ihren Betrieb
zu binden und von der Politik, v. a. der Sozialdemokratie, fernzuhalten.
Unmißverständlich wurde dahinter der 'Herr-im-Haus'-Standpunkt sichtbar, und
Entlassung drohte dem, der den "Aposteln der Sozialdemokraten ... Gehör"21
schenken würde.

Auch die aus dem praktischen Verständnis des Christentums angestoßenen
Lösungs-, besser Hilfsversuche konnten den Anforderungen Diesels an eine
Bewältigung des Problems nicht genügen, denn sowohl bei den auf Eigeninitiative
einzelner beruhenden als auch bei den auf die Institutionen zurückgehenden
Maßnahmen handelte es sich um ein Herumdoktern an den Symptomen, keineswegs
jedoch um eine Aufarbeitung der Ursachen, wie sie der Solidarismus vorsieht. -
Ebenso befaßte sich die staatliche Sozialpolitik bei ihrer Sozialgesetzgebung, selbst
wenn sie beispielgebend für andere Länder werden sollte, nur mit den Symptomen der
Sozialen Frage, und dies auch nur in dem Maße, wie es nötig war, um eine Ver-
söhnung der Arbeiterschaft mit dem Staat zur Bekämpfung des Sozialismus zu
erreichen. Denn, um es auf einen Nenner zu bringen, die Taktik der Arbeiterparteien
bestand darin, per ‚Revolution mit dem Stimmzettel' eine Selbsthilfe durch Politik im
Parlament zu erreichen. In beiden Fällen war der Lösungsansatz an staatliche
Institutionen gebunden und vernachlässigte oder unterdrückte gar die den Menschen
innewohnende Kraft, auf die Diesel setzte, und verhinderte die Freiheit der
persönlichen Entscheidung über sich sowie deren Revidierbarkeit, die für Diesel nicht
zur Disposition standen.

Am nächsten kam Diesels Konzeption der Grundgedanke der Gewerkschaftsbewe-
gungen, wenn diese auch unter liberalen, christlichen und sozialistischen Richtungen
uneins waren. Hier wurde auf Selbsthilfe durch Solidarität gesetzt, so daß Diesel
hoffen konnte, Resonanz und praktische Bereitschaft für den Solidarismus zu finden.
So ist sein Auftreten am 14. Januar 1904 auf dem Genossenschaftstag der
Konsumvereine in Hamburg zu verstehen, das für ihn zu einem persönlichen Debakel
wurde22 . Dies hatte seine Ursache jedoch nicht darin, daß Diesel dort eine Utopie
vorgetragen hätte - wozu er sich als praktisch orientierter Mensch wohl kaum
verstanden hätte. Vielmehr lag der Grund in organisatorischen Mängeln der Tagung 22a
.

Für Diesel stand fest, daß er nach und neben allen anderen Lösungsversuchen, wie
sie hier holzschnittartig in ihren Grundzügen angesprochen wurden, nicht einen
weiteren Versuch vorgelegt, sondern die Soziale Frage tatsächlich gelöst, hatte: "...
meine Hauptleistung ist, daß ich die soziale Frage gelöst habe"23 ; kein Konjunktiv und
kein Wort von 'Versuch'. Ausdrücklich und bewußt wehrte er sich gegen eine Etiket-
tierung als Utopist: "Es wurde euch in diesem Kapitel bewiesen, daß der Solidarismus
keine Utopie ist; bewiesen nicht durch allgemeine Betrachtungen, auf Grund mehr
oder weniger unsicherer Annahmen, sondern durch nüchterne Zahlen, geschöpft
mitten heraus aus dem wirklichen Leben ..."24.
Christoph Brede M. A.

Anmerkungen:
1)Rudolf Diesel: Solidarismus. Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen, München/ Berlin
(1903), S. 25, Die Hervorhebung bei Diesel.
2)Horst Hausen: Rudolf Diesel und sein tragisches Ende unter besonderer Berücksichtigung seines
Werks "Solidarismus", in: MAN Nutzfahrzeuge Aktiengesellschaft (Hrsg.): Leistung und Weg. Zur
Geschichte des MAN Nutzfahrzeugebaus, Berlin/Heidelberg (1991), S. 241-280; S. 271
3)ibid.
4)Diesel, Solidarismus, S. 71-84(a)
5)Eugen Diesel: Diesel. Der Mensch. Das Werk. Das Schicksal, Hamburg (1937), S. 366ff.
6)Hausen, Rudolf Diesel, S. 268
7)Hervorhebung d. Verf.
8)Hausen, Rudolf Diesel, S. 272
9)Eugen Diesel, Diesel, S. 367
10)idem, S. 372
11)Eugen Diesel: Jahrhundertwende. Gesehen im Schicksal meines Vaters, Stuttgart (1949), S. 290ff.
12)Diesels zehnseitige Bemerkungen zu Léon Bourgeois befinden sich im Historischen Archiv der MAN
AG in Augsburg.
13)Hausen, Rudolf Diesel, S. 265
14)idem, S. 257
15)Diesel, Solidarismus, "Eigenes Handexemplar" im Historischen Archiv der MAN AG in Augsburg,
inneres Titelblatt
16)entstanden 1843; Eduard Fuchs (Hrsg.): Sammlung gesellschaftswissenschaftlicher Aufsätze. Heft
4 und 5, München (1897)
17)Hausen, Rudolf Diesel, S. 265
18)vgl. Anm. 2
19)Ernst Abbe: Gesammelte Abhandlungen; Bd. III. Vorträge, Reden und Schriften sozialpolitischen
und verwandten Inhalts, Jena (1906), S. 262ff. Das Statut wurde 1905 nach dem 1896 abgefaßten
Entwurf vom Großherzoglich Sächsischen Staatsministerium, Departement des Innern genehmigt.
20)Karl E. Jeismann (Hrsg.): Friedrich Harkort. Schriften und Reden zur Volksschule und Volksbildung,
Paderborn (1969), S. 101ff.
21) Zu diesem Standpunkt beispielhaft: Alfred Krupps Briefe 1826-1887. Im Auftrage der Familie und
der Firma Krupp herausgegeben von Wilhelm Berdrow, Berlin (1928); hier: S. 343-348
22)Eugen Diesel, Diesel, S. 373
22a)Nach Redaktionsschluß zum Jahresbericht hielt Prof. (FH) Dr. Wilhelm Liebhart am 6.5.1993 in der
Fachhochschule Augsburg einen Vortrag zum Thema "Rudolf Diesel - Phänotyp seiner Zeit?", der in
seinem vorletzten Abschnitt knapp auf das Thema unseres Beitrags eingeht. Wilhelm Liebhart will
"wenn schon, dann ... Diesels Vorbilder im Genossenschaftsgedanken eines Wilhelm Raiffeisen ... und
bei den weltanschaulich liberalen Gewerkschaften (Hirsch-Dunkersche Gewerkvereine) ..." suchen. Bei
dieser Schwerpunktsetzung wird allerdings übersehen, daß sich bei Raiffeisen zwar der
genossenschaftliche Gedanke von regionalen Zentralkassen und einer Generalbank sowie die
Vereinigung von Geld- und Warenwirtschaft, nicht jedoch ein internes mutualistisches
Warenwirtschaftssystem findet. Hierfür muß eben doch weiter als bis 1864 (Heddesdorfer Spar-und
Darlehenskassenverein), nämlich auf die erwähnten Versuche der Frühsozialisten zurückgegriffen
werden. - Die "Leitsätze des Verbandes Deutscher Gewerkvereine" fügen sich kaum zu Diesels
Vorstellungen. Während jene "die Weckung und Entwicklung eines begeisterten Standesbewußtseins"
als Grundlage fordern, überwindet Diesels 'Brüdergedanke' eben alle Standes- oder
Klassenunterschiede. Die Gedankenferne gerade dieses Teils der Gewerkschaftsbewegungen zeigt
sich auch darin, daß unter den "großen Zeitidealen ... das nationale Ideal" an erste Stelle gerückt und
darüber hinaus ein umfangreicher Katalog staatlicher Maßnahmen gefordert wird. Nationalismus war
Diesels Konzeption fremd, und sein Solidarismus sollte sich frei von jeglicher staatlichen
Reglementierung verwirklichen. (Die "Leitsätze des Verbandes Deutscher Gewerkvereine" wurden am
25./26.1.1908 auf der Konferenz des Zentralrats in Berlin beschlossen; zitiert nach: Wilhelm Kulemann:
Die Berufsvereine, Jena 2.Aufl. 1908, Bd. II, S.22f.)
23)idem, S. 374
24)Diesel, Solidarismus, S. 42. Die Hervorhebung bei Diesel.

(aus dem Jahresbericht 1992/93 des Rudolf-Diesel-Gymnasiums, S. 64-70)

								
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