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Kinder aus Armut

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					    Kinder aus Armut


           Seminar:
Einführung in die Pädagogik bei
    Lernbeeinträchtigungen

            Referentinnen:
     Stephanie Reif und Mirjam Seitz
                          Gliederung
1.   „Definitionen“ von Armut – Armutskonzepte
2.   Aktuelle Armutssituation - Zahlen
3.   Ursachen von Kinderarmut
4.   Auswirkungen von Kinderarmut
     a)   Materielle Deprivation
     b)   Soziale Exklusion
     c)   Gesundheitsfolgen
     d)   Folgen hinsichtlich Bildungs- und Lebenschancen
5. „Lösungsansätze“
     a)   Ausbau Kinderbetreuung
     b)   Elterngeld und Soziale Transferleistungen
     c)   Reformen im Bildungsbereich
        1. „Definitionen“ von Armut –
               Armutskonzepte

 Vier differenzierte Ausprägungsformen der
     Armut

  → „absolute“ Armut
  → „objektive“ Armut
  → „subjektive“ Armut
  → „relative“ Armut

  nach Schubert und Klein
                Relative Armut
Die Unterversorgung von materiellen und
immateriellen Ressourcen vom Menschen bestimmter
sozialer Schichten im Verhältnis zur
Einkommensverteilung der jeweiligen Gesellschaft


Fiktive Armutsschwelle (EU 1984):
→ Haushalte, die weniger als 50% des durchschnittlich
   gewichteten Haushaltsnettoeinkommens des jeweiligen
   Landes verfügt gilt als arm
→ Sind lediglich 40% vorhanden, gilt dies als strenge Armut
                  Relative Armut
Positiv                        Negativ
 Bezug zur allgemeinen         Reduzierung des
                                 Armutsproblems auf seinen
  Wohlstandsentwicklung          rein materiellen Aspekt
  →steigt der                   Problematisch, dass der Bezug
  gesellschaftliche Reichtum     zum Durchschnittseinkommen
  bewegt sich auch die           eigentlich die ungleiche
                                 Verteilung der Einkommen
  Armutsgrenze nach oben         misst und nicht die
                                 Armutsquote nach dem
                                 Maßstab einer bestimmten
                                 Einkommenshöhe
                                Fehlende internationale
                                 Vergleiche
 Lebenslagenkonzept
   → Einbeziehung individueller Faktoren der
    Armutslebensverhältnisse

    → Grad der Ausbildung
    → fakultative Arbeitslosigkeit
    → persönlicher Gesundheitsstatus der Erfassten
    → jeweilige Wohnsituation
    → Freizeit Verhältnisse
    → Netz der sozialen Beziehungen
    → subjektives Wohlbefinden
→ Registrierung der Armutssituation von
 Kindern und Jugendlichen

→Einkommens- und Versorgungsspielraum
→Kontakt- und Kooperationsspielraum
→ Muse- und Regenerationsspielraum
→Lern- und Erfahrungsspielraum
→Entscheidungs- und Dispositionsspielraum



  „Human povertyismorethanincomepoverty –
  itisthedenialofchoicesandoppertunitiesforliving a tolerable life“
  (Human Development Report 1997)
        2. Aktuelle Armutssituation
    von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

 Studie August 2005: Seit Einführung des
 Arbeitslosengeldes II (bzw. Hartz IV) Anstieg
 der Zahl der von „relativer“ Kinderarmut
 betroffenen Minderjährigen unter 15- Jahren
 Rekordhöchststand von 1,7 Millionen
 Vergleich: 965.000 von Sozialhilfe abhängige
 Kinder (2004)
 14,2 Prozent leben in armutsgeprägten
 Familiensituationen (jedes 7. Kind)
Vergleich neue und alte Bundesländer

Alte Bundesländer             Neue Bundesländer
 Durchschnittliche            Annähernd doppelt so
   Kinderarmutsquote 12,4 %     hoch: 23,7%
 Problem in den               In vielen Städten
   Ballungsräumen: z.B.         Ostdeutschlands wird die
                                magische 30- Prozent-
   Bremerhaven 38,4% (PISA-     Marke sogar noch deutlich
   Studie), im Ruhrgebiet       überschritten
   Quoten über 20%             z.B. (Ost)Berlin 29,9 %,
 Armutsgrenze für das Jahr     Schwerin 34,3%, Görlitz 35%
   2002: 730,20 Euro           Armutsgrenze für das Jahr
                                2002: 604,80 Euro
 Dunkelziffer von Kindern und Jugendlichen in
 prekären Lebensverhältnissen, die im
 Schwellenbereich nahe an oder nur knapp
 oberhalb der relativen Armutsgrenze leben
Diese sind besonders gefährdet durch die
 Folgen der materiellen Unterversorgung, da
 sie keine staatlichen Unterstützungszahlungen
 bekommen
Fast ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen
 in Deutschland leben in belastenden
 Armutslebenslagen
             Gruppenarbeit


 Überlegt euch bitte kurz was die Ursachen
 der Kinderarmut sein könnten!
        3. Ursachen von Kinderarmut
 Arbeitslosigkeit eines oder beider Elternteile
 Alleinerziehung eines Elternparts (speziell
  Alleinerziehungsstatus der Mütter), Scheidung
 Gefährdung von Elternhäusern mit mehr als 2 Kindern
 Gefährdung von Familien mit
  Zuwanderungshintergrund
 eklatanter Mangel an (finanziell tragbaren)
  Kinderbetreuungsangeboten
 Unzureichender Lastenausgleich: Summe von
  Verdienstausfall und realen Unterhaltskosten,
  übersteigt staatliche Transferleistungen (z.B.
  Kindergeld)
    4. Auswirkungen von Kinderarmut

3 typische kindliche Armutsverarbeitungsmuster



 Mit sich selbst „ausmachen“
 „Ventilfunktion“ (Gewalt, Suchtmittel)
 Hilfe durch emotionale und soziale
  Unterstützung
             Gruppenarbeit
 Überlegt euch was denn die Auswirkungen
 genau sind.
 In welchen Bereichen äußert sich die Armut
 und was sind die Folgen?
 Worunter leiden die Kinder?

 Ihr habt 5 min
           a) Materielle Deprivation
 Fehlen eines eigenen Kinderzimmers
 Unzureichende Versorgung im Bereich der
 Kleider, des Spielzeugs und der
 Arbeitsmaterialien
 verdeckte Dimension von Mangellage:
 unzureichende Ernährung, „zufällige“
 Krankheiten bei Kindergartenausflügen oder
 schulischen Exkursionen
 Überschuldung durch Aufrechterhalten des
 Lebensstandards (Statussymbole)
 Nicht Begleichen von Miet-, Heiz- oder
 Stromkosten
               b) Soziale Exklusion
    Verminderte gesellschaftliche Teilhabe:

 Gebiet der Freizeit-, Kultur- und
 Sportveranstaltungen
    →Verzicht auf Vereinsmitgliedschaften, Musikschule
    →Verzicht auf Kino, Exkursionen in den Tierpark
Umfeldverlust durch Wohnungswechsel
 Fehlende Mobilität durch Verlust des Autos
 Schambedingter Rückzug der Eltern ins
 Private
         Beispiel Kindergeburtstag
 Haushaltsbudget erlaubt keine Geschenke
 Einladungen können nicht angenommen
 werden
 Keine Gegeneinladungen aufgrund von
 prekären Wohn- und Lebensverhältnissen
 Schleichende Auflösung des Freundeskreises
 → Psychischer Belastungsdruck
 → Fortschreitender Isolationsprozess
 Beschränkung der kindlichen Kontakte auf die
 nahe Verwandtschaft
 Eklatante Defizite im sozialen Umgang
 innerfamiliäre Zwistigkeiten
 schwierige Eltern- Kind- Verhältnisse
→ z.B. Autoritätsverlust der Eltern
               c) Gesundheitsfolgen
 Sozialmedizinische Studien: Eindeutiger
 Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit
 und kindlicher Gesundheit
 keine kausalen gesundheitlichen Folgen, aber
 „indirekte Auswirkungen“ :

  → Leben in benachteiligten Wohnvierteln
  → prekäre Wohnverhältnisse
  → mangelnde Rückzugs- und
  Regenerationsmöglichkeiten
  → weniger Möglichkeiten der körperlichen Aktivierung
  → minder gesunde Ernährung
  → weniger effektive Mundhygiene
 Keine Inanspruchnahme von
 Gesundheitsleistungen (Impfungen,
 Vorsorgeuntersuchungen)
 Verminderte Lebenserwartung von
 Einkommensrandgruppen:

 → Frauen: um 8 Jahre verminderte Lebenserwartung
 →Männer: um ca. 14 Jahre verminderte Lebenserwartung
      d) Folgen hinsichtlich Bildungs- und
                Lebenschancen

 Auffälligkeiten im Sprach-, Spiel-, Lern- oder
 Arbeitsverhalten und im Bereich des Hörens
 Weniger Fördermaßnahmen durch
 Logopädie, Ergotherapie
 Seltenerer und Späterer Kindergartenbesuch
 (wg. Kosten)
 Weniger kulturelle Freizeitaktivitäten
Nur 69% der Kinder werden regulär zum
 Stichtag ihres Jahrgangs eingeschult (88% der
 Nicht- Armen Kinder)
Auswirkungen des Erziehungsstils der Eltern:
 keine Disziplinierung, Kontrolle oder Anleitung
 der Hausaufgaben
 Schlechtere Noten, häufige
 Klassenwiederholungen, sowie in größerer
 Zahl im Förderzentrum
Statistik zur Sozialschichtzugehörigkeit
           und Bildungsgang:
 PISA- Studie: Leseleistungen in Deutschland
 im internationalen Vergleich am Stärksten von
 der sozialen Lage abhängig
 PISA: Lesekompetenz von 20% der armen
 Kinder nahezu auf dem Niveau eines
 Analphabeten!!
 PISA: Im Vergleich der Extremgruppen zeigen
 sich Unterschiede in den Naturwissenschaften
 von über einem Schuljahr
 Besondere Benachteiligung von
 Migrationskindern
 Die Ursachen des schlechten Abschneidens der
 Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen und
 Einwanderungshintergrund liegt in der Struktur
 des deutschen Schulwesens
 Die knappe Zeit- und Finanzressourcen bauen
 viel zu sehr auf die elterliche Unterstützung, z.B.
 bei der Hausaufgabenbetreuung,
 Übungsmaßnahmen und Nachhilfe
 Lehrer sehen bei diesen Kindern und
 Jugendlichen selten ihr Lernpotential und
 verteilen die Noten in den Hauptfächern nahezu
 willkürlich (IGLU-Studie)
 Fast jeder Vierte ohne Berufsabschluss und
 von Arbeitslosigkeit betroffen

 Niedrige Qualität im deutschen
 Bildungswesen mitverantwortlich für das
 schwächer werdende volkswirtschaftliche
 Wachstum
 →Fataler Teufelskreis
            5. „Lösungsansätze“
              Gruppenarbeit
                     Spot
   Hat die Politik schon brauchbare
    Lösungsansätze?
    Glaubt ihr die Politik nimmt das Thema erst
    genug?
    Nehmen wir als Gesellschaft das Thema ernst
    oder leugnen wir es?
    Versuchen die Lehrer das Problem hinter den
    Noten zu sehen?
          a) Ausbau Kinderbetreuung


Verfolgen einer kostenlosen Infrastruktur mit
 Kinderkrippen, Kindertagesstätten und
 Ganztagesschulen
 Ministerin von der Leyen: Ab 2010
 Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz
 Qualitätsstandards definieren: Kein
 „aufbewahren“ von Kindern
  b) Elterngeld und Soziale Transferleistungen


 Große Koalition: Investiert jährlich 3,8
 Milliarden € in Elterngeld
 (Lohnersatzleistungen)
 Steuerliche Absetzbarkeit von
 Betreuungskosten
 Insgesamt fehlender politischer Lösungswille
 der Parteien
        c) Reformen im Bildungsbereich

 Sensibilisierung der Fachkräfte für die
 Zusammenhänge von Kinderarmutslagen
 Reformation der Lehrerausbildung: z.B. „Didaktik
 des Deutschen als Zweitsprache“
 Mehrsprachigkeit der Migrationskinder
 wertschätzen und als Bildungsvorteil und
 Potential anerkennen
 Einsatz von Lernprogrammen: z.B.: zum
 frühkindlichen Ausbau der kognitiven Fähigkeiten
 und Sprachkompetenz
 Ghettoisierungsprozess entgegenwirken,
 Problemkonzentration in einzelnen Regionen
 vermeiden
 Mehr Personal, kleinere Klassen
 Längere gemeinsame Beschulung
 Bessere Durchlässigkeit von unten nach
 oben
 Gerechte Verteilung der Verantwortung für
 die Schüler (Schule und Eltern gemeinsam)
 Kostenlose Schulangebote auf dem Freizeit-
 und Kultursektor
         Beispiel Ganztagesschulen
 Motivationsfördernde Handlungsangebote
 → Variable Formen der Projekt- und Gruppenarbeit
 → Didaktik des Situierten Lernens
 → Zeitlich rhythmisierte und flexibel organisierte Lern-
 und Arbeitsformen
 Potential zu „Stätten der Inszenierung und Kultivierung
 tragfähiger Beziehungen zwischen Angehörigen
 verschiedener Milieus“ (Hiller)
 Kontakt zu nichtpädagogischen Personal (Handwerker,
 Künstler) und Paten
 Ganztagesschule sollte nicht sein:
 Entlastung erwerbstätiger und/oder
 Alleinerziehender Eltern
 Kompensation fehlernder
 Sozialisationserfahrungen
 „Gegenwelt zum häufig misslingenden Alltag“
 Ausweitung einer „pädagogischen Provinz“

Insgesamt betrachtet ist die Wirkungsweise der
  Ganztagesschule noch weitgehend ungeklärt
                     Fazit

 Kinderarmut ist ein Armutszeugnis, nicht für
 die Betroffenen, sonder für den Staat und die
 Gesellschaft
 Widerspruch zum Rechts- und
 Sozialstaatsprinzip
 Die ganze Gesellschaft, Politik, Wissenschaft,
 Erziehungsträger und der private Mensch ist
 gefordert
                       Literatur
 Koch, K.(2007): Armut und soziale Benachteiligung. In:
  Ellinger, S./Koch, K./Schroeder, J.: Risikokinder in der
  Ganztagsschule. Stuttgart, 102- 115
 Statistisches Bundesamt (2003): Bildung im
  Zahlenspiegel. Wiesbaden
 Feustel, E.: „Neue Kinderarmut“ in Deutschland, 11- 75
 Andrä, H.(2000): Begleiterscheinungen und
  psychosoziale Folgen von Kinderarmut: Möglichkeiten
  pädagogischer Intervention. In: Butterwegge, C.:
  Kinderarmut in Deutschland, Ursachen,
  Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen, 270- 285

				
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