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11/20/2012
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							   Die Innen- und Außenpolitik Bismarcks im Spiegel zeitgenössischer Karikaturen




Mit der heutigen Präsentation möchte ich Ihnen die Innen- und Außenpolitik Bismarcks im Spiegel zeitgenössischer
Karikaturen vorstellen. Die Präsentation ist in drei Teile untergliedert. Beginnen werde ich mit dem Beitrag, den Karikaturen
bei der Erschließung von geschichtlichen Ereignissen und Strukturen leisten können. Ausgehend davon werde ich mithilfe
einiger ausgewählter Karikaturen auf die Grundlinien der Bismarckschen Politik eingehen, soweit sie denn für die spätere
Beurteilung von Bedeutung sind. Abschließend komme ich zu einem zusammenfassenden Sachurteil.




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Karikaturen zählen zu der Gattung der Bildquellen, welche uns Einblicke in die Sachkultur, Mentalitätsgeschichte und
Realitätsdeutungen vergangener Zeiten liefern. Bei der Analyse und Interpretation jeder Bildquelle müssen wir uns stets der
veränderten hermeneutischen Situation bewusst werden. Am Beispiel dieser Zeichnung bleibt uns der zeitgenössische
Blickwinkel des Bildhauers (Donndorf) auf den wirklichen Bismarck verwehrt. So stützen auch wir uns als Historiker auf
perspektivisch verzerrte Abbilder der Realität (Büste / Perspektive des Zeichners Allers), nie aber auf die Realität selbst.
Was ist nun das Besondere an Karikaturen, diesen politisch-satirischen Zeichnungen, welche im Zuge einer zunehmend
professionelleren Reproduktionstechnik massenhaft gedruckt und über Satirezeitschriften wie dem Berliner Kladderadatsch
vertrieben wurden? Inhaltlich beschäftigen sich diese mit kollektiv bedeutsamem Zeitgeschehen. Dies macht es notwendig,
dass wir die Karikatur ausgehend von ihrer Zeit- und Ortsgebundenheit analysieren. Bezüglich der Form bedienen sich die
Karikaturisten zumeist dem Mittel der Verfremdung. Dabei wird ein der Leserschaft geläufiger Sachverhalt in einen anderen
Kontext gesetzt, übertrieben, verdichtet, reduziert und humorvoll/satirisch dargestellt. Die eingesetzten Darstellungsmittel
(Personifikationen, Symbole, Metaphern) gilt es dabei zu entschlüsseln, um so schließlich das Ziel, die appellative Absicht des
Karikaturisten offen zu legen. Denn Karikaturen sind direkt an den zeitgenössischen Betrachter gerichtet und sollen bei ihm
eine Verhaltens- bzw. Einstellungsänderung bewirken (politische Botschaft / Kritik).

=> Anwendung dieses Schemata im zweiten Abschnitt.




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(Kollektiv bedeutsames Zeitgeschehen): Diese Karikatur wird 1862 im Kladderadatsch veröffentlicht und dokumentiert
Bismarcks ersten Auftritt als preußischer Ministerpräsident. Inmitten einer tief greifenden Auseinandersetzung zwischen
Parlament und Krone, dem so genannten Heeres- und Verfassungskonflikt von 1860-62, bedeutet die Berufung des
reaktionären Scharfmachers Bismarck zum Ministerpräsidenten für Wilhelm I. Rettung in allerletzter Sekunde.
(Darstellungsmittel): Schon die Pickelspitze weist ihn als Repräsentant preußischer Machtpolitik aus. In seinen Händen hält
er einen Abdruck der Verfassung und verkündet: „Damit kann ich nicht regieren!“ Treffend illustriert der Zeichner hier
Bismarcks Grundauffassung, nach der der Staatswille über der Verfassung stehe. So entspricht es auch nicht Bismarcks
Intention, den Konflikt verfassungskonform beizulegen. Stattdessen postuliert Bismarcks für den Fall einer fehlenden
Übereinstimmung zwischen Krone und Parlament eine Verfassungslücke und regiert jahrelang ohne die Finanzbewilligung des
Parlaments weiter.
(Intention): Die Intention des Karikaturisten ist offensichtlich: Kritik an der Unterordnung von Verfassung und staatlichen
Organen unter eine Staatsräson, die sich an preußischer Machtpolitik und der Durchsetzung preußischer Interessen orientiert.

=> Zusammenfassend stellt die Karikatur Bismarck als Vertreter einer reaktionären, monarchistisch geprägten
preußischen Interessenpolitik dar, einem Urteil, dem ich mich vollkommen anschließen kann.




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(Kollektiv bedeutsames Zeitgeschehen): Diese Karikatur aus einer französischen Zeitschrift thematisiert Bismarcks
Außenpolitik. Wie sie eventuell wissen, folgte Bismarck bis zur Reichsgründung seinem „Eisen- und Blut“ Konzept, dargelegt
in einer Rede aus dem Jahre 1862. Preußen solle sich seines Militärs bedienen, da die derzeitigen Grenzen nicht günstig für ein
gesundes Staatsleben seien.
Ganz im Einklang mit dieser Maxime führt Bismarck eine Konfrontationspolitik gegen Österreich-Ungarn, die, angefangen mit
der Verhinderung einer großdeutschen Lösung, wirtschaftlichem Ausschluss durch die Zollunion und geschürter Konflikte
über die Verwaltung Schleswig und Holsteins, in einer militärischen Auseinandersetzung endet. Der Sieg Preußens besiegelt
das Ende des Deutschen Bundes und bedeutet den Anfang einer kleindeutschen Lösung unter der Führung Preußens: Der
Norddeutsche Bund von 1867.
In einem zweiten Schritt gelingt es Bismarck, im Vorfeld der Eskalation französisch-deutscher Beziehungen, die süddeutschen
Länder durch Schutz- und Trutzbündnisse an sich zu binden. Erst der vom Zaun gebrochene Krieg zwischen Frankreich und
dem Norddeutschen Bund ermöglicht es ihm dann, die süddeutschen Staaten zu einer Reichseinigung zu bewegen. So kommt
es schließlich, während Paris noch belagert wird, zur Reichsproklamation in Versailles.
(Darstellungsmittel):Nun zu den verwendeten Darstellungsmitteln: Wir sehen einen riesigen Bismarck in militärischer
Uniform unter einer übergroßen Pickelhaube (Symbole preußischer Militärmacht), wie er mit eisernem Besen eine Gruppe
starrsinniger deutscher Soldaten auf einen Haufen kehrt, um sie – so lautet die Bildunterschrift – zum Krieg gegen die
Franzosen anzutreiben: „Los geht’s! Geht weiter oder sterbt! Noch schneller! Oder die Franzosen essen euer Sauerkraut!“
(Intention): Das Anliegen des französischen Karikaturisten ist es dabei offensichtlich, Bismarck als verantwortlichen
Kriegstreiber darzustellen.

=> Dass Bismarck bis 1871 nicht vor Krieg zurückschreckte, sofern er denn preußischen Interessen diente, erscheint
vor dem geschilderten Hintergrund durchaus plausibel. Zu bedenken ist hier allerdings, dass die Komplexität der
Ereignisse stark reduziert wurde, die Mitwirkung Napoleons III. an der Eskalation des Konflikts beispielsweise keine
Erwähnung findet.




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(Kollektiv bedeutsames Zeitgeschehen): Mit dieser Karikatur aus dem Jahre 1879 wenden wir uns der Bismarckschen
Innenpolitik zu. Nach der Reichsproklamation steht Bismarck mit einer auf ihn zugeschnittenen Verfassung als preußischer
Ministerpräsident und Reichskanzler im Zentrum der Macht. Dennoch, um Gesetzesvorhaben, insbesondere Haushaltsvorlagen
durchzusetzen, ist er auf die Mitarbeit des Parlaments angewiesen, wie auch die Parteien auf ihn angewiesen sind, um ihre
Teilinteressen durchzusetzen. Im Zuge dieser Interdependenz bedient sich Bismarck jeweilig derer Parteien, mit deren Hilfe er
seine jeweiligen Ziele erreichen kann.
Mit den Liberalen (bis 1877 die absolute Mehrheit im Parlament) teilt er zunächst die Vorstellung eines liberalen
Wirtschaftssystems und die Furcht vor dem Ultramontanismus (Pius IX). So unterstützen diese ihn im Kulturkampf gegen das
katholische Zentrum (Staat  Kirche).
Mit einem Wandel von der Freihandels- zur Schutzzollpolitik und ersten Auseinandersetzungen mit den Sozialdemokraten
entfernt sich Bismarck zusehends von den Liberalen und wendet sich der jungen (1876) Deutsch-Konservativen Partei zu. Mit
ihnen bestreitet er auch seinen mit Zuckerbrot und Peitsche betriebenen Kampf gegen die Sozialdemokratie. Jedoch können
weder die Sozialgesetze noch das Sozialistengesetz den Aufstieg der Sozialdemokraten bremsen, wie zuvor auch sein
Kulturkampf dem katholischen Zentrum eher Zulauf verschafft (1890 Zentrum stärkste Partei).
Zumindest seine Feindschaft zum Zentrum weicht ab 1878 zunehmend einer Zusammenarbeit, bei der diese ihn gegen die
Sozialdemokraten und bei seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik unterstützen.
(Darstellungsmittel): Was die Darstellungsmittel angeht, kombiniert der Karikaturist hier geschickt die Metapher des
Staatsschiffes in stürmischer See mit dem Bild Bismarcks als Steuermann & den Parteien als Steuerrad. Interessant, dass hier
auf die Sozialdemokratie im Zuge der anhaltenden Auseinandersetzung als Speiche im Steuerrad verzichtet wurde, womöglich
repräsentieren diese das aufziehende Gewitter.
(Intention): Staatsschiff, Steuermann, Steuerrad und Sturm tragen dazu bei, Bismarcks tragende Funktion als Staatslenker wie
auch die untergeordnete Rolle der Parteien im Kaiserreich hervorzuheben.

=> In der Tat schaffte es Bismarck unter Ausnutzung unterschiedlicher Parteiinteressen den Kurs des Staatsschiffes zu
bestimmen, doch urteilt diese Karikatur in ihrer Darstellung sehr zu Gunsten Bismarcks, dessen Handeln nicht kritisch
auf mögliche Konsequenzen hinterfragt wird.

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(Kollektives Zeitgeschehen): Zurück zur Außenpolitik. Dieser 1888 veröffentlichten deutschen Karikatur geht eine Wende in
der Bismarckschen Außenpolitik ab 1871 voraus. Bismarck hat seine Ziele erreicht, realisiert aber die Gefahr zukünftiger,
feindlicher Koalitionen. Allen voran Frankreich gilt es zu isolieren, um mögliche Kriege, insbesondere Zwei- oder
Dreifrontenkriege zu verhindern. Dies wird ihm umso bewusster, als dass ihm die Krieg-in-Sicht-Krise (1875) bzw. die
Orientkrise (1876-1878) die Sensibilität des europäischen Friedens vor Augen führen. In letzterer Krise ist er gar darum
bemüht, als „ehrlicher Makler“ für einen Ausgleich zwischen den Konfliktparteien zu sorgen. Die von Bismarck im Kissinger
Diktat ersonnene Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich der Hilfe Deutschlands bedürfen, versucht er
mittels eines komplizierten Bündnissystems umzusetzen.
Einem Dreikaiserabkommen mit Österreich-Ungarn und Russland folgt nach Abkühlung der russisch-deutschen Beziehungen
ein Zweibund (1879) mit Österreich-Ungarn, später um Italien zum Dreibund erweitert. Nach erneutem Scheitern der
Dreikaiserpolitik schließt Bismarck 1887 einen Rückversicherungsvertrag mit Russland, um einer russisch-französischen
Annäherung entgegenzuwirken. Zu England pflegt man freundschaftliche Beziehungen. Angesichts stark konträrer Balkan-
Interessen Russlands und Österreich-Ungarns bleibt Bismarcks Bündnispolitik nicht frei von Widersprüchen, spätestens ab
dem Zeitpunkt, als Bismarck Russland in einer geheimen Zusatzklausel des Rückversicherungsvertrags Unterstützung zu einer
aktiven Meerengenpolitik zusagt.
(Darstellungsmittel): Dieser Balanceakt der Bismarckschen Friedenspolitik kommt in der Karikatur von 1888 gut zum
Ausdruck. Zwischen einem französischen Offizier auf der linken und einem russischen Offizier auf der rechten Seite vollbringt
Bismarck nach Auffassung des Karikaturisten eine Leistung, die eines Herkules würdig wäre, nämlich trotz allgegenwärtiger
Bedrohung den Frieden in Form eines Olivenzweigs aufrechtzuerhalten. Dies gelingt ihm hier aufgrund seiner Position, welche
der Lage und Bedeutung des Deutschen Reiches in Europa gerecht wird, dem Betrachter aber zugleich die dafür notwendige
Voraussetzung der Trennung von Frankreich und Russland vor Augen führt.
(Intention): Was aber würde geschehen, wenn Bismarck die Arme sinken ließe, der Olivenzweig fiele, das Licht erlöschte?
Diese Karikatur ist ein gutes Beispiel für die Leistung des Mediums als geschichtliche Quelle, da sie ein Ziel der
Bismarckschen Außenpolitik bildhaft verdichtet und zur Nachdenklichkeit anregt.

=> Bismarck tritt zusammengefasst als Bündnispolitiker zur Erhaltung des Friedens in den Vordergrund, obgleich
natürlich die Konsolidierung der deutschen Machtstellung das ausschlaggebende Motiv für diese Politik gewesen sein
dürfte.

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(Kollektiv bedeutsames Zeitgeschehen): Diese Karikatur wurde 1890 zusammen mit der Bildunterschrift „Dropping the
pilot“, zu Deutsch „Der Lotse geht von Bord“, in der englischen Zeitschrift Punch veröffentlicht und thematisiert Bismarcks
Entlassung durch Wilhelm II.. Bismarck hatte in der Verfassung selbst dafür gesorgt, dass der Reichskanzlerposten vom
Parlament unangreifbar und nur abhängig vom Vertrauen des Kaisers war. Dabei handelte es sich bei seinem ersten
Vorgesetzen, Wilhelm I., um eine Person, die sich stark von Bismarck dominieren lässt. So äußerte sich Wilhelm I. einmal
selbst: „Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler König zu sein“ (zitiert nach: Geo Epoche 12 / 2004, S. 42). Erst 1888
stirbt Wilhelm I. im Alter von 91 Jahren.
Ab diesem Zeitpunkt beginnt der Stern Bismarcks zu sinken. Der liberal eingestellte Thronfolger Friedrich III. steht Bismarck
weitaus kritischer gegenüber. So hatte Friedrich III. einst geurteilt: „Bismarck hat uns groß und mächtig gemacht, aber er
raubte uns unsere Freunde, die Sympathien der Welt und – unser gutes Gewissen“ (zitiert nach; Anno III, S. 141). Jedoch
kommt Friedrich III. infolge seines schweren Krebsleidens nicht dazu, seine liberalen Vorstellungen umzusetzen und geht als
99-Tage-Kaiser in die Annalen der Geschichte ein. Ihm folgt Wilhelm II., 29 Jahre alt, voller Tatendrang und beseelt von der
Vorstellung, dem Deutschen Kaiser und seinem Reich Weltgeltung zu verschaffen.
Im Zuge der Einleitung herrlicher Zeiten erscheint ein zu großformatiger Reichskanzler gegenüber dem Kaiser zu dominant,
eine zurückhaltende Außenpolitik nicht opportun, eine Konfrontation mit der Arbeiterbewegung nicht volksnah. 1890 fordert
Wilhelm II. daher Bismarck auf, sein Entlassungsgesuch einzureichen. So tritt Bismarck im Alter von 75 Jahren von seinem
Posten zurück.
(Darstellungsmittel): Neben bereits bekannten Staatsschiff-Metapher sticht die unterschiedliche Darstellung Bismarcks und
Wilhelms II. ins Auge. Neben dem alten Lotsen des Staatsschiffs, der bedächtig, gar rührselig mit einer letzten Berührung das
Staatsschiff verlässt, strahlt der junge, schmale Wilhelm II. mit verschränkten Armen und verträumt-trotzigen Blick keine
kaiserliche Würde aus, sondern wirkt unsicher und unstet.
(Intentionen): Ohne den langjährigen Lotsen an Bord des Staatsschiffs deutet der Karikaturist schon sehr vorausblickend die
sich anbahnende Kursänderung des jungen Hasardeurs Wilhelm II. an.

Bismarck tritt hier ein letztes Mal als Faktor und Garant einer kontinuierlich betriebenen Staatspolitik auf, bevor
das Staatsschiff unter der Führung Wilhelms II. einen verheerenden Kurswechsel vornimmt.



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Kommen wir nun zum womöglich wichtigsten Punkt dieser Präsentation, dem zusammenfassenden Sachurteil:
Zu den Karikaturen: Die behandelten Karikaturen greifen bedeutsame politische Ereignisse mit Bismarck als Hauptakteur
auf. Sie kommentieren und beurteilen diese – mit dem Mittel der karikaturistischen Verfremdung – kritisch, wobei die
französische Karikatur besonders beißend ist, was der antifranzösischen Politik Bismarcks durchaus entspricht. Sie können
aber durchaus auch Zustimmung signalisieren, was beispielsweise Bismarcks Friedenspolitik betrifft. Letztlich ermahnen sie
den Betrachter zu einer aufmerksam kritischen Haltung gegenüber der zeitgenössischen Politik und sind ein Spiegelbild der
anhaltend widersprüchlichen Meinungen über Bismarck. Die veränderte hermeneutische Situation, welche ich eingangs
erwähnte, dürfte das ihrige dazu beigetragen haben, dass bis heute die wissenschaftlichen Kontroversen nichts an ihrer Schärfe
eingebüßt haben. Schließlich lauert hinter jeder vermeintlichen Objektivität ein Maß an Perspektivität, dessen wir uns nicht
entledigen können. Dies darf natürlich nicht als Ankündigung verstanden werden, auf jegliche Bewertung zu verzichten.
Zu den Grundlinien der Innen- und Außenpolitik: In der Außenpolitik sollte positiv vermerkt werden, dass Bismarck den
Dualismus für Preußen entschied, die süddeutschen Staaten zur Reichsgründung bewog und als „ehrlicher Makler“ –
wenngleich aus Interesse an Machtkonsolidierung – lange für Frieden sorgte. Natürlich betrieb er bis 1871 eine gezielte
Konfrontationspolitik, machte Frankreich dabei zum Erbfeind und schloss Bündnisse, die nicht frei von Widersprüchen waren.
Doch muss aber die Frage gestellt werden, inwieweit Krieg, das Ausbluten des besiegten Feindes und das Schließen von
Geheimbündnissen nicht allgemeine Erscheinungen der damaligen Politik waren.
In der Innenpolitik muss Bismarck zugestanden werden, dass er die preußische Monarchie vor dem Untergang bewahrte, einen
identitätsstiftenden Nationalstaat schuf und die fortschrittlichsten Sozialgesetze seiner Zeit verabschiedete. Doch verhinderte
die Beibehaltung der Monarchie nicht womöglich demokratische Entwicklungen, entfernte sich die Arbeiterschaft nicht
zunehmend vom Staat und wurden die Sozialgesetze den Nöten weiter Bevölkerungsschichten gerecht? Zudem überging
Bismarck Parlament und Gesetze und wertete damit die parlamentarische Demokratie ab, kreierte den übermächtigen
Reichskanzlerposten und schuf damit die Möglichkeit des Missbrauchs und bekämpfte Oppositionelle als „Reichsfeinde“,
setzte also bewusst erste antidemokratische Akzente, die sich später einmal ausweiten sollten.

Somit stehen großen Verdiensten in der Außenpolitik, namentlich der Reichsgründung und der anschließenden
Friedenspolitik Fehler in der Innenpolitik gegenüber, die allerdings erst auf längerfristige Sicht ihr ganzes
zerstörerisches Potential entfalten sollten. Daher sollte Bismarck vor dem Tribunal des Geschichte meiner Meinung
nach zu allererst die Anerkennung seiner Leistung als Reichsgründer zuteil werden.


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