Docstoc

Worum es geht

Document Sample
Worum es geht Powered By Docstoc
					WORUM ES GEHT

Der Komodowaran tut es nicht, der Mantelpavian auch nicht. Nur der Mensch tut es:
heiraten. Warum er das tut, ist nicht ganz klar, denn eigentlich gibt es keinen Grund
dafür. Abgesehen von dem, seine Pension oder Rente einem Hinterbliebenen
vermachen zu können, anstatt sie dem Staat in den Schlund zu werfen, auf dass er
davon Firlefanz kauft.
Wenn wir versuchen, den Akt des Heiraten kulturhistorisch aufzuschlüsseln, stellen
wir fest, dass er vergesellschaftet ist mit einer völligen Fehleinschätzung. Und diese,
wir ahnen es schon, entsteht aus dem Unvermögen, sich in Frage zu stellen. Womit
wir wieder beim Helmuth-Kohl-Syndrom wären. Es reicht eben mitnichten aus, einen
Ozeanriesen fahren zu wollen, man muss ihn auch steuern können. Das setzt
logische und mathematische Kenntnisse voraus. Das Selbe gilt für die Ehe. Liebe
allein langt nicht. Denn dem menschlichen Genom liegt eine mathematische
Gleichung zugrunde, folglich muss menschliches Miteinander ebenfalls als
Gleichung verstanden werden. Dies wurde bislang unterlassen, im Kleinen wie im
Großen. In völliger Ignoranz des vierdimensionalen 360 Grad Kreises, den wir Erde
nennen, trennte und trennt man die Welt in Nationen. Und wundert sich, warum man
keinen Fuß auf den Boden kriegt.

Findet das Ganze keinen gemeinsamen Nenner, macht es Sinn, die kleinste Einheit
zu betrachten, weil eine Kette nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Krieg und
Gewalt entstehen dort, und mit Ihrem Ja-Wort vor dem Standesbeamten pflanzen
Sie dazu den Keim.
Weltweit und durch alle Zeiten hindurch passiert der Akt der Ehelichung nach den
immer selben Schemata. Patriarchat und Matriarchat, also Papa und Mama, treffen
sich vor einem dritten (übrigens meistens einem Vertreter des Patriarchats!) und
bitten um die Erlaubnis zur ehelichen Vereinigung. Spricht kein Dogma oder
sonstwer dagegen, wird diese von der Obrigkeit erteilt. Und zwar pro forma. Ohne
Begrenzung, ohne Probezeit, ohne Prüfung. Beginnt man irgendwo einen neuen
Job, behält sich der Chef einige Monate vor, den Bewerber grundlos wieder
fortzujagen, falls er den Erwartungen nicht entspricht. Der ins Beamtentum
strebende muss sogar ein ganzes Jahr lang die Referenz aufrecht erhalten, mittels
derer er in die Staatskaste gelangte. Darüber hinaus bedarf es für die meisten
Verdingungen einer Prüfung, mittlerweile sogar für die Aufnahme in den
Kindergarten. Nur zum Heiraten nicht. Dabei täte sie gerade dort Sinn machen. Mit
wenigen einfachen Fragen ließe sich nämlich austesten, ob die Bewerber für eine
solch innige Verbindung überhaupt geeignet sind. Verstehen Sie: bei der
Führerscheinprüfung werden Sie gefragt, wie Sie die Räder eines Autos
einzuschlagen haben, wenn es abschüssig geparkt wird, doch das Thema Toleranz
zum Beispiel, wird vor dem Heiraten nicht einmal ansatzweise gestreift. Der Grund,
weswegen der Staat will, dass seine Bürger heiraten, resultiert aus dem besonderen
Schutz, unter dem eine legitim zustande gekommene Familie angeblich steht. Was
allerdings nur bedeutet, dass es danach unheimlich schwer ist, Alkoholikereltern die
geprügelten Kinder wegzunehmen. Denn in Wirklichkeit ist keine Institution, welcher
Größe sie auch immer sein mag, an etwas anderem interessiert, als daran, sich
selbst zu erhalten. Das, was man besonders zu beschützen verspricht, bedarf auch
des besonderen Schutzes. Und was eines besonderen Schutzes bedarf, agiert nicht
vollständig frei und unabhängig. Der Staat ist nicht sozial, er ist bestenfalls gerecht.
Das zeigt sich spätestens dann, wenn als letzte Instanz die Justiz greift, deren
Maskottchen nicht umsonst eine Augenbinde trägt. Stets geht dem Staat die Ruhe
und Ordnung noch vor der freien Entfaltung, egal welchen Rang er der Freiheit
einräumt. Und das, was an Vergünstigungen den Protagonisten einer Familie in
Aussicht gestellt wird, kommt als Verpflichtung doppelt auf sie zurück. Doch mutet
dieser Versuch wie ein Gang über Eschers Treppe an. Da Moral sich nicht
einfordern läßt, ist Bestrafung keine echte Option, kommt es innerhalb der
beschützten Familie zur Straftat. Fehlt der Respekt, führt sich die Ehe ad absurdum,
egal ob die Polizei oder das Familiengericht eingreifen.

Unabhängig von dieser weltlichen Problematik gibt es noch die imaginäre, in welcher
das Patriarchat tatsächlich glaubt, Herr im Haus zu sein. Das unter dieser Herrschaft
leidende Matriarchat verkennt dabei allerdings, daß es selbst eine der größten
Zuliefererfirmen für die Dummheit der Männer ist. Sei es, indem es Mäuschen auf
dem Beifahrersitz eines Opel-Mantas spielt, sei es, indem es in all seinen Formen
kuscht. Da aber Kuschen nicht wirklich schön ist, wurde die Idee der
Emanzipationsbewegung entwickelt, an deren Spitze den Suffragetten immerhin
schon einfiel, ihren Männen Liebesentzug anzudrohen für den Fall, daß ihre Blödheit
allzusehr ausufert. Dieser Liebesentzug bezeichnet allerdings auch das
zugrundeliegende Dilemma, denn recht eigentlich ist das Patriarchat ein Matriarchat
- es weiß nur keiner. Emanzipation kann aus diesem Grund auch nicht funktionieren;
sie setzt nämlich eine neue Denkweise der Frauen, nicht der Männer voraus. Es
reicht nicht aus, wie manch Amazone in der Vergangenheit vermutete, sich als Frau
in Männeranzüge zu zwängen oder marodierend durch maskuline Drohnenhorte zu
ziehen. Männliche Dummheit ist nicht mit Gewalt oder Moralvorschriften zu
besiegen; es bedarf vielmehr eines paradox anmutenden Tricks, nämlich dem, die
Dummheit der Frau zu beseitigen. Da der Herr seine Herrschaft auf seiner
überragenden Intelligenz begründet sieht, wird ihm nichts anderes übrigbleiben, als
mit der wachsenden weiblichen Intelligenz mitzuziehen. Und so irgendwann an
einen Punkt gelangen, wo er endlich sich selbst in Frage zu stellen in der Lage ist.
Zwar wird er an diesem Tag vom Tellerrand fallen, doch wenn er den Aufprall
überlebt, hat er erkannt, daß weder er noch sein teures Auto die Krone der
Schöpfung sind, sondern, daß lediglich ein evolutionär mutierter Mantelpavian in der
Lage ist, gebogenes Blech einigermaßen fehlerfrei von A nach B zu steuern.

Vor vielen Jahren erklärte ein Satiriker das Wort EHE zur Abkürzung. Seiner
Meinung nach kommt es aus dem Lateinischen und heißt: Era humanem est - irren
ist menschlich. Die zweite Generation der Suffragetten titelte daraus `irren ist
männlich'. Demnach scheinen die drei Aggregatzustände zwischenmenschlicher
Beziehungen - ledig, verheiratet, geschieden - entweder abstoßender oder
anziehender Polarität zu sein. Anders aber als es zum Beispiel beim Sauerstoff der
Fall ist, wechselt der Mensch ständig seine Polarität. Dieses flatterhafte macht ihn
zwar unberechenbar, doch verleiht es ihm auch eine gewisse Dramatik gegenüber
dem Sauerstoffmolekül, das im Grunde stinklangweilig ist. So ist auch die
chemische Reaktion von Luft längst nicht so interessant, wie wenn Mensch auf
Mensch reagiert. Trotz ähnlichem Bindungsverhalten - Atom wie Mensch versuchen
sich zu ergänzen - ist das Gebaren eines Verwaltungsangestellten, trifft er auf die
passende Chemie in Form eines Weibes, immer noch spannender als die
Begegnung eines Sauerstoffatoms mit einem Eisenträger. Das mag nicht unbedingt
für den Eisenträger sprechen, doch reicht es allemal aus, endlos lange Soaps mit
dem immer selben Thema zu füllen. Unter der Überschrift `Gute Zeiten, schlechte
Zeiten', kommt es vor, während und nach einer Ehe zu Szenen, deren marginale
Varianz von keinem anderen Tier in der Welt übertroffen wird. Das genetisch
verankerte Bindungsverhalten zieht sich durch alle Zeiten, alle Nationen, alle
Bevölkerungsschichten. Dabei ist unerheblich, welcher geschlechtlichen Art die
Konstellation ist. Erst mit dem Zeitpunkt, ab dem man endlich sein Pferd oder seinen
Kleiderschrank heiraten darf, wird die allgegenwärtige Seifenoper Impulse erhalten,
die ihr auch die Homosexuellenbewegung nicht wirklich geben konnte. Daß das
irgendwann der Fall sein wird, steht klar. Denn schließlich must the show go on, das
Welttheater muß am Laufen gehalten werden. Nicht nur, weil immer mehr Darsteller
auf die Bühne drängen, sondern vor allem, weil uns sonst unsäglich langweilig
werden würde. Die Krise und wie man sie erreicht ist nämlich eine weitere
Überschrift in diesem Weltentheater. Wenn Ihr Kleiderschrank Sie nicht mehr
versteht, versagt der beste Therapeut, der möglicherweise Ihre normale Beziehung
gerettet hätte. Und jammernd können Sie sich wieder Ihrem Kummer hingeben.

				
DOCUMENT INFO
Shared By:
Categories:
Tags:
Stats:
views:13
posted:11/19/2012
language:German
pages:3