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					                   Prof. Dr. Gunda Schneider-Flume
              Theologische Fakultät der Universität Leipzig
                    Vortrag in Leipzig am 7.11.2003




  Die biblischen Geschichten und die Geschichte Gottes.
Überlegungen zum Reden von Gott im Religionsunterricht.
Gliederung:
1     Biblische Geschichten und der Bildungsauftrag des Religionsunterrichtes ................................ 4
2     Die theologische Bedeutung der biblischen Geschichten ............................................................ 6
3     Geschichten als Lebensdimensionen ........................................................................................... 8
    3.1     Die Wirklichkeit der Barmherzigkeit oder der Realismus des Erbarmens .......................... 8
    3.2     Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?................................................................... 13
    3.3     Klage: Warum bricht Gedenken ab? Warum hast du mich verlassen? Wenn Gottes
    Geschichte Erbarmen und Gedenken ist: Warum bricht Gedenken scheinbar ab?........................ 16
    3.4     Entfremdung und Sünde..................................................................................................... 17
    3.5     Schöpfung und Lebensfreude............................................................................................. 18




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„Sie werden lachen: Die Bibel“, antwortete Bert Brecht auf eine Zeitungsumfrage, was sein
stärkster literarischer Eindruck gewesen sei. Sie werden lachen: die Bibel! Brecht müssen wohl die
Geschichten der biblischen Tradition ansprechend, einladend, anregend, provozierend und einleuch-
tend oder Widerspruch hervorrufend vorgekommen sein, diese Geschichten mit all ihrem Witz und
ihrer Lebensweisheit, ihrer Erfahrungsfülle und Phantasie, ihrem Nachdenken über Gut und Böse,
über Leiden und Glück, kurz die Geschichten vom Leben.


Meine eigene Erinnerung an die erste Begegnung mit biblischen Geschichten in der ersten Grund-
schulklasse vergegenwärtigt mir die Erzählung der Schöpfungsgeschichte, der 62 Kinder (1948 in
der ersten Grundschulklasse!) wie gebannt lauschten. Die Lehrerin konnte erzählen, und ihr
Erzählen erschloss uns Welten, die wir mit unserer Phantasie weiter erzählen und ausmalen
konnten. So entstanden, getrennt von dem, was wüst und leer und finster war, wovor man recht-
schaffen Angst hatte, lichte Lebensräume, die bevölkert wurden von allen nur denkbaren Tieren,
unseren Lieblingstieren zumal, die umherspazierten unter den Bäumen, an denen unbegrenzt von
den Früchten wuchs, von denen wir ganz bestimmt 1948 nicht genug hatten. Aber es tat gut zu
hören, dass das gut genannt wurde, wenn da genug zu essen war und man nicht die oft gar nicht
schmackhafte Schulspeise essen musste, sondern wenn da wirklich Köstliches zu essen war. Wir
ergingen uns also begeistert in den mit den Schöpfungstagen entstehenden Lebensräumen des
Paradieses, in denen das, was wüst und leer war, das Chaos, immer deutlicher ausgegrenzt wurde.
Wir waren ganz und gar verwickelt in diese Geschichten. Geschichten packen einen, regen an,
fördern Phantasie und Verstand. Man lebt in ihnen und erzählt und denkt sie weiter, und sie
wachsen mit einem ein ganzes Leben. Sie sind lebendiger Sprach- und Lebensraum. Geschichten
lassen einen die Angst miterleben und die befreiende Freude. Geschichten, auch Geschichten von
Gotteserfahrungen ereignen sich nicht in Sonderbereichen, sondern in und mit den Erfahrungen von
Leben.


Horst Bienek erzählt, wie er Bestärkung und Trost durch die Freiheitsvision eines biblischen Textes
des Apostels Paulus (2Kor 4, 8ff und 6, 8ff) erfuhr, als er 21jährig 25 Jahre Zwangsarbeit im
Schacht 29 in Workuta leisten sollte. Es gab da keine Bücher, auch keine Bibel, aber einen
litauischen Pfarrer: „Die Schergen hatten ihm alles abgenommen, auch die Heilige Schrift. Pfarrer
Mikas hatte aber eine Reihe von Bibeltexten auswendig gelernt, und wir waren überrascht wie viele
er im Kopf hatte, und das im reinsten Lutherdeutsch.[...] Ich erinnere mich noch, wie er nun aus
dem Zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther vorgetragen hatte, in dem den
Unterdrückten Trost verheißen wird, den Leidenden Sieg, den Gefangenen Freiheit, den Sterbenden

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Triumph. Ich hörte dem Pfarrer zu, ich hing an seinen Lippen, ich verzehrte wie Manna jedes Wort,
jeden Satz.“ Geschichten gehen mit im Leben, man kann davon leben.


Aber ich erinnere mich auch an die Langeweile, wirkliche Langeweile über biblische Geschichten
im Religionsunterricht, die dann zu dem verächtlichen Urteil: „Och, die Bibel“ führte, und zu den
langen Gesichtern, wenn schon wieder Geschichten dran waren.


Von daher und von der Beobachtung des Religionsunterrichts meiner drei Kinder stammen meine
drei Maximen:
Das Einzige, was Religionsunterricht nicht sein darf: langweilig,
das Einzige, was Religionsunterricht nicht tun darf: Fragen verbieten,
das Einzige, was Religionsunterricht nicht darf: unverständliche Phrasen weitergeben.


Wenn das nicht eingehalten wird, kommen die biblischen Geschichten in Verruf, wie das in der
Geschichte der Religionspädagogik auch theoretisch schon gelegentlich geschehen ist.


Ich will einleitend zwei Aspekte bedenken:
1. Biblische Geschichten und der Bildungsauftrag des Religionsunterrichtes;
2. Die theologische Bedeutung der biblischen Geschichten,
um in einem dritten Abschnitt „Geschichten als Lebensdimensionen“
das Miteinander und Ineinander der biblischen Geschichten und der Geschichte Gottes an fünf
Themen kurz anzudeuten:
3. 1. Realismus der Barmherzigkeit
3. 2. Was ist der Mensch?
3. 3. Der nüchterne Blick auf die Welt: Entfremdung und Sünde
3. 4. Warum? Die Frage nach dem Leiden
3. 5. Die Welt als Schöpfung und die Freude



1   Biblische Geschichten und der Bildungsauftrag des Religionsunterrichtes


Der Bildungsauftrag des Religionsunterrichtes zielt ebenso wie der Bildungsauftrag der Schule
überhaupt auf die Sprach- und Kommunikationsfähigkeit der Schüler, auf Wertbewusstsein und
Weltorientierung. Im neu überarbeiteten Lehrplan Grundschule Klassenstufe 1-4 für Sachsen heißt

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es: „In der Grundschule erwerben die Schüler die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen.
Sie entwickeln    in   allen Fächern ihre Kommunikationsfähigkeit         und lernen, Sprache
situationsangemessen zu gebrauchen.“ (S. 7)


„Die Schüler entwickeln eigene Wertvorstellungen, in dem sie Werte im schulischen Alltag erleben
und erfahren.“ (S. 8) Im Lehrplan Mittelschule Klasse 5-10 ebenso wie im Lehrplan Gymnasium
evangelische Religion in Sachsen heißt es: „Der Religionsunterricht hat die Aufgabe, junge
Menschen bei ihren Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Suche nach eigener Orientierung zu
begleiten und altersspezifische Lebenshilfen zu geben, damit sie in der Gesellschaft mündig werden
und Achtung vor Andersdenkenden einüben können.“ (S. 7) Orientierung, Mündigkeit und Urteils-
findung sind mit der Sprachfähigkeit aufs Engste verbunden.


Mit der Entwicklung der Sprache erschließen sich Welt und Erfahrung. Das gilt nicht für alle
Altersstufen der menschlichen Entwicklung so stark wie für die ersten drei Lebensjahre, aber die
Verschränkung von Sprache, Erfahrung und Welt ereignet sich ein ganzes menschliches Leben
hindurch, die Förderung und Entwicklung von Sprache ist in besonderer Weise Aufgabe der
Schulen in allen Jahrgangsstufen und Schularten und in allen Fächern. Ohne Sprache keine
Erfahrung und keine Welt. Freilich gibt es verschiedene Sprachen, und eine Sprache vermag nicht
alles zu sagen: Die verschiedenen mathematischen Sprachen machen das deutlich. Bestimmte
mathematische Phänomene lassen sich nur mit ganz bestimmter mathematischer Sprache
ausdrücken. Die Entdeckerfreude aber eines Mathematikers lässt sich nicht in mathematischer
Sprache zum Ausdruck bringen. Lebenserfahrungen, Erwartungen, Hoffnungen, Enttäuschungen,
nüchterne Wirklichkeitseinschätzung, Leiden, Verzweiflung, Angst, Mut und Freude brauchen eine
andere Sprache als die Berechnungen etwa der globalen volkswirtschaftlichen Zusammenhänge.
Sprachvermögen und Kommunikationsfähigkeit verlangen das Erlernen von vielfältigen Sprachen.
In der Schule geschieht das, auch in der Schule lernen die Heranwachsenden verschiedene Sprache.
Schon Schüler der 5. und 6. Klasse wissen einen Unterschied zu machen zwischen der Sprache im
Biologieunterricht und der im Deutsch- oder Religionsunterricht. Seinen Grund hat das in dem ganz
unterschiedlichen Wissen dieser beiden Fächer, Orientierungswissen und Verfügungswissen.
Man kann das kurz bestimmen: Verfügungswissen teilt feststehende Tatsachen mit, die zu lernen
sind. Sie müssen empirisch nachprüfbar sein. Orientierungswissen leitet dazu an, sich in der Welt
zurechtzufinden, ja es leitet dazu an, eine Weltperspektive aufzubauen und sich zu orientieren und
selbst zu urteilen. Orientierungswissen lässt sich nicht empirisch überprüfen, aber es muss sich



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bewähren, im Leben bewahrheiten. Gewiss greifen beide Wissensarten auch ineinander, ja, sie
dürfen keineswegs getrennt werden, aber es ist hilfreich, sie zu unterscheiden.


Die in Zweieinhalbjahrtausenden entstandene Bibliothek der biblischen Bücher bietet neben auch
vorhandenem Verfügungswissen einen großen Reichtum an Orientierungswissen. Dieses Orientie-
rungswissen wird vornehmlich in Geschichten erzählt, nicht in Begriffen und Formeln. Auch wird
in diesen Büchern häufig in metaphorischer Sprache erzählt. Metaphorische Sprache vermag
etwas über greifbare Wirklichkeit hinaus Neues zur Sprache zu bringen. Wenn ich sage: Ich kann
jemandem felsenfest vertrauen, dann sage ich mit metaphorischer Sprache etwas von meinem
Gegenüber und von seiner Vertrauenswürdigkeit aus, indem ich den Felsen als Metapher gebrauche,
um eine überaus feste Verlässlichkeit auszudrücken. Der Umgang mit metaphorischer Sprache
erweitert die Sprachfähigkeit und den Horizont. In der Regel sind Kinder und Jugendliche auch
besonders ansprechbar auf Metaphern. Ingo Baldermann hat das in seinen Arbeiten zum
Religionsunterricht immer wieder betont.


Und Schülerinnen und Schüler sind empfänglich für spannende Geschichten. Es sind Geschichten,
in denen Erfahrungen überliefert werden, und es sind Geschichten, in denen sich Menschen
orientieren, weil sie in sie verstrickt sind. Der Philosoph Wilhelm Schapp hat das formuliert: Was
ein Mensch ist, das erschließt sich aus den Geschichten, in die er verstrickt ist, die Lebens-
geschichte der Mutter, der Eltern, der Familie, der Ortsgemeinschaft, des Sportclubs... „Sage mir, in
welche Geschichten du verstrickt bist, und ich sage dir, wer du bist.“ Geschichten erschließen
Lebenserfahrung und vermitteln Sprachfähigkeit und Orientierungswissen. Das ist eine allgemeine
anthropologische Annahme. In diese anthropologische Annahme greift eine theologische hinein.
Damit komme ich zum zweiten Punkt.



2   Die theologische Bedeutung der biblischen Geschichten


In den vielen Geschichten der biblischen Tradition wird die eine Geschichte Gottes überliefert.
Gottes Geschichte ist nicht abstrakt, sondern sie ist verwoben in menschliche Lebensgeschichten.
Es ist eine Eigenart der biblischen Tradition, dass sie bis auf ganz wenige Ausnahmen keine
Göttergeschichten erzählt, wie wir das von den griechischen Göttersagen von Zeus und anderen
Göttern kennen. In der biblischen Tradition wird von Gott in menschlichen Lebensgeschichten
erzählt. Da wird erzählt, dass David erwählt ist. Das erschließt sich David in konkreten

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Begegnungen, und Menschen erfahren das aus dem Auftreten und Wirken Davids. Nicht in
Göttergeschichten, sondern in menschlichen Lebensgeschichten, in denen Gott wirkt, wird
von Gott erzählt.


Und nicht in abstrakten Begriffen wird von Gott erzählt. Es wird nicht der Begriff eines
höchsten Wesens gebildet, wie das im Gefolge der abendländischen philosophischen Tradition
immer wieder geschehen ist: Gott – höchstes Sein, erste Ursache, Allesmacher, philosophisch-
metaphysische Begriffe, mit denen Gott als ein fernes Wesen über uns gedeutet und verdrängt wird.
Diese Gottesvorstellung ist ja in der heutigen säkularisierten Welt durchaus noch vorhanden: Irgend
ein höchstes Wesen muss es doch geben, heißt es. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass sich dieses
unbestimmte höchste Wesen auch in einer mehrheitlich nicht christlich orientierten Gesellschaft
erstaunlich hartnäckig hält. Aber das höchste Wesen ist ohne Antlitz. Das Wort Gott blicke uns an
wie ein erblindetes Antlitz, hat Karl Rahner einmal gesagt.


Dieses höchste Wesen oder die ferne Schicksalsmacht deckt sich nicht mit der Gottesvorstellung
der biblischen Tradition. Dort ist nicht von Begriffen und nicht von Göttergeschichten die Rede.
Nicht von Wesen, die in einer fernen Welt walten und nicht von philosophischen Konstrukten,
sondern in der biblischen Tradition ist von der Gottesgeschichte als von einer hinreißenden
Lebensgeschichte die Rede. In den biblischen Büchern wird Gottes Geschichte als konkret in
menschliche Lebensgeschichten verwoben erzählt. Gottes Geschichte, eine packende Lebens-
geschichte ereignet sich, wo Menschen aus Unterdrückung und Perspektivlosigkeit befreit werden,
oder wo sie zu Freude verlockt werden, wo ihnen die Verantwortung für Kreatur und Mitmenschen
auferlegt wird und wo sie selbst ihren Zweifel und ihre Klage gegen Gott herausschreien: Warum?
Wie lange? Wann? Die Geschichten der biblischen Tradition destruieren geradezu den philoso-
phischen Gottesbegriff, das unbekannte höchste Wesen: Ein Gott der Menschen zuredet, der sich
herabbeugt und erniedrigt bis zum tiefsten Punkt menschlicher Existenz in der Gottverlassenheit am
Kreuz, der herausführt aus Unfreiheit und Angst, so erschließt sich Gott in den Geschichten.


Die theologische Bedeutung der vielen biblischen Geschichten für das Reden von Gott und für
Gottes Geschichte liegt darin, dass konkret im Leben von Gott geredet werden kann und
Lebenserfahrung und Lebensorientierung in dieser Geschichte zu erhalten ist. Zugleich
werden in den Geschichten falsche, ideologische Begriffe und Gottesbilder zerbrochen.




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Damit das geschehen kann und mit Hilfe der biblischen Geschichten Gottes Geschichte als
tragfähige, spannende Lebensgeschichte erzählt werden kann, muss allerdings das Erzählen vom
Kinderfrauenberuf emanzipiert werden, wie Robert Musil gesagt hat, und außerdem müssen Sie,
verehrte Lehrende der Religion, ein wenig zu Dichtern werden und ihre Schülerinnen und Schülern
ermutigen und ermuntern, ebenfalls zu dichten und die Geschichten eigenständig und kritisch
weiterzudenken. Kinder sind Theologen, habe ich von meinem Kollegen Hanisch gelernt, und ich
denke, Sie stimmen dem zu, und ich fahre fort, Religionslehrer sind Dichter, die die biblischen
Geschichten mit den Situationen und Problemen der Kinder und der Welt heute kritisch auch mit
Widerspruch und Zweifel zusammenerzählen. Erfahrung kann man nur erzählen, indem man sich
selbst und seine Zuhörer hineinerzählt in die Geschichten und indem man die Geschichten so
erzählt, dass sie mit einem gehen, dass sie mit wachsen, dass sie alle Probleme, in denen man steht
und in denen die Hörer stehen, mit hineinnimmt und weiter denkt und erzählt.


Lassen sie uns auf einige Lebensgeschichten blicken. Ich wähle im Folgenden Geschichten aus, die
an verschiedenen Stellen der Lehrpläne der unterschiedlichen Schularten und Klassenstufen vor-
kommen, und versuche, das anzudeuten, was Sie aus der Erfahrung Ihrer Praxis viel genauer
wissen:
Man kann von Gott nur Geschichten erzählen, und man kann von Menschen nur Geschichten
erzählen. In Geschichten kommen Erfahrungen zur Sprache, die begrifflich so nicht zu fassen
sind.



3   Geschichten als Lebensdimensionen

3.1 Die Wirklichkeit der Barmherzigkeit oder der Realismus des Erbarmens
Erbarmen ist nach populärem Verständnis ein Gefühl des Mitleids. Aus Barmherzigkeit legt man
eine Münze in die Büchse eines Bettlers, aber aus Barmherzigkeit wird auch für aktive Euthanasie,
für aktive Lebensbeendigung durch Ärzte in bestimmten Fällen geworben.
Gegen dieses Verständnis von Erbarmen als einem diffusen Gefühl steht eine Erbarmensgeschichte
der biblischen Tradition:
Zwei um einen vertauschten Säugling streitende Frauen kamen vor den weisen König Salomo. Eine
jede beanspruchte das Kind als ihr eigenes. Der König befahl, ein Schwert zu holen, um das leben-
dige Kind in zwei Teile teilen zu lassen. Da erbarmte sich die Mutter des Kindes und verzichtete auf
seinen Besitz, während die andere Frau es zerteilen lassen wollte. Von der Mutter heißt es in Martin
Luthers Übersetzung „denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn“ (1Kön 3, 26).
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Das mütterliche Herz, hebräisch: rachamim, ist das Erbarmen. Die hebräische Wurzel des Begriffes
Erbarmen, Mutterschoß, lässt die lebensschöpferische Kraft des Erbarmens noch anklingen. Die
Mutter nahm sich selbst und ihre eigenen Besitzinteressen zurück und schuf so Raum und
Lebensmöglichkeit für das Kind.


Die Geschichte steht für die Weisheit Salomos. In der Tat, es ist Weisheit, aus der heraus Leben und
Erbarmen unmittelbar einleuchtend erzählt werden. Erbarmen ist die freiwillige Selbstzurück-
nahme, um für Leben Raum zu schaffen. Deshalb wirkt Erbarmen befreiend. So wirkt Gott.


Israel hat die Bewegung des Erbarmens als Bewegung Gottes in seiner Geschichte erfahren und
erinnernd immer wieder erzählt:
Es gibt eine Urgeschichte göttlichen Erbarmens: „Und der Herr sprach: ich habe das Elend meines
Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden
erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand...“ (Ex 3, 7f).
Hier wird die Lebensbewegung der Geschichte Gottes erzählt, nicht als Macht an sich oder als
unbestimmte Allmacht, sondern als die Kraft der Beziehung von Anteilnahme und Anteilgabe zu
Gunsten des Lebens: Gott sieht und hört und fährt hernieder. Er lässt sich Not angelegen sein und
gibt durch Rettung und Befreiung neu Anteil am Leben. Die Tendenz in die Niedrigkeit von
Notsituationen und die Macht, Notsituationen zu tragen und zu wenden, ist ein durchhaltender Zug
der Geschichte Gottes. In dem Bekenntnis Dtn 26 erinnert Israel diese Erfahrung in seiner
Geschichte.


Die Bewegung des Erbarmens wurde früh auf eine Formel gebracht: „Barmherzig und gnädig ist
der Herr, geduldig und von großer Güte.“ (Ps 103, 8) Eine Formel, die, wie man heute weiß, wohl
sehr alt ist, die sich aber nur gegen erheblichen theologischen Widerstand etwa von seiten der
Vergeltungslehre durchsetzte. Das Gesetz der Vergeltung – Auge um Auge, Zahn um Zahn, das
Talionsprinzip – lag von alters her viel näher. Gegen dieses Gesetz setzt sich dennoch die
Gnadenformel durch.


Das ist eine Erfahrung, die man durchgehend in den Geschichten der biblischen Tradition macht:
Diese Geschichten sind strittig, die Wirklichkeit, von der sie erzählen, ist nicht selbstverständlich.
Religionsunterricht wird unglaubwürdig, wenn er nicht von Anfang an deutlich erkennen lässt, dass
Gotteswirklichkeit strittig ist, dass um Gotteswirklichkeit gerungen wird. Nur ideologische und



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harmonistische Konzepte können das verdecken. Sie verharmlosen dann aber auch das, was im
Religionsunterricht zu sagen ist.


Im Blick auf die Wirklichkeit des Erbarmens lässt die Jonageschichte besonders deutlich die
Strittigkeit der Barmherzigkeit Gottes erkennen: Der Prophet wehrt sich gegen die Wirklichkeit, ja
man kann sagen gegen die Macht des Erbarmens.


Man kann diese nicht ohne Humor geschriebene Geschichte des widerspenstigen Propheten
natürlich hinreißend erzählen, für Grundschulkinder auch mit der schönen Verdichtung von Klaus-
Peter Hertzsch. Die Geschichte enthält viele Aspekte: Ungehorsam und Widerspruch, Angst, Not
und Rettung (Kapitel 2, das Angstgebet des Jona im Bauch des Fisches). Aber auch die Frage des
Gottesbildes lässt sich an dieser Geschichte diskutieren. Das merkwürdige, uralte Motiv: einer muss
ins Meer geworfen werden, damit es stille wird. Dann aber auch die Erfahrung der Bewahrung in
der ausweglosen Dunkelheit des Fischbauches. Ein weiterer Zug dieser Geschichte, eine Dimen-
sion, die die ganze Erzähleinheit durchzieht, ist der „Realismus der Barmherzigkeit“, gegen den der
Prophet aufbegehrt.


Jona hadert mit seinem Gott und wehrt sich gegen dessen Barmherzigkeit, die die Stadt Ninive
wahrhaftig nicht verdient hat:
Zornig schleudert Jona Gott entgegen: „Ach, Herr, das ist's ja, was ich dachte, als ich noch in
meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du
gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.“(Jona 4,
2) Den Propheten grämt das, Untergang hätte Ninive verdient, Vergeltung, und dagegen bemerkt er
in Gott die Bewegung vom Zorn zur Reue und damit zum Erbarmen. Den Propheten verbittert das
so, dass er sterben will.


Das Prophetenbüchlein endet im wahrsten Sinne provozierend. Der Prophet hat Gott seinen Zorn
hingeschleudert, dann erquickt er sich unter einer Staude, die der Herr ihm zum Schutz gegen die
Sonne rasch hat wachsen lassen. Als aber die Staude verdorrt, ist Jona zu Tode betrübt. Das
Streitgespräch mit Gott endet mit einer Frage an Jona:
„Und der Herr sprach: Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gemüht hast, hast sie auch
nicht aufgezogen, die in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht
jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die
nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“

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Gottesvorstellungen wandeln sich und müssen sich wandeln. Der Realismus des Erbarmens ist
provozierend, er ist kein unbestimmtes Gefühl, sondern die Bewegung der freiwilligen Selbst-
zurücknahme, um Leben Raum zu geben. Schwer nachvollziehbar ist Erbarmen, weil es unbedingt
ist, es vollzieht sich nicht nach dem Tun-Ergehen-Zusammenhang und nicht nach dem Gesetz der
Vergeltung. Machtvoll bricht es in die Wirklichkeit ein und verändert sie.


Die Bewegung des Erbarmens ereignet sich ebenso im Auftreten und in der Verkündigung Jesu. In
Jesus von Nazareth gewinnt der Realismus des Erbarmens geradezu Gestalt: Jesus lässt Not an sich
herankommen und geht darauf ein. Im griechischen Neuen Testament wird dafür das Wort
splancni,zesqai verwendet. Luther übersetzt das genial: Es jammerte ihn.
Die Bewegung des Erbarmens wird in der Jesustradition als Unterbrechung festgefügter Gegeben-
heiten und Ordnungen erzählt. So etwa, wenn Jesus sich gerade derer annimmt, die gesellschaftlich
und religiös ausgegrenzt sind, der Zöllner, der Sünder, der Frauen.


In der Geschichte vom barmherzigen Samariter wirkt der Realismus der Barmherzigkeit in alltäg-
liche Handlungsabläufe hinein, unterbricht sie und orientiert neu, weil der Samariter sich einlässt
auf die Not des halbtot am Straßenrand Liegenden, „es jammerte ihn“.


Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-15) wird Barmherzigkeit als das den
normalen Zusammenhang von Lohn und Leistung durchbrechende Ereignis der Güte erzählt. Dem
Arbeiter, der als letzter eingestellt worden ist, und am kürzesten gearbeitet hat, wird der gleiche
Lohn ausbezahlt wie dem ersten. Dem ersten Arbeiter ist kein Unrecht geschehen, aber die Ordnung
rechnerischer Logik ist unterbrochen worden. Man kann dagegen aufbegehren. Die Frage am Ende
der Gleichniserzählung verweist auf die Pointe der Geschichte: „Siehst du scheel drein, weil ich so
gütig bin?“ (V. 15) Das ist die Frage nach der Gotteswirklichkeit und danach, ob Menschen sie
akzeptieren können. Gott ist der, der sich erbarmt. Die Bewegung der Geschichte Gottes ist das
Erbarmen.


Man kann den Realismus der Barmherzigkeit entsprechend der Geschichte von der Weisheit
Salomos in alle Bereiche der Wirklichkeit einspielen, auch etwa in die Debatte um Euthanasie.
Erbarmen heißt Raum geben zum Leben auch für einen Menschen, dem die Kräfte schon versagen.
(Mutter Teresa!)



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Nicht Schluss machen, weil es nicht mehr lohnt oder weil man es nicht mehr mit ansehen kann, wie
es oft heißt.


Was mag das Motiv der Bundesärztekammer gewesen sein für den Beschluss gegen die aktive
Sterbehilfe und für den Ausbau der Palliativmedizin, die Medizin der Schmerzlinderung und
Sterbebegleitung. Da wirkt der Realismus der Barmherzigkeit in der Gesellschaft und nicht
Gesichtspunkte der Ökonomie oder eines ganz diffusen Gefühls von Barmherzigkeit. Ich führe das
Beispiel an, um auch deutlich zu machen, dass die Geschichten nicht in einem Märchenland spielen,
sondern Perspektiven hier und heute eröffnen. Mit älteren Schülerinnen und Schülern (10. Klasse,
Thema: Tod) wird man das erarbeiten.


Aber selbstverständlich ist Barmherzigkeit nicht.
„Bei uns ist das ganz anders“, sagte mir einmal – schwer seufzend – ein Schüler der dritten Grund-
schulklasse, und erklärte mir die harte Wirklichkeit nach dem Recht des Stärkeren, das oft schon in
die frühe Grundschulzeit eingreift und viel, viel Angst verbreitet. Erbarmen ist eine Gegenwirk-
lichkeit gegen die Macht der Stärkeren, und Kinder bekommen das oft zu spüren. Deshalb darf eine
Barmherzigkeitsgeschichte nicht zum Thema gemacht werden, ohne dass Raum gegeben wird für
Zweifel und Klage, für Angst und Gegenrede und für die Diskussion darüber, was unter Schülern
gilt.
Weil Religionsunterricht von Erfahrungsgeschichten handelt, muss er Raum geben für
Gespräche, auch für Streitgespräche über Erfahrung und auch für Zweifel!


Für Angst und Zweifel geben die Psalmen eine Fülle von Texten, die erst einmal dazu helfen, Angst
überhaupt zu artikulieren. Ich habe mit Freude und Zustimmung festgestellt, dass in dem Lehrplan
Klasse 1-4 ausdrücklich auf die Verwendung von Sätzen aus den Psalmen aufmerksam gemacht
wird.


Die Klagepsalmen geben Sprache für Angst und Zweifel, für Sorge und Leiden. Sie sind
Sprachschule dafür, dass Angst nicht sprachlos und deshalb erdrückend wird, und sie vergewissern
letztlich dessen, dass Gotteswirklichkeit bis in die tiefste Tiefe und Aussichtslosigkeit reicht.


Die Bewegung des Erbarmens, die die biblischen Geschichten durchzieht und prägt, führt in Jesus
Christus zum Kreuz. Der Gott, der sich in den Geschichten nicht als ferner Gott, sondern als Gott
mit den Menschen erweist, erweist seine Macht, indem er sich verdrängen lässt aus der Welt, wie

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Dietrich Bonhoeffer gesagt hat: „Die Religiosität des Menschen weist ihn in seiner Not an die
Macht Gottes in der Welt, Gott ist der deus ex machina. Die Bibel weist den Menschen an die
Ohnmacht und das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen.“ Aber am Ort der Gottver-
lassenheit, am tiefsten Punkt der menschlichen Existenz, schafft Gott nach dem Bekenntnis des
christlichen Glaubens Leben neu.



3.2 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?
Gottes Gedenken – die lebensschöpferische Kraft der Beziehung
Psalm 8
2
    Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am
Himmel!
4
    Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
5
    was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du dich seiner
annimmst?
Die Frage des Psalms als Hinweis auf die Theologische Definition des Menschen: Der Mensch ist
ein Beziehungswesen.


Mit der Metapher des Gedenkens kommt das schöpferische Wirken Gottes zur Sprache. Nicht vom
Anfang ist hier die Rede und nicht von einer Ursache – den Gedankenfiguren, mit denen Gott der
Schöpfer aus der Welt zumindest an ihren Rand, wenn nicht ganz verdrängt wird –, sondern von
konkretem gegenwärtigem Mitsein des himmlischen Herrschers mit den Menschen und der
irdischen Wirklichkeit. Mit der Metapher des Gedenkens ist die lebensschöpferische Beziehung
angesprochen, die der Beter im staunenden Nachdenken über Gott, Welt und Menschen
wahrnimmt. Im Gedenken ist die Theologie der Menschenwürde begründet, ebenso wie ihre
Zerstörung. Im Gedenken meldet sich die Machtfrage.


Gedenken bezeichnet eine kognitive und emotionale Beziehung – wessen man gedenkt, das geht zu
Herzen –, eine Beziehung, durch die Menschen, Gott und Welt verbunden sind, in Bewegung
geraten und aneinander Anteil gewinnen. Dabei hat das Wort Gedenken im biblischen Sprach-
gebrauch nicht von vornherein eine religiöse Bedeutung, vielmehr wird die Bewegung des Sinnens
und Denkens ebenso vom menschlichen Herzen ausgesagt wie von Gott. Gott kommt in dem ganz
profanen Akt des Gedenkens zur Sprache und zur Wirklichkeit. Ohne Gedenken ist kein mensch-
liches Leben, und auch Gott ist ohne Gedenken nicht angemessen gedacht. Das Gedenken widerlegt
den Solipsismus und die Monadenlehre, dass der Mensch an sich und für sich allein sei und Gott
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ebenfalls. Gedenken beschreibt die grundlegende Lebensbeziehung. Wo kein Gedenken ist, ist kein
Leben, und wo Gedenken entzogen und ausgelöscht wird, da wird Leben vernichtet.


Gedenken ist lebensschöpferisch. Es legt den Grund. Damit ist eine elementare Erfahrung
angesprochen. Dass ein Mensch ist, das hängt davon ab, dass jemand seiner gedenkt; und was ein
Mensch ist, das hängt davon ab, wer seiner gedenkt und wie sich jemand seiner annimmt. Ein Kind,
nach dem seine Mutter nicht sieht, kann nicht gedeihen, es sei denn jemand tritt an die Stelle der
Mutter; ein Kind, dessen sich niemand annimmt, verwahrlost und verkommt, oder es vergeht; und
an den Folgen von zu wenig Annahme und liebloser, gleichgültiger Annahme leiden Menschen ein
Leben lang, denn davon, dass sie angenommen werden, dass sie liebevoll angeblickt werden, bei
ihrem Namen gerufen werden und im Guten und zum Guten ihrer gedacht wird, davon werden
Menschen, nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene, Junge und Alte, Kranke und Gesunde,
Müde und Mutige. Gedenken ist die schöpferische Kraft der Beziehung, die Leben in Bewegung
bringt, trägt und erhält. Von der Qualität des Gedenkens hängt die Qualität des Lebens ab.
Ich denke Sie als Lehrende können davon viel erzählen. Menschen sind die, die von Beziehungen
leben und von der Qualität der Beziehungen, in denen ihrer gedacht wird, sind sie ganz und gar
bestimmt.


Der Mensch, eine Handvoll Staub im Weltall, hinfällig, zufällig, Naturgesetzen unterworfen und
insofern auch notwendig; ein Produkt des Evolutionsprozesses, ein Zufallstreffer der Selektion -
aber diese Perspektive trifft auf die Perspektive des schöpferischen Gedenkens Gottes. „Was ist der
Mensch, daß du seiner gedenkst?“ Die Macht des Gedenkens schafft im Ablauf von Naturvor-
gängen Leben, die schöpferische Kraft des Gedenkens schafft im Ablauf von biologischen Prozes-
sen des Gedenkens fähige Menschen. Gedenken legt Grund, insofern es den Menschen, die Hand-
voll Staub, das Zufallsprodukt, den Spielball der Natur nicht bei sich selbst und mit sich selbst
allein läßt. Gedenken hält Leben machtvoll aus Zufall und Nichtigkeit heraus. Ps 8 lässt sich
durchaus in eine Unterrichts-einheit über Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie
einspielen.


In der Formulierung der schöpferischen Kraft des Gedenkens ist die Bedrohung durch den Entzug
des Gedenkens stets mit gedacht und präsent. Jean Pauls Vision des toten Christus, der vom
Weltgebäude herab redet, eine Geschichte, die in den Unterricht der Religionskritik des Leistungs-
kurses Religion gehören sollte, ist so ein Text, der in der Negation, in der Trauer über die Leere der



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Welten noch aufgrund des Entbehrens die Kraft des Gedenkens reflektiert. „Wie ist jeder so allein
in der weiten Leichengruft des All!“


Aber nicht weniger bedrohlich ist der Gedanke, dass der Entzug des Gedenkens Tod bedeutet, und
darüber hinaus, gleichsam als Bedrohung schlechthin, dass das Gedenken selbst ein Gedenken zum
Tode sein könnte. Was, wenn der lebensschöpferische Grund des Gedenkens eine Richtung auf den
Tod hin hätte?!


Aber zunächst und vor allem erzählen die biblischen Schriften, dass Gottes Gedenken ein Gedenken
zum Leben ist, lebenssteigernd. Gott gedachte an Noah und an alles Vieh in der Arche, und die
Wasser fielen, und er setzte den Regenbogen zum Gedenken an seinen Bund zum Leben. Er
gedachte an Abraham und ließ deshalb Lot nicht verderben, sondern leben. In Gottes Gedenken
haben die biblischen Beter einen unbändigen Willen zum Leben wahrgenommen. Alle Wünsche
nach Leben und Lebenssteigerung sind im Gedenken Gottes versammelt. „Der Herr denkt an uns
und segnet uns; er segnet das Haus Israel, er segnet das Haus Aaron.“ (Ps 115, 12) In diesem
Bekenntnis ist die Erfahrung formuliert, die Luther mit den Worten umschreibt: „Ein Gott heißt das,
dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten.“


Es ist eine Beobachtung der Gotteslehre innerhalb der Dogmatik, dass man von Gott ange-
messener mit Verben spricht als mit dogmatischen Großbegriffen, die nicht mehr verständ-
lich sind.


Dass Menschen vom Gedenken leben, kommt eindrücklich in der Geschichte Josefs zur Sprache:
Diese Geschichte ist eine besonders dichte Erzählung, in der die Geschichte Gottes und die indivi-
duelle Menschengeschichte konkret verschränkt sind: Im alltäglichen Leben – Eifersucht, Bruder-
zwist, Lebensbedrohung, glänzender Aufstieg, Gelingen, Intrigen, Erfolg und Fall, und erneuter
Aufstieg – ereignet sich die Erfahrung von Durchbrechungen des Alltäglichen, die als Führungen
Gottes verstehbar werden. Gott ist mit im Auf und Ab, ermutigend, bestärkend.


An der Josefsgeschichte lässt sich das erkennen, was Dietrich Bonhoeffer die Mehrdimensionalität
des Lebens genannt hat. Anlässlich der Beobachtungen bei einem Fliegeralarm hat er das
aufgeschrieben:
       „Ich beobachte hier immer wieder, daß es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich
       beherbergen können; wenn Flieger kommen, sind sie nur Angst; wenn es etwas Gutes zu essen gibt, sind sie
       nur Gier; wenn ihnen ein Wunsch fehlschlägt, sind sie nur verzweifelt; wenn etwas gelingt, sehen sie nichts
       anderes mehr. Sie gehen an der Fülle des Lebens und an der Ganzheit einer eigenen Existenz vorbei...
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       Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen des Lebens zu gleicher Zeit; wir
       beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns... Man muß die Menschen aus dem einlinigen
       Denken herausreißen – gewissermaßen als ‚Vorbereitung‘ bzw. ‚Ermöglichung‘ des Glaubens, obwohl es in
       Wahrheit erst der Glaube selbst ist, der das Leben in der Mehrdimensionalität ermöglicht und uns also auch
       diese Pfingsten trotz Alarmen feiern läßt.“


Geschichten erzählen, heißt Mehrdimensionalität ins Leben einspielen bzw. Menschen für
Mehrdimensionalität öffnen. Dadurch werden Menschen sensibel und kreativ im Umgang mit
Wirklichkeit.


Leben ist mehr, als menschliche Autonomie verwirklichen kann. Gott ist umfassender als
menschliche Verlorenheit. Die Gegenwart Gottes im Leben wirkt völlig unerwartete, verblüffende
Erneuerung, so dass Lebensfreude ausbricht. Gott konkret in der Gabe des Lebens, das heißt:
Provokation zu Lebensfreude, weil Verlorenheit keine Endgültigkeit beanspruchen kann (Gleichnis
vom Verlorenen Sohn).


Weil Gottes Leben Gedenken zum Leben ist, ist Leben unabhängig von Bedingungen und
unabhängig von Vitalität, Leistung und Gelingen. Es ist kostbar, weil sich lebensschöpferisches
Gedenken gegen Perversion und Zerstörung von Lebensbeziehungen durchsetzt. Hier hat eine
theologische Reflexion zur Menschenwürde einzusetzen. Auch in diesen Problembereich spielen
die Geschichten hinein.



3.3 Klage: Warum bricht Gedenken ab?
     Warum hast du mich verlassen?
     Wenn Gottes Geschichte Erbarmen und Gedenken ist: Warum bricht Gedenken
     scheinbar ab?
Die Frage „Warum?“ und die Klage, dass Leben und Wirklichkeit nicht mit Barmherzigkeit
zusammengedacht werden können, trifft alle Menschen, aber sie trifft Kinder und Jugendliche mit
besonderer Härte.
Sie steht in der Mitte der biblischen Tradition und in der Mitte der Geschichte Gottes und häufig
beherrschend in der Mitte von Lebengeschichten.


Religionsunterricht, der dieser Frage nicht zentralen Raum einräumt, ist nicht evangelisch
und zwar nicht im konfessionellen Sinne, sondern in dem Sinne, dass er die biblische
Botschaft und Tradition verfehlt.

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Man kann nicht von Gott reden, ohne dass man davon erzählt, dass nach dem Klagegebet von Ps 22
Gott auch in der Gottverlassenheit erfahren wird, dafür steht im christlichen Glauben das
Geschehen des Kreuzes. Gott am tiefsten Punkt menschlicher Existenz. Gewiss ist das eine
Verkehrung aller natürlichen Gottesbegriffe und -vorstellungen. Und dennoch Hoffnung auf neues
Leben.


Die Auslegung dieser Geschichte in die Schreckenserfahrungen des 20. Jahrhunderts hinein, bis zu
den Orten des Grauens, für die der Name Auschwitz steht, gehört mit zum Religionsunterricht. Das
Leiden und die Klage Hiobs sind Thema im Religionsunterricht der 10. Klasse. Es geht dabei
zunächst vor allem darum, Sprache zu finden für das, was nicht mehr sagbar ist. Leiden braucht
Worte, damit man daran nicht erstickt. Das ist eine menschliche Erfahrung, die in der Erfahrung der
Geschichte des Gottes gründet, der nicht über dem Leiden, Leiden von ferne verursachend, sondern
mit im Leiden ist. So kann man im Unterricht der 10. Klasse die Erfahrung Hiobs mit Ps 22 und mit
Ps 88 zusammensprechen. Ps 88 ist der einzige Psalm der biblischen Tradition, der nicht aus der
Klage herausführt, es ist der Psalm, in dem das Klagen selbst der einzige Hinweis auf mehr als
Leiden ist. Mit den Gedichten Paul Celans, der Todesfuge oder dem Psalm, oder Gedichten von
Rose Ausländer kann man diesen Psalm verbinden.



3.4 Entfremdung und Sünde
Die Eigenart der biblischen Sicht auf Menschen und Welt beruht darauf, dass sie von einer
Perspektive aus blickt, dem Realismus der Barmherzigkeit, die die Brüche und Entfremdungen
umso schärfer erkennen lässt.


Erlebnis: „Bei uns ist das ganz anders.“
Nicht positives Denken und Harmonismus, es ist eigentlich alles gut – bestimmt die biblische Sicht
von Welt und Menschen, sondern der analytische Blick auf die Verkehrungen und das falsche Herz,
den Missbrauch und das Unrecht, die nüchterne Wahrnehmung menschlicher Bosheit und weltlicher
Ungerechtigkeit. Jugendlicher Gerechtigkeitssinn nimmt das deutlich wahr.


Die Davidgeschichte macht das deutlich:
Die biblische Tradition kennt für die selbstzerstörerische Macht der Sünde ein königliches Beispiel.
König David hatte einst, so wird erzählt (2Sam 11), Ehebruch begangen mit der schönen Batseba.
Er wollte das – wie es sich scheinbar für einen König gehört – vertuschen. Also gebot er seinem
Feldherrn Joab, den Mann der Batseba, Uria, in die vorderste Schlachtreihe zu stellen, damit er den
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Tod fände. Das gelang auch, Uria fiel, Batseba hielt die Totenklage, danach nahm David sie zur
Frau, und sie gebar ihm einen Sohn. So weit, so gut, könnte man meinen.


„Aber“, so heißt es, „dem Herrn missfiel die Tat, die David getan hatte“ (2Sam 11, 27). „Und der
Herr sandte Nathan zu David.“ (2Sam 12, 1) Der Prophet Nathan erzählt David die Parabel von dem
Armen mit dem einen Schäflein und dem Reichen mit der großen Herde, der sich gleichwohl
bereichert am einzigen Schaf des Armen. Das bringt David in Rage, das packt ihn. Da sagt der
Prophet ihm auf den Kopf zu: „Du bist der Mann.“ In seiner Predigt erinnert der Prophet den König
an die Verheißungen und die Fülle der Gaben, die David mit der Königswürde erhalten hat. Davids
Antwort ist das Bekenntnis: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn.“ (2Sam 12, 13)


Die Meinung ist nicht, dass David zuvor etwa nicht gewusst habe, dass er ein Unrecht getan habe.
Dagegen steht deutlich die ausführliche Schilderung der Vertuschungsversuche, sowohl um zu
verschleiern, dass das Kind von ihm stammt, wie auch, als das misslingt, der gelungene Versuch,
Uria umbringen zu lassen. Dass der Ehebruch und der Mord Unrecht sind, setzt der Erzähler voraus,
und er setzt auch voraus, dass David das weiß. David kennt die moralischen, kulturellen und
juristischen Normen und Gesetze seiner Zeit. Er setzt sich über sie hinweg und wird auf diese
Weise schuldig. Der König nimmt sich etwas heraus und dabei zerbricht er, nur auf sich selbst
bezogen, alle Beziehungen und Verhältnisse, denen er durch Gesetz und Recht verpflichtet ist.


Aber die Predigt des Propheten Nathan deckt eine weitere Dimension des Geschehens auf. Erst die
Predigt lässt David erkennen, dass dieses Unrecht, diese Schuld mehr ist als nur eine David,
Batseba und Uria betreffende Gemeinheit und Rechtsverletzung. Diese Schuld ist eine Verletzung
des Lebens und eine Verletzung der Liebe und eben damit eine Verletzung Gottes, durch die der
Täter auch sich selbst ganz und gar zerstört, weil er, ganz auf sich selbst setzend – Sein-Wollen wie
Gott – sich von allen Lebens- und Liebesbeziehungen isoliert.


Sünde ist nicht Kaloriensünde oder Vergehen nach der Verkehrssünderkartei, sondern im analytisch
scharfen Blick der biblischen Welt- und Menschensicht Bruch von Beziehungen, Verbrauch von
Selbst, Welt und Gott, wie man es an Davids Verhalten oder der Gerichtspredigt des Propheten
Amos ablesen kann.



3.5 Schöpfung und Lebensfreude
Lassen Sie uns am Ende noch einmal zur biblischen Schöpfungs-geschichte zurückkommen:
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Ich denke, die erste Geschichte der biblischen Bücher, 1 Mose 1-2, ist nun wirklich außer in der
1. Grundschulklasse am schwierigsten zu erzählen. Für diese Geschichte bedarf es intensiver
Vorarbeit, die deutlich macht, dass die Schöpfungsgeschichte kein naturwissenschaftlicher Bericht
ist, kein Verfügungswissen, sondern Lebensorientierung, die neben einer naturwissenschaftlichen
Perspektive ihre eigenständige Wahrheit hat. Zu bedenken ist zuerst und vor allem, dass das
göttliche Schaffen nicht von Verursachen und Machen kommt, sondern von Erbarmen und Liebe.
Es handelt sich im ersten Kapitel der Bibel um die Orientierung, nach der Welt und Leben gegen
Chaos und Bedrohung bewahrt wird. In der Schöpfung tun sich Tag für Tag Lebensräume auf.


Der Zeit wegen gebe ich Ihnen dazu lediglich eine Meditation, mit der ich selbst das Thema
Schöpfung in meiner im Frühjahr nächsten Jahres erscheinenden kleinen Dogmatik einleite:


Meditation zu Ps 33, 4-9
So ist das Wort des Herrn:
es schafft,
worauf Verlass,
es sagt,
was hält,
und gibt so Raum,
in dem ein Mensch
vertrauend leben kann.

Der Himmel ist gemacht durch dieses Wort
und auch die Wasser
der Meere,
die gefährlich toben,
so singen lobend Menschen,
die von seinem Wort gehört.
Denn sie erfahren,
wie aus Chaos Ordnung wird
so dass sie leben können,
weil ein Wort sie trägt.

Gerechtigkeit und Recht bringt dieses Wort,
das eines jeden Menschen so gedenkt,
dass sein Gesicht
den Glanz der Güte widerspiegelt,
in der zu leben
Freude provoziert.

Das Wort
schafft Raum und Zeit
und ruft zum Leben aus dem Nichts die Toten,

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weil in das Nichts
Gott selbst sich gibt
und sich erbarmt.
So nimmt er sich zurück,
damit in seiner Liebe
Leben neu ersteht.

Mit einem Satz von Horst Bienek lege ich Ihnen die Geschichten der biblischen Tradition ans Herz:
In seinem Roman „Die Zelle“ sagt er von dem Bibeltext: „Es ist Literatur, gewiss, aber doch auch
mehr als Literatur, ich zitiere die Botschaft, und ich erzähle vom Leben.“




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              Die biblischen Geschichten und die Geschichte Gottes.
            Überlegungen zum Reden von Gott im Religionsunterricht.

1. Biblische Geschichten und der Bildungsauftrag des Religionsunterrichtes

Der Bildungsauftrag des Religionsunterrichtes zielt ebenso wie der Bildungsauftrag der
Schule überhaupt auf die Sprach- und Kommunikationsfähigkeit der Schüler, auf
Wertbewusstsein und Weltorientierung.

Die in Zweieinhalbjahrtausenden entstandene Bibliothek der biblischen Bücher bietet
neben auch vorhandenem Verfügungswissen einen großen Reichtum an
Orientierungswissen. Dieses Orientierungswissen wird vornehmlich in Geschichten
erzählt, nicht in Begriffen und Formeln.

Orientierungswissen leitet dazu an, sich in der Welt zurechtzufinden, ja es leitet dazu
an, eine Weltperspektive aufzubauen und sich zu orientieren und selbst zu urteilen.
Orientierungswissen lässt sich nicht empirisch überprüfen, aber es muss sich bewähren,
im Leben bewahrheiten.

2. Die theologische Bedeutung der biblischen Geschichten.

In den vielen Geschichten der biblischen Tradition wird die eine Geschichte Gottes
überliefert. Gottes Geschichte ist nicht abstrakt, sie ist verwoben in menschliche
Lebensgeschichten. Nicht in Göttergeschichten und nicht in abstrakten Begriffen,
sondern in menschlichen Lebensgeschichten, in denen Gott wirkt, wird von Gott erzählt.

Die theologische Bedeutung der vielen biblischen Geschichten für das Reden von Gott
und für Gottes Geschichte liegt darin, dass konkret im Leben von Gott geredet werden
kann und Lebenserfahrung und Lebensorientierung in dieser Geschichte zu erhalten ist.
Zugleich werden in den Geschichten falsche, ideologische Begriffe und Gottesbilder
zerbrochen.

3. Geschichten als Lebensdimensionen

Geschichten erzählen, heißt Mehrdimensionalität ins Leben einspielen bzw. Menschen
für Mehrdimensionalität öffnen. Dadurch werden Menschen sensibel und kreativ im
Umgang mit Wirklichkeit.

3. 1. Realismus der Barmherzigkeit

3. 2. Was ist der Mensch?

3. 3. Der nüchterne Blick auf die Welt: Entfremdung und Sünde

3. 4. Warum? Die Frage nach dem Leiden

3. 5. Die Welt als Schöpfung und die Freude

                                                            Prof. Dr. Gunda Schneider

				
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