Troll Dich tERRY PRATCHETT a german learning stories by mian.ikram100

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Troll Dich TERRY PRATCHETT den Ruhestand zurückziehen oder so. Es ist einfach nicht rich- tig, daß du dich in deinem Alter noch mit solchen Dingen be- er Wind wehte von den Bergen und brachte winzige Eis- schäftigst.« Dkristalle mit sich. Der Mann rollte mit den Augen. Für Schnee war es zu kalt. Dieses Wetter trieb Wölfe bis zu »Verdammte Zwangsversteigerung!« teilte er der kalten den Dörfern hinab, und im Herzen des Waldes ließ die Kälte Welt mit. »Das kommt davon, wenn man etwas kauft , das ei- Bäume bersten. nem Zauberer gehörte. Ich habe mir deine Zähne und Hufe an- Bei solchem Wetter blieben vernünftige Leute daheim vor gesehen, aber ich hätte auch lauschen sollen.« dem Kamin und erzählten Geschichten über Helden. »Wer hat wohl gegen dich geboten, hm?« erwiderte das Das Pferd war alt, der Reiter noch älter. Der Gaul sah aus Pferd. wie ein eingeschweißter Toastständer, und die Gestalt darauf Cohen der Barbar lehnte weiterhin am Baum. Er war nicht schien nur deshalb nicht herunterzufallen, weil ihr die Kraft ganz sicher, ob er jemals wieder stehen konnte, ohne sich ir- dazu fehlte. Trotz der bitteren Kälte trug der Reiter nur einen gendwo abzustützen. dünnen Lederkilt und einen schmutzigen Verband am Knie. »Bestimmt hast du viele Schätze versteckt«, sagte das Pferd. Er nahm die zerfransten Reste einer Zigarette aus dem Mund »Wir könnten unsere Reise zum Rand fortsetzen . Was hältst und zerdrückte sie in der Hand.

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									                   Troll Dich
                 TERRY PRATCHETT                                  den Ruhestand zurückziehen oder so. Es ist einfach nicht rich-
                                                                  tig, daß du dich in deinem Alter noch mit solchen Dingen be-

D     er Wind wehte von den Bergen und brachte winzige Eis-
      kristalle mit sich.
Für Schnee war es zu kalt. Dieses Wetter trieb Wölfe bis zu
                                                                  schäftigst.«
                                                                     Der Mann rollte mit den Augen.
                                                                     »Verdammte Zwangsversteigerung!« teilte er der kalten
den Dörfern hinab, und im Herzen des Waldes ließ die Kälte        Welt mit. »Das kommt davon, wenn man etwas kauft, das ei-
Bäume bersten.                                                    nem Zauberer gehörte. Ich habe mir deine Zähne und Hufe an-
   Bei solchem Wetter blieben vernünftige Leute daheim vor        gesehen, aber ich hätte auch lauschen sollen.«
dem Kamin und erzählten Geschichten über Helden.                     »Wer hat wohl gegen dich geboten, hm?« erwiderte das
   Das Pferd war alt, der Reiter noch älter. Der Gaul sah aus     Pferd.
wie ein eingeschweißter Toastständer, und die Gestalt darauf         Cohen der Barbar lehnte weiterhin am Baum. Er war nicht
schien nur deshalb nicht herunterzufallen, weil ihr die Kraft     ganz sicher, ob er jemals wieder stehen konnte, ohne sich ir-
dazu fehlte. Trotz der bitteren Kälte trug der Reiter nur einen   gendwo abzustützen.
dünnen Lederkilt und einen schmutzigen Verband am Knie.               »Bestimmt hast du viele Schätze versteckt«, sagte das Pferd.
   Er nahm die zerfransten Reste einer Zigarette aus dem Mund      »Wir könnten unsere Reise zum Rand fortsetzen. Was hältst
und zerdrückte sie in der Hand.                                   du davon? Wir suchen uns ein hübsches, warmes Fleckchen,
   »Na schön«, sagte er. »Bringen wir's hinter uns.«              vielleicht an einem hübschen, warmen Strand. Das war doch
   »Für dich ist das leicht gesagt«, erwiderte das Pferd. »Und    was, oder?«
wenn du einen deiner Benommenheitsanfälle bekommst?                   »Es gibt keine versteckten Schätze«, entgegnete Cohen.
Außerdem macht dir dein Rücken Schwierigkeiten. Ich finde          »Hab alles ausgegeben. Für Wein und was weiß ich. Der Rest
keinen großen Gefallen an der Vorstellung, nur deshalb ge-        ist verschenkt oder verloren.«
fressen zu werden, weil du zum falschen Zeitpunkt Rücken-             »Du hättest was auf die hohe Kante legen sollen. Fürs Al-
schmerzen hast.«                                                   ter.«
   »Keine Sorge, das passiert nicht«, behauptete der Reiter,          »Ich habe nie damit gerechnet, alt zu werden.«
stieg ab und behauchte seine eiskalten Finger. Anschließend           »Eines Tages stirbst du«, sagte das Pferd. »Vielleicht heute.«
wandte er sich der Satteltasche zu und holte ein Schwert her-         »Ich weiß. Was glaubst du, weshalb ich hierhergekommen
vor, dessen Schneide an eine schlecht gepflegte Säge erinnerte.    bin?«
Versuchsweise schwang er es einige Male.                              Das Pferd drehte sich um und blickte in die Schlucht. Der
   »Hab noch immer den Dreh raus«, sagte er, verzog dann das       Weg hatte hier viele Mulden und Rillen. Hier und dort wuch-
Gesicht und lehnte sich an einen Baum.                             sen bereits kleine Bäume zwischen den Steinen. Zu beiden Sei-
   »Ich könnte schwören, daß dieses verfluchte Schwert jeden       ten drängte der Wald heran. In einigen Jahren würde niemand
Tag schwerer wird.«                                                mehr wissen, daß es hier eine Straße gegeben hatte. Schon jetzt
   »Du solltest damit aufhören«, meinte das Pferd. »Dich in        schien sich niemand mehr daran zu erinnern.
   »Du bist hierhergekommen, um zu sterben!«                        »Dein Vater hat dich aus dem Stamm vertrieben, als du elf
   »Nein. Ich muß etwas erledigen. Eine Aufgabe, die seit mei-    warst. Das hast du mir selbst erzählt.«
ner Jugend auf mich wartet.«                                         »Wofür ich ihm sehr dankbar bin. Dadurch habe ich gelernt,
   »Ach?«                                                         auf den Füßen anderer Leute zu stehen. Komm jetzt.«
   Cohen versuchte, sich wieder aufzurichten. Die Sehnen            Das Pferd schob sich näher. Cohen griff nach dem Sattel-
schickten Botschaften von heißer Agonie durch die Beine.          knauf und zog sich hoch.
   »Mein Vater«, krächzte er und brachte sich wieder unter Kon-     »Du willst heute gegen einen Troll kämpfen?« fragte der
trolle. »Mein Vater sagte zu mir ...«Er schnappte nach Luft.      Gaul.
   »Sohn«, spekulierte das Pferd.                                   Cohen griff in eine andere Satteltasche und holte den Ta-
   »Wie bitte?«                                                   bakbeutel hervor. Der Wind zupfte und zerrte am Papier, als
   »Sohn. Dein Vater hat vermutlich >Sohn< gesagt. Und wenn       er sich eine weitere Zigarette drehte.
Väter ihre Söhne mit >Sohn< ansprechen, wollen sie ihre Spröß-       »Ja.«
linge an väterlicher Weisheit teilhaben lassen. Das ist allge-       »Und nur deshalb hast du den weiten Weg bis hierher
mein bekannt.«                                                    zurückgelegt?«
   »Es sind meine Erinnerungen.«                                     »Mir blieb keine Wahl«, erwiderte Cohen. »Wann hast du
   »Entschuldigung.«                                              zum letzten Mal eine Brücke mit einem Troll darunter gese-
   »Er sagte ... Sohn - Himmel, du hast recht -, Sohn, wenn du    hen? Früher gab's Hunderte, als ich jung war. Heute leben
einen Troll beim Zweikampf besiegst, dann bist du zu allem        mehr Trolle in den Städten als in den Bergen. Und die meisten
fähig.«                                                           von ihnen sind fett wie Butter. Wozu haben wir auf so vielen
   Das Pferd blinzelte. Dann drehte es sich erneut um und sah     Schlachtfeldern gekämpft? Und nun ... zur Brücke.«
noch einmal an den nahen Bäumen vorbei zur düsteren
Schlucht. Eine steinerne Brücke führte zur anderen Seite.         Die schmale Brücke führte über einen schäumenden und
   Profundes Unbehagen regte sich in dem Roß.                     heimtückischen Fluß in einer tiefen Schlucht. An solchen Or-
   Seine Hufe scharrten nervös über das Geröll.                   ten erwartete man ...
   »Zum Rand«, sagte es. »Zu einem hübschen, warmen Ort.«           Eine graue Gestalt setzte über die Brüstung und landete mit
   »Nein.«                                                        nach außen gestellten Füßen vor dem Pferd. Sie hob eine
   »Was nützt es, einen Troll zu töten? Was hast du davon,        Keule.
wenn du einen Troll getötet hast?«                                  »Also gut", knurrte sie.
   »Einen toten Troll. Darum geht's ja gerade. Außerdem: Ich        »Äh ...«, begann das Pferd.
brauche ihn gar nicht zu töten. Ich muß ihn nur besiegen. Im        Der Troll blinzelte. Die niedrige Temperatur und der be-
Zweikampf. Mann gegen ... Troll. Mein Vater würde sich in         wölkte Winterhimmel wirkten sich nachteilig auf die Leit-
seinem Grabhügel umdrehen, wenn ich es nicht wenigstens           fähigkeit des Siliziumgehirns aus, und deshalb bemerkte die
versuche.«                                                        graue Gestalt erst jetzt, daß niemand auf dem Pferd saß.
   Kurze Zeit später blinzelte der Troll erneut, weil er eine       brücke. Meine Frau weist ständig darauf hin. Ha! Der wird ein
 Messerspitze am Nacken spürte.                                     Gesicht machen ... O nein! Was denkst du bloß von mir?«
   »Hallo«, erklang eine Stimme dicht an seinem Ohr.                   »Gute Frage«, sagte Cohen.
   Der Troll schluckte. Und zwar ganz vorsichtig.                     Der Troll ließ die Keule fallen und griff nach der Hand des
    »Es ist Tradition«, sagte er verzweifelt. »So eine Brücke ...   Alten.
 die Leute rechnen damit, daß sie hier einem Troll begegnen.           »Ich heiße Muskovit. Und du ahnst nicht, wie groß die Ehre
Ah«, fügte er hinzu, als sich ein weiterer Gedanke träge            für mich ist!«
formte, »wieso habe ich nicht gehört, daß du dich herange-             Er beugte sich über die Brüstung. »Beryll! Komm hoch! Und
schlichen hast?«                                                    bring die Kinder mit!«
   »Weil ich mich mit solchen Sachen auskenne«, erwiderte              Er wandte sich wieder an Cohen. Stolz und Freude leuchte-
der Alte.                                                           ten in seinem Gesicht.
   »Stimmt«, bestätigte das Pferd. »Er hat sich an mehr Leute          »Beryll will immer, daß wir von hier fortziehen und uns
herangeschlichen, als du jemals verschlingen könntest.«             nach etwas Besserem umsehen. Aber ich erinnere sie ständig
   Der Troll riskierte einen Blick zur Seite.                       daran, daß sich unsere Familie schon seit Generationen um
   »Meine Güte«, hauchte er. »Du hältst dich wohl für Cohen         diese Brücke kümmert. Es hat immer einen Troll unter der To-
den Barbar, wie?«                                                   desbrücke gegeben. Das ist Tradition.«
   »Für wen hältst du mich?« erwiderte Cohen der Barbar.               Eine große Trollfrau wankte mit zwei Babys in den Armen
   »Wenn er nicht so schlau gewesen wäre, sich Tücher um die        über den Hang. Ein Schweif aus Trollkindern folgte ihr. Sie be-
Knie zu wickeln«, wieherte das Pferd, »hätte er sich mit dem        zogen hinter ihrem Vater Aufstellung und beobachteten Co-
Klicken verraten.«                                                  hen aus großen Augen.
   Der Troll brauchte eine Weile, um diesen Hinweis zu ver-            »Das ist Beryll«, sagte Muskovit. Seine Frau starrte den Men-
arbeiten.                                                           schen an. »Und dies ...« Er zog eine kleinere Version seiner
   »Donnerwetter!« entfuhr es ihm. »Potzblitz! Auf meiner           selbst nach vorn. In der einen Hand hielt der Junge eine Mi-
Brücke!«                                                            niaturausführung der Keule seines Vaters. »... ist mein Sohn
   »Was?« fragte Cohen.                                             Schutt. Aus dem gleichen Fels gehauen. Wird die Brücke über-
   Der Troll duckte sich und gestikulierte aufgeregt. »Es ist al-   nehmen, wenn ich nicht mehr bin, stimmt's, Schutt? Nun,
les in Ordnung, alles in Ordnung!« sagte er hastig, als sich Co-    mein Junge, das ist Cohen der Barbar! Toll, was? Auf unserer
hen näherte. »Du hast mich erwischt! Hatte überhaupt keine          Brücke! Wir haben hier nicht nur dicke reiche Kaufleute wie
Chance! Gebe mich geschlagen! Ich rufe meine Familie, wenn          dein Onkel Pyrit«, fügte Muskovit hinzu. Seine Worte galten
du gestattest. Sie soll's mit eigenen Augen sehen. Sonst glaubt      dem Knaben, doch er blickte an ihm vorbei zu Beryll. »Nein,
mir niemand. Cohen der Barbar! Auf meiner Brücke!«                  wir bekommen richtige Helden, so wie in der guten alten Zeit.«
   Die große steinerne Brust schwoll noch weiter an. »Mein blö-        Die Trollfrau musterte Cohen von Kopf bis Fuß.
der Schwager gibt immer an mit seiner großen, blöden Holz-              »Ist er reich?« fragte sie skeptisch.
   »Reichtum und so spielt überhaupt keine Rolle«, erwiderte        dicke Kaufleute! Er ist jemand! Du hättest sein Angebot an-
Muskovit.                                                           nehmen sollen, als du noch Gelegenheit dazu hattest!«
   »Hast du vor, unseren Vater umzubringen?« erkundigte sich           »Eher esse ich Würmer!«
Schutt argwöhnisch.                                                    »Würmer? Ha! Seit wann können wir uns Würmer leisten?«
   »Natürlich hat er das vor«, sagte der Brückentroll streng.          »Auf ein Wort«, sagte Cohen.
»Das ist seine Pflicht. Und anschließend werde ich berühmt,            Er schlenderte zum Ende der Brücke und ließ dabei das
und man singt Lieder über mich. Hier steht Cohen der Barbar         Schwert hin und her baumeln. Der Troll folgte ihm.
vor uns, jawohl, kein Bauerntölpel mit einer Heugabel. Er ist          Der Barbar holte den Tabak hervor, sah zu Muskovit und bot
ein berühmter Held, der einen weiten Weg zurückgelegt hat,          ihm den Beutel an.
um uns einen Besuch abzustatten. Zeig Respekt.«                        »Möchtest du rauchen?« fragte er.
   Und zu Cohen: »Entschuldige bitte, Herr Held. Die Jugend            »Das Zeug kann einen umbringen«, erwiderte der Troll.
von heute. Du weißt schon.«                                            »Ja. Aber nicht heute.«
   Das Pferd kicherte.                                                 »Verschwende keine Zeit, indem du mit dem Alten
   »Sei still«, zischte Cohen leise.                                schwatzt!« rief Beryll vom anderen Ende der Brücke. »Heute
   »Mein Vater hat mir von dir erzählt, als ich noch ein klei-      ist genau der richtige Tag für dich, zur Sägemühle zu gehen!
ner Stein war«, sagte Muskovit. »Wie ein Koloß schreitet er         Hornstein meinte, daß er die Stelle nicht mehr lange freihal-
über die Welt. So lauteten seine Worte.«                            ten kann. Du solltest die gute Chance endlich nutzen.«
   Es wurde still. Cohen fragte sich, was ein Koloß sein mochte.       Muskovit sah Cohen an und lächelte schief.
Er spürte Berylls durchdringenden Blick auf sich ruhen.                »Eigentlich meint sie's nur gut«, sagte er.
   »Er ist doch nur ein alter Mann«, stellte sie fest. »Sieht gar      »Ich klettere nicht wieder zum Fluß runter, um dich ans
nicht aus wie ein Held. Wenn mit ihm wirklich soviel los sein       Ufer zu ziehen!« donnerte Beryll. »Erzähl ihm von den Zie-
soll... warum ist er dann nicht reich?«                             genböcken, Herr Wichtiger Troll!«
   »Jetzt hör mal...«, begann Muskovit.                                »Ziegenböcke?« wiederholte Cohen.
   »Darauf haben wir die ganze Zeit gewartet, wie?« fuhr Beryll        »Ich weiß überhaupt nichts von Ziegenböcken«, ächzte
fort. »Dauernd haben wir unter einer Brücke gesessen, durch         Muskovit. »Immer wieder erwähnt sie irgendwelche Ziegen-
die das Regenwasser sickert. Und warum? Vielleicht in der           böcke. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was sie
Hoffnung, daß ein krummbeiniger Alter daherkommt? Ich               meint.« Er schnitt eine Grimasse.
hätte auf meine Mutter hören sollen! Soll ich zulassen, daß            Sie beobachteten, wie Beryll die Trollkinder über die Bö-
unser Sohn unter einer Brücke hockt, bis ein alter Knacker ein-      schung geleitete. Kurze Zeit später verschwanden sie im Dun-
trifft, um ihn umzubringen? Das ist das Leben eines Trolls?         keln unter der Brücke.
Von wegen!«                                                             »Ich habe gar nicht vor, dich umzubringen«, sagte Cohen,
   »Du weißt gar nicht, was du ...«                                  als sie wieder allein waren.
   »Ha! Pyrit bekommt keine alten Männer, sondern große,               Enttäuschung zeichnete sich auf der Miene des Trolls ab.
   »Tatsächlich nicht?«                                            ein Hund Flöhe.« Muskovit blickte niedergeschlagen zum
   »Ich wollte dich nur von der Brücke stoßen und anschlie-        Fluß hinab. »Einer handelt mit Holz unten in Sauerwasser. Ein
ßend deinen Schatz stehlen.«                                       anderer kümmert sich um die Brücke, und der Dicke verdient
   »Ach?«                                                          seine Brötchen als Kaufmann in Bitterspieß! Wohl kaum der
  Cohen klopfte Muskovit auf den Rücken. »Ich mag Leute            richtige Job für einen Troll, oder?«
mit... mit einem guten Gedächtnis. Daran mangelt es heute.            »Aber einer ist im Brückengeschäft tätig«, sagte Cohen.
Es fehlen Leute, die sich an alles erinnern.«                         »Im Brückengeschäft? Den ganzen Tag über sitzt er in einem
  Der Troll nahm Haltung an.                                       kleinen Häuschen und verlangt ein Silberstück von Leuten,
   »Ich gebe mir Mühe«, versicherte er. »Mein Junge möchte         die seine Brücke passieren wollen. Überarbeitet sich bestimmt
gern losziehen, um in der Stadt zu arbeiten. Aber ich habe ihm     nicht. Nimmt sich häufig frei und überläßt es einem Zwerg,
gesagt, daß fast fünfhundert Jahre lang Trolle unter dieser        das Geld zu sammeln! So was will ein Troll sein? Man kann
Brücke gesessen haben.«                                            ihn nur noch von einem Menschen unterscheiden, wenn man
   »Gib mir einfach den Schatz«, meinte Cohen. »Dann setze         ihn aus der Nähe sieht!«
ich meinen Weg fort.«                                                 Cohen nickte verständnisvoll.
   »Welchen Schatz?« fragte Muskovit. »Ich habe keinen.«              »Weißt du, jede Woche muß ich meine Frau begleiten, wenn
   »Oh, ich bitte dich«, sagte Cohen. »Eine so gut gehütete        sie ihre Brüder besucht«, sagte der Troll traurig. »Und bei sol-
Brücke ...«                                                        chen Gelegenheiten faseln alle drei davon, daß man mit der
   »Ja, aber es kommt niemand mehr hierher. Du bist der er-        Zeit gehen muß und so ...«
ste Reisende seit Monaten, ehrlich. Berylls Ansicht nach hätte        Kummer stand in seinen Augen.
ich der Partner ihres Bruders werden sollen, als eine neue            »Was ist verkehrt daran, als Troll unter einer Brücke zu
Straße gebaut wurde, die zu seiner Brücke führte. Aber«, Mus-      hocken?« fragte er. »Ich bin unter einer Brücke aufgewachsen.
kovit hob die Stimme, »ich habe darauf hingewiesen, daß im-        Mein Sohn Schutt soll ebenfalls als Troll unter einer Brücke
mer ein Troll unter dieser Brücke saß.«                            leben, wenn ich nicht mehr bin. Was ist falsch daran? Man
   »Ja«, murmelte Cohen.                                           braucht Trolle unter Brücken. Ich meine, wo kämen wir sonst
   »Eins der Probleme ist, daß sich dauernd Steine lösen«, fuhr    hin?«
der Troll fort. »Und es ist einfach nicht zu fassen, wieviel die      Sie lehnten deprimiert an der Brüstung und blickten ins
Steinmetze verlangen. Verdammte Zwerge. Man kann ihnen             schäumende Wasser des Flusses.
nicht trauen.« Er beugte sich vor. »Um ganz offen zu sein: Ich        »Ich entsinne mich, daß man einmal von den Klingenklip-
muß drei Tage pro Woche in der Sägemühle meines Schwagers          pen bis hierher reiten konnte, ohne jemandem zu begegnen«,
arbeiten, damit wir über die Runden kommen.«                       sagte Cohen langsam. Er betastete sein Schwert. »Und kam es
   »Ich dachte, dein Schwager hätte eine Brücke«, wandte Co-       doch zu einer Begegnung, so dauerte sie nicht lange.«
hen ein.                                                              Er warf den Zigarettenstummel in die Schlucht. »Heute
   »Einer von ihnen. Meine Frau hat ebenso viele Brüder wie        gibt's überall Bauernhöfe. Kleine Bauernhöfe, auf denen kleine
Leute arbeiten. Und überall erstrecken sich Zäune. Daraus be-        »Ich habe doch erwähnt, daß meine Frau drei Brüder hat,
steht die Welt heute: aus Bauernhöfen, Zäunen und kleinen         oder? Nun, Lehm ist der Kaufmann. Er meinte, neu bepflanzt
Leuten.«                                                          ließe sich das Land leichter verkaufen.«
   »Beryll hat natürlich recht«, meinte Muskovit und setzte          Es war still, während Cohen gründlich über die letzte Be-
sein inneres Gespräch fort. »Unter einer Brücke hervorzu-         merkung nachdachte.
springen und so ... Das hat keine Zukunft.«                          »Man kann den Schönschattenwald nicht verkaufen«, sagte
   »Nun, ich habe nichts gegen Bauernhöfe«, sagte Cohen.          er schließlich. »Er gehört niemandem.«
»Auch nicht gegen Bauern. Man braucht sie. Früher lebten sie         »Ja. Genau deshalb soll er zum Verkauf angeboten werden.«
allerdings in weiter Ferne, in einer Welt, die man Zivilisation      Cohen schlug mit der Faust auf die Brüstung. Ein Stein lö-
nennt. Und jetzt ist sie hier, die Zivilisation.«                 ste sich und fiel in die Schlucht.
   »Ja«, bestätigte Muskovit. »Alles verändert sich, und zwar        »Entschuldigung«, brummte er.
ständig. Zum Beispiel mein Schwager Hornstein. Der betreibt          »Schon gut. Jeden Tag fallen hier irgendwelche Dinge ab.«
eine Sägemühle. Das muß man sich mal vorstellen. Ein Troll           Cohen drehte sich um. »Was passiert nur? Ich erinnere mich
mit einer Sägemühle! Du solltest mal sehen, was er mit dem        an die großen Kriege. Vielleicht hast auch du an ihnen teilge-
Schönschattenwald angestellt hat!«                                nommen?«
   Cohen hob überrascht den Kopf.                                    »Ja. Mit einer Keule.«
   »Meinst du den Wald mit den vielen großen Spinnen?«               »Wir zogen aufs Schlachtfeld, um für eine strahlende Zu-
   »Jetzt gibt es dort keine Spinnen mehr. Nur noch Baum-         kunft oder was weiß ich zu kämpfen. So hieß es damals.«
stümpfe.«                                                            »Ich kämpfte, weil mich ein großer Troll mit einer Peitsche
   »Stümpfe? Stümpfe? Der Wald gefiel mir. Er war... nun, un-     dazu aufforderte«, entgegnete Muskovit vorsichtig. »Du weißt
heimlich. Daran fehlt's heute, an unheimlichen Wäldern. Im        sicher, was ich meine.«
Schönschattenwald konnte man schnell lernen, was es mit              »Haben wir uns wegen Bauernhöfen und Fichten die Köpfe
Angst und Schrecken auf sich hat.«                                 eingeschlagen?«
   »Wenn du Gefallen daran findest, einen Schrecken zu be-           Muskovit ließ die breiten Schultern hängen. »Und ich kann
kommen«, sagte Muskovit, »wie wär's hiermit: Mein Schwa-           nicht mehr bieten als diese lächerliche Brücke«, sagte er. »Das
ger hat sich gerade für eine neue Bepflanzung entschieden -        tut mir wirklich leid. Du kommst den ganzen weiten Weg ... «
mit Fichten.«                                                         »Und es gab den einen oder anderen König.« Cohen blickte
   »Fichten!«                                                      erneut zum Fluß hinab. »Vielleicht trieben sich auch einige
   »Die Idee stammt nicht von ihm. Er könnte einen Baum            Magier herum. Ich weiß es nicht mehr genau. Aber eins steht
kaum von anderen unterscheiden. Die Anregung kam von               fest: Es gab einen König. Bin ihm allerdings nie begegnet. Selt-
Lehm. Er hat ihn drauf gebracht.«                                  sam.« Der alte Barbar drehte den Kopf, sah Muskovit an und
   Cohen hatte das Gefühl, die Orientierung zu verlieren.          lächelte bitter. »Ich habe seinen Namen vergessen. Den des
»Lehm?«                                                            Königs. Ich glaube, man hat ihn uns nie genannt.«
Etwa eine halbe Stunde später verließ Cohens Pferd den dü-           »Ha!«
steren Wald und erreichte ödes, windiges Heideland. Eine Zeit-       »Um der Alten Welt willen.«
lang stapfte es weiter, dann fragte es schließlich: »Na schön -      »Ha!«
wieviel hast du ihm gegeben?«                                        Cohen blickte nach unten.
   »Zwölf Goldstücke«, antwortete Cohen.                            Er lächelte.
   »Warum zwölf?«                                                    »Und wegen drei Adressen«, fügte er hinzu. »Eines Tages
   »Weil ich nicht mehr hatte.«                                   sterbe ich, aber nicht heute.«
   »Du scheinst den Verstand verloren zu haben.«
   »Als ich meine berufliche Laufbahn als barbarischer Held       Der Wind wehte von den Bergen und brachte winzige Eiskri-
begann, gab's einen Troll unter jeder Brücke«, sagte Cohen.       stalle mit sich. Für Schnee war es zu kalt. Dieses Wetter trieb
»Und durch einen Wald wie den hinter uns konnte man nicht         Wölfe bis zu den Dörfern hinab, und im Herzen des Waldes
reiten, ohne daß einige Kobolde versuchten, einem den Kopf        ließ die Kälte Bäume bersten. Allerdings gab es weniger Wölfe
abzuhacken.« Er seufzte. »Wer hat all das verschwinden las-       und auch weniger Wald.
sen?«                                                                Bei solchem Wetter blieben vernünftige Leute daheim und
   »Du«, erwiderte das Pferd.                                     saßen vor dem Kamin.
   »Nun, ja. Aber ich dachte immer, es gibt viel mehr. Ich habe      Sie erzählten Geschichten über Helden.
immer geglaubt, die Wildnis reiche bis in die Unendlichkeit.«
   »Wie alt bist du?« fragte das Pferd.
   »Keine Ahnung.«
   »Du bist sicher alt genug, um es besser zu wissen.«
   »Mag sein.« Cohen zündete sich eine weitere Zigarette an
und hustete, bis ihm die Augen tränten.
   »Fängst auf deine alten Tage an, Mitleid zu zeigen.«
   »Und wenn schon.«
   »Gibst das letzte Geld einem Troll!«
   »Ja.« Cohen blies den Rauch in Richtung der untergehenden
Sonne.
   »Warum?«
  Der Barbar blickte zum Himmel hoch. Das rote Glühen war
so kalt wie die Hänge der Hölle. Ein eisiger Wind wehte über
die weite Steppe und zerrte an den Resten von Cohens Haar.
   »Um der Art und Weise willen, wie die Dinge beschaffen
sein sollten.«

								
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