Kapitel 31 by M6Fyt1u

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									Russische Nächte

              Zum Teufel! Gibt es noch nicht einmal Tee in diesem Hause?

                                                           —Maxim Gorki


In Lev Tolstojs Erzählung »Die Kreutzersonate« von 1889 gibt eine lange
Bahnfahrt durch das russische Riesenreich den Hintergrund einer der zahl-
reichen tödlich endenden Ehegeschichten ab. Ganz nebenbei erfahren wir,
wie die alten Russen auf langen Eisenbahnreisen an ihr unverzichtbares
Gesöff gelangten:
      »Als der Zug gegen Abend des zweiten Tages auf einen größeren
Station einen längeren Aufenthalt hatte, ging der nervöse Herr hinaus, um
sich heißes Wasser zu holen und bereitete sich sodann Tee. Der Herr mit
dem eleganten Handgepäck, ein Rechtsanwalt … und seine Nachbarin, die
rauchende Dame … begaben sich in das Stationsgebäude, um dort Tee zu
trinken.«
      Auf welche Art der nervöse Herr sich seinen Tee bereitet, wird nicht
erwähnt. Die Vertrautheit mit tschainik und kipjatok durfte Tolstojbei je-
dem zeitgenössischen russischen Leser voraussetzen. Der tschainik war,
wie auch dem westlichen Leser schon der Name sagt, ein kleines
Kännchen mit tschai. Man führte es auf Reisen mit sich und füllte es an
den Bahnstationen mit dem kipjatok, dem heißen Wasser, wieder auf. Die
Teeblätter trug man in Papier gewickelt am Leib. Ein dickwandiges Glas
und ein paar Stücke gehobelten gelblichen Hutzuckers hatte man in der
Tasche. Man reichte ein Stück dieses starken ungebleichten Zuckers
herum und ließ seine Mitreisenden abbeißen. So saß man konspirativ zu-
sammen. Heute läuft in russischen Zügen, in der Transsibirischen
Eisenbahn etwa, eine dickwadige Schaffnerin herum, die prowodniza, und
verkauft Teeblätter. Am elektisch beheizten Samowar, der in jedem
Waggon steht, kann der Reisende sich seine Plempe dann während der
Fahrt selbst zurichten. Solche Elektro-Samoware, in doppelter Hinsicht der
Gipfel des schlechten Geschmacks, erfreuen sich bei dem speckigen
Kleinbürgertum in der östlichen Steppe (etwa in Städten wie Omsk, Nishi
Nowgorod oder Berlin), bis heute großer Beliebtheit. Übrigens führt die
prowodnizain der Transsib auch Teeglashalter von belcherner Eleganz mit
sich, die man sich ausliehen und, gegen ein entsprechendes Trinkgeld,
auch behalten kann.
      (Da wir gerade bei der Transsib sind: Wer mit der legendären Ei-
senbahn jemals in die Nähe von Ulan Bator kommt, wird die merkwürdi-
gen Teesitten des stark vom schamanischen Erbe geprägten noch zur
Hälfte nomadisch lebenden Volkes der Mongolen beobachten. Hier wird
der Tee zai genannt. Das zweifelhafte Verdienst, Rußland den Tee erst ge-
bracht zu haben, kann den Mongolen niemand mehr nehmen. Inzwischen
jedoch müssen sie den Tee aus Georgien einführen, da in der Mongolei
wenig wächst, und schon gar kein Tee. Die gastfreundlichen Viezüchter,
die ihre beiden großen Nachbarn, die Chinesen und die Russen, mit glei-
chem Argwohn im Auge behalten, kochen ihren Tee mit einem Gemisch
aus gleichen Teilen Wasser und Milch auf. Das labbrige Gebräu ist nichts
für Feinschmecker. Das Rezept ist von den einfachen chinesischen Bauern
übernommen. Wie diese verwenden die Mongolen Klumpen des gepreßten
Ziegeltees, der wie Blumentopf-Erde aussieht und sich auch so anfühlt.
Sie geben Fett, eine Prise Salz, etwas Mehl oder Hirse dazu. Besonders
beliebt ist auch Hammelfleisch, mit dem die Nachkommen Dschingis
Khans ihren Tee kräftigen. Das Fleisch wird in Streifen geschnitten, mit
Wäscheklammern auf die Leine gehängt, und was davon nach einer Woche
noch vorhanden ist, wird in den Tee geworfen. So fabrizieren die
Mongolen ein stärkenden Teesuppe gegen die widrigen Klimabedingungen
ihres herben Riesenlandes — in den mongolischen Taigas, Steppen, Wü-
sten und Hochebenen können im Winter 40 Minusgrade, im Sommer 40
Grad Hitze herrschen — und die Strapazen des Nomadenlebens. In ihrem
Zelt, einer Ger genannten Jurte, die man in einer Stunde auf- oder
abbauen kann, wird dreimal am Tag eine solche Teesuppe kredenzt und in
kitschig verzierten Thermoskannen zur Verfügung gehalten.)
      Tolstojs geheimnisvoller nervöser Herr hingegen zieht im Laufe der
langen Eisenbahnreise seine eigene kleine Kanne und ein Päckchen Zucker
aus seinem Handgepäck, um seinem Mitreisenden davon anzubieten. Wie
sich bald darauf herausstellt, hat er seine Ehefrau umgebracht, und ent-
sprechend heftig ist auch sein Tee.
      »Der Tee war in der Tat wie Bier, aber ich trank dennoch ein Glas.«
      Russische Nächte, erfüllt von erregten Diskussionen und endlosen
Erzählungen, gärten unter einer Glocke von drückenden Passivität. Das
autoritäre Zarenregime bannte alle Unzufriedenheit in die privaten vier
Wände. Die Wut der Untertanen konnte sich nur im Dunstkreis des Samo-
wars entladen. Aber kann man das, was in Rußland seit der zweiten Hälfte
des siebzehnten Jahrhunderts getrunken wurde, überhaupt als Tee be-
zeichnen? Angesichts des prachtvoll polierten und aufgeschirrten
Samowars stellt sich eine Frage offenbar überhaupt nicht: die des
Aufgusses. Was man mit Hilfe dieser technischen Konstrunktion, die von
weitem an eine Dampfmaschine erinnert, kredenzt, schmeckt eher wie
eine bittere, mit heiß Wasser verlängerte Brühe. Zitronensaft verdirbt den
letzten Geschmack des russischen Tees, an dem im Grunde gar nichts
mehr zu verderben ist. Die obskure Flüssigkeit ist allein dank des
ungebleichten Zuckers zu genießen.
      »Der Tee war furchtbar stark«, fährt der Erzähler der
»Kreutzersonate« fort, »es war jedoch kein Wasser vorhanden, womit
man ihn hätte verdünnen können. Ich spürte, daß mich die genossenen
zwei Gläser Tee in eine seltsame Erregung gebracht hatten. Offenbar tat
der Tee auch auf den Erzähler seine Wirkung, denn dieser wurde immer
aufgeregter und lebhafter. Seine Stimme wurde immer singender und
eindrucksvoller. Er änderte unablässig seine Haltung, nahm die Mütze ab,
setzte sie wieder auf, und sein Gesicht schien in dem Halbdunkel, in dem
wir uns befanden, seltsam verändert.«
      Was sich in der russischen Gesellschaft zusammenbraute, um keine
dreißig Jahre später in einem welthistorischen Knall zu explodieren, kochte
zu Zeiten von Tolstojund Dostojewskij auf der kleinen Flamme des Samo-
wars. Würzig riechende glühende Holzkohle hält das Wasser heiß. In den
Hungerjahren nach dem ersten Weltkrieg mußte auch schon einmal ein
Ikone daran glauben. »Da wir weder Kohle noch Kleinholz hatten«, erin-
nerte sich Anatolij Marienhof, ein Freund von Sergej Jessenin und wie die-
ser ein Genie, »mußten wir wohl oder übel von der alten Ikone, die fried-
lich im Stubenwinkel hing, etwas abzwacken.«
       Im neunzehnten Jahrhundert bestand der Samowar meist aus Kup-
fer, war innen verzinnt, und besaß die würdige Form einer Urne. Obenauf,
von der Hitze profitierend, thronte ein kleines Kännchen mit einer schwe-
ren, ungenießbaren Tee-Essenz. Mit dem trüben Konzentrat und dem hei-
ßem Wasser konnte sich jeder den Tee so stark oder schwach machen wie
es ihm beliebte. Bei den Teeblätter handelte es sich um ein nicht minder
derbes Kraut wie bei den zum Tee reichlich genossenen Zigaretten. Wer in
russischer Kriegsgefangenschaft war, erinnert sich vielleicht noch an den
beißenden Qualm der Machorka-Zigaretten und jener obskuren Teeblätter,
die die Russen in geschnitzen Pfeifen rauchten.
      Verständlich, daß Damen und andere zartbesaitete Seelen ihren Tee
lieber etwas dünner haben wollten. Die zimperliche helle Version hieß im
neunzehnten Jahrhundert, erstaunlich genug, offizerskij tschai. Das war
allerdings lange vor Gründung der Roten Armee. Wenn die Russen ihren
Tee nicht mit der unsäglichen Zitronenbeize überträufelten, konnten sie
ihn auch als tschai so sliwkami, mit einem Löffelchen süßen, nicht ge-
schlagenen Rahms nehmen.
      Was ein echter Russe ist, der wirft seinen ungebleichten Zucker
nicht etwas ins Teeglas, um dann die heiße Brühe knisternd darüberzugie-
ßen, sondern er nimmt den Span in den Mund und läßt beim Trinken den
Tee genüßlich daran vorbeifließen. »Der Zucker kommt im Munde nur zu
Besuch, nur an den Außenrand des Tees«, schreibt Adolf Goetz, ein Ken-
ner russischer Sitten. »Es wird nur etwas Süßigkeit aus der Ferne mitge-
nommen, wißt ihr, man rundet den heißen Schluck sozusagen nur mit
Süße ab, daß man es nur ein wenig schmeckt. Nicht zu viel. Wer wird
schon Tee mit Zucker zusammenrühren.« Goetz weiß auch von einer
Technik zu berichten, nach der die Russen, um den ganzen Duft ihres Tees
einatmen zu können, diesen auf die Untertasse gießen und ein Gesichts-
bad in dem sodann aufsteigenden Teedampf nehmen. Vielleicht war es
besser, diesen Tee einzuatmen, als ihn zu trinken. In Rußland kommt der
Tee traditionell zu jeder Mahlzeit auf den Tisch. Wer nicht mehr nachge-
schenkt bekommen möchte, muß sein Glas umgestülpt auf die Untertasse
stellen.
      Wer heute etwa im Hotel Europa in Sankt Petersburg absteigt, und
in einem seiner großzügigen Jugendstilsalons oder in dem überdachten In-
nenhof zu einen Rubelpreis mit vielen Nullen ein Kännchen Tee bestellt,
dürfte eigentlich, nach Name und Tradition des Ortes, ein feines Blättchen
erwarten. Aber leider ist das kulturelle Niveau der meisten internationalen
Reisenden selbst in den besten Hotels der Welt heute auf eine durchaus
plebsige Stufe abgesackt. Es fehlt an Esprit, an Nerv, an Nuance. Der
grobschlächtige Geschmack eines planetarischen Geldproletariats hat sich
durchgesetzt und wird überall als allgemein verbindlich anerkannt. Zwar
sprach bereits Lenin von der Diktatur des Proletariats, aber er hatte sie
sich wohl anders vorgestellt. Wie sollte ausgerechnet eines der beiden
großen zivilisatorischen Entwicklungsländer Europas mit stilbildendem
Beispiel vorangehen? Und so wird auch der Teetrinker im Hotel Europa mit
dem üblichen undefinierbaren internationalen Einheitstrank abgespeist.
Dabei wartet die russische Küche durchaus mit Traditionen auf, die es sich
aufzunehmen und zu verfeinern lohnte. So wurde vor der Revolution in
bürgerlichen Kreisen etwa zum tschai-marmeladon eingeladen. Dazu
reichte man eingemachte Früchte aus einer Schüssel. Diese wurden mit
einem Löffel anstelle des Zuckers in den Mund gesteckt und mit Tee um-
spült. Der Russe tut alles, um dem Geschmack seines Tees mit etwas Ge-
nießbarem auszugleichen. Beim tschai-marmeladon hält man den Teelöffel
mit Zeige- und Mittelfinger im Glas fest. Die gelungene Verbindung von
Tee und Obst ließe sich mit den Bäckereitraditionen der russischen Küche
verfeinern. Zum ersten Mal seit der gescheiterten Februar-Revolution von
1917 bekäme damit das russische Bürgertum wieder eine historische
Chance.
      Die Einführung des Tees in Rußland hatte nämlich durchaus zu
Hoffnungen Anlaß gegeben. Ein mongolischer Chan aus dem nordwestli-
chen Gebiet der Ubsanor dicht an der Grenze zu Sibiren ließ im Jahre
1638 dem russischen Gesandten zweihundert Pakete Tee als Geschenk für
den Zaren Michail , den ersten Romanow, überreichen. Durch seine
gottgegebene Lage zwischen China und Europa schien Rußland geradezu
gebenedeit, ein Reich des Tees zu werden. Zudem durfte dank der nicht
allzu hitzigen Temperaturen, besonders in Sibirien, die Nachfrage nach
dem wärmenden Getränk als gesichtert gelten. Und noch ein anderer Vor-
teil kam hinzu: Während das kontinentale Europa seinen Tee aus den stic-
kigen, nach Teer duftenden Laderäumen träger Segelschiffe erhielt,
wurden den Russen die Blätter von luftigen Karawanen geliefert. Das ging
schneller und schmeckte besser. Karawanentee , der aus China durch In-
nerasien nach Rußland, und von dort aus auch weiter gehandelt wurde,
war freilich teurer als die zusammen mit chinesischem Porzellan in muffi-
gen Schiffsbäuchen monatelang durch die Meere geschipperten Blätter.
       Aber, wie wir wissen, hat auch dieser Standortvorteil nichts gehol-
fen. Noch nach dem ersten Weltkrieg trank man, wie der Dichter Anatolij
Marienhof berichtete, in der Kantine der »Moskauer Schaubude« eine
»braune, mit Sacharin gesüßte Plürre« — wozu übrigens zartes Fohlen-
fleisch verspeist wurde. Die russischen Despoten, bis hin zu den roten Za-
ren, ließen nicht zu, daß jenes gesellschaftliche Klima entstand, das dem
Genuß des Tees am günstigsten ist: Ein liberales Großbürgertum, das
internationalen Handel treibt, eng verbunden mit einer stilbildenden
Aristokratie. So hatte die russische Knute den gleichen Effekt wie in
Westeuropa der sozialdemokratische Teebeutel.

								
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