scholl rastatt by J7G2UPN

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Wir sind Kirche – Rastatt 21.2.1999 – Norbert Scholl

1. Einführung
(Dazu: Weihbischof Dr. Wehrle [=W], Seelsorge aus gelebter Communio. Zum Anliegen einer “kooperativen
Pastoral”. Freiburger Texte Nr. 32, Oktober 1998).
W. differenziert “Seelsorgeeinheiten” und “kooperative Pastoral” (6, Abs.1c).
Wie er “kooperative Pastoral” theologisch und pastoraltheologisch sieht und begründet,
beschreibt er später (10, Abs. 4b)
Unter Punkt 6) (“Wo und wie anfangen?”) erwartet man konkrete Hinweise – leider
vergebens. Es heißt lediglich: - “bei uns selbst” (17), - “im Bewußtsein der gemeinsamen
Verantwortung aller für die Geschicke der Pfarrei”” (18), - in der Eigenverantwortlichkeit
aller pastoralen Mitarbeiter/innen” (18). Daß es eine echte “Verantwortung aller” und eine
wirkliche “Eigenverantwortlichkeit aller pastoralen Mitarbeiter/innen” dank der jüngsten
römischen Erlasse gar nicht geben darf, wird verschwiegen.
2. Klärungen
Die geplanten Seelsorgeeinheiten sind ein gut gemeinter, mehr oder weniger verzweifelter
Versuch, die immer bedrückender werdenen pastoralen Probleme notdürftig zu bewältigen.
Das gesteht auch W ein (5f.). Noch drastischer beschreibt es Peter Hünermann (CiG 7/99,
50). Er spricht von “Fehlentwicklungen in der Seelsorge, im religiösen und gemeinschaftlich
gottesdienstlichen Leben.” Durch Überalterung werden die Priesterzahlen in den nächsten
Jahren zurückgehen, die Laien dürfen viele der anstehenden und wachsenden pastoralen
Aufgaben nicht übernehmen. Gemeinden werden mehr und mehr zusammengelegt. Eine
pastoralintensive Seelsorge, wie sie in der Individual- und Erlebniskultur notwendig wäre, ist
so nicht zu leisten. Die kirchliche Verwaltung reagiert auf die grundlegende Krise einfallslos.
“Scheinbar ruhig legt man zusammen, was nicht zusammengehört, kürzt und ‚bewältigt‘ die
seelsorglichen Probleme administrativ. Wohin diese Regelungen führen, liegt auf der Hand:
Die Versteppung der Gemeinden scheint vorprogrammiert.” Unter dem Druck aus Rom, auf
keinen Fall reformerischen Bitten nachzugeben, und den vielfältigen Forderungen der
Gläubigen, bis hin zu Intrigen fundamentalistischer Kreise, die im Vatikan bekanntlich mit
Beschwerden ihre Sicht der Dinge vehement vortragen, haben ganz besonders die Bischöfe zu
leiden. “Es ist in einer solchen Situation psychologisch verständlich, wenn Bischöfe
dünnhäutig werden und sich vor kritischen Fragen abschotten.” Hünermannn äußert die
Befürchtung, daß sich das aktuelle Pontifikat dem Reformstau wohl nicht mehr stellt: “Bedarf
es eines neuen Konzils?”
Ich möchte im folgenden versuchen, nicht nur die Symptome zu beschreiben (wie das m.E.
Weihbischof W tut), sondern nach der Wurzel und den eigentlichen Ursachen zu fragen.
3. Ursachen
   Warum wird die Mitarbeit der “Laien” eingeschränkt, obwohl selbst der CIC mehr
    Spielraum für Mitarbeit läßt?
   Die gültigen kirchenrechtlichen Bestimmungen lassen Maßnahmen zu, die offenbar der
Diözesanleitung nicht bekannt sind oder nicht bekannt sein wollen. Danach ist es “Laien”, die
in der Seelsorge von Pfarreien ohne eigenen Priester Dienst tun, erlaubt, folgende kirchlichen
Dienste auszuüben: Predigt (CIC, c.766), Spendung der Eucharistie (CIC, cc. 910. 911§2),
Spendung der Taufe (CIC, c.861 §2), Eheschließungsassistenz (CIC, c.1112),
Sakramentalienspendung/Beerdigungen (CIC, c.1168). Selbstverständlich dürfen auch Frauen
diese Dienste wahrnehmen. In verschiedenen deutschen Diözesen (Limburg, Speyer,
Augsburg) gibt es gemäß einer Empfehlung der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der
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BRD (“Dienste und Ämter”, 5.3.3) und unter Berufung auf CIC c. 517,2, bereits
“hauptamtliche Bezugspersonen” bzw. “Pfarrbeauftragte” (der Begriff Gemeindeleiter soll
offenbar vermieden werden), denen durchaus (auch) Leitungsaufgaben zukommen.
   Ärgerlich ist die Begründung, daß der Einsatz von Laien “zu einem Rückgang der
Kandidaten für das Priestertum führe” (Instruktion v.15.8.1997, Abs.2; zit nach: Orientierung
21/1998,231).
   Warum werden immer häufiger nichteucharistische Gottesdienste zugelassen,
    obwohl lt. Konzil die Eucharistiefeier “Höhepunkt” (SC 10) des Tuns der Kirche sei?
   Als “Ersatz” für den Ausfall der sonntäglichen Eucharistiefeier wird der Gemeinde von der
Glaubenskongregation ein “priesterloser Gottesdienst” angeboten: “Die einzelnen Gläubigen
oder Gemeinden, die aufgrund von Verfolgungen oder durch Mangel an Priestern über
kürzere oder längere Zeit der Eucharistiefeier entbehren müssen, gehen deshalb der Gnade des
Erlösers keineswegs verlustig. Wenn sie, zutiefst vom Wunsch nach dem Sakrament geleitet
und im Gebet mit der ganzen Kirche vereint, den Herrn anrufen und ihre Herzen zu ihm
erheben, haben sie in der Kraft des Hl. Geistes Gemeinschaft mit der Kirche, die der
lebendige Leib Christi ist, und mit dem Herrn selbst. Durch ihr Verlangen nach dem
Sakrament mit der Kirche vereint, sind sie, wenn auch äußerlich von ihr getrennt, zuinnerst
und wirklich ganz mit der Kirche verbunden und empfangen daher die Früchte des
Sakraments.” Das klingt fast zynisch. Um der Aufrechterhaltung eines kirchenrechtlichen
Prinzips willen (lebenslange Verpflichtung, Zölibat, nur Männer, Hochschulstudium als
Zuslassungsvoraussetzungen zur Ordination) wird den Gemeinden das vorenthalten, was die
Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils als “Höhepunkt, dem das Tun der
Kirche zustrebt, und zugleich Quelle, aus der all ihre Kraft strömt,” bezeichnet (SC 10).
   Sehr drastisch äußerte sich dazu der brasilianische Kardinal Aloisio Lorscheider in einem
Interview am 29.10.1987: “Da haben einige das ‘Votum Sacramenti’ (den Wunsch nach dem
Empfang des Sakraments) aus der Mottenkiste geholt, das sei gleich viel wert usw. Aber das
steht in ihrem Buch, nicht im Leben. Im Leben ist das anders. Die sollen mal bei uns ins Lan-
desinnere gehen und sehen, was das heißt, wenn monatelang niemand kommt, daß sie
zusammen Eucharistie feiern können.” Was Jesus nach dem Johannesevangelium als
“wirkliche Speise” und als “wirklichen Trank” bezeichnet hat, sollen die “normalen”
Gläubigen nur “geistig” in sich aufnehmen dürfen.
    Problematisch erscheint bei priesterlosen Gottesdiensten, die nach den offiziellen
liturgischen Richtlinien gehalten werden, die Austeilung der Kommunion von den im
Tabernakel aufbewahrten eucharistischen Gestalten. Diese sind ja ursprünglich für alte und
kranke Menschen vorgesehen, die an der Eucharistiefeier nicht unmittelbar teilnehmen
können, die aber durch das Überbringen der eucharistischen Gaben in ihr Haus wenigstens
indirekt daran partizipieren sollen. Mit der Kommunionausteilung im priesterlosen Gottes-
dienst wird der Eindruck erweckt, als sei nicht das dankende Erinnern des letzten Mahles, des
Todes und der Auferweckung Jesu die “Mitte” des Sonntags, sondern die Kommunionaus-
teilung. Warum soll man dann eigentlich noch in der Kirche zusammenkommen? Die Bibel
kann man auch daheim lesen und die Kommunion auch zuhause empfangen. Wenn schon ein
priesterloser Gottesdienst am Sonntag zu feiern ist, dann sollte das ohne
Kommunionausteilung aus dem Tabernakel geschehen - als reiner Wortgottesdienst. Und
nicht als “Ersatz-Eucharistie”. Trennt man die Spendung der Kommunion vom Hochgebet, so
tritt der Aspekt der sakralen Gnadenvermittlung ohne Mahlgemeinschaft einseitig in den
Vordergrund.
   Die Liturgiekonstitution spricht von einer vielfältigen Gegenwart Christi. Sie macht dabei
keine näheren Differenzierungen der Art und Weise dieser Gegenwart: “Gegenwärtig ist er im
Opfer der Messe sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht..., wie
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vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er mit seiner Kraft in den
Sakramenten... Gegenwärtig ist er in seinem Wort... Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die
Kirche betet und singt, er, der versprochen hat: ‘Wo zwei oder drei versammelt sind in
meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen’”(SC 7).
   Wenn schon von “Kooperativer Pastoral” die Rede ist, so wäre in diesem Zusammenhang
auch einmal zu fragen, ob nicht derartige Wortgottesdienste in Kooperation mit der
evangelischen Gemeinde am Ort geschehen könnten, selbstverständlich nach Absprache und
mit Einverständnis der betroffenen Gemeinde und des zuständigen Pfarrers. Denn beim
evangelischen Gottesdienst handelt es sich ja in den meisten Fällen “nur” um einen
Wortgottesdienst. Solche gemeinsamen Gottesdienste sind ohnehin schon bei besonderen
Anlässen zur Gewohnheit geworden. Warum sollten sie es nicht auch im Zusammenhang
einer “Kooperativen Pastoral” werden können?
   Es wäre sogar angebracht, noch einen Schritt weiter zu gehen. In einem am 31.10.1994
veröffentlichten Thesenpapier von 4 namhaften katholischen Pastoraltheologen (Fuchs,
Greinacher, Mette, Steinkamp) zur Situation der Kirche findet sich folgender Passus:
“Angesichts des pastoralen Notstands in der Kirche, aufgrund dessen immer mehr Gemeinden
keinen eigenen Priester mehr haben und sich um ihre fundamentalen Rechte auf
Eucharistiefeier und Gemeindeleitung beraubt sehen, wird die ökumenische Gastfreundschaft
immer wichtiger. Vor die Alternative gestellt, entweder an keiner Eucharistiefeier teilnehmen
zu können oder am Abendmahl der prostestantischen Kirche zu partizipieren, schließen wir
diese letzte Möglichkeit nicht mehr aus. Darüber hinaus ist es notwendig, die von Laien
faktisch wahrgenommene Gemeindeleitung auch kirchlich anzuerkennen bis hin zu der
Vollmacht, der Eucharistiefeier vorzustehen.”
   Warum werden die z.T. selbst aufgebauten Hindernisse für die Zulassung von
    Gemeindeleitern/leiterinnen nicht infrage gestellt?
    Änderung der Zulassungsvoraussetzungen
   Mit der (Wieder-) Einführung des ständigen Diakonats auch für verheiratete Männer hat
die Kirche in gewissem Maße Flexibilität gezeigt. Mit der (Wieder-) Einführung des
ständigen Diakonats für Frauen tut sie sich (noch) schwer. Nicht einmal den Eingang der
Resolution, die auf dem großen Internationalen Kongreß für den Diakonat der Frau in
Stuttgart 1997 verfaßt wurde, hat die Deutsche Bischofskonferenz bisher bestätigt.
   Allen Bestrebungen, auch in der römisch-katholischen Kirche in absehbarer Zeit die
Ordination von Frauen zuzulassen, hat Papst Johannes Paul II. sein kategorisches “Nein”
entgegengesetzt. Er beruft sich dabei auf die Verhaltensweise Jesu, der nur Männer zu
Aposteln erwählt hat. Die Entscheidung müsse als definitiv betrachtet und von den Gläubigen
“vollständig und bedingungslos angenommen” werden. Das Gegenteil zu lehren, stelle eine
“Irreführung des Geistes” dar.
   Es ist längst Gemeingut aller ernst zu nehmenden katholischen Exegeten: Die
Geschlechtszugehörigkeit des Zwölferkreises Jesu war primär bedingt durch “die einmalige
konkrete Situation seines missionarischen Werbens um den Glauben Israels. Daraus auf eine
Zurücksetzung der Frau schließen zu wollen, ist völlig unberechtigt” (A. Vögtle). Frauen aus
unterschiedlichen Gesellschaftsschichten teilten das Wanderleben Jesu (vgl. Lk 8,1-3). In der
Apostelgeschichte und den Paulusbriefen begegnen uns zahlreiche gleichberechtigte
weibliche “Mitarbeiter in Christus Jesus” (Röm 16,3: Priska), “Mitkämpferinnen für das
Evangelium” (Phil 4,2 f.) oder “sich Abmühende im Herrn” (Röm 6,12), sowie weibliche
Diakone (Röm 16,1 f.), Leiterinnen von Hauskirchen (Kol 4,15; Apg 16,14f.40; Röm 16,3-5)
und sogar ein weiblicher Apostel namens Junia (Röm 16,7). “Paulus sieht offenbar keinen
Grund, gegen das gleichberechtigte Auftreten von Frauen und Männern im Gottesdienst
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anzugehen; er regelt lediglich bestimmte Äußerlichkeiten" (H. Gollinger). Die Apostel sind
also die ersten gewesen, die sich nicht an die (angeblichen) Vorgaben Jesu gehalten haben
und die damit “die Geister irreführten”.
   Bereits 1974 verlangte die Gemeinsame Synode der Bistümer in der BRD “die Prüfung der
Frage, ob in Ehe und Beruf bewährte Männer zur Priesterweihe zugelassen werden sollen und
ob die Zölibatsgesetzgebung grundsätzlich geändert werden soll.” Auch in diesem Fall ist bis
heute aus Rom keine Antwort erfolgt. Dabei gäbe es genügend gut ausgebildete
Pastoralreferentinnen und –referenten, Pastoralassistentinnen und –assistenten,
Religionslehrerinnen und –lehrer sowie theologisch versierte, allseits angesehene und
hochmotivierte (verheiratete) “Laien”, die in der Lage wären, eine Gemeinde zu leiten und der
Eucharistiefeier vorzustehen. Aber nach dem Willen Roms dürfen sie nicht einmal bei der
Eucharistiefeier predigen und nur in Ausnahmefällen die Kommunion austeilen.
    Kann man es jungen Menschen – Frauen und Männern - angesichts der mangelnden
Bereitschaft Roms zu grundlegenden Reformen überhaupt noch zumuten, Theologie zu
studieren und in den kirchlichen Dienst einzutreten – womöglich mit dem Ziel der
Ordination? Wer wählt schon freiwillig einen Beruf, der infolge einer desolaten
Seelsorgesituation von vornherein ständige Überforderung, gepaart mit permanenten
obrigkeitlichen Maßregelungen verheißt?
      Künftige Kirchenstruktur
   Die künftige Kirchenstruktur wird jedenfalls von einem Pfarr-Herrn Abschied nehmen
(müssen), der für alles zuständig ist und überall das letzte Wort zu sagen hat. Kirche muß
ihren Ausdruck finden in einer konkreten Sozialgestalt und in der Strukturierung ihrer
Gemeinden. Die künftige Form der Ortskirche kann und wird nicht mehr die relativ
überschaubare Territorialpfarrei mit dem “Klerus” (dem Pfarrer) als “Haupt” und den vielen
ihm untergebenen, dienstbaren “Laien” als Gliedern sein, sondern die Großpfarrei mit einer
Vielzahl kategorial-personaler Substrukturen. Diese können sich um bestimmte Menschen mit
gleichem Lebensalter, verwandtem Beruf, gemeinsamer Spiritualität oder (theologischer,
sozio-politischer, caritativer) Gesinnung bilden; sie können an Anstalten, Heimen oder in
bestimmten Wohnvierteln entstehen und auch paragemeindliche Gruppen, Vereinigungen
oder Basisgemeinschaften umfassen. Eine seelsorgerliche Betreuung durch einen einzigen
Allround-Pfarrer in der herkömmlichen Form ist nicht mehr zu gewährleisten.
   Um eine differenzierte Pastoral zu ermöglichen, sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten
bereits in großem Umfang haupt- und nebenamtliche, nicht ordinierte Mitarbeiter im
kirchlichen Dienst eingestellt worden. Dazu zählen Frauen und Männer in Verwaltungs- und
Leitungsaufgaben, als Sozial- und Jugendarbeiter, als Katechisten und Katecheten, als
Religionslehrer und Hochschullehrer, als Gemeinde- bzw. Pastoralreferenten und -assistenten.
Dabei veränderten sich auch die Profile der Dienstämter. Nicht wenige üben heute ein “Amt
in der Kirche” aus, das aber noch kein “Amt der Kirche” geworden ist.
   In ihrem jüngsten Schreiben über den priesterlichen Dienst betonen die deutschen
Bischöfe, “die communio der Kirche (werde) am intensivsten in der Eucharistie sowohl
gestiftet als auch dargestellt.”1 Das bedeutet: die Gemeinschaft der Kirche verliert an
Intensität ihres Zusammenhalts, wenn es immer mehr Pfarreien gibt, in denen am Sonntag
keine Eucharistiefeier stattfinden kann, weil kein ordinierter Gemeindeleiter zur Verfügung
steht. Das bedeutet auch: kirchliche Substrukturen werden sich mehr und mehr aus der Orts-
und Gesamtkirche lösen und Sektencharakter annehmen, weil ihre sakramentale Einbindung


1
    Die deutschen Bischöfe, Schreiben über den priesterlichen Dienst, hgg.v.Sekretariat d.Dt..Bischofskonferenz, Bonn
    (24.9.1992), S.20 f.
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durch die gemeinsame Eucharistiefeier wegfällt. Ohne eine ausreichende Zahl von
Ordinierten wird die Seelsorge über kurz oder lang zusammenbrechen.2
   Eine Kirche, die sich als “pilgerndes Gottesvolk” versteht und die sich in ihrer Sozialge-
stalt aufgrund veränderter Gesellschaftsstrukturen und immer spezialisierterer und
vielfältigerer Aufgaben einem tiefgreifenden Wandel unterworfen sieht, wird sich einer
Erweiterung und Differenzierung des Leitungsdienstes auf Dauer nicht verschließen können.
Die überkommene Totalzuständigkeit und -tätigkeit des (sakramentalen) Amtes muß weiter
aufgefächert und im Hinblick auf die konkreten pastoralen Erfordernisse spezialisiert werden.
Einen konkreten Vorschlag dazu hat der Wiener Pastoraltheologe Ferdinand Klostermann
schon vor über 20 Jahren gemacht: “Ob der presbyteriale Vorsteher der Großpfarreien und der
vollgemeindlichen Substrukturen haupt- oder nebenberuflich tätig, unverheiratet oder
verheiratet ist, sollte nur von den vorhandenen Kräften, bzw. von der Größe und den
Bedürfnissen der Gemeinde abhängen. Auch die Art der theologischen und sonstigen
Ausbildung wird davon bestimmt werden müssen. So wird man nicht für alle
Gemeindevorsteher ein vollakademisches theologisches Studium verlangen können und nicht
zu verlangen brauchen. Das Heil der Menschen, für die die Kirche da ist, muß oberstes Gesetz
sein.”3
   Ähnlich lautet ein Vorschlag von Edward Schillebeeckx. Er meint, daß die vielfältigen und
immer mehr ausdifferenzierten pastoralen Aufgaben in einer Gemeinde heute und erst recht in
Zukunft nur noch zu bewältigen sind von einem dafür ausgerüsteten amtlichen Leitungs- oder
Begleitungsteam. “Dieses begrenzte ‘pastorale Team’, von der Gemeinde gerufen oder
angenommen..., muß meines Erachtens... eine ekklesiale 'ordinatio' empfangen, und zwar,
konkret, in einer liturgischen Feier der Gemeinde, die sie akzeptiert: unter Handauflegung des
schon bestehenden Leitungsteams der eigenen Gemeinde und der Nachbargemeinden, unter
betender Epiklese (Anrufung der Herabkunft des Geistes Gottes, N.S.) der ganzen
Gemeinde....(Diese) Gemeindeleiter - ganz gleich, worin sie spezialisiert sind - können und
dürfen aufgrund ihrer amtlichen ‘ordinatio’ oder Eingliederung in eine Kirchengemeinde
letztlich (nach Umständen) alles tun, was für diese Gemeinde als 'ecclesia Christi’ nötig ist”4
- die Leitung einer Eucharistiefeier eingeschlossen.
      Warum muß es überhaupt eine Zweiklassen-Gesellschaft (“Geweihte” und
       “Nicht-Geweihte”) in der Kath. Kirche geben?
   Die Kirche existiert heute als eine Zwei-Klassengesellschaft von Klerikern und Laien. Die
Entwicklung zu dieser Struktur setzt bereits im vierten Jahrhundert an. Auf der einen Seite
steht die Gesamtheit der “geweihten”, ordinierten (und darum allein männlichen) Christen,
der “Klerus”, auf der anderen stehen die Nicht-Ordinierten, die “einfachen Gläubigen”, die
“Laien”, getaufte Männer und Frauen. Das von laós (griech.= Volk) abgeleitete griechische
Wort laïkós (= zum Volk gehörig) bezeichnet schon in den vorchristlichen Jahrhunderten die
Nichteingeweihten, das niedere, nicht unterrichtete Volk, die Masse - zum Unterschied von
den Höheren, Eingeweihten, Wissenden, über die Masse Hinausgehobenen. Im Neuen
Testament wird es verwendet zur Unterscheidung des Volkes Gottes von den nicht dazu
Gehörenden: “Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk” (1 Petr 2,9).
   Die Kleriker (so steht es im "Decretum" des Kirchenrechtslehrers Gratian,+ um 1150) sind
gleichsam "Könige"; den Laien ist gestattet, "Güter zu besitzen, zu heiraten, Gaben zum Altar
zu bringen und den Zehnten zu entrichten".. Und noch mehr als sieben Jahrhunderte später,
1888, formuliert Papst Leo XIII.: "Es gibt in der Kirche zwei aufgrund ihres Wesens

2
    vgl. P.M. Zulehner, Folgen des Priestermangels (Die “Pirker”-Studie in Kärnten), in: Orientierung 1977, S.26 f.
3
    F. Klostermann, Thesen zum kirchlichen Vorsteheramt und seiner zeitgemäßen Auffächerung, in: Diakonia 1972, S.177 f.
     .Vgl. auch: E. Schillebeeckx, Das kirchliche Amt, Düsseldorf 1981, S.194-203
4
    E. Schillebeeckx, Das kirchliche Amt, Düsseldorf 1981, S.199 f.
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unterschiedene Ordnungen: die Hirten und die Herde, die Oberhäupter und das Volk".
Aufgabe der Hirten ist es, die Menschen "zu lehren, zu regieren und ihnen Regeln
aufzuerlegen." Die "Herde" hingegen hat die Pflicht, den Hirten "untertan zu sein, ihnen zu
gehorchen, ihren Weisungen zu folgen und ihnen Ehre zu erweisen." Auch der Codex Juris
Canonici, das kirchliche Rechtsbuch von 1917, in Geltung bis 1983, war ein Klerusrecht und
sah die Nichtkleriker nur als Objekt der Leitung und Belehrung, gleichsam als
Kirchenmitglieder minderen Rechts – ein ausgesprochen klerikalistisches Kirchenbild.5
   Die Bischofssynode mit dem Thema “Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt
zwanzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanum”, die Papst Johannes Paul II. in einem
umfangreichen Schreiben bilanzierte, ermahnt die “Laien” zu “kindlicher Anhänglichkeit"
zum Papst und zum Bischof, die “sich äußern muß in der aufrichtigen Bereitschaft, ihr
Lehramt und ihre pastoralen Richtlinien anzunehmen” (Nr. 30).6 Eine wirkliche
Eigenverantwortung, ein echtes Mitsprache- oder gar Mitbestimmungsrecht, eine wahre
Gleichberechtigung aufgrund der gemeinsamen Taufe wird den “Laien” auch weiterhin
vorenthalten - alle vielen und schönen Worte können darüber nicht hinwegtäuschen.
   Bei Paulus steht es etwas anders: Jesus Christus ist “das Haupt des Leibes, der Leib aber ist
die Kirche. Er ist der Ursprung” (Kol 1, 18); alle Glieder der Kirche ohne Ausnahme sind
“Gesandte an Christi Statt” (2 Kor 5, 20); unterschiedliche Funktionen und Dienste in der
Kirche sind Kräfte des einen Geistes, des einen Gottes (1 Kor 12, 4-6); es darf in der Kirche,
im Leib Christi, kein “Zwiespalt” (d.h. keine Spaltung in ein Zwei-Klassen-System)
entstehen, denn "jeder einzelne ist ein Glied an ihm" (1 Kor 12, 20); alle Getauften gehören
zum “Klerus” (von griech.: kléros, Anteil), denn alle haben “Anteil an der Gnade” (Phil 1, 7),
“Anteil am Los der Heiligen” (Kol 1, 12), “Anteil am Geist” (2 Kor 1, 22), “Anteil am Erbe”
(Eph 1, 14) - nicht nur einige Privilegierte. Und nach der vielzitierten Stelle des 1.
Petrusbriefes sind alle Getauften “ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche
Priesterschaft” (1 Petr 2,9).
   Aufgrund dieses Befundes wird daher inzwischen von verschiedenen Theologen die
Forderung erhoben, die Kirche solle auf den Begriff “Laie” ganz verzichten, denn “den 'Laien'
gibt es eigentlich nicht.”7 Die Idee eines von den übrigen Gemeindemitgliedern
unterschiedenen “geistlichen Standes”, der mit einer besonderen sakramentalen
“Weihegnade”, mit einem qualifizierten Führungsanspruch und mit heilsmittlerischer
Vollmacht ausgestattet ist, läßt sich unter Berufung auf das Neue Testament nicht begründen.
“Das Neue Testament kennt weder geweihte Personen, noch eigene Kultorte, weder
Opferhandlugnen noch heilige Zeiten der Christen”, so der Neutestamentler Rudolf Pesch8.
Wenn man nicht so weit gehen will, dann sollte man in jedem Fall den “Laien” als einen
Menschen verstehen, der zum "laós”, zum Volk Gottes gehört, gleichgültig ob er einen
Leitungsdienst, ein “Amt", in diesem Volk versieht oder ob er (im Augenblick) keine
besonderen Dienste und Aufgaben ausübt. “Die Theologie des Volkes Gottes schließt eine
Sicht der Kirche aus, in der das Amt oder einige Amtsträger für die Kirche sprechen, und die
Nichtamtsträger hören und gehorchen.”9
   Die Kirche als der Leib Christi existiert nicht als eine zweigeteilte Gesellschaft in
deutlicher Überordnung des einen und Unterordnung des anderen Teils. Sie ist vielmehr
aufgrund der einen Taufe, die alle empfangen haben, zunächst und zuerst eine Gemeinschaft
Gleichberechtigter. Nicht “Klerus” und “Laien” stehen sich in der Kirche gegenüber, sondern

5
    Zit. nach: W. Seibel, Ein neuer Klerikalismus; in: Stimmen der Zeit 1/1998, 3
6
    Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben CHRISTIFIDELES LAICI vom 30.12.1988; zit. nach:
     Amtsblatt der Erzdiözese Freiburg 17 (30.5.1989); Hervorhebung von mir
7
    B. Forte, Laie sein. Beiträge zu einem ganzheitlichen Kirchenverständnis, München 1987, S.112 f.
8
    R. Pesch, in: G. Denzler, Die Geschichte des Zölibats. Herder-Spektrum 4146, Freiburg 1993, S.9 f.
9
    P. Neuner, Was ist ein Laie?, in: Stimmen der Zeit 1992, S.507-518; hier: S.516
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alle Getauften ihrem einen und einzigen Haupt: Christus. Die verschiedenen Dienste, zu
denen unter anderem und gar nicht einmal an erster Stelle auch das Leitungsamt gehört (vgl.
1 Kor 12, 28), sind Organisationsformen des einen Organismus, sind unterschiedliche
Lebensäußerungen des einen Leibes. Aber sie alle sind der einen und einzigen Autorität
Christi untergeordnet, nicht einer wie immer gearteten “Leitungs-” oder “Hirtengewalt”. Das
Leitungsamt ist zwar durchaus mit-konstitutiv, aber nicht allein-konstitutiv; die Kirche als
Ganze erklärt und gründet in ihrer Ausrichtung auf Jesus Christus das Amt, nicht aber
“fundiert" das Amt die Kirche.10 Alle zur Kirche Gehörenden sind “Klerus”, weil sie durch
die Taufe "Anteil haben an der göttlichen Natur" (2 Petr 1, 4). Alle zur Kirche Zählenden sind
“Laien", weil sie zu dem einen “Volk Gottes” gehören und nur unterschiedliche Funktionen
darin ausüben.11
      Warum werden Kirchen-Steuern zwangsweise erhoben für Liestungen, die nicht
       mehr erbracht werden (können)?
   Schließlich sei in unserem Zusammenhang noch eine Frage erlaubt, die in einer
marktwirtschaftlich- und leistungsorientierten Gesellschaft nur auf den ersten Blick abwegig
erscheint. Jeder Katholik ist in Deutschland zur Zahlung der Kirchensteuer verpflichtet. Wenn
er nicht zahlen will, muß er seinen Austritt aus der Kirche erklären, oder er wird von der
Kirche selbst ausgeschlossen. Eine Kirche, die ihre Mitgliedschaft derart von finanziellen
Leistungen abhängig macht, ist verpflichtet, für die gezahlten Beiträge auch die
entsprechenden (übrigens von ihr selbst genannten!) Gegenleistungen zu erbringen
(Sicherstellung der Erfüllung der “Sonntagspflicht” u.a., s.o.). Tut sie das nicht, weil sie
bestimmte, von ihr selbst aufgestellte Gebote und Verbote nicht ändern will, so muß sie sich
fragen lassen, ob ihr weiterhin das Recht zusteht, (zwangsweise) Steuern für nicht erbrachte
Leistungen zu kassieren.
      Facit
   Es wäre an der Zeit, daß die Diözesanleitung nicht durch raffiniert ausgeklügelte
Verwaltungsmaßnahmen und geschickte Umverteilungsspiele den Seelsorgenotstand zu
verstecken sucht, sondern daß sie mutig und beherzt grundlegende Reformen von der obersten
Kirchenleitung einfordert - um der betroffenen Gemeinden willen.




10
     vgl. K. Rahner, Weihe im Leben und in den Reflexionen der Kirche; in: ders., Schriften zur Theologie. Bd. XIV,
     Einsiedeln/Zürich/Köln 1975, S.113-131
11
     Zweites Vatik. Konzil, Lumen gentium, Art. 30

								
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