Kuhpocken bei einer Katze aus Baden-Wuerttemberg, auch ein Risiko fuer den Menschen!

					04.10.2012




Kuhpocken bei einer Katze aus Baden-Württemberg,
auch ein Risiko für den Menschen!

Ein Bericht aus unserem Laboralltag


Eine 13 Jahre alte männlich-kastrierte Hauskatze aus dem Rems-
Murr-Kreis litt unter einer chronischen therapieresistenten Hautent-
zündung mit Geschwürbildung. Das Tier hatte Freigang. Postmortal
wurde eine Infektion mit dem Kuhpockenvirus als Ursache der Er-
krankung diagnostiziert. Da der Kater immer im gleichen Ort gelebt
und auch nie Kontakt zu importierten Tieren hatte, ist von einer In-
fektion an einem natürlichen Virusreservoir (sog. Naturherdinfektion)
auszugehen. Kuhpocken können bei direktem Mensch-Tier-Kontakt
auf den Menschen übertragen werden und dort zu Erkrankungen füh-
ren (sog. Zoonose).



Bei einem 13 Jahre alten kastrierten Kater aus dem Rems-Murr-Kreis be-
stand eine hochgradige, mit Geschwürbildung einhergehende Hautent-
zündung (ulzerative Dermatitis) an der linken Vorderpfote sowie an Schul-
ter und Rücken. Als nach intensiver systemischer und lokaler antibakteri-
eller Therapie in einer Kleintierklinik keine Besserung der Hautverände-
rungen eintrat, entschlossen sich die behandelnden Tierärzte zur Ent-
nahme einer Hautbiopsie. In einer privaten Fachpraxis für Tierpathologie
wurde nach histopathologischer Untersuchung dieser Biopsie der Ver-
dacht geäußert, dass eine Infektion mit Pockenviren die Ursache für die
Hauterkrankung sein könnte. Daraufhin benachrichtigte die behandelnde
Tierklinik das zuständige Veterinäramt im Geschäftsbereich Verbraucher-
schutz und tierärztlicher Dienst des Landratsamtes des Rems-Murr-
Kreises. Bei einer gründlichen Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese)
durch die Amtstierärzte wurde beim Tierbesitzer in Erfahrung gebracht,
dass die Katze sich nie außerhalb ihrer Heimatregion aufgehalten und
auch nie Kontakt zu importierten Tieren bestanden hatte. Mit Einverständ-
nis aller beteiligten Parteien wurde das mittlerweile schwer erkrankte Tier
eingeschläfert und an das CVUA Stuttgart, Labor Pathologie zur definiti-
ven Abklärung der Krankheitsursache verbracht.
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                                    Bei der Obduktion des Tierkörpers
                                    waren äußerlich vor allem die hoch-
                                    gradige chronische Hautgeschwürbil-
                                    dung an der linken Vorderpfote auffäl-
                                    lig. Die betroffenen Hautpartien an
                                    Schulter und Rücken waren vor der
                                    Einschläferung   chirurgisch   entfernt
                                    worden. Hier befanden sich gut abhei-
                                    lende vernähte Wunden.
Bild 1: ulzerative Dermatitis an der Katzenpfote


An der Zunge des Katers hatte sich ein akutes Geschwür auf der
Schleimhaut des Zungenrückens (ulzerative Stomatitis) entwickelt. Die
Leber war hochgradig geschwollen, das Lebergewebe mit aufgehellten
Herden unterschiedlicher Größe übersät. Die histopathologische (feinge-
webliche) Untersuchung der Organe bestätigte den ulzerativen Charakter
der Entzündung an Haut und Zungenschleimhaut.




Bild 2: ulzerative Entzündung der Zungenschleimhaut (H.E.-Färbung, 50-
fache Vergrößerung)


Zudem konnte eine hochgradige blasige Auftreibung (vakuoläre Degene-
ration) der oberflächlichen Schleimhautzellen in der Umgebung des Zun-
gengeschwüres nachgewiesen werden. Ferner fanden sich in den oberen
Zelllagen beider Organe auffällige rote Einschlüsse in den Zellen (sog.
eosinophile intrazytoplasmatische Einschlusskörperchen) die in ihrer Form
mit den bei Pockenvirusinfektionen zu bestimmten Phasen der Erkran-
kung auftretenden Guarnieri-Einschlusskörperchen identisch waren. Der
Verdacht einer Pockenvirusinfektion konnte somit bestätigt werden. Die
Leber der Katze zeigte hochgradige akute multifokale Zelluntergänge
(sog. Koagulationsnekrosen), wie sie bereits bei einem eurasischen Luchs
(Lynx lynx) aus einem baden-württembergischen Wildpark 2009 infolge
einer Pockenvirusinfektion in der Leber aufgetreten waren.
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Bild 3: vakuoläre Degeneration und Guarnieri-Einschlusskörperchen in
der Zungenschleimhaut (H.E.-Färbung, 400-fache Vergrößerung)


Im Anschluss wurden Partikel von Orthopoxvirus mittels Transmissions-
elektronenmikroskopie in der Haut nachgewiesen. Die Diagnose Ortho-
poxvirus-Infektion wurde durch den Nachweis spezifischer Gensequenzen
dieser Viren aus Haut und Zungenschleimhaut mit der Polymerase-
Kettenreaktion (PCR) bestätigt.




Bild 4: Orthopoxvirus (Transmissionselektronemikroskopie, 150.000-
fache Vergrößerung)


Das Institut für Virusdiagnostik am Friedrich-Löffler-Institut, Bundesfor-
schungsinstitut für Tiergesundheit, identifizierte das nachgewiesene Or-
thopoxvirus mittels Gensequenzierung als Kuhpockenvirus.


Das Kuhpockenvirus (Cowpox-Virus) ist ein typischer Vertreter des Genus
Orthopoxvirus. Evolutionsgenetische Studien deuten darauf hin, dass es
sich beim Kuhpockenvirus um das ursprünglichste und damit älteste
Othopockenvirus handelt. Es ist eng verwandt mit dem heute getilgten,
früher als Erreger der Blattern gefürchteten Menschenpockenvirus (Vario-
lavirus). Das ursprüngliche Krankheitsbild der „originären Kuhpocken“
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kommt bei Rindern seit einigen Jahrzehnten in Europa nicht mehr vor.
Wilde heimische Nagetiere stellen jedoch in Deutschland ein natürliches
Virusreservoir dar und bei Kontakt kommt es immer wieder zu Infektionen
von Rindern, Hauskatzen und Zootieren mit Kuhpockenvirus. Die hervor-
gerufene Krankheit äußert sich dann meist in den für Pockenviren typi-
schen Haut- und Schleimhautveränderungen. Beim Befall innerer Organe
ist laut der gängigen Lehrbücher meist der Atemapparat betroffen. Im hier
beschriebenen Fall wie auch im Falle eines im Jahr 2009 am CVUA Stutt-
gart obduzierten Luchses hatte die Kuhpockeninfektion zu einer hochgra-
digen Lebernekrose und nicht zu einer Atemwegserkrankung geführt.


Der Mensch kann sich bei direktem Kontakt mit infizierten Tieren mit dem
Kuhpockenvirus anstecken (sog. Zoonose). Eine Übertragung von
Mensch zu Mensch ist nicht bekannt, kann jedoch im Rahmen einer
Schmierinfektion nicht völlig ausgeschlossen werden. Nach einer Inkuba-
tionszeit von ca. acht bis zwölf Tagen treten dann die pockentypischen
geschwürigen Hautveränderungen sowie Fieber auf. Schwer verlaufende
systemische Erkrankungen mit untypischer Symptomatik sind in seltenen
Einzelfällen vor allem bei abwehrgeschwächten (immunsupprimierten)
Personen möglich. Ein gehäuftes Auftreten von humanen Kuhpockener-
krankungen ist in der Bundesrepublik und einigen Nachbarländern letzt-
malig in den Jahren 2008 und 2009 nach Verbreitung des Virus durch
importierte infizierte weiße Farbratten aus einer Zoofachgroßhandlung
aufgetreten. Betroffen waren damals fast ausschließlich junge Menschen
mit engem Kontakt zu den als Haustiere gehaltenen Ratten. Die Tierbesit-
zer hatten in ihrer Kindheit keine Pockenschutzimpfung mehr erhalten.
Personen mit Pockenschutzimpfung haben wahrscheinlich einen besseren
Abwehrschutz gegen alle Vertreter der Orthopockenviren (sog. Kreuzim-
munität).


Schlussfolgerungen:
Der hier vorgestellte Fall macht deutlich, dass in Baden-Württemberg In-
fektionen mit Kuhpockenvirus bei Haussäugetieren und Mensch aus ei-
nem natürlichen Virusreservoir jederzeit auftreten können und daher bei
therapieresistenten ulzerativen Hautveränderungen immer differenzialdia-
gnostisch berücksichtigt werden müssen. In der Humanmedizin kommt
der anamnestischen Abklärung eines engen Tierkontaktes zu potentiellen
Überträgertieren bei der Diagnosefindung eine besondere Rolle zu.


Erkrankungen durch Orthopoxviren sind in der Bundesrepublik Deutsch-
land meldepflichtig!
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Literatur:
Hans-Joachim Selbitz, Uwe Truyen, Peter Valentin-Weigand (2011):
Tiermedizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre, Enke Ver-
lag in MVS Medizinverlage Stuttgart


M. Donald McGavin, James F. Zachary (2009): Pathologie der Haustiere,
Allgemeine, spezielle und funktionelle Veterinärpathologie, Urban und
Fischer, München


Christian Becker, Andreas Kurth, Frank Hessler, Harald Kramp, Michael
Gokel, Rudolf Hoffmann, Annette Kuczka, Andreas Nitsche (2009): Kuh-
pocken bei Haltern von Farbratten, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 106, Heft 19,
8. Mai 2009


Bilder:
CVUA Stuttgart


Autor:
Dr. med. vet. Ingo Schwabe, Fachtierarzt für Pathologie, Chemisches und
Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart

				
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