GESTALTEN IN DEUTSCHEN UND NORWEGISCHEN VOLKSM CHEN by HWLKWPQ8

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									 MASARYKOVA UNIVERZITA V BRNE
     FILOZOFICKÁ FAKULTA


ÚSTAV GERMANISTIKY A NORDISTIKY




BAKALÁRSKA DIPLOMOVÁ PRÁCA




           BRNO 2006
GESTALTEN IN DEUTSCHEN UND NORWEGISCHEN
              VOLKSMÄRCHEN




                 Vypracovala: Natália Jamrichová
                 Vedúci práce: prof. PhDr. Jiří Munzar, CSc.
Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig
und mit Hilfe der angegebenen Literatur ausgearbeitet habe.




Brünn, Sommersemester 2006            ………………………….
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen, die mich bei der
Realisation meiner Arbeit unterstützt haben, bedanken. Vor
allem danke ich Herrn prof. PhDr. Jiří Munzar, CSc. und Frau
PhDr. Miluše Juříčková, CSc. für die fachkundige Leitung und
Hilfe mit der norwegischen Literatur.
INHALT


  1. VORWORT..................................................................................................................1
  2. ETYMOLOGIE DER WÖRTER ‚MÄRCHEN’ UND ‚EVENTYR’………….....2
  3. VOLKSMÄRCHEN
       3.1 Genre des Volksmärchens………….………………………………………………3
       3.2 Grundbegriffe……………………………………………………………………...6
       3.3 Aufgliederung der Typen…………………………………………………………..7
  4. MÄRCHEN
       4.1 Im deutschen Sprachraum………………………………………………………...10
       4.2 Im norwegischen Sprachraum…………………………………………………….10
  5. MÄRCHENSAMMLER
       5.1 Brüder Grimm…………………………………………………………………….13
       5.2 Asbjørnsen und Moe……………………………………………………………...15
  6. MÄRCHENFIGUREN……………………………………………………………...18
       6.1 Gemeinsame Gestalten
            6.1.1     König und Prinzessin…………………………………………………......20
            6.1.2     Stiefmutter………………………………………………………………...21
            6.1.3     Tierfiguren………………………………………………………………..21
       6.2 Unterschiedliche Gestalten
            6.2.1     Askeladen…………………………………………………………………22
            6.2.2     Troll……………………………………………………………………....23
            6.2.3     Ritter……………………………………………………………………...24
            6.2.4     Drachen…………………………………………………………………...25
            6.2.5     Über- und Unterirdische Figuren……………………………………........25
  7. ZUSAMMENFASSUNG……………………………………………………………26
  8. LITERATURVERZEICHNIS……………………………………………………...27
1. VORWORT


         Das Märchen, dieses beim ersten Anblick einfaches Genre der Volksdichtung,
begleitet uns im unseren ganzen Leben. Zuerst als wir als Kinder die Märchen vor dem
Einschlafen von unseren Eltern oder Großeltern fordern und später als wir selbst Eltern oder
Großeltern werden. Das ist ein ewiger Kreis, der im Laufe der Jahrhunderte nicht gebrochen
wurde. Es ist faszinierend, wie etwas, was beim ersten Anblick so einfach aussieht, uns auch
heute seine Botschaft vermittelt, die noch immer die Geltung hat. Der Kampf des Guten und
des Bösen ist immer aktuell und die Beispiele, wie sich die Menschen zueinander benehmen
sollten und wie sie die Situationen lösen sollten, sind immer noch eine gute
Erziehungsmethode. Das Märchen ist nicht nur eine Erzählung, die die Jungen mit den Alten
verbindet, sondern auch eine Erzählung, die als eine der wenigen nur gering der Mode
unterliegt. Die Märchen sind dank der mündlichen Kommunikation unter Leuten lebendiger
Besitz jedes Volkes, sie ändern sich nicht, ihre Form und Inhalt bleiben dieselbe wie vor
hundert Jahren. Sie werden von Generation zu Generation übermittelt und weil wir uns für die
Märchen vor allem in den Kinderjahren interessieren, sind sie eng mit unseren Erinnerungen
auf die Kinderzeit verbunden.
         In dieser Arbeit möchte ich gern die deutschen und norwegischen Märchen, ihre
Hauptunterschiede aber auch das, was sie verbindet, vorzustellen. Obwohl die deutschen und
norwegischen Märchen die Grundfabel und oft auch andere Elemente gemein haben, wegen
der verschiedenen Bedingungen entwickelten sie sich anders. Nicht nur die Handlung und die
Verwicklung sind an verschiedene Mentalität beider Völker angepasst, sondern auch die
Figuren entsprechen den Sitten und Vorstellungen dortiger Menschen. Es kann passieren,
dass einer, der zu den norwegischen Märchen ohne Vorbereitung greift, könnte erschauert
sein. Im Zusammenhang zur Geschichte und dank der Isolation abseits der Hauptströmungen
im kontinentalen Europa müssen norwegische Märchen als Schatz der Volksdichtung
anerkannt werden. Ich möchte gern auch den Grund, warum die norwegischen Märchen uns
grausamer als die deutschen vorkommen und welche Rollen einzige Märchenfiguren im
Märchen haben.
         Zuerst wird das Märchen näher beschreibt, damit sich der Leser in der Problematik
orientieren könnte, es wurde erklärt, warum ist es so schwer die Märchen kategorisieren. Es
werden     auch   die   Märchensammler    in   beiden   Nationen   vorgestellt,   weil   ihre
Arbeitsbedingungen unterschiedlich waren und sie auch den Einfluss auf die endliche Version
der Märchen hatten.
2. ETYMOLOGIE DES WORTES ‚MÄRCHEN’ UND ‚EVENTYR’


          Das deutsche Wort Märchen ist eigentlich ein Diminutiv zu Märe, mittelhochdeutsch
mære in der Bedeutung ‚Erzählung, Erdichtung, Bericht, Nachricht’, wovon im
Mittelhochdeutschen das Diminutiv mærelîn ‚Geschichtchen oder Märchen’ bedeutete. Dieses
Wort tritt in allen germanischen Sprachen in verschieden Modifikationen und in ähnlichen
Bedeutungen auf. Oft kommt dieses Wort in den altgermanischen Eigennamen bei den alten
Historikern in der Form mêrus, mêris vor, sowohl auch mĕrŭ in den slawischen Namen
Vladimĕrŭ usw.
          Wie      andere     Diminutive       unterlag     das    Wort      Märchen      (mærelîn)         der
Bedeutungsverschlechterung und wurde wie andere auf unwahren und erfundenen
Geschichten angewendet, besonders in Zusammensetzungen wie Lügemäre oder anderen.
Zuerst in 18.Jahrhundert kann man von der Gegenbewegung sprechen, als unter
französischem Einfluß die Feemärchen aus Tausendundeiner Nacht in Mode kamen.
          Die Mitglieder der Bewegung Sturm und Drang glaubten die Quelle der Poesie in der
Volksdichtung zu entdecken. In 19.Jahrhundert wurden die Märchen durch die Sammlungen
der Brüder Grimm, sowohl auch Kunstmärchen von Andersen und anderen bekannt. Heute
bezeichnet man mit den Begriffen Volksmärchen und Kunstmärchen bestimmte
Erzählgattungen. Während im Deutschen das Wort Märchen sich nur für eine einzelne
literarische Gattung spezialisiert, in anderen europäischen Sprachen behält dieses Wort die
allgemeine Bedeutung oder verbindet die benachbarten Gattungen, oder erfasst es nur einen
Teil des Märchenguts. Markant ist es in Englischem1, Niederländischem, Französischem usw.
          Etymologisch stammt das norwegische Wort eventyr aus lateinischem Wort
adventura, was das Abenteuer bedeutete. Dieses finden wir auch im Französischen,
Schwedischen und Dänischen. Dieses Wort bedeutete während seiner Entwicklung auch ‚
Ereignis und Gefahr’. In anderen skandinavischen Sprachen wie zum Beispiel im
Schwedischen wird für Bezeichnung des Märchens das Wort saga benutzt, was den Ursprung
im Verb sagen, schw. säga hat und die Bedeutung ‚Erzählen’ trägt. Auch im Norwegischen
kommen Wörter mit dem Ursprung im Wort saga vor, aber nur in Dialekten. Das hängt
natürlich mit der historischen Lage des Norwegens und mit der dänisierten norwegischen
Sprache zusammen.


1
    Andere Bedeutung des englischen Wortes tale beziehungsweise fairy tale im Vergleich zu deutschem Wort
Märchen.
3. VOLKSMÄRCHEN


     3.1 Das Genre des Volksmärchens


           Der Hauptunterschied zwischen Märchen und Sage liegt nach den Brüdern Grimm
darin, dass das Märchen poetischer und die Sage historischer sei, aber dabei stehen beide für
sich selbst. Die Sage2 hat noch etwas besonderes, ihre Grundlage ist etwas Bekanntes und
Bewusstes und sie ist an einem bestimmten Ort oder an den durch die Geschichte bekannten
Namen gebunden. Einige Märchen erhielten Teile der urdeutschen Heldensage, ohne Namen
oder wenn mit den Namen, dann die allgemeine und selbst bedeutende, wie z.B. Hildebrand,
während die Lieder und Sagen viele einzelne Namen, Örter und Sitten aus früheren Zeiten fest
hafteten. Die Märchen sind teilweise durch ihre mündliche Überlieferung und Verbreitung
dazu bestimmt, die Gedanken einer kindlichen Weltbetrachtung zu fassen. Sie sollen einfach
und klar sein, während die Sagen mehr Ernst und Nachdenken fordern. Die Sage ist der
wirklichen Geschichte und die Märchen der Phantasie näher.
           Auch Max Lüthi versuchte die Sage und das Märchen zu charakterisieren und im
Rahmen der Volksdichtung zu kategorisieren: ‚Die Sage stellt die beiden Welten als zwei
scharf von einander geschiedene Dimensionen dar, im Märchen ist der Abstand weit
geringer, der Diesseitige des Märchens kann dem Jenseitigen und Zauberischen begegnen,
ohne darüber in erstaunen, geschweige denn in eine starke Gefühlsspannung zu geraten.’3
           Die Kennzeichen der volkstümlichen Poesie sind außer anderem das Geschehen,
Wiederholungen, Steigerungen, starke und wirksame Gegensätze. Das Märchen leuchtet tief
in die Dichtung und ihre Gesetze. Funktion des Märchenerzählens in früheren Zeiten war am
Feierabend oder bei den Gemeinschaftsarbeiten wie Korbmachen, Spinnen oder
Federschleißen zu unterhalten. Das Märchen diente auch bei der Arbeit, da beim langen
Erzählen es beiden, dem Erzähler sowohl auch dem Zuhörer erlaubte auf die Arbeit zu
vergessen.



2
    ‚…die deutsche Volkssage, die welche Angst und Warnung vor dem Bösen und Freude an dem Guten mit
gleichen Händen austeilt.’ Grimm, Jacob – Grimm, Wilhelm. Deutsche Sagen. München: Diederichs Verlag,
1993, Seite 17.
3
    Lüthi, Max. Märchen (8.Auflage). Stuttgart: Metzler, 1990, Seite 7.
          Eine der Definitionen des Volksmärchens sagt, dass die Volksmärchen nur solche
Erzählungen sind, die eine Zeitlang von Mund zu Mund gegangen sind. Wenn es von einer
Geschichte viele und verschiedenartige Aufzeichnungen gibt, ist es ein Merkmal, dass sie
mündlich überliefert und dabei verändert worden ist.
          Was den Stil und die Komposition betrifft, tendiert die Darstellungs- und Erzählweise
des europäischen Volksmärchens zur Linie. Dinge und Figuren sind linienhaft gesehen, und
der Ablauf der Handlung, die Reihung der Episoden, Sätze und Wörter kann als linear
bezeichnet werden. Mit dieser Problematik beschäftigte sich der russische Literaturforscher
V.J.Propp, der den Ablauf der Handlung ausführlich gliedert und klassifiziert, weil er darin
den Grund für weitere Forschung sieht. Max Lüthi erklärt die Linietheorie auch auf der
Beschreibung des Landes, er vergleicht das Land im Märchen und in der Sage. Im Märchen
stehen Dorf und Schloss in einer Linie; wenn ein Junge in die Welt hinauswandert, kommt er
aus dem Dorf nach bestimmter Zeit direkt in ein Schloss. In der Sage gibt es mehr offene
Dörfer und die Ruinen eines Schlosses sind oft in Wäldern versteckt. Daraus ist zu schließen,
dass Märchen eine Vorliebe für gerade Linien und Städte und Dörfer in gleicher Richtung hat.
Diese Linien sind einfach und klar gezogen.
‚Die Einfachheit und Klarheit dieses Linienstils hat ihre eigene Faszination. Der Zug zum
Extremen, der im Volksmärchen überall am Werk ist, nicht nur Gegenüberstellung von schön
und hässlich, stimmt zu dieser Klarheit und Schärfe. Glanz und Pracht auf einen Seite,
grausame Strafen oder Schmutz und Lumpen auf der anderen’.4
          Solche Einfachheit entspricht teilweise der Einfachheit der Erzähler und den
Bedürfnissen mündlicher Vortragsart und Überlieferung. Der Hauptgrund warum die
Märchen mündlich überliefert wurden ist nicht nur die Einfachheit für das Gedächtnis,
sondern die Vorliebe für das Erzählen. Die Erfordernisse für mündliche Darbietung
beeinflussen den Aufbau des Märchens; die Reihung der Wörter, Sätze und Episoden ist
einfacher. Der Erzähler arbeitet meist additiv, er fügt die Eigenschaften, wie auch Gradation-
und Spannungselemente hinzu.
          Die Episoden stehen auf gleicher Ebene, sie sind insofern selbstständig, isoliert.
Isolation ist ein im Volksmärchen herrschendes Prinzip. Nicht nur die einzelnen Abenteuer,
sondern auch die Figuren sind isoliert. Ihr Innenleben wird nicht ausgeleuchtet, nur die Linie
ihres Wegs liegt im Licht, nur das, was Bezug zum Geschehen hat.


4
    Lüthi, Max. Das Volksmärchen als Dichtung – Ästhetik und Anthropologie. Düsseldorf, Köln: Diederics
Verlag, 1975, Seite 55.
       Das Märchen ist ein prosaisches Genre der Volksdichtung. Im Märchen wird die
objektive Realität als wundersame mit naiver Natürlichkeit präsentiert, als ob alles wirklich
wäre. Obwohl das Märchen fiktiv ist, umfasst es einige wesentliche menschliche Sehnsüchte,
ethische Normen und allgemeine Lebenswahrheit. Als poetische Fabel betrifft es kein
konkretes historisches Ereignis, deshalb sind Zeit, Ort, Handlungen, Charaktere und soziale
Atmosphäre nur stereotypisch bestimmt und der semantische Schwerpunkt liegt in der
Spannung von der Reihe der konkreten Probleme, in deren sich der Held befindet und die er
erfolgreich löst.
       Das Märchen als Repräsentant der alten Kollektivideologien wurde bis heute mittels
der mündlichen Überlieferung bewahrt. Die Sujets des Märchens sind weltweit fast
unverändert mit verschiedenen lokalen Varianten. Mit den Sujets beschäftigte sich die
Folkloristik im 19. und 20. Jahrhundert, wenn sie der Auflistung und Katalogisierung, sowohl
auch den Versuchen die Verwandtschaft entfernter ethnischer Gebiete zu beweisen, unterlag.
       Der Märchenstil ist an den Bereich standardisierter Mittel begrenzt, die die Kontinuität
der   Erzählerimprovisation ermöglichen und die oft ursprünglich symbolisch-magische
Funktion erfüllten: einleitende und schließende Formeln, Vergleiche und Attribute,
Dreiwiederholung.
       Die Fiktion kann im Märchen auf mehreren Ebenen und in verschiedenem Material
vertreten werden. Urvorbild sind die sogenannten Zaubermärchen (phantastische), die die
ältesten und auch zahlreichsten sind. Sie enthalten das Sujet, in welchem immer das Gute das
Böse und der Stärkere den Schwächeren besiegt.
       Es gibt auch Märchen, die sich zu den Legenden nähern. Die Handlung steht dann an
den biblischen Figuren oder beschreibt einige Situationen aus dem Leben des Christus. Zu
den Kunstmärchen gehören die jüngsten novellistischen (realistischen) Märchen. In
Tiermärchen treten die Tiere als Handlungsträger auf, im Unterschied zu den Zaubermärchen,
wo sie nur die Nebenfiguren darstellen. Die Tiere handeln wie die Leute, sie verkörpern oft
abstrakte menschliche Eigenschaften und deshalb wirken sie allegorisch und moralisch, was
sie der Fabel ähnlich macht. (Die gehört zu den Genres der Kunstliteratur.)
       Bei der Vergleichung des Kunst- und Volksmärchens ist der tschechische
Literaturforscher Václav Tille der Meinung, dass der Wert des Kunstmärchens größer sei,
denn das Volksmärchen wurde tätlich von der mündlichen Version in die schriftliche
eingeschrieben und deshalb ist die schriftliche Version des Volksmärchens jetzt künstlerisch
beschädigt. Dabei sei das Kunstmärchen das reine und rechte, das dichterisch vollkommene.
Dagegen behaupten die Brüder Grimm, dass die Märchen höheren Grad als Kunstpoesie
bilden, weil sie vom wirklichen Volk gepflegt wurden, während die Kunstpoesie nur für
höhere ausgebildete Schichten bestimmt war.
     3.2 Grundbegriffe


          Bedingung der historischen Märchenuntersuchung              ist die Strukturforschung aller
seiner Arten. Forschung der formalen Regeln prädestiniert Forschung der historischen
Aspekte. Märchen gliedert sich vor allem auf Motive. Für Motive5 werden Eigenschaften der
Helden als auch Zahl oder Taten der Helden, Gegenstände und andere Mittel betrachtet. In der
Märchenterminologie kommen mehrere Termini vor, die man zu besserer Orientierung
kennen soll. In nächsten Zeilen werden die wichtigsten Termini wie Funktion, Motivierung
oder Attribut erklärt.
          Funktion ist Tat der Person und diese Tat ist aus der Hinsicht der Wichtigkeit für den
Handlungsablauf betrachtet. Frage ist, wie viele Funktionen kennt das Märchen? Es ist
überraschend wie oft sind die Funktionen                 wiederholt und wie oft machen andere
Märchenfiguren dieselbe Tat. Die Art der Verwirklichung von Funktionen kann variieren,
deshalb ist für die Märchenforschung die Frage was die Märchenfiguren tun, und die Frage
wer und wie jemand etwas macht ist Objekt der Nachforschung.
          Die Motivierungen sind Ursachen, sowohl auch Ziele der Gestalten, die sie zu
bestimmten Taten ermuntern und sie gehören nicht zu den ständigen Elementen des
Märchens. Deshalb ist die Gliederung der Märchen nach Motivierungen nicht so genau wie
zum Beispiel die Gliederung nach Funktionen.
          Die Märchenfiguren sind vor allem Handlungsträger, ihre Gefühle und Absichten
spiegeln sich in der Handlung nicht ab. ‚Sie sind weder an ihre Umwelt noch an ihre
Vergangenheit noch an irgendwelche Seelentiefen oder seelischen Deformationen
gebunden.’6 Das ist auch der Grund, warum bei den Figuren nur solche Eigenschaften
vorgestellt werden, die ein Erfordernis für bestimmte Taten darstellen. Was die Figuren
denken oder fühlen ist nicht wichtig; ihre seelische Tiefe wird meist nicht einmal angedeutet,
und deshalb kommen auch Naturgefühl, Stimmung und Atmosphäre je nach Jahres- und

5
    Diese Aufteilung der Motive ist nach Volkov, der jedes Zeichen mit Buchstaben und Nummern bezeichnet.
Obwohl diese Methode sehr gründlich und ausführlich ist, zuletzt ist sie wegen der Zahl der Buchstaben und
Nummern sehr unübersichtlich.
6
    Lüthi, Max. Das Volksmärchen als Dichtung – Ästhetik und Anthropologie. Düsseldorf, Köln: Diederics
Verlag, 1975 , Seite 55.
Tageszeit nicht zur Geltung. Gefühle handeln nicht und Märchen ist hauptsächlich episches
Genre, das auf dem Geschehen basiert.
         Attribute der handelnden Figuren sind die Wechselgröße des Märchens und
bezeichnen Komplex aller Außeneigenschaften der Figuren: Alter, Geschlecht, Position,
äußere     Ähnlichkeit,   Sonderheiten   usw.    Die   Attributforschung   ermöglicht    die
wissenschaftliche Interpretation des Märchens.
         Der Inhalt des Märchens könnte in ein Paar Sätzen zusammengefasst werden, wobei
alle Prädikate die Komposition bilden und alle Subjekte, Objekte und andere Satzteile das
Sujet bestimmen. Trotz jeder genauen Definition des Sujets bleibt ganz unmöglich es von der
Variante zu unterscheiden. Es gibt nur zwei Möglichkeiten; entweder bringt jede
Modifikation neues Sujet, oder gibt es in allen Märchen dasselbe Sujet aber in verschiedenen
Varianten. Die Forscher vermuten, dass hinter vielen Varianten eine Grundversion steckt,
aber heutzutage, wenn keine neuen Märchen entstehen und wenn die Zeit der mündlichen
Überlieferung und der Versuche die Märchen schriftlich zu bewahren schon lange vorbei ist,
ist es schwer zu beweisen.
         Es ist auffällig, dass viele Märchen mit Zauberelementen in ihrer Form einheitlich
sind. Daraus ist zu schließen, dass die Märchen aus einer allgemeinen Quelle stammen
könnten, zum Beispiel aus Indien, und davon verbreiteten die Märchen bei ihrer Wanderung
in ganze Welt und kriegten verschiedene Versionen. Manche Literaturforscher geben diese
Erklärung zu, aber es muss in Betracht gezogen werden, dass die Phantasie der Völker in
verschiedenen Teilen der Erde sehr reich war und es ist auch möglich, dass einige Märchen
unabhängig ausgedacht wurden.


   3.3 Aufgliederungen der Typen


         Wenn man die Märchen in systematische Gruppen einteilen wollte, taucht hier ein
Problem: nach welchen Kriterien sollte man die Märchen beurteilen. Nach den Gestalten,
Sujets, Motiven oder wonach? Mit diesem Problem beschäftigt sich ein russischer
Literaturforscher Vladimir J. Propp in seinem Werk Morphologie des Märchens. Propp ist
nicht der einzige, der sich diesem Problem widmet. Er knüpft an andere Forscher an und
erklärt, warum ihre Systeme der Märchenaufteilung nicht ganz passend sind. Die
Märchenforschung in Rußland hatte eine lange Tradition.
         Am häufigsten teilt man die Märchen auf die mit dem wunderbaren Inhalt, auf die aus
dem Alltagsleben und auf die Tiermärchen. Da gibt es ein Problem, und zwar dass in den
Tiermärchen oft Zauberelemente vortreten und umgekehrt in den Zaubermärchen oft Tiere
eine wichtige Rolle spielen. Daraus ist zu schließen, dass man die Märchen ausführlicher
analysieren muss.
Der Literaturforscher Wundt7 schlägt diese Aufteilung vor:
      1. Mythologische Fabel-Märchen
      2. Reine Zaubermärchen
      3. Biologische Märchen und Fabeln
      4. Reine Tierfabeln
      5. Abstammungsmärchen
      6. Scherzmärchen und Scherzfabeln
      7. Moralische Fabeln
Aus seiner Aufteilung ist nicht ganz klar, warum Fabel in fünf Kategorien hervortritt, denn es
ist eigentlich eine formale Kategorie, obwohl die anderen Kategorien nach den Klassen
gegliedert werden. Wahrscheinlich ist Wundts Interpretation des Terminus Fabel anders als
die übliche. Bei der Märchenaufteilung ist gefährlich die Tatsache, dass die Komponente
eines in anderes ohne Änderung übertragen werden können.
           Ein anderer Forscher Professor Volkov8 aus Ukraine basiert in seiner Aufteilung auf
den Sujets, die als Hauptkriterium dienen sollen. Fantastisches Märchen soll nach Sujets in
zehn Gruppen geteilt werden:
      1. Von Unschuld der Verfolgten
      2. Vom dummen Helden
      3. Von drei Brüder
      4. Von den Kämpfern mit dem Drachen
      5. Vom Erwerb der Bräute
      6. Von kluger Jungfrau
      7. Von den Verzauberten und Verbannten
      8. Vom Besitzer des Talismans
      9. Vom Besitzer der Zaubersachen
      10. Von untreuer Ehefrau und noch fünf andere Kategorien
In dieser Aufteilung ist die erste Gruppe nach Verwicklung, die zweite nach dem Charakter
des Helden, die dritte nach der Zahl der Helden, vierte nach einzigem Moment usw. eingeteilt.


7
    Wundt, W. Völkerpsychologie. Bd.2. Leipzig, 1960, Seite 346.
8
    Volkov, R.M. Skazka. Gosizdat Ukrainy, Odessa, 1924.
Daraus ist zu schließen, dass man hier nicht von einigem Teilungsprinzip reden kann. Diese
Klassifikation ist in genauer Wortbedeutung nicht wissenschaftlich.
           Die Sujets im Märchen sind sehr eng verwandt und es ist schwierig zu bestimmen, wo
ein mit seinen Varianten endet und wo ein anderer beginnt. Es kann zuerst nach Studium der
Verhältnisse zwischen Sujets und nach der Überprüfung des Auswahlprinzips bestimmt
werden.
           Die Aufteilung nach den Klassen bei dem Forscher Aarne ist nur in drei
Grundgruppen gegliedert:
       1. Tiermärchen
       2. Märchen für sich selbst
       3. Anekdoten
Aarnes System der Unterklassen war sehr helfend, weil vorher nie eine Aufteilung auf
Klassen, Gattungen und Varianten ausgearbeitet wurde.
Eine der Möglichkeiten wie die Märchen einzuteilen wäre in zwei Kategorien: Märchen im
eigentlichen Sinn und eigentliche Zaubermärchen. ‚Das Märchen ist eine Kunstform der
Erzählung, die neben Gemeinschaftsmotiven auch in einer die Entwicklung der Handlung
bestimmenden Weise Wundermotive verwendet.’ 9 Kern und Schwerpunkt in den eigentlichen
Märchen bilden nach Aarne die Zauber- oder Wundermärchen. Die modernen
wissenschaftlichen Ausgaben stellen diese Gruppe auf die Spitze. Mit dem Begriff Märchen
sind Wörter wie Zauber, Wunder, Übernatürliches verbunden und das ist auch der Grund,
warum viele Autoren das Wundermärchen als das eigentliche Märchen nehmen.




9
    Lüthi, Max. Märchen (8.Auflage). Stuttgart: Metzler, 1990, Seite 3.
4. MÄRCHEN


  4.1. Im deutschen Sprachraum


       In deutschen Märchen sind sehr sichtbar die Heldenthemen aus der Mythologie, was
dem deutschen, sowohl auch dem norwegischen Märchen gemein ist. Deutsche Märchen
erweisen viele Ähnlichkeiten mit der Heldendichtung, die unter Germanen bekannt war und
dank der Völkerwanderung sich auch nordwärts ausbreitete. Die Tatsache, dass Motive
einiger deutschen Märchen schon aus der Zeit der Völkerwanderung stammen, ist leicht zu
beweisen, da in vielen die heidnischen Götter vortreten. Diese Märchenepoche dauerte
ungefähr bis zu 10.Jahrhundert, wenn später im Mittelalter von 13. bis 16.Jahrhundert
Deutschland mehr als andere Länder volkstümlich und bürgerlich zu sein schien. Diese Zeit
prägte die Märchen, die das Leben der Apostel, Eigenschaften des Gottes oder das Heilige
Land in Vordergrund stellten. Zu dieser Zeit, behauptet Friedrich von der Leyen, seien die
Mitglieder der Unter- und Mittelschichten am meisten mit den Märchen eingewachsen und
die Könige und Herren seien so menschlich aufgefasst, wie nie vorher.
       Bei den Brüdern Grimm stammen die schönsten Märchen aus dem Niederdeutschen;
Holstein, Jütland, Pommern und Mecklenburg sind für Wiege aller deutschen Stämme
gehalten. Die Volkspoesie war auch in anderen Ländern reich, in Bayern oder Österreich; dort
kam sie aber nicht in der Form des Märchens, sondern häufiger in Form der Lieder und
Gesänge vor.


  4.2 Im norwegischen Sprachraum


       Die norwegischen Märchen haben einen anderen Charakter als die deutschen. Es hängt
mit der Umwelt, in deren sie sich entwickelten und überlieferten. Manche von ihnen stammen
schon aus vorchristlicher Zeit und im Unterschied zu den deutschen, die die Mütter und
Großmütter erzählten, wurden die norwegischen auch von bäuerlichen Hausvätern
übermittelt. Die Grundfabeln haben die norwegischen Märchen mit den deutschen oder
dänischen gemein, aber sie entwickelten sich in anderer Umwelt und deshalb wurden die
Umwelt, Charaktere der Figuren in den Märchen den norwegischen Bedingungen angepasst.
Das Märchen deutet an die Schwäche der Menschen und Gesellschaft sowohl auch an die
Verhältnisse unter Menschen hin. Daneben spiegelt es die Lebensbedingungen und
Lebenswahrheiten des Volkes ab. Wenn wir die deutschen aber vor allem die norwegischen
Märchen näher anschauen, erzählen sie meist über einfache Bauern und Leute aus dem Land,
im Vergleich zu den arabischen oder indischen, die auch die Helden aus der Mittelschicht
(Kaufleute, Ärzte oder Matrosen) kennen.
        Norwegische Huldreeventyr entsprechen dem deutschen Begriff Elfenmärchen und sie
wurden nach dem großen Erfolg der Volksmärchen herausgegeben. Sie stellen die
menschliche Phantasie gebunden an die Natur vor, mit welcher die Leute eingelebt waren.
Auch Asbjørnsen und Moe teilten die epische Volksdichtung in zwei Gruppen: Volksmärchen
und Volkssagen bzw. huldreeventyr auf Grund der Präsentationsform. Sie setzten auch die
kleineren Geschichten in Zusammenhang mit anderen und so prägten sie ein wunderbares
Werk.
        Eventyr im norwegischen ist oft für Erzählung gehalten, der das Volk nicht glaubt, die
aber beiden, dem Erzähler als auch dem Hörer Vergnügung anbietet. Andere Zeichen des
Märchens als des Genres sind dieselben wie im deutschen Sprachraum. Es enthält Symbolik,
dichterischen Verlauf und andere Mittel der Dichtersprache.
        Obwohl die norwegischen und deutschen Märchen gemeinsamen Ursprung in den
Indischen Märchen haben sollen, unterscheiden sie sich relativ viel. Die Grundfabel bleibt oft
in beiden dieselbe, in den norwegischen sind mehrere Motive und Sujets zu treffen. Der
Unterschied liegt in der Zahl der Konflikte in einem einzigen Märchen. Während im
deutschen Märchen die Reihenfolge fest ist – jemand soll etwas tun, zwei von ihnen haben
keinen Erfolg, der dritte ist erfolgreich und gewinnt etwas, lebt glücklich bis zum Ende seines
Lebens – in den norwegischen bedeutet die Erwerbung von etwas oder von jemandem nicht
das Ende der Erzählung. Der Held lebt nicht wohl und muss noch mehrere Hindernisse
überwinden, bevor er wohl leben darf.
        Bei den deutschen Märchen weiß man schon nach der Reihe der Motive, ähnlich wie
in Dramen, dass die Handlung zuerst gradiert wird, danach folgt die Peripetie und die
Spannung sinkt bis zum Ende. Deshalb ist die Reihenfolge sehr wichtig, sie muß die
Aufmerksamkeit des Zuhörers nach bestimmten Regeln erhalten. Dabei benutzt das
norwegische Märchen mehrere Verwicklungen, nicht nur vor der Peripetie, was logisch wäre,
sondern auch nach der Peripetie. So schwankt die Spannung ständig und man ahnt gar nicht,
wann das Ende kommen soll. Auf den, der mit Hilfe der grimmschen Märchen erzogen
wurde, können norwegische Märchen merkwürdig und zu kompliziert wirken. Der Grund
dieser Merkwürdigkeit liegt schon in der Sammelarbeit von Asbjørnsen und Moe, da sie
manchmal mehrere kürzere Geschichten in eine längere verbanden, und weil jede eigene
Peripetie hatte, hat das Ganze mehrere Peripetien.
      Manche norwegischen Märchen sollten als Erklärungen und nicht als Märchen
bezeichnet werden. Die Erzählung über den Ursprung des weißen Fuchsschwanzes, die
Erzählung Die Mühle auf dem Meeresgrund oder Für gute Tat schlechter Lohn sind eigentlich
keine Märchen, sondern hauptsächlich poetische Erklärungen der Naturerscheinungen.
5. MÄRCHENSAMMLER


     5.1 Brüder Grimm


           In dem 19.Jahrhundert in der Romantik erschien das Gedanke, die Volksdichtung
näher zu untersuchen und zum Zweck der Unterstützung des nationalen Bewusstseins wurden
die Märchen, Lieder und andere Genres der Volksdichtung gesammelt, kategorisiert und
druckgelegt. In Deutschland gehörten zu den erfolgreichsten Verteidigern der Volkskunst die
Brüder Wilhelm und Jacob Grimm, die für andere Länder ein Vorbild bedeuteten.
           Das Interesse für das Märchen und für die Volksdichtung änderte und entwickelte sich
im Laufe der Jahre. Während im 19.Jahrhundert das Hauptinteresse der Ursprung und
Sinndeutung des Märchens war, im 20.Jahrhundert bildeten den Mittelpunkt die Fragen nach
seiner Funktion in der Gemeinschaft und nach seiner Wesenart. Und alle Forscher in beiden
Jahrhunderten widmeten sich den Untersuchungen über die Gründe seiner Verbreitung.
           Brüder Grimm, die mit Clemens Brentano und Achim von Arnim befreundet waren,
richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Naturpoesie des Volks, anders auch Poesie der
Ungebildeten genannt, auf die Volksdichtung. Sie suchten in den Liedern, Sagen, Märchen
des Volks den Urquell der Poesie. Die Brüder Grimm betonten immer wieder ihren Wunsch
die Märchen rein und treu wiederzugeben und sie meisterten den Stil des deutschen
Buchmärchens sehr glaubhaft. Ihr Vorbild waren theoretische und praktische Vorgaben für
Sammel- und Bearbeitungsmethoden von Clemens Brentano und von ihm vermittelten
plattdeutschen Märchen. Die Grimms teilten ihre Aufgaben; Jacob neigte in der Wiedergabe
zur Klarheit, forderte buchstabentreue Aufzeichnung, und Wilhelm übernahm die
Verantwortung für das gemeinsame Werk, er strebte nach präziserer Motivierung, ersetzte
gern das Präsens durch das erzählende Imperfekt, die indirekte durch die direkte Rede und
versuchte die Fremdwörter            durch deutsche Begriffe zu ersetzen10. Vor der Herausgabe
umstilisierten die Grimms die vorliegenden Texte, Wilhelm erweiterte manche von ihnen und
einige aus verschiedenen Länder stammenden Varianten wurden in eine verschmolzen.
           Die Literatur für Kinder oder Jugendliche war in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts
nur am Anfang ihrer Wirkung. Die Literatur für die Jugend bestand in dieser Zeit aus
Sittenspiegeln, Moralkodexen, Beispielsammlungen und anderen, wobei diese Bücher vor
allem auf die moralische und religiöse Erziehung der Kinder gerichtet wurden. Es gab auch


10
     Prinz und Prinzessin mußten in späteren Ausgaben durch Königssohn und Königstochter ersetzt werden.
einen Art der belehrenden Unterhaltung, worunter die Almanache, Taschenbücher, Kalender
und Jugendzeitschriften u.a. umfasst wurden.
           Jacob Grimm (1785-1863), Autor der Deutschen Grammatik (1819-37) war Leiter der
Erforschung der deutschen Sprache in einer entscheidenden Periode. Die Deutsche
Mythologie (1835) und die zusammen mit dem Bruder Wilhelm Grimm (1786-1859)
gesammelten Kinder- und Hausmärchen und Deutschen Sagen11 gehören zum europäischen
kulturellen Schatz. Die Brüder Grimm widmeten sich der Sprachforschung, in deren sie die
Geschichte, Sprache und Volksbewusstsein zusammenfassend betrachteten. Sie haben die
Meinung unterstützt, dass sich auch die Kultur historisch entwickelte. Ihr Riesenwerk
Deutsches Wörterbuch (1853) war ihr größter Beitrag für die deutsche Sprache.
           Die Brüder Grimm gehörten zur Berliner Gruppe der Romantiker samt mit
Schriftstellern wie Chamisso, Fouqué oder Levin und als Mitglieder dieser Gruppe
orientierten sie sich auf die nationale Vergangenheit und Volksdichtung. In erster Linie
wollten sie ‚der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen’12, indem sie
die halbvergessene und die meistens mündlich weitergetragene Erzählungen des Volkes so
treu wie möglich aufzeichneten. Wilhelm Grimm verstand die einzigartige Sprache des
Volkes und bemühte sich in den Märchen die passende literarische Form zu bewahren; er
erreichte es dank der Verwendung geläufiger Redensarten, Spruchbilder und Sprichwörter.
           Jacob Grimm studierte 1802 in Marburg bei Friedrich Karl von Savigny Jura und 1805
wurde sein Mitarbeiter in Paris. Vom diesen Begründer der historischen Rechtsschule
übernahm         er    die    geschichtliche      Betrachtungsweise        und     übertrug     sie   auf    die
Sprachwissenschaft. So gelangen ihm in der Deutschen Grammatik die Gesetze der deutschen
Sprache in ihrer Entwicklung darzustellen.
           Beide Brüder gehörten 1837 u.a. zu den sogenannten Göttinger Sieben, 1841 erhielten
beide die Berufung als Professoren an die neu begründete Universität zu Berlin, wo sie auch
ordentliche Mitglieder der Akademie der Wissenschaft wurden. Wilhelm half dort bei der
Erarbeitung der Grundlagen der Germanistik und besonders bedeutsam für diese Arbeit war
sein Werk, worin er sich mit deutschen Heldensagen beschäftigte. Jacob machte sich vor
allem durch seine Untersuchungen in dem Fachgebiet des Meistergesangs, der
11
     Die Kinder- und Hausmärchen wurden zum ersten Mal 1812 und 1822 in drei Bänden, Deutsche Sagen 1816
und 1818 in zwei Bänden herausgegeben.
12
     Böttcher, Kurt – Geerdts, Hans Jürgen. Kurze Geschichte der deutschen Literatur. (3.Auflage) Berlin: Volk
und Wissen Volkseigener Verlag, 1986, S.324.
Rechtsaltertümer und Mythologie, sowohl auch durch die Herausgabe des Hildebrandsliedes
bekannt. Zusammen schufen sie dann 32-bändiges etymologisches und sprachgeschichtliches
deutsches Wörterbuch, indem sie den Wortschatz der neuhochdeutschen Schriftsprache
erfaßten,    wobei    das    Wörterbuch        auch    die   Anwendungsmöglichkeiten       und
Bedeutungswandlungen verfolgte.


  5.2 Asbjørnsen und Moe


       Das    19.    Jahrhundert   bedeutete     für   das   ganze   Europa   die   Zeit   des
Nationalbewusstseins. Nationen orientierten sich an sich selbst und suchten die Schätze in
ihren eigenen Geschichten. Endlich wurden nicht nur die größten Reiche Europas bewundert,
sondern die eigene, obwohl auch kleine Nationen. In dieser Zeit begannen zuerst die
nationalbewussten Persönlichkeiten in jedem Land in verschiedener Zeit die Volksdichtung
wieder erkennen und sammeln. Die Deutschen waren eine der ersten Nationen, die das Werk
des Volkes als den Schatz aller Menschen anerkannte. Selbstverständlich in jedem Land gab
es verschiedene soziale und wirtschaftliche Bedingungen, deshalb entwickelten sie sich auch
mit verschiedener Geschwindigkeit und hatten auch verschiedenen Grad der Bereitschaft.
        Als die nationale Bewegung nach Skandinavien kam, war die Situation in Norwegen
sehr kompliziert. Während der Jahrhunderte dauernden Union mit Dänemark und Schweden,
später nur mit Schweden, wurde die norwegische Nation ganz beherrscht. Die norwegische
Sprache wurde dänisiert, die Gelehrten waren Dänen oder mindestens Norweger, die in
Dänemark studierten und dänisch sprachen, weil es in Norwegen sehr lange keine Universität
gab. Die höheren Schichten und die Gelehrten waren Dänen und sie hatten kein Interesse
darauf, die norwegische Nation im Patriotismus und in der Suche nach nationaler Identität zu
unterstützen. Die Schweden waren nicht so lange unter der Oberherrschaft von Dänemark,
also waren die Norweger die Unvorbereittesten von allen skandinavischen Ländern. Obwohl
die Amtsprache und Literatur dänisiert wurde, die norwegischen Dialekte lebten gut isoliert in
den Tälern, in Hochgebirgen und zwischen den Fjorden. Als sich die politische Situation
veränderte und das Nationalbewusstsein stärker wurde, begannen zwei Freunde Jørgen Moe
und Peter Christen Asbjørnsen norwegische Märchen schriftlich zu sammeln und gedrückt in
Heften herauszugeben.
       Ihre Aufgabe war besonders schwierig, weil sie keine einheitliche Sprache vorfanden.
Die Dialekten unterschieden sich in jedem Tal und die Frage war: In welchem Dialekt, in
welcher Sprache sollen Asbjørnsen und Moe die Märchen und Sagen einschreiben? Da ließen
sie sich von den Brüdern Grimm inspirieren und schrieben die Märchen in der damaligen, das
heißt in der dänisierten norwegischen Schriftsprache ein, aber sie versuchten die
Nacherzählungen so volkstümlich wie möglich wiederzugeben und möglichst viele markanten
Ausdrücke aus der Bauernsprache aufzunehmen. Mit der Sammlung halfen sie auch der
Schriftsprache, weil sie die Bausteine zur Erneuerung der Reichssprache (riksmål) legten und
damit sie die schriftliche Grundlage für die Entwicklung der norwegischen Sprache bildeten.
       Die Märchenausgabe von 1851 wurde den Brüder Grimm gewidmet und Jacob Grimm
selbst fand ihre Sammlung für die beste, die bisher veröffentlicht wurde. Norwegische
Märchen bleiben auch nach hundert Jahre so überzeugend, dass sie für den Schatz der
Norweger gehalten werden, nicht wie in bei anderen Völkern, bei denen die Einflüsse aus
anderen Ländern nachweißlich sind.
       Jørgen Moes Werk wird nicht zu den umfangreichsten gezählt, trotzdem gehört er auf
dem Feld der Kinderbücher zu den Bahnbrechern in norwegischer Literatur. Moe wurde 1813
auf dem Hof Mo in Hole in Ringerike als Bauernsohn geboren. Auf dem Hof hatte Moe die
Möglichkeit mit der Volksdichtung und mit dem Erzählen in Kontakt zu kommen. Im
Jahre1830 bestand er Studentenprüfung und sollte Theologie studieren, aber interessierte sich
mehr für Literatur. Er litt an Depressionen wegen unglücklicher Liebe und hatte für längere
Zeit persönliche Krise. Gleichzeitig arbeitete er auf der Märchensammlung und auf
Entwicklung seiner dichterischen Begabung. Die beiden besuchten den Artiumkurs in
Norderhov, wo sie sich kennen lernten.
       Peter Christen Asbjørnsen wurde1812 als Handwerkers Sohn in Christiania geboren.
Im Jahre 1835 war er als Hauslehrer in Romerike tätig. Er war vor allem
Naturwissenschaftler, konkreter Zoologe und Meeresbiologe, der sich für die Meersfauna
interessierte. Er nahm sogar teil auf der Vorbereitung der großen Enzyklopädie –
Encyclopedia Britannica wegen der Entdeckung einer Art des Seesterns. Eine Zeitlang
arbeitete er als Förster in Wäldern in Trøndelag und als Ernährungsphysiologe.
       Beide verfuhren sehr präzis beim Sammeln und beim Einschreiben der Märchen, bei
jedem Märchen gibt es die Angabe, wer von ihnen es erzählte und wer dem die endliche
schriftliche Form gab. Ihre Zusammenarbeit war so eng, dass es schwer zu bestimmen ist, wer
sich welchem Teil widmete. Trotzdem kann man sagen, dass Moe den größten Anteil auf dem
Märchenstil hatte. Inzwischen setzte Moe seine Priesterarbeit fort, und es war Asbjørnsen,
wer die Arbeit seines Freundes auf den Märchen beendete. Er setzte in der Märchen Arbeit
bis zu seinem letzten Jahr fort, wenn er mit Moes Sohn Moltke Moe zusammen arbeitete.
      Asbjørnsen und Moe verbrachten viel Zeit mit einfachen Leuten, mit Bauern und
Fischern, die ihnen die Märchen erzählten, manchmal in Dialekten, die nur schwer
verständlich waren. Sie hörten den Erzählungen in den Hütten beim Feuer zu und versuchten
sie volkstümlich auch nacherzählen. Norwegen vor allem war und noch ein bisschen ist ein
einsames Land, nur das Schiffverkehr verband das Land mit anderer Welt und das ist der
Grund, warum die Volksdichtung nicht von anderen Kulturen so beeinflusst wurde, wie es in
anderen europäischen Länder der Fall war. Dazu waren die Dörfer in Norwegen langst der
langen Küste zerstreut oder in den Hochgebirgen versteckt und deswegen isoliert und vor
fremden Einflüssen bewahrt. Das Volk entwickelte die Volksdichtung in eigenen
Bedingungen. Das ist meistens an den Märchenfiguren zu sehen, da die Sitten und
Vorstellungen verschiedener Völker anders waren.     Die Unterschiede sind oft auf den
Illustrationen markant, aber uns muss nur die geschriebene Version der Märchen zum
Vergleich genügen.
6. MÄRCHENFIGUREN


       Die europäischen Märchen haben gemeinsame Züge die die nationalen, zeitlichen und
individuellen Verschiedenheiten überschreiten, also sie können als ein Grundtyp bezeichnet
werden. Das europäische Volksmärchen neigt zu bestimmten Personal, Requisitenbestand und
Handlungsablauf sowohl auch zur Darstellungsart. Zum Personal und Requisiten gehört
Auftragsgeber, Helfer des Helden, Kontrastgestalt und vom Helden gerettete Person. Alle
wichtigen Märchenfiguren sind im einigen Verhältnis zum Helden, egal ob sie zur
menschlichen oder außermenschlichen Welt gehören. Oft treten auch wunderbare
Gegenstände auf.
       Der Held des Märchens ist keine Persönlichkeit aber auch kein Typus, es ist nur die
allgemeine Figur mit einem gewöhnlichen Namen, der immer in derselben Art aufgewendet
ist. Die Figuren bilden immer Gegenteile, sie scheiden sich scharf in gute und böse, schöne
und hässliche, kleine und große. Immer sind die Eigenschaften zwischen mehrere Figuren
geteilt, damit die Unterschiede ausdrucksvoller werden. In Märchen kommen die der Unter-
und Überwelt angehörigen Figuren vor, die als Hexen, Feen, Zwerge, aber auch nicht
besonders auffällige Männer und Frauen auftreten. Obwohl nicht alle typischen Figuren in
einem Märchen vorkommen, gehören sie zu dem Genre als Repräsentanten der menschlichen
Phantasie.
       Zum Arsenal des Märchens gehören auch Dinge, einerseits alltägliche Dinge, die das
Volk bei der Arbeit benutzte und die die Atmosphäre zu beschreiben helfen, anderseits
Zauberdinge, die dem Helden in seinen Aufgaben helfen. Außer Figuren und Dinge muss
man auch mit den Pflanzen rechnen, da die oft durch Bäume, Blumen und Früchte vertreten
werden. Die Tiere können beide, zu Figuren als auch zu Heldenhelfern gehören.
       Was die Darstellung betrifft, neigt das europäische Märchen zum raschen
Fortschreiten, die Figuren werden nur knapp benennt und beschrieben und Beschreibung der
Umwelt oder Innenwelt der Gestalten ist nur selten zu finden. Im Märchen ist die Handlung
wesentlich. Obwohl sich das Märchen nur auf das für die Handlung wichtigste einschränkt,
kann die Vorliebe für reine Farben und Linien, für alles klar Ausgeprägtes, für Metalle,
Kontraste und Extreme, Formeln der verschiedensten Art, für Gaben und Aufgaben, für
Verbote, Tests und Prüfungen, für Lohn und Strafe verfolgt werden. Aus den Farben nennt
man oft rot, weiß und schwarz und diese Farben vergleicht man mit etwas Ausgeprägtes, wie
Blut, Schnee, Ebenholz oder Kohle.
       Zu den Formeln gehören festgeprägte Anfänge und Schlüsse wie Es war einmal…,
…wir wären auch dabei gewesen, Verse (auch gesungene), wiederholte direkte Reden,
variierte Wiederholung, die Formeln der Dreizahl und das Gesetz der Steigerung. Diese
können auch miteinander verbunden werden. Während Zahlen wie eins, sieben, neun und
zwölf an die Figuren und Orte gebunden sind (sieben Berge, zwölfköpfiges Untier, drei
Schwester und die zweite ist schöner als die erste, die dritte ist die schönste), die Dreizahl ist
handlungs- und kontrastbildend (zwei Brüder erfolglos, der dritte erfolgreich). Misserfolg ist
immer obligater Vorläufer des Erfolgs und bildet oft Teil der Steigerung.
       Manche im europäischen Märchen vorkommende Motive sind schon aus Erzählungen
der Naturvölker bekannt. Gefährliche Aufgaben, Helfer, Verbote und ihre Übertretung. In den
Orientalen Märchen findet man dasselbe wie in den europäischen: Strafen und Belohnungen,
und Rettungen im letzten Augenblick.
       Was das Schöne und das Vorkommen der Schönheit in Volksmärchen betrifft,
vermutet Max Lüthi, dass die Materialien aus deren in Märchen die Gegenstände bestehen
(vor allem Gold, Silber oder Glas), das Streben nach dem Reichtum abspiegeln (Gold und
Silber kommen sehr oft in norwegischen Märchen vor, wenn der Troll besiegt wird, nimmt
der Held alles Gold und Silber aus seinem Haus und lebt wohl für alle Tage). Im Fall des
Glases geht es um Streben nach dem Klaren, Eindeutigen und Ausgeprägten, sowohl aus um
etwas Zerbrechliches und leicht Brechbares, wie gläsernes Schloss oder gläserner Berg.
       Das Schöne kommt im Märchen oft in einer Person vor. Dabei ist interessant, dass das
Schönheitsideal nicht genau begrenzt ist und sich im Laufe der Zeit nicht ändert. Das schöne
Mädchen bleibt schönes Mädchen auch nach hundert Jahre, weil es nicht spezifiziert wird. In
diesem Sinn hat das Märchen etwas Überzeitliches oder Ahistorisches. Das Märchen
bezeichnet nicht die Schönheit der einzelnen Körperteile; wenn jemand goldene Haare hat,
bedeutet das nicht eine Bezeichnung der Schönheit, sondern ist es ein Zeichen für die
Bedeutsamkeit ihres Trägers. Wenn die Haare, Haut oder die Wangen den Kohlen, Schnee
oder Blut angeglichen werden, handelt es sich nur um Beschreibung des Aussehens und nicht
um Schönheitsspezifizierung.
       Das Märchen ist ein Spiel der Gegenteile, wo das Gute auftritt, muss auch das Böse
anwesend werden. Märchen verteilt das Gute und das Böse, sowohl auch alle antonymische
Eigenschaften immer auf zwei verschiedene Figuren. Schlechte Eigenschaften konzentrieren
sich in einer Figur, wobei guten Eigenschaften in anderer (hässlicher und böser Drachen
bildet ein Kontrast zur schönen und lieben Prinzessin). Im Märchen dominiert das Schöne, es
ist primär, das Hässliche sekundär. Durch die Kontrastwirkung wird das Schöne noch stärker
hervorgehoben, noch reiner sichtbar. Dass ist der Grund warum das Märchen nicht in den
Figuren variiert, es genügen nur positive Figuren einerseits und negative Figuren anderseits.
Als positiv kann ein Mädchen oder Prinzessin und als negativ Hexe oder Drachen gelten.
Außerdem gibt es viele Figuren die je nach Bedarf für positiv oder negativ verwendet werden
können.


  6.1 Gemeinsame Gestalten


     6.1.1 König und Prinzessin


       Im Märchen traten verschiedensten Figuren vor und jede repräsentiert andere Welt
oder soziale Schichte. Der König und seine Tochter – die Prinzessin stellen die Macht, den
Wohlstand, den Reichtum der oberen Schichte dar. Sie sollen auch Kontrast zu den Armen,
Gegenteile zwischen Welten hervorheben. Die Königstochter stellt fast immer die Schönheit
und Reichtum dar. Interessant auf der norwegischen Vorstellung der Prinzessin, was in den
Illustrationen gut zu sehen wäre, ist die Einfachheit ihres Kleides als auch ihres Benehmens.
Die Prinzessin ist nicht so vornehm, als die Monarchie erwartet. Die Norweger kennen das
Leben der wirklichen königlichen Familie, so warum zeichnen sie die Mitglieder der
königlichen Familie in dieser Art und Weise auf? Eine Antwort wäre, in Skandinavien
wurden nicht schützende Burgen, nur etliche Schlösser gebaut, jedoch nicht in solcher Maße
wie in England oder in anderen Teile der Europa, wo das Volk sich gegen der Türkeninvasion
währen musste. In Norwegen gab es nur ein wichtiges Schloss, wo der König lebte, und
vielleicht sah die Mehrheit nie dieses Schloss. So maßte sich das Volk die Vertreter der
königlichen Familie ihrem Leben an und damit humanisierte sie. Die wunderschöne
Prinzessin wurde einem Kuhmädchen und der König einem Hauswirten ähnlich.
       Die Figur des Königs ist die merkwürdigste. Obwohl Norwegen immer einen König
hatte und ein Königreich bildete (egal ob der König dänisch, schwedisch oder norwegisch
war), unterscheidet sich die Gestaltung des Königs und der Prinzessin sehr von der deutschen.
In deutschen Märchen wohnt der König, worauf auch wir gewöhnt sind, in großem Schloss,
ist schön gekleidet und hat viele Dienstleute, die um alles kümmern. Der König ist oft fett,
weil das ein Merkmal des Wohlstandes ist und es unterscheidet ihm auch vom armen Volk,
das oft nichts zum Essen hatte. Er muss nichts machen, für alles hat er jemanden, der alles für
ihn macht. Der König samt mit königlicher Tochter sind vornehm und so sollen sie sich auch
benehmen. Deshalb sind die öftesten Eigenschaften des Königs und der Prinzessin Faulheit,
Macht, Suche nach größerer Macht, Wohlstand; mit dem König sind auch Begriffe wie Krieg,
Langweile, Aufgaben und andere verbunden.
       Der norwegische König hat zwar die Zeichen der Macht – das Zepter in einer Hand
und die Pfeife in zweiter, trotzdem ist er volkstümlicher; er lebt in einem Holzhaus und öffnet
die Tür selbst, ist so reich bekleidet. Die Prinzessin ist derselbe Fall, die Tochter des Königs,
aber sie ist nicht reich bekleidet und geschmückt, sondern sie trägt gewöhnliches Kleid wie
ein einfaches Mädchen      und ist oft im Kuhstall anzutreffen. In norwegischen Märchen
behalten einige wichtige Wörter ihren ursprünglichen Sinn, wie zum Beispiel Königshof
‚kongsgaard’, was ursprünglich wirklich einen landwirtschaftlichen Hof bedeutete, den der
König selbst betrieb.


     6.1.2 Stiefmutter


       Diese Figur gehört zu den immer negativen Wesen. Sie achtet auf das Wohl ihrer
Kinder und kennt dabei keine Hindernisse. Sie bevorzugt ihre Kinder vor den Stiefkindern
und macht alles um sie zu versichern, sie scheut sich vor keiner üblen Tat. Die Stieftochter
nutzt sie als ein Dienstmädchen, nur selten ist ein Stiefsohn zu finden. Wahrscheinlich wegen
der körperlichen Stärke, denn ein Mann ist dank seiner körperlichen Übermacht
selbstständiger und von keinem abhängig.


     6.1.3 Tierfiguren


       Auch unter den norwegischen Märchen gibt es viele Tiermärchen, in denen die Tiere
menschliche Eigenschaften haben und wie Menschen handeln. Die personifizierten Tiere
haben typisierte Rollen. Der Fuchs mit seiner Eigenschaften und Fähigkeiten symbolisiert die
weibliche List, der Bär ist Vertreter der männlichen Kraft. In einigen Märchen, wo die Tiere
als Heldenhelfer wirken, findet man Landvarianten. Wo im deutschen Märchen ein Fisch hilft,
im norwegischen ist es der Lachs (der würde in anderen Ländern schwer zu finden). Auch in
anderen Fallen sind die Tiere, die als Träger bestimmter Eigenschaften dienen sollten und
deshalb nur allgemein benannt werden sollten, durch die Landvarianten ersetzt, zum Beispiel
im Märchen, das uns als Der gestiefelte Kater bekannt ist, kommt Elch vor, als das erjagte
Tier13.
           Auf den Tierfiguren ist gut zu sehen, wie eng das Zusammenleben mit den Tieren und
mit der Natur in Skandinavien war und wie das Leben ohne Mitarbeit schwer war. In einem
Märchen fordert der Fuchs an dem Bauer den Schafbock für Hilfe gegen den Bär. In anderem
Märchen ist das Roß dem Helden in vielen Situationen behilflich; dank dem Roß ist der Held
fähig die Befehle zu erfüllen und nach seinem Roß ist auch Preis des Helden14 gemessen.
Eine Tierfigur kann auch verzauberte Person sein, im Märchen Der Herr Per15 ist die Katze
eine von dem Troll verzauberte Prinzessin, die den Eltern von Per helfen sollte und der Per
den Kopf abschlagen musste, damit er sie rettete. Im Märchen Im Osten von der Sonne und im
Westen vom Monde ist der weiße Bär ein von einem Trollweib verzauberter Prinz. Interessant
ist, dass während in deutscher der Zauberer vorkommt, in norwegischer Version erfüllt seine
Aufgabe der Troll, bzw. mehrere Trolle.




     6.2 Unterschiedliche Gestalten


        6.2.1 Askeladen


           Eine der wichtigsten Märchenfiguren, die beim jeden Volk hervortritt ist eine Figur,
die zwar dumm ist, aber am meisten Glück hat, während andere klügere Figuren schlechter
gehen. Diese Figur ist immer typisiert, schon der Name gibt uns ein Signal, um wen es sich
handelt und ist unter den Namen wie Hans, Per, Bärenhäuter oder Askeladen bekannt.
           Askeladen, ins Deutsch Bärenhäuter16 übersetzt, ist immer der jüngste Sohn, der nur
auf der Ofenbank sitzt und mit der Asche spielt. Er stellt die Figur dar, die faul und dumm ist.
Wenn die älteren Brüder in die Welt wandern, damit sie ihr Glück finden, muss Askeladen zu


13
     Elch ist typisches Tier in skandinavischen Wäldern, also kein Wunder das er auch in die Märchen durchdrang.
Das wirkliche Vorkommen im Land, woher das Märchen stammt, ist kein Regel, nur eine Besonderheit; in
anderem Märchen kommt ein Löwe vor, was in Skandinavien ziemlich exotisch wirkt.
14
     Der Held bekommt erst dann den königlichen Segen zur Ehe mit einer Prinzessin, wenn er seine Fähigkeit
anderes, gleich ausgezeichnetes Roß zu kriegen beweisst.
15
     Im Deutschen als Der gestiefelte Kater bekannt
16
     In deutschen Übersetzungen kommt meistens der Name Aschenper vor, um den norwegischen Ursprung
auszudrücken.
Hause mit den Eltern bleiben, weil er nichts besorgen kann und eigentlich zu nichts geeignet
ist. Er hat mehrere Möglichkeiten, wie er seine Situation und seinen Namen verbessern
könnte. Er geht weg aus dem Elternhaus in die Welt entweder seine Brüder oder eine Braut
zu suchen. Obwohl er für den dümmsten und faulsten gehalten ist, tut er oft unterwegs gute
Taten, hilft den schwächeren und besiegt die Trolle dank der List. Dafür ist er belohnt, die
geretteten Figuren geben ihm oft ein Zauberding, das ihm später hilft oder bekommt er eine
Prinzessin als Braut. Askeladen hat keine Angst und deshalb hat er Glück im Kampf mit
Trollen.
       Als schon gesagt war, es ist oft Askeladen wer den Troll besiegt und die Prinzessin
rettet und als Braut gewinnt. Den Troll besiegt er immer dank der Mitarbeit der Prinzessin, die
schon lange vom Troll gefangen halten ist. Sie gibt Askeladen das Zaubergetränk, dank
dessen er fähig ist das schwere Schwert aufzuheben und auf den Troll zu verwenden. Sie
versteckt ihn und belügt den Troll, der einen Menschen spürt, mit einer Geschichte über einer
Krähe, die mit einem Menschenknochen über den Schornstein flog. Diese Geschichte kommt
in vielen Märchen vor. Ohne Prinzessin wüßte Askeladen kaum, wo der Troll seine Schwäche
hat. Am Anfang des Märchens war Askeladen faul, aber wenn er mit dem Schwert umgehen
muss, wenn er dazu gezwungen ist, zeigt er seine Kraft und Ausdauer, egal ob der Troll einen,
drei oder neun Köpfe hat.
       Askeladen hat es im Leben nicht einfach, oft passiert es, dass er alle entführte
Prinzessinnen befreit, eine für Braut bekommt, manchmal ist auch Hochzeit gefeiert und erst
dann muss er dem königlichen Befehl gehorchen und um seine Prinzessin zu verdienen, muss
noch etwas einige Aufgaben erfüllen und einige Prüfungen bestehen. Es ist nur das Bestreben
des Königs seine Versprechung nicht auslösen müssen oder noch ein Zauberding ohne
Bemühung gewinnen.


     6.2.2 Troll


       Der Troll gehört ohne Zweifel zu den typischsten skandinavischen Märchenfiguren.
Für die nordische Phantasie ist besonders typisch die geheimnisvolle Gestalt des Trolls, der in
den Felsen- und Waldlandschaft lebt.
‚Das sind plumpe Geschöpfe mit riesigen Körperkräften und so geringem Verstand, dass sie
unbeschadet ihren Kopf abnehmen und unterm Arm tragen können, Personifikationen der
rohen Naturgewalten.’17
         In den Märchen symbolisiert der Troll die Angst vor Natur, vor den dunklen und
dichten Wäldern, in deren die Trolle zu leben geglaubt waren und auch Angst vor Kraft und
Dummheit. Die Norweger waren sehr vorsichtig, wenn sie in der Natur lebten. Sie bestachen
die Trolle mit Brei, damit sie den Menschen nicht schädigen wollten. Der Troll stellt nur das
schlechteste dar: die Hässlichkeit, die Dummheit, den Jähzorn, den Neid, die Gewalt, die
Drohungen und Kraft in unzutreffenden Händen. Das sind die Gründe, warum es keine
schlechte Tat war, einen Troll zu töten.
         Ein guter Grund um den Troll zu töten ist auch sein Reichtum an Gold und Silber.
Jeder Held, der den Troll besiegt, nimmt soviel Gold und Silber aus seinem Haus, wieviel er
zu tragen fähig ist. Der Troll ersetzt auch die Figur des Zauberers.
         In einem Fall, namentlich im Märchen Im Osten von der Sonne und im Westen vom
Monde sind auch zwei Trollweiber zu finden, die einen Prinzen verzaubern, damit er
niemanden anderen heiraten könnte außer der Trolltochter.
‚Ich will morgen sagen, daß ich erst sehen will, was meine Braut taugt. Ich werde von ihr
verlangen, daß sie das Hemd mit den drei Talgflecken wäscht. Denn ich weiß, daß können nur
Christenmenschen und nicht solches Trollgepäck.’18


       6.2.3 Ritter


         In Skandinavien war Rittertum nicht so häufig wie im Zentral- und Westeuropa, und
auch das Drachenmotiv wurde lieber durch Trolle ersetzt, deswegen gab es keine
Notwendigkeit den Ritter als Befreier der Prinzessin vorzustellen. In deutschen Märchen
bleibt Ritter eine wichtige Gestalt, die ihre Tapferkeit im Duell mit dem Drachen beweisen
kann. In etlichen deutschen Märchen sind der Ritter und der Prinz Synonyme; wenn ein Prinz
eine Prinzessin befreit, ist es selbstverständlich eine Rittertat.

17
     Asbjørnsen, Peter Christen - Moe, Jørgen. Norwegische Märchen (übersetzt von Bernhard Schulze,
5.Auflage). Leipzig: Verlag Philipp Reclam jun., 1977, Seite 8.
18
     Asbjørnsen, Peter Christen - Moe, Jørgen. Norwegische Märchen (übersetzt von Bernhard Schulze,
5.Auflage). Leipzig: Verlag Philipp Reclam jun., 1977, S.172.
       6.2.4 Drachen


           Fast in allen Fallen, wo im deutschen Märchen ein Drachen als der Entführer der
Prinzessin auftritt, ist er im norwegischen durch Troll ersetzt. Nur in einigen Fallen ist der
mehrköpfige Drachen erwähnt. Andernfalls ist der Drachen in europäischen Märchen im
Bezug auf Rittertum und Rittern präsentiert, was in skandinavischen Werken nicht so
prägnant vorkommt.


        6.2.5 Über- und Unterirdische Figuren


           Außer Trollen gibt es in norwegischen Märchen nur selten Figuren, die nicht aus
dieser Welt herkommen. Die Tierfiguren gehören zu anderer Gruppe, deshalb werden sie jetzt
nicht in Betracht genommen. Figuren wie Hexen, Zauberern treten in norwegischen Märchen
nicht in solcher Maße wie in deutschen. Obwohl die Hexen in norwegischen Märchen nicht zu
den typischen Figuren gehören, herrschen manchmal andere, unerwartete Figuren über
Zauberfähigkeiten; zum Beispiel die Figur der Prinzessin, die ihre Gestalt ändern kann. In
deutschen Märchen treten schlechte Hexen auf, zum Beispiel in Schneewittchen, aber auch
gute Feen, wie in Aschenputtel oder Frau Holle.
           In einem norwegischen Märchen Vom Schmied den sie in der Hölle nicht haben
wollten19 kommt sogar auch der Gott, Sankt Peter und Teufel vor.
Den Figuren wie Teufel im deutschen oder Troll im norwegischen ist selbstverständlich alles
erlaubt. Die Spottlust ist meistens gegen die Privilegierten, die Hochgeborenen.
           Zu den Figuren, die nie eine Hauptrolle darstellen, müssen Müller, Koch, Hüter,
Holzhauer, Räuber, und in Gebieten beim Meer Fischer und Kaufmann erwähnt werden. Sie
greifen zwar in die Handlung ein, aber nur als Heldenhelfer oder Nebenfiguren, nie als
Helden. Die Märchenfiguren und –fabeln sind vom Gebiet abhängig, im Innland überwiegen
Motive mit Wäldern, Holzhauern, Jägern und Hütern, auf der Küste Motive mit Fischern,
Schiffen und Kaufleuten.




19
     Übersetzt von Bernhard Schulze
7. ZUSAMMENFASSUNG


       In der Romantik wurde das Märchen für das einzige reine Genre der Volksdichtung
gehalten. Nach hundertfünfzig Jahren sind wir der Meinung, dass die Romantiker zu naiv und
romantisch handelten; romantisch im schlechteren Sinn des Wortes. Die Wendung zum Volk
bedeutete damals einen Schritt näher zur Freiheit und das einfache Volk wurde als wichtiger
Teil der Nation anerkannt. Schon damals konnten die Gelehrten das Märchen zu schätzen und
die Erzählungsfähigkeit des Volkes hoch zu schätzen.
       Das Märchen ist eine Erzählung, die die Generationen, Schichten und Geschlechte
verbindet. Es bleibt von der Zeit und Mode ungerührt. Das Märchen wird nie alt und
altmodisch. Die Märchen spiegeln das äußere aber auch das innere Leben des Volkes ab und
so können sie als Zeitbild dienen und deshalb sind die Nationalvarianten das beste, was bei
der Untersuchung der Volksdichtung verwendet werden kann.
       In dieser Arbeit versuchte ich auf die auffälligsten Unterschiede zwischen
norwegischen und deutschen Märchen hinzuweisen und dabei auch die Aufmerksamkeit auf
den Zusammenhang der Volksdichtung mit der Umgebung zu wenden.
       Skandinavien   gehörte   wegen    ihrer   geographischen   Lage    zu   europäischen
Randgebieten und wurde aus den kulturellen Hauptströmungen ausgelassen. Das ist auch in
den Märchen zu spüren, in den deutschen zeigt sich das ganze Spektrum der zu verschieden
Schichten gehörenden Gestalten, in denen auch die Einflüsse anderer Kulturen sich befinden.
Im Gegenteil dazu stehen norwegische Märchen mit ihrer rohen Gestaltung des Verhältnisses
des Volkes zur Natur und ihr Zusammenleben abseits. Die norwegischen Märchen sind
grausamer in Taten und natürlicher in Verhältnissen und Naturbezeichnungen, für die
außerskandinavischen Leser vielleicht zu schonungslos. Genau wie die nordische Natur, die
den Menschen in Zusammenarbeit mit ihr zu leben ermöglichte, die aber auch viel von ihnen
verlangte. Norwegische Märchen spiegeln das schwere Leben der von der Natur abhängigen
Bauer und Fischer, aber auch das Streben nach der Erklärung einiger Naturerscheinungen, ab.
       Interessant sind die lokale Abweichungen in dem Figurenarsenal, einerseits deutsche
Figuren im Vergleich zu norwegischen, wie Troll, Zauberer oder Drachen und anderseits
Figuren in den Gebieten bei der Küste und im Innland. Es gibt noch viele andere
Märchenfiguren, denen in dieser Arbeit kein Wort gewidmet wurde, aber der Arbeitsumfang
erlaubt nicht die ausführliche Aufzählung aller Gestalten in deutschen und norwegischen
Märchen. Hier wurden nur die bekanntesten und wichtigsten gegenübergestellt.
8. LITERATURVERZEICHNIS


 Primärliteratur:


    Grimm, Jacob – Grimm, Wilhelm. Deutsche Sagen. München: Diederichs Verlag, 1993.
    Grimm, Jacob – Grimm, Wilhelm. Kinder- und Hausmärchen. Berlin: Der
     Kinderbuchverlag.
    Asbjørnsen, Peter Christen - Moe, Jørgen. Norske Folkeeventyr. Oslo: Gyldendal Norsk
     Forlag, 1968.
    Asbjørnsen, Peter Christen - Moe, Jørgen. Norwegische Märchen (übersetzt von
     Bernhard Schulze, 5.Auflage). Leipzig: Verlag Philipp Reclam jun., 1977.
    Asbjørnsen, Peter Christen - Moe, Jørgen. O princeznách z Modrého vrchu (prel.Jiřina
     Vrtišová). Praha: Albatros, 1973.


 Sekundärliteratur:


    Falk, Hjalmar – Torp, Alf. Etymologisk ordbok over det norske og det danske sprog.
     Oslo: Bjørn Ringstrøms Antikvariat, 1996. S. 142.
    Kluge, Friedrich. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (8.Auflage).
     Straßburg: Verlag von Karl I. Trübner, 1915.
    Leyen, Friedrich von der. Das Märchen: Ein Versuch. (2.Auflage) Leipzig: Verlag von
     Quelle & Meyer, 1917.
    Propp, Vladimír J. Morfológia rozprávky (prel. Nadežda Čepanová). Bratislava: Tatran,
     1971.
    Lüthi, Max. Das Volksmärchen als Dichtung – Ästhetik und Anthropologie. Düsseldorf,
     Köln: Diederics Verlag, 1975.
    Lüthi, Max. Märchen (8.Auflage). Stuttgart: Metzler, 1990.
    Tille, Václav. O lidových pohádkách. Praha: Státní nakladatelství dětské knihy, 1966.
    Kolektív autorů. Slovník literární teorie. Praha: Československý spisovatel, 1984. S.281.
    Böttcher, Kurt – Geerdts, Hans Jürgen. Kurze Geschichte der deutschen Literatur.
     (3.auflage) Berlin: Volk und Wissen Volkseigener Verlag, 1986.
    Beyer, Edvard – Hauge, Ingard – Bø, Olav. Norges litteratur historie. Bind 2 – Fra
     Wergeland til Vinje. Oslo: J.W.Cappelens Forlag A.S., 1974.

								
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