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9/18/2012
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							    Predigt zum Kirchweihmontag, 27. Oktober 2003
    Aufzeichnungen über die Zeit von 1693 bis 1713.
                      Pfarrer Alexander Seidel

Liebe Gemeinde,

der Gollhöfer Tradition gemäß möchte ich am Kirchweihmontag wieder
mit Ihnen einen Blick in die Geschichte unserer Kirchengemeinde
werfen.
Ich werde etwa 300 Jahre in der Geschichte zurückgehen. Und berichte
ihnen aus den Aufzeichunungen über die Zeit von 1693 bis 1713.


1693
in diesem Jahr wurde nach Aufzeichnungen von Pfarrer Hahn das
innere der Kirche deutlich verändert. Ein Schreiner aus Uffenheim baute
eine neue Kanzel.
Sie wurde an der linken Seite des Chorbogens befestigt - also genau
gegenüber der jetzigen Kanzel. Noch heute sind links die Eisenanker im
Chorbogen zu sehen.
Wahrscheinlich wurde auch zur gleichen Zeit das Lesepult durch ein
Neues ersetzt.

1694
vom 6. bis 14. August wurde eine neue Orgel aufgestellt.
Im September fand eine Kirchenvisitation statt. Hofprediger Frieß mit
seinen Consulenten Miltenberger kamen dazu aus Markt Einersheim
angereist. Die hohen Herren kamen im Auftrag der Obrigkeit, um die
Amtsführung des Pfarrers und den Zustand der Gemeinde zu
überprüfen, und gingen mit einem für damalige Zeiten ungewöhnlich
hohen Geldbetrag in der Spendenbüchse wieder nach Hause.

1695
Der Instrumentenbauer Heinrich Götz aus Neunkirchen im Vogtland
lieferte am 1. Oktober einen Bass und zwei Diskant-Geigen für die
Kirche. Dieser Eintrag zeigt, dass in der evangelischen Kirche des 17.
Jahrhunderts auch jenseits der Orgel die Instrumentalmusik gepflegt
wurde.
Ebenfalls ist für dieses Jahr vermerkt, dass die drei neuen Blasebälge
der Orgel sehr schwer zu bedienen waren. Darum erhielt laut
herrschaftlichem Dekret der Gotteshausmeister - das wäre heutzutage
unser KIrchenpfleger Fritz Schmidt - sozusagen eine Erschwerniszulage
von 4 Taler pro Jahr. Ein Taler davon waren sein Lohn für das
Klingelbeuteltragen.
Der Bürgermeister wandte sich im Sommer an die Kirchengemeinde und
nahm einen Kredit von 200 fränkischen Gulden auf, um unter anderem
dem Gollhöfer Anteil an den Kriegsausgaben nach Heilbronn zu liefern.

1696
Am Trinitatisfest wurde in Markt Einersheim ein zum evangelischen
Glauben bekehrter Türke getauft. Alle Limpurgischen Pfarrer mussten zu
dieser Feierlichkeit erscheinen, Darum predigte in Gollhofen
vertretungsweise der Pfarrer von Ippesheim.
Der Kunstmaler Matthäus Jahn aus Sommerhausen wurde beauftragt
die neue Orgel braun anzustreichen, sie mit „gutem Gold“ zu vergolden
und dann verschiedene Bilder mit lebendigen Farben anzubringen.

1697
Am 25. Juni zitierte der Oberschultheiß der Gemeinde den Kantor
wegen seiner schlecht geführten Haushaltung ins Pfarrhaus um ihm dort
die Leviten zu lesen. Über dieses Treffen wurde festgehalten, dass
dabei Lebensmittelausgaben über zwei Gulden der Gemeinde in
Rechnung gestellt worden.

Im selben Jahr wurde auch die mittlere Glocke repariert, die im Jahr
zuvor gesprungen war. Ein Würzburger Glockengießer war damals zwar
angereist, hat den Auftrag allerdings nach eingehender Betrachtung und
nach Auflauf einiger Spesen doch nicht angenommen.
Im Jahr 1697 hat sich dann ein Glockengieser aus Lothringen daran
gemacht, in der alten Kapelle - dem jetzigen Rathaus - eine Glocke neu
zu gießen. Dazu musste eigens ein Brennofen aus 1800 Backsteinen
errichtet werden, der mit drei Klaftern Holz beschickt werden musste.
Die fertige Glocke wog 15 Zentner. Am 3. April wurde sie dann mitv
ereinten Kräften über einen Seilzug in den Turm gehoben. Die 30 Helfer
erhielten jeweils einen Eimer Bier und einen Weck als Dankeschön.
Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass diese schöne neue
Glocke nur zehn Jahre lang halten würde.

1702
Ausgesprochen spendabel beginnt das neue Jahrhundert:
Für die Pfarrfrau wird ein eigenes Gestühl eingebaut. Möglicherweise
jenes, das wir noch jetzt hinten in der Kirche stehen haben.
Die Gemeinde gibt eine großzügige Spende für den Kirchenbau in
Wallmersbach.
Ein    Buchbinder     in     Sommerhausen        wird   beauftragt, 109
Katechismus-Exemplare für Gollhofen herzustellen. Ziel der Aktion:
Jedes Haus bekommt kostenlos ein Exemplar des Katechismus von der
Gemeinde überreicht.
Zwei Maurer aus der Tirol pflastern einen Weg vom Pfarrhaus zur
Kirche.

1704
Am 12. April stirbt der langjährige Pfarrer Georg Philipp Winkler im Alter
von 71 Jahren und wird in der Kirche vor dem Altar begraben. Er
zeichnete sich dadurch aus, dass er in vielen Dingen kein Blatt vor den
Mund nahm und bei Trauungen und Beerdigungen häufig deutlicher
seine Meinung sagte, als es den Beteiligten lieb war.
Insgesamt war er 39 Jahre als Pfarrer in Gollhofen tätig und war der
einzige, der in der Kirche vor dem Altar beerdigt wurde.

1705
Als Nachfolger zieht Johann Christof Hartung ins Pfarrhaus ein, zuvor
war er in Lindelbach tätig.
Im gleichen Jahr löst sich während des Läutens die kleine Glocke aus
denen Glockenstuhl und stürzt vom Turm aus in die Tiefe. Offensichtlich
blieb sie dabei unbeschädigt und konnte von einem Uffenheimer
Zimmermann wieder befestigt werden.
1706
Nach nicht einmal zehn Jahren zerspringt erneut die mittlere Glocke und
wird neu gegossen.

1708
Zwei Jahre später, 1708, erhält der Kirchturm einen neuen Glockenstuhl,
der aus 16 Eichenstämmen gezimmert wird, die aus dem
Krassolzheimer Forst stammen.

1709
Im April lässt Kantor Pfeiffer den völlig mit Gestrüpp zugewachsenen
Kirchgraben säubern und mit Obstbäumen anpflanzen.

1711
Im August wurde der schadhafte Kirchturm durch einen Turmdecker
aus Ansbach neu gedeckt. Der Turmknopf - also die Hohlkugel in der
Spitze - wurde abgenommen und repariert. An seiner Innenseite fand
man die Jahreszahl 1567 und eine Inschrift des Pfarrers Winkler von
1670. außerdem wurden zahlreiche alte Münzen darin gefunden.
Da der Turmdecker die Münzen für sich beanspruchte, einigte man sich,
ihm als Ersatz 15 Kreuzer zu zahlen. Die Münzen legte man in die
reparierte Hohlkugel; zusammen mit einem Pergament, worauf
Nachrichten über die damalige Zeit und über Korn- und Weinpreise
verzeichnet standen.


1713
Am 19. August starb der Erbschenk von Limpurg, Graf Vollrath.
Er galt als gutes und treues Glied der evangelischen Kirche. In seinem
Testament hatte er bestimmt, dass keiner seiner Nachkommen das
Recht hätte, Veränderungen an der evangelischen Lehre im Bereich der
Kirche und der Schule vorzunehmen, sonst würden die mit dem Amt
verbundenen Rechte auf die nächsten Verwandten übergehen.

Auch in Gollhofen wurde ein Totengedächtnis abgehalten. In einer
feierlichen Prozession zog man von der Kirche aus zum Rathaus und
zog dann unter Glockengeläut wieder hinauf zur Kirche, wo dann die
Traueransprache gehalten wurde.

Soweit unser Rückblick auf 20 Jahre Gollhöfer Geschichte.
--- Lied ---

Liebe Gemeinde,

vieles in dieser kleinen Rückschau reizt zum Kommentieren.
Ich habe mir überlegt: Gibt es in diesen Jahren ein „Thema“, ein
Phänomen, das aus der heutigen Perspektive diese Zeit prägt. Und
dabei ist mir folgendes aufgefallen:

Da wird eine neue Kanzel und eine neue Orgel angeschafft. Für die
damalige Gemeinde sicher eine große finanzielle Herausforderung und
auch eine deutliche Veränderung ihrer Kirche. Wahrscheinlich hat man
sich damals gesagt: Jetzt haben wir was geschafft, etwas Neues und
Schönes ... und das wird sicher ewig halten.
Und der Blick in die Geschichte verrät uns: Zum Jahr 1765 ist das alles
wieder weggekommen, als man den jetzigen Altar von Johann Auwera
eingebaut hat.
- Nichts wars mit dem Bauen für die Ewigkeit.

Oder die Glocke, die mit großem Aufwand neu gegossen wurde. Die alte
Kapelle wurde dazu extra umgebaut, damit der Brennofen darin Platz
hatte. Und fast wäre sie wegen der Hitze beim Glockenguss abgebrannt.
Eine riesige Aktion unter Beiligung vieler Menschen aus dem Dorf.
Und dann muss man 10 Jahre später feststellen, dass diese Glocke kein
ewiges Meisterwerk war, sondern schon wieder in Trümmern lag.
Einfach kaputt gegangen.

Unsere Kirchengemeinde, ihr Planen und Handeln ist genauso vorläufig
und vergänglich wie jedes menschliche Tun. Was wir damals wie heute
planen, bauen, verändern, finanzieren oder abreißen hat seine Zeit, für
die es gilt und auch seine Zeit, in der es hinfällig uns bedeutungslos
wird.

Darüber könnte man verzweifeln:
Nicht mal in der Kirche haben die Dinge Bestand! Auch das, was man in
der Kirche macht, geht über kurz oder lang den Bach runter.

Aber man kann es auch positiv sehen:
Viele Entwicklungen in unserer Kirche haben ihre Zeit des Werdens und
ihre Zeit des Vergehens.
~ Ein neues Gesangbuch wird mit Begeisterung angenommen und wir
freuen uns. Und irgendwann wird es auch wieder veraltet sein und kann
ersetzt werden.

~ Ein neuer Pfarrer kommt, da freut man sich. Und nach ein paar Jahren
geht er wieder. Vielleicht lässt man ihn mit Wehmut gehen, oder man ist
auch froh, weil man in den letzten Jahren nicht mehr so viel
Engagement gespürt hat, wie am Anfang.

~      Liturgische     Modeerscheinungen:      Familiengottesdienste,
Taizee-Andachten, politische Formen oder die wiederentdeckte
Deutsche Messe werden in den Kirchenmauern gefeiert, können für
Furore, Freude oder Streit sorgen.
Aber irgendwann werden sie ihren Reiz und ihre Kraft wieder verlieren,
und man wird nach neuen Wegen suchen, Gottesdienst würdig und
angemessen zu feiern.

~ Und ich hoffe: Nicht nur gute Ideen werden diesen Gang gehen. Auch
viele Fehlentwicklungen, manche theologische Kuriosität in unserer
Kirche wird wieder zu Staub zerfallen. Vielleicht nicht zum meinen
Lebzeiten, aber irgendwann dann doch...

Wir Menschen leben eben mit allem, was wir tun „in der Zeit“. Dem
können wir nicht einfach entfliehen.
So wie der Altar hier vorne jeden Morgen einen Tag seinem
Ersetzt-werden näher rückt, wo schreiten wir täglich unserem Ende
näher. Das ist die ganz einfache Logik unserer Zeit, und wir werden sie
nicht aufhalten können.

Oder doch?
Das Evangelium, das wir vorhin gehört haben, steht geschrieben: (Joh
5,24) Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat
das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom
Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Dieses Wort klingt rätselhaft. Jesus sagt: Wer auf ihn hört und auf Gott
vertraut, der ist in diesem Moment vom Tod zum Leben
hindurchgedrungen.

Vielleicht hilft ihnen das Bild eines Zuges, der unaufhaltsam auf seine
Endstation Namens „Tod“ zufährt. Da sitzen wir alle drin. Wir Menschen
und auch unser kirchliches Handeln. Der Zug fährt, und wir werden das
nicht ändern können. (Anders als in der Anekdote von der Zugreise nach
Italien, die wir gestern in der Kirchweihpredigt der Landjugend gehört
haben, gibt es da keine Notbremse.)

Aber es gibt da den letzten Wagon - das ist ein Kurswagen, der
weiterfährt. Der an der Endstation an eine andere Lokomotive
angehängt wird.
„Vom Tod ins Leben hindurchdringen“ heißt: Rechtzeitig umzusteigen in
den Kurswagen.
Die Strecke bis zur Endstation ist die gleiche. Aber nur in diesem Wagon
wird es danach für mich weitergehen.

Ich möchte behaupten: Irgendwie ist in diesem Wagon ein anderes
Klima. Da sitzen viele Menschen, die nicht die ganze Zeit auf die Uhr
sehen, weil sich fragen: „Ist es schon soweit ... kommt bald die
Endstation?“
Sie bleiben gelassener. Ihnen ist bewusst. An der Endstation wirds
schon kurz ordentlich ruckeln. Aber ich brauche mich nicht schon lange
vorher Sorgen machen ... ich weiß ja, dass es weiter geht. Dass ich
nicht hinfällig werde wie eine zerbröselnde Glocke oder ein veraltetes
Gesangbuch.

Wer Gott vertraut, wer im Kurswagen zur Ewigkeit sitzt, der kann den
Zug der Zeit gelassener zusehen. Der weiß dass alles, was wir in der
Geschichte unsrer Kirche tun, in den vorderen Abteilen des Zuges
passiert. Ein zur Vergänglichkeit gehörendes Handeln, das aber in
einem Punkt aber darüber hinaus reicht:
Indem wir nämlich Menschen einladen, in den letzten Wagen zum
ewigen Leben einzusteigen.
Amen

						
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