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SWR2 Wissen - Manuskriptdienst


Zwischen Protest und Pragmatismus
Zehn Jahre Attac


Autorin: Ruth Jung
Redaktion: Jürgen von Esenwein
Regie: Tobias Krebs
Sendung: Freitag, 25. Januar 2008, 8.30 Uhr, SWR 2
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Besetzung:
Sprecherin
Übersetzerin (franz. overvoice)
Zitatorin
Zitator
Ansager




Susan George, Paris, November 2007 (französisch)

Übersetzerin:
Eine Bewegung wie Attac lag einfach in der Luft. Unsere Broschüren und
Publikationen gehen [heute] an viele Gleichgesinnte in aller Welt. Inzwischen gibt es
Attac-Gruppen in Japan, Latein-Amerika und selbst in Australien. Wie sagt man doch
auf Englisch: eine Idee, deren Zeit gekommen war.

Musik: Manu Chao.

Ansager:
„Zwischen Protest und Pragmatismus - Zehn Jahre Attac“, eine Sendung von Ruth
Jung.

Sprecherin:
Attac-Aktivisten werden in den Medien häufig Globalisierungsgegner genannt.
Darüber kann sich Sven Giegold, bis Ende 2007 ein Sprecher des Attac-
Koordinierungskreises, der die politischen Beschlüsse der Organisation nach außen
vertritt, noch immer aufregen:

Sven Giegold:
Globalisierungsgegner wird ganz klar denunziatorisch verwendet. Wer neutral
berichtet oder eben sympathisierend, benutzt den Begriff Globalisierungskritiker. Im
französischen Sprachraum hat sich das total verändert, das antimondialiste ist im
Grunde verschwunden und es wird jetzt von altermondialisme gesprochen und dieser
Begriff ist herrlich, weil er eben genau sagt, eine andere Welt, darum geht es Attac,
eine andere Globalisierung. Es geht nicht darum, dagegen zu sein. Aus meiner Sicht
kann man nicht dagegen sein, dass die Menschheit zusammenwächst. Man kann
aber dagegen sein, dass sie es unter neoliberalen Regeln tut, und darum geht es.

Sprecherin:
Mondialisation ist das französische Wort für Globalisierung. Sven Giegold ist
Mitbegründer von Attac-Deutschland. Der 39-Jährige studierte Ökonomie und
engagiert sich in der Umweltbewegung. Anfangs war das zentrale Attac-Büro im
Öko-Zentrum in Verden an der Aller untergebracht, wo Giegold arbeitete. 2003
wurde es wegen der zentralen Lage nach Frankfurt am Main verlegt, in ein
Mietshaus im Frankfurter Bahnhofsviertel. Dort arbeitet Frauke Distelrath,
Pressesprecherin von Attac-Deutschland.
Frauke Distelrath:
Ich habe die schöne Nachricht, dass wir in den vergangenen Tagen unser 19.000.
Mitglied begrüßen konnten. Wir haben dieses Jahr ein sehr gutes Jahr gehabt für
Attac, und vor allem natürlich im Zusammenhang mit den G8-Protesten einen ganz
enormen Anstieg an Interesse an Attac, das sich auch niederschlägt in einer sehr
starken Erhöhung der Mitgliederzahlen, aber auch in den Medien hat sich das
niedergeschlagen.

Sprecherin:
Auf der Tagesordnung des G8-Gipfeltreffens im Juni 2007 in Heiligendamm standen
auch Klimaschutz und Entwicklungshilfe, besonders für Afrika. Beim Treffen der
Staatschefs der mächtigsten Industrienationen der Welt stellte Gastgeberland
Deutschland einen neuen Rekord auf, was die Sicherheitsmaßnahmen anging: Ein
mehrere Meter hoher Zaun und eine Bannmeile von zehn Kilometern sollten
Demonstranten fernhalten und für den Ausschluss der Öffentlichkeit sorgen.

Musik: Manu Chao, darüber:

Zitator:
„Wir wollen, dass in Heiligendamm eine starke Protestbewegung sichtbar wird.
Daher: Dabei sein ist zwar alles, doch Mitmachen macht noch mehr her. Lasst Euch
ermutigen und plant Eure eigenen Aktionen! Der Club der Mächtigen und seine
neoliberalen Zumutungen gehen uns alle an! Und die Protestbewegung hat gelernt:
Gemeinsam sind wir stärker!“ -

Sprecherin:
- hieß es im Internetaufruf von Attac-Deutschland. Abgebildet ist das berühmte
Gemälde von Eugène Delacroix von 1830: Die Freiheit führt das Volk. Aber statt der
Trikolore schwenkt die Freiheitsfigur eine bunte Fahne mit dem Aufdruck
„Gegenwind und Resistance G8“, denn aus der Sicht von Attac steht die Politik der
G8-Staaten auch:

Zitator:
„für Kriege, Umweltzerstörung und die Vergrößerung der sozialen Ungleichheit,
sowohl innerhalb der Staaten als auch zwischen Nord und Süd. In klaren Worten,
hier treffen sich weltfremde und elitäre Leute die, oftmals gegen jede Sachkenntnis,
sich anmaßen, Entscheidungen zu treffen, die einen großen Teil der Welt
beeinflussen. Die Entscheidungen, die sie treffen, sind ausschließlich auf den
persönlichen Machterhalt und die Bereicherung der Wirtschafts- und Finanzeliten
ausgerichtet. Wir sind der Überzeugung, dass eine andere Welt nicht nur möglich,
sondern auch nötig ist.“

Sprecherin:
„Un autre monde est possible. - Eine andere Welt ist möglich.“ Der optimistische
Slogan der französischen Attac-Gründer verbreitete sich rasch in aller Welt. Wie sie
aussehen soll, diese andere Welt, und welche Alternativen zu entwickeln sind,
darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander. Zunächst einmal versteht sich
Attac als Sammelbewegung und Netzwerk, erklärt Frauke Distelrath.

Frauke Distelrath:
Wir haben Mitgliedsorganisationen, das ist das Netzwerk, weit über hundert
Mitgliedsorganisationen, das Spektrum reicht von Ver.di über kleine linke
aktivistische Gruppen bis hin zu Eine-Welt-Initiativen, christlichen Gruppen, Pax
Christi, der Reformierte Bund, also es ist ein ganz breites Spektrum. Es sind
Umweltverbände, BUND ist Mitglied, und wir haben Einzelmitglieder, die sich vor
allem in Ortsgruppen engagieren und zusammenfinden und dann vor Ort aktiv sind in
Kampagnen, zum Beispiel gegen die Bahnprivatisierung in jüngster Zeit sehr stark.

Sprecherin:
Attac ist parteipolitisch neutral. Über den Beitritt von Heiner Geißler im Mai 2007
habe man sich zwar sehr gefreut, sagt Frauke Distelrath, aber das ändere nichts an
der parteipolitischen Unabhängigkeit. Der prominente CDU-Politiker hatte im
Frühjahr 2007 in einer Talkshow erklärt, dass er Attac-Mitglied werde. Jesus, würde
er heute leben, wäre als Sozialrebell sicher ebenfalls Attac-Mitglied, hatte Geißler
verlauten lassen.

Musik: Manu Chao

Atmo: Susan George beim Journée d’Attac

Sprecherin:
Ein Attac-Informationstag in Paris. Auf dem Podium Susan George. Die 73-jährige
gebürtige Amerikanerin mit französischem Pass ist Mitbegründerin von Attac und war
bis 2006 Vize-Präsidentin von Attac-Frankreich. Sie ist eine bekannte
Globalisierungskritikerin, war im Vorstand von Greenpace und als Beraterin von
Nicht-Regierungsorganisationen im Umwelt- und Entwicklungshilfebereich tätig. In
ihren Büchern kritisiert Susan George seit langem die neoliberale Politik der
Weltbank und des Internationalen Währungsfonds IWF.

Susan George (französisch)

Übersetzerin:
Das Vorwort von Ignacio Ramonet in der französischen Zeitung Le Monde
diplomatique im Dezember 1997, löste ein riesiges Echo aus. Hunderte von
Leserbriefen gingen daraufhin bei der Redaktion ein. Die konnte man nicht
unbeantwortet lassen; die Herausgeber wandten sich an bestimmte Personen des
öffentlichen Lebens, zu denen auch ich gehörte, sowie an verschiedene Initiativen
und Organisationen. Wir trafen uns mehrere Male und waren uns schließlich einig,
eine Organisation zu gründen, deren Idee es war, die über alle Grenzen hinweg frei
zirkulierenden Kapitalströme mit einer Steuer zu belegen.

Sprecherin:
Die hieß: Association pour une taxation des transactions financières pour l’aide aux
citoyens, auf deutsch: Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen.
Aus den Anfangsbuchstaben des sperrigen französischen Namen wurde das griffige
Kürzel Attrac. Die Einführung einer Steuer auf Finanztransaktionen, bekannt
geworden unter dem Namen Tobin-Steuer, ist eine zentrale Forderung der
Organisation. Offiziell mit Statuten und einer Satzung wurde Attac am dritten Juni
1998 in Paris ins Leben gerufen.

Zitator:
„Will man verhindern, dass sich die Welt im 21. Jahrhundert endgültig in einen
Dschungel verwandelt, in dem Räuber den Ton angeben, dann wird die Entwaffnung
der Finanzmärkte zur ersten Bürgerpflicht,“

Sprecherin:
- hatte Ignacio Ramonet geschrieben und damit offensichtlich vielen Franzosen aus
der Seele gesprochen. Susan George:

Susan George (französisch)

Übersetzerin:
Sehr schnell gründeten sich an vielen Orten lokale Attac-Gruppen, was niemand
vorausgesehen hatte. Wir dachten, es bliebe bei einem Netzwerk, einer Art
Föderation. Aber es war wohl ein günstiger Zeitpunkt, ein historischer Moment
sozusagen. Die Leute wollten mitmachen und waren bereit, etwas zu tun. In der
französischen Provinz reagierten die Menschen massenhaft. Innerhalb kürzester Zeit
entstanden 200 lokale Komitees. Der Höhepunkt war dann 2002 erreicht, als Attac
30.000 Mitglieder in Frankreich zählte.

Sprecherin:
Susan George, der Musiker Manu Chao, von dem auch die Musik in dieser Sendung
ist, José Bové und seine alternative Bauerngewerkschaft Confédération paysanne,
Intellektuelle, Arbeitsloseninitiativen, Gewerkschafter, sie alle gehören zum
Gründungskreis von Attac-Frankreich. Ein breites Spektrum oppositioneller Kräfte,
das sich zu einer neuartigen Bewegung zusammengeschlossen hat. Die Mitglieder
wollten Sand im Getriebe sein und neoliberaler Politik Widerstand entgegensetzen,
die den Sozialstaat demontiert und die Bürger dem eisigen Wind des Marktes
aussetzt. In Deutschland hingegen verlief die Gründungsgeschichte anders als in
Frankreich, berichtet Sven Giegold:

Sven Giegold:
Attac wurde im Jahr 2000 gegründet und gar nicht auf einem großen Kongress in
Deutschland, sondern von etwa 100 Personen. Attac war über ein gutes Jahr eine
kleine Geschichte, es wuchs und wuchs langsam, und dann wurden wir plötzlich
übermannt, kann man sagen, von den Ereignissen von Genua, was einen richtigen
Attac-Hype ausgelöst hat, nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern, und
das führte dann zu dem großen Kongress, der von vielen als die eigentliche
Gründung wahrgenommen wurde, 2001, wo dann zwischen 2000 und 3000 Leute
zusammen dort waren.

Sprecherin:
Während der Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Genua im Juli 2001 wurde
ein junger Mann von der Polizei erschossen. Viele Attac-Aktivisten hatten schwere
Übergriffe der Polizei erlebt. Der Kongress der Organisation im Oktober 2001 in
Berlin stand ganz im Zeichen dieser Ereignisse.

Atmo: Attac-Kongress Berlin, Rede Bernard Cassen.

Sprecherin:
Bernard Cassen, der französische Mitbegründer von Attac und Chefredakteur der
Zeitung Le Monde diplomatique begrüßt die deutschen Freunde von Attac. Dass sich
Attac in so kurzer Zeit zu einer internationalen Bewegung entwickelt habe, sagte
Bernard Cassen, sei ein ermutigendes Zeichen für den weltweit wachsenden
Widerstand gegen eine nur an ökonomischen Interessen ausgerichteten
Globalisierung.

Sven Giegold:
Am Anfang war Attac eigentlich ein Zusammenhalt, Netzwerk von national
eigenständig handelnden Attacs. Heute sind wir in der Lage, gemeinsam
international Positionen und Kampagnen zu beschließen und die auch international
durchzuführen. Das waren wir vorher nicht. Wir sind gerade in Europa zu einer ganz
wichtigen Kraft geworden, die die Debatte um soziale, ökologische Rechte in Europa
und Regulierungen auch real gemeinsam treiben kann (…) Ganz anders sieht es in
Latein-Amerika aus, da gibt es auch sehr viele Attacs, dort hat sich ganz viel
verändert, unter der Dynamik der globalisierungskritischen Bewegung wurden in
verschiedenen Ländern Lateinamerikas linke Regierungen gewählt mit sehr
verschiedenen Programmen, aber alle mit einer ganz klaren Abgrenzung zum
Neoliberalismus. Wir sind in einer ganz aufregenden Zeit, nämlich wo die Welt darum
kämpft, wie die Globalisierung letztlich ausgestaltet wird, und Attac ist da mitten drin.

Sprecherin:
Die seit 2001 jährlich stattfindenden Weltsozialforen belegen eindrucksvoll die
Internationalisierung der Widerstandsbewegung Attac. Parallel zum Gipfeltreffen von
Führungskräften aus Wirtschaft und Politik in Davos treffen sich Ende Januar an
wechselnden Orten Globalisierungskritiker aus aller Welt, um gemeinsam über
Alternativen und Gegenentwürfe zur neoliberalen Politik und Wirtschaft
nachzudenken.

Musik: Manu Chao

Sprecherin:
Mit den vermeintlichen Sachzwängen der Globalisierung begründen Politiker seit
Jahren sogenannte „Reformen“ – die im Kern lediglich den Sozialstaat abbauen.
Information, Aufklärung, Sachkenntnis hingegen sind Attac-Stichworte. Jeder kann
sich informieren und sachkundig machen. Éducation populaire nennen es die
französischen Erfinder, auf Deutsch heißt das Volksbildung. Diane Adam, eine junge
Pariser Attac-Aktivistin der ersten Stunde, hat es so formuliert:

Zitatorin:
„Education populaire, das heißt ganz einfach, dass man sich das Denken und die
Phantasie wieder aneignet. Denn beides hat man ja mit einigem Erfolg versucht, uns
auszutreiben. Jeder ist fähig zu verstehen, was sich im ökonomischen Bereich
eigentlich abspielt.“

Sprecherin:
Eine Strategie, die sich bewährt habe – davon ist Christoph Butterwegge überzeugt.
Er ist Professor für Sozialwissenschaften und Armutsforscher in Köln und Mitglied
des Wissenschaftlichen Beirats von Attac.

Christoph Butterwegge:
Auf der einen Seite gibt es eine neoliberale Hegemonie, also eine
Meinungsführerschaft des Marktradikalismus in der deutschen Öffentlichkeit. Auf der
anderen Seite befindet sich der Neoliberalismus auch in einer Legitimationskrise. So
einfach wie das zur Zeit von Hartz IV, zur Zeit der Riester-Rente, also der
Teilprivatisierung der Altersvorsorge zu Beginn dieses Jahrtausends geklappt hat, so
einfach und widerspruchslos nehmen die Menschen das nicht mehr hin. Auch der
Versuch, das Gerechtigkeitsempfinden zu deformieren auf eine andere Art und
Weise, vor allem unter Bezug auf Leistungsgerechtigkeit, das traditionelle
Verständnis von Gerechtigkeit in der Gesellschaft, nämlich, dass Menschen
Bedarfsgerechtigkeit brauchen, wenn sie etwas benötigen, muss ihnen der
Sozialstaat Unterstützung gewähren; dieser Versuch, das Gerechtigkeitsempfinden
völlig außer Kraft zu setzen, ist misslungen.

Sprecherin:
Einen Wissenschaftlichen Beirat nach französischem Vorbild gibt es seit 2001. Er hat
die Aufgabe, Attac-Themen wie die Zukunft der Rentensysteme, das Menschenrecht
auf Subsistenzsicherung, auf Existentsicherung, und Gemeineigentum, den
verheerenden Zugriff auf Allgemeingüter durch die Privatisierung sowie die
Verrechtlichung dieser Privatisierung durch eine EU-Verfassung inhaltlich zu
begleiten.

Christoph Butterwegge:
Neoliberalismus ist entstanden als eine Wirtschaftstheorie, als Reaktion auf die
keynesianischen Versuche der Staatsintervention in und nach der
Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Aber aus dieser Wirtschaftstheorie ist dann
später eine Sozialphilosophie, eine Ideologie geworden; ich würde sogar sagen eine
politische Zivilreligion, die alle Poren der Gesellschaft durchdringt.

Sprecherin:
“There is no alternative. Es gibt keine Alternative“. Die britische Premierministerin
Margaret Thatcher prägte Ende der 1980er Jahre diese Formel. Als wäre Geschichte
nicht von Menschen gemacht, kritisiert Butterwegge:

Christoph Butterwegge:
Die Globalisierung ist das Resultat eines neoliberalen Konzepts, in dieser
neoliberalen Ideologie spielt dieser Prozess der Globalisierung eine Schlüsselrolle.
Aber Globalisierung fällt natürlich anders als man es dort versucht zu vermittelt nicht
vom Himmel, ist keine naturwüchsige Erscheinung, erst recht keine
Naturkatastrophe, die die hochentwickelten Industriestaaten wie die Bundesrepublik
zwingt, ihre Sozialstandards, ihre Reallöhne, ihre Umweltstandards zu senken,
sondern umgekehrt, das neoliberale Konzept versucht, die Welt so neu zu ordnen,
dass man unter Rückgriff auf die Globalisierung glaubt, das rechtfertigen zu können
und als einen Sachzwang darstellt.

Musik: Manu Chao

Sprecherin:
Am 16. Oktober 2007 gibt Attac eine Pressemeldung heraus, in der der
Wissenschaftliche Beirat der Organisation seine Ablehnung des EU-Reformvertrages
begründet, denn:

Zitator:
... nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler [handelt es sich] im
Wesentlichen um den Verfassungsvertrag, der 2005 von der Bevölkerung
Frankreichs und der Niederlande per Referendum abgelehnt worden war. Um dieses
Vertragswerk dennoch durchzubringen, [sind] die Staats- und Regierungschefs auf
einen Trick verfallen: „Nach zweijähriger Denkpause entschloss man sich, lediglich
den Namen zu ändern - an der demokratiefeindlichen, neoliberalen und
militaristischen Substanz wird jedoch festgehalten“, sagt der Ökonomieprofessor
Jörg Huffschmid. Wirtschafts- und gesellschaftspolitisch wird die Europäische Union
weiterhin auf eine neoliberale Ausrichtung festgelegt.

Sprecherin:
Deshalb forderte Attac im Vorfeld des Treffens von Lissabon die Staats- und
Regierungschefs der 27 EU-Mitgliedsstaaten auf, den EU-Reformvertrag in Lissabon
nicht zu unterzeichnen. Das französische Nein zum ursprünglichen EU-
Verfassungsvertrag im Mai 2005 war auch Ergebnis der Attac-
Aufklärungskampagne, aber es war kein Nein zu Europa, stellt Susan George klar:

Susan George (französisch)

Übersetzerin:
Attac spielte eine herausragende Rolle im Kampf gegen die Europäische
Verfassung. Man muss erlebt haben, mit welcher Energie die lokalen Gruppen
gearbeitet und ihr Bestes gegeben haben. Sie waren es, die diesen Kampf
gewonnen haben, indem sie überall in Frankreich Informationsveranstaltungen
organisierten, vor Ort waren und mit Flugblättern und Informationsbroschüren die
Bevölkerung aufklärten. Im Ausland wurde das Nein missverstanden und als anti-
europäisch ausgelegt; für eine kleine Minderheit der Wähler mag das zutreffen,
insgesamt trifft es keineswegs zu. Selbst unsere ärgsten Feinde anerkennen, dass
dieses Nein kein Nein zu Europa war, sondern ein Nein zu einem neoliberalen
Europa. Wir wollen dieses neoliberale Europa nicht, das mit seiner nur auf
wirtschaftliche Interessen ausgerichteten Politik mittels dieser in Marmor gehauenen
Verfassung uns für eine Ewigkeit aufgezwungen worden wäre.
Sprecherin:
Unterstützt wurden die französischen Attac-Aktivisten von vielen anderen
europäischen Attac-Gruppen. Denn gerade die Kampagne gegen die EU-Verfassung
sei ein Beispiel für die funktionierende Zusammenarbeit auf europäischer Ebene,
berichtet Sven Giegold:

Sven Giegold:
Ich habe zu der Zeit auch in Frankreich gelebt. Wir haben als Attac von allen
möglichen Ländern aus Referentinnen und Aktivisten nach Frankreich geschickt. Das
war nicht einfach eine französische Attac-Kampagne, sondern in ganz vielen Städten
waren Attac-Leute aus anderen Ländern dabei, und wir Deutschen haben natürlich
gesagt, ihr stimmt auch für uns ab, wir dürfen nämlich nicht. Das war eine ganz
wichtige Hilfe für die Gruppen, innerhalb Frankreichs wurde ja auch immer versucht,
dieses Nein als so eine französische Borniertheit darzustellen. Tatsache ist, dass sie
damit sehr vielen Europäern und Europäerinnen aus dem Herzen gesprochen haben,
weil wir ja nämlich nie gefragt wurden, welches Europa wir wollen. Ganz klar ist, ein
Europa ohne soziale Rechte, Europa ohne starke Demokratie ist kein Europa, was
man teilen kann. Ein Europa, was wir wollen, hat eine sozial-ökologische Perspektive
mit demokratischen Institutionen. Das haben wir aber heute nicht und deshalb war
dieses Nein eben ein Nein, das von den Attac-Gruppen insgesamt getragen wurde.

Sprecherin:
Trotz der Kritik und des Protests des Wissenschaftlichen Beirats von Attac ist der
Reformvertrag in Lissabon inzwischen unterzeichnet worden. Die europäischen
Regierungen und Wirtschaftsführer haben sich entschieden, die im Wesentlichen
identischen Aussagen des EU-Verfassungsvertrags unter einem neuen Namen zu
beschließen - und das ohne Diskussion in der Öffentlichkeit. Attac hat darauf
geantwortet und erinnert an die Forderung eines sozialen Europas. Überall in
Europa, auch in Deutschland, werden die Abstände zwischen arm und reich immer
größer, erklärt Armutsforscher Christoph Butterwegge:

Christoph Butterwegge:
Die soziale Scheidelinie in unserem Land verläuft eben nicht zwischen jung und alt,
wie man versucht, über den demografischen Wandel zu suggerieren und den
Menschen einzureden, sondern immer noch, ja mehr denn je, zwischen arm und
reich und zwar in jeder Generation. Es gibt in der Tat sehr viele arme Kinder vor allen
Dingen und Jugendliche, die gegenwärtig die Hauptbetroffenen von Armut sind, aber
gleichzeitig gab es auch noch nie so viele reiche Kinder. Es ist kein Gegensatz
zwischen den Generationen, sondern auch im Alter ist das so: Da sind die beiden
Multimilliardäre Karl und Theo Albrecht, Eigentümer der Aldiketten Nord und Süd, 85
Jahre alt, mit einem Privatvermögen von 37,5 Milliarden Euro. Und auf der anderen
Seite gibt es viele viele hunderttausend vor allen Dingen ältere Frauen, die mit
Minirenten von 460, 480, 520 Euro auskommen müssen. Auch da ist natürlich die
Spaltung innerhalb der jeweiligen Generation vorhanden und deshalb denke ich,
dass man ablenkt von neoliberaler Seite von den eigentlichen Problemen, nämlich
der Ungleichverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, indem man so tut, als
spiele sich das Problem zwischen den Generationen ab, und dazu dient die große
Erzählung dieses demografischen Wandels.
Musik: Manu Chao

Sprecherin:
Im Mai 2007 wählten die Franzosen ein neues Staatsoberhaupt. Mit Nicolas Sarkozy
habe ein Präsident die Regierungsgeschäfte übernommen, der die neoliberale Politik
mit Volldampf vorantreibt und Attac vor neue Herausforderungen stellen wird, meint
Aurélie Trouvé. Die 28-Jährige ist Dozentin für Agrarwissenschaften und seit Anfang
2007 Co-Präsidentin von Attac-Frankreich. Sie arbeitet in Montreuil, einem Vorort im
Osten von Paris, in dem sich das Büro von Attac-Frankreich befindet.

Aurélie Trouvé (französisch)

Übersetzerin:
Im Mai 2005 hat Attac einen großen Sieg davon getragen im Kampf gegen die
europäische Verfassung, Attac war die Haupttriebfeder im Widerstand für ein
anderes Europa. Mit dem Auftreten einer konservativen Rechten, die es dann 2007
sogar bis in die Regierung geschafft hat, wurde die Lage schwierig, nicht nur für
Attac, sondern allgemein für die sozialen Bewegungen. Zugleich aber gab es interne
Konflikte, die uns Kopfzerbrechen bereiteten und die uns in eine schwere Krise
stürzten, die wir aber öffentlich austragen und gemeinsam bereinigen wollen.

Sprecherin:
Aurélie Trouvé ist eine mutige junge Frau. Bei einer Mitgliederversammlung nahm sie
das Mikrophon und appellierte an die Menschen im Saal, die Bewegung zu retten.
Denn im Sommer 2005 war Attac-Frankreich in eine schwere Krise geraten,
nachdem sich die internen Machtkämpfe um den Vorsitz ausgeweitet hatten und
sogar der Vorwurf der Veruntreuung von Spendengeldern erhoben worden war.
Innerhalb kurzer Zeit gingen die Mitgliederzahlen um die Hälfte zurück. Anders als
bei Attac-Deutschland gibt es in Frankreich ein zentrales Direktorium. Neu hingegen
ist die Co-Präsidentschaft: Aurélie Trouvé wurde 2007 in diese Position gewählt. Sie
teilt sie sich mit dem 64-jährigen Wirtschaftswissenschaftler Jean-Marie Harribey.

Aurélie Trouvé (französisch)

Übersetzerin:
Wir haben die Karten auf den Tisch gelegt und deutlich gesagt, was vorging; ebenso,
dass es notwendig geworden war, die Strukturen zu verändern, um solche
Machtkämpfe in Zukunft zu verhindern. Im Unterschied zu anderen Organisationen,
die ähnliche Vorgänge vertuschen, sind wir offen damit umgegangen. Attac ist
schließlich eine Organisation von und für Menschen. Seit Anfang 2007 haben wir
eine neue Direktion und nun arbeiten wir daran, Attac wieder in Schwung zu bringen.

Sprecherin:
Erste Ergebnisse gibt es schon: Die Sommer-Universität 2007 in Frankreich war mit
800 Teilnehmern ein voller Erfolg. Das waren so viele Teilnehmer wie in den
Anfangsjahren, freut sich Aurélie Trouvé. Auch Susan George ist zuversichtlich:
Susan George (französisch)

Übersetzerin:
Attac als Bewegung hat sicher eine Zukunft, nicht zuletzt deshalb, weil die Parteien
versagen. In Frankreich hat die PS, die sozialistische Partei, nun völlig versagt,
nachdem sie sich für die Ratifizierung des EU-Vertrags in Lissabon und gegen ein
neues Referendum ausgesprochen hat. Das heißt, die sozialistische Partei misstraut
den französischen Bürgern. Eine Organisation wie Attac hätte gerade jetzt ein
enormes Feld zu bearbeiten, es fragt sich nur, ob wir das kräftemäßig auch schaffen
werden.

Sprecherin:
Den zehnten Geburtstag im Sommer 2008 jedenfalls wird Attac-Frankreich mit
Aktivisten aus der ganzen Welt groß feiern. Ein weiterer Höhepunkt wird die
Europäische Sommeruniversität 2008, die im August in Saarbrücken stattfinden soll.
Attac, resümiert Christoph Butterwegge, ist unentbehrlich:

Christoph Butterwegge:
Für mich ist Attac nicht nur das Gegenstück zu der neoliberalen Form von
Globalisierung, wie wir sie erleben, sondern auch die Frontalopposition zu
neoliberalem Gedankengut. Und wenn mehr Menschen kritisch nachdenken, ob eine
Entwicklung mehr privat, mehr Markt und weniger Staat richtig ist, etwa bei der Bahn-
Privatisierung, die Verschleuderung von Volksvermögen, wenn das so viele
Menschen bewegt und ganz offensichtlich auch die große Mehrheit der Bevölkerung
inzwischen gegen eine solche Privatisierung ist, dann hat natürlich Attac ganz
wesentlich dazu beigetragen in den letzten Jahren.

Musik: Manu Chao.

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