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Schrei-Babys

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“Was sind Schrei-Babys” Exzessives Schreien im S�uglingsalter Als Exzessives Schreien im S�uglingsalter wird das Verhalten eines S�uglings bezeichnet, der an unstillbaren, dauerhaften Schrei- und Unruheattacken leidet Umgangssprachlich werden die betroffenen S�uglinge Schreibabys genannt.

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									Exzessives Schreien im Säuglingsalter
Als Exzessives Schreien im Säuglingsalter wird das Verhalten eines
Säuglings bezeichnet, der an unstillbaren, dauerhaften Schrei- und
Unruheattacken leidet.1 Umgangssprachlich werden die betroffenen
Säuglinge Schreibabys genannt. Exzessives Schreien im Säuglingsalter ist
häufig: etwa 16 bis 29 Prozent aller Säuglinge sind in den ersten drei
Lebensmonaten betroffen. Bei etwa acht Prozent besteht das Verhalten über
den dritten Monat hinaus.23 Das beschriebene Störungsbild beginnt meist um
die zweite Lebenswoche und bildet sich in der überwiegenden Mehrzahl der
Fälle nach drei bis vier Monaten zurück. Aufgrund des zeitlichen Auftretens
und der unbewiesenen Vermutung, dass eine Kolik Ursache der Beschwerden
des Säuglings sein könnte, wird das Störungsbild als Dreimonatskolik
bezeichnet. Hinsichtlich der Ursache des exzessiven Schreiens bestehen
mehrere Vermutungen, von denen keine allgemein akzeptiert ist. Zur
Diagnostik gehört neben dem Ausschluss anderer Erkrankungen auch das
Erfassen von psychosozialen Belastungsfaktoren, die in den Familien von
Schreibabys häufig anzutreffen sind.4 Die therapeutisch wichtigsten
Maßnahmen bestehen in der Aufklärung der Eltern sowie der Anleitung zu
einer verständnisvollen Eltern-Kind-Interaktion. In der deutschen Kinder- und
Jugendpsychiatrie bildet exzessives Schreien neben Schlaf- und
Fütterstörungen ein Syndrom, das in den sogenannten Regulationsstörungen
im Säuglingsalter erfasst wird.5




1Dt.Ges.f. Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie u. a. (Hrsg.): Leitlinien zur
Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter.
Deutscher Ärzte Verlag, 3. überarbeitete Auflage 2007, ISBN 978-3-7691-0492-9, S. 357–378.
2St James-Roberts I, Halil T. (1991): Infant crying patterns in the first year: normal
community and clinical findings. In: J Child Psychol Psychiatry. 32(6):951-68.
3L. Lehtonen, T. Korhonen, H. Korvenranta (1994): Temperament and sleeping pattern in
infantile colic during the first year of life. In: J Dev Behav Pediatr
4Ziegler, M., Wollwerth de Chuquisengo, R., & Papoušek, M. (2004): Exzessives Schreien im
Säuglingsalter. In: M. Papoušek, M. Schieche, & H. Wurmser (Hrsg.): Regulationsstörungen
der frühen Kindheit. Frühe Risiken und Hilfen im Entwicklungskontext der Eltern-Kind-
Beziehungen (S. 111–143). Bern: Huber
5
Definition und Klassifikation
Schreien ist Teil des normalen Verhaltensrepertoires eines Säuglings. Durch
Schreien signalisiert der Säugling zum Beispiel, dass er Hunger oder
Schmerzen hat, ihm unwohl ist, oder er Zuwendung braucht. Exzessives
Schreien liegt nach der am häufigsten verwendeten Definition dann vor, wenn
die sogenannte „Dreierregel“ („rule of threes“) erfüllt ist. Diese besagt, dass
das Schreien über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen an mindestens
drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden pro Tag auftritt. Neben der
Dreierregel wird insbesondere die Unstillbarkeit der Schreiattacken als
charakteristisches Merkmal betont. Die subjektiv erlebte Belastung der
Säuglinge und Eltern spielt für die Beurteilung der Schwere der
Beeinträchtigung („Krankheitswert“) eine wichtige Rolle. Unter anderem
hiervon wird das Ausmaß der therapeutischen Bemühungen abhängig
gemacht.67
Die Dreierregel wurde 1954 von Morris Wessel formuliert und später nach
ihm benannt („Wessel-criteria“). Obwohl sie die am häufigsten verwendete
Definition exzessiven Schreiens ist, wurden in zahlreichen Untersuchungen
Variationen dieser Definition verwendet, so dass verschiedene Studien zu
unterschiedlichen Aussagen über Häufigkeit und Vorkommen exzessiven
Schreiens kommen. Auch die Interpretation von Studien, die die Ursachen des
Verhaltens sowie die Effektivität von Behandlungsmaßnahmen untersuchen,
wird durch unterschiedliche Definitionen, die den jeweiligen Studien zu
Grunde lagen, erschwert.8
Ronald Illingworth untersuchte 1954 in einer der frühesten Studien, die sich
mit exzessivem Schreien befassten, 50 Säuglinge, die an rhythmisch
auftretenden, unstillbaren Schreiattacken ohne erkennbare Ursache litten. Da
die Schreiepisoden bis zum Alter von drei Monaten nachließen, sprach er von
einer Dreimonatskolik („three months’ colic“). Das Wort „Kolik“ leitet sich aus
dem griechischen Wort „Kolon“ ab, das im medizinischen Sprachgebrauch den
Darm bezeichnet, und impliziert eine Störung des Magen-Darm-Traktes als
Ursache exzessiven Schreiens. Diese Vermutung konnte jedoch im Verlauf der
folgenden Jahrzehnte nicht gesichert werden, so dass der Terminus
„Dreimonatskolik“ von einigen Autoren als eine mögliche Fehlbezeichnung
verstanden wird.9 Weitere in der medizinischen Literatur und
Umgangssprache verwendete Bezeichnungen exzessiven Schreiens sind
Säuglingskolik, Trimenonkolik, Schreibaby oder auch Schreikind.




6Martin Herman, Audrey Le: The Crying Infant. In: Emerg Med Clin N Am. 25 (2007) 1137–
1159. PMID 17950139
7Michael J. Lentze, Jürgen Schaub, Franz J. Schulte (Hrsg.): Pädiatrie. Springer, Berlin 2007,
ISBN 978-3-540-71895-6
8
9
In der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie wird exzessives Schreien als
ein Leitsymptom der Regulationsstörungen im Säuglingsalter verstanden.
Regulationsstörungen werden definiert als eine für das Alter oder den
Entwicklungsstand des Säuglings außergewöhnliche Schwierigkeit, sein
Verhalten in einem, häufig aber in mehreren Interaktions- und
Regulationskontexten adäquat zu regulieren. Andere Interaktions- und
Regulationskontexte sind beispielsweise Schlafen und Füttern. Die
Regulationsstörungen werden nicht als eine Störung des Säuglings allein
betrachtet: die Verhaltensauffälligkeit des Säuglings ist Teil einer
Symptomkonstellation, zu der auch eine beeinträchtigte Beziehung zwischen
Kind und Eltern und eine Überforderungssituation der Eltern gerechnet
werden.
In international verwendeten Klassifikationssystemen für Krankheiten wie der
ICD-10 ist exzessives Schreien nicht als eigenständige Störung eingeordnet.
Auch das Klassifikationssystem Zero to Three (DC: 0–3R 2005), das speziell
Störungen bei Säuglingen und jungen Kleinkindern erfasst, definiert
exzessives Schreien nicht mehr als Krankheit, da die Forschungslage dies
nicht rechtfertige.10
Am ehesten ist die Einordnung als Anpassungsstörung (F43.2) im ICD-10
möglich.11


Häufigkeit, Verlauf und Symptomatik
Abhängig von der jeweiligen Studie sind 8–29 % aller gesunden Säuglinge von
exzessivem Schreien betroffen.12 Die Streuung der Häufigkeit erklärt sich
vorwiegend dadurch, dass in den jeweiligen Studien unterschiedliche
Definitionen des exzessiven Schreiens verwendet wurden.
Die anfallsartigen, unstillbaren Schrei- und Unruheepisoden beginnen meist
um die zweite Lebenswoche und nehmen etwa bis zur sechsten Lebenswoche
an Intensität und Häufigkeit zu. In der Regel bildet sich die Symptomatik
danach bis zum Ende des dritten Lebensmonats weitgehend zurück. Bei etwa
4 % aller Schreibabys bleibt sie bis zum sechsten Monat bestehen, in seltenen
Fällen auch länger. Exzessives Schreien gilt bei Vorliegen weiterer
Risikofaktoren als ein Risikofaktor für die Entwicklung weiterer
Verhaltensauffälligkeiten im späteren Kindesalter. 13




10B. Herpertz-Dahlmann, F. Resch, M. Schulte-Markwort, A. Warnke (Hrsg.):
Entwicklungspsychiatrie. Schattauer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-7945-2358-0
11
12N. von Hofacker et al.: Rätsel der Säuglingskoliken. In: Monatsschrift Kinderheilkunde
1999; 147:244-253
13Martin Dornes: Die emotionale Welt des Kindes. 5. Auflage. Fischer, Frankfurt a. M., 2000,
ISBN 978-3-5961-4715-1
Das Schreien tritt gehäuft in den Abendstunden auf; häufig ist bei kurzen
Tagschlafphasen (die meist weniger als 30 Minuten dauern) eine gegen die
Abendstunden zunehmende Übermüdung und Überreizung des Säuglings zu
beobachten. Weitere Symptome, die zusätzlich auftreten können, sind ein
geblähter Bauch, eine rötliche Verfärbung der Haut und eine Erhöhung der
Muskulaturspannung. Typischerweise läuft dabei das Gesicht des Säuglings
rot an, der Rumpf wird nach hinten überstreckt und Arme und Beine mit
erhöhter Muskelspannung angewinkelt. Beruhigungshilfen wie das Abdunkeln
des Zimmers, Schnuller und Spieluhren zeigen keine Wirkung.14
Aus Kinder- und Jugendpsychiatrischer Sicht wird neben der
Verhaltensauffälligkeit des Säuglings auch die Beeinträchtigung der Eltern
sowie der Eltern-Kind-Interaktion als symptomatisch angesehen. So
konstatiert Mechthild Papoušek, Leiterin der Forschungs- und Beratungsstelle
„Frühentwicklung und Kommunikation“ am Kinderzentrum München, eine
alterstypische Symptomtrias, die bei allen Regulationsstörungen im
Säuglingsalter zu beobachten sei. Es sind also von der Störung mehrere,
unterschiedliche Bereiche betroffen:
 1. Verhaltensauffälligkeit(en) des Kindes (beispielsweise das exzessive
Schreien)
 2. Überforderung der Mutter oder beider Eltern im Umgang mit dem
„schwierigen“ Säugling
 3. Dysfunktionale Interaktionsmuster (durch das auffällige Verhalten des
Kindes ist die soziale Interaktion und die Kommunikation der Eltern mit dem
Kind betroffen, was zunehmend die Beziehung zu dem Kind belasten kann)15


Diagnose
Wichtig ist ein ausführliches Patientengespräch, das die körperliche,
psychische und soziale Vorgeschichte und Situation des Säuglings und seiner
Eltern beleuchten soll. Hier können Informationen bezüglich der Mutter-Kind-
Interaktion, der familiären Situation, sowie bezüglich des Vorliegens von
spezifischen Ressourcen und Belastungs- und Risikofaktoren erhoben werden.
Da exzessives Schreien sowohl Ursache als auch Folge einer
Kindesmisshandlung sein kann, wird Therapeuten in den entsprechenden
Leitlinien zum Störungsbild empfohlen, auf Hinweise hierfür zu achten.




14
15F. Mattejat (Hrsg.) (2003): W. Hiller, E. Leibing, F. Leichsenring, S. K. D. Sulz: Das große
Lehrbuch der Psychotherapie: Lehrbuch der Psychotherapie, Bd.4 : Verhaltenstherapie mit
Kindern, Jugendlichen und ihren Familien: Bd 4. München: CIP-Medien.
Da das Symptom Schreien durch krankhafte Organveränderungen verursacht
sein kann, müssen verschiedene Krankheiten ausgeschlossen werden, bevor
die Diagnose eines exzessiven Schreiens im Säuglingsalter gestellt werden
darf. Bei dem Störungsbild handelt es sich daher um eine Ausschlussdiagnose.
Krankheiten, die als Ursache anhaltenden Schreiens in Frage kommen, sind
beispielsweise Infektionen der Atemwege, Mittelohrentzündungen und
Infektionen der Harnwege. Auch verschiedene Krankheiten des Magen-Darm-
Traktes wie die Refluxkrankheit, eine Darmentzündung, Verstopfung sowie
eine Einstülpung des Darms können dazu führen, dass der Säugling
unentwegt schreit. Zu den Magen-Darm-Krankheiten ist auch die schwer zu
diagnostizierende Kuhmilchproteinintoleranz (nicht zu verwechseln mit
Laktoseintoleranz) zu zählen: Unspezifische Hinweise, die diesen Verdacht
begründen, sind beispielsweise schleimig-blutige Durchfälle, Erbrechen und
Austrocknung. Die auf dem Markt erhältlichen Tests zur Diagnose einer
Kuhmilchproteinunverträglichkeit sind aufgrund mangelnder Genauigkeit
nicht empfehlenswert. Entscheidend für die Diagnose einer
Kuhmilchproteinunverträglichkeit ist die Anamnese, der Verlauf der
Beschwerden nach Vermeiden aller kuhmilchhaltigen Nahrungsbestandteile
sowie das Wiederauftreten der Symptomatik nach erneutem Verzehr von
Kuhmilchbestandteilen.16
Weiterhin kommen als Ursache des Schreiens unerkannte Knochenbrüche
sowie neurologische Störungen wie eine frühkindliche Hirnschädigung oder
verschiedene genetische Syndrome in Frage. Insgesamt können die genannten
Krankheiten bei 5–10 % der Säuglinge diagnostiziert werden, die mit dem
Symptom exzessiven Schreiens auffallen.17
Verhaltensprotokolle dienen nicht nur der Dokumentation von Schrei- und
Unruhephasen, sondern sollen auch Schlafphasen, Art und Weise, in der die
Eltern die Babys zu beruhigen versuchen, und spielerische Interaktionen
erfassen. Beispiele für Verhaltensprotokolle sind Schrei- und Schlaftagebuch
sowie Fütter- und Ernährungsprotokolle. Diese können Aufschluss über die
Schlafphasen und die Regelmäßigkeit des Tagesablaufes geben. Eine
Verhaltensbeobachtung in unterschiedlichen Kontexten (Füttersituation,
Spiel, Beruhigungssituation, Trennungssituation und Wiedersehen)
vervollständigt die Diagnostik.18 Die Verhaltensbeobachtung kann Aufschluss
über nicht sinnvolle Beruhigungshilfen, oder eine Störung in der Mutter-Kind-
Beziehung geben.


Ursachen
Die Ursache exzessiven Schreiens ist unbekannt. In der medizinischen
Literatur werden eine Reihe von körperlichen, psychischen und sozialen
Faktoren diskutiert, ohne dass ein allgemein akzeptiertes ursächliches Modell
existiert. Viele Autoren betonen die Bedeutung des Zusammenspiels mehrerer
Faktoren. Zudem wird darauf hingewiesen, dass sich einzelne Faktoren
wechselseitig verstärken können.

16Reinhold Kerbl, Ronald Kurz, Reinhard Roos: Checkliste Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2007,
ISBN 978-3-1313-9103-2
17
18
Normales und exzessives Schreiverhalten
Alle Säuglinge schreien in den ersten Lebensmonaten. Eine Gesamtdauer von
bis zu 60 Minuten am Tag gilt als normal. In den ersten drei Lebensmonaten
schreien Säuglinge durchschnittlich etwa 7–29 Minuten innerhalb von
24 Stunden. Diese Zahl nimmt mit zunehmenden Lebensalter ab.19 Während
die Häufigkeit von Schreiattacken bei Säuglingen mit normalem
Schreiverhalten und solchen mit exzessivem Schreiverhalten gleich ist, sind
die Schreiepisoden der letzteren länger.20 Sie lassen sich zudem weniger gut
durch elterliches Beruhigungsverhalten wie das Tragen am Körper beruhigen.
21
   Einigen Autoren zufolge könnte exzessives Schreien eine Extremvariante
normalen Schreiverhaltens sein.2223 Gleichzeitig wird vorgeschlagen,
exzessives Schreien unabhängig von der Frage der Normalität als ein
Symptom aufzufassen, welches die Interaktion von Säugling und
Bezugspersonen in jedem Falle beeinflusst.24


Psychische und soziale Faktoren
Die Eltern-Kind-Beziehung ist geprägt durch eine komplexe, nonverbale
Kommunikation, die sich auf Mimik, Laute und Berührungen stützt. Der
Säugling kommuniziert schon sehr früh mit seiner Umgebung und teilt seine
grundlegenden Bedürfnisse mit. Die Bezugspersonen reagieren zumeist
instinktiv auf diese Äußerungen. Dabei stimmen sie ihre Antworten auf die
Befindlichkeit des Kindes ab. Hierbei unterstützen sie den Säugling dabei,
seine selbstregulatorischen Fähigkeiten zu entwickeln und auf den
Entwicklungsstand bezogene Einschränkungen dieser Fähigkeit
auszugleichen. Mechthild Papoušek bezeichnet in diesem Zusammenhang das
Verhalten der Eltern als intuitive Elternschaft. Gelingt diese präverbale
Kommunikation, fühlen sich die Eltern in ihrem Tun bestärkt und sicher.
Misslingt sie, haben Eltern hingegen oft unbegründete Schuldgefühle, wenn
sie das Kind nicht beruhigen können.25




19
20Ronald G. Barr: Colic and crying syndromes in infants. Pediatrics. 1998 Nov;102(5 Suppl
E):1282–6. PMID 9794970
21Ronald G. Barr u.a.: Carrying as colic “therapy”: a randomized controlled trial, Pediatrics,
1991, 87(5):623-30. PMID 2020506
22Remo H. Largo: Behavioral and developmental manifestations: disorders or normal
variations? Monatsschr Kinderheilkd. 1993 Sep;141(9):698–703. PMID 7692243
23William R. Treem: Infant colic. A pediatric gastroenterologist's perspective. Pediatr Clin
North Am. 1994 Oct;41(5):1121–38. PMID 7936776
24Ronald G. Barr: Normality: a clinically useless concept. The case of infant crying and colic. J
Dev Behav Pediatr. 1993 Aug;14(4):264–70. PMID 8408670
25Martin Dornes: Der kompetente Säugling. Die Präverbale Entwicklung des Menschen.
Fischer, Frankfurt a. M., 1993, ISBN 978-3-5961-1263-0
Die Eltern-Kind-Interaktion kann durch vergleichsweise geringe
Abweichungen gestört werden. Diese Abweichungen sind sehr individuell und
treten in vielfältiger Form auf. So signalisiert der Säugling zum Beispiel durch
Abwenden des Kopfes, dass ihn die dargebotenen Reize momentan
überfordern. Die Eltern können diese Geste als Ablehnung, Desinteresse oder
dergleichen fehlinterpretieren. In dieser Konstellation können sie versuchen,
die vermutete Ablehnung aufzuheben, indem sie den Blickkontakt
wiederherstellen oder das Spiel mit dem Kind intensivieren. Damit
überfordern sie das Kind vermehrt.26 Folge ist eine Situation, in der die
Anspannung und Überforderung von Eltern und Kind sich durch ihre
Handlungen wechselseitig verstärken und dadurch eskalieren können.2728
Erschwerend kann hier ein als schwierig einzustufendes, angeborenes
Temperament des Säuglings hinzukommen. Ist die Fähigkeit des Säuglings,
Reize aufzunehmen oder sich schnell zu beruhigen, nur in geringem Ausmaß
vorhanden, kann dies das Schreien hervorrufen oder begünstigen. 2930




26Beatrice Beebe, Frank M. Lachmann: Säuglingsforschung und die Psychotherapie
Erwachsener. Wie interaktive Prozesse entstehen und zu Veränderungen führen. Klett Cotta,
Stuttgart, 2004, ISBN 978-3-6089-4066-4
27
28Mechthild Papoušek: Regulatory disorders in early childhood. Family physician counseling
for crying, sleeping and feeding disorders. MMW Fortschr Med. 2005 Mar 24;147(12):32–4,
36, 38. PMID 15832790
29
30Margarete Berger, Elfi Freiberger, Barbara von Kalckreuth, Maria Knott, Christiane
Wiesler, Eberhard Windaus (2006): Leitlinien Regulationsstörungen, psychische und
psychosomatische Störungen im Säuglings- und frühen Kleinkindalter. Analyt. Kinder- u.
Jugendl.-Psychother. 132, Seite 545-576.
Häufig finden sich in den Familien von Schreibabys psychosoziale, organische
und pränatale Belastungsfaktoren. Diese Faktoren können sowohl die Eltern
als auch den Säugling allein und die Familie als Ganzes betreffen. In Frage
kommen Krankheiten, Paarkonflikte der Eltern, Konflikte mit den
Herkunftsfamilien, Armut oder ein alleinerziehender Elternteil, Ängste,
Depressionen sowie soziale Isolation und eingeschränkte Ressourcen im
Rahmen einer psychischen Störung der Mutter als Hauptbezugsperson des
Kindes. Auch ein Zusammenhang zwischen kindlichem Schreiverhalten und
dem durch das Adult Attachment Interview messbaren Bindungstyp der
Mutter ist feststellbar,31 und biographische Faktoren wie emotional
belastende oder traumatische Bindungs- und Beziehungserfahrungen können
in der Beziehung zum eigenen Kind zum Ausdruck kommen.32 Diese Faktoren
können die Eltern-Kind-Interaktion belasten und unmittelbar und mittelbar die
Überforderung der Eltern verstärken. Psychoanalytische Theorien sehen eine
Ursache in einer abweichenden Interaktion zwischen den Bezugspersonen
und dem Säugling sowohl in einer ungünstigen, lebensgeschichtlichen
Konstellation bei den Eltern als auch ungünstige Temperamentsfaktoren bei
den Kindern begründet. Die Bezugspersonen haben dabei einen höheren
Einfluss auf die Interaktion. Die Ursache wird hauptsächlich in bewussten und
unbewussten Bedeutungszuschreibungen durch elterliche Projektionen
gesehen.33 Verhaltenstherapeutische Erklärungsmodelle vermuten als
Ursache von Regulationsstörungen bei Säuglingen das Entstehen von
negativer Wechselseitigkeit (Interaktion) in den sozialen Austauschprozessen
zwischen Eltern und Kind. Das Symptom des exzessiven Schreiens kann
unterschiedliche Ursachen haben. Vor allem werden Temperamentsfaktoren
diskutiert. Diese treffen auf blockierte intuitive Kompetenzen der Eltern. In
einer solchen, eher ungünstigen Konstellation, kann es zu eskalierenden
Kommunikation und Beziehungsstörungen kommen. Aber auch
psychodynamische Faktoren können die Kommunikation belasten.34


Organische Faktoren
Körperliche Faktoren wirken auf verschiedenen Ebenen auf den Säugling und
die Eltern-Kind-Interaktion. Zum einen müssen andere zu Grunde liegende
Krankheiten ausgeschlossen werden, die das Symptom exzessiven Schreiens
verursachen können. Gleichzeitig können andere Erkrankungen sowohl des
Kindes als auch der Mutter Belastungsfaktoren darstellen, die exzessives
Schreien begünstigen und verstärken. Organische Ursachen werden darüber
hinaus auch als unabhängige Faktoren diskutiert, die direkt eine Störung der
Funktion des Magen-Darm-Traktes bewirken sollen.



31I. Akman u.a.: Mothers’ postpartum psychological adjustment and infantile colic, Arch Dis
Child, 2006;91:417-419, DOI 10.1136/adc.2005.083790, Zusammenfassung
32Qualitätskommission der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin
e.V. (DGSPJ): Regulations- und Beziehungsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter.
33H. Hopf, E. Windaus (Hrsg.) (2007): Behaundlungskonzepte der tiefenpsychologisch
fundierten und analytischen Psychotherapie im Säuglings- und Kleinkidalter. In: H. Hopf, E.
Windaus (Hrsg.) W. Hiller, E. Leibing, F. Leichsenring, S. K. D. Sulz :Lehrbuch der
Psychotherapie 5: Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Kinder und
Jugendlichenpsychotherapie. München: CIP-Medien.
34
In den ersten sechs Lebensmonaten verdoppeln Säuglinge ihr Körpergewicht.
Diese Phase intensiven Wachstums ist von einer starken Aktivität des
kindlichen Darms geprägt und setzt dessen optimales Funktionieren voraus.35
Eine gestörte Anpassung der Funktion des kindlichen Magen-Darm-Traktes
könnte auf zwei unterschiedliche Weisen zu krampfartigen Schmerzen führen:
zum Einen könnten verstärkte Bewegungen des kindlichen Darms (Peristaltik)
direkt Krämpfe verursachen; zum Anderen könnten zu langsame
Darmbewegungen eine schmerzhafte Auftreibung des Darms durch Gase
(Blähungen) bewirken. Daneben wird als weitere Ursache das Ess- und
Trinkverhalten des Säuglings diskutiert: so könnten eine zu hohe
Trinkgeschwindigkeit, zu große Nahrungsmengen und das Schlucken von Luft
während des Essens (Aerophagie), die Ansammlung von Gasen im Darm
begünstigen.36 Ursache einer gestörten Magen-Darm-Funktion könnte
außerdem eine Störung des kindlichen Stoffwechsels im Zusammenhang mit
Passivrauchen sein. So ließ sich ein statistischer Zusammenhang (Korrelation)
zwischen exzessivem Schreien des Babys und Nikotinkonsum der Eltern
nachweisen. Bei Säuglingen mit Dreimonatskoliken wurden zudem teilweise
erhöhte Werte für das im Magen-Darm-Trakt wirksame Hormon Motilin
gefunden. Da weiterhin eine Korrelation erhöhter Motilinkonzentrationen mit
Nikotinkonsum besteht, wird aufgrund dieser Befunde ein Zusammenhang von
mütterlichem Nikotinkonsum während der Schwangerschaft und
Passivrauchen mit der Entstehung von kolikartigen Beschwerden diskutiert. 37
Als weitere begünstigende Ursachen werden genetische und aufgrund
pränataler Belastung erworbene konstitutionelle Faktoren diskutiert. Einige
Autoren sprechen von Auffälligkeiten in der neuromotorischen Entwicklung,
die auf eine Unreife der Organisation des Gehirns schließen lässt.3839


Therapie und Prognose
Die therapeutischen Maßnahmen in den Schreiambulanzen und
Familientageskliniken zielen neben der Behandlung des exzessiven Schreiens
selbst auf die Entlastung der Eltern und die Unterstützung einer für Eltern
und Kind tragfähigen Beziehung. Aufklärung, Hinweise auf hilfreiche
Verhaltensmaßnahmen und Psycho- und Familientherapie stehen im
Vordergrund der therapeutischen Maßnahmen. Die Art und Intensität der
jeweiligen Behandlungsmaßnahmen ist dabei vom individuellen Fall abhängig
und soll die in der Diagnostik erfassten Belastungsfaktoren und Ressourcen
der Familie berücksichtigen. Eine medikamentöse Therapie wird nicht
empfohlen. Bei der überwiegenden Mehrzahl der Säuglinge bildet sich das
Störungsbild nach drei bis sechs Monaten zurück.40


35Edmond D. Shenassa, Mary-Jean Brown: Maternal smoking and infantile gastrointestinal
dysregulation: the case of colic. Pediatrics. 2004 Oct;114(4):e497–505. PMID 15466076
36
37
38
39N. v. Hofacker (1998): Frühkindliche Störungen der Verhaltensregulation und der
elterlichen Beziehung. Zur differentiellen Diagnostik um Therapie psychosomatischer
Probleme im Säuglingsalter. In: K. v. Klitzing (Hrsg.): Psychotherapie in der frühen Kindheit.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
40
Beratung, Verhaltensmaßnahmen und
   Psychotherapie
Die Eltern-Kind-Beratung und Eltern-Kind-Psychotherapie sind wirksame
Mittel zur Behandlung. Bei der Beratung gilt die hauptsächliche
Aufmerksamkeit der Eltern-Kind-Interaktion, also dem sozialen Wechselspiel
zwischen dem Kind und seinen Eltern. In den meisten Fällen wird eine Eltern-
Kind-Beratung mit einer bis fünf Beratungssitzungen als ausreichend
angesehen. Dabei werden die Eltern hinsichtlich des Entwicklungsstandes des
Kindes beraten und ihnen Alternativen in der Interpretation von kindlichen
Signalen geboten. Dies soll die intuitiven Fähigkeiten der Eltern stärken. Eine
angemessene Beratung kann daneben in der Aufarbeitung eventuell
bestehender elterlicher Schuldgefühle helfen.
Daneben hat sich die Reduktion von Reizen als wirksam erwiesen. Hilfreich ist
es auch, kindliche Übermüdung zu vermeiden und den Tagesablauf für das
Kind vorhersehbar zu strukturieren, mit regelmäßigen Schlafphasen am Tag
und gemeinsamen Spielen und Dialogen in den Wachphasen.4142 Wichtig sind
außerdem kurze Auszeiten (Time-out-Phasen) für die primäre Bezugsperson
bei starker Überlastung. In kritischen Phasen mit großer Anspannung,
Erschöpfung oder aufsteigender Wut wird den Eltern empfohlen, das Kind
zunächst an einem sicheren Ort abzulegen, selbst im Nebenraum zur Ruhe zu
kommen und erst anschließend das Kind zu beruhigen.43
Bei schwereren Störungen, etwa wenn das Schreien über das Alter von drei
Monaten hinaus geht und weitere Störungen in anderen
Interaktionsbereichen wie Schlafen und Füttern bestehen oder sich
entwickeln, ist eine Eltern-Kind-Psychotherapie angezeigt. Diese ist auch
angezeigt, wenn Interaktionsmuster (wechselseitige Verhaltensweisen)
vorliegen, die auf eine Fehlanpassung der Eltern auf das Störungsbild
schließen lassen. Hierunter fallen beispielsweise Handlungen der Eltern, die
den Säugling beruhigen sollen, jedoch letztlich unwillkürlich dazu führen,
dass das Schreien des Säuglings und die Überforderung der Eltern
aufrechterhalten und verstärkt werden.




41
42
43
Eine Psychotherapie ist ebenfalls gerechtfertigt, wenn deutliche Belastungen
und Störungen der Eltern-Kind-Beziehungen feststellbar sind. Psychische
Störungen der Mutter wie beispielsweise eine Postnatale Depression sind
ebenso Indikationen für eine Psychotherapie. Diese kann eine
psychoanalytische, bindungstheoretische, verhaltenstherapeutische oder
systemisch−familientherapeutische Ausrichtung haben. Psychoanalytisch
begründete Behandlungsansätze gehen davon aus, dass die Interaktion der
Eltern mit dem Kind durch eine Klärung der projektiven
Bedeutungszuschreibungen gegenüber dem Kind verbessert werden können.
Dabei können auch die lebensgeschichtlichen Erfahrungen der Eltern
miteinbezogen werden. Aber auch direkte Beratung und Unterstützung in den
unterschiedlichen Interaktionssituationen können als Maßnahme
herangezogen werden.44 In der Verhaltenstherapie wird die Interaktion
unterstützt, und den Eltern dabei geholfen, ihre intuitiven Fähigkeiten
umzusetzen.45 Diese Form der Intervention beansprucht in den meisten Fällen
bis zu zehn Sitzungen. Die Psychotherapie oder Beratung kann durch
Videoaufnahmen, die in bestimmten Spielszenen von Eltern und Kindern
gemacht werden, unterstützt werden. Diese dienen im nachhinein als
Grundlage für die Beratung hinsichtlich der Interaktion und ermöglichen den
Eltern sehr anschaulich ein Verständnis für die gegenseitigen Reaktionen
zwischen ihnen und ihrem Kind.
Eine stationäre Psychotherapie beinhaltet die Aufnahme der Mutter und des
Kindes in ein Krankenhaus und ist hauptsächlich bei psychischen
Erkrankungen der Bezugspersonen angezeigt. Bei besonders schweren
psychosozialen Belastungssituationen, schweren psychischen Störungen der
Bezugspersonen und bestehendem Risiko einer Kindesmisshandlung kann die
vorübergehende Herausnahme des Kindes aus der Familie notwendig sein. In
einem solchen Fall ist es wichtig, den Beziehungsaufbau zwischen der Mutter
oder den Eltern und dem Kind oder den leiblichen Eltern, den Pflegeeltern
sowie dem Kind therapeutisch zu begleiten.46
Ist die Familie psychosozial schwer belastet, kann es sinnvoll sein,
Familienentlastende Dienste wie Kinderkrankenpflege, Kinderbetreuung
einzurichten. Auch sozialpädagogische Familienhilfe kann eine Unterstützung
in verschiedenen psychosozial belastenden Situationen sein.




44
45
46
Die generelle Wirksamkeit der Psychotherapie von frühen
Regulationsstörungen ist belegt.474849 Neben den anerkannten
psychotherapeutischen Verfahren, der Verhaltenstherapie und der
Psychoanalyse, wird auch auf die Bedeutung einer
systemisch−familientherapeutischen Sichtweise hingewiesen.5051
Schwierigkeiten bei der Evaluation ergeben sich durch die hohen
Spontanremissionen, also das entwicklungsbedingte Verschwinden der
Symptomatik mit zunehmenden Alter.5253
Bei Säuglingen, die aufgrund frühkindlicher Hirnschädigungen an exzessivem
Schreien litten, ließ sich durch Pucken im Vergleich zur Massage die
Schreidauer deutlich verringern.5455 Pucken in Verbindung mit einer
Tagesstrukturierung reduzierte ebenfalls die Schreiphasen. Hier zeigte sich,
dass bis zur achten Lebenswoche das Pucken eine zusätzliche Verminderung
der Schreiphasen bewirkte, über dieses Alter hinaus jedoch nicht. 56 In einer
weiteren Studie an gesunden, 6-16 Wochen alten Säuglingen zeigte sich, dass
Pucken die Dauer tiefer Schlafphasen verlängerte und die Häufigkeit
spontanen Aufwachens verringerte.57 Als mögliche unerwünschte Wirkung des
Puckens wird die Entwicklung einer Fehlbildung des Hüftgelenks durch ein zu
enges Umwickeln der Beine des Säuglings genannt.58
In den letzten Jahren werden auch alternativmedizinische Verfahren wie die
Chiropraktik, die Cranio-Sacral-Therapie oder Osteopathie als Behandlung
diskutiert. Jedoch ist deren Nutzen fraglich.59


Medikamente
Die Wirksamkeit zweier Medikamente zur Behandlung von Dreimonatskoliken
wurde in mehreren Studien untersucht.




47
48
49Daniel Stern (1998): „Die Mutterschaftskonstellation: Eine vergleichende Darstellung
verschiedener Formen der Mutter-Kind-Psychotherapie“ Stuttgart, Klett-Cotta
50
51Beitrag zur Qualitätssicherung in Sozialpädiatrischen Zentren der Deutschen Gesellschaft
für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ)
52
53P. Fonagy (1998): Prevention, the apporaopriate target of infant psychotherapy. Infant
Mental Health Journal. 19, 124–150
54S. Ohgi et al.: Randomised controlled trial of swaddling versus massage in the management
of excessive crying in infants with cerebral injuries In: Arch. Dis. Child. 2004; 89:212–216.
PMID 14977692
55Bregje E. van Sleuwen et al.: Swaddling: a systematic review. Pediatrics. 2007
Oct;120(4):e1097–106. PMID 17908730
56Bregje E. van Sleuwen et al.: Comparison of behavior modification with and without
swaddling as interventions for excessive Payingen. J Pediatr. 2006 Oct;149(4):512–7. PMID
17011324
57Patricia Franco et al.: Influence of swaddling on sleep and arousal characteristics of
healthy infants. Pediatrics. 2005 May;115(5):1307–11. PMID 15867039. Volltext online
(englisch)
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59
Dicyclomin, ein Wirkstoff aus der Gruppe der Anticholinergika, entfaltet seine
Wirkung über Rezeptoren des vegetativen Nervensystems. Es hemmt die
Aktivität des als Parasympathicus bezeichneten Anteils des vegetativen
Nervensystems und führt so zu einer verminderten Darmtätigkeit. Zwar
bestätigten zwei systematische Übersichtsarbeiten über mehrere kontrollierte
Studien eine spezifische Wirkung des Mittels auf Schreiphasen und
Schreidauer, zugleich zeigten sich jedoch leichte Nebenwirkungen wie
Schläfrigkeit, weiche Stühle, Verstopfung und selten schwere
Nebenwirkungen wie Atemstörungen und epileptische Anfälle. Deswegen wird
Dicyclomin zur Behandlung der Dreimonatskolik nicht empfohlen. Dicyclomin
ist in Deutschland nicht erhältlich und hat in den USA und Kanada für die
entscheidende Altersgruppe unter sechs Monaten keine Zulassung.6061
Bei der zweiten, in mehreren Studien untersuchten Substanz handelt es sich
um Simeticon. Dieser Wirkstoff erhöht die Oberflächenspannung von Gasen
im Darmtrakt und soll bei Blähungen den Abgang der Gase beschleunigen.
Zwei systematische Übersichtsarbeiten, die drei kontrollierte Studien
bewerteten, stellten keine spezifische Wirksamkeit von Simeticon gegenüber
Placebo fest. Daher wird der Wirkstoff zur Behandlung von Dreimonatskoliken
nicht empfohlen.6263


Weiterführende Literatur
•Mechthild Papoušek, Michael Schieche, Harald Wurmser (Hrsg.):
Regulationsstörungen der frühen Kindheit. 3. Auflage. Huber, Bern 2007,
ISBN 978-3-456840-36-9.


Siehe auch
•Kontingenz (Psychologie)


Weblinks
•Leitlinie Regulationsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter der
Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
-psychotherapie. In: AWMF online (Stand 11/2006)
•Webseite der „Münchner Sprechstunde für Schreibabys“ am Kinderzentrum
München
•kindergesundheit-info.de – Dreimonatskoliken, Schreiattacken; Ursachen;
Linderung und Hilfe: unabhängiges Informationsangebot der Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

60Michelle M. Garrison, Dimitri A. Christakis: A Systematic Review of Treatments for Infant
Colic. In: Pediatrics 2000; 106:184-190 Volltext online (englisch)
61Sally Wade, Teresa Kilgour: Extracts from „clinical evidence“: Infantile colic. BMJ. 2001
Aug 25;323(7310):437–40. PMID 11520846
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