Geh aus, mein Herz, und suche Freud by M0D441x

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Geh aus, mein Herz, und suche Freud
… steht im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 503) bei den Natur- und
Jahreszeitenliedern. Und da passt es auch hin. Doch ich habe schon oft erlebt, dass
das Lied zu Beerdigungen gesungen wurde und ebenfalls gut gepasst hat. Das liegt
ganz vordergründig gesehen vielleicht auch an dem Bild des Gartens. Unsere
Friedhöfe sind ja meistens wunderschöne Grünanlagen, Gartenstücke, in denen es
grünt und blüht. Genau wie in Geh aus, mein Herz. Für viele Menschen verkörpert
dieses Lied von Paul Gerhardt wie kein anderes seiner Lieder – und wie kein
anderes Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch – die Gattung der geistlichen
Naturlyrik. Wir fühlen uns angesprochen von der Schilderung dieses
Sommerspaziergangs, der uns durch schöne Gärten (Str. 1) voller blühender Blumen
(Str. 2) hinaus ins Weite führt, wir freuen uns an den Vögeln und den scheuen
Waldtieren – die sind auch froh (Str. 3 und 4). Das Landschaftsbild mit der
Schafherde und den Hirten entsteht ganz plastisch vor unseren Augen (Str. 5), wir
beobachten die Bienen beim Honigsammeln und erinnern uns beim Anblick der
Reben an unseren Lieblingswein (Str. 6). Gern stimmen wir mit Jung und Alt (Str. 7)
und dem lyrischen Ich in der achten Strophe in das Schöpferlob ein, denn genauso
geht es uns ja auch, unsere Sinne sind wirklich ganz wach geworden: Wir haben im
Geist die Gärten gesehen, an den Blumen gerochen, die Vogelstimmen gehört, die
Schafe gestreichelt und ihr weiches Fell gefühlt, und den Honig schon auf der Zunge
geschmeckt. Natürlich singen wir mit, wenn alles singt (Str. 8) – wes das Herz voll ist,
des geht der Mund über (Matthäus 12, 34).

Wir singen mit, und erst recht diese schöne Melodie. Singen wir aber auch weiter,
über die 8. Strophe hinaus: Ach, denk ich, bist du hier so schön … Denken wir auch
mit?

Die Erde: nicht nur schön, sondern auch arm
Das Nachdenken, die Betrachtung, beginnend in der neunten Strophe, verschiebt die
Perspektive vom Diesseits zum Jenseits. Die schöne Erde ist zugleich eine arme
Erde angesichts des reichen Himmels, der nach ihr kommen wird. Den zunächst
irdisch zu verstehenden schönen Gärten der ersten Strophe tritt in der zehnten
Strophe der Garten Christi gegenüber. Wenn es hier schon so schön ist, wie schön
wird es dann erst nach dieser Welt sein? Auf jeden Fall noch schöner.
Paul Gerhardts Bild vom güldnen Schloss ist märchenhaft und erinnert mich an
meine Kindheit. Damals fragte ich manchmal meine Mutter, ob es im Himmel alles
das geben würde, was ich mir schon immer gewünscht aber noch nicht bekommen
hatte: ein Fahrrad, Schokolade und Bonbons in ausreichender Menge… Meine
Mutter sagte, das wisse sie nicht, aber mit Sicherheit würde es im Himmel sehr
schön sein. Als Kind habe ich aus dieser Antwort logisch gefolgert, dass ich mir dann
ruhig alle Herrlichkeiten (also Spielsachen und Süßigkeiten) für mein Leben im
Himmel vorstellen könne, denn enttäuscht werden würde ich ja auf keinen Fall, wenn
es doch dort so schön sei. Genauso kindlich phantasiert sich das lyrische Ich in Geh
aus, mein Herz auch in das reiche Himmelszelt, in das güldne Schloss, in Christi
Garten (Str. 10), in das Paradies hinein, so kommt es mir jedenfalls vor. Paul
Gerhardts Vorstellung des ewigen Lebens bezieht dazu noch die Musik mit ein: Wie
muss es da wohl klingen? Voller Gesang ist das Leben in Gottes Nähe, davon
zeugen auch andere Lieder, zum Beispiel Johann Walters Lied Herzlich tut mich
erfreuen die liebe Sommerzeit (EG 148). Auch hier haben wir übrigens eine liebe
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Sommerzeit, nur dass sie in Walters Lied von Anfang an für die Ewigkeit steht.
Dagegen gibt es in Geh aus, mein Herz nur einen kurzen Ausflug aus dem irdischen
in den himmlischen Garten, der in Strophe 9 beginnt und in Strophe 11 seinen
Höhepunkt und auch bereits seinen Abschluss findet. In der zwölften Strophe kehrt
der Sänger wieder in das irdische Leben zurück: Doch gleichwohl will ich … Solange
ich hier auf der Erde lebe (das alte Wort weil ist hier nicht kausal, sondern temporal
zu verstehen), will ich trotz aller mit dem irdischen Leben verbundenen Mühen in
Gottes Lob einstimmen.

Grünen bis zur letzen Reise
In den abschließenden drei Bittstrophen gelingt Paul Gerhardt eine eindrückliche
Verbindung, ja Vermischung von Diesseits und Jenseits, und hier gewinnt das Motiv
des Gartens noch eine weitere Dimension. Diese Verbindung und Vermischung der
beiden Welten stellt Paul Gerhardt nicht nur über inhaltliche Aussagen, sondern auch
über die Sprache her. Auffallend ist die gehäufte Verwendung der Garten-Worte in
den letzten drei Strophen: Segen, der vom Himmel fleußt (Str. 13) – das erinnert an
Regen und an Paul Gerhardts Formulierung mit Segen mich beschütte (EG 446, Str.
9), die zu mich segne, mich behüte modernisiert wurde. Das botanische Vokabular
der ersten sieben Geh-aus-mein Herz-Strophen wird aber noch viel eindeutiger
aufgegriffen: Vom Blühen ist die Rede – aber diesmal sind nicht die Narzissen und
die Tulipan gemeint, sondern der sich für und vor Gott entfaltende Mensch (Str. 13).
Und den Sommer deiner Gnad, der Glaubensfrüchte ziehen soll, verstehen wir jetzt
auch im übertragenen Sinn: Die Erinnerung an Gottes Verheißung seiner niemals
endenden, ewigen Zuwendung möge doch unseren Glauben wachsen lassen. Auch
in den beiden anderen Bittstrophen kann Paul Gerhardt das in der ersten Hälfte von
Geh aus, mein Herz verwendete Sprachmaterial aus der Botanik beibehalten und
diesmal bittend auf den Menschen beziehen: daß ich dir ein guter Baum werden, daß
ich Wurzel treiben (ursprünglich: wohl bekleiben) und deines Gartens schöne Blum
und Pflanze (Str. 14) bleiben kann. Diese Strophe lässt vollends offen, in welchem
Garten sich der Sänger befindet, besser: Sie zeigt, dass es den Gegensatz zwischen
Erde und Himmel nicht mehr gibt. Ganz irdisch lässt sich diese vierzehnte Strophe
verstehen, ganz irdisch muss sie sogar verstanden werden. Und doch ist Mach in mir
deinem Geiste Raum, / dass ich dir werd’ ein guter Baum, / und laß mich wohl
bekleiben (Wurzel treiben). / Verleihe, daß zu deinem Ruhm / ich deines Gartens
schöne Blum / und Pflanze möge bleiben auch eine auf die Ewigkeit bezogene Bitte,
sie wird explizit in der letzten Strophe ausgedrückt: Erwähle mich zum Paradeis –
und Anklänge an den Garten bleiben uns im Ohr, wenn wir singen: und laß mich bis
zur letzten Reis / an Leib und Seele grünen. In der Bitte der letzten Strophe um
Aufnahme ins Paradies klingt zum vierten Mal das Motiv des Gartens an, und ein
letztes Mal begegnen wir einem gärtnerischen Bild: an Leib und Seele grünen. Eine
sehr hoffnungsvolle Vorstellung, wie ich finde. Bis zur letzten Reise, bis ins Alter soll
Gott uns ermöglichen, an Leib und Seele zu grünen, das heißt doch: Wachsen, sich
entwickeln, immer wieder neu anfangen können.

Wachs auch für die Osterkerze – Gottes Gaben
Der zweite, theologisch-betrachtende Teil des Liedes, durchsetzt mit dem
Sprachmaterial der ersten Natur-Hälfte – da wird man doch aufmerksam. Dann
müsste doch, schon aus Gründen der Symmetrie, der Natur-Anfang in den ersten
sieben Strophen wenigstens Spuren von theologischer Deutung aufweisen. Also
schauen wir uns daraufhin die Natur-Strophen noch einmal an. Und siehe da, wir
werden fündig, wir stellen Gottes Spuren auch in den ersten sieben Strophen fest.
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Sicher, dass die schönen Gärten und ihre nachfolgend beschriebenen Bewohner zu
Gottes Gaben gehören, das war uns von vornherein klar. Und die Bezugnahme auf
die Lilien auf dem Felde, die ohne zu arbeiten besser angezogen sind als der reiche
König Salomo, ist ja aus der beigegebenen Bibelstelle Mt 6, 28 f. unter der zweiten
Strophe ersichtlich. Aber ab der dritten Strophe sind wir allein gelassen und müssen
selber nach der Theologie in der Natur suchen, analog zur Natur in der Theologie in
der zweiten Liedhälfte. Also los: Das Täublein (Str. 3) könnte uns an die Taube
erinnern, die bei Jesu Taufe vom Himmel herab kam, bei der Glucke (Str. 4) denken
wir vielleicht an das im Matthäus-Evangelium überlieferte Jesus-Wort Wie oft habe
ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter
ihre Flügel (Matthäus 23, 37). Hirte und Schafe (Str. 5) verbinden wir sofort mit dem
23. Psalm. Von den Bienen in der sechsten Strophe haben wir doch erst kürzlich in
der Osternacht gehört, im sog. Kerzenlob (Exsultet): Denn die Flamme [der
Osterkerze] wird genährt vom schmelzenden Wachs, das der Fleiß der Bienen für
diese Kerze bereitet hat. Und zum Weinstock fallen uns biblische Geschichten und
Gleichnisse, außerdem Jesu Aussage Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben (Joh
15,5) ein. Möglicherweise fühlt sich auch jemand an die Abendmahlsfeier erinnert,
aber da würde ja dann auch das Brot dazugehören. In der nächsten Strophe ist es
da, im Weizen, der gewaltig wächst (Str. 7)!

Christa Reich fasst in ihrer Studie über Geh aus, mein Herz die theologische
Dimension der ersten Liedhälfte so zusammen: Die vordergründigen Naturbilder der
Strophen 2 – 7 sind […] beladen mit religiöser Symbolik und Emblematik, wie sie sich
im Mittelalter herausgebildet hatte und dann von der Barockzeit aufgenommen
worden war. So können z. B. Taube, Storch, Schwalbe, Hirsch und Biene sowohl für
Christus als auch für die gläubige Seele stehen. Der Weinstock weist auf Christus,
das Reis bzw. die Rebe auf den Jünger […]. Weinstock und Weizen verweisen auf
die Eucharistie, der Weizen allein auf das tägliche Brot. Vor allem aber das Bild des
Sommers hat in der Frömmigkeit schon lange eschatologische Bedeutung: 'An dem
Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn sein Zweig jetzt saftig wird und Blätter
gewinnt, so wisst ihr, dass der Sommer nah ist'. (Mt 24, 32).1


Sommer, Ewigkeit und Paradies im Klimawandel
Mein Fazit ist: Das ist schon ziemlich klasse, wie Paul Gerhardt diese Symmetrie in
seinem Sommer-Gesang (so der Titel in der Ebeling-Ausgabe von 1666) hergestellt
hat. Diese Beziehung zwischen den irdischen Sommerstrophen, die uns auf die
Ewigkeit verweisen und sie ein Stück vorwegnehmen, und den Paradiesstrophen, die
uns gestärkt und getröstet den irdischen Sommer als Zeichen und Spur von Gottes
Wirken erfahren lassen – da hat jemand gearbeitet, an seinem Text gefeilt, wie ein
Schreiner an seinem Werkstück. Hier stimmt jedes Detail (und über Paul Gerhardts
unauffällig-kunstvolle Sprache in Geh aus mein Herz müsste noch ein besonderer
Artikel verfasst werden); die fünfzehn Strophen erweisen sich als ein sorgsam
komponiertes meisterhaftes Gedicht und bilden eine unauflösliche Einheit. Das stellt
uns natürlich in unserem praktischen Umgang mit dem Lied vor einige Probleme. In
den seltensten Fällen können wir ja alle fünfzehn Strophen singen. Aber es gibt doch
Möglichkeiten, dem Lied als Ganzem gerecht zu werden.



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    Geistliches Wunderhorn S. 268
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Die erste Möglichkeit ist, das Lied über einen ganzen Gottesdienst, eine ganze
Bibelstunde, einen ganzen Gemeindeabend verteilt zu singen. Zwischen den
einzelnen Strophen bzw. Strophenblöcken könnte eine Auslegung, eine Meditation,
ein Gespräch über das Gesungene eingeschoben werden. Außerdem könnten –
eine kompetente musikalische Begleitung vorausgesetzt – einzelne Strophen bzw.
Strophengruppen mit verschiedenen Melodien gesungen werden. Es gibt ja nicht nur
die uns geläufige Melodie des Leipziger Komponisten Augustin Harder (1775 –
1813), sondern sehr viele andere, auch ältere Melodien zu Geh aus, mein Herz. Im
Jahr 1666 (zehn Jahre vor Paul Gerhardts Tod) erschien das Lied mit einer Melodie
von Johann Georg Ebeling. Im Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG), dem
Vorgängergesangbuch unseres aktuellen Evangelischen Gesangbuchs (EG) steht
eine Melodie aus dem 16. Jahrhundert; im Schlesischen Provinzialgesangbuch von
1910 (um nur ein Beispiel zu nennen) ist Geh aus, mein Herz mit einer Melodie von
August Eberhard Müller (1797) abgedruckt. Christa Reich schreibt: Kein anderes
Lied der Liedgeschichte hat sich von seinem ersten Entstehen an über mehr als
dreihundert Jahre hinweg mit so vielen bereits existierenden oder eigens für das Lied
neu geschaffenen Melodien verbunden.2 Eine Gemeindegruppe, die Paul Gerhardts
Lied mit verschiedenen Melodien singt, wird bald feststellen, welche Melodien mit
welchen Strophen besonders gut bzw. gar nicht so gut zusammenpassen. Geh aus,
mein Herz ist, wie wir gesehen haben, kein schlichtes Sommerlied, sondern komplex
und vielschichtig. Da kann es passieren, daß eine Melodie einen bestimmten Aspekt
des Liedes – z. B. die irdische Sommerfreude – besonders unterstreicht auf Kosten
anderer Aspekte.

Wenn eine Strophenauswahl sich nicht vermeiden läßt, könnte man aber darauf
achten, daß aus allen Liedteilen Strophen gesungen werden. Möglich wäre die
Folge: 1, (2), 8, 9, (10, 11, 12), 13, (14, 15). Natürlich dürfen wir uns auch einfach
mal, jetzt, wo der Sommer kommt, an den Schöpfungsstrophen erfreuen und das
Lied mit der achten Strophe enden lassen. Aber wir sollten doch wenigstens wissen,
dass das Lied noch weitergeht. Und wie es weitergeht. Angesichts des
allgegenwärtigen, von uns Menschen verschuldeten Klimawandels kommen auch wir
Heutigen mitten im Sommerglück ja zuweilen ins Nachdenken darüber, wie es mit
uns und der Welt weitergehen wird. Paul Gerhardts Antwort muss nicht unsere
Antwort sein. Aber sie kann vielleicht bei der Suche nach unserer eigenen Antwort
helfen.

Britta Martini (Kirchenmusikerin in Görlitz)




Weiterführende Literatur:

Christa Reich: Geh aus, mein Herz, und suche Freud. In: Geistliches Wunderhorn.
Große deutsche Kirchenlieder. München 2001 (C. H. Beck). S. 262 – 274

Juliane Keitel: Geh aus, mein Herz, und suche Freud. In: Liederkunde zum
Evangelischen Gesangbuch. Göttingen 2004 (Vandenhoeck & Ruprecht), Heft 9, S.
34 – 39.

2
    Geistliches Wunderhorn S. 273

								
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