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Leseprobe zum Titel Das schwere Los der Leichtigkeit - Onleihe.pdf

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A
        LS ICH MEIN AUTO AUF DEM PARKPLATZ vor dem Eingang
        eines Tonstudios in Kelley-Land alias Manhattan Beach Studios
        abstellte, war mir vor lauter Aufregung schwindlig. Es war mein
erster Tag bei Ally McBeal. Ich stieg aus dem Auto, glättete die Falten
in meinen bequem sitzenden Caprihosen und sah mich um. Ich befand
mich an einem sehr nüchtern und steril wirkenden Ort. Der Komplex, der
David Kelleys Produktionsfirma beherbergte, war erst vor Kurzem erbaut
worden, und noch schien ihm der letzte Schliff zu fehlen, der ihn bewohn-
bar hätte erscheinen lassen. Die Studiokomplexe in Hollywood und Bur-
bank, in denen ich gearbeitet hatte, waren immer voller Menschen gewe-
sen, die in den Cafés ein- und ausgingen oder vielleicht gerade mit einer
Variety oder LA Times von einem Zeitungskiosk kamen. Die schillernden
Zeitungsverkäufer kannten jeden Schauspieler und Produzenten, der sei-
ne Zeitung bei ihnen kaufte. Doch rund um die Manhattan Beach Studios
war es menschenleer, nur Autos standen herum. Es gab keine Cafeteria
und keinen Park, in dem man mittags unter einem Baum einen Roman
hätte lesen können. Es gab keine Grünpflanzen oder Bäume. Die Gebäude
bestanden aus großen, viereckigen, pfirsichfarbenen Würfeln ohne schat-
tenspendenden Dachüberhang, sodass das Sonnenlicht von dem sauberen
weißen Pflaster auf die fensterlosen Blöcke zurückgeworfen wurde und
der ganze Komplex wie von Scheinwerfern erleuchtet aussah. In Kelley-
Land gab es keinen Schatten, in den man sich hätte flüchten können. Der
Komplex sah aus wie das Hauptquartier einer Forschungs- und Entwick-
lungsgesellschaft, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter dem
prüfenden Blick von Betriebsdirektoren wissenschaftliche Tests durch-
führte. Oder wie ein Gefängnis für Kleinkriminelle.
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Ich floh vor der spätvormittäglichen Sommerhitze in den Flur des klima-
tisierten Gebäudes und suchte nach einer Garderobe mit meinem Namen
an der Tür. An der ersten Tür las ich Peter MacNicol, an der nächsten
Greg Germann, und da stand er auch schon: Portia de Rossi. Ich war an-
gekommen. Es war die hübscheste Künstlergarderobe, die ich je gehabt
hatte. Sie war mit einem dunkelgrünen Sofa und einem dazu passenden
Sessel, einem Schreibtisch und einem Schreibtischstuhl ausgestattet und
hatte ein Bad mit einer Dusche. Alles war blitzsauber und brandneu. Kein
Schauspieler war je zuvor in diesem Raum gewesen. Er war steril, und das
war ebenso tröstlich wie beunruhigend. Keine Schauspielerin hatte in die-
ser Garderobe je ihre Dialoge geprobt, war vor ihrem Auftritt von Wand
zu Wand getigert oder hatte aus Langeweile oder Nervosität Zigaretten
geraucht. An diesen Wänden hatten sich noch keine Erinnerungen ab-
gelagert. Nur eine abwechselnd von Angst und Langeweile heimgesuchte
Portia de Rossi würde sich hier aufhalten, die rauchen wollte, aber nicht
durfte, und die in den Spiegeln, die die ganze Höhe der Schranktüren ein-
nahmen, ihr mit Makeln behaftetes Äußeres studierte.

Ich warf meine Tasche aufs Sofa und sah auf die Uhr. Es war halb elf. Ich war
früh dran. Um elf Uhr hatte ich Anprobe, und um zwölf kamen Make-up
und Haare an die Reihe. Meine frühzeitige Ankunft hatte weniger mit dem
Lampenfieber zu tun, das einen am ersten Tag überkommt, als vielmehr
mit meinem Aussehen. Obwohl mir schon als Kind eingebläut worden war,
dass ich zu Fotoshootings mit sauberem Gesicht und gewaschenem Haar zu
erscheinen hatte, war ich so nie am Set aufgetaucht. Lieber deckte ich fehler-
hafte Stellen ab. Ich liebte Concealer. Dieser fettige Stift mit beigefarbenem
Make-up und magischen Eigenschaften war für mich so lebensnotwendig
wie Sauerstoff. Selbst wenn ich das halbe Gesicht mit dem Zeug zugekleis-
tert hatte, sah ich immer noch so aus, als hätte ich frisch gewaschene, ma-
kellose Haut. Natürlich war die sorgfältige Anwendung von Concealer mü-
hevoll und zeitraubend (wie jeder Versuch, ein beschämendes Geheimnis
zu verbergen), und deshalb war ich eine halbe Stunde zu früh da. Ehe ich
losgefahren war, hatte ich selbstverständlich schon eine erste Schicht aufge-
bracht, um rote Flecken, dunkle Augenringe, Hautunreinheiten und Mit-
essernarben zu kaschieren. Doch die Fahrt durch die Stadt war lang, und
ich hatte vorausgesehen, dass die Hitze mein Kunstwerk an einigen Stellen
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zum Schmelzen bringen und Ausbesserungsmaßnahmen erforderlich ma-
chen würde. Zufrieden, alles in meiner Macht Stehende getan zu haben, um
den Erwartungen von Masken- und Kostümbildnerin gerecht zu werden –
die zweifellos auf eine attraktive Schauspielerin eingestellt waren –, machte
ich mich auf zur Anprobe. Ich irrte eine halbe Ewigkeit herum, weil sie in
einem anderen Gebäude untergebracht war. Schließlich fing mich eine Pro-
duktionsassistentin ab und eskortierte mich den Rest des Weges.

Die Produktionsassistentin trug Shorts und Turnschuhe (wer ist schon so
selbstbewusst, seine Beine ohne optische Verlängerung durch High Heels
zu zeigen?). Sie machte einen gehetzten Eindruck und erklärte mir, sie
habe wie eine Verrückte nach mir gesucht. Sie sagte mir, dass sie mich
um Viertel vor elf auf dem Parkplatz hatte erwarten sollen. Je länger sie
redete, umso dämlicher kam ich mir vor, weil ich so früh da gewesen war
und dann nicht mal in meiner Garderobe gewartet hatte, bis jemand mich
abholte. Verdammt. An meinem ersten Tag brauche ich nichts weiter zu
tun, als professionell zu erscheinen, mich so zu geben, als wüsste ich, was
ich tue, und schon habe ich mich verraten. Als wir die Anprobe erreich-
ten, hatte ich einen Kloß im Hals. Ich hätte mein Leben für eine Zigarette
gegeben. Was hatte eine Lesbe auch in der Rolle einer eiskalten Anwältin
zu suchen, die sich in einer der nächsten Folgen zweifellos in einen heißen
Betthasen verwandeln würde? Würde ich in ein 36er-Kostüm passen?

Ich stand auf der Türschwelle und wartete darauf, dass mich die Kostüm-
bildnerin von ihrem Schreibtisch aus zur Kenntnis nahm. Als sie sich um-
drehte und mich in der Tür stehen sah, bemerkte ich, dass sie telefonierte.

Sie gab mir durch Zeichen zu verstehen, dass ich eintreten solle. Ich über-
schritt die Schwelle und betrat den Schauplatz des Dramas, zu dem mein
Leben sich gerade entwickelte  – ein Drama, das ich selbst schrieb und
produzierte, in dem ich Regie führte und sämtliche Rollen spielte: meine
ureigene One-Woman-Show. Ich stand mitten im Zimmer auf einem klei-
nen, mit Teppich bedeckten Viereck, denn die Wände und der übrige Teil
des Raumes wurden von Kleiderständern eingenommen. Das Teppich-
viereck sah aus wie eine winzige Bühne, doch statt einem Publikum stand
ich einem Ganzkörperspiegel gegenüber.
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»Hi, ich bin Portia.« Ich streckte ihr die Hand hin und lächelte sie an, als
sie das Telefongespräch beendete und zu mir herüberkam.

»Schön, Sie persönlich kennenzulernen. Ich bin Vera. Willkommen im
Club.«

Vera und ich hatten wegen meiner Maße schon einmal miteinander tele-
foniert.

»86, 63,5, 89.«

Das klang besser als die Wahrheit, die zwischen 81 und 96,5 lag. Seit dem
ersten Gespräch mit meinen Agenten bei Team Modeling, die zu mir
gesagt hatten, ich solle sie von zu Hause aus anrufen und ihnen meinen
Brust-, Taillen- und Hüftumfang mitteilen, habe ich das Messen einge-
stellt. Damals war ich zwölf gewesen.

»81, 68,5, 94«, hatte ich dem Agenten durchgegeben.

»Bist du sicher?« Am anderen Ende der Leitung war es lange still geblie-
ben, bis die nächste Anweisung folgte. »Na gut, sag den Leuten, du hättest
86, 61, 89, okay? Und trag diese Maße auf deiner Karte ein.«

Und jetzt stand ich in der Anprobe von Ally McBeal in einem Nadel-
streifenkostüm mit kneifender Taille und großem, runden Revers vor
dem Spiegel. Alle Kostüme, die ich bis dahin anprobiert hatte, hatten
gepasst. Ich war erleichtert. Die Angst, die ich vor der Anprobe gehabt
hatte, war von mir abgefallen. Ich bewunderte mein Spiegelbild. Das
Kostüm, das ich gerade trug, gefiel mir am besten, und zwar einzig und
allein aus dem Grund, weil es Größe 34 hatte. Mir war fast schwindlig
vor Aufregung. In meiner ersten Folge von Ally McBeal würde ich Grö-
ße 34 tragen.

»Puh, ziehen Sie das aus. Das ist ja furchtbar.«

Als ich widerstrebend anfing, mich aus dem 34er-Kostüm zu schälen, ging
Vera zu ihrem Schreibtisch zurück und nahm einen großen Ordner in
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die Hand. Ich konnte sehen, dass die Blätter darin am Rand von oben bis
unten mit farbigen Etiketten und Notizen gespickt waren.

»Ich denke, die Figur, die Sie spielen, trägt nur einfarbige Kostüme. Kon-
servativ. Meinen Sie, ein Hauch Sexappeal würde zu ihr passen  – zum
Beispiel ein Schlitz in einem Bleistiftrock?«

»Hmm, sicher.« Etwas Sexappeal würde Nelle gut zu Gesicht stehen, und
ein Bleistiftrock war wohl tatsächlich die einzige Möglichkeit, einem Busi-
nesskostüm einen entsprechenden Touch zu verleihen. Aber ich machte
mir Sorgen, dass meine Hüften darin breit wirken würden.

»Was trägt sie Ihrer Meinung nach am Wochenende?«

Ich versuchte, den Anschein zu erwecken, als hätte ich mir Gedanken über
Nelles Kleidung gemacht, doch mir war klar, dass Vera sich wesentlich
eingehender mit der Figur beschäftigt hatte als ich. Aber zu meiner Über-
raschung war die Tatsache, dass sie auf alles vorbereitet war, das Einzige,
was an der ganzen Anprobe nicht nervte. Ich war so darauf konzentriert,
mich in 36er-Kostüme zu zwängen, um bei meinem ersten Auftritt in der
beliebtesten TV-Anwaltsserie möglichst perfekt auszusehen, dass ich völ-
lig vergessen hatte, darüber nachzudenken, welche Kleider den Charakter
der Figur am besten zum Ausdruck brachten. Vera klappte den Ordner zu
und legte ihn wieder auf den Schreibtisch.

»Nun, das war ein ziemlich guter Anfang. Wir suchen jetzt die Sachen für
diese Woche raus und kümmern uns später um den Rest.«

Ich schlüpfte wieder in meine Caprihosen, dankte Vera und zog weiter. Ich
verließ die Anprobe und befand mich immer noch in einer Art Schockzu-
stand, als mich die Produktionsassistentin zum Make-up-Bus geleitete. Es
verblüffte mich, dass ich aus einer Anprobe kommen und mich für etwas
anderes als meinen unvollkommenen Körper schämen konnte. Doch ich
hatte den ersten großen Anpassungstest bestanden – in doppeltem Sinn.
Nun stand mir der zweite bevor. Mein Körper hatte die Prüfung erfolg-
reich absolviert, und als Nächstes kam mein Gesicht dran.

				
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