Doku Fachtag Spuren finden Plaene schmieden by B5GpUf6N

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									               Dokumentation zum Fachtag

         „Spuren finden – Pläne schmieden“

        Biografiearbeit und Zukunftsplanung im Kontext von
                   Behinderung und Geschlecht


                                3.11.2008
                         in Kassel Wilhelmshöhe




Projekt „Frauen sind anders – Männer auch!“
Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V.
                                   Inhalt
Einleitung, Hintergrund                                                 3

Tagungsprogramm                                                         4

Fabian Schwarz
Einführung                                                              6

Ulrike Schildmann
„Herz im Korsett“? – Verhältnisse zwischen Behinderung
und Geschlecht, biografisch reflektiert                                 7

Lisa Oermann
„Es ist mein Leben!“ Biografiearbeit im Kontext von Behinderung
und Geschlecht                                                          16

Susanne Roßbach
Autobiografisch arbeiten – wie geht das?
Erfahrungen und Anregungen für die Praxis                               24

Lisa Oermann
Biografiearbeit in Gruppen unter dem Aspekt der Selbstbestimmung        33

Michael Behnisch
„Spielend weiblich, spielend männlich.“ Das Improvisationstheater:
Biografiearbeit für Frauen und Männer mit Behinderung                   36

Jo Jerg
„No Limit“ – Persönliche Zukunftsplanungen zur individuellen und inklusiven
Umsetzung von Lebensvorstellungen von Frauen und Männern mit
Behinderungserfahrung                                                    41

Jens Ehler
Meine Zukunftsplanung – eine Methode, eigene Lebenswege entwickeln
zu lernen                                                               48

Anita Grießer, Andrea Tischner
Persönliche Zukunftsplanung: Wir packen eine Schatzkiste und
schöpfen aus dem eigenen “Ich”                                          53




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                    Spuren finden - Pläne schmieden
                  Biografiearbeit und Zukunftsplanung
              im Kontext von Behinderung und Geschlecht
                    Montag, 3.11.2008 in Kassel-Wilhelmshöhe

Einleitung
Über das eigene Leben nachdenken, Erinnerungen festhalten, neue
Pläne schmieden – das ist selbstverständlich auch ein Thema für Frauen und
Männer mit Behinderung. Fachkräfte sind wahrscheinlich immer wieder einmal
gefragt, Menschen in der Erinnerung oder Planung des eigenen Lebens zu
unterstützen: Wie war das eigentlich, als Junge aufzuwachsen, wie war es als
Mädchen? Und dann noch mit Behinderung?
Was nimmt er oder sie mit aus dem bisherigen Leben für die Zukunft?
Welche Träume gibt es noch?
Wir haben interessierte Fachkräfte eingeladen zu einem Fachtag, der die Fragen
nach Herkunft, Gewordensein und Zukunft vor dem Hintergrund von Behinderung
und Geschlecht aufgreifen sollte. Welche Bildungswege wurden jungen Männern,
welche wurden jungen Frauen ermöglicht? (Wie) Sind sie jeweils an Alltagsaufgaben
herangeführt worden, welche kreativen Zukunftsspielräume werden Frauen bzw.
Männern eröffnet, die in der Lebensplanung auf begleitende Unterstützung
angewiesen sind? Welche Methoden eigenen sich, um Männer und Frauen bei der
Suche nach Schätzen und Erfahrungen aus der Vergangenheit zu unterstützen
und mit ihnen Ideen für die Zukunft zu entwickeln? Verschiedene thematische
Aspekte wurden angesprochen und Ideen für die praktische Arbeit mit Einzelnen
oder Gruppen an die Hand geben.



Hintergrund
Unter dem Titel „Frauen sind anders – Männer auch!“ führt der Bundesverband für
Körper- und Mehrfachbehinderte e.V. ein dreijähriges Projekt mit dem Ziel durch,
Konzepte zur geschlechterspezifischen Arbeit für Menschen mit Behinderung
zu entwickeln und zu erproben. Im Mittelpunkt stehen Frauen und Männer mit
Eingliederungshilfebedarf, z. B. aus betreuten Wohnformen und / oder WfbM.
Ausgangspunkt des Projekts ist die Tatsache, dass viele in erster Linie als
„behindert“ wahrgenommen werden und oft nicht als Frauen und Männer. In
regionalen Gruppen finden derzeit begleitete geschlechterspezifische Angebote statt.
Für Fachkräfte organisieren wir Tagungen wie diese, um verschiedene Themen
geschlechtersensibel zu beleuchten und Anregungen für die praktische Arbeit mit
Frauen und Männern zu bieten. Weitere Informationen zum Projekt können Sie gerne
persönlich
erfragen oder auf unserer Internetseite einsehen: www.bvkm.de




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                                  Tagungsprogramm
10.30 Ankommen, Begrüßungskaffee
11.00 Eröffnung und Begrüßung, Anne Ott + Fabian Schwarz

Vorträge
11.15 “Herz im Korsett”? Zusammenhänge von Geschlecht und
Behinderung, biographisch reflektiert
Prof. Dr. Ulrike Schildmann, Lehrstuhl Frauenforschung in
Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung, Technische
Universität Dortmund (fiel leider aus, Manuskript liegt vor)
11.45 “Es ist mein Leben!” - Biographiearbeit im Kontext von
Behinderung und Geschlecht
Lisa Oermann, Dipl. Päd., wiss. Mitarbeiterin an der Leibniz
Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik
12.15 No Limit! Persönliche Zukunftsplanungen zur individuellen und
inklusiven Umsetzung von Lebensvorstellungen von Frauen und
Männern mit Behinderungserfahrung
Jo Jerg, Professor für Inklusive Soziale Arbeit, Pädagogik der
Frühen Kindheit, Praxisforschung an der Ev. Fachhochschule
Reutlingen-Ludwigsburg
& Jens Ehler, Experte in Zukunftsplanungen, Beschäftigter in der
Werkstatt Sinsheim
13.00 Kurzvorstellung der Workshops, Imbiss & Pause

Arbeitsgruppen
14.30 Arbeitsgruppen
16.30 Berichte/Präsentationen aus den Workshops
17.00 Schluss

Ganztägig: Ausstellung (Männertreff Neue Schmiede, Bethel)


AG 1 Autobiografisch arbeiten - wie geht das?
Erfahrungen und Anregungen für die Praxis
In diesem Workshop werden verschiedene Methoden vorgestellt, mit
denen das Erinnern angeregt werden kann. Sie bekommen praktische
Ideen für die Gestaltung der biografischen Arbeit – mit allen
Sinnen!
Susanne Roßbach, Journalistin M.A. (Publizistik, Geschichte, Politikwissenschaft), Dozentin
in der Erwachsenenbildung, u.a. zum Thema Biografiearbeit

AG 2 „Es ist mein Leben“ – Biografiearbeit in Gruppen unter dem
Aspekt der Selbstbestimmung
Dieser Workshop stellt eine Konzeption zur Biografiearbeit in
Gruppen am Beispiel des Lebensbuches vor. Besondere
Berücksichtigung soll hierbei der Aspekt der Selbstbestimmung
finden. Beispielhaft werden Arbeitseinheiten vorgestellt, Methoden
erprobt sowie Chancen und Grenzen der Gruppenarbeit diskutiert. In
Bezug dazu soll auch die Rolle der Moderatorin/ des Moderators
reflektiert werden. Dieser Workshop richtet sich in erster Linie an
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem (Erwachsenen-)
Bildungsbereich.
Lisa Oermann, Dipl. Päd., wiss. Mitarbeiterin an der Leibniz Universität Hannover, Institut für
Sonderpädagogik
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AG 3 „Spielend weiblich, spielend männlich.“ Das
Improvisationstheater: Biografiearbeit für Frauen und Männer mit
Behinderung
Das Improvisationstheater (Stegreiftheater) lebt von spontanen,
kurzen und kreativen Szenen ohne vorgegebenen Text, daher auch gut
für Menschen mit Behinderung geeignet. In spielerischer, spontaner Form
kann dabei eine wichtige biografische Erinnerung noch
einmal ‚aufleben’ bzw. ein (gefahrloser, weil spielerischer) Blick
in die Zukunft gewagt werden. In diesem Workshop werden Sie
- die Grundlagen des Improvisationstheaters kennen lernen
-erfahren, warum sie sich gut als Methode in der
biografieorientierten Arbeit für Frauen und Männer mit
Behinderungen eignet
-Übungen durchführen und auswerten, die ohne weitere
Vorkenntnisse auch in der täglichen Arbeit einsetzbar sind
Dr. Michael Behnisch, Professor für Methoden und Konzepte Sozialer Arbeit an der
Fachhochschule Frankfurt am Main. Zuvor Beratungs- und Bildungsarbeit

AG 4 Persönliche Zukunftsplanung: Wir packen eine Schatzkiste und
schöpfen aus dem eigenen “Ich”
Wer bin ich? Was bin ich? Was macht mich aus? Welche Ressourcen
habe ich? Ein wichtiges Element der persönlichen Zukunftsplanung
ist es, die eigenen Möglichkeiten und die eigene Vielfältigkeit
zu erkennen und festzuhalten. Für jede(n) Teilnehmer(in) wird eine
ganz persönliche Schatzkiste geschaffen, um so evtl. einen roten
Faden zu spinnen, der beim Umsetzen eigener Ideen, Träume und Ziele
eine Orientierung geben kann. Es verspricht ein spannender
Nachmittag zu werden!
Andrea Tischner, Mensch zuerst - Netzwerk People First e.V., Weiterbildung in Persönlicher
Zukunftsplanung
Anita Grießer, Dipl. Soz.-Arb., fab e.V. (Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter),
Beratung und Unterstützung bei Persönlicher Assistenz, Seminare zu PZP

AG 5 Meine Zukunftsplanung – eine Methode, eigene Lebenswege
entwickeln zu lernen
Im Workshop werden die Erfahrungen mit der persönlichen
Zukunftsplanung von den ersten Planungsschritten über die
Durchführung bis hin zu ihren Wirkungen von Jens Ehler vorgestellt
und um die Elternperspektive von Ulrike Ehler ergänzt. In der
Zukunftsplanung geht es um Fragen wie: Wie stelle ich mir meine
Zukunft vor? Was möchte ich arbeiten? Wie möchte ich leben? Die
Erfahrungen der Zukunftsplanung werden auch unter
geschlechtsbezogenen Aspekten beleuchtet.
Jens Ehler, Experte in Zukunftsplanungen, Beschäftigter in der Werkstatt Sinsheim
Ulrike Ehler, Mutter, Erfahrungen mit Zukunftsplanungen
Jo Jerg, Professor für Inklusive Soziale Arbeit, EFH Reutlingen- Ludwigsburg. Forschung:
Lebenswelten von Menschen mit Behinderungserfahrung, Gender/Jungenalltag.




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Fabian Schwarz


Spuren finden – Pläne schmieden. Einführung

Verena Elisabeth Turin, 28 Jahre alt, aus Südtirol schreibt in der neuesten Ausgabe
des OHRENKUSS, einem Magazin von Menschen mit Down-Syndrom über ihre
Zukunftspläne:

„Einmal möchte ich heiraten und ein Kind haben. Oder Autorin, Schriftstellerin,
Chefin in einer Bibliothek, Dirigentin, Pianistin, Falknerin, Sängerin, Musikverlegerin,
Naturforscherin, Organisatorin bei Konzerten und Open Airs als Telefonistin,
Komponistin am Klavier, Arzthelferin im Krankenhaus werden.“

Mich haben drei Dinge an dieser Aussage beeindruckt:
   1. die ehrgeizigen Berufsziele
   2. die Fülle der Ideen und
   3. die wie selbstverständliche Nennung von männerdominierten Berufen wie
      Dirigentin, Musikverlegerin, Naturforscherin oder Komponistin.

Die Zukunftsideen von Frau Turin werfen für mich verschiedene Fragen auf:

      Welche Zukunftspläne sind für uns Menschen mit Behinderung realistisch?
       Wo müssen wir einerseits Grenzen akzeptieren lernen? Und wo beschränken
       wir uns andererseits unnötig und finden nicht den Mut, kühnere Ziele und
       Träume zu entwickeln?
      Welche Rolle spielt es für unsere Zukunftsideen, ob wir als Frau oder ob wir
       als Mann auf die Welt gekommen sind? Und wie fügt sich unsere Behinderung
       da ein oder liegt irgendwie quer dazu?
      Und schließlich: was gibt es in unserer eigenen Vergangenheit Nützliches und
       Gutes zu entdecken für die Gestaltung unserer Zukunft? Welche Potentiale
       bieten etwa vergangene Auseinandersetzungen mit der eigenen Behinderung
       für neue Herausforderungen?

Wir wollen uns heute auf den Weg machen, zu diesen – und daran anschließenden –
Fragen Antworten zu suchen. Als Experten in eigener Sache und bzw. oder als
Fachleute. Die Betonung liegt dabei auf Aufbruch und dem Beginn einer Suche. Ein
Fachtag ist bei weitem zu kurz, um das Thema ausführlich oder gar abschließend zu
behandeln. Wir hoffen jedoch, heute Ideen zu erhalten, wohin die weitere Reise
gehen könnte.




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Ulrike Schildmann


„Herz im Korsett“? – Verhältnisse zwischen Behinderung und
Geschlecht, biografisch reflektiert


„Herz im Korsett“


„Herz im Korsett“ (ohne Fragezeichen am Schluss), mit diesem Titel möchte ich an
eine Aktivistin der Behindertenbewegung erinnern, die im Frühjahr 2008 gestorben
ist und die vielen Menschen von ihren öffentlichen Auftritten oder Publikationen her
bekannt ist: Ursula Eggli, 1944 in der Schweiz geboren, die, wie auch einer ihrer
beiden Brüder (Christoph Eggli) an Progressiver Muskeldystrophie erkrankt war und
die sich vor diesem Hintergrund intensiv mit dem Verhältnis zwischen Behinderung
und (weiblichem) Geschlecht auseinandersetzte. Ihr erstes Buch, mit besagtem Titel,
das sie im Alter von 30 Jahren schrieb und das 1977 publiziert wurde, war ein
Tagebuch, über ein gesamtes Jahr hinweg geführt, das von einem persönlichen und
politischen Aufbruch erzählt. Ich habe dieses Buch 30 Jahre nach seinem ersten
Erscheinen zur Vorbereitung des vorliegenden Beitrags noch einmal aufmerksam
gelesen und muss sagen, die dort angesprochenen Themen haben kaum an
Bedeutung verloren. Das mag erstaunlich klingen, bewegen wir uns doch in einer
schnelllebigen Zeit, in der manche großen gesellschaftlichen Entwicklungen, vor
allem im Rahmen von Informations- und Kommunikationstechnologie, sogar
innerhalb eines einzigen Jahrzehnts die sozialen Verhältnisse zwischen den
Menschen und vor allem die Kommunikationsstrukturen erheblich zu verändern
scheinen.


Ursula Egglis Tagebuch ist ein (auto-)biografisches Zeugnis über das Verhältnis
zwischen Behinderung und Geschlecht. Die dreißigjährige Frau beschäftigt sich mit
Themen, die einer 30jährigen Frau altersgemäß sind,
   -   etwa mit weiblicher Attraktivität, mit Liebe und verliebt sein,




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   -   mit dem Experiment, in einer Wohngemeinschaft mit Gleichgesinnten – im
       diesem Falle behinderten und nicht behinderten Menschen – zusammen zu
       leben,
   -   mit der Sorge um eine 15jährige Pflegetochter, die ihr auf mehr oder weniger
       zufällige Weise anvertraut wurde,
   -   mit Bildung, beruflicher und politischer Tätigkeit usw.


Es sind Themen, die uns allen bekannt sind, weil sie die Strukturen und
Anforderungen der modernen Gesellschaft repräsentieren, und weil sie dem
entsprechend unsere, je individuelle, biografische Selbstreflexion beeinflussen und
strukturieren.


Aber warum nannte Ursula Eggli ihr Buch „Herz im Korsett“, und was ist daran noch
aktuell? Ursula Eggli benötigte wirklich ein Korsett, Korsettstangen, die ihren Körper
in sitzender Position einigermaßen aufrecht hielten, Korsettstangen, die sie aber
auch drückten, ihr Schmerzen bereiteten. Darüber hinaus haben wir es aber wohl
hauptsächlich mit einer Metapher zu tun. Das „Herz im Korsett“ ist ein Bild, das den
inneren Zustand, die inneren Nöte der Autorin wiedergibt. Sie ist eine Frau, die nicht
den Normen der Gesellschaft entspricht. Basierend auf einer progressiven
Muskelerkrankung, die in früheren Jahrzehnten oft schon zu einem frühen Tod
führte, ist sie anderen, besonderen gesellschaftlichen Kontrollmechanismen und
Sanktionen ausgesetzt als Mädchen und Frauen, die die durchschnittlichen
Erwartungen erfüllen und repräsentieren. Sie durfte keine reguläre Schule besuchen,
sondern ging in eine Heim-Sonderschule, ohne dass dabei die ihr eigene Intelligenz
besonders berücksichtigt worden wäre, und ihre – sozusagen berufliche – Arbeit als
erwachsene Frau bestand darin, für den Verkauf bestimmte Kleiderbügel schön zu
bemalen (eine traditionell typische Beschäftigung für Behinderte: Gebrauchs- oder
Dekorationsgegenstände des täglichen Lebens herzustellen, die zumeist nur auf
besonderen Wegen an die Kundschaft gebracht werden, auf Märkten, an Haustüren
etc.). Und kein Mitglied der Mehrheitsgesellschaft – das kommt erschwerend hinzu –
erwartet und geht davon aus, dass sie als behinderte Frau einen Mann findet,
heiratet, Kinder bekommt, wie das durchschnittlich im Leben von Frauen üblich ist
(oder war).


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Also wohin dann mit der Liebe, dem verliebt sein in Männer, die selbst eher
erschrecken als sich geschmeichelt zu fühlen und die Liebe zu erwidern, die ihnen
entgegen gebracht wird? Darüber zu schreiben – sei es nur für sich selbst oder auch
für ein Publikum, das die sozialen Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft
repräsentiert und glaubt, behinderte Frauen seien keine liebenden Subjekte, sondern
Neutren – darüber zu schreiben, war vor 30 Jahren und ist auch heute noch mutig!
Das „Herz im Korsett“ von Ursula Eggli ist eine ehrliche Auskunft über die
Gefühlslage einer jungen behinderten Frau und ebenfalls darüber, auf welche
sozialen Ausschlussverfahren die – wenngleich demokratisch und auf soziale
Gleichberechtigung angelegte – moderne Gesellschaft zurückgreift, wenn es darum
geht, Normalität herzustellen und zu sichern. Leistungsfähigkeit, Gesundheit und
Intelligenz sind drei wesentliche Felder, auf denen die moderne Gesellschaft klärt,
was sie für normal bzw. für nicht normal hält. Wer den Erwartungen nicht standhalten
kann, dem droht gesellschaftliche Besonderung, sozialer Ausschluss.




Verhältnisse zwischen Behinderung und Geschlecht


Ich habe bisher über eine behinderte Frau gesprochen, die den Mut hatte, ihre Innen-
sowie Außensicht auf den Zusammenhang zwischen weiblichem Geschlecht und
Behinderung zu beschreiben und zu reflektieren. Aber lassen sich ihre Ansichten und
Beobachtungen überhaupt verallgemeinern? Im engeren, individuellen Sinne wohl
nicht, aber im weiteren, sozialen Sinne?


Zwei – sich widerstrebende – Thesen stehen im Raum:
   1. Häufig wird behauptet, Menschen mit unterschiedlichen
      Schädigungsformen/Behinderungen ließen sich doch gar nicht miteinander
      vergleichen. Insbesondere körperlich und geistig behinderte Menschen hätten
      grundverschiedene Problemlagen, aber auch Blinde und Gehörlose etc.
   2. Häufig wird darüber hinaus – und gewissermaßen aber auch dem entgegen –
      behauptet, ob nun ein Junge oder ein Mädchen, ein Mann oder eine Frau
      behindert sei, sei doch egal, das Geschlecht spiele bei all den Problemlagen
      im Zusammenhang mit Behinderung keine besondere Rolle.

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Ohne hier theoretisch weit ausholen zu wollen, ist doch in Kürze festzuhalten, dass
1. von der Mehrheitsgesellschaft zweifellos einige soziale Unterschiede zwischen
   den verschiedenen Behinderungsarten gemacht werden, und zwar in Anlehnung
   daran, welche durchschnittliche Leistungsfähigkeit bzw. Leistungseinschränkung
   angesichts der unterschiedlichen Behinderungsformen zu erwarten ist. Bekannt
   sind vielleicht die „Ärztlichen Anhaltspunkte“, nach denen im Rahmen des
   Schwerbehindertenrechtes der „Grad der Behinderung“ (zwischen 50 und 100
   Prozent) festgelegt wird. Grundsätzlich geht aber diese Gesellschaft davon aus,
   dass intellektuelle Einschränkungen schwerer wiegen als körperliche. Dahinter
   steckt die Auffassung, körperliche Ausfälle könnten – in einer hoch technisierten
   Welt – eher kompensiert werden als mentale und intellektuelle Ausfälle. Dem
   Intellekt wird in der vernunftorientierten Moderne größte Bedeutung
   zugeschrieben. Auf diese Weise kommt auch die Behindertenhierarchie zwischen
   Sinnesgeschädigten, Körperbehinderten und Geistigbehinderten zustande.
2. Der Begriff der Zuschreibung ist auch für die sozialen Verhältnisse zwischen den
   Geschlechtern wegweisend. Wurde Männern seit Beginn der Moderne, also von
   der Aufklärung an, vor allem Vernunftbegabung zugeschrieben, so erhielten
   Frauen die Zuschreibung, vor allem gefühlsorientiert zu sein. Obwohl dabei
   Vernunft und Gefühl als zusammengehöriges Paar verstanden wurde, erhielt
   doch das männliche Attribut eine höhere Bedeutung und soziale Akzeptanz als
   das weibliche. Ähnliche Bipolaritäten, die auf die Geschlechter angewandt
   werden, sind: stark – schwach, aktiv – passiv etc. Die Ergänzung so genannter
   männlicher und weiblicher Eigenschaften zu einem Ganzen wurde auf diese
   Weise ungleich gebrochen. Das männliche Prinzip wurde historisch zum
   Wesentlichen erhoben, das weibliche Prinzip zur (wenn auch notwendigen)
   Ergänzung dieses Wesentlichen. So ist auch das Begriffspaar des Allgemeinen
   und des Besonderen zu erklären, wobei das Männliche häufig unhinterfragt als
   das Allgemeine gilt, das Weibliche als das Besondere.
3. Hier wiederum treffen die Besonderung des Weiblichen und die Besonderung des
   so genannten nicht Normalen (allgemein Männlichen) zusammen. Wenn zwei
   soziale Besonderheiten – in unserem Falle Weiblichkeit und Behinderung –
   zusammentreffen, dann ist damit zu rechnen, dass sie sich gegenseitig
   verstärken, potenzieren. Vor diesem theoretischen Hintergrund ist auch der

                                                                                      10
   Begriff der „doppelten Diskriminierung“ entstanden, den die Frauen der
   Behindertenbewegung in den 80er Jahren kreierten und den Julia Zinsmeister
   analytisch richtig als „mehrdimensionale Diskriminierung“ bezeichnet.


Das heißt, Behinderung und Geschlecht verstärken sich gegenseitig negativ. Dafür
gibt es verschiedenste Beispiele, etwa aus dem Bereich der
geschlechterspezifischen Arbeitsteilung, worauf aber an dieser Stelle nicht näher
eingegangen werden kann. Wichtig festzuhalten ist an dieser Stelle: Den Maßstab für
das, was die Gesellschaft behinderten Männern zutraut und zugesteht, gibt im
Wesentlichen der statistisch durchschnittliche nicht behinderte Mann ab. Den
Maßstab für das, was die Gesellschaft behinderten Frauen zutraut und zugesteht,
stellt die statistisch durchschnittliche nicht behinderte Frau dar. Wenn es um die
soziale Konkurrenzfähigkeit geht – diese ist aus der modernen Leistungsgesellschaft
nicht wegzudenken – dann sind behinderte Frauen in der vergleichsweise
schlechteren Position sowohl nicht behinderten Frauen als auch behinderten
Männern gegenüber. Das muss nicht in jedem individuellen Fall so sein, erscheint
aber im (statistischen) Durchschnitt so, und zwar aufgrund allgemeiner sozialer
Strukturen, die die moderne Gesellschaft konstituieren, die aber – das sollte an
dieser Stelle betont werden – nicht unverrückbar sind, sondern historisch
veränderlich. Darin besteht eine Perspektive, die individuell, also von einzelnen, aber
auch kollektiv, d.h. im Zusammenschluss Gleichgesinnter, eingeschlagen werden
kann. Die Frauenbewegung und die Behindertenbewegung sind solche
Zusammenschlüsse Gleichgesinnter, die auf soziale Veränderungen abzielen und in
diesem Sinne Emanzipationsbewegungen sind.




Verhältnisse zwischen Behinderung und Geschlecht, biografisch reflektiert


Ich hatte am Anfang meines Beitrags über eine behinderte Frau gesprochen, die den
Mut hatte, ihre Innen- sowie ihre Außensicht auf den Zusammenhang zwischen
weiblichem Geschlecht und Behinderung darzulegen. Im zweiten Schritt habe ich
dann versucht, einen gesellschaftlich strukturellen Zusammenhang zwischen
Behinderung und Geschlecht herzustellen, um zu zeigen, wie sich die individuellen,
biografischen Erfahrungen gesellschaftlich einbinden lassen. Ich will nun

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zurückkommen zur biografischen Erfahrung und mich der Bedeutung der
biografischen Selbstreflexion intensiver zuwenden.


Die biografische Selbstreflexion ist zunächst einmal ein kognitiver und emotionaler
Vorgang, der für unsere Persönlichkeitsentwicklung prinzipiell wichtig ist. Um in
einzelnen Situationen zu entscheiden, wie wir uns in einer vorgegebenen Situation
verhalten wollen, welchen Weg wir einschlagen und welchen anderen Weg wir damit
ausschließen, müssen wir unser Vorhaben, unsere Tätigkeit mit einem Sinn belegen.
Welchen Sinn macht es für mich, dieses zu tun und jenes zu lassen? Die Frage nach
dem Sinn hängt aber eng zusammen mit dem, was wir in unserem Leben bereits
erlebt haben. Welches Verhalten, welche Einstellung hat sich als erfolgreich
erwiesen und macht – in diesem Verständnis – Sinn? Häufig sind uns diese
Entscheidungshintergründe nicht bewusst, aber in wichtigen Lebenssituationen
fragen wir uns ganz direkt und bewusst: Was macht Sinn in dieser meiner Lage? Wie
soll ich mich entscheiden zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten? Hier hat die
biografische Selbstreflexion ihren Platz: Woher komme ich, wo stehe ich heute (und
warum), und: wie soll es für mich weitergehen? Das sind die zentralen Fragen, vor
die wir alle – früher oder später, gelegentlich oder häufiger – gestellt werden.


In dem hier zu erörternden Zusammenhang von Behinderung und Geschlecht sind
dabei verschiedenste Komponenten zu bedenken: Manche Menschen werden an
ihrer biografischen Selbstreflexion gehindert, weil die Gesellschaft ihnen keine
eigenständigen Entscheidungen zutraut. Behinderten Menschen werden in unserer
gesellschaftlichen Tradition eigene Entscheidungen „abgenommen“: sie sollen nicht
selbst entscheiden, vielmehr wird für sie entschieden. Das trifft vor allem auf solche
Menschen zu, die nicht selbst bestimmt leben, sondern in einem eher
fremdbestimmten Rahmen, etwa einer Institution, in der auf individuelle Wünsche
ggf. wenig Rücksicht genommen wird. Unter bestimmten Bedingungen wird also ggf.
biografische Selbstreflexion (systematisch) verhindert, und die betreffenden
Personen werden in ihrer Selbstentfaltung behindert.


Wenn aber manche Menschen an ihrer biografischen Selbstreflexion gehindert
werden, dann geschieht dies häufig in einer subtilen geschlechterspezifischen
Weise. Eine zentrale Frage, an der das deutlich gemacht werden kann, lautet: Sollen

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behinderte Frauen Kinder in die Welt setzen? Für behinderte Männer wird diese
Frage so nicht gestellt und gedacht, vielleicht vor allem deshalb, weil sie ja selbst
nicht schwanger werden. Auch die Frage der Sterilisation wird – zumindest heute –
sehr geschlechterspezifisch gestellt… Hier kommt nicht zufällig die eigene
Herkunftsfamilie ins Spiel, die wichtige soziale Entscheidungen trifft, Lebenswege
vorzeichnet und Perspektiven eröffnet oder verhindert. Unsere eigene
Herkunftsfamilie spielt mit ihren jeweils unterschiedlichen Personen- und
Problemkonstellationen eine große Rolle für unsere Persönlichkeitsentwicklung und
biografische Selbstreflexion. Welche Gedanken lassen meine Eltern zu, welche sind
offen kommunizierbar – gegen welche Ideen und Vorstellungen aber sträubt sich die
eigene Familie und verhindert, dass diese überhaupt ausgesprochen werden?


Ich glaube, es ist deutlich geworden, dass die biografische Selbstreflexion zur
Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Individuums gehört, dass sie einerseits
gepflegt werden kann und auch muss, um Entwicklungen zu ermöglichen, dass sie
andererseits aber auch in die Gefahr geraten kann zu verkümmern. Davor müssen
wir sie behüten. Wie können wir das tun?


Meinen Beitrag habe ich nicht zufällig mit dem Hinweis auf das Buch „Herz im
Korsett“ von Ursula Eggli begonnen. Bei diesem Buch handelt es sich um ein
TAGEBUCH, das ein Jahr lang geführt wurde und, wie gesagt, von einem
persönlichen und politischen Aufbruch berichtet. Das Tagebuch bietet eine
grundlegende Möglichkeit zur biografischen Selbstreflexion. Es kann so angelegt
sein, dass es meine geheimsten Wünsche und Gedanken beinhaltet und – im ganz
engen Sinne der biografischen Selbstreflexion – nur für mich selbst bestimmt ist. Es
kann aber auch, je nach meinem eigenen Bedürfnis, so angelegt sein, dass andere,
mir nahe stehende Personen – oder auch mir unbekannte Menschen – es zu lesen
bekommen könnten… Ein Tagebuch sollte aber auf jeden Fall die Funktion erfüllen,
dass ich selbst es wage, meine Gedanken und Gefühle niederzuschreiben, zu
strukturieren, um mir auf diesem Wege Klarheit zu verschaffen: Was erscheint mir
selbst für mich richtig – wie beschreibe ich meine Situation, wie ist es dazu
gekommen, und wie möchte ich, dass es weitergeht? Bei meiner biografischen
Selbstreflexion kann ich natürlich auch auf Vorlagen und Vorbilder zurückgreifen:
eben auf autobiografische Materialien anderer Menschen, die in einer ähnlichen

                                                                                        13
Lage sind oder waren wie ich. Dazu zähle ich nicht nur schriftliches Material, also
etwa (Auto-)Biografien oder Gedichte, sondern auch Bilder, Skulpturen u. ä.; denn
wir können unsere Gefühle und Fragestellungen ja auch bildnerisch ausdrücken.
Eine der großen Künstlerinnen, die das konnte, ist die mexikanischer Malerin Frida
Kahlo, die den Mut hatte, ihre Weiblichkeit verbunden mit ihrer schweren
körperlichen Behinderung immer wieder bildnerisch darzustellen und die als „Malerin
der Schmerzen“ (Hayden 1997) weltberühmt geworden ist. Es gibt also verschiedene
Möglichkeiten, biografische Selbstreflexion zu erlernen und zu pflegen.


Literatur

Bretländer, Bettina: Kraftakte: Lebensalltag und Identitätsarbeit körperbehinderter
Mädchen und junger Frauen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007.

Bretländer, Bettina (Redaktion) (2007): Betrifft Mädchen. Themenheft: Verschieden
ist normal! Mädchen und Behinderung. Jg. 20, Heft 4/2007.

Bretländer, Bettina, Ulrike Schildmann (2004): Geschlecht und Behinderung:
Prozesse der Herstellung von Identität unter widersprüchlichen Lebensbedingungen.
In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 73, Heft I3/2004,
S. 271-281.

Eggli, Ursula: Herz im Korsett. Tagebuch einer Behinderten. Gümlingen (Zytglogge)
1977.

Hayden, Herrera; Frida Kahlo: Malerin der Schmerzen. Rebellin gegen das
Unabänderliche. Frankfurt a. M. (Fischer) 1997.

Schildmann, Ulrike (2006): Geschlecht und Behinderung, in: Aus Politik und
Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B8/2003 vom 17. Febr.
2003, S. 29-35. Abrufbar auch über: http://www.bpb.de/files/Q72JKM.pdf [1.2.2006].

Schildmann, Ulrike, Bettina Bretländer (2000): Frauenforschung in der
Behindertenpädagogik. Systematik – Vergleich – Geschichte – Bibliographie. Ein
Arbeitsbuch. Münster: LIT.

Zinsmeister, Julia: Mehrdimensionale Diskriminierung. Das Recht behinderter Frauen
auf Gleichberechtigung und seine Gewährleistung durch Art. 3GG und das einfache
Recht. Baden-Baden: Nomos Verlag 2007.



Anschrift der Verfasserin:
Prof. Dr. Ulrike Schildmann
Frauenforschung in Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung
Technische Universität Dortmund
                                                                                      14
Emil-Figge-Straße 50,
D-44227 Dortmund
Mail: ulrike.schildmann@tu-dortmund.de




                                         15
Lisa Oermann


„Es ist mein Leben!“ Biografiearbeit im Kontext von Behinderung
und Geschlecht (Power Point Präsentation)


Folie 1: Biographiearbeit mit älteren Frauen und Männern mit geistiger
       Behinderung, die im Elternhaus leben
Zielgruppe
Problemlagen
Motivation
Biographiearbeit
Geschlecht

Folie 2: Mein Lebensbuch
Ziele:
1.Lebensqualität sichern
2.Eigensinn fördern

Vier Kategorien des Lebensbuches

Folie 3:
1.Über mich
1.1.Rahmendaten:
Name
Geburtstag
Wohnort
1.2.Wichtige Menschen
1.3. Meine Gefühle

Folie 4:
   2. Dinge, die ich tue
2.1. Freizeit
2.2. Hobbys
2.3. Urlaube


Folie 5:
3. Meine Fähigkeiten

3.1. Morgens
3.2. Abends
3.3. Im Bad
3.4. Bei den Mahlzeiten
3.5. Mobilität
3.6. Saubermachen
3.7. Sicherheit
3.8. Kommunikation
                                                                         16
Folie 6:
   4. Zu meiner Gesundheit
4.1. Medikamente
4.2. Ärzte
4.3. Krankheiten

Folie 7: Biographiearbeit mit dem Lebensbuch
1. Lebensqualität sichern
2. Eigensinn fördern

… und welche Bedeutung hat das Geschlecht?
„Alter“ dominiert „Geschlecht“
„(Geistige) Behinderung“ dominiert „Geschlecht“

Folie 8: „Als Frau geistig behindert sein“
Andrea Friske 1995
Für nichtbehinderte Frauen gilt:
Hausarbeit statt Erwerbsarbeit
Gebärzwang
Sterilisation muss erkämpft werden
Abtreibung ist verboten (Zwangsheterosexualität)
Für (geistig) behinderte Frauen gilt:Erwerbsarbeit statt
HausarbeitEheverbotGebärverbotZwangssterilisation Abtreibung ist
geboten(Zwangshomosexualität)

Folie 9: Schwierigkeiten und Erfahrungen mit Biographiearbeit mit älteren
         Frauen mit geistiger Behinderung im Elternhaus

Besondere Schwierigkeiten
Eingeschränkte Möglichkeiten, „normale“ Geschlechtsrollen zu leben
Unerfüllte/ nicht mehr erfüllbare Bedürfnisse/ Wünsche
Erfahrungen
„erlaubte“ Geschlechtsrollen intensiv gelebt
Bindungen zu jüngeren Verwandten von großer Bedeutung

Folie 10: ES IST MEIN LEBEN!
          Implikationen für eine frauenorientierte Biographiearbeit mit älteren
          Frauen mit geistiger Behinderung

Bestehende Bindungen hervorheben
„geschlechterspezifische Kompetenzen“ erkennen und ausbauen
Wertschätzung der individuellen Geschlechterkonzepte
Individuellen Relevanzen nachgehen

Literaturauswahl zu den Themen Alter, Biographiearbeit und Geschlecht.
Bigby, C.: Ageing with a lifelong disability. London und Philadelphia 2004
Bleeksma, M.: Mit geistiger Behinderung alt werden. Weinheim und Basel 1998
Bretländer, B.; Schildmann, U.: Geschlecht und Behinderung: Prozesse der
Herstellung von Identität und widersprüchlichen Lebensbedingungen. In:
Vierteljahreszeitschrift für Heilpädagogik 3/2004 (73.Jg.), 271-281

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Friske, A.: Frauen mit geistiger Behinderung. Eine Lebenswirklichkeit in
Widersprüchen. In: Geistige Behinderung 3/ 1996, 233-240
Friske, A.: Als Frau geistig behindert sein. Ansätze zu frauenorientiertem
pädagogischen Handeln. München und Basel 1994
Griese, B.; Griesehop H.R.: Biographische Fallarbeit: Theorie, Methode und
Praxisrelevanz. Wiesbaden 2007
Haveman, M.; Stöppler, R.: Altern mit geistiger Behinderung. Grundlagen und
Perspektiven für Begleitung, Bildung und Rehabilitation. Stuttgart 2004
Kuhlmey, A.; Mollenkopf, H.; Wahl, H.-W.: Gesund altern – ein lebenslauforientierter
Entwurf. In: Wahl, H.-W.; Mollenkopf, H. (Hrsg.): Alternsforschung am Beginn des 21.
Jahrhunderts. Berlin 2007, 265-274
Magrill, D.; Sanderson, H.; Short, A.: Person-centred approaches and older families.
London 2005
Möller, S.: Exkurs: Die Bedeutung der Biografie und Biografiearbeit. In:
Landesverband Nordrhein-Westfalen für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V.: Den
Ruhestand gestalten. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung.
Düsseldorf 2004, 73-83
Lindmeier, C.: Biografiearbeit mit geistig behinderten Menschen. Ein Praxisbuch für
die Einzel- und Gruppenarbeit. Weinheim und München 2006. 2. Auflage
Lindmeier, C.: Die Situation von alten Menschen mit Behinderung in der
Bundesrepublik Deutschland. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft
2/2006 (29.Jg.), 56-71
Opitz, H.: Biographie-Arbeit im Alter. Würzburg 1998
Schildmann, U.: Verhältnisse zwischen Behinderung und Geschlecht in der
Lebensspanne. In: Vierteljahreszeitschrift für Heilpädagogik 1/2006 (75.Jg.), 13-34
Skiba, A.: Altern: Biographie und Geschichte. Geschichtsdidaktische Perspektiven
der Erinnerungsarbeit mit alten Menschen. Regensburg 1997
Skiba, A.: Älterwerden von Menschen mit Behinderungen – Herausforderungen für
die Einrichtungen. In: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit 2/2004 (55.Jg.), 42-48
Theunissen, G.: Altenbildung und Behinderung. Impulse für die Arbeit mit Menschen,
die als lern- oder geistig behindert gelten. Bad Heilbrunn/ Obb. 2002




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AG 1
Susanne Roßbach

Autobiografisch arbeiten – wie geht das?
Erfahrungen und Anregungen für die Praxis

1. Einleitung
Der erste Schwerpunkt meiner beruflichen Tätigkeit ist die Arbeit als Dozentin an
einer politischen Akademie. Dort unterrichte ich Schüler der 9. und 10. Klasse zum
Thema „Zweiter Weltkrieg“. Dabei ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, die
Erinnerungen der Kriegsgeneration zu bewahren. Dadurch wird Geschichte lebendig.
Es ist etwas anderes, ob man im Geschichtsbuch liest: „Die Menschen hatten nach
dem Krieg Hunger“, oder ob die Oma erzählt, dass sie eine Leberwurst aus Fett,
Majoran und Sägespänen hergestellt hat, um überhaupt etwas in den Magen zu
bekommen.

So kam ich zum zweiten Schwerpunkt meiner Arbeit: Ich bin Dozentin in der
Erwachsenenbildung, d.h., ich leite in Kursen zum Autobiografischen Schreiben an.
Ziel dieser Kurse ist es, Alltagsgeschichte zu bewahren, aber auch, Angehörigen der
Kriegsgeneration die Gelegenheit zu geben, sich auszutauschen. Viele alte
Menschen leiden noch heute unter den schrecklichen Erlebnissen der Kriegszeit.
Direkt nach dem Krieg waren sie damit beschäftigt, sich ein neues Leben
aufzubauen. Dann kamen die Kinder, der Beruf. Sie hatten gar nicht die Zeit, sich mit
den Erlebnissen eingehender zu beschäftigen. Doch jetzt, im Alter, werden sie häufig
von den Erinnerungen eingeholt.


2. Was ist Biografiearbeit und welche Ziele verfolgt sie?
Der Begriff Biografiearbeit wird vielfältig gebraucht:

Biografiearbeit in der Altenpflege ist oft eine Art Gedächtnistraining. Es werden
Erinnerungen geweckt und ausgetauscht. Es kann auch gelingen, längst vergessen
geglaubte Erinnerungen wieder ins Gedächtnis zurück zu holen. Die Kommunikation
zwischen den Erzählenden oder zwischen Bewohnern einer Einrichtung und dem
Pflegepersonal wird gefördert. Diese Form der Biografiearbeit ist vorwiegend
mündlich, entweder in Einzelgesprächen oder in Gruppen.

Im Umgang mit behinderten Menschen hat die Biografiearbeit auch zum Ziel, den
behinderten Menschen der Außenwelt vorzustellen, z.B. beim Wechsel in eine neue
Einrichtung. Die neuen Betreuerinnen und Betreuer sollen ein Lebensbild des Kindes
vermittelt bekommen, wenn es nicht selber in der Lage ist sich darzustellen. Dazu
kann man z.B. ein Buch erstellen, in dem alles vermerkt ist, was diese einzigartige
Person ausmacht; ihre Vorlieben, ihre Abneigungen. Oder man kann eine Kiste für
diese Person anlegen, in der die Dinge verwahrt werden, zu der der behinderte
Mensch einen besonderen Bezug hat.

Daneben dient ein solches Buch auch dazu, die Familie im Bewusstsein des
behinderten Menschen präsent zu halten. Gerade, wenn er lange Zeit in einer
Einrichtung lebt: Das ist unser Hund, das sind meine Geschwister, so sieht unser
Haus aus. Ganz praktisch: Es empfielt sich, solche Lebensbücher besonders
                                                                                   19
widerstandsfähig zu gestalten, z. B. Die Fotos zu laminieren. Dadurch gewinnen die
Seiten an Stabilität und sind für die behinderten Menschen einfach besser greifbar.
Zudem können sie problemlos feucht abgewischt werden.

Bei meiner Variante der Biografiearbeit habe ich mit sehr agilen Senioren zwischen
60 und 80 zu tun, die größtenteils noch selbständig oder im betreuten Wohnen leben.
Ihr Anliegen ist es, Kindern und Enkeln etwas von ihrem Leben zu vermitteln,
Erinnerungen aufzuschreiben und damit zu bewahren. Hier steht die schriftliche
Form im Vordergrund. Dazu treffen wir uns in der Regel alle 14 Tage bei einem VHS
Kurs. Im nächsten Semester biete ich einen solchen Kurs „Autobiografisches
Schreiben“ auch in Kooperation mit den Seniorenheimen der Awo an.
Diese Art der Biografiearbeit ist ein angeleitetes Erinnern. Die Beschäftigung mit der
Vergangenheit ist eine Art der Selbstvergewisserung, der Suche nach der eigenen
Identität. Sie will die Fragen beantworten: Wie bin ich so geworden, wie ich heute
bin? Was hat mich auf meinem Lebensweg geprägt? Und damit steht diese Arbeit
auch immer im Bezug zur Gegenwart und zur Zukunft. Wo komme ich her, wo stehe
ich und wo will ich hin?

Ganz praktisch:
Eine 61jährige Frau erinnert sich an den Großvater, der in ihr die Liebe zur Natur
geweckt hat und schlussfolgert für sich: „Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind,
möchte ich mich engagieren und denke daran, bei einer Organisation mitzuarbeiten,
die auf Naturschutz achtet.“
(Barbara Kerkhoff, Anne Halbach: Biografisches Arbeiten, Hannover 2002, S. 6)

3. Abgrenzung zur Therapie
Im Unterschied zur Therapie entscheidet der Erzählende selbst, was er erzählt und
wie tief er dabei gehen möchte. Es wird nicht weiter nachgefragt, wenn der
Teilnehmer nicht mehr erzählen möchte. Es geht nicht um die Bewältigung von
Vergangenheit. Dennoch hilft es den Teilnehmern oft schon, bedrückende
Erlebnisse, z.B. aus Kriegszeiten, in Worte zu fassen und von anderen Teilnehmern
zu hören, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

4. Die Rolle der Kursleitung
Bei der Biografiearbeit übernimmt die Kursleitung die Rolle der Moderation. Sie gibt
Anregungen für ein angeleitetes Erinnern und schlägt in Absprache mit den
Teilnehmern Themen vor. Sie sollte für ein angenehmes Kursklima sorgen, dazu
gehört, dass jede/r zu Wort kommt. Die TeilnehmerInnen sollen sich so wie sie sind
angenommen fühlen. Dazu gehört auch, dass das Erzählte nicht bewertet werden
sollte, weder von der Kursleitung, noch von den anderen Teilnehmenden („Na ja, so
schlimm war das doch gar nicht. Da haben andere viel Schlimmeres durchgemacht.“)
In dem Zusammenhang muss die Kursleitung mit viel Einfühlungsvermögen auch
schon mal Teilnehmende vor Kritik, Bewertungen oder zu viel Tiefe schützen.
Hilfreich kann es sein, wenn sich die Kursleitung Kenntnisse über die historischen
Hintergründe der Kriegs- und Nachkriegszeit angeeignet hat. Eine weitere Aufgabe
ist es, Probleme, die während des Kurses auftreten, aufzufangen.

5. Arten der Biografiearbeit
In diesem Workshop habe ich vorgestellt, wie ich die Teilnehmenden meiner Kurse
bei ihrem Vorhaben unterstütze, eine eigene Biografie zu verfassen. Es sind fast
durchweg agile Senioren, die zum Teil schon Schreiberfahrung haben, die aber ein
                                                                                   20
so großes Projekt, wie die eigene Biografie, nicht alleine angehen wollen. Für alle
ergibt sich das gleiche Handicap: Schreiben mit der Hand ist anstrengend. Wenn Sie
mit Menschen arbeiten, die nicht oder nur sehr eingeschränkt schreiben können,
dann lassen sich meine Anregungen auch in anderer Form anwenden, z.B. indem
man ein Erzählcafé anbietet oder die Teilnehmenden ihre Erinnerungen auf Band
sprechen und man diese später verschriftlichen lässt.

Es gibt auch andere Arten der Biografiearbeit:

    malen; z.B. einen Grundriss des Hauses zeichnen, in dem man aufgewachsen
     ist

    Collagen schaffen, z.B. Was lieben Sie am Winter?

    Szenen aus dem eigenen Leben schreiben und ggf. nachspielen

6. Praktische Tipps für die Teilnehmenden, bevor es ans Schreiben geht:
    ● Zunächst sollten die TeilnehmerInnen sich fragen: Was ist wichtig? Was möchte
    ich weitergeben? Was soll von mir, von meinem Leben erhalten bleiben? Legen
    Sie eine Liste mit Themen, Ereignissen, Menschen an, über die Sie unbedingt
    schreiben wollen. Legen Sie diese Liste beim Schreiben neben sich, dann können
    Sie Ideen, die Ihnen während der Arbeit kommen, gleich festhalten.

   ● Nichtlange herumgrübeln, einfach drauf los schreiben. Jeder Text kann später
   überarbeitet werden, aber erst mal muss was auf 's Papier.

   ● IhreSätze sind zu lang, zu kurz, nicht elegant genug? Machen Sie sich nicht zu
   viele Gedanken über den Stil. Schreiben Sie so, wie sie selber reden würden.
   Versuchen Sie nicht, sich besonders gewählt auszudrücken, um Eindruck zu
   schinden. Das klingt meist nur künstlich. Wenn Ihre Enkel die Erinnerungen von
   Oma Anne lesen, dann soll das auch klingen wie von Oma Anne und nicht wie
   von Thomas Mann.

   ● Esist nicht unbedingt notwendig, ein Leben chronologisch von der Geburt an
   „abzuarbeiten“. Legen Sie in einem Aktenordner ein „Inhaltsverzeichnis“ Ihres
   Lebens an:. Machen Sie eine Zeittafel mit allen wichtigen Daten und evtl. Orten.
   Dann können Sie die Themen, die Ihnen wirklich wichtig sind nacheinander
   bearbeiten und dann in der richtigen Chronologie im Ordner abheften. So entsteht
   nach und nach ein Buch Ihres Lebens. Zudem haben Sie die Möglichkeit, andere
   Dinge dazu zu heften, Briefe, Bilder, Zeitungsausschnitte etc.

   ● Siewissen nicht mehr, wann genau ein Ereignis stattgefunden hat?
   Verschwenden Sie keine Zeit mit der aufwändigen Recherche von Daten. Ihre
   persönlichen Erlebnisse und Eindrücke sind viel wichtiger.

7. Organisation der autobiografischen Arbeit
In meinen Kursen waren bis zu 10 Teilnehmer, ein Treffen dauerte in der Regel 90
Minuten. Begonnen habe ich die Treffen oft mit Übungen aus dem
Gedächtnistraining, um sich mental warm zu laufen. Z.B. „Gefüllte Kalbsbrust“: Die
einzelnen Buchstaben eines Wortes werden auf einem Blatt Papier untereinander

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geschrieben. Einmal links in der richtigen Reihenfolge und einmal rechts in
umgekehrter Reihenfolge. Z.B.


O              R
F              H
E              O
N              R
R              N
O              E
H              F
R              O

Nun sollen die Teilnehmer die Zwischenräume mit passenden Buchstaben füllen,
also beim ersten Buchstabenpaar z.B. OHR.

Sehr beliebt war auch das Spiel „Ich packe meinen Koffer“. In der verschärften
Variante haben wir gemeinsam eine Geschichte erfunden. Einer beginnt mit einem
Satz, der zweite muss den Satz wiederholen und einen weiteren anhängen, usw.

Nach diesen mentalen Lockerungsübungen folgte die Hinführung zum eigentlichen
Thema des Treffens. Um Erinnerungen anzuregen, gibt es verschiedene Methoden,
die ich in der anschließenden Ideensammlung nach den Sinneseindrücken geordnet
habe.

Für die allererste Stunde mit einer neuen Gruppe wende ich jedoch eine spezielle
Idee an, den Erinnerungskoffer. Ich packe einen Koffer mit den unterschiedlichsten
Gegenständen (ein Teddy, ein Feuerzeug, einige Packungen aus dem
Kaufmannsladen, ein Silberlöffel, alte Fotos, ein Lederhandschuh, Glanzbilder, ein
Poesiealbum, ein Kinderbuch...). Diesen Koffer stelle ich dann geöffnet auf einen
Tisch und jeder Teilnehmer darf sich mit den Augen einen Gegenstand aussuchen,
der ihn an etwas erinnert. Die Gegenstände sollen möglichst im Koffer bleiben, falls
zwei Personen von dem gleichen Gegenstand angesprochen werden. Anschließend
schreiben die Teilnehmer die Geschichte zu dem Gegenstand auf. Für das
Schreiben an sich habe ich in der Regel 20 Minuten veranschlagt. Je nachdem wie
viele Teilnehmer nach den 20 Minuten fertig sind, wird der Schreibvorgang
abgebrochen oder etwas verlängert. Anschließend erzählt jeder Teilnehmer, was er
mit dem Gegenstand verbindet, den er sich ausgesucht hat. In der Regel findet jeder
einen Gegenstand, der ihn an etwas erinnert. Die Erinnerungen sind somit beim
ersten Treffen nicht an ein Thema gebunden und es fällt den Teilnehmern leicht, eine
Geschichte „kommen“ zu lassen.
Zudem ermöglicht diese erste Runde es dem Kursleiter, einen Eindruck von der
Gruppe zu bekommen und evtl. Ansätze für Themen zu bekommen, die für diese
Gruppe besonders geeignet erscheinen.

Bei den weiteren Treffen wird jeweils ein Thema vorgegeben, das den Teilnehmern
auf unterschiedlichste Art präsentiert wurde. Es kann auch sinnvoll sein, die
verschiedenen Lebensabschnitte - Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter – gesondert
anzusprechen.
Viele schöne Ideen finden sich auch in den Büchern, die ich im Anhang aufgeführt
habe.
                                                                                 22
8. Erinnerungen wecken – Eine Ideensammlung
Sehen – Visuelle Methoden

   ● Erinnerungskoffer    (Ich packe einen Koffer mit den unterschiedlichsten
    Gegenständen (ein Teddy, ein Feuerzeug, einige Packungen aus dem
    Kaufmannsladen, ein Silberlöffel, alte Fotos, ein Lederhandschuh, Glanzbilder,
    ein Poesiealbum, ein Kinderbuch...). Diesen Koffer stelle ich dann geöffnet auf
    einen Tisch und jeder Teilnehmer darf sich mit den Augen einen Gegenstand
    aussuchen, der ihn an etwas erinnert. Die Gegenstände sollen möglichst im
    Koffer bleiben, falls zwei Personen von dem gleichen Gegenstand angesprochen
    werden. Anschließend schreiben die Teilnehmer die Geschichte zu dem
    Gegenstand auf oder erzählen, was sie damit verbinden. (Ein Beispiel für eine
    Geschichte, die aus dem Erinnerungskoffer entstanden ist, finden Sie im
    Anhang.)
    ● Collagen anbieten, z. B. Zum Thema „Winter“ ein großes Poster anfertigen
    (Kinder die Schlitten fahren, Schneelandschaften, Glühwein, Weihnachtsbilder,
    etc.) Mögen Sie den Winter? Was machen Sie da gerne? Was haben Sie früher
    gerne gemacht?
    ● Collagen selber anfertigen lassen, z.B. einen Lebensbaum. Auf einem großen
    Blatt Papier wird ein Baum als Symbol des Lebens gemalt. Dann schneidet man
    aus buntem Papier Symbole aus: Wurzeln, Rinde, Früchte, Blätter, Blüten und
    Knospen. Nun beginnt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Die
    Wurzeln symbolisieren die Elemente im Leben, die Kraft und Halt geben. Auf
    Stamm und Rinde soll geschrieben werden, was das Leben entscheidend geprägt
    hat. Die Früchte stehen für Dinge, die man im Leben erreicht hat und auf die man
    besonders stolz ist. Blätter sollen das gegenwärtige Leben symbolisieren: Das
    gefällt mir an meinem Leben und das brauche ich unbedingt. Blüten und Knospen
    sollen Wünsche für die Zukunft enthalten: Das möchte ich noch tun, erleben oder
    lernen. Die Elemente werden auf den Baum aufgeklebt. Der Lebensbaum ist eine
    Art Materialsammlung. Während der Anfertigung ergeben sich von selbst die
    Themen, die den Teilnehmern wichtig sind. (Anregung aus: Sabine Sautter (Hg.)
    Evangelisches Bildungswerk München: Leben erinnern. Neu-Ulm 2004. Eine
    Vorlage für einen Lebensbaum finden Sie im Anhang.)
    ● Teilnehmer eigene Fotos mitbringen lassen und reihum erzählen. Wie alt sind
    Sie auf dem Bild? Wo lebten Sie damals? Woran erinnert Sie das Bild?
    ● Szenen aufbauen, z.B. Gedeckter Tisch. Vier Gedecke auflegen, alle in einem
    unterschiedlichen Stil: Frühstücksbrett und Kaffeepott, feines Geschirr mit Silber
    und Serviette, Alltagsgeschirr etc., Der Aufbau kann als Aufhänger für das Thema
    „Essen“ dienen. Welche Bedeutung spielte in der Familie das Essen? Wie wurde
    beieinander gesessen? Welche Rituale gab es? Welche haben Sie
    übernommen?
    ● Tiere aufbauen, Stofftiere, Holztiere, Bilder von Tieren; Welche Beziehung
    haben Sie zu Tieren? Haben oder hatten Sie ein Tier?
    ● Verschiedene Schuhe aufbauen: Pumps, Gummistiefel, Badeschlappen....
    Besitzen Sie solche Schuhe? Wann haben Sie sie zuletzt getragen? Haben Sie
    ein Paar Lieblingsschuhe?
Mit solchen Aufbauten, dem Einrichten von Szenen, kann man viele Themen
visualisieren.

Riechen
                                                                                   23
Verschiedene Gewürze oder Flüssigkeiten in Filmdosen füllen und die Teilnehmer
daran riechen lassen. (z.B. Zimt, Wattebausch getränkt mit Petroleum, Senf, Vanille,
Bohnerwachs etc.) Welche Erinnerungen werden wach? Welche Gerüche erinnern
Sie? Wie roch es Zuhause? Welche Gerüche mochten Sie besonders? Welche
mochten Sie gar nicht?


Hören

Geräusche CD anspielen. Können Geräusche identifiziert werden?
An welche Geräusche erinnern Sie sich?
(Das Husten von Opa, das Quietschen der Aborttür.....)
Unterschiedliche Musikstile anspielen.
Welche Bedeutung hat Musik für Sie?
Welche Art von Musik hören Sie besonders gerne?
Spielen Sie ein Instrument?

Eine Geschichte vorlesen, evtl. Fragen stellen und Erinnerungen dazu kommen
lassen. (Beispiel: „Frau Zimmermann geht baden“ finden Sie im Anhang. Welche
Streiche haben Sie als Kinder oder Jugendliche ausgeheckt? Wann haben Sie
schwimmen gelernt?

Schmecken

z.B. Thema Weihnachten
Was wurde an Weihnachten bei Ihnen Zuhause gegessen? Was wurde selber
gebacken oder gekocht? Printen, Lebkuchen, Dominosteine, Stollen weihnachtlich
dekoriert auf einem Tisch präsentieren.

Welche Vorlieben haben Sie beim Essen?
Süß-salziges Büffet aufbauen (Kekse, Schokolade, Pralinen vs. Flips, Nüsse,
Salzstangen, Cracker...)
Was erinnern Sie? (Salzstangen haben wir immer beim Fernsehen geknabbert. Im
Kino war Popcorn immer das Beste.)

Fühlen

Fühlstraße: Bauen Sie auf einem langen Tisch eine „Straße“ mit unterschiedlichen
Materialien auf. Z.B. Schmirgelpapier, ein Stück Fell vom Kürschner, ein Stofftier, ein
Holzstück, ein Igelball. Lassen Sie die Teilnehmer die Gegenstände mit
geschlossenen Augen befühlen. Wie fühlen sie sich an? Woran erinnern Sie die
gefühlten Gegenstände?

Kastanien: Bringen Sie zur Herbstzeit Kastanien mit. Die glatten, glänzenden
Kastanien sind schöne Handschmeichler. Verbinden Sie damit Fragen nach dem
Herbst: Haben Sie als Kinder Kastanien gesammelt? Was haben Sie damit
gemacht? Was gab es sonst in der Herbstzeit zu tun?

Eis/Wärmflasche
Mit geschlossenen Augen fühlen lassen.
                                                                                     24
Welche Erinnerungen haben Sie an Kälte? Mögen Sie den Winter? Was haben Sie
im Winter gerne gemacht? Was machen Sie heute gerne?

Jenseits der fünf Sinne kann es auch gelingen Erinnerungen zu wecken, indem man
die Vorstellungskraft der Teilnehmer anspricht:

Erinnern Sie sich zurück an die Zeit, als Sie ein Kind waren. Welche Person hat in
Ihrem Leben eine besondere Bedeutung gehabt? Es kann eine Person aus der
Familie sein, oder aus dem Freundeskreis oder der Schule. An wen möchten Sie sich
gerne erinnern?

Lesen Sie eine Geschichte oder Anekdote vor und nehmen diese zum Erzählanlass.


Literatur
Berliner Schnitzel und andere Geschichten zur Geschichte Reinickendorfs 1930 -1950. Hg.:
Heimatmuseum Reinickendorf 2004.

Barbara Kerkhoff, Anne Halbach: Biografisches Arbeiten. Beispiele für die praktische
Umsetzung. Vincentz Verlag Hannover 2002.

Kompakt: Erinnerungen. Beiheft der Zeitschrift: Zusammen: Behinderte und nicht behinderte
Menschen, Ausgabe 1/2007.

Sabine Sautter (Hg.): Evangelisches Bildungswerk München: Leben erinnern.
Biographiearbeit mit Älteren. Neu-Ulm 2004.


Anhang
„Frau Zimmermann geht baden“ aus: Berliner Schnitzel und andere Geschichten zur
Geschichte Reinickendorfs 1930 -1950. Hg.: Heimatmuseum Reinickendorf 2004.

Vorlage Lebensbaum aus: Sabine Sautter (Hg.): Evangelisches Bildungswerk München:
Leben erinnern. Biographiearbeit mit Älteren. Neu-Ulm 2004.

Geschichte aus dem Erinnerungskoffer




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AG 2
Lisa Oermann

„Es ist mein Leben“ – Biografiearbeit in Gruppen unter dem Aspekt
der Selbstbestimmung (Power Point Präsentation)

Folie 1: Ausgewählte ethische Prinzipien der Biographiearbeit
Freiwilligkeit
Sensibler Umgang mit schwierigen Themen
Eigene Kompetenz als Moderatorin/ Moderator nicht überschreiten
Verschwiegenheit

Folie 2: Besondere Schwierigkeiten der Biographiearbeit mit Menschen mit
          geistiger Behinderung
Lebenslauf und Lebensgeschichte häufig von Fremdbestimmung geprägt
Bei Institutionenbiographie:
Kaum lebensgeschichtliche Hinweise/ kaum lebensgeschichtliches Material
Wohngruppe lässt unter Umständen wenig Raum für individuelle Lebensgeschichte
Keine Normalbiographie

Folie 3: Anforderungen an die Moderatorin/ den Moderator von
       Biographiearbeit
Methodenkompetenz
Teamarbeit in Gruppensettings
Kursplanung
Empathie
Grenzen erkennen
Authentizität
Vertrauensverhältnis aufbauen
Ausbalancieren der Zwischenposition von Moderation und Einbezug

Literaturauswahl zum Thema Biografiearbeit
Bleeksma, M.: Mit geistiger Behinderung alt werden. Weinheim und Basel 1998
Gudjons, H./ Pieper, M./ Wagener, B.: Auf meinen Spuren. Bad Heilbrunn 2008
Kuhlmey, A.; Mollenkopf, H.; Wahl, H.-W.: Gesund altern – ein lebenslauforientierter Entwurf.
In: Wahl, H.-W.; Mollenkopf, H. (Hrsg.): Alternsforschung am Beginn des 21. Jahrhunderts.
Berlin 2007, 265-274
Lindmeier, C.: Biografiearbeit mit geistig behinderten Menschen. Weinheim; München 20062
Möller, S.: Exkurs: Die Bedeutung der Biografie und Biografiearbeit. In: Landesverband
Nordrhein-Westfalen für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V.: Den Ruhestand gestalten.
Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung. Düsseldorf 2004, 73-83
Opitz, H.: Biographie-Arbeit im Alter. Würzburg 1998
Theunissen, G.: Altenbildung und Behinderung. Bad Heilbrunn 2002




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AG 3
Prof. Dr. Michael Behnisch


„Spielend weiblich, spielend männlich.“ Das Improvisationstheater:
Biografiearbeit für Frauen und Männer mit Behinderung


       „Wenn sich ein Spieler sicher fühlt, scheint alle Begrenztheit zu verschwinden“
                                                                    (Keith Johnstone)

1. Was ist Improvisationstheater?

Geschichte und Ursprung
- Improvisieren und Stegreifkunst war schon in der Antike bekannt, später dann als
Gaukler und Kleindarsteller ab dem Mittelalter, v.a. bei Hofe.
- Commedia del Arte galt als erste Kunstform des Improvisierens
- Das Improvisationstheater wurde vor allem weiterentwickelt seit den 50er Jahren
durch den 1933 geborenen Keith Johnstone: Von Johnstone wurden Grundlagen und
Spiele erarbeitet und der Begriff des Theatersports kreiert, bei dem mehrere Teams
gegeneinander antreten. Es Gibt in Deutschland mittlerweile auch eine Improtheater-
Bundesliga.
- Heute findet das Improvisationstheater drei Einsatzorte: In der regulären
Schauspielausbildung, als Theatersport und im Bereich Bildung/ Kreativität


Grundlagen
    Der Sprung ins kalte Wasser: keine Text- oder Szenenvorgabe, Vorgabe nur
       über Stichworte für Spiele – entscheidend ist die Spontaneität


      Spiele sind so etwas wie die Regeln, die „Theorien“ (Johnstone). Spiele sind
       sozusagen die formalen Strukturen, in denen sich das Improvisieren vollzieht.


      jede Szene ist ein Unikat und wird sich so nie mehr wiederholen


      Unterbrechen von Routinen (im Buch lesen, eine Blume gießen, den Hund
       rufen, Rasen mähen, Geschirr spülen,…)


      nicht blocken, jede Szene wird angenommen und weitergebracht



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      gemeinsam eine Szene entwickeln und vor allem, idealer weise, pointiert und
       mit Spannungsbogen zu Ende führen, ohne Endlosszenen, immer neuen
       Szenenversuchen etc.


2. Improvisationstheater mit Männern und Frauen mit Behinderung


Biografiearbeit in der geschlechterspezifischen Arbeit mit Behinderten ist mehr als
nur die Anwendung einer Methode – Biografiearbeit ist vielmehr Ausdruck eines
grundlegenden Wandels in der Arbeit mit behinderten Menschen, weil damit
Menschen in ihrer Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit wahrgenommen werden.
Und zwar bezogen auf alle Lebens- und Erlebensbereiche – und eben gerade nicht
nur in Reduzierung auf ihre Behinderung.


Die Methoden der Biografiearbeit sind vielfältig. In der Regel unterscheidet man
gesprächsorientierte Formen von Biografiearbeit von aktivitätsorientierten Formen.
Auf diese Gleichzeitigkeit von Gespräch und Aktion legt die Biografiearbeit großen
Wert. Das Improvisationstheater bildet dabei eine der möglichen aktivitätsorientierten
Formen der Biografiearbeit.




Möglichkeiten des Improvisationstheaters, auch in der Arbeit mit Menschen mit
Behinderung:
- Stärkung persönlicher Eigenart und Eigenständigkeit als Ziel Biografiearbeit,
Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie im Zusammenhang von individuellen
Besonderheiten einerseits und gesellschaftlichen Normen andererseits.
- Eigenverantwortung als Ziel von Biografiearbeit lässt sich im Improvisationstheater
einüben.
- Improvisationstheater hilft zwischenmenschliche Fähigkeiten zu verbessern und zu
menschlicher Interaktion zu ermuntern, das kann gerade auch für Behinderte wichtig
sein, die mit Hemmschwellen durch andere konfrontiert sind.
- Der Spieler im Improvisationstheater blickt zurück, auf die Szene, begreift die
Zukunft zwar als offen (wie die Szene), aber dennoch weiß er, er muss sie gestalten,
sie liegt auch in seiner Verantwortung: „Der Spieler erfindet nicht nur ständig Neues,
sondern erinnert sich an frühere Episoden, die sie selbst vielleicht ganz vergessen
haben, und verwendet sie wieder.“ (Keith Johnstone).
- Das sensobiografisches Erspüren körperlicher Empfindungen auf der Bühne, das
Erleben verschiedener Körperempfindungen (durch ‚Statusspiele’) kann
insbesondere für Körperbehinderte sinnvoll sein.
                                                                                      28
- Auf der Bühne lassen sich Alternativen und Optionen spielerisch erleben und damit
gefahrloser aus im richtigen Leben.
- Die Fähigkeit entwickeln, Geschichten zu erzählen, von sich zu erzählen, auch
nonverbal.
- Routinen werden im Spiel durchbrochen und damit auch Routinen in der eigenen
Wahrnehmung.
- Männer und Frauen spielen andere Rollen als die, die sie sonst so kennen und
erleben: Rollenwechsel können hier problemloser, gefahrloser und spontaner
ausprobiert werden.
   -   Die Bühne wird zum Ort, an dem nicht in erster Linie die Behinderung
       wahrgenommen wird, sondern die Rolle, die Szene, das Spiel. Im Theaterspiel
       liegt die bedeutsame neue Erfahrung darin, dass man eben nicht reflektieren
       muss, sondern sich anders erleben kann. Beim Improvisieren darf mit der
       Behinderung auch spielerisch umgegangen werden, sie ‚verschwindet’ im
       Sinne einer Integration in etwas anderes, dem Spiel, dem Ausprobieren.


Anhang: Das Improvisationstheater als Methode für die Arbeit mit Frauen und
         Männer mit Behinderung
1. Spiel und Integration – wider der Defizitorientierung und Problemfixierung


„Vielleicht glaubt sie, sich durch dieses Spiel zu verleugnen; ist es aber nicht gerade
umgekehrt?. Wird Sie nicht im Spiel erst sie selbst? Wird Sie nicht befreit durch das
Spiel?“ Milan Kundera
   -   Die dialektische Falle narrativer Formen der Biografiearbeit
   -   Improvisationstheater: Originelles Erleben statt „verneinender Intellekt“


2. Erkennen, karikieren, experimentieren – Biografische Auseinandersetzung mit
Rollenzuschreibungen und Rollenanforderungen
   -   Rollenerwartungen und Zuschreibungen, vor allem im Kontext von Geschlecht
       und Behinderung
   -   Ziel der Biografiearbeit: Rollenmuster und typische Verhaltensweisen
       erkennen und reflektieren
   -   Möglichkeiten des Improvisationstheaters: Erkennen, karikieren,
       experimentieren aufgrund des „ungefährlichen Ortes Bühne“

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   -   Kontext: Spannungsfeld von individueller Besonderheit und gesellschaftlichen
       Normen
   -   Routinen durchbrechen, auch Routinen in der eigenen Wahrnehmung
   -   Schulung von „Wandlungsfähigkeit“


3.Rollenvielfalt und Zukunftsgestaltung durch biografischen Rückblick


„Seine Geschichte kam ihn überall hinführen, doch er muss ihr Gleichgewicht und
Struktur geben, das heißt sich an vorangegangene Episoden erinnern und sie wieder
in die Geschichte einführen. Der Spieler erfindet nicht nur ständig Neues, sondern
erinnert sich an frühere Episoden, die sie selbst vielleicht ganz vergessen haben,
und verwendet sie wieder.“ Keith Johnstone
   -   Ziel der Biografiearbeit mit Männer und Frauen: Zukunftsgestaltung ohne
       starre Rollenmuster
   -   Möglichkeiten des Improvisationstheaters: Spiel auf der Bühne stellt eine gute
       Übungsmöglichkeit dar, die ambivalenten und vielfältigen Anforderungen an
       die eigene Geschlechterrolle erfahrbar zu machen und ihnen auf eine
       spielerische Art eine sinnliche, erlebbare Gestalt zu verleihen.
   -   Szenen auf der Bühne blicken zurück, verstehen sich als offen und müssen
       gestaltet werden.
   -   Schulung einer ‚Anerkennung von Ungewissheit“


   3. Die Bühne auch Ort der Phantasie


   -   Erfahrung biografischer Kränkung und Ablehnung
   -   Trauer, Wut, Allmachtphantasien
   -   Gefühle, Erfahrungen von Schwäche und Hilflosigkeit


   4. Körpererfahrung als sensobiografisches Erspüren


   5. Geschichten erzählen können


„Geschichten sind wichtiger als den meisten bewusst ist“ Keith Johnstone


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   6. Sicherheit und Kooperation – Jede/r ist wichtig


„Wenn sich ein Spieler sicher fühlt, scheint alle Begrenztheit zu verschwinden“ Keith
Johnstone
   -     Kooperation statt Konkurrenz und Leistungsdruck
   -     Eigenverantwortung und gemeinsame Gestaltung als Ansatzpunkte
         biografischen Lernens


   7. Selbstbewusstseins- Kompetenz und biografisches Lernen


„Improvisationskönnen vermindert die universelle Angst vor dem Angststarrwerden“
Keith Johnstone


   -     Improvisationstheater schult den szenischen und (non-) verbalen Ausdruck
         und trägt dadurch zur Steigerung von sozialer Kompetenz und Kreativität bei
   -     Sprache und Körpersprache
   -     Selbstsicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
   -     Zwischenmenschliche Fähigkeiten und Interaktion


   8. Nicht zuletzt: Biografiearbeit soll Spaß machen


Zum Weiterlesen:
Johnstone, Keith (1999): Theaterspiele, Spontanität, Improvisation und Theatersport
(Orig. 1997). Alexander Verlag, Berlin
Johnstone, Keith (2004): Improvisation und Theater (Orig. 1979). Alexander Verlag,
Berlin
Behnisch,M./Blomberg, C. (2007): Spielend männlich. Improvisationstheater als
Methode der Jungen- und Männerarbeit. In: Sozialmagazin, Nr. 1, S. 50-54


Kontakt:
Prof. Michael Behnisch
Fachhochschule Frankfurt am Main,
Nibelungenplatz 1
60313 Frankfurt/Main

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Prof. Jo Jerg


No Limit – Persönliche Zukunftsplanungen zur individuellen und
inklusiven Umsetzung von Lebensvorstellungen von Frauen und
Männern mit Behinderungserfahrung (Power Point Präsentation)


Folie 1: Inhalt
Was ist eine persönliche Zukunftsplanung?
Was ist das besondere an der persönlichen Zukunftsplanung?
Die persönliche Zukunftsplanung und ihre Folgen


Folie 2: Persönliche Zukunftsplanungen sind:
   -   Ein gemeinsames Nachdenken über Träume, Wünsche also Ziele, die
       Menschen mit Behinderungserfahrungen erreichen wollen
   -   Ein Planen, wie diese Ziele praktisch umgesetzt werden können
   -   Ein Ort für: I have a dream – Ich habe einen Traum


Folie 3: Vorraussetzungen für ModeratorIn/BegleiterIn:
Augen, Ohren, Mund für persönliche Zukunftsplanung
   -   Augen für Fähigkeiten und Möglichkeiten
   -   Ohren zum aktiven und einfühlsamen Zuhören
   -   Mund für eine wertschätzende und für alle verständliche Sprache


Aus: Stephan Doose; I want my dream, S. 3


Folie 4: Making aktion plan (MAP =Landkarte)
1. Vorstellung
Wer ist wer? Was hat er/sie mit der Person zu tun?


2. Geschichte
Bedeutsames aus dem Leben von früher/jetzt.


3. Traum

                                                                         32
Welche Träume gibt es für die Person?


4. Alpträume
Kurz negative Befürchtungen benennen!


5. Die Person
Wer ist sie/er für wen? Sicht, Bedeutung


6. Stärken
Welche sind ihre/seine Gaben, Talente, Vorlieben?


7. Bedürfnisse
Was braucht sie/er jetzt oder für die Umsetzung ihrer Träume?


8. Planung
Ich werde, wir können, sollten...Liste der Aktionen


Aus: Boban/Hirz: Persönliche Zukunftskonferenzen. Unterstützung für individuelle
Lebenswege In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, H. 4/5 1999


Folie 5: Planing alternative tomorrows with hope (Path= Pfad)
1. Schritt
Mit der Zeitmaschine ein Jahr weiter:
Wie sieht angenehmerweise die Gegenwart aus? So viele Facetten wie möglich!


2. Schritt
Wie sieht es jetzt aus? Typisches für die gegenwärtige Situation.


3.Schritt
Wen wollen wir einbeziehen? Welche BündnispartnerInnen haben wir?


4. Schritt
Was kann uns stärken? Auf der persönlichen Ebene? Auf der professionellen
Ebene?

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5. Schritt
Was tun wir morgen?


6.Schritt
Rückblick nach einem Monat: Was ist bereits verändert und verwirklicht?


7.Schritt
Rückblick nach drei Monaten: Welche Schritte sind bereits getan?


8. Schritt
Rückblick nach einem Jahr: Was hat sich im vergangenen Jahr erfolgreich getan?
Wieder bei Schritt 1 ansetzten


Aus: Boban/Hinz: Persönliche Zukunftskonferenzen. Unterstützung für individuelle
Lebenswege In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, H. 4/5 1999


Folie 6: Grundgedanken zum Netzwerken:
   -   Lebenssituation von Frauen und Männern mit Behinderungserfahrungen
       stellen hohe Bewältigungsanforderungen
   -   Perspektivwechsel von der Person zum System Lebenswelt
   -   Die Hilfen mit den Frauen und Männer mit Behinderungserfahrungen
       gemeinsam entwickeln (vgl. R. Sennet)
   -   Grundbedürfnis: Bedeutung für Andere zu erhalten (vgl. Begriff der Teilhabe v-
       K. Dörner)


Folie 7: UnterstützerInnenkreis


   1. Person mit Behinderungserfahrung
   2. meine Nächsten: Eltern/Angehörige; Partner/PartnerIn
   3. Freundeskreis
   4. Mitmenschen: z. Bsp. NachbarIn, VerkäuferIn
   5. Professionelle Unterstützung: Assistenzdienste, MitarbeiterInnen von
       Einrichtungen


                                                                                   34
Folie 8: No Limit – Denken ohne Grenzen


   -   Persönliche Zukunftsplanung sind für jede Person, unabhängig von der Höhe
       der Assistenz geeignet
   -   Jedes Thema kann bei einer Persönlichen Zukunftsplanung bearbeitet
       werden.
   -   Jeder Traum ist willkommen; es gibt keine Grenzen für Ideen
   -   Jede Person kann eingeladen werden. Unterstützungskreis ist ein
       Schlüsselelement
   -   Persönliche Zukunftsplanungen können in jedem Lebensalter durchgeführt
       werden


Folie 9: No Limit – Denken ohne Grenzen? – Wichtige begleitende
Veränderungen


   -   Veränderungen der Angebote von Institutionen in gemeindeintegrierte
       Beratung und individuelle Unterstützung
   -   Vorbereitung und Qualifizierung des Gemeinwesen auf inklusive Kulturen
   -   Gesetze und Bestimmungen, die Inklusion im konkreten Alltag fördern (vgl.
       O`Brien 2003)


Folie 10: Ermutigung
„Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden“ (Francisco Goya)
„Die Kraft unserer Träume liegt darin, unsere Sicht der Dinge und damit auch die
Welt zu verändern. Wenn genug Menschen einen bestimmten Traum haben, dann
wird er am Ende Realität werden.“ (Paolo Coelho)


Ausgewählte Literatur zur Persönlichen Zukunftsplanung:
Boban, I.; Hinz,A.: Persönliche Zukunftskonferenzen. Unterstützung für individuelle
Lebenswege In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, H. 4/5 1999
Doose,S.: Persönliche Zukunftsplanung im Übergang von der Schule in das
Erwerbsleben. In: Wilken E. (Hrsg.): Neue Perspektiven für Menschen mit Down-
Syndrom, Erlangen 1997


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Doose, S.: „I want my dream“ Persönliche Zukunftsplanung – Neue Perspektiven und
Methoden einer individuellen Hilfeplanung mit Menschen mit Behinderung, 1997
Ehler, J.: Jens Ehler – im Mai 2007. Zukunftskonferenz – die Chance den eigenen
Weg zu finden. In: Orientierung H 4, 2004, S. 14-17
Evangelische Stiftung Alsterdorf Hamburgstadt: Handbuch zur Assistenzplanung und
ihre Dokumentation. Was, Wer, Bis Wann?, Hamburg 3. Auflage 1999
Gührs, B.; Jüster, M.: Klientenzentrierte Planung und Leistungsentwicklung in
Wohneinrichtungen In: Geistige Behinderung 2003, H 1, S. 23-40
Lyle O´Brien, C.; O`Brien, J.: The Origins of Person-Centered Planning. A community
of Practise Perspective. 2000 Download unter:www.persoenliche-zukunftsplanung.de
Netzwerk People First Deutschland e.V. (Hrsg.): Kaept`n Life und seine Crew: ein
Arbeitsbuch zur persönlichen Zukunftsplanung/ Text: Stefan Doose, Kassel 2004
Van Kann, P.; Doose, S.: Zukunftsweisend. Peer Counceling & Persönliche
Zukunftsplanung, Kassel 2. Auflage, 2000
Wells, J.: Persönliche Zukunftsplanung. Deutsche Übersetzung Susanne Göbbel
Download unter: www.persoenliche-zukunftsplanung.de

Kontakt:
Prof. Jo Jerg
Ev. Hochschule Ludwigsburg
j.jerg@eh-ludwigsburg.de
www.efh-ludwigsburg.de
Tel.: 07141 9745 254




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AG 5
Jens Ehler

Meine Zukunftsplanung – eine Methode, eigene Lebenswege
entwickeln zu lernen
Heute erzähle ich Ihnen von meinen beiden Zukunftskonferenzen. Dass es
Zukunftskonferenzen gibt, habe ich von Martina, meiner Heilpädagogin, erfahren. Sie
hat einen Vortrag von Ines Boban auf einer Fortbildung gehört. Als sie mir davon
erzählt hat, dachte ich sofort: Wann kann ich eine Zukunftskonferenz für mich
machen? Denn ich wollte wissen, wie ich es schaffe, dass ich etwas arbeiten kann.
Bei einer Zukunftskonferenz lädt man Menschen ein, die man mag und macht sich
mit Ihnen zusammen Gedanken, wie man die Zukunft gestalten kann und wie man
das, was einem wichtig ist erreichen kann.
Schon alleine die Vorbereitungen für meine erste Konferenz waren für mich sehr
wichtig! Ich durfte richtig mitreden und mitorganisieren und hatte sehr viele Ideen. Ich
überlegte mir, in welchem Raum ich es gerne machen würde und habe dann einfach
meinen Opa so lange bearbeitet, bis er den Raum für mich angemietet hat. Meine
Eltern wollten es anderswo machen, aber ich bin ihnen zuvor gekommen. Danach
überlegte ich, was es zu essen geben sollte und spannte meine Oma als Köchin ein.
Damit der Tag auch wirklich etwas Besonderes wird entschied ich, dass am Anfang
und Ende zwei meiner Lieblingslieder gespielt werden sollten. Ich habe das alles
selbst entschieden und das war wichtig für mich!

Ich habe selbst entschieden, wen ich zu meiner Konferenz einlade. Dass ich das
entscheiden konnte, fand ich spitze! Zuerst musste ich mir aber mal viele Gedanken
darüber machen, wer mir wirklich wichtig ist. Diese Frage ist sonst nie so wichtig und
entscheidend und ich hatte mir vorher nie die Zeit genommen, so genau darüber
nachzudenken. Als ich mir dann endlich klar darüber war, tat es mir richtig gut, diese
wichtigen Menschen dann einzuladen. Außerdem stellte ich bei meinen
Überlegungen fest, dass es Menschen gibt, die mir nahe stehen, die ich aber
überhaupt nicht dabei haben wollte. Zum Beispiel meine Großeltern. Ich wollte sie
nicht einladen. Ich denke, das war ganz schön schwer für sie, denn sie hatten sicher
damit gerechnet dabei zu sein. Ich wollte aber viel lieber junge Leute dabei haben,
denn junge Leute denken doch wie ich und die älteren können vieles nicht verstehen,
was mir wichtig ist. Ich dachte natürlich, dass es sein kann, das sie beleidigt sind,
aber trotzdem habe ich mich für die Jugend entschieden. Bei meiner
Zukunftskonferenz war es mir wichtig, dass Männer dabei sind, weil ich auch ein
Mann bin. Ich stelle mir vor, dass ein Mann besser verstehen kann, was ich möchte.

In der Woche vor meiner ersten Konferenz wurde ich dann noch schwer krank. Das
war schwierig für mich, denn ich wollte auf keinen Fall, dass wir absagen müssen.
Ich wäre an meinem großen Tag gerne fitter gewesen! Zwischendurch habe ich mich
dann mal hingelegt, weil ich eine Pause brauchte. Anfangs habe ich mir dann auch
noch Gedanken gemacht um meine Freunde Martina und Bernhard, die ich auch
eingeladen hatte. Die zwei sitzen auch im Rollstuhl und das Lied, welches ich für den
Anfang ausgesucht hatte, hieß „Gefesselt an den Rollstuhl“. Ich hoffte, dass sie
dadurch nicht allzu traurig werden. Martina hat an diesem Tag viel geweint. Ich
glaube für meinen Bruder Paul war es auch nicht einfach dieses Lied zu hören, denn


                                                                                      37
ihn hat es auch traurig gemacht. Ich denke, es ist ein guter Text, aber er macht eben
auch traurig. Zurzeit mag ich das Lied auch nicht hören.

Mir war meine Zukunftskonferenz sehr wichtig, deshalb wollte ich sie auf keinen Fall
wegen meiner Krankheit verschieben. Keiner hätte gedacht, dass ich an diesem Tag
so durch halte. Ich habe alles gegeben, was ich konnte! Ich will mich immer
anstrengen und mein Bestes geben! Bei meiner ersten Konferenz konnte ich noch
kaum meinen Talker bedienen. Keiner hätte damals gedacht, dass ich heute hier vor
Ihnen sitze und einen Vortrag halte.
Meine Gäste bekamen von Ines die Aufgabe darüber nachzudenken, was ich gut
kann, Ich fand es spitze, welche Stärken die anderen in mir entdeckt haben. Wenn
ich das höre fühle ich mich richtig gut! Ich wusste gar nicht, dass ich das alles kann.

Die Ideen meiner Gäste bei meiner ersten Konferenz wie für mich das Leben im
Jahre 2007 aussehen soll, wurden gesammelt. Dann durfte ich aber auswählen, was
ich mir davon vorstellen kann. Ich habe mich dafür entschieden, als Referent durch
die Lande zu reisen und Zeitungsartikel zu schreiben. Das hat bisher ganz gut
geklappt. Es war wichtig für mich, dass ich aus den Ideen der anderen selbst
auswählen konnte, was ich tun möchte.

Es gab aber auch den Albtraum, dass ich wie ein Möbelstück irgendwo herumstehen
werde. Das macht mir schwer zu schaffen! Dazu kann ich nur sagen, dass ich meine
ganze Kraft einsetzen werde, um daran zu arbeiten, dass ich immer besser mit
meinem elektrischen Rollstuhl und meinem Talker gut umgehen kann, damit mir das
nicht passiert!

Bei meiner ersten Konferenz hatte Alexandra gesagt, dass sie sich darum kümmert,
dass ich in den Ferien mal arbeiten kann. Das hat ewig nicht geklappt! Das hat mich
sehr wütend gemacht und so geärgert, dass ich Alexandra in einem Brief
geschrieben habe, dass mir das nicht passt. Dann hat sie sich angestrengt. Einmal
hat sie mich mit zu ihrer Arbeit genommen und außerdem war ich im Lebenshilfe
Kindergarten in jeder Gruppe um dort zu zeigen, wie ich kommuniziere.
Anschließend war ich mit Alexandra zusammen bei einer Rolli Moden Firma zum
Praktikum. Dort habe ich mir alle Abteilungen angesehen und außerdem habe ich
mich dort noch eingekleidet. Ich finde es spitze, dass das alles geklappt hat.
Durch meine erste Zukunftskonferenz hat sich schon viel getan. Ich kann nun schon
viel besser mit meinem Talker umgehen und setze ihn viel mehr ein. Ich kann jetzt
damit telefonieren, Sätze formulieren, Sprüche und Witze machen. Ich schreibe mit
meinem Talker Briefe und kann meinen Drucker ganz ohne Hilfe bedienen. Das ist
genial. Ich habe schon viele Vorträge über die Entwicklung meiner Kommunikation
gehalten, unter anderem sogar in der Schweiz und das hat sehr gut geklappt. Mit
meinen Vorträgen läuft es gut. In den letzten zweieinhalb Jahren habe ich schon
viele Vorträge gehalten, manchmal sogar zwei Vorträge an einem Tag. Das finde ich
am Besten! Wenn ich lange keinen Vortrag halten kann, werde ich ganz unruhig und
kann es nicht mehr abwarten. Im November hatte ich drei Vorträge. Das ist spitze! In
der Werkstatt in Sinsheim wollen sie mich unterstützen, dass ich das auch weiter
machen kann. Außerdem hatte ich vor meiner ersten Konferenz schon lange Zeit den
Wunsch ein größeres Zimmer zu haben. Aber meine Eltern wollten nicht so recht,
dass ich umziehe. Diesen Wunsch habe ich in meine Konferenz eingebracht. Ich
habe es geschafft, ich bin in ein größeres Zimmer umgezogen, da habe ich nun Platz

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für mein Laptop und alles andere was mir wichtig ist. Da hat sich doch wirklich viel
getan.

Ich habe immer noch die Zettel von meiner ersten Konferenz, auf denen steht,
welche Bedeutung ich für die Menschen um mich herum habe. Wenn ich das höre,
dann geht es mir damit sehr gut. Zum Teil war ich sehr überrascht, welche
Bedeutung ich für andere habe. Das macht mich glücklich und stark! Ich finde eine
Zukunftskonferenz schon alleine deshalb gut, weil man endlich mal erfährt, wie
wichtig man eigentlich ist, welche Stärken man hat, wie wertvoll man ist. Ich habe
endlich mal das Gefühl gehabt, nicht alleine zu sein.

Meine erste Zukunftskonferenz war für mich selbst genau so ein wichtiger Tag wie
meine Konfirmation oder meine Riesenfete anlässlich meines achtzehnten
Geburtstags. Damals haben meine Gäste mir viel Mut gemacht. Sie haben meine
Stärken gesucht und viele gefunden. Seit diesem Tag weiß ich, dass meine Zukunft
davon abhängt, wie gut ich mit meinem Talker, meinem Elektrorollstuhl und meinem
Computer umgehen kann. Daran arbeite ich! Außerdem war es ganz wichtig für mich
an diesem Tag die Gedanken meines Bruders über meine Zukunft zu hören. Es tut
mir gut, dass er daran glaubt, dass ich gut arbeiten kann und dass das, was ich tue
auch wichtig ist.

Lange Zeit, speziell bei jedem Vortrag über Zukunftskonferenz den ich gemacht
habe, wurde mir bewusst und ich habe mich darüber geärgert, dass noch kein
Nachtreffen stattgefunden hat. Ich denke, das liegt daran, dass meine Assistentin,
die ich mir ausgesucht hatte bei meiner ersten Konferenz, ihre Aufgabe nicht
gemacht hat. Doch ich habe keine Ruhe gegeben. Inzwischen fand meine zweite
Zukunftskonferenz statt. Sie war am sechsten Oktober 2006 und ich habe mich sehr
gefreut, dass Ines die Moderation übernommen hat. Außerdem hatte sie eine nette
Assistentin namens Sonja, die ich über einen meiner Vorträge kennen gelernt habe.
Natürlich war ich gespannt, was dabei heraus kommt.

Weil ich mich in der Werkstatt in Sinsheim so wohl fühle, wollte ich, dass meine
zweite Konferenz dort stattfindet. Das hat auch geklappt und es war spitze! Ich habe
mich sehr gefreut, dass Peggy und Ralf auch gekommen sind, obwohl das Ganze an
einem Freitagnachmittag statt gefunden hat und die meisten da noch bei der Arbeit
sind. Ralf mag ich sehr. Mir gefällt gut, wie er mit mir redet. Ich mag seinen rauen
Umgangston und dass er mit mir nicht so zimperlich umgeht wie andere.


Vor meiner zweiten Konferenz beschäftigten mich folgende Themen:
Ich möchte gerne länger in der Werkstatt sein und mittags nicht so früh heimfahren.
Ich möchte Texte auf meinem Talker selbst abspeichern können und meinen
Fernseher alleine aus und einschalten können. Ich möchte ab und zu mit Paul auf
einem Zimmer schlafen und vielleicht doch mal ein Buch über mich schreiben. Ich
wünsche mir, wie alle anderen Menschen auch eine Frau und eine Familie. Warum
ist das so schwierig für mich?

Wie es bei der Polizei Überwachungen gibt, so gibt es auch bei einer
Zukunftskonferenz etwas zu überwachen und zwar, ob die Aufgaben, die verteilt
worden sind auch erledigt werden. Das hat nach meiner ersten Konferenz gar nicht
geklappt, außer, wenn ich mich selbst dafür eingesetzt habe. Bei meiner zweiten
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Konferenz hat meine Mutter deshalb vorgeschlagen, dass ich diese Aufgabe doch
selbst übernehmen kann. Alexandra hat sich zur Verfügung gestellt, mir dabei zu
helfen. Wir hatten verabredet, dass wir nach einem Monat prüfen, ob alles seinen
Gang geht. Alexandra hat bei mir angerufen und nachgefragt, wie es aussieht.
Darauf bin ich tätig geworden und habe einen Brief an diejenigen geschrieben, die
sich bei mir in diesem Monat noch nicht gemeldet hatten. Außerdem habe ich
vorgeschlagen, dass wir im Januar oder Februar ein Nachtreffen machen. Leider
wurde ich dann schwer krank und es hat mit dem Treffen deshalb nicht geklappt. Es
muss aber einfach immer wieder geprüft werden, ob alles seinen Gang geht. Mein
zweiter Versuch zusammen mit Alexandra ein Nachtreffen zu planen ist dann auch
durch verschiedene Krankheiten von mir gescheitert. Deshalb steht mein Nachtreffen
immer noch aus. Trotzdem bin ich zufrieden mit dem, was bisher passiert ist. Das
Wichtigste ist für mich, dass ich zweimal in der Woche länger in der Werkstatt
bleiben kann. Ansonsten gibt es noch viel zu tun.

Jetzt könnte man sich fragen, was das alles mit Erwachsen werden zu tun hat. Trotz
vieler Abhängigkeiten bin ich selbständig durch meinen Talker, weil ich das sagen
kann, was ich möchte oder nicht möchte. Auf meiner Zukunftskonferenz haben Paul,
Verena, Jeannette, Steffen, Bernd und David gesagt, dass mein Talker eine
Spitzenmöglichkeit für mich ist um sich auszudrücken. Wenn Freunde einem das
sagen, ist es anders, als wenn Eltern das sagen. Ich denke Freunde können mich
und wie ich mich fühle besser verstehen. Wenn meine Eltern mir Ratschläge geben,
dann nützt das gar nichts. Ich denke dann oft, das mich das gar nicht interessiert,
was sie sagen. Das ist wie bei meinem Bruder Paul, der macht für die Schule auch
nur, was er will und nicht was meine Mutter möchte.

Als ich gehört habe, was meine Gäste mir alles zutrauen, habe ich mich richtig stark
gefühlt und angefangen an mich zu glauben. Dadurch hat sich mein Leben
verändert.

Vor der ersten Zukunftskonferenz war der Umgang mit dem Talker nur Arbeit und
Mühe und Elektrorollstuhl fahren war auch ein Muss. Danach fand ich beides spitze.
Erst durch die Aussagen meiner Freunde habe ich gemerkt, was ich damit alles
erreichen kann. Ich habe dann gedacht ja, ok, das mache ich. Die werden schon
wissen, was ich kann und was gut für mich ist. Nach der ersten Konferenz dachte ich
auf einmal, dass es doch spitze ist, wenn man was arbeiten kann. Es war, als ob
man zum Optiker geht, eine neue Brille bekommt und die Welt auf einmal anders
sieht. Vorher hatte ich alle technischen Möglichkeiten, habe sie aber nicht genutzt
und nicht damit gearbeitet.

Ich arbeite inzwischen gerne am Computer. In der Werkstatt bin ich dadurch ganz
schön selbständig. Ich kann ohne Hilfe am Computer schreiben und meine Texte
alleine ausdrucken. Ich freue mich über jede Führung, die ich machen kann, wenn
Besucher kommen. Ich bin froh, wenn ich Termine habe, an denen ich Vorträge
halten kann. Es ist für mich ganz wichtig, dass ich etwas Sinnvolles arbeiten kann.
Ich bin froh, dass ich durch meine Zukunftskonferenzen gelernt habe, was ich alles
kann und wie ich arbeiten kann.

Ich weiß, dass ich auf keinen Fall faul herumlungern möchte, wie andere. Nur auf
dem Sofa liegen, nichts arbeiten, immer schlafen, das ist nichts für mich. Ich möchte
ein fleißiger Mann sein, Termine haben und viel arbeiten. Ich möchte so viel arbeiten
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wie mein Opa. Ich finde, Männer müssen handwerklich geschickt sein, am Computer
arbeiten können, aber auch mal den Tisch decken und so weiter. So ist zum Beispiel
mein Freund Jan. Der kann sogar richtig kochen und Fenster putzen. Das finde ich
spitze.

Ich mag es sehr, wenn ich mit meinem Vater etwas unternehme. Wir gehen einmal
im Monat zusammen zu Stefan, unserem Frisör. Dann sind wir Männer unter uns. Da
gibt es dann richtige Männergespräche. Oder wenn ich mit meinem Vater auf dem
Fußballplatz bin und wir nach dem Spiel noch mit den Fußballerspielern zusammen
sitze, da geht es mir richtig gut. Ansonsten habe ich in meinem Leben mehr mit
Frauen zu tun. Zum Beispiel in der Pflege. Da habe ich die Erfahrung gemacht, dass
Männer, die mich gepflegt haben, das nicht so gut gemacht haben. Die wussten oft
nicht so richtig, wie sie es machen sollen. Davon abgesehen, wäre mir als Mann ein
Mann als Pflegekraft lieber.

Um wirklich so leben zu können, wie man möchte, finde ich es wichtig, bei einer
Zukunftskonferenz erst mal richtig zu träumen, beziehungsweise zu spinnen. Danach
ist es wichtig, sich das auszusuchen, was man selbst gerne erreichen möchte. Und
dann braucht man Freunde, die unterstützen und helfen, dass sich Träume auch
verwirklichen. Man muss natürlich auch den Mut haben zu sagen, was man möchte.
Ich traue mich das zu hause, weil meine Familie spitze ist. Am liebsten mag ich
meinen Bruder Paul.




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AG 4
Andrea Tischner und Anita Grießer

Persönliche Zukunftsplanung:
Wir packen eine Schatzkiste und schöpfen aus dem eigenen “Ich”

Persönliche Zukunftsplanung ist eine kreative Möglichkeit alleine oder gemeinsam
mit vertrauten Personen über die eigene Zukunft nachzudenken.

Basis aller Planungen ist es, herauszufinden:
   Wer bin ich?
   Was bin ich?
   Was macht mich aus?
   Was hat mich als Person geprägt?
   Welche Fähigkeiten und Stärken können in die eigene Planung mit einfließen?

Es gibt verschiedene Methoden das eigene „Ich“ und die ganz individuellen
Möglichkeiten und Ressourcen eines Menschen zu suchen und zu finden.

Wir haben uns in der Vorbereitung zu dem Fachtag
„Spuren finden - Pläne schmieden“ dazu entschieden, gemeinsam für jeden/jede
TeilnehmerIn eine ganz persönliche „Schatzkiste“ zu schaffen,
um so die Möglichkeit aufzuzeigen, einen roten Faden zu spinnen, der beim
Umsetzen eigener Ideen, Träume und Ziele eine Orientierung geben kann.
Mit der Methode „Wir packen eine Schatzkiste und schöpfen aus dem eigenen -Ich-
„ hat man ein sehr symbolisches Instrument zur Hand.

Der Begriff „Schatzkiste“ wurde in der Gruppe recht unterschiedlich gedeutet.
Einige TeilnehmerInnen haben die Schatzkiste in Verbindung zu einer
Abenteuerreise mit vielem was es neu zu entdecken gibt gesehen, als Ort der
Geheimnisse birgt. Andere als ein Behältnis in dem persönliche Dinge gesammelt
werden können. Dinge die vielleicht ein ganz besonderes Ereignis symbolisieren,
oder aber an bestimmten Lebensabschnitten festgemacht werden.
Viele Möglichkeiten wurden überlegt und besprochen.

Eine Schatzkiste kann also ein realer Gegenstand sein, in dem private Dinge
gesammelt werden, es kann aber auch eine Art Schatz sein in Form von Gedanken,
Ressourcen, Stärken, die einer Person Halt geben und Ausdruck ihrer Individualität
ist. Auch Träume und Wünsche können Bestandteile einer Schatzkiste sein.

Wir sind gemeinsam mit den TeilnehmerInnen der Frage nachgegangen:
Wann nehmen wir uns Zeit, über unsere Träume, Wünsche und Ziele
nachzudenken?
Gehen diese Räume des Nachdenkens in unserem meist hektischen Alltag nicht viel
zu oft unter? Oder suchen wir uns bewusst Nischen? Haben wir unsere Träume,
Wünsche und Ziele verdrängt um so unser alltägliches Leben besser bewältigen zu
können?

Träume sind der erste Schritt hin zu Veränderungen, denn wo keine Träume sind,
werden auch keine Veränderungen stattfinden.
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In der Arbeitsgruppe gab es in lockerer Atmosphäre die Möglichkeit zu einer
Auseinandersetzung mit sich selbst. Es war ein kleiner Raum geschaffen, über
eigene Bedürfnisse, Wünsche, Träume und evtl. daraus entstehende Ziele
nachzudenken. Die TeilnehmerInnen konnten aus einer Fülle von Arbeitsblättern und
Materialien auswählen, um eine eigene „Schatzkiste“ zu gestalten.
Einige TeilnehmerInnen haben Ihre „Schatzkiste“ am Ende auch vorgestellt.
Sie haben über ihre Gedanken und Schätze berichtet. Es war ein sehr kreativer
Nachmittag mit Diskussionen, Gedanken und visualisierten Ergebnissen, in Form von
bunten, kreativen, außergewöhnlichen uns sehr persönlichen Schatzkisten.


Anhang 1:

Persönliche Zukunftsplanung ist:
   - individuell
   - knüpft an Stärken und Fähigkeiten an, will die planende Person bestärken
      selbst Entscheidungen zu treffen
   - ist Zukunftsbezogen
   - erkundet Möglichkeiten
   - geht um Freundschaft, Freizeit, Arbeit und Beteiligung in der Gemeinschaft
   - der Planende steuert maßgeblich den Planungsprozess
   - einbeziehen von Familie, Freunden, persönliche Beziehungen als wichtige
      Unterstützungsquelle
   - Planungsprozess toleriert Ungewissheiten, Fehlstarts, Rückschläge,
      Meinungsverschiedenheiten, Umorientierung und evtl. Neuorientierung
   - Lebt von der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, den Träumen, und evtl.
      zu erreichenden Zielen
   - Kann getragen und gestärkt werden durch einen Unterstützerkreis


Anhang 2: Flyer „Persönliche Zukunftsplanung – Du bist auf dem richtigen
                  Weg, wenn du dein Ziel nicht aus den Augen verlierst.“

Was ist Persönliche Zukunftsplanung?

Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, seine Zukunft selbst zu gestalten, seine
Ideen zu verwirklichen und versuchen seine Träume zu leben.
Persönliche Zukunftsplanung ist ein methodischer Ansatz, für Menschen mit und
ohne Behinderung über ihre eigene Zukunft nachzudenken.
Der Mensch steht mit all seinen Interessen, Fähigkeiten, Bedürfnissen, Wünschen
und Träumen im Mittelpunkt der Planung.
Es wird nicht über den Menschen hinweg, sondern gemeinsam mit ihm geredet und
geplant.

Warum Persönliche Zukunftsplanung?

In Nordamerika wurde die Persönliche Zukunftsplanung bereits in den 80er Jahren
entwickelt und in vielerlei Zusammenhängen angewendet. Auch in Deutschland hat
sich ein kleiner Kreis gebildet, der mit viel Engagement versucht, Persönliche

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Zukunftsplanung als Möglichkeit zur persönlichen Lebensplanung, aber auch als
Instrument zur Ergänzung zur Hilfeplanung zu etablieren.

Was erwartet Sie?

Veränderungen, Lebensplanungen und Neuorientierung sind Prozesse, die kreatives
Denken und Handeln brauchen. Wir möchten Ihnen gerne in Seminaren und
Schulungen die einzelnen Schritte der persönlichen Zukunftsplanung nahe bringen.
Dabei sammeln Sie Ideen, lernen Sie sich selbst kennen, entdecken Sie Ihre eigene
Stärken und erhalten einen Einblick in die Theorie.


Bitte setzten Sie sich in Verbindung, wenn Sie als VertreterIn einer

   -   Hochschule/Universität
   -   Schule
   -   Einrichtung der Behindertenhilfe
   -   Beratungsstelle

Oder, wenn

   -   Sie selbst

an einer Zukunftsplanung Interesse haben.

Kontakt:

Andrea Tischner
Angehende Dipl. Sozialpädagogin
Kölnische Str. 146
34119 Kassel
0173 5470889
Andrea.tischner@Menschzuerst.de

Anita Gießer
Diplom Sozialarbeiterin
Peer Counselorin
Karl-Kaltwasser-Str. 19
34121 Kassel
0561 3169680
anita.griesser@web.de




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