Aus der Kirche by qtTbWEB

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									Aus der Landeskirche
zusammengestellt von Dietrich Kuessner

* Zum Tod von Pfarrer Christoph Brinckmeier
Am 20. Februar ist Pfarrer Christoph Brinckmeier in seiner Wohnung in
Portugal im Alter von 68 Jahren verstorben. Er hatte mehr als 12 Monate mit
Hilfe eines von ihm geschätzten Berliner Arztes den Krebs an
verschiedenen Stellen bekämpft, operiert, bestrahlt und war Anfang Januar
mit Hoffnung auf Besserung mit seiner Frau in seine Wohnung nach
Portugal gefahren. Dort erlebte er in anderen Farben und Lichtverhältnissen
14 erholsame Tage, wurde wegen der Nachfolgen der intensiven
Behandlung noch dort ins Krankenhaus eingeliefert, aber verstarb nach
kurzem Kampf am Sonntag früh.
Brinckmeier war Braunschweiger Pastorensohn. Sein Vater war Pfarrer in
Vorwohle im Weserkreis, als er am 14. 10.1936 in Holzminden geboren
wurde. Er wuchs in Potsdam auf, wo der Vater in der Reichsfrauenhilfe
Dienst tat. 1944 evakuierten die Kinder mit der Mutter zum Onkel Julius
Seebaß nach Börnecke. Der Vater erhielt eine Pfarrstelle in Othfresen, wo
Christoph konfirmiert wurde und vor einiger Zeit die Goldene Konfirmation
beging. Da war vom Konfirmator Rudolf Brinckmeier keine Rede mehr. Er
studierte in Göttingen und Heidelberg Theologie und machte mit seinem
Schulfreund Ulrich Hampel und Gertrud Böttger 1961 das 1. Examen. Ab
1962 war er Vikar und dann Pfarrer in Saaldorf, nicht ganz ohne, denn sein
Vorgänger war der hochkirchliche, streng orthodoxe Pfarrer Hellmuth
Lieberg, der im selben Jahr an die Brüdernkirche gewechselt war. In
Saalsdorf fanden wie auch andernorts die von Frau Böttger organisierten
Bibelwochen statt, wo eine Pfarrergruppe eine Woche lang, vormittags
gemeinsam stramme Bibelexegese betrieb, und abends den Gemeindeabend
hielt. Dabei fanden sich junge Pfarrer unterschiedlicher theologischer coleur
zusammen. Im Mai 1971 wechselte Brinckmeier vom Land in die Stadt, an
die Neubaugemeinde Christuskirche am Schwarzen Berge in
Braunschweig. Dort experimentierte er sehr erfolgreich im
Konfirmandenunterricht und spannte die Eltern pädagogisch in den
Unterricht und die verbindlichen Freizeiten ein. Er berichtete der
Landessynode von diesem Konfirmandenmodell und wurde in eine
Arbeitsgruppe der Vereinigten Ev. Luth. Kirche berufen, die ein Buch für
Konfirmanden „Leben entdecken“ veröffentlichte, 1990 2. Auflage. Diese
Arbeit hat tiefe Spuren auch für die nachfolgenden Pfarrer am Schwarzen
Berge hinterlassen. Er trennte sich von seiner Frau und ging mit Anne
Günther in die Gemeinde Flechtorf. In seinem Pfarrhaus entstand die
wichtige Erklärung 1984 zum 50. Jahrestag der Barmer Erklärung unter
besonderer Beleuchtung der Braunschweiger landeskirchlichen
Verhältnisse. So verband Brinckmeier pädagogisches, liturgisches und
politisches Engagement. Schon nach drei Jahren ließ sich das Ehepaar
Brinckmeier von der bayrisches Mission 1985 in eine Arbeit in Papua
Guinea abordnen, wo er ein Konfirmandenmodell in der Landessprache
Pidschin entwickelte und unter Einbeziehung vieler traditioneller Motive
und Gebräuche Gottesdienste und geistliches Leben gestaltete. Kirche von
unten wurde auch in Papua gelesen, jedoch nicht in Pidschin übersetzt, ein
Manko natürlich. Immerhin erschien auf der Titelseite von KvU April 2000
in pidschin, englisch und deutsch ein Kanon „Ihr seid das Licht in der
Welt.“ Nach zehn Jahren kehrten Brinckmeiers erfüllt aber auch leicht
ernüchtert vom Missionswerk in die Landeskirche zurück und erhielten
1995 die Pfarrstelle St. Christophorus in Helmstedt, die wie schon die
Saalsdorfer von der streng orthodoxen Theologie des Vorgängers, diesmal
von Wolfgang Büscher, geprägt war. Mit viel Einfühlungsvermögen gelang
es ihm, die Gemeinde in eine andere Weite zu führen. Aus dieser Zeit
stammt ein in KvU Heft 85 veröffentlichte Meditation von Anne
Brinckmeier anläßlich einer SchweigeMahnwache am Atomendlager
Morsleben. Aber ihnen wurde es in Kirche und den nordischen Breiten zu
kalt. 2001 emeritierte er und sie zogen nach Portugal. Von Brinckmeier
stammte die Ordnung anlässlich der Anvertrauung seines Neffen mit seinem
Lebensgefährten, abgedruckt in KvU Juli 2004. Das ewige Licht leuchte
ihm.

* Hundertjähriges Jubiläum: April 1905 Einweihung des Gemeindehauses
St. Katharinen, damals eine kirchenreformerische Sensation. Der Dresdener
Gemeindepfarrers Emil Sulze hatte bereits zehn Jahre vor seinem
bedeutenden Buch „Die evangelische Gemeinde“ aus dem Jahre 1891 in der
Protestantischen Kirchenzeitung einige Artikel über den evangelischen
Kirchbau veröffentlicht und darin die Abkehr von großen neuromanisch-
oder neugotischen Pfarrkirchen und stattdessen den Bau von
Gemeindehäusern gefordert. Die Taufe sollte in den Gemeindegottesdienst
verlegt werden und Trauungen und Beerdigungen stärker in das
gottesdienstliche Leben der Gemeinde einbezogen werden. Diese Ideen
fielen beim Katharinenpfarrer August Skerl auf fruchtbaren Boden und er
lud Sulze nach Braunschweig zu Vorträgen ein. Unter dem Nachfolger
Skerls, August Stock, wurde 1905 das erste Gemeindehaus in der
Landeskirche eingeweiht. Es war ausschließlich durch Spenden der
Gemeindenmitglieder finanziert worden. Im Gemeindehaus waren
Konfirmandenräume, Schwesternwohnungen, Sitzungsräume und ein
großer Gemeindesaal untergebracht worden. Das Gemeindehaus wurde von
der 1885 gegründeten Gemeindepflegestiftung verwaltet. An der
Einweihungsfeier 1905 nahm auch der bereits im Ruhestand befindliche
Pfr. Sulze teil. Als 1911 die Jakobikirche in Braunschweig eingeweiht
wurde, waren ein Gemeindesaal und Konfirmandenräume von vorneherein
in der Bauplanung vorgesehen.
Am Reformationstag desselben Jahres wurde das Gemeindehaus der
Gemeindepflegestiftung der Magnikirchengemeinde eingeweiht. Wer
Kirchenreformen liebt, kann dieses Hundertjährige nicht unerinnert
dahingehen lassen.

* Kirche im Abseits? Die Bezirksregierung ist zum 31.12.04 aufgelöst. Der
Geschichtsverein hielt am 22.12. eine Gedenkstunde im Altstadtrathaus.
Die Braunschweigische Landeskirche ist nunmehr die einzige Institution,
die noch an das „Land Braunschweig“ erinnert. Man las nichts in der BZ
vom 23.12.04, dass die Kirche als einzig verbleibende Landesinstitution
überhaupt im Bewusstsein der Veranstaltenden war. Kirche im abseits?
Die BZ hatte die Trallidee, die 100 bedeutendsten Braunschweiger im
Zeitraum seit Heinrich dem Löwen bis heute herauszufummeln. Ein Spezial
der BZ druckte die „fesselnde Schicksale“ aus Sport, Wirtschaft,
Wissenschaft, Politik und Kultur. Kirche? Nitschewo. Bugenhagen?
Thiele? v. Schwartz? Schlott? Henneberger? Doch: einer: Abt Jerusalem.
Die meisten Beschreibungen stammen aus der Feder von Gerd Biegel. Die
Sache ist auf die Kulturhauptstadtbewerbung angelegt. Kultur ohne Kirche?
Typisch Braunschweig? Volkskirche? Die Liste ist vielerlei wendbar.
Die BZ veröffentlicht laufend die Erinnerungen von Günter Gaus. Da er
seine Kind.- und Jugendjahre in Braunschweig verlebte, kommt auch
Kirche vor. Nämlich so: „ Paul, der Sozi und der rote Männe verweigerten
regelmäßig den Kirchgang. Nur einmal, so erinnere ich mich, ließ sich
Onkel Paul erweichen, mit in die Kirche zu gehen. Es muß 1937 oder 1938
gewesen sein, eine Taufe wohl. Ich begriff kaum, wovon der Pastor sprach,
empfand aber gerade deshalb sei Schauergemälde als höchst aufregend. So
blieb mir im Gedächtnis, das der Mann auf der Kanzel in seine Predigt
einfließen ließ, Adolf Hitler sei ein Diener Gottes, sie sein Werkzeug. Denn
wenn der Herr den Führer nicht nach Deutschland gesandt hätte – was wäre
dann aus dieser Dorfkirche geworden? Die Antwort des Pastors auf seine
rhetorische Frage ist mir unvergesslich: „Ein Kinosaal wäre aus unserer
Kirche geworden!“, rief er zu uns in die Bänke herunter. Onkel Paul harrte
aus bis zum Ende des Gottesdienstes. Er hatte Respekt vor seiner
Stiefmutter Minna Hartmann. Aber danach, im Kreis der Familie im Haus
des Täuflings, schwor er ein für allemal, sich niemals wieder zum
Kirchgang überreden zu lassen.“ (BZ 9.2.2005)

								
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